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Dr. Joachim Rumpf

Aufsätze zur Pädagogik


Werte und Normen in der Erziehung


Unsere Kinder lernen Werte

 

 


Eine zentrale Frage in der Erziehung und Bildung bleibt die Art und Weise der Vermittlung von Werten und Normen. Und in kaum einem Bereich sind hier die Vorbilder - allen voran die Eltern - gefragt. Dabei sind es weniger die verkündeten, den Kindern mit Worten übermittelten Botschaften „Du darfst nicht ...“, die von prägender Wirkung sind, als die im Alltag gelebten Haltungen.

„Der Kerl ist ja so verlogen“ klagte die Mutter des achtjährigen Klaus in der Beratungsstelle. Nun werden keine lügenhaften Kinder geboren. Ehrlichkeit und Offenheit lernen wir im Umgang mit anderen Menschen beziehungsweise gucken deren Verhalten ab. Auch Klaus hat „gelernt“ zu lügen. Es waren Mutter und Vater selbst, die es ihm beigebracht hatten. So hatte der Vater einmal einen Unfall verursacht. Die Mutter und Klaus saßen mit im Auto. Der Polizei aber stellte der Vater den Unfallhergang so dar, dass er in ein günstiges Licht kam und nicht bestraft wurde. Mutter und Sohn aber hatten die Fahrfehler des Vaters miterlebt. Er brüstete sich auch anschließend seiner Familie gegenüber, wie „clever“ er gewesen sei und ließ sich bewundern.

 Gelegentlich hatte der Vater keine Lust, zur Arbeit zu gehen. Wenn er am Vorabend mit seinen Vereinskameraden zu lange und zu tief ins Glas geschaut hatte, veranlasste er seine Frau, ihn zu entschuldigen. Hierbei mussten sie sich stets neue Lügen ausdenken. Mal war der Mann krank, mal die Oma, mal musste der Mann dringend etwas besorgen. Auch das bekam Klaus mit.

Einen weiteren Beleg für die Verantwortung der Eltern für die Fehlentwicklung des Kindes deckte die Mutter auf: Mit einer „guten Freundin“ wollte die Mutter nichts mehr zu tun haben ohne den Mut zu besitzen, es ihr zu sagen. Klingelte sie aber an der Tür, dann schickte die Mutter den Jungen und gebot ihm: „Sag der Anita, dass ich nicht zu Hause bin!“ Auch am Telephon ließ sie sich verleugnen oder schob Verabredungen vor, die sie gar nicht hatte. Hier wurde Klaus unmittelbar mit einbezogen und dazu angehalten, die Unwahrheit zu sagen. Und noch ein wichtiger Faktor spielte eine Rolle bei der Herausbildung dieses Verhaltens: Enttäuschte Klaus seine Eltern, dann „setzte es was“.
Angefangen hatte das bereits im Kindergarten. Klaus hatte vergessen, seinen Eltern eine Einladung zu übergeben. Die Ohrfeigen, die er dafür erhielt, brachten ihn dazu, sich beim nächsten Versäumnis etwas auszudenken, damit er in ein günstiges Licht kam und nicht bestraft wurde“ (siehe oben, wie beim Vater). Das klappte nicht immer. Wurde er einer Lüge überführt, bekam er doppelt Schläge. Das führte aber nur dazu, dass sich überzeugendere Lügen ausdachte. Gerade die unangenehmen Hausaufgaben boten manchen Anlaß dafür in Familie und Schule.


Den Zusammenhang zwischen dem Verhalten von Klaus und ihrer eigenen Lebensstrategie aber vermochten die Eltern nur schwer einzusehen. Es führt aber kein Weg daran vorbei:

Nur das, was wir Eltern und Erzieher zuverlässig selbst tun, werden unsere Kinder übernehmen. Das gilt für unsere bösartigen Einstellungen und Verhaltensweisen, wie für unsere gutartigen.

Am Vorbild von Erwachsenen und älteren Geschwistern orientiert sich ein Kind in allen Dingen. Seine Gewissensbildung, also jenes seelische „Organ“, das ihm stets sagen kann, was gut und richtig oder schlecht und falsch ist, bildet sich einzig und allein im Umgang mit anderen Menschen heraus. Ein „gewissenloser“ Mensch wird ebensowenig geboren, wie einer, von dem seine Umgebung sagt, dass er sehr gewissenhaft sei.

Es sind die Eltern aber auch die Lehrerinnen und Lehrer, die als zentrale Vermittler von Werten erlebt werden, wie die bereits mehrfach genannten Wertestudie 2011 des Kölner Meinungsforschungsinstituts YouGov in diesem Frühjahr ermittelte.Wörtlich heißt es dort:

"Eltern und Lehrer sind in der Wertevermittlung höchste Autoritäten
Sportler, Prominente, Firmenchefs spielen nur eine untergeordnete Rolle, wenn es darum geht, Werte und
Tugenden vorzuleben. Eltern, Erzieher/Lehrer und Freunde dagegen sind in den Augen der Parlamentarier (die wurden gesondert befragt; J. R.)
eher dazu geeignet – gefolgt von Politikern an vierter Stelle. "
S. 14 und 15 der Auswertung

 Menschen ohne Gewissen, die gibt es nach meiner Überzeugung nicht. Ich kenne Kinder, die sich nichts daraus machen, einem anderen Kind etwas wegzunehmen. In einer Reportage aus dem Stadtteil Manhatten in New York erklärte ein junger Bursche, dass er nichts dabei finde einem anderen, der mehr hat als er, die Brieftasche zu klauen. Allein wenn sich Geld darin befindet, beweist das, dass der Mensch „reich“ ist und man ihm das wegnehmen darf. Bei allem Zynismus, der sich aus meinem Verständnis bei dieser Argumentation offenbarte, war aber unüberhörbar, dass der Dieb seine Taten zu rechtfertigen suchte. Wenn auch in seiner Subkultur, einer Gesellschaft der Ausgestoßenen und Besitz- und Chancenlosen, andere Maßstäbe das Gewissen prägen, so ließ sich nicht leugnen, dass er eines hatte und sehr wohl wusste, dass er gegen allgemeingültige Normen verstieß.
So verschieden also die Menschen sind und so unterschiedlich die Lebensbedingungen in denen sie heranwachsen, so verschieden sind jene Werte und Normen, die gleichsam die Struktur ihres Gewissens bilden. Allein an den Reaktionen der Umwelt aber, also zum Beispiel am Verhalten des Polizei- oder Justizapparates in einem Land, lernt jedermann gleichermaßen jene Normen kennen, die in diesem Land, in dessen Gesellschaft und Kultur allgemein gelten. Insofern erhält das Gewissen des Einzelnen, selbst wenn er als Kind unter Dieben und Mördern herangewachsen wäre - so wie das zum Beispiel bei Kindern der Fall sein mag, die in einer Region heranwachsen, in der jahrelang Krieg herrscht, - spätestens dann, wenn er sich strafbar macht, eine Art negativer Information. Wir können also davon ausgehen, dass jeder Mensch ein Gewissen hat, das ihm sagen kann, was Recht und was Unrecht ist.

Das Gewissen bildet sich heraus im Prozess derr Identifikation des Kindes mit den für es engsten und bedeutsamsten Bezugspersonen, und wird von dem Grundbedürfnis nach Liebe und Geborgenheit gespeist.

 

Es lässt sich dieser komplexe Vorgang verallgemeinern und sagen:

Alle Kinder haben ein elementares Bedürfnis nach Liebe (Zärtlichkeit, Zuwendung, Zeit, Verlässlichkeit, Vertrauen, ...) und einem harmonischen, von negativen Gefühlen (Schmerzen, Wut, Enttäuschung ...) weitgehend freiem Leben. Sie wollen anerkannt sein und brauchen Bestätigung und Ermutigung zum Aufbau ihres Selbstbildes.

Gegenüber allen Personen, die ihnen hierzu verhelfen, bemühen sie sich um Wohlverhalten; zum Teil, um die genannten Zuwendungen zu bekommen zum Teil, um sie nicht zu gefährden.

Noch vor dem sechsten Lebensjahr kann es auf diese Weise zu eigenen Entscheidungen darüber gelangen, was „gut“ und was „böse“ ist.

Diese Form der Gewissensbildung über die Identifikation wird ergänzt ab dem achten bis zehnten Lebensjahr - also mit Beginn der Vorpubertät - durch die Übernahme von Wert- und Normvorstellungen aus Gruppen (die für ein Kind Bedeutung haben) und später dann über kritische Selbstaneignung.

Die zentrale Methode der Gewissensbildung über Identifikation, Anpassung oder Aneignung ist die unmittelbar erlebte Erfahrung, die um so nachhaltiger wirkt (prägt), je mehr Sinne und Emotionen daran beteiligt sind.

Es gibt im Leben eines Kindes eine unendliche Fülle an derartigen Erlebnissen in unterschiedlichen Lernfeldern.

Welche Bedeutung eine Einzelerfahrung hierbei für die Gewissensbildung eines Kindes hat, entscheiden nicht die Erwachsenen, sondern das Kind. Es kann also durchaus so sein, dass eine einmalige Erfahrung, denken wir an das Beispiel, dass ein Kind für seine Eltern lügt („sag, ich bin nicht zu Hause...!“) ein einschneidendes Erlebnis für dieses Kind war und es noch lange daran zu knabbern hatte. Denn es wusste nun nicht mehr, was richtig und falsch ist. Es war verunsichert.
Beides muss darum zusammen kommen:

Das zuverlässig und beständig gelebte Vorbild und der weitgehende Verzicht auf Ausnahmen.
Wenn dagegen Ausnahmen nötig sind, sollten sie als Ausnahmen erkennbar sein und begründet werden.

Es ist zwar ein recht unpädagogischer Spruch, doch in Bezug auf die Auswirkungen auf kindliche Erfahrungswerte hat er nach wie vor Bedeutung: „Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht, auch wenn er dann die Wahrheit spricht.“ Kinder werden genauso ihren Eltern gegenüber misstrauisch, wie wir Erwachsenen gegenüber den Mächtigen in Staat und Gesellschaft. Wer uns einmal belog, dem trauen wir nicht mehr über den Weg. Bei unseren Kindern freilich kommen noch die guten Beziehungen, die gegenseitige Liebe hinzu, so dass uns unser Kind einen Ausrutscher unsererseits nicht immer übel nehmen und in sein Verhaltensrepertoire übernehmen muss, sondern erkennt, dass wir uns „vergessen“ haben.

Darum auch seinen wir nachsichtig gegenüber unserem Kind! Nicht alle Unwahrheiten sind bewusste Lügen. Kinder schwindeln gern ein bisschen, denken sich etwas aus und können Phantasie und Wirklichkeit nicht immer auseinander halten. Vor allem, wenn sie noch nicht die Phase realistischen Denkens (etwa ab acht Jahren) erreicht haben, wird ihnen gern ein Traum zur Wirklichkeit. Allzu heftige Reaktionen durch die Eltern (um Gottes willen - wir ziehen ja einen Lügner groß!) können genau das Gegenteil bewirken. Ein Kind traut sich dann nicht mehr das zu sagen, was es für wahr hält und Misstrauen wird die Folge sein. „Meine Eltern verstehen mich nicht“ - selbst wenn ein Kind in frühen Entwicklungsphasen dies so noch nicht denken oder sagen kann: es wird so empfinden und allmählich verstummen.

Erst leben wir konsequent Wahrhaftigkeit und alle anderen Tugenden vor - dann erst, und in vergleichbarer Konsequenz sogar erst mit Beginn des Erwachsenenalters - wird unser Kind unsere Wertvorstellungen leben können. Ob das Kind sie dann auch noch leben will, steht auf einem anderen Blatt.

 Wie wir sahen, müssen wir unterschiedliche Maßstäbe anlegen. Ein Kind ist noch kein Erwachsener. Und wenn wir hundertmal sagen: „Halte Ordnung - wir tun das ja auch“, muss dies Gebot nicht unmittelbar wirken selbst wenn Eltern tatsächlich Ordnung vorleben. Vergleichbares gilt für Pflichten im Haushalt. Wir konnten dieses Thema nicht vertiefen. Hier meine Position in Anlehnung an A. S. Makarenko (Ein Buch für Eltern. Berlin 1953):

Schon früh, kaum können unsere Kleinen richtig laufen, wollen sie der Mutter „helfen“. Die Identifikation und der ganz natürliche Wille zu tätiger Aneignung der Welt bzw. zum Lernen treibt sie gleichsam dazu, alles nachahmen zu müssen. Auch das Putzen und Abwaschen. Hier aber beginnen wir zu sündigen: „Lass die Finger davon! Dazu bist Du noch zu klein“ Oder gar unser Geschrei, wenn einem kleinen Kind etwas entzwei geht, obwohl es doch nur genau das tat, was Mutter oder Vater vormachten (zum Beispiel eine Vase vom Tisch nehmen), entmutigen ein Kind.

Wenn es älter wird, dann werfen wir gleichsam das Ruder herum und fordern nun das, was wir noch vor einem Jahr verwehrten. Das vermag ein Kind nicht einzusehen und wehrt sich. Und je mehr wir darauf pochen, um so größer wird der „Machtkampf“, an dem ein Kind durchaus seine Freude haben kann.

Aus alledem folgt: wenn wir die ersten spontanen Regungen eines Kindes aufgreifen und uns „helfen“ lassen und diese Hilfe durch geeignete Anerkennung verstärken, werden wir es später leichter haben, ein Kind um Hilfe zu bitten beziehungsweise an Pflichten heranzuführen. Allerdings bereitet uns die frühe Hilfe, die ja für ein Kind spielerischen Charakter hat und keineswegs durch Ausdauer oder gar Kompetenz gekennzeichnet ist, Mühe und kostet Zeit und Geduld.

Wenn Sie, liebe Leserin, lieber Leser, beides nicht haben oder aus anderen Gründen nicht sozusagen „von Anfang an“ auf entsprechende Leistungen achteten (weil das Kind ja noch so klein war), müssen Sie mit dem Stress leben, der eintreten kann, wenn sie nun zum Beispiel von einem Zehnjährigen Hilfe/Pflichten verlangen und der sich quer legt.

Uns Eltern aber allen zum Trost:
Kinder reifen nur heran, indem sie sich an uns reiben. Und das tun sie mit ihrem Widerspruch ständig und in den meisten Situationen. Am liebsten dann, wenn wir etwas von ihnen fordern. So war es auch in unserer Kindheit. Und einige von uns leiden noch heute an den Methoden, mit denen unsere Eltern bei uns die Mithilfe in Wohnung, Haus oder Garten erreichten. Nehmen wir unsere eigenen Erfahrungen als Maßstäbe und lassen sie durch unser Gewissen prüfen. Dann reden wir mit unserem Partner darüber. Und erst, wenn wir uns einig sind, dann sprechen wir mit dem Kind/den Kindern. Ein Übereinkommen mit gegenseitigen Pflichten und Rechten ist allemal sinnvoller, als ein einseitiges Gebot.

Damit ist zugleich darauf hingewiesen worden, dass wir in keinem einzigen Falle ein Kind gleichsam allein erziehen.
Wert- und Normvorstellungen allerdings übernimmt es erst dann von anderen Kindern und Erwachsenen, wenn diese für ein Kind eine wichtige Bedeutung haben. Oma und Opa können das sein oder die Erzieherin im Kindergarten. Darum ist das Gebot der Übereinstimmung im Interesse einer guten Entwicklung des Kindes so wichtig. Andererseits kann ein Kind bald Unterschiede erkennen und gut damit zurecht kommen. Oma und Opa sind anders - allein schon weil sie älter sind als Mama und Papa. Und in der Wohnung vom „liebsten“ Spielgefährten oder der „besten“ Freundin sieht es ganz anders aus, als in der eigenen. Es, übt zum Beispiel deren Vater/Mutter einen anderen Beruf aus, werden andere Speisen bevorzugt u.a.m. Diese Unterschiede vermag ein Kind zu übertragen und versteht es, wenn wir antworten: dort ist alles anders - auch die Fernsehgewohnheiten („Mama, Lisa darf länger fernsehen ... Mama, Lisa darf länger aufbleiben....“).
Hierhin gehört noch einmal das Identifikations-Phänomen. Je stärker sich ein Kind mit der eigenen Familie (Wohnung, Lebensgewohnheiten, Alltagsstrukturen, Normen und Werte u.a.) identifizieren kann, weil es sich dort in verlässlichen Beziehungen geliebt und geborgen weiß, um so weniger brauchen wir Eltern zu befürchten, dass andere Wertvorstellungen Macht über unser Kind gewinnen.

Erst in der Pubertät wird das anders. Dann löst sich unser Kind zunächst auch von den von uns vertretenen Werten und Normen und fordert in besonderer Weise unser Verständnis, unsere Geduld und unsere Zeit und Zuwendung. In dieser und den folgenden Phasen haben wir uns in den Augen unserer Kinder zu bewähren, damit sie sich sagen können (was sie sich insgeheim auch immer sagen wollen!): weil meine Eltern so sind, wie sie sind, bleibe ich bei deren Werten und Normen und lasse mich nicht beirren.


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