logo

Schriften zur Erziehung und Bildung im WWW
von Dr. Joachim Rumpf

 

 

 

Kooperation in Erziehung und Bildung
Heim und Heimschule

„Wir baggern und baggern – aber es bewegt sich zu wenig“

Erfahrungen mit der Kooperation zwischen Heim und Heimschule

 

 

 1.
Anlässe für Kooperation gibt es genug

Hier ein Beispiel, das nicht frei erfunden ist. In einer Einladung des Lehrerkollegiums einer Heimschule an alle Gruppenerzieherinnen und Erzieher, an den psychologischen Dienst und an die Heimleitung wird zu einer gemeinsamen Konferenz eingeladen, in der über Wege zu gemeinsamen, übereinstimmenden und einander unterstützenden Vorgehensweisen im Zusammenhang mit Vorfällen sexuell eingefärbter Übergriffe pubertierender Buben beraten werden soll. 
Die gemeinsame Konferenz fand statt. Alle acht Heimgruppen waren vertreten, wenn auch nicht aus jeder die Leiterin bzw. der Leiter. Auch der Leiter des heilpädagogischen Dienstes, ein Diplompsychologe und der Heimleiter nahmen an der Sitzung teil. Alle Lehrer mit ihrem Schulleiter waren ebenfalls vertreten. Am Anfang stand eine von den Lehrern sorgsam zusammengestellte Dokumentation von Vorfällen sexueller Übergriffe während des Unterrichts, in den Pausen und an anderen Orten des weitläufigen Heimgeländes, so weit sie von den Lehrern beobachtet oder ihnen von Schülerinnen und Schülern berichtet worden waren. Keine dieser Vorfälle hatte dramatische Dimensionen. Es ging stets „nur“ um Anmache, Abtatschen von Mädchen durch Jungen und eine zunehmend verrohte sexualisierte Sprache von Mädchen und Jungen. Zugleich musste registriert werden, dass schlechtes Beispiel Schule macht und auch die Grundschülerinnen und Grundschüler in Wort und Tat gleiche Verhaltensweisen praktizierten.
Nun war das alles nicht neu. Nur, so schien es den Lehrerinnen und Lehrern, hatten diese Vorkommnisse im jetzigen Schuljahr erheblich zugenommen. Ein Lehrer trug vor, was sich die Lehrerkonferenz von der Konferenz erhoffte:Erzieher und Lehrer sollten sich in Bezug auf derartige Erscheinungen auf ein gemeinsames Normverständnis einigen, sie sollten nach übereinstimmenden Strategien Ausschau halten vor allem mit dem Ziel, alternative Umgangsweisen zwischen den Geschlechtern zu üben,sie sollten sich über Reaktionen in unmittelbaren Situationen austauschen (was tue ich, wenn...) und auch in dieser Beziehung möglichst in Heim und Schule aus den gleichen pädagogischen Gründen möglichst gleich handeln und, das war die bisherige Erfahrung, nicht tatenlos zuschauen bzw. zuhören. 

Die Konferenz, es war die erste dieser Art seit fünf Jahren, ging aus, wie das Hornberger Schießen. Zwei Stunden wurde geredet. Höflich und ruhig trug jede Gruppenerzieherin / jeder Gruppenerzieher ihre / seine Ansichten zu dieser Problematik vor. Auch der Psychologe begründete in kompetenter Weise die Verhaltensweisen der Kinder und Jugendlichen. Jede der vorgetragenen Positionen unterschied sich deutlich von der der Vorrednerin / des Vorredners. Die Unterschiede bezogen sich sowohl auf die Bewertung der Vorfälle, als auch auf die Einschätzung der Auswirkungen und erst recht auf die einzuschlagenden Wege. Hierbei wurde mit keinem Wort die Überlegung beziehungsweise Anregung aufgegriffen, darüber nachzudenken, auf welche Weise den Buben und Mädchen alternative Erfahrungen im Umgang miteinander vermittelt und – auf diesem eher indirekten Wege – lernen könnten, auch in anderer Weise das andere Geschlecht wahrnehmen zu lernen. 

Die Lehrerinnen und Lehrer werden nun ihrerseits ein eigenes Konzept zur Sexualerziehung erarbeiten und alternative Strategien praktizieren. In den Heimgruppen wird weiterhin jede Gruppe für sich das tun und lassen, was dort jeweils für richtig und verantwortbar gehalten wird. Da die Verfassung des Heims jeder Gruppe wie auch der Schule oder dem Fachdienst gleichsam eine Art pädagogischer Autonomie einräumt, sieht kein Erzieher, Lehrer oder Psychologe sich veranlasst, auf diese Autonomie zu verzichten.  Das Thema „Sexualerziehung“ ist nur ein Beispiel. Andere immer wiederkehrende Themen in (den jeweils getrennten) Erzieher- und Lehrerkonferenzen sind das Rauchen, der Umgang mit aggressiven und gewalttätigen Kindern, die Beachtung von Ordnungsregeln, die für das ganze Heimgelände – also auch für die Schule – gelten, Ausgangsverhalten, die Erledigung von Schularbeiten, die Vollständigkeit der Arbeitsmittel oder der Umgang mit Drogen. Und immer wieder wird vorwurfsvoll auf die jeweils andere Institution geschaut: „Die Erzieher (oder die Gruppe XY) lassen zu viel durchgehen“, das sagen Lehrer. Bei den Erziehern heißt es: „Die Lehrer schauen viel zu oft weg“.

 

 

2.
Eine enge Kooperation ist im Interesse jedes Kindes unverzichtbar

Wenn das von mir ausgewählte Beispiel einen Aufschrei der Empörung auslöst und ErzieherInnen und LehrerInnen in großer Zahl berichten können, dass in anderen Heimen mit Schulen das Zusammenwirken klappt, dann wäre das zu begrüßen. Ist Kooperation überhaupt nötig und zweckmäßig und wie sollte denn die Zusammenarbeit aussehen? Die Antworten auf diese Fragen liegen längst vor. Da ist zum Beispiel an die von den Heim- und Heimschulleitern in Baden selbst erarbeitete Konzeption über die Erziehung in Heimen zu denken, in der es über die Heimschulen heißt:

 "Wenn für die angemessene pädagogische Betreuung entwicklungsauffälliger Kinder im Heim unabdingbar ist, dass sie in einer entwicklungsfördernden und heilsamen Lebens­gemeinschaft getra­gen sind..., dann gilt dies konsequenterweise auch für die Schule, wo diese Kinder einen entscheidenden Teil des Tages verbringen.
Die Angliederung der Schule an das Heim (durch unmittelbaren Bezug zwischen Heimleiter und Schulleiter oder Personalunion) ermöglicht es, dass auch in den Schulen das Anliegen der Lebens­gemeinschaft realisiert wird und dass für ein Kind ein Verbund der Bereiche Heim­gruppe und Schulklasse erlebbar wird. Der Lehrer muss somit der Lebensgemeinschaft des Heimes angehören und mit dem Gruppenerzieher in persönlichem Kontakt stehen...
Bei entwicklungsauffälligen Kindern mit ihrem speziellen pädagogischen Bedarf müssen sich alle Maßnahmen an der jeweils angezeigten besonderen Hilfe orientieren. Diese Hilfe ist im erforderlichen Grad nur zu leisten, wenn auch die Beschulung einbezogen werden kann, wenn sich also das Vorgehen der Schule dem pädagogisch Erforderlichen anschließt und unterordnet. Der spezielle schulische Erfolg und Fortschritt (Stoffvermittlung, Leistung) ist zunächst nachrangig gegenüber der Hilfe zum Abbau der Entwicklungsauffälligkeit. Die Angliederung der Schule an das Heim gewährleistet eher, dass die Prioritäten richtig gesetzt werden. Absprachen und Kommunikation zwi­schen Erzieher und Lehrer sind bei der Schule am Heim aus organisatorischen Gründen leichter realisierbar..." 


Und was die praktische Umsetzung des Kooperationsgebots betrifft, so kommt hier zweifellos jenen die Schlüsselrolle zu, die für Heim und Schule die Verantwortung tragen. Wenn auch die konzeptionelle Ausgestaltung mit ihrer Organisation der Kooperation von Einrichtung zu Einrichtung unterschiedlich ist: entscheidend bleibt, dass das Zusammenwirken geregelt ist und dass diese Regelungen die praktisch Handelnden binden.

In nicht wenigen Fällen sind unsere Kinder an den erheblichen Divergenzen zwischen den Lebensbereichen Elternhaus und denen der Schule gescheitert. Die bestehenden und nicht aufzulösenden Unterschiede zwischen Schulklasse und Heimgruppe müssen, wenn sie sich nachteilig auf die Entwicklung eines Kindes auswirken, bearbeitet werden. Und das können weder die Lehrer noch die Erzieher jeweils getrennt voneinander tun. Der Gesetzgeber hat hier dem Hilfeplan und den an seiner Erarbeitung Beteiligten eine Schlüsselrolle zugewiesen. In ihm müssten Kooperationsleistungen beschrieben und vereinbart werden. Damit wäre eine hinreichende Beachtung der Kooperation als einer entscheidenden Bedingung für die günstige Entwicklung eines Kindes in Heim und Heimschule gesichert und die Einhaltung der verabredeten Leistungen könnte kontrolliert werden. Wer sich der entsprechenden Mitgestaltung verweigert oder die Kooperation blockiert, ist in pädagogischen Einrichtungen – und hier ganz besonders in Jugendhilfe - fehl am Platze.  

 

© Dr. Joachim Rumpf

 

 

zurück zu Einführung Heimerziehung

 

zurück zur Begrüßungsseite

zur Einführung Kooperation