Unverkennbar ist , dass ein Kind gleichsam mit sich selbst die beiden
Lebensbereiche "Familie" und "Schule" miteinander
verbindet. Kein Kind kommt ohne Familie in den Unterricht. Alles, was daheim
erlebt wurde, wirkt im Kind nach. Mehr noch: In der Persönlichkeit des Kindes
tritt dem Lehre die Lebensgeschichte des Kindes gleich mit gegenüber. In
ihrer Ausbildung haben die Lehrer auch gelernt, dass sie bei der
Unterrichtsvorbereitung die "anthropologischen und
soziokulturellen" Voraussetzungen der Kinder zu beachten haben, die sie
unterrichten.
Die Eltern haben ihrerseits beim Mittagessen nicht nur ihr Familienkind am
Tisch sitzen, sondern gleichzeitig auch ihr Kind als Schulkind. Umgekehrt
nimmt jedes Schulkind "die Schule", also alle die guten und
schlechten Eindrücke und Erlebnisse in sich auf und bringt sie mit in die
Familie. Schule und Familie sind also durch das Kind sehr eng miteinander
verbunden. Und diese Verbindung besteht auch dann, wenn weder hier noch dort
auch nur ein Sterbenswörtchen über den jeweils anderen Lebensbereich verloren
wird.Für das Gedeihen des
Kindes aber ist die Art und Weise der Verbindung zwischen Elternhaus und
Schule von ganz entscheidender Bedeutung. Die Verbindung kann beispielsweise
bestimmt werden von beiderseitiger oder einseitiger Gleichgültigkeit, von
Ablehnung oder von Zustimmung. Wie auch immer der Charakter der
beiderseitigen Verbindungen ausschaut: für die Entwicklung des Kindes ist er
von ganz entscheidender Bedeutung.Ganz
allgemein lässt sich sogar die Behauptung aufstellen: Je schlechter die
Verbindungen zwischen zwei Lebensbereichen sind, in denen ein Kind
heranwächst, umso ungünstiger sind die Entwicklungsbedingungen dieses Kindes.
Und umgekehrt gilt dann: Je besser die Verbindungen zwischen den Lebensbereichen
sind, umso günstiger sind die Aussichten, dass sich das betroffene Kind gut entwickelt. Das, was hier gemeint ist, lässt sich recht
gut an einem Beispiel zeigen: Der fünfjährige Karl lernte im Kindergarten
Herrn Schneider, seinen künftigen Klassenlehrer kennen und schätzen. Herr
Schneider kam jede Woche für eine halbe Stunde in die Kindergartengruppe und
spielte mit, las auch einmal was vor und hatte ein, für alle Kinder deutlich miterlebbares gutes Verhältnis zu der von den Kindern so
geliebten Erzieherin. Da Karl keine älteren Geschwister hatte, durch die er
indirekte Vorerfahrungen hätte sammeln können, war
für ihn Herr Schneider die "Schule". Und weil er Herrn Schneider
mochte, freute er sich besonders auf die Schule und hatte keine Angst vor
ihr.
Im übertragenen Sinne gelten diese Behauptungen für die Bedeutung der
Verbindungen aller bereits oben genannten Lebensbereiche. Sie sind aber auch
auszudehnen auf den Charakter der Verbindungen, die in den jeweiligen
Lebensbereichen zwischen den dort Erziehenden selbst vorhanden sind. Hier ist
zum Beispiel zu denken an die Verbindungen zwischen Vater und Mutter oder
die, die zwischen den Lehrern bestehen, die in ein und derselben Klasse
Unterricht haben. Wir haben also zu unterscheiden einmal die Verbindungen,
die zwischen verschiedenen Lebensbereichen gesehen werden müssen und zum
anderen die Verbindungen, die innerhalb der Lebensbereiche, in denen ein Kind
heranwächst, selbst bestehen. Der Weg nun, der von den beteiligten Eltern und
Berufspädagogen beschritten werden kann, um die gegenseitigen Verbindungen so
auszugestalten, dass sie in optimaler Weise die Entwicklung des jeweiligen
Kindes beeinflussen, ist die Kooperation.Sie,
liebe Besuchern und lieber Besucher, die Kinder bereits im Kindergarten haben
oder eine erste Klasse unterrichteten, haben an dem Beispiel über die
Auswirkungen guter Verbindungen zwischen Kindergarten und Grundschule
erkannt, dass die Praxis guter Verbindungen die Kooperation ist.
"Kooperation" ist eine Antwort auf die viel gestellte Frage:
"Was kann ich tun? Was soll ich tun?“ – vor allem, wenn ein Kind
Schwierigkeiten hat. In den folgenden Kapiteln
werden nun einzelne Gesichtspunkte dargestellt, die die Kooperationspraxis
und ihre Bedingungen verdeutlichen. Wenn auch alle diese Beiträge
zusammenhängen und sich in vielfältiger Form gegenseitig bedingen, so kann
doch jeder für sich gelesen - und - wie ich hoffe - verstanden werden.
Die auf diesen Seiten
verarbeiteten Erkenntnisse beruhen nicht alle auf eigener Erfahrung. So stehe
ich zum Beispiel - besonders in den theoretischen Bezügen - auf den Schultern
von Wissenschaftlern wie URIE BRONFENBRENNER, BERNHARD HASSENSTEIN oder PAUL
WATZLAWICK. Aber auch auf die Schriften bekannter Pädagogen und
Sozialwissenschaftler aus der Vergangenheit, die über die Bedeutung der
Verbindungen zwischen Elternhaus und Schule nachgedacht haben, ist
hinzuweisen. Ich denke da an JOHANN AMOS COMENIUS, an OTTO WILLMANN oder an
Vertreter der reformpädagogischen Bewegung zu Beginn unseres Jahrhunderts wie
zum Beispiel RUDOLF STEINER, sowie an PAOLO
FREIRE und CELESTINE FREINELT.
In den entsprechenden Beiträgen wird auf sie verwiesen.
Es soll weiter darauf
verwiesen werden, dass kooperatives Verhalten in allen Bereichen, in denen
Menschen zusammenwirken, von großer Bedeutung ist. Abzulesen ist das vor
allem an den Anforderungen, die an Menschen in Wirtschaft, Verwaltung und
Politik gestellt werden. Gerade in Wirtschaftsunternehmen wird die Fähigkeit
zu kooperativen Handeln als eine entscheidende Voraussetzung für den
ökonomischen Erfolg betrachtet. In den Schriften über die Kooperation in
Organisationen (z. B. von WOLFGANG GRUNWALD und HANS-GEORG LILGE) oder über
das moderne Management wird das sehr deutlich.
Von geradezu fundamentaler
Erkenntnis erscheint mir, dass in den vergangenen Jahren aus dem Bereich der
Neurowissenschaft die Bedeutung guter zwischenmenschlicher Beziehungen für
die seelische und körperliche Gesundheit nachgewiesen wurde. Gemeinsames
Handeln, und das ist auch immer ein auf bestimmte Ziele hin aufeinander
abgestimmtes Verhalten, das gegenseitige Verständigung und gegenseitiges
Verständnis zur Voraussetzung hat, fördert diese Beziehungen. Sie werden als
ein "lebenswichtiges Vitamin" betrachtet ( Professor JOACHIM BAUER aus Freiburg in
einem Vortrag in der Sendung "Wissen" des SWR 2 am 21. Januar 2007).
Zwei Aufsätze widmen sich
theoretischen Erkenntnissen mit praktischen Schlussfolgerungen zur
Kooperation zwischen Berufspädagogen und Eltern und einige ihrer Bedingungen
in pädagogischen Bereichen. Es wird weiter über die Ziele, Zwecke und
Bedingungen von Kooperation zwischen pädagogischen Institutionen am Beispiel
des Zusammenwirkens zwischen Heimschule und Erziehungsheim, zwischen
Erziehern bzw. Eltern und Lehrern und zwischen Kindergarten und Schule
nachgedacht.
Für historisch
interessierte Schulpädagoginnenen und
Schulpädagogen sowie für und Sozialpädagoginnenen
und Sozialpädagogen / Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter wird der Aufsatz
über die Beziehungen zwischen Jugendhilfe und Schule und ihrer Geschichte von
Interesse sein.