Dr. Joachim Rumpf

Aufsätze zur Pädagogik


Werte und Doppelmoral

Über den Unterschied zwischen gültigen und gelebten Werten

 


Es ist wichtig, sich vor Augen zu halten, dass sich die Wertvorstellungen, die viele von uns haben und die sich in Übereinstimmung mit der Verfassung befinden, nicht mit der Lebenswirklichkeit decken. Nicht einmal gültiges Recht stimmt mit der Verfassung überein und muss oft vor dem Verfassungsgericht eingeklagt werden. Und in unserem Alltag finden wir eine Fülle von Beispielen, wo sogar Recht und Gesetz - auch von hierfür Verantwortlichen - mit Füßen getreten werden. Nicht also die Werte und Normen sind verloren gegangen, sondern wir finden sie in der zwischenmenschlichen Begegnung, in den Schulen, in unseren Arbeitsbedingungen oder im wirtschaftlichen und politischen Leben nicht wieder.
Gerade am Morgen des 17.11.2006 wurde im "Journal am Morgen" des SWR 2 mit einem Wirtschaftsethiker die Zunahme an Bestechungsaffären und ähnlichen kriminellen Delikten in den Chefetagen deutscher Unternehmungen erörtert. In Massenmedien, wie zum Beispiel in bestimmten Filmen oder bei bestimmten Fernsehsendern werden sogar die Gebote von Menschenwürde und Gleichberechtigung und Gleichwertigkeit unübersehbar verletzt, Rollenklischees vermittelt beziehungsweise verfestigt. Gerade an diesen Beispielen wird überdeutlich, wie groß die Einflüsse sein können, die die geheimen Miterzieher ausüben. Im Kapitel zur Übereinstimmung in der Erziehung haben wir erfahren, wie bedeutsam Einflüsse von Außen - die "Exosysteme" - denen wir dann hilflos ausgeliefert sind, wenn wir keine Möglichkeit haben, über sie zu verfügen. Einen Fernseher können wir abstellen - dealenden Jugendbanden vor den Schulhöfen aber kommen wir ebenso wenig bei, wie lügenden Politikern. Nachrichten und Zeitungsmeldungen lassen uns fast täglich zu Ohren- und Augenzeugen von Verfehlungen aus den Sphären unserer sogenannten "Machteliten" in Gemeindevertretungen bis hin zu Regierungsvertretern oder in Wirtschaft und Sport werden. Während die einen immer unverhüllter und rücksichtsloser auf die Zunahme von Macht und Reichtum setzen, wird ein immer größerer Anteil der Bevölkerung immer ärmer, wie uns der Armutsbericht der Bundesregierung aus dem Jahre 2006 zeigte. In Bezug auf ihre wirtschaftliche Existenz werden viele Familien in Unsicherheit und Angst versetzt und obendrein noch für die Misere verantwortlich gemacht. Dann ist die Arbeitskraft ist zu teuer, die Soziallasten sind zu hoch oder die Arbeitslosen sind allesamt Faulenzer. Stattdessen werden Werte wie "Solidarität" oder "Solidargesellschaft" in Frage gestellt oder gar faktisch ausgehöhlt. Doch in vielen Fällen sehen wir die Gefahren für unsere Werteerziehung im Familienalltag nicht so sehr in dem was aus Fernsehern und Zeitungsmeldungen kommt, sondern eher in der Erfahrungswelt unserer Kinder, die nicht die eigene Familie ist.

 

Dass sogar Religionsgemeinschaften einen Beitrag zu doppelter Moral leisten können und damit unglaubwürdig ja sogar für das Zusammenleben in Gesellschaften und Völkern lebensbedrohend werden können, dass hat uns die Geschichte religiös motivierter Kriege bewiesen.

Noch heute treten religiöse Fundamentalisten in West und Ost ihre eigenen Werte von Frieden und Mitmenschlichkeit mit Füßen, wenn es um die Verbreitung eigener Weltanschauungen geht.

Dass nicht allein der islamische Fundamentalismus diese "Doppelmoral" lebt, sondern auch christliche Kreise in den USA mit aggressiver Intoleranz Andersdenkende (zum Beispiel Atheisten) verfolgen, das wies am 29. 09. 2007 ein Bericht aus den USA in den Abendnachrichten des Schweizer Fernsehens mit erschreckender Deutlichkeit nach. Auch im Lande der "Freiheit" kann die Freiheit des Einzelnen - wenn es um religiöse Haltungen geht - ebenso eingeschränkt sein, wie in jenen Staaten, in denen eine bestimmte Weltanschauung gleichsam zur "Staatsreligion" erhoben wurde und damit zum integrativen Bestandteil einer Staatsform wurde, die wir als Totalitarismus kennen.

Die doppelte Moral totalitärer Staaten und Gesellschaften ist in Geschichte und Gegenwart offensichtlich: Sie verkünden Frieden, Gerechtigkeit und Freiheit - aber sie rüsten auf, führen Kriege und verfolgen und diskriminieren Andere, töten sie sogar, wie uns in diesen Tagen am Beispiel Burmas wieder vor Augen geführt wird.

 


In einem Bereich unseres Lebens aber tragen wir selbst dazu bei, Wertvorstellungen zu vermitteln, die die meisten von uns eigentlich gar nicht vermitteln wollen oder aber gar nicht als einen Wert erkennen können. Gemeint ist der Konsum materieller Güter, der für unsere Kinder zu einem Wert wird, wenn wir uns mehr oder weniger bewusst am "Konsum" als Lebenszweck orientieren. Die in der Zeit Ludwig Erhardts, des früheren Wirtschaftministers und maßgeblichen Gestalters des nachkriegsdeutschen "Wirtschaftswunders" verkündeten Tugenden von Bescheidenheit und "Maß-halten" gingen verloren und mündeten in gründlich veränderte Konsumorientierungen als einem weiteren Komplex verunsichernder Lebenssituationen. Beeinflusst von einer gigantischen Werbeindustrie und geduldet bis gefördert von der Politik, haben sich Orientierungen in unserer Kultur verändert. In völliger Verkennung der Grundbedürfnisse des Menschen, insbesondere der Heranwachsenden, werden Haltungen, Befindlichkeiten und Gegenstände als erstrebenswert dargestellt, die weder Lebensglück noch Lebenssinn stiften. In unseren Kindergruppen führen derartige Suggestionen dazu, dass die Marke eines Schulranzens oder das Etikett auf einer Hose darüber entscheiden, ob ein Kind sozial akzeptiert oder geächtet wird.

In einer Kultur, in der das "Haben" oder der "Schein" mehr bedeuten als das "Sein" (Vgl. dazu u. a.: Erich Fromm: Haben oder Sein. Die seelischen Grundlagen einer neuen Gesellschaft. In: Gesamtausgabe Bd. II. Analytische Charaktertheorie. Stuttgart 1980, S. 269-414) werden pädagogische Prozesse dann belastet bis unmöglich, wenn die Wertorientierungen der Schülerinnen und Schüler und deren Eltern einerseits und der Erziehenden und Unterrichtenden andererseits soweit auseinander treten, dass sie gemeinsame Übereinkünfte ausschließen. Dies ist sicher noch nicht allgemein und überall der Fall. Den entsprechenden Entwicklungen aber ist im Interesse einer Werteerziehung Widerstand entgegenzusetzen. Eine gemeinsame Wertorientierung als Grundlage von Grenzsetzungen kann nur vor Ort, in einer Gemeinde, im Einzugsbereich eines Kindergartens oder einer Schule und gemeinsam von Berufspädagogen und Eltern mit Aussicht auf Erfolg geschaffen werden.

Damit sind wir wieder bei der Erkenntnis, dass sich Veränderungen in Einstellungen und Verhalten, die wir Eltern für sinnvoll halten, am ehesten in den von uns beeinflussbaren sozialen Räumen möglich ist. Gemeinsame Wertvorstellungen sind vorhanden, gelegentlich aber verschüttet. Eltern, Erzieherinnen und Erzieher und Lehrerinnen und Lehrer müssen darüber ins Gespräch kommen! Kinder brauchen nicht nur Verlässlichkeit in zwischenmenschlichen Beziehungen. Sie müssen sich darauf verlassen können, dass wir Erwachsenen ehrlich und eindeutig sind.

Wenn aber in einer Familie die nach Außen gezeigten Verhaltensweisen von maßgeblichen Familienmitgliedern, in der Regel also Mutter oder Vater, nicht mit den nach Innen gelebt übereinstimmen, kommen Kinder in erhebliche Gewissensnot. Allein, wenn sie ausgesprochen oder unausgesprochen der Erwartung der Eltern ausgesetzt sind, ja nichts über die Nöte innerhalb der Familie nach Außen dringen zu lassen, hat ein Kind schon Probleme. Wenn es aber einander widersprechende Wertvorstellungen erlebt, droht, die Orientierung verloren zu gehen.

Hier ein Beispiel, wie es nicht sein sollte:



Herr Ypsilon ist Mitarbeiter in einem größeren Immobilienunternehmen. Er handelt mit Häusern und Wohnungen, vermittelt, verkauft vermietet, schließt oder kündigt Verträge und berät auch in Finanzierungsfragen. Bei den Inhabern seiner Firma, bei seinen Chefs also, erfreut er sich eines hohen Ansehens, weil er tüchtig und unermüdlich tätig ist. Er bringt auch Immobilien in schlechter Lage oder unbefriedigendem Zustand zu einem guten Preis an den Mann, weil er gut reden und überzeugen kann. Seine Kollegen sagen von ihm - je nach Einstellung bewundernd oder abwertend: "er kann seinen Kunden ein X für ein U vormachen ..." "der hat noch alle über den Tisch gezogen...".

 

 

Tüchtigkeit, Fleiß und Erfolg können im Beruf also zwei Seiten haben: eine gutartige und eine bösartige. Es kann, etwas zugespitzt, gesagt werden: Weil Herr Ypsilon es schafft, Kunden "über den Tisch zu ziehen" oder "übers Ohr zu hauen" (bösartige Seite), wird er bei seinen Vorgesetzten geschätzt und verdient, das versteht sich von selbst, auch viel Geld; er hat in deren Verständnis Erfolg, weil er tüchtig und fleißig ist (gutartige Seite).
Nun gehören aber derartige schlitzohrige Verhaltensweisen nicht zu den erstrebenswerten menschlichen Eigenschaften, wenn man sie unter moralisch-wertenden Gesichtspunkten betrachtet.

Schauen wir noch auf andere Seiten dieser Existenz: Der beruflich tüchtige Herr Ypsilon ist seit über zehn Jahren Leiter eines Kirchenchores und genießt in seiner Gemeinde ein hohes Ansehen. Er hat dem Chor zu anerkannt guten Leistungen geführt - nicht zuletzt darum, weil der Probenbesuch der Sängerinnen und Sänger sehr regelmäßig ist. Die Frauen und Männer kommen sehr gern, weil Herr Ypsilon als ein höflicher, freundlicher und musikalisch kompetenter Mann, sehr beliebt ist. Er verfügt also über viele gute Eigenschaften.

Niemand in der Gemeinde aber weiß, dass seine Frau sehr leidet. Daheim hängt er den Macho raus und seine Frau hat nichts zu sagen. An ihr lässt er seine schlechte Launen ab, macht abfällige Bemerkungen über ihr Aussehen und ihr Verhalten, erwartet, dass sie ihm dient und kann, wenn er meint, Grund zur Eifersucht zu haben, sehr ausfällig und gemein werden. Darunter leiden aber die beiden Kinder. Sie wissen, weil sie es täglich gesagt bekommen, wie tüchtig ihr Vater ist, wie er materiell für die Familie sorgt und erfahren von Anderen, dass er angesehen ist in der Gemeinde. Sie möchten gern stolz sein auf ihren Vater.

Andererseits sehen sie ja, was daheim los ist. Sie müssen nicht selten sogar ihre Mutter trösten, wenn sie wieder einmal vom Vater diskriminiert wurde. Bei diesen beiden Kindern, zwei Mädchen im Alter von acht und zehn Jahren fiel auf, dass sie nicht auffielen.
Dieser Widerspruch soll darauf, hinweisen, dass auch sogenanntes "überangepasstes Verhalten" also das ängstliche Vermeiden jeder Auffälligkeit, ein Hinweis darauf sein kann, dass daheim irgend etwas nicht stimmt.

Da aber das Ehepaar in der Gemeinde hoch angesehen ist, haben sie doch ein schönes Haus, fahren ein teures Auto und engagieren sich in der Kirche, möchte die auch die Mutter nicht an der Fassade kratzen lassen. Sie tritt bescheiden und freundlich nach Außen auf. Niemand soll merken, dass ihr Mann nicht überall so ist, wie er erlebt wird. Sie vertritt die Familie in der Schule und sorgt auch dort dafür, dass niemand ahnt, dass es "unter der Decke" brodelt. Es vergeht kaum ein Tag, an dem sie ihre Töchter nicht ermahnt, niemandem zu erzählen, dass der Papa "so ist".
Und den Leuten, denen der Familienvater im Zusammenhang mit seiner Tätigkeit schadete, die haben juristisch nichts in der Hand und außerdem nicht mit ihm, sondern mit seiner Firma zu rechten.

 


Dieses Beispiel zeigt, wie schwierig es ist, einen Menschen und seine Familie richtig einzuschätzen.. Darum sollten wir die Bewertung anderer Personen abhängig machen von unserer Kenntnis ihrer tatsächlichen Verhaltensweisen in möglichst allen Lebenszusammenhängen. Da wir das in den allermeisten Fällen vermutlich nicht erfahren können, ist äußerste Zurückhaltung oder gar der Verzicht auf Bewertungen immer noch die beste Norm.
Dieses Beispiel aber zeigt uns zugleich den Zwiespalt, in dem wir gelegentlich hineingeraten. Im Grunde müssten wir von schizophrenen Verhaltensweisen sprechen, wenn sich ein Mensch in einem Lebensbereich ganz anders verhält oder verhalten muss, als in einem anderen.
Eine das pädagogische Denken maßgeblich beeinflussende Bewegung, die wir heute als Jugendbewegung und die Reformpädagogik bezeichnen, hatte sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts von der Verlogenheit der bürgerlichen Welt abgewandt und suchte neue Lebensformen, in denen bewusst die christlich-humanistischen Wertvorstellungen gelebt werden sollte. Auch die heute viel geschmähte 68-Bewegung strebte unter anderem an, dass sich die Menschen in Deutschland nicht mehr in die eigene Tasche lügen, sondern zum Beispiel endlich anfangen sollten, sich mit ihrer Geschichte offen und ehrlich auseinanderzusetzen, statt so zu tun, als wäre der Hitlerfaschismus ein Betriebsunfall weniger Irrer gewesen an dem das deutsche Volk keinen Anteil hatte.
Die Kritik an der Doppelmoral in der Gesellschaft und bei jedem einzelnen von uns ist also schon alt.

 

 

Die Schlussfolgerungen aus diesen Betrachtungen sind eigentlich recht einfach: Wer eine Doppelmoral im Umgang mit und in der Bewertung von Mitmenschen nicht wünscht, muss darauf achten und selbst entsprechende Verhaltensweisen und Äußerungen vermeiden. Offenheit und Ehrlichkeit sind zum Beispiel jene Werte, die - wenn sie denn gelebt werden - jeder Doppelbödigkeit im Wege stehen. Es sind zudem jene Werte, die sowohl bei Politikern wie bei der übrigen Bevölkerung in der Bundesrepublik jüngsten Umfragen zu Folge an der Spitze liegen (vgl. You-Gov - Umfragen vom April 2011)

Und was in pädagogischen Prozessen beziehungsweise im Umgang mit unseren Mitmenschen zu beherzigen ist, das wird auf der Seite "Werte vermitteln" erörtert.

© Dr. Joachim Rumpf
zuketzt überarbeitet: 10.08.2011

 

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