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Dr. Joachim Rumpf

Schriften zur Erziehung und Bildung


Werte und Normen in der Erziehung

Eine Einführung

 

Als ich an einem Oktobertag 2005 in der Sendung "Aula" des Zweiten Programms des SWR im Vortrag von Burkhart Spinnen hörte, dass nach seiner Überzeugung der Geburtenrückgang in der Generation unserer Kinder damit erklärt wird, dass uns die Werte verloren gegangen seien, dachte ich mir, dass es an der Zeit ist, hierzu etwas zu sagen. Entgegen aller entsprechenden Behauptungen in den Medien, beziehungswiese in den von diesen transportierten Vorstellungen von Politikern, Wirtschaftlern oder Kulturschaffenden, - sind keinswegs unsere althergebrachten Wert- und Normvorstellungen verschwunden.Sie sind in jedem von uns lebendig und jeder von uns bemüht sich darum, sich in seinem eigenen Leben an ihnen zu orientieren. Sie sind nach wie vor "die beherrschende Kraft im Leben und die ganze Kraft einer Person ist auf die Realisierung ihrer Werte gerichtet" hielt Gordon W. Allport , der Mitbegründer der "Humanistischen Psychologie", fest. (Gestalt und Wachstum in der Persönlichkeit. Meisenheim 1970, S. 535)

 

 

Darum behaupte ich:

Wir kennen alle jene Normen und Werte, die uns von unseren Eltern und anderen Vorfahren überliefert wurden und Eingang fanden in Verfassungs- und Rechtsvorstellungen.
Ich zweifle nicht daran,
Dass es viele Menschen unter uns gibt, die viele der Werte und Normen, die sie kennen und bejahen, nicht immer und in allen Lebenslagen selbst leben oder vorleben können oder wollen. Und ich meine, dass es hinreichend Belege dafür gibt, dass es in unserer Geschichte derartige "Werteverluste"
gab. Dennoch fühlt sich jeder von uns an die Wertvorstellungen gebunden, die er sich im Prozess von Erziehung und Bildung angeeignet hat und die ihm sagen, was gut und richtig ist oder schlecht und falsch.

 

 

Wer von einem "Werteverlust" spricht, sollte sich also vor Verallgemeinerungen hüten und genau sagen, welche er und in Bezug auf welche Menschengruppen sie/er den Verlust sieht.
Das hat übrigens Burkhard Spinnen in seinem Vortrag auch getan. Dennoch halte ich es für sinnvoll, sich vor Augen zu führen, dass auch die Werte "Solidarität" und "Religiosität" - Spinnen sprach von "Gott" - noch weit mehr verbreitet sind, als es zum Beispiel die Anzahl von Kirchensteuerzahlern oder Kirchgängern vermuten lassen.
Das habe ich so erfahren. Und darum will ich darüber berichten.

Und noch eine Anmerkung zum Werteverständnis:
Wert ist nicht gleich Wert. Das ist lange bekannt und in den Begriffen "Primärtugenden" und "Sekundärtugenden" wird das auch deutlich. Am Beispiel von Umfrageergebnisse, die in einem Anzeigenblatt in unserer Region im Juni 2007 veröffentlicht wurde (WOM Die grosse Wochenzeitung. Waldshut Nr. 26), lässt sich das ganz gut veranschaulichen."Ehrlichkeit und nicht aufgesetzte Freundlichkeit" wurden als "wichtigste Werte" bezeichnet. Auch "Toleranz" und "gegenseitige Achtung" wurden genannt. Diese und "Ehrlichkeit, Aufrichtigkeit, Verlässlichkeit" rangieren eindeutig vor Freundlichkeit, Anstand oder Höflichkeit.

Gerade die Letztgenannten gehören zu der Katagorie der "Sekundärtugenden". Pünktlichkeit, Ordnung, Sauberkeit sind noch solche Sekundärtugenden. Ich möchte sie "Werte zweiten Grades" nennen. Sie sind zwar für das menschliche Zusammenleben aber auch im Arbeitsprozess, beim Sport oder im Verkehr wichtig und ein hoher Wert. Dennoch rangieren andere, der ebenfalls genannten Werte noch vor ihnen: im Lebensalltag und in unserem Verständnis.




 

 

Auf dieser Einführungsseite erfahren Sie, liebe Besucherin, lieber Besucher, etwas darüber, wie ich zu den Wertvorstellungen kam, die zur Zeit bei Eltern und Berufserziehern lebendig sind und welche Normen und Werte das sind.

Die weiteren Ausführungen habe ich Texten für die Elternbildung entnommen, die ich geschrieben und den Elterngesprächskreisen in unserem Landkreis auf Wunsch zur Verfügung stellte, die aber (noch) nirgendwo gedruckt veröffentlicht wurden.
Aus diesem Buch entnehme ich die Ausführungen über allgemein gültige Wertvorstellungen , über die Treue als Beispiel für einen zeitlos gültigen Wert und ich habe aufgeschrieben, wie wir Werte vermitteln und sich das Gewissen von Kindern herausbildet.

 

 

Unsere Werte und Normen 

 

In allen Veranstaltungen, zu denen auch Familienwochenenden gehörten, wurde allen  Müttern und Vätern oder Erzieherinnen und Erziehern, Lehrerinnen und Lehrern zum Auftakt die gleiche Bitte vorgetragen: „Schreiben Sie jeweils höchstens zehn Tugenden bzw. Eigenschaften auf, die für sie persönlich die wichtigsten in ihrem Leben sind und die sie ihren Kindern vermitteln wollen.
Diese Aufzeichnungen wurden in rasch gebildeten Kleingruppen sogleich ausgewertet und gemeinsam zu einer Rangfolge geordnet. Stets waren alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer gespannt darauf, wie denn unsere Werte und Normvorstellungen aussehen; welche jede/r von uns an den Anfang stellt, wenn sie/er darüber nachdenkt. Die am häufigsten genannten Werte werden hier aufgelistet:
:

 

1. PlatzEhrlichkeit
2. Platz Treue, Verlässlichkeit, Glaube/christl. religiöse Werte
3. Platz Toleranz, Hilfsbereitschaft
4. Platz Liebe, Nächstenliebe, Umweltschutz
5. Platz Offenheit, Gleichberechtigung

Auch in den anschließenden Gruppengesprächen, in denen sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer auf eine Rangfolge Ihrer Werte einigten, stand die Ehrlichkeit ganz oben an, gefolgt von Treue und Liebe/Nächstenliebe. In einer Veranstaltung stellten die teilnehmenden Eltern Menschenwürde, Freiheit, Selbstwertgefühl und Gleichberechtigung ins Zentrum und ordneten ihnen andere Tugenden wie Ehrlichkeit, Zuverlässigkeit, Verlässlichkeit, Toleranz, Hilfsbereitschaft, Kompromissfähigkeit und Achtung vor Eigentum zu. Dieses „Recht auf Eigentum“ rangierte in zwei weiteren Gruppen ganz an der Spitze. Auf den Rangplätzen 6 bis 10 fanden sich
Zuverlässigkeit
Bewahrung der Schöpfung,
Menschenwürde,
Sploidarität,
Bescheidenheit / Sparsamkeit / Konsumverzicht

 

Hinzu kamen unter anderem Nennungen wie Zufriedenheit, Freude an Kleinigkeiten, Verständnis, Rücksichtnahme, Zivilcourage und Fröhlichkeit.

Aber auch Tugenden wie "Ordnung", Pünktlichkeit und Sauberkeit wurden immer wieder genannt.

Das also sind die Werte und Normen, die Eltern und Berufspädagogen in meinen Veranstaltungen zuerst in den Sinn kamen, wenn sie danach gefragt wurden.

 

 

Anmerkung hierzu:
Gelegentlich werden Umfrageergebnisse zu zur Zeit geltenden Wertvorstellungen in unserer Bevölkerung von demoskopischen Instituten veröffentlicht, wie zum Beispiel die vom Allensbacher Institut für Demoskopie. Wenn auch diese wissenschaftlichen Unternehmungen "sauber" arbeiten, und sorgsam ihre Stichpropen nach allen Regeln statistischer Kunst auswählen und zweifellos auch die gestellten Fragen - sei es im Auftrage oder aus eigenem Interesse - eine allgemeine gesellschaftliche Relevanz besitzen, so sind Fragemotive, Fragestellung und Befragungssituation ganz andere. Vielleicht richten die Allensbacher an Eltern und Berufspädagogen auch einmal die gleiche (offene) Frage, mit der ich meine Veranstaltungen einleitete. Wahrscheinlich wäre das Ergebnis dann auch sehr ähnlich.

Dieser Annahme bestätigte eine Zeitungsmeldung am 29. Juni 2011 (Badische Zeitung, S. 5) in der über die Ergebnisse einer Umfrage des Kölner Meinungsforschungsinstituts You-Gov zur Werteskala bei Poltikern und in der Bevölkerung berichtet wurde. Danach stünden bei  deutschen Parlamentariern der Wert "Ehrlichkeit" bei 38 Prozent der Befragten an der Spitze. Bei den Bürgerinnen und Bürgern stellten 60 Prozent diese Tugend ganz oben an. Bei diesen folgen mit je 22 Prozent jeweils Treue und Zuverlässigkeit in der Werteskala.
Vgl. dazu auch: http://www.yougov.de/news/2011/06/29/werte-deutschland-ehrlichkeit-der-spitze/

Diese Wertestudie hatte Frau Susanne Schöpe angeregt und im Frühjahr 2011 durchgeführt. Aus der Fülle der Ergebnisse und Vergleiche hier die Tabelle mit den am häufigsten genannten Werten der Befragten:

werte

Ehrlichkeit, Treue und Zuverlässigkeit rangieren auch hier an der Spitze. Dass den befragten Bürgerinnen und Bürgern auch "Sekundärtugenden" wie Höflichkeit, Respekt, Ordnung und Bescheidenheit durch den Kopf gehen lässt vermuten, dass sie die entsprechenden Tugenden gern gefördert wissen wollen.

Wie sie gelernt werden können, wird weiter unten auf der Seite über die Wertevermittlung noch ausgeführt



 


 


Zum Thema "Werte und Normen" gehört auch das Problem der doppelten Moral, dem einige Überlegungen gewidmet sind.

© Dr. Joachim Rumpf
zuletzt überarbeitet: 30.06.2011


 

 

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