Schriften zur Erziehung und Bildung im WWW
von Dr. Joachim Rumpf

 

Es geht auch ohne schwänzen

Hilfe für Schulverweigerer

 

 

1.
Schule schwänzen und Schulverweigerungen nehmen zu und machen der Kultur- und Sozialpolitik zu schaffen. Jugendliche, die nicht in die Schule gehen, müssen sich nach einem anderen Zeitvertreib umschauen. Ein Drittel von ihnen begehe Straftaten, sagte der brandenburgische Innenminister Schönbohm und schlug vor, die Straftäter mit elektronischen Fußfesseln zu überwachen . In anderen Regionen versucht die Staatsgewalt mit anderen Mitteln, die Schulschwänzerei einzudämmen. In Karlsruhe soll sich die Polizei um Schulschwänzer kümmern, wenn sie junge Menschen, die offensichtlich noch schulpflichtig sind, vormittags in der Stadt antrifft. In Bremen wollte man den Eltern das Kindergeld kürzen und in Berlin werden Geldstrafen verhängt. Inzwischen gibt es Forschungsarbeiten, die sich diesem Phänomen widmen und Arbeitstagungen, auf denen sich Sozialwissenschaftler, Schulpädagogen, Sozialpädagogen und Schulverwaltungsbeamte darüber Gedanken machen, wo die Ursachen für die Zunahme der Schwänzerei liegen und welche pädagogischen Strategien geeignet sein könnten, um die betroffenen Mädchen und Jungen zu regelmäßigem Schulbesuch zu bewegen. Über die Ursachen für die Verweigerung von schulischen Leistungen, von Schulversagen bis hin zum gänzlichen Ausstieg liegen mehrere Untersuchungen vor, von denen die aktuellste und sehr gründliche die von Karlheinz Thimm ist. Bei allen Vorbehalten und Differenzierungen, die Thimm bei der Frage nach den Gründen sieht, weist er dennoch im Rahmen seines multiperspektivischen Erkläransatzes der "Familiengeschichte, -Struktur und -Dynamik" einen zentralen Platz ein. (Thimm, S.129ff und 522) . Außerdem verstärken die Einflüsse von Freundesgruppen bzw. Cliquen und unter bestimmten Voraussetzungen und nicht zuletzt die Schule selbst Verweigerungstendenzen. Wenn aber die Familie einschließlich dem sozialen Umfeld als ein Ursachenkomplex in einem konkreten Fall nachgewiesen ist und auch noch die Lernmotivation beeinträchtigende Bedingungen aus der Schule, die der betreffende Minderjährige besucht, hinzukommen, dann bietet sich doch die Überlegung an, ob nicht eine Veränderung oder Wechsel dieser sozialen Umwelten Hilfen sein könnten. Im Abschnitt "Konzepte und Strategien bei Unterrichtsverweigerung" (Thimm, S. 544 ff) aber finden sich diese Möglichkeiten nicht. Ich halte dagegen fest:
Schulverweigerungshaltungen, die auf Problemlagen in Familien und deren Umfeld zurückgeführt werden können, müssen auch dort bearbeitet werden. Dem Hilfekatalog im Jugendhilfegesetz folgend sind das ambulante Hilfsangebote nach den §§ .29 bis 32.
Ein Wechsel des sozialen Umfeldes - also die Erziehung und Bildung außerhalb der Herkunftsfamilie - ist unter bestimmten Voraussetzungen ebenfalls vorgesehen. Zu ihnen gehören die Angebote von Pflegeeltern (§ 33) und die stationären Hilfen (§ 34).
In meinem Beitrag möchte ich Auskunft darüber geben, ob und in welchem Ausmaß die Hilfen außerhalb der eigenen Familie nach § 34 KJHG geeignet sind, die Schulverweigerungshaltung zu beeinflussen. Weil mir Informationen darüber fehlen, werden die Auswirkungen anderer Hilfeformen auf das Schulbesuchsverhalten nicht dargestellt. Dies wären noch zu leistende und sicher sehr lohnende Evaluationsstudien über zum Beispiel die Arbeit von Familienhelfern und oder von Pflegefamilien.

 

2.
In einem Referat über das Normensystem in Erziehungsheimen, das ich während meiner Lehrtätigkeit an der PH in Freiburg im Sommersemester 1976 hielt, findet sich schon damals die folgende Feststellung:
"Der Schulbesuch ist selbstverständlich. Schulschwänzen - oft erhebliche Einweisungsursache - fällt einfach weg. Es gibt bei den ehemals notorischen Schwänzern (wie z. B. … hier folgen die Namen zweier Buben) anfangs schon mal ein oder zwei Anläufe. Dann hört das aber einfach auf…."
Weil ich vor meiner Heimerziehertätigkeit, die 1973 begann, Lehrer an staatlichen Schulen war, und mir die Probleme mit der Schwänzerei, vertraut waren, fielen mir diese quasi automatische Verhaltensenderungen auf.

Es gibt Belege für meine Annahme, dass sich für die überwiegende Zahl der Kinder, die in Heime aufgenommen wurden, die Entwicklung - gemessen an einigen vergleichbaren Normen wie Schul- und Berufsabschlüsse - günstiger gestaltete, als es ohne diese Hilfeform bei diesen Kindern der Fall gewesen wäre . Jürgen Blandow vermutet, dass trotz aller prinzipiellen Beschränkungen, denen eine Sozialisation in öffentlicher Erziehung unterworfen ist, sie den einzelnen Kindern dennoch "Besseres bieten kann, als es ihre Familien konnten" . In Bezug auf das Thema "Schulverweigerung" trifft das zweifellos zu.

Ich berichte aus einem Heim, das mit 36 Plätzen und 4 Plätzen in zwei Erziehungsstellen heute inzwischen schon zu den größeren Einrichtungen gehört. Dieses Heim gibt es - als Jugendhilfeeinrichtung - seit Ende 1968. Zwischen 1969 und 2002 wurden 268 Mädchen und Jungen dort entlassen. Das Durchschnittsalter bei der Heimaufnahme betrug 11 Jahre 4 Monate. Alle Mädchen und Jungen besuchten Schulen außerhalb dieses Heims. Nur zwei Kinder waren bei der Heimaufnahme noch nicht schulpflichtig; sie kamen 1969 und 1970 gemeinsam mit ihren Geschwistern in die Einrichtung. Bei allen anderen war die Schule als diagnostizierende Instanz im Zusammenhang mit der Begründung der Hilfen maßgeblich beteiligt. Zu den am häufigsten genannten Auffälligkeiten wurden von den Schulen Schulschwänzen (65%) und Leistungsverweigerung (51%) genannt. . Vor allem seit den siebziger Jahren, haben schulische Probleme in den Begründungen für eine Heimunterbringung einen immer größeren Stellenwert eingenommen . Die Anteile, die die Schule selbst am Entstehen oder der Verstärkung von Schulvermeidungsverhalten hatte, werden ganz selten thematisiert. Bei ausnahmslos allen Kindern aber waren es Situationen bzw. Problemlagen in den Familien, die Jugendhilfemaßnahmen herausforderten. In all jenen Fällen, in denen die Ursachen von Schulschwänzen in desolaten Familienverhältnissen zu suchen sind und den Eltern nicht geholfen werden kann, ist eine Hilfeform außerhalb dieser Familie für ein Kind der zweckmäßigste Weg.

Zur Illustration ein Beispiel aus jüngster Zeit. In der dem Antrag auf Erziehungshilfe nach § 34 KJHG beiliegendem Schreiben der Schule heißt es:

"… Dieters Mitarbeit im Unterricht hielt vormittags oft nicht lange an. Bei entsprechenden Themen konnte er durchaus interessiert und qualifiziert mitarbeiten. Seine Fehlzeiten im Unterricht häuften sich. Als sein Vater erkrankte und lange Zeit nicht mehr im Hause war, fehlte ihm eine häusliche Autorität. Er kam nicht mehr regelmäßig zum Unterricht. Zwangsmaßnahmen hatten keinen anhaltenden Erfolg. Durch sein häufiges Fehlen und anderweitige Interessen konnte Dieter in weiten Teilen mit dem Lernfortschritt der Klasse nicht mehr mithalten… Dieter kann aufgrund seiner Leistungsverweigerungen nicht in die Klasse 7 übernommen werden…"

Dieter kam in die siebente Klasse der öffentlichen Hauptschule, die die Heimkinder besuchen. Die Wiederholung half ihm, sich leistungsmäßig zu stabilisieren und in diesem Jahr den Hauptschulabschluss zu erreichen. In der Schule hatte er keinen Tag mehr gefehlt. Nicht einmal krank ist er gewesen Mit diesem Abschluss fand er Aufnahme in der neuen Familie seiner Mutter, an deren Wohnort er eine Lehrstelle als gefunden hatte.


3.
Jedes Kind im Heim hat seine eigene Geschichte mit einem jeweils anderen familiären Hintergrund, wie es die hier vorgetragenen Beispiele aus jüngster Zeit andeuten. Es lassen sich folgende Gemeinsamkeiten, bezogen auf das Schulbesuchsverhalten und das schulische Arbeiten von schulpflichtigen Kindern und Jugendlichen in einem Heim und bezogen auf einen Zeitraum von 35 Jahren festhalten:

3.1. Ganz gleich aus welchen Gründen die betreffenden Kinder und Jugendlichen sich weigerten, eine Schule zu besuchen, so fügten sich die meisten sofort und einige nach wenigen Versuchen ausnahmslos, in die im Heim gelebten Norm: Jeden Morgen gehen alle Kinder zur Schule.

3.2. Kein Kind musste mit irgendwelchen pädagogischen Mitteln (Drohungen, Strafen, Belohnungen) gezwungen werden, zur Schule zu gehen. Es gab aber auch keine Diskussion darüber. Im Gegenteil: die Routine half den meisten Kindern, sich nicht schon am frühen Morgen der Schule zu verweigern. Alle Kinder beherrschten die Abläufe - vom Aufstehen, Waschen. Anziehen, Betten auslegen, zum Frühstücken gehen, die Schultasche und die Sportsachen aus den "Schulfächern" nehmen, in der Garderobe Anoraks und Schuhe anziehen und hinunter zum Schulbus laufen - relativ rasch und selbständig.

3.3. Dagegen aber kam es in der Schule nicht selten zu Leistungsverweigerungen und anderen Konflikten. Die brachten den betroffenen Kindern, auch wenn sie eine Schule für Erziehungshilfe besuchten, Schulstrafen ein, die bis zu kurzfristigen Schulausschlüssen führen konnten. Die betreffenden Kinder waren dann allein im Hause. Sie erhielten zwar eine schulische Einzelbetreuung durch ihre ErzieherInnen, wofür die Lehrer Aufgaben zur Verfügung stellten, doch in den Ausgang durften sie nicht. Es gehört zur Norm in dieser Einrichtung, die von Allen strikt beachtet wird, dass die, die ihre schulischen Pflichten nicht erfüllten, das Heimgelände nicht verlassen. Darum bemühten sich die betroffenen Jugendlichen sehr um das Wohlwollen von Erziehern und Lehrern, um bald wieder zur Schule gehen zu können, da dort die anderen Gefährtinnen und Gefährten waren und es allerlei Kurzweil gab und nicht so langweilig und öde ist, wie am Vormittag im Heim.

3.4. Es kam vor, dass Kinder "abhauten". Sie taten das dann gern im Zusammenhang mit dem Schulweg. Sie stiegen also in den Schulbus ein, gingen aber an den Schulen, von denen auch einige in der nahe gelegenen Kreisstadt sind, vorbei. Die primären Motive dieser Kinder, das Heim zu verlassen, hatten jedoch nichts mit einer Verweigerung der Schule zu tun, sondern wurzelten ausschließlich in ihrer Sorge, von den Angehörigen vergessen worden zu sein oder gar im Stich gelassen zu werden. Das Verhalten dieser Kinder richtete sich gegen die Jugendhilfemaßnahme, nicht gegen den Schulbesuch. Nicht selten beendeten die Personensorgeberechtigten dann die Jugendhilfemaßnahme und nahmen die Kinder wieder bei sich auf.

3.5. Alle Mädchen und Jungen, die von den Personensorgeberechtigten nicht vorher wieder in die Familien aufgenommen wurden , erreichten während ihres Heimaufenthalts wenigstens einen Hauptschulabschluss. Das waren von den 257 Kindern 163. Oder anders gesagt: Wenn zum Ziel der Hilfen gehörte, dass ein Kind vom Heim aus einen Schulabschluss erreichen sollte, dann wurde dieses Ziel auch erreicht, wenn die Angehörigen die Maßnahme nicht von sich aus aufkündigten. Bei denen, die nach ihrem Schulende vom Heim aus noch eine Lehre absolvierten oder gar eine weiterführende Schule besuchen wollten, beobachteten wir ausnahmslos eine Veränderung hin zu mehr Selbständigkeit bei der Regelung ihrer schulischen Angelegenheiten und eine deutlich veränderten Motivation für die schulischen Anforderungen. Und das auch bei jenen, bei denen Schulschwänzen die Hilfe begründeten.

3.6. Es geht hier, das muss ausdrücklich betont werden, um den regelmäßigen Schulbesuch auch jener Kinder, die daheim die Schule verweigerten und auf unterschiedliche Weise den schulischen Anforderungen Widerstand entgegensetzten. Mit dem Eintritt in ein Heim änderte sich in Bezug auf die Haltung schulischen Ansprüchen gegenüber jedoch nichts. Im Heim wird darauf geachtet, dass die Kinder zur Schule gehen, die Arbeiten für die Schule erledigen, ihr schulisches Werkzeug stets in Ordnung halten, diejenigen eine Förderung erhalten, die sie brauchen und dass mit den LehrerInnen kooperiert wird . Alles dies kann ohne Übertreibung als die den Alltag dominierende Herausforderung für die Kinder und ihre Erzieherinnen und Erzieher betrachtet werden. Freude am Lernen, so wie Manfred Spitzer sie unter dem Schlagwort "Schule soll Spaß machen" einfordert, wurde dadurch nicht erreicht. Das Heim übernimmt in Bezug auf schulisches Lernen jene Leistungen, die in unserer Gesellschaft von Eltern erwartet werden. Weder Heimerzieher noch Eltern aber haben auf die pädagogischen Konzeptionen eines Lehrers oder einer Schule Einfluss.

3.7. Für die schulpflichtigen Kinder (nicht nur) in dieser Einrichtung und ihre Erzieherinnen und Erzieher wäre das Leben erleichtert worden, wenn sich bereits in allen Schulen und bei allen Lehrern jene Veränderungen gezeigt hätten, die sowohl die Schulforschung im Allgemeinen als auch die Schulverweigerungsforschung im Besonderen als zeitgemäß und dringend notwendig anmahnen . Gemeint sind hier weniger die unterschiedlichen Vermittlungsstrategien im Unterricht, als vielmehr die Art und Weise der zwischenmenschlichen Umgangsweisen im Raum der Schule. Das gilt in ganz besonderer Weise für die pädagogische Arbeit der Schule für Erziehungshilfe, deren Erziehungspraxis, sich trotz der bedeutend geringeren Schülerzahlen und sozialpädagogisch orientierter Leistungsbeschreibungen, von den anderen Schularten nicht überall unterscheidet.
Als in unserer Gemeinde die diesjährigen Schulabgänger danach gefragt wurden, was sie am meisten in der Schule vermisst haben, erklärten sie dazu, dass sie gern als "vollwertige Menschen" behandelt worden wären. Würde dies, von Seiten der Lehrer vorbehaltlos geschehen, hätten es alle Betroffenen, Schüler, Eltern bzw. Erzieher und Lehrer leichter.

 

 

 

Eine Anmerkung zum Schluss:
Nach der hier dargestellten Erfahrung ist ein Milieuwechsel hilfreich, um Schule schwänzen oder verweigern zu beeinflussen. Ich möchte mich hier sogar Spitzer Annahme anschließen, dass alle Kinder gerne lernen möchten, wenn wir Erwachsenen ihnen nur die hierfür nötigen, diese Grundhaltung fördernden Rahmenbedingungen schaffen. Wenn Eltern das nicht können oder sich verweigern, dann brauchen wir für die Kinder Alternativen! Die Antwort auf die Frage aber, ob die nach dem KJHG möglichen alternativen Hilfen - hier bezogen auf Schulverweigerungshaltungen - erfolgreich sind, müssen Praxis und Forschung der Jugendhilfe nachweisen. Hierfür reicht der Bericht aus einer einzigen Jugendhilfeeinrichtung nicht aus, sondern kann nur vorläufig als allgemein zutreffend betrachtet werden. Dass eine repräsentative Forschung zu diesen Problemen fehlt und Recherchen am Beispiel nur weniger Einrichtungen wenig ergiebig sein können, das zeigt die Studie von Daniela Rosenau , über die auf diesen Seiten berichtet wird.

Außerdem darf aus meinem Erfahrungsbericht nicht der Schluss gezogen werden, dass Eltern ihre Kinder mit Hilfe einer Jugendhilfebehörde nur ins Heim geben brauchten und dann seien sie die Sorge los. Es ist vielmehr der Hinweis ernst zu nehmen, dass sich das "Milieu" ändern muss, das hei´ßt also, dass das soziale Umfeld des Kindes so beeinflusst wird, dass es jene Grundbedürfnisse für ein Kind garantiert, die dieses Kind als defizitär erlebt. Erst wenn eine entsprechende familienunterstützende und sie fördernde Hilfe als unzureichend erweist, muss nach Alternativen Ausschau gehalten werden. Mein Bericht zeigt, dass Veränderungen in diesem verständnis, Schulverweigerern helfen können.

Andere Erfahrungsberichte sollten folgen und die Annahme bestätigen bzw. zurückweisen, dass die Veränderungen in bzw. von Milieus den regelmäßigen Schulbesuch fördern und einen erfolgreichen Schulabschluss ermöglichen.

Gern sind alle eingeladen, die über entsprechende Erfahrungen verfügen, über ihre Erfolge oder Misserfolge zu berichten und hier zu veröffentlichen. Setzen Sie sich mit mir in Verbindung!


Dr: Joachim Rumpf / 31.08.04

 

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