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Schriften zur Erziehung und Bildung im WWW
von Dr. Joachim Rumpf

 


Menschenwürde

 

"Sei schön brav!  "Wenn wir Eltern unser Kind mit diesen Worten ermahnen, dann geht es vielleicht gerade zu einem Ausflug mit der Kindergartengruppe oder der Schulklasse. Was wir damit meinen, ist uns klar, auch wenn wir nicht alles aufzählen. Wir denken zum Beispiel daran, dass es der Erzieherin oder Lehrerin folgen solle, nicht auf die Straße springen oder sich nicht schmutzig machen soll, Streit mit anderen Kindern vermeiden und - wenn überhaupt - nur angenehm auffallen solle. Unser ganzes Leben vollzieht sich im Spannungsfeld zwischen all dem, was wir hier und jetzt am liebsten tun oder lassen möchten und dem, was wir tun oder lassen dürfen, sollen oder müssen. Kinder gewöhnen sich nicht immer leicht an all die Regeln, die sie lernen müssen, um später im Leben bestehen zu können. Eltern brauchen dann viel Geduld und Kraft, um Kinder soweit zu bringen, dass sie ein Gewissen herangebildet haben, das ihnen stets sagen kann, was gut und richtig ist. Diese Orientierungshilfe des Gewissens muss aber recht differenziert betrachtet werden. Es gelten nur wenige Werte und die dazugehörigen Normen in allen Lebensbereichen oder Lebenszusammenhängen gleichermaßen. Denken wir nur an den Wert „ein Menschenleben“. Das Recht auf „Leben und körperliche Unversehrtheit“ hat höchsten Verfassungsrang. Auch in den Gesetzen, die unser Zusammenleben regeln, sind für die Tötung von Menschen hohe Strafen vorgesehen. Und dennoch kann dieser Grundwert außer Kraft gesetzt werden, wenn eine parlamentarische Mehrheit das so will. Dann könnte sogar Menschen befohlen werden an kriegerischen Handlungen teilzunehmen oder zu unterstützen und damit zugleich an der Vernichtung von Menschenleben, die das gar nicht wollen. Vergleichbares läßt sich auch über andere Werte sagen, wie zum Beispiel über „Menschenwürde“, „persönliche Freiheit“ oder die „Freiheit der Meinungsäußerung“. Daran lässt sich sehr gut nachweisen, dass selbst unsere Grundrechte, die zugleich Grundwerte widerspiegeln, in unterschiedlichen Zusammenhängen oder Situationen veränderbar sind.

Halten wir also fest: Es gibt Wertvorstellungen und die ihnen folgenden Normen, die zwar für eine ganze Kultur gelten, die aber - abhängig von den in einer Kultur, Gesellschaft oder in einer anderen Lebensbereich (zum Beispiel Familie, Schule, Betrieb) wirksamen Interessen - verschieden ausgelegt und angewendet werden.

Am anschaulichsten wird das, wenn wir die Verfassungsgebote verlassen und in unser alltägliches Zusammenleben hinein schauen. Lüge oder gar Betrug gelten zum Beispiel als sehr schlechte, Wahrheitsliebe und Ehrlichkeit dagegen, wie unsere Befragungen zeigten, als sehr gute Verhaltensnormen. Und nun blicken wir auf die Praxis unseres Alltags. Auf den Vertreter eines Verfassungsorgans (Minister oder Parlamentarier, Gemeinderat), auf Leiterinnen oder Leiter von Wirtschaftsunternehmen oder Verantwortliche in der staatlichen Verwaltung, auf Frauen und Männer der Kirche, auf den Handwerksmeister, den Arzt oder auf uns selbst in Beruf und Privatleben und prüfen, wieweit Idealität und Realität unserer Wert- und Normvorstellungen allein in Bezug auf diese Tugenden auseinanderfallen.

Dennoch sei noch einmal darauf hingewiesen dass es allgemeingültige, für alle verbindliche Wertvorstellungen gibt, an denen sich das Normensystem (also die geschriebenen und ungeschriebenen Regeln des menschlichen Zusammenlebens) unserer Gesellschaft orientiert. Wir können hier nicht alle aufzählen und sollten uns, zum Beispiel in einem Elterngesprächskreis, in einer Erzieher- oder Lehrerkonferenz immer wieder auf die verständigen, die für uns Geltung haben. Diese Verständigung ist dann besonders wichtig, wenn es sich um ungeschriebene Normen handelt.

Es gibt eben eine Fülle anderer Wertvorstellungen und Normen, die wir nicht in gesetzlichen Festlegungen oder anderen geschriebenen Ordnungen wiederfinden. Zu denken ist dabei an die von uns selbst beeinflussten beziehungsweise eingeführten Normen und die ihnen zugrunde liegenden Wertvorstellungen, wie Kleidung, Kleider- oder Schuhmarken, Fernsehgewohnheiten, Taschengeldhöhe, die Art und Weise des Umgangs miteinander und vieles andere mehr.


Beginnen möchte ich mit zwei Wertvorstellungen, die im Grundgesetz zu den unveräußerlichen Menschenrechten gehören und allein schon darum im Alltag eines jeden von uns von hoher Bedeutung sind: Die Würde des Menschen ist unantastbar (Artikel 1; Abs. 1) und "Männer und Frauen sind gleichberechtigt" (Artikel 3; Abs. 2).

Die Klagen darüber, dass Wertvorstellungen verloren zu gehen drohen, hat also von Verfassung, Recht und Gesetz her keine Berechtigung. Denn die Verfassung gilt seit 1949 und ist in diesen Punkten schon darum unabänderlich, weil die Grundrechte, zu denen diese beiden Verfassungsgebote gehören, von niemandem geändert werden dürfen.
Wenn wir aber auf die Praxis schauen, dann sieht freilich das Bild insofern etwas anders aus, als wir Menschen unterschiedliche Wertvorstellungen haben und möglicherweise leben. Ein Mann, der (s)eine Frau diskriminiert oder gar misshandelt verhält sich keineswegs in Übereinstimmung mit der Verfassung: er verletzt ihre Würde. Und umgekehrt ist es genau so. Wir sollten nicht so tun, als sei die Diskriminierung von Menschen allein eine männliche Eigenschaft. Wenn sie/er außerdem zu den Frauen/Männern gehört, die der Überzeugung sind und danach handeln, dass Frauen/Männer die besseren "Menschen" sind, dann verletzt sie/er Artikel 3; Absatz 2 des Grundgesetzes.

Ich vertrete die Auffassung, dass niemand von uns über einen "Werteverlust" zu klagen brauchte, wenn wir nur Geist und Buchstaben unserer Verfassung leben würden. Männer, die die Würde anderer und ganz besonders die ihrer Frauen und Kinder missachten, verhalten sich im Grunde genommen verfassungsfeindlich. Ihr Verhalten wird nur darum nicht verfolgt, weil kein Kläger da ist und - hierin liegt die eigentliche Dramatik des Problems - weil sie sich nicht anders verhalten, als die meisten anderen Männer. Sie verkörpert die Wertewelt des sogenannten männlichen "Durchsetzungskultur". Die Frau eines derartigen, vielleicht sogar nach Außen angesehenen Mannes dagegen könnte wegziehen, wenn sie den Mut hätte, öffentlich zu erklären, dass dieses Idealbild von einem tüchtigen Mann, im Grunde ein armseliges, weil gewalttätiges Würstchen ist, das die Solidarität und Kooperationsbereitschaft seiner Frau nicht verdient. Und sie wäre es, die (zur Zeit noch) klein beigeben oder gar Haus und Freunde aufgeben müsste, weil das Verhalten ihres Mannes auf mehr Verständnis stoßen würde, als ihre Reaktion.
Es würden sich übrigens im umgekehrten Falle die Männer auch dann genieren, wenn sie öffentlich - also im Kollegen- oder Freundeskreis - erklären müssten, dass sie von ihrer Frau misshandelt werden.

Die Zunahme an Aggressivität und Gewalt sowie an allen kriminellen und anderen verwerflichen Formen der Bereicherung und deren heimliche und öffentliche Rechtfertigung, sind ausnahmslos Elemente unserer Gesellschaft, die auf Konkurrenz zwischen Mensch und Mensch beruht. Wir bezeichnen darum diese unsere Gesellschaft als "Ellenbogengesellschaft".

Sozial konstruktives Verhalten dagegen, zu dessen hervorragende Eigenschaften gehört tolerant zu sein, Verständnis zu haben, vom Anderen her zu denken und zu handeln, oder, wie es bereits in der Bergpredigt heißt, seinen Mitmenschen stets so zu begegnen, wie man wünscht, selbst behandelt zu werden (und welcher seelisch gesunde Mensch lässt sich schon gern menschenunwürdig behandeln?), wird in unserer Gesellschaft vielfach als "Schwäche" ausgelegt. Oder schlimmer noch: kooperative, mitmenschliche Einstellungen und Verhaltensweisen gelten als typisch weiblich oder gar "weibisch" und werden in der Männerkultur in bezug auf die heranwachsenden Buben verachtet. Ein "richtiger Mann" lässt sich nichts gefallen, er wehrt sich, er setzt sich durch, er kämpft, er muss ein Held sein, ein Superman, ein Überwinder, ein Bezwinger oder gar "der Größte".

Buben werden aber nicht als Männer in diesem Verständnis geboren. Auch die Mädchen lernen erst im Verlaufe ihres Lebens am Beispiel von Müttern und Vätern, dass zum Beispiel (wie es in unserer Schwarzwaldlandschaft heißt) Erziehung "Wiibersach´"ist. Autofahren dagegen "Männersach".
Symbolisch bringen Männer und ihre Frauen allein an diesem Beispiel zum Ausdruck, "wer das Steuer in der Hand hat". Meistens sieht man nämlich die Männer am Steuer des Autos obwohl es dafür keine von der Tätigkeit "Auto-fahren" her, begründete Rechtfertigung gibt. Weil aber die Kinder das so miterleben, nehmen sie von Anfang an dieses Klischee in sich auf und kommen so zu der Überzeugung, dass ein Mann, weil er am Steuer sitzt, mehr Macht hat oder gar mehr Wert ist.

Diese und viele andere vergleichbare Erfahrungen im Familienalltag lehren unsere Mädchen und Buben, sich so zu verhalten, wie es ihnen vorgelebt und wie es von ihnen erwartet wird. Und solange, sozusagen auf breiter Front, niemand etwas daran ändert, wird zum Beispiel Aggressivität und Gewalt mit Männlichkeit, Friedfertigkeit und Bereitschaft zum Ausgleich mit Weiblichkeit gleichgesetzt werden müssen (1).

Sind Freundlichkeit oder gar Höflichkeit Tugenden, die im Umgang von Menschen miteinander verloren gegangen sind, vielleicht weil sie zu den Männern zugeschriebenen Eigenschaften wie Rücksichtslosigkeit und Durchsetzungsvermögen nicht passen?
Keineswegs! Im März 1995 veröffentlichte die Zeitschrift "Eltern", dass gute Manieren bei Schülerinnen und Schülern zwischen acht und sechzehn Jahren in Deutschland wieder hoch im Kurs stehen. Höflichkeit, Hilfsbereitschaft, Grüßen und Tischmanieren führen die Liste der von den Jugendlichen selbst als erstrebenswert erachteten Tugenden an. Ich bin davon überzeugt, und möchte das als prüfenswerte These vertreten, dass die überwältigende Mehrheit von Menschen aller Altersstufen, diese Maßstäbe der 2.250 Schülerinnen und Schüler teilt, die an der Befragung teilgenommen haben. Bis heute hat sich an dieser Entwicklung nichts geändert.

Es ist aber wichtig, sich vor Augen zu halten, dass sich die Wertvorstellungen, die viele von uns haben und die sich in Übereinstimmung mit der Verfassung befinden, nicht mit der Lebenswirklichkeit decken.

Nicht einmal gültiges Recht stimmt mit der Verfassung überein und muss oft vor dem Verfassungsgericht eingeklagt werden. Und in unserem Alltag finden wir eine Fülle von Beispielen, wo sogar Recht und Gesetz - auch von hierfür Verantwortlichen - mit Füßen getreten werden. „Wo kein Kläger ist, da ist kein Richter“. Oder, wie mir ein Kommunalpolitiker einmal sagte: „Wo kein Geld ist, da hat auch der Kaiser sein Recht verloren“.

Die heute von den Politikern am meisten geforderten Werte, wie Verantwortung, Gemeinsinn und Verzicht (auf Ansprüche wie Versorgung oder Fürsorge) werden von ihnen selbst beziehungsweise den sogenannten „Machteliten“ in unserer Gesellschaft mit Füßen getreten. Während die einen immer unverhüllter und rücksichtsloser auf die Zunahme von Macht und Reichtum setzen, wird ein immer größerer Anteil der Bevölkerung in Unsicherheit und Angst versetzt und obendrein noch für die Misere verantwortlich gemacht (die Arbeitskraft ist zu teuer, die Soziallasten sind zu hoch, der Konsum zu gering). Auf der Seite über die doppelte Moral wird noch einmal gesondert auf diese Phänome eingegangen.

Nicht also die Werte und Normen sind verloren gegangen, sondern wir finden sie in der zwischenmenschlichen Begegnung, in den Schulen, in unseren Arbeitsbedingungen oder im politischen Leben (um nur einige Lebensbereiche zu nennen) nicht wieder. In Massenmedien, wie zum Beispiel in bestimmten Filmen oder bei bestimmten Fernsehsendern werden sogar die Gebote von Menschenwürde und Gleichberechtigung und Gleichwertigkeit mit Füßen getreten, Rollenklischees vermittelt beziehungsweise verfestigt.
Und Zuschauer und Zuhörer lassen das unwidersprochen geschehen!

Wir sollten in unseren Familien, in den Kindergärten und Schulen, die hier vertretenen Positionen sorgsam prüfen.

Die Beziehungen zwischen Frau und Mann, das gegenseitige Rollenverständnis und zwar so, wie es im Familien- und Berufsalltag gelebt wird, beeinflusst die Wertvorstellungen unserer Kinder mehr, als alle guten Absichten und Wünsche. Sprechen wir offen an, welche Werte und Normen für uns gelten. Wer aus biologischen Unterschieden oder aus in gegenseitigem Einvernehmen zwischen Mann und Frau vereinbarten zweckmäßigen Arbeitsteilungen Wertunterschiede ableiten will, den kann man nicht daran hindern. Er wird sich aber fragen lassen müssen, wieweit Einstellungen und Verhaltensweisen mit dem Menschenbild unserer Verfassung übereinstimmen.

Anmerkung:
(1) Rumpf: Schreien, schlagen, zerstören Mit aggressiven Kindern umgehen. München 2002, S. 18 ff

 

 
 

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