Bei den meisten
der Kinder, die wir aufnahmen, war die Schule als diagnostizierende Instanz im
Zusammenhang mit der Begründung der Hilfen maßgeblich beteiligt. Zu
den am häufigsten genannten Auffälligkeiten wurden von den Schulen Schulschwänzen
(65%) und Leistungsverweigerung (51%) genannt. Vor allem seit den siebziger Jahren,
haben schulische Probleme in den Begründungen für eine Heimunterbringung
einen immer größeren Stellenwert eingenommen. Die Anteile, die die
Schule selbst am Entstehen oder der Verstärkung von Schulvermeidungsverhalten
hatte, werden ganz selten thematisiert. Nur ausnahmsweise lassen sich Hinweise
auf ein Mitverschulden von Lehrern entdecken.
Vor diesem Hintergrund verdienen
die nachfolgenden Erfahrungen unsere besondere Aufmerksamkeit:
1.
Ganz gleich aus welchen Gründen die betreffenden Kinder und Jugendlichen
sich weigerten, eine Schule zu besuchen, so fügten sich die meisten sofort
und einige nach wenigen Versuchen ausnahmslos, in die im Heim gelebten Norm: Jeden
Morgen gehen alle Kinder zur Schule.
Hierzu eine Assoziation: In einem Kinderheim
wird in Gruppen erzogen. Ein wichtiges Element alle gruppenpädagogischen
Konzepte sind die anderen Kinder. Das, was die anderen Kinder tun und lassen,
wirkt auf jedes einzelne als "Gruppendruck" oder, wie es fachlich korrekter
heißt: "Erziehung durch die Gruppe". So etwas wirkt sich, wie
wir täglich erfahren müssen, auch negativ aus. Am Beispiel des Schulbesuchs
aber lassen sich die positiven Auswirkungen der Gruppe belegen. Hierzu gehört
auch die nachfolgende Beobachtung.
2.
Kein Kind musste mit irgendwelchen pädagogischen Mitteln (Drohungen, Strafen,
Belohnungen) gezwungen werden, zur Schule zu gehen. Es gab aber auch keine Diskussion
darüber. Im Gegenteil: die Routine half den meisten Kindern, sich nicht schon
am frühen Morgen der Schule zu verweigern. Alle Kinder beherrschten die Abläufe
- vom Aufstehen, Waschen. Anziehen, Betten auslegen, zum Frühstücken
gehen, die Schultasche und die Sportsachen aus den "Schulfächern"
nehmen, in der Garderobe Anoraks und Schuhe anziehen und hinunter zum Schulbus
laufen - relativ rasch und selbständig.
3.
Dagegen aber kam es in der Schule nicht selten zu Leistungsverweigerungen und
anderen Konflikten. Die brachten den betroffenen Kindern, auch wenn sie eine Schule
für Erziehungshilfe besuchten, Schulstrafen ein, die bis zu kurzfristigen
Schulausschlüssen führen konnten. Die betreffenden Kinder waren dann
allein im Hause. Sie erhielten zwar eine schulische Einzelbetreuung durch ihre
ErzieherInnen, wofür die Lehrer meistens Aufgaben zur Verfügung stellten,
doch in den Ausgang durften sie nicht. Es gehört zur Norm in unserer Einrichtung,
die von Allen strikt beachtet wird, dass die, die ihre schulischen Pflichten nicht
erfüllten, das Heimgelände nicht verlassen. Nicht selten bemühten
sich die betroffenen Jugendlichen allein darum schon, bald wieder zur Schule gehen
zu können. Dort waren die anderen Gefährtinnen und Gefährten und
gab es allerlei Kurzweil bis hin zu erheblichen Störungen des Schulbetriebes.
4. Das Schulbesuchsverhalten
bedeutete keineswegs, dass die Kinder gerne zur Schule gingen oder gar mit Interesse
ihre schulischen Arbeiten in der Schule oder nachmittags in der Hausaufgabenstunde
erledigten. In Bezug auf die Einstellungen und Motive im Zusammenhang mit den
schulischen Pflichten änderte sich nichts oder nur wenig. Hier bei den Mädchen
und Jungen eine Veränderung zu erreichen, setzt einen am Kind orientierten
Unterricht mit entsprechenden Lehrerverhaltensweisen und eine gute, der schulischen
und persönlichen Entwicklung des Kindes dienliche, Kooperation zwischen Erziehern
und Lehrern voraus. Was alles dies im Einzelnen und konkret bedeutet, lässt
sich in der Leistungsbeschreibung der Heimschule Rickenbach nachlesen.
Leider
aber sind diese Konzepte bisher keine Praxis. Stattdessen befinden sich Erzieher
in der gleichen Rolle wie Eltern, sofern sie in recht einseitiger Weise Erfüllungsgehilfen
schulischer Leistungs- und Verhaltenserwartungen sind und keine oder nur unzureichenden
Einfluss auf die für unsere Kinder notwendigen individuellen Lernbedingungen
haben.
5. Unabhängig
von diesen, für eine Verbesserung der Lernmotivation ungünstigen Rahmenbedingungen,
stehen wir in der Pflicht, mit unseren Kindern den ihnen möglichen Schulabschluss
beziehungsweise die in den Hilfeplänen vereinbarten Ziele zu erreichen
Als
unverzichtbar und als sehr zweckmäßig hat sich hierbei in den vergangenen
Jahrzehnten und bei allen Kindern die konsequente Beachtung folgender Arbeitsbedingungen
erwiesen:
- Jedem Kind
zu helfen, seine schulischen Arbeitsmittel vollständig und einsatzbereit
zu haben. Wenn es im Einzelfall notwendig ist, muss das täglich kontrolliert
und unermüdlich eingefordert werden.
-
Bei jedem Kind darauf zu achten, dass die Heftführung sauber und vollständig
ist. Vor allem in den so genannten Sachfächern (oft auch Nebenfächern)
kann allein dadurch und unabhängig vom Verhalten eines Kindes in den entsprechenden
Unterrichtstunden eine ausreichende Bewertung (für das Zeugnis) erreicht
werden.
- Jedem Kind helfen,
seine Hausaufgaben regelmäßig und zuverlässig zu erledigen und
bei nachweisbarer Überforderung sich mit dem Lehrer über Umfang und
Anforderungen zu verständigen. Die Ergebnisse eines derartigen Verständigungsprozesses
müssen schriftlich festgehalten werden, damit alle mit diesem Kind arbeitenden
Fachkräfte informiert sind und sich daran halten.
-
Für die Förderung der Arbeitshaltung unserer Kinder ist ein hohes Maß
an Übereinstimmung der Fachkräfte untereinander in Bezug auf die jeweiligen
Erwartungen an das Kind und die hier genannten Rahmenbedingungen unverzichtbar.
Überschreiten unterschiedliche Erzieherverhalten bei der Hausaufgabenbetreuung
die Toleranzspielräume der Kinder (die Grenzen dieser Spielräume zeigt
uns das Kind selbst, wenn es sie nämlich einseitig zu Gunsten seiner Unlust
ausnutzt), gefährden sie den Schulerfolg und damit die im Hilfeplan vereinbarten
Ziele.
Die Beachtung dieser
und anderer bewährter Arbeits- und Verhaltensnormen, noch einmal sei es gesagt,
verändern das Leistungsverhalten von Schulkindern nicht. Hierzu bedarf es
vor allen Dingen entsprechender Unterrichtsbedingungen. Und die zu beeinflussen,
liegt außerhalb der Zuständigkeit einer sozialpädagogischen Fachkraft.
Unsere Aufgabe bleibt, gegen alle Widerstände jenes Mindestmaß an Leistungen
für die Schule erbringen zu lassen, die das Scheitern eines Kindes dort verhindern.
Unter unseren renitentesten ehemaligen Schulkindern gibt es auch die, die heute
einsehen, dass ihnen ihre Widerstände den Einstieg ins Berufsleben nicht
erleichterten. Denken wir nur an Walter, Max, Thorben, Detlef oder Anton (Namen
geändert J. R.). Dennoch haben sie etwas aus sich und ihrem Leben
gemacht und knüpften später ausdrücklich an jene Normen an, deren
Beachtung wir unermüdlich von ihnen einforderten. Unter anderem auch mit
der Hoffnung auf derartige "Fernwirkungen" begründen wir unsere
täglichen Mühen in Bezug auf schulische Arbeiten.