Schriften zur Erziehung und Bildung im WWW
von Dr. Joachim Rumpf

 

Kinder kommen zu kurz!

Über aktuelle Tendenzen im Zusammenhang mit der Verweildauer von Kindern im Heim

 

Diese Überschrift gilt in einem doppelten Sinne:
Einmal sind mehr Kinder immer kürzer in den Einrichtungen stationärer Jugendhilfe. Eine Umfrage bei einigen Einrichtungen im Bereich Baden-Württemberg bestätigte, dass unsere Erfahrungen in einem Heim "A" auch in anderen Heimen beobachtet werden.

Wenn aber Kinder nur relativ kurz in stationärer Jugendhilfe bleiben - und zwar ohne, dass die verkürzte Aufenthaltsdauer im Hilfeplan vorgesehen war - dann kann weder dem Kind noch seiner Familie geholfen werden. Beide, vor allem aber das Kind - kommen im wahrsten Wortsinne zu kurz.

 

 

Über die Verweildauer von Kindern, die wir aufgenommen hatten
Rückblick bezogen auf die Jahre 1969 bis 1998 und 1999 bis Dezember 2007
(Diese Zeitsystematik orientiert sich an dem Jahr mit den ersten Entlassungen von Kindern in unserem Hause)


Im ersten Jahrzehnt (1969 - 1978) war mit zwölf Kindern der Anteil der "Kurzzeitigen" am größten. Die Geschwister K. fallen mit fünf Personen hier besonders ins Gewicht. Diese Kinder, die nur ein halbes Jahr bei uns waren oder noch kürzer, waren von ihren Sozialarbeitern ausdrücklich "geparkt" worden, bis für sie eine andere Unterbringung (Pflegestelle) gefunden wurde.
Im gleichen Zeitraum von 1969 bis 1968 waren 20 Kinder zwischen 7 und 24 Monaten bei uns.
Insgesamt 65 Kinder hatten wir in dieser Zeit entlassen. Und, da die Neuaufnahmen rasch folgten, genau so viele Kinder aufgenommen.

Der statistische Wechsel betrug 6,5 pro Kalenderjahr.


Im Jahrzehnt von 1979 bis 1988 waren es zwei Kinder, die nur relativ kurz - also unter einem halben Jahr Verweildauer - blieben. Zwischen 7 und 24 Monaten betrug bei 7 Kindern die Verweildauer. Insgesamt hatten wir 72 Kinder entlassen.

Der statistische Wechsel betrug 7,2 pro Kalenderjahr.


In den zehn Jahren von 1989 bis 1998 entließen wir 68 Kinder. Darunter waren 13 Kinder zwischen 7 und 24 Monaten bei uns und kein Kind, das kürzer bei uns war.

Der statistische Wechsel betrug 6,8 pro Kalenderjahr.


Erst seit 1999 nimmt mit seither neun Kindern, die nur bis zu einem halben Jahr bei uns waren, die Tendenz zu kurzzeitigem Aufenthalt wieder zu. In den beiden vergangenen Jahren brachen die Personensorgeberchtigten die Hilfen in den ersten sechs Monaten ab.


Hier eine tabellarische Übersicht der Verweildauer aus den Jahren 1998 bis Dezember 2007

Jahr
Entlassungen
insgesamt
durchschn.
Verweildauer
darunter:
Verweildauer
0-6 Monate
Verweildauer
7-24 Monate
1999
9
6;3
 
1
2000
17
3;1
 
1
3
2001
13
3;9
 
8
2002
8
3;9
 
2003
11
4;0
 
1
2004
15
4;0
 
2
1
2005
13
3;1
 
2
4
2006
16
2,4
3
4
2007
15
2,2
3
4
Summen
117
3,8
 
12
25


Insgesamt entließen wir seit Beginn unserer Arbeit nach § 34 KJHG im Dezember 1969 (Stichtag 31. 12. 2007) 327 Kinder.

Im Jahresdurchschnitt waren das, bezogen auf die Zeit zwischen 1969 und Dezember 2007 neun Kinder pro Kalenderjahr.
In den dreißig Jahren vor 1999 betrug der Wechsel pro Jahr nur rd. 7 Kinder!

Seit 1999 hat sich mit durchschnittlich rd. 13 Entlassungen pro Kalenderjahr die Frequenz des Wechsels deutlich erhöht.
Nicht Schritt gehalten hat mit dieser Entwicklung die Belegung. Im Jahre 2007 konnten zum ersten Male nicht gleich viel Kinder aufgenommen werden, wie entlassen wurden. Das heißt, die Einrichtung war zum Jahresende (Stichtag der Jugendhilfestatistik) unterbelegt.

Die Anzahl von Entlassungen nach relativ kurzer Zeit und ohne, dass die bei der Aufnahme vereinbarten Ziele auch nur ansatzweise erreicht bzw. bearbeitet werden können, nehmen zu. Sie sind durchweg ungeplant und nach unserer Kenntnis ausnahmslos auf einen Perspektivewandel auf Seiten der Personensorgeberechtigten zurückzuführen.

 

 

Gemeint ist damit, dass die betroffenen Personensorgeberechtigten nur halbherzig die Notwendigkeit und Zweckmäßigkeit der Hilfemaßnahme mittragen und sie wie das der Hilfe bedürftige Kind das Prinzip der Freiwilligkeit überbewerten. Freiwilligkeit ist gut, wenn reichlich Gelegenheit und Zeit bleibt, im Interesse eines Kindes notwendige elterliche Entscheidungsprozesse zu fördern und zu stabilisieren. Mangelt es an dieser Begleitung durch die Mitarbeiter sozialer Dienste vor Ort, kommt eine Tendenz in Richtung von mehr Unverbindlichkeit in den Jugendhilfeprozess, der den Personensorgeberechtigten es erleichtert, dem Drängen ihrer Kinder nach Rücknahme in den Haushalt nachzugeben. Während dieses "Drängen" schon in den vergangenen Jahrzehnten zu registrieren war, stehen heute vermutlich weniger der den Hilfeprozess begleitenden und die Heimunterbringung veranlassenden Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter den Personensorgeberechtigten mit voller professioneller Kraft zur Seite.
Einmal mag dazu beigetragen haben, dass die Elternrechte (hier vor allem: das Aufenthaltsbestimmungsrecht) auch dann Vorrang haben, wenn nachgewiesen ist, dass das Wohl des Kindes in der Herkunftsfamilie nicht gesichert ist. Zum anderen aber nimmt die Bereitschaft der Familiengerichte (und der Sozialen Dienste?) ab, Eltern zu ihrem eigenen Wohl zu bewegen auf das Aufenthaltsbestimmungsrecht zu verzichten.
Über mögliche andere Gründe, die die Belegungspraxis vermutlich beeinflussen, soll hier nicht weiter spekuliert werden.

 

 

Wenn diese Entwicklung anhält und die Verweildauer von Kindern, die in stationäre Einrichtungen der Jugendhilfe gegeben werden, immer mehr sinkt und damit der Wechsel zunimmt dann hat diese Praxis auf die Situation in den Einrichtungen bedenkliche Auswirkungen.
Folgende Faktoren fallen mit spontan ein, wenn ich an die Folgen einer derartigen Belegungspraxis denke:

 

 

- Das soziale Gefüge der Gruppe kann sich nicht festigen.
Wenn aus einer Einrichtung mit vier Gruppen innerhalb von zwei Jahren 28 Kinder von insgesamt 35 ausscheiden, dann müssen im gleichen Zeitraum auch 28 Kinder wieder aufgenommen werden. Auf die Gruppenprozesse hat eine derartige Fluktuation destruktive Auswirkungen. Es kann zum Beispiel keine Ruhe in eine Gruppe einkehren. Ständig scheidet ein Kind aus, ein neues kommt hinzu. Bis jedes Kind eine positive Rolle spielen kann und seine Position gefunden hat, wird das System wieder durcheinander gebracht.

- Die Unverbindlichkeit wächst bei den betroffenen Kindern und Erziehern.
Die Kinder, auch die jüngern, werden an den Hilfeplangesprächen beteiligt. Sie hören also, welche Vereinbarungen getroffen werden. Vielleicht werden sie und ihre Eltern sogar mit einer zum Beispiel Einjahresfrist überredet, der Maßnahme zuzustimmen. Doch bei Kindern, die das durchschauen, kann daraus eine Unverbindlichkeit wachsen, die gegen erzieherische Bemühungen resistent macht. Verstärkt wird dieses Phänomen dann, wenn das Kind in eine Bewährungssituation gedrängt wird. Dann soll es in diesem Jahr zum Beispiel ein guter Schüler in Bezug auf Leistung und Verhalten werden - dann "darf" es wieder heim. Da das in der Regel Kindern, die heute in die Einrichtungen kommen, unmöglich ist, werden deren Widerstände gegen eine unerfüllbare Bedingung verstärkt. Sie klammern sich am Ende nur an die Zusicherung, sie kämen ja eh bald wieder heim. Sie können und sie dürfen emotional nicht Fuß fassen. Das Heim darf keine Heimat - auch keine vorübergehende - werden. Das ist im Hilfeplan nicht vorgesehen.

- Schlimm können auch die Auswirkungen auf die Beziehungen zwischen Kind und Erzieherin /Erzieher sein. Wer auf ein Kind einwirken will, sollte eine tragfähige, und das heißt auch belastbare Beziehung herstellen können. Sie ist die Voraussetzung für unsere Wirksamkeit. Wie kann eine Beziehung entstehen zu Kindern, die nur mal eben zu Besuch bei uns sind? Da diese Kinder sich besonders "widerständig" verhalten, einige von ihnen werden obendrein noch bei jedem Kontakt mit der Herkunftsfamilie in Bezug auf ihre Problematiken negativ verstärkt werden, kann bei Fachkräften der Wunsch entstehen, dass das Jahr bald zu Ende geht.

 

 

Anmerkungen zum Schluss:

1.
Vor dem Hintergrund realer Entwicklungen müssten sich auch die Erwartungen, die sich an eine stationäre Jugendhilfemaßnahme knüpfen, dieser Realität anpassen. Konnten, um nur auf ein Beispiel zu verweisen, ausnahmslos alle Kinder, die über das Ende ihrer Schulzeit bei uns im Hause waren, den ihnen möglichen Schulabschluss erreichen, so würde bei gleichbleibenden Tendenzen künftig dieses Ziel bei immer weniger aufgenommenen Kindern erreicht werden können. Auch in Bezug auf andere Ziele, wie die Fähigkeit zu eigenverantwortlicher Leistungshaltung oder zu sozialen Tugenden müsste auf kleinerer Flamme gekocht werden. Das Heim würde sich mehr und mehr zu einer Art "Jugendhilfehotel" entwickeln. Ein "Hotel" braucht zwar gut ausgebildetes Bedienungspersonal, aber keine gut ausgebildeten und zum Teil hochqualifizierten SozialpädagogInnen, TherapeutInnen und PsychologInnen. Auch Hilfepläne wären überflüssig, weil sich die Personensorgeberechtigten ohnehin nicht an ihnen orientieren wollen. Ob das sozialpolitisch so gewollt ist?

2.
Selbstverständlich machten die die Fachkräfte in dieser Einrichtung Gedanken darüber, wie auf diese Entwicklung zu reagieren sei. Die hier wiedergebebeb Zahlen sagen zum Beispiel nichts über die Problemlagen der jungen Manschen oder das Aufnahmealter aus. In einer Rückschau erklärte ein langjähriger Mitarbeiter, dass die Minderjährigen, für die ein Heimplatz gesucht wird, heute in einer dramatischen Weise hilfsbedürftiger seien, als die aus zum Beispiel der Jahre zwischen 1970 und 1990. Die steigende Anzahl jener, die bereits psychiatrischen Behandlungen hinter sich hatten und/oder durch permanente Kleinkriminalität in den Heimatorten auffielen, ist gestiegen. Nimmt man noch die Gewaltbereitschaft der betreffenden Kinder und Jugendlichen hinzu, dann lässt sich eine Erziehung in Gruppen kaum noch verantworten, weil unter anderem Schwächere bzw. kleinere Kinder von stärkeren und größeren noch brutaler unterdrückt und zu kriminellen Handlungen verführt werden, als es auch früher schon vorkam. Waren derartige Prozesse bis 1990 die Ausnahme, so werden sie mehr und mehr zur Regel. Sogar gegen die Fachkräfte richten sich mehr und mehr verbale Attacken wie "handgreifliche" Aggressionen. Das aggressive Verhalten von Erziehern, unter dem bis in die siebziger Jahre hinein viele Heimkinder zu leiden hatten, beginnt sich umzukehren. Und ausgerechnet ein Personenkreis, der, wie unsere sozialpädagogischen Fachkräfte ein ausgesprochen friedfertiges Gemüt hat und dem die Fähigkeit zu aggressiver Durchsetzung ihrer Vorstellungen mit Hilfe von aggressiver Gealt völlig abgeht, wird von dieser Entwicklung überrascht und versucht ihr mit Geduld, Güte, Verständnis und Annahme zu begegnen. Bestimmen aber gewaltgewohnte Kinder das Leben in einer Gruppe, wird es schwierig bis unmöglich, den jeweiligen Kindern zu helfen. Da braucht es andere Angebote.

3.
Die gibt es bereits. Zu denken ist an Einzelbetreuungen, Betreuung in kleinsten Gruppen und die Auslagerung älter werdender Jugendlicher (ab sechzehn Jahren) in Verselbständigungsformen, wie sozialpädagogischer Erziehungsstellen außerhalb des eigentlichen Heimes.

In der Folge der hier skizzierten Belegungserfahrungen und des angedeuteten veränderten Hilfebedarfs differenzieren sich die Hilfsangebote mehr und mehr aus. Freilich: billiger werden sie für die Kostenträger nicht. Auch nicht für jene Jugendbehörden, die eine Hilfe nach § 34 KJHG (stationäre Hilfen) aus Kostengründen unterbinden möchten. Solange es der Jugendhilfe nicht gelingt, die seit Jahrzehnten angemahnten frühzeitigen Hilfen zu ermöglichen und die Personensorgeberechtigten dazu zu bewegen, derartige Hilfen in Anspruch zu nehmen und selbst aktiv zu unterstützen, werden die Kosten von Hilfemaßnahmen im gleichen Ausmaß steigen wie deren Effektivität abnimmt.

4.
Für stationäre Einrichtungen und die Fachkräfte der Sozialen Dienste der Jugendämter wird es künftig darauf ankommen, zu Beginn eines Hilfeprozesses die von den Personensorgeberechtigten und den Heranwachsenden vorgetragenen Ziele der Hilfemaßnahme unmissverständlich und eindeutig mit der hierfür notwendigen (Mindest-) Maßnahmedauer zu verbinden und zu vereinbaren.
Selbst wenn sich in der Praxis ein ungeplanter Abbruch nicht immer wird vermeiden lassen, so sollte die Hürde dagegen durch mehr Verbindlichkeit höher gesetzt werden.
Einem Kind wäre jedoch nicht geholfen, wenn Vertragsverletzungen der Personensorgeberechtigten mit der Beendigung von Hilfen geahndet würden, so mit dem Hintergedanken: nun sehen Sie zu, wie Sie selber zu Recht kommen. Stattdessen - noch einmal sei es betont - sollte auf Eltern in einer die bewilligte Maßnahme förderlichen und ihren Entschluss ständig bekräftigender Weise eingewirkt werden bis die angestrebten Ziele erreicht sind.

 

©

Dr. Joachim Rumpf
23.01.2008

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