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Dr. Joachim Rumpf

Aufsätze zur Pädagogik

 

Werte und Normen in der Erziehung

 

Der Glaube an Gott
bzw. die Religiosität

 

 

 

Christa Wolf  schrieb:

"Ich glaube an die Wirkungsmacht des Geistes…, dass das wirklich wird, woran man fest glaubt. Wenn man an Gott glaubt, dann bildet er sich eben, und dann wirken die Gebete an ihn“. (Christa Wolf in „Stadt der Engel, S. 357).

Dieser Verweis auf die Wirkungsmacht unseres Denkens und des eng mit ihm verflochtenen Fühlens erhellt, so meine ich,  das Phänomen aller Religiosität. Anders als zum Beispiel die fundamentale Lebenssicht, dass der Mensch von Natur aus gut sei  - „Der Mensch ist gut“  betitelte Leonhard Frank sein Buch über die Erlebnisse des Ersten Weltkriegs – bauchen Wirklichkeiten, die sich ein Mensch mit Hilfe seiner Vorstellungskraft selbst schafft,  keine empirische Bestätigung. „So ist es“ möchte ich dem Glaubensbekenntnis von Christa Wolf hinzufügen und damit die Evidenz ihrer Feststellung unterstreichen.

Zu ergänzen freilich ist aus meiner Sicht die mehr oder minder große Religiosität einer erwachsenen Person durch ein anderes Phänomen unserer individuellen Existenz: wir Menschen sind soziale Wesen. Ohne andere Menschen, angefangen bei Mutter, Vater und Geschwistern können wir nicht existieren. Wir entwickeln uns körperlich, geistig und seelisch in ständigem Austausch mit anderen Personen. Über alle anderen Familienangehörigen hinaus begegnen wir ihnen im Freundeskreis unserer Eltern, in Kindertagesstätten, in der Schule und vielen anderen sozialen Räumen. Und von ihnen allen empfangen wir eine unendliche Fülle an Informationen, die wir aufnehmen und auf die wir reagieren und mit denen wir uns – mit zunehmendem Lebensalter umso mehr – aktiv auseinandersetzen.  In diesem Dialog, der erst mit unserem Leben endet, entwickelt sich jeder Mensch.


Von Gott erfährt eine sich entwickelnde Person zum Beispiel durch seine Mutter. „Lieber Gott, mach mich fromm, dass ich in den Himmel komm“ oder „Ich bin klein, mein Herz ist rein, soll niemand drin wohnen, als Jesus allein“ betete meine Mutter allabendlich mit mir, sobald ich im Bett lag. Und ich betete mit, als ich sprechen konnte. Auf diese Weise lernt ein Mensch den Glauben kennen, der später in Kindergarten und Schule  durch die religiöse Unterweisung  ergänzt wird. Und wenn außerdem noch Impulse aus dem sozialen Umfeld wie die Klassenkameraden, Freunde und viele andere Menschen, die, genauso wie die Familienangehörigen ihren Glauben an Gott leben, indem sie zum Beispiel jeden Sonntag in den Gottesdienst gehen oder gar sich in Gebet oder aus aktuellem Anlass an „Gott“ wenden, ihn anrufen, dann gewinnt ein heranwachsendes Kind den Eindruck, dass dieser Glauben an Gotte zum Leben gehört. Je positiver diese Erfahrungen emotional besetzt sind, umso stärker werden Glaubensinhalte  verinnerlicht.

Und umgekehrt werden der Glauben und die damit verbundenen Verhaltensweisen bis zur Unverbindlichkeit hin relativiert, wenn sie von – vom Individuum her als solche erlebten - unangenehmen Erfahrungen begleitet wurden. Spätestens nach der Pubertät beginnt dann, abhängig von den jeweiligen persönlichen Erfahrungen aber zugleich so oder so verstärkend wirkenden Einflüssen aus dem sozialen Umfeld, zu denken ist hier zum Beispiel an die Peergroup, die kritische Auseinandersetzung mit dem Glauben an Gott, mit der Religion und der Kirche. Dann werden die Kindheitsgebete als das erkannt, was sie waren: Hohles, leeres, jeder Realität baren Geschwätzes. Und das Schlimmste für den Pubertierenden: die Mutter muss das gewusst haben. Die Auswahl jener Abendgebete spiegelte vermutlich die Verzweiflung einer an der Realität ihres Lebens leidenden Frau – was im gemeinten Falle  nachweisbar ist - verknüpft mit der märchenhaften Hoffnung, ihren Kindern könnten ihre Erfahrungen erspart bleiben, wenn sie nur glauben lernten.

Diese rationalen und emotionalen Prozesse  der frühen Jugend münden in jene, die Christa Wolf als „die Wirkmacht des Geistes“  andeutet. Im Verlaufe seines Wirkens in jedem Menschen entwickelt er eine, aus der Autonomie jeder Persönlichkeit selbst heraus, neue Einstellung zum Glauben. Die Ergebnisse dieser Prozesse, die zur alleinigen Verantwortung des mündig gewordenen Bürgers  gehören, sind verschieden. Sie können zu einer bewussten Lösung vom Kinderglauben hin zu einer der atheistischen Haltungen führen (http://de.wikipedia.org/wiki/Atheismus), sie können aber auch in einen geistlichen Stand münden. Zwischen beiden Polen liegt eine Fülle an Möglichkeiten, die der Einzelne hat, sein Verhältnis zu Gott bzw. Religion und Kirche zu bestimmen.

Ich zum Beispiel, habe mich in den Veranstaltungen unserer Kirchengemeinde zu einer Form des Atheismus bekannt (vgl. Anselm Feuerbach),  fühlte mich aber in meiner Eigenschaft als Historiker unserer Kirche (und als Kirchensteuerzahler) zugehörig. In einer Gemeindeversammlung erklärte ich sinngemäß, dass ich mich emotional mit all jenen verbunden fühle, die sich seit Jahrhunderten zu religiös begründeten Diensten versammelten. Diese Werke waren ja dann besonders in der Diaspora, in der die evangelischen Christen hier im Hotzenwald lebten, keine Nebensache.
Die Gemeindeversammlung wählte mich dennoch zu ihrem „Präsidenten“. Später erschien dann, wohlwollend gefördert durch unsere Pfarrerin, die von mir erarbeitete Geschichte unserer Gemeinde. (
http://www.salpeterer.net/Heimatkundliches/Evangelische.htm).

Es war die Freundschaft zu unserer Pfarrerin, Mitglied in der Ordensgemeinschaft der Schwestern von Pomerol (Südfrankreich), die uns in den achtziger und neunziger Jahren an ihre Seite und in die Kirche führte. Ihr Tod beendete diese Phase.

 

Wenn nun aber jedes Individuum im Verlaufe des oben dargestellten Sozialisationsprozesses zu seinem persönlichen Glauben oder Unglauben kommt, dann belegt dies, dass es ohne Individuen auch keinen Glauben bzw. Gott außerhalb dieser Personen gibt. Stürbe die Menschheit aus, stürben mit ihr Religionen und Götterglauben. Während die Natur um uns, sofern wir sie nicht selbst vernichten, auch ohne uns existierte, kann Gott das nicht. Und stirbt ein Gottgläubiger Mensch, ja, erleidet er „nur“ einen Gehirntod kann er nicht mehr glauben also ist auch für ihn Gott tot.

Für mich belegt die Vielfalt der Religionen und ihres Wandels in der Menschheit in Geschichte und Gegenwart, dass der Glaube an Gott ein Werk der menschlichen Kultur ist. Nur so findet die Absurdität eine Erklärung, dass im Namen sogar des  gleichen Gottes – sei das der Christengott, der islamische Gott  Allah oder der indianische Manitu – die Gläubigen um ihres Glaubens willen einander umbringen. „Gott ist mit uns“ lautete eine Parole der an Kriegen reichen Geschichte der Christen. Eine Sendung über Israel und die Geschichte der Siedlungen in Palästinensergebieten zeigte in erschreckender Deutlichkeit, dass die Siedler und ihre Gegner in Israel sich jeweils auf die gleichen religiösen Schriften berufen. Auf Schriften also, die eben genau meiner Position, der Erfindung Gottes durch Menschen, empirischen Gehalt geben.

Bis in unsere Zeit hinein „erscheint“ einem Menschen eine Vision, phantasiert er sich einen „göttlichen Auftrag“  und findet bei anderen Menschen Anhänger, die an diese Erscheinung oder diesen Auftrag glauben. Eine Erklärung für diese Phänomene kann nur der  jeweilige Mensch selbst geben. Er glaubt eben daran: also ist es für ihn eine Wirklichkeit. Alles, was ihm nun wiederfährt, wird er von dieser geglaubten Wirklichkeit her – im Grunde ein Widerspruch in sich – erklären. Menschen, die in dieser Weise „glauben“ sind verführbar. Das Ausmaß der Absolutheit, mit der ein Mensch die jeweiligen Glaubensinhalte, ihre Gebote und Verbote lebt, kann hin zu einer ideologisch bestimmten Wahrnehmung der Wirklichkeit führen bis hin zu dem, was wir heute als „Fundamentalismus“ bezeichnen. Häufig begnügen sich derartige Fundamentalisten damit, ihren „Glauben“ in Gemeinschaften zu leben, die ihren sozialen Umwelten keinen Schaden zufügen, so, wie wir das im Christentum von den  Ordensgemeinschaften aber auch von Sekten her kennen.

Doch wehe, wenn eine Ideologie wie das Christentum in Menschen die Vorstellung auslöst, sie müssten dafür sorgen, dass Menschen, die diese Ideologie nicht kennen, nicht kennen wollen oder eine andere haben, ihre übernehmen müssten. Wenn also jemand, der nicht an ihren Gotte glaubt, dazu gezwungen werden soll. Dieser missionarische Wahn, der in vergangenen Jahrhunderten tatsächlich „mit Feuer und Schwert“ verbreitet wurde ist noch heute nicht ausgestorben. Noch immer gibt es derartige Ideologien, deren Kennzeichen ist, dass mit ihrem Absolutheitsanspruch ein missionarischer Auftrag verbunden ist. In den ehemaligen sozialistischen Staaten wie der DDR zum Beispiel, fanden diese missionarischen Elemente der Ideologie in den „Agitprob“ - Abteilungen der Parteien (Agitation und Propaganda) ihren organisatorischen Niederschlag.

 

Babette Maier war eine sehr gläubige Stuttgarter Jüdin.“Der liebe Gott, der uns aus der furchtbaren Bedrängnis unseres einstigen Vaterlandes geführt hat, wird uns auch hier nicht verlassen…“ schrieb sie am 16. November 1940 vom Lager Gurs aus an ihre in England lebende Tochter. Und in ihrer letzten Karte von September 1942  schreibt sie: „…Der Allmächtige sei mit Euch und Eurer unglücklichen Mama…“.

Am 16. September wird sie mit dem Transport Nr. 33 vom Durchgangslager Drancy in Paris nach Auschwitz gebracht. Dort gehört sie vermutlich zu jenen, die gleich nach ihrer Ankunft in die Gaskammer getrieben wurde.

(Bernd Serger In: Badische Zeitung v. 16.10.2010, Magazin, S.I und II. Vgl. dazu auch www.konnotat.de)

Niemand wird je erfahren, was die damals sechsundvierzigjährige Frau bei ihrem letzten Gang gedacht hatte. Wahrscheinlich rief sie Gott an, als sie in der Gaskammer war. Gedankt für ihr Schicksal hat sie ihm sicher nicht. Und zu der Erkenntnis, dass ihr Glaube – und damit ihr Gott - sie nicht vor Deportation, Lagerhaft und gewaltsamen Tod bewahrte, hatte sie sicher nicht zu der Erkenntnis geführt, dass alles ein Missverständnis war. Immerhin mag ihr der Glaube Tröstung vermittelt haben. Insofern erfüllte er eine wichtige Funktion in ihrem, wie in sehr vieler Menschen Leben, die sich so umschreiben lässt: es ist Gottes Wille; er wird schon wissen, warum mit das passiert; und ich habe  die Tröstung, dass dereinst im Himmel alles besser wird.

Damit sind drei ganz zentrale Funktionen von „Glauben an Gott“ angedeutet:

1.      Gott, der Herr über Himmel und Erde, leitet auch mein Leben und trägt die Verantwortung für alles, was mir geschieht.

2.      Gott allein weiß die Antworten auf meine Fragen nach den Ursachen meines Schicksals

3.      Gott nimmt mich nach meinem Tode zu sich. Bei ihm kann ohne alle Schmerzen und Leiden ein glückliches „ewiges“ Leben führen.

 

Es sind diese Funktionen, die all jenen,  und nur diesen Personen,  Sinn für ein Leben mit "Glauben" stiften.

 

 

 

 

 

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