Schriften zur Erziehung und Bildung im WWW
von Dr. Joachim Rumpf

 

Kooperation von Heimerziehern und den Lehrerinnen und Lehrern an Heimschulen


Erzieher und Lehrer müssen zusammenwirken

 

Die nachfolgenden Ausführungen sollen die von mir in Praxis und Lehre vertretenen Positionen über die Heimschule als Bestandteil einer stationären Einrichtung der Jugendhilfe (gem. §34 KJHG) verdeutlichen. Sie stützen sich vor allem auf Ergebnisse eigener Forschung (Theoretische und empirische Beiträge zur Kooperation von Heim und Schule. Dachsberg 1989), die während meiner Tätigkeit als pädagogischer Leiter einer stationären Jugendhilfeeinrichtung ihre Bestätigung und ihre Legitimation fanden.
 
 
 
 

Thesen und Erläuterungen

 
 

1.

Erzieher und Lehrer müssen zusammenwirken.

 In Vertretung von Eltern und im Auftrag des Jugendamtes werden in Heimen Kinder und Jugendliche in einem ganzheitlichen Sinne gefördert. Da sich in unseren Heimen in der Regel erst Kinder ab dem schulpflichtigen Alter befinden, ist für sie die Schule ein zentraler Lebensbereich. Im Interesse der optimalen Entwicklung eines Kindes bedarf es diese Entwicklung unterstützender Verbindungen zwischen dem Lebensbereich Heim (Heimgruppe) und Schule (Schulklasse). Eine Legitimation dieser unterstützenden Verbindung, zu denen die Kooperation gehört, lässt sich zum Beispiel aus den Erfahrungen von Heimkindern ableiten, die sehr häufig in der Schule auffielen und dort versagten, weil die Diskrepanzen in Bezug auf Leistungsverständnis, Sozialverhalten oder Ordnungsvollzügen zwischen den Familien, in denen die Kinder lebten und der Schule zu groß waren.
Kooperation wird erleichtert, wenn die Kooperationspartner von der Plattform des konzeptionellen Selbstverständnisses ihrer Institution aus wirken können.


 
2.

Die Heimschule ist eine sozialpädagogische Schule.

Wenn auch für alle Sonderschulen die jeweiligen Schulgesetze gelten, so bilden die Heimsonderschulen insofern eine Ausnahme, als sie dienstrechtlich dem Heimträger angehören. Er stellt die Lehrkräfte ein und kann sie entlassen. Er bindet die Lehrkräfte an einen Arbeitsvertrag, zu dessen wesentlichen Bestandteil die Konzeption der Gesamteinrichtung gehört. Diese Gesamteinrichtung ist, folgen wir pädagogischen Strukturen, eine sozialpädagogische, die sich unter dem Begriff und dem Auftrag von Jugendhilfe spezifizieren lässt. Die schulpädagogischen Ansätze, wie Lehrpläne u. a. schultypische Strukturmerkmale, Unterricht als schulspezifischer Arbeitsform oder didaktische Modelle die die Lehrer realisieren, sind eingebettet in einer Jugendhilfeeinrichtung. Insofern ist – vom Auftrag her – die Distanz zum öffentlichen Schulwesen größer, als die zur Jugendhilfeeinrichtung. Die inhaltlichen Erwartungen, das, was heute als „Prozessqualität“ überschrieben wird, sind eindeutig sozialpädagogische. Das heißt, dass in Bezug auf ein konkretes Kind, der Hilfe- und Förderaspekt einschließlich eventuell korrigierender Hilfen vor Stoffverarbeitung, Lehrplanerfüllung oder schulischer Bewertungsmaßstäbe Vorrang haben.

  

3.

Der Hilfeplan ist bindende Basis für Heim und Schule

 Die Ausgestaltung der erzieherischen Hilfen wird für jedes Kind im Hilfeplan vereinbart. Die schulische Förderung beansprucht in jedem Hilfeplan einen angemessenen Raum. Orientiert an den verabredeten erzieherischen Hilfen, ihrer Ziele, ihrer Rahmenbedingungen und ausgehend vom jeweiligen Ist-Stand beziehungsweise dem Förderbedarf werden von den Erzieherinnen und Erziehern die sozialpädagogischen Leistungen erbracht. In Bezug auf die schulischen Anteile dieser Leistungen gibt es zwei gravierende Unterschiede:
Die auf die Schule bezogene Arbeit mit Kindern, die eine öffentliche Schule besuchen, müssen sich den Erfordernissen der öffentlichen Schule anpassen. Kooperation hat hier u. a. die Aufgaben, die Lehrer dafür zu gewinnen, das Kind in seinen Anpassungsbemühungen zu unterstützen, Verständnis für seine Schwierigkeiten zu haben und für ein entwicklungsförderndes Klima zwischen Heim und öffentlicher Schule zu sorgen.
Die auf die Schule bezogenen Arbeit mit Kindern, die eine Schule am Heim besuchen, orientiert sich an den Möglichkeiten und Erfordernissen des Kindes oder, - als Bedingung formuliert:

Der Besuch einer sozialpädagogischen Schule beziehungsweise Schule für Erziehungshilfe am Heim legitimiert sich vor allem dadurch, dass sich die Erziehungs- und Bildungsarbeit der Lehrerinnen und Lehrer an dieser Schule an den individuellen Möglichkeiten des Kindes orientiert.
Die Aufgaben von Erziehern und Lehrern sind zwar, bezogen auf dir Lehrpläne, die gleichen, die in Bezug auf die öffentlichen Schulen gelten. Sie sind darüber hinaus und sogar in erster Linie eine qualitative und quantitative (z.B. den Zeitaufwand betreffend) Erweiterung der Jugendhilfe, weil die Leistungen von Erziehung und Unterricht gleichermaßen im Hilfeplan verankert sind. Auf dessen Vereinbarungen stützt sich die alltägliche, aufeinander abgestimmte Praxis in Schule und Heim, die damit zu den Inhalten der Kooperation zwischen beiden Lebensbereichen werden.
 
4.
Die Leitungen von Heim und Schule organisieren die Kooperation

Es muss davon ausgegangen werden, dass ein Zusammenwirken zwischen Heim und Schule, wie es unter den Positionen ein bis drei postuliert wird, nicht leicht erreicht werden kann und gerade bei Heimschulen konzeptionelle Missverständnisse eine Zusammenarbeit erschweren. In vielen Einrichtungen steht außerdem die Zweckmäßigkeit von Kooperation – wenn überhaupt – nur in der Konzeption. Die Praxis hinkt, ganz allgemein gesagt, erheblich hinter der Einsicht in die Notwendigkeit hinterher, wie auf der Einführungsseite über die Kooperation als unverzichtbare pädagogische Haltung ausgeführt ist. Zu den Ursachen von Defiziten in der Kooperation gehören nicht zuletzt mangelhafte Rahmenbedingungen, die sich als Elemente der Strukturqualität einer Einrichtung identifizieren lassen.
Hier einige Beispiele:
Schulleitung und Heim- bzw. Erziehungsleitung achten mehr darauf, was sie von Auftrag und Funktion unterscheiden und stellen nicht die Gemeinsamkeiten in den Vordergrund ihrer Arbeit;
Erziehern und Lehrern fehlt es an Gelegenheiten zur Begegnung;

eine relative Autonomie von Erziehungsgruppen beziehungsweise Schulklassen kann dazu führen, dass es in ihr eigenes Ermessen gestellt wird, ob sie zusammenarbeiten wollen oder nicht;
es ist niemand da, der beide Berufsgruppen in Bezug auf die Kooperation ermuntert, Umfang und Inhalt kooperativer Aktivitäten begleitet, die Auswirkungen von Kooperationsbemühungen beobachtet, kontrolliert, dokumentiert und würdigt.
 
Schlussfolgerung:
Wenn es gelingt, in die Hilfepläne beziehungsweise in den sie konstituierenden Hilfeplangesprächen die Kooperation als vereinbarte Leistungen zu verankern und die jeweils auf dieses Kind bezogenen Ziele und Wege festzuhalten, dann lassen sich auf dieser Grundlage die aus den Leistungen fließenden Rahmenbedingungen (z.B. Zeitaufwand, Kosten, Verbindlichkeiten für alle Beteiligten, Evaluation) begründen und einrichten.
Wenn darauf verzichtet wird, fehlt ein hochbedeutsames Element pädagogischer Förderung und der Nachweis der hierfür entstehenden Kosten.
Und nur das, was für einen Kostenträger nachvollziehbar, weil vom erzieherischen Bedarf her legitimiert, und an Hand des Hilfeplans überprüfbar ist, gehört in die Leistungsbeschreibung einer Einrichtung.
 
 
 
 

© Dr. Joachim Rumpf
05.05.2007

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