Schriften zur Erziehung und Bildung im WWW
von Dr. Joachim Rumpf

 

Erziehung und Bildung in der Schule


Die "richtige" Schule



 

 

Aus einem Brief an eine Mutter, die anfragte, ob die von ihr für einen ihrer Söhne ausgewählte Schule die "richtige" sei:

 

 

„…Die Grundkonzeption dieser Schule, die nach eigener Darstellung von den Ideen Peter Petersens, Paolo Freires oder Maria Montessoris ausgeht, ist recht sympathisch.
Die konzeptionellen Vorstellungen der Initiatoren einer Schule müssen aber nicht immer auch mit der Praxis übereinstimmen. Der pädagogische Alltag wird bestimmt

- von den Lehrerinnen und Lehrern und deren jeweiligen Persönlichkeitseigenschaften, ihren fachlichen Kompetenzen -  zu denen nicht zuletzt ihr Interesse an der Arbeit mit Kindern gehört –

- von den Eltern und deren Menschenbildern und Erwartungen an die eigenen Kinder und an die Schule und

- natürlich von den Kindern, von deren Eigenheiten und Motiven.

Befindet sich unter den Kindern einer Schule ein besonders hoher Ausländeranteil und unter diesem Kinder aus Familien, die es ablehnen, sich mit unserer Sprache und Kultur anzufreunden, wie es zum Beispiel in bestimmten Schulen im Berliner Stadtbezirk Kreuzberg der Fall ist, dann dürfen in einer Klasse höchstens zwölf Kinder sein oder es müssen zwei pädagogische Fachkräfte die betreffende Klassengruppe betreuen.

 Um einen Eindruck darüber zu gewinnen, wie die Realität des Schullebens an dieser Schule aussieht, würde ich Kontakt mit Eltern aufnehmen, die ihre Kinder bereits in dieser Schule haben und mich mit ihnen unterhalten. Vor allem würde ich herauszufinden suchen, ob ihr Kind gerne hingeht, sich auf die Lehrer, den Unterricht, die Freizeitgestaltung, das Essen freut und gern mit den anderen Kindern Kontakt hält.
Der Austausch mit den anderen Kindern (zum Beispiel Geburtstagseinladungen, gegenseitige Besuche) und mit jenen Eltern, mit denen man sich gut versteht wird auch später, wenn Ihr Kind zur Schule geht, wichtig.
Nicht verzichten sollten Sie darauf, einen Blick in die sanitären Einrichtungen zu werfen und zugleich ihren Geruchssinn zu aktivieren. Auch dort sollte sich Ihr Kind wohlfühlen dürfen und nicht, wie mein siebenjähriger Neffe, die Schultoilette meiden, weil es dort so stinkt und unsauber ist.

 Gewiss, das sind dann alles subjektive, eher atmosphärische Eindrücke oder Bewertungen. Wenn aber dadurch erreicht werden kann, dass Sie als Eltern eine gefühlsmäßig positive Einstellung zu der von Ihnen gewählten Schule bekommt, dann überträgt sich dies auf Klaus und kann seine Freude auf die Schule verstärken und später erhalten.

 Die Beteiligung der Eltern am Schulleben ist hochbedeutsam. Während an staatlichen Schulen Eltern sich bisher noch häufig nur als gewählte Elternbeiräte ins Spiel bringen können, bieten Schulen in privater Trägerschaft, in unserem Raum sind das in der Regel die Waldorfschulen, den Eltern an, mitzuwirken. An der von Ihnen ins Auge gefassten Schule sind Eltern sogar verpflichtet sich einige Stunden im Monat einzubringen. Wenn sich Elternbeteiligung nicht darauf beschränkt, das Frühstück zuzubereiten oder die Schulräume zu putzen, sondern Eltern ermöglicht:

- sich im Freizeitbereich einzubringen,

- gemeinsam mit den pädagogischen Fachkräften in entsprechenden Gremien laufend über die pädagogische Praxis nachzudenken

- an der Weiterentwicklung der pädagogischen Konzeption mitzuwirken

- je nach Talent und Interesse musische Angeboten mitzugestalten

dann wäre das ein großer Schritt in die Richtung einer Schulgemeinde.

Allerdings kostet ein derartiges Elternengagement Zeit und Kraft. Und wenn man sich vor Augen hält, dass ja der Besuch einer privaten Schule recht teuer sein kann, dann muss die Schule schon die Gewähr dafür bieten, dass ein Kind sich darin wohl fühlt.

 Und genau darauf kommt es an:

Ein Kind muss sich wirklich wohl fühlen. Das heißt, dass die Lehrer es gern haben, annehmen, akzeptieren und als eigene Persönlichkeit achten.

Das Kind sollte nicht das Gefühl (oder gar das Wissen) haben, dass es dem schulischen Ehrgeiz der Eltern oder gar deren Wunschvorstellungen (mein Kind soll einmal… werden) dient.

Bitte schauen Sie auf Ihr Kind und darauf, wie es am besten gedeiht (vgl. dazu die Seite über die Grundbedürfnisse von Kindern!). Ich bin davon überzeugt, dass es in einem sozialen Umfeld, in dem es sich gern aufhält, am besten aufgehoben ist und seinen natürlichen Lerneifer entfalten kann. Und wenn Sie Ihrem Sohn vertrauen, ihm zutrauen, dass er leisten kann und wird, was ihm die pädagogischen Fachkräfte zumuten, stimmen auch von Ihrer Seite die Voraussetzungen für einen Schulbesuch, der ihm Freude macht.

 Jedes Kind, das sehen Sie ja jeden Tag an Ihren beiden Buben, ist begierig zu lernen: neue Erfahrungen zu machen, alles auszuprobieren, sich eigenständig und kreativ mit den vielen Angeboten auseinanderzusetzen, die der Alltag vom Morgen bis zum Abend anbietet. Und genau an diesen natürlichen Drang knüpfen die oben genannten Pädagogen ja auch an. „Hilf mir, es selbst zu tun“ war die Devise von Maria Montessori. Und wir Eltern erfüllen diesen Wunsch, wenn wir unserem Kind genau dies ermöglichen und ihm die Rahmenbedingungen zur Verfügung stellen, auf seine eigene Weise, die Welt zu erkunden, Gestalten, Lesen, Rechnen zu lernen oder auch fremde Sprachen…"

 Was ich hier schrieb, gilt selbstverständlich im übertragenen Sinne auch für die Vorbereitung auf den Besuch einer öffentlichen Schule. Maßstab ist die Hoffnung, dass ein Kind gern in die Schule (ganz allgemein) und gern mit „diesen“ Kindern in „diese“ Schule gehen möchte. Es können in den öffentlichen Schulen durchaus gute Erfahrungen gemacht werden (vgl. dazu das Kapitel „Schule in Bewegung“). Und wenn die Lehrer (Klassenlehrer) spüren, dass Eltern gern mit ihnen Kontakt halten möchten, dass Eltern zu ihnen gute Beziehungen haben wollen – und das nicht nur allein, wegen des eigenen Kindes – dann sind auch dort die Bedingungen für einen Schulbesuch günstig (vgl. dazu die Texte über die Kooperation zwischen Schule und Elternhaus)… “
Ich möchte abschließend noch einmal darauf hinweisen, dass der Besuch einer öffentlichen Schule unter den genannten Voraussetzungen genau so erfolgreich sein kann, wie der einer privaten Schule. Stimmen die Rahmenbedingungen nicht oder nicht optimal, dann kann ein Kind das in der Regel gut kompensieren.

Zwei Beispiele:

 

Ich habe da einen Vater vor Augen, dem die Lehrer nie etwas recht machen konnten. Er schimpfte lauthals daheim und in der Öffentlichkeit über die Unfähigkeit der Lehrer und ließ kein gutes Haar an den Schulen, die seine vier Söhne besuchten. Diese vier haben inzwischen öffentliche Grundschule und Gymnasien mit Erfolg abgeschlossen, studieren längst an verschiedenen Universitäten an ebenso verschiedenen Fakultäten mit der gleichen Bravour, mit der sie durch die Schulen gingen, von denen ihr Vater nichts hielt.
Die von mir angedeuteten „Kompensationsleistungen“ erbrachten die Mutter und die Söhne selbst - je älter sie wurden, umso mehr.

 Zwei Kinder lernte ich in den vergangenen Jahren kennen, denen die jeweiligen Fachkräfte bei der Einschulung eine nur beschränkte Bildungsfähigkeit testierten. Beide, ein Mädchen und ein Junge, kamen auf Sonderschulen. Das Mädchen war neun, der Junge vierzehn Jahre alt, als die Sonderschullehrer feststellten, dass sie doch begabter waren, als es bei der Einschulung festgestellt worden war. Beide schlossen die Hauptschule ebenso mit Erfolg ab, wie die darauf aufbauenden praktischen und theoretischen Ausbildungsgänge. Beide besitzen inzwischen Hochschulabschlüsse und sind erfolgreich in ihren Berufen. Der Junge ist mittlerweile selbst stolzer Vater zweier Kinder, die mit der Schule keine Probleme haben.

 Und ein letztes Beispiel, das zeigt, dass es umgekehrt ebenfalls gut gehen kann:

Es war ein zähes und langwieriges Ringen mit den Eltern, sie davon zu überzeugen, dass ihre Tochter, die inzwischen bis in die dritte Klasse gekommen war, besser in der Sonderschule aufgehoben sei. Die Eltern hatten sich gegenüber der Klassenlehrerin der staatlichen Grundschule uneinsichtig gezeigt und sich bereits gegen Ende des zweiten Schuljahres (Ende der Grundschuleingangsstufe) gegen ein Sonderschulverfahren gestemmt. Endlich hatte es die Lehrerin geschafft und in zahlreichen Gesprächen die Eltern zu einer Zustimmung bewogen.

Seither sind zwanzig Jahre ins Land gegangen. Befreit vom Druck der „normalen„ Schule und ihren Leistungszwängen und Notendruck, konnte das Mädchen in der kleinen Gruppe der Sonderschule und bei individuellerer Zuwendung durch die Lehrer, ihr Potenzial entfalten. Sie beendete den Besuch der Sonderschule mit einem Hauptschulabschluss, machte eine kaufmännische Lehre und blieb bis zur Gründung einer eigenen Familie erfolgreich im Beruf. Und die Mutter? Sie erklärte der inzwischen pensionierten ehemaligen Klassenlehrerin des Mädchens: „Es war doch gut, das mit der Sonderschule… sie hat einfach mehr Zeit gebraucht“.

 

Diese Beispiele nehme ich als einen Beleg dafür, dass auch dann, wenn nicht alle Rahmenbedingungen für eine optimale Entwicklung eines Kindes stimmen, keineswegs die Flinte ins Korn geworfen werden muss. Die guten Kräfte in einem Kind – so möchte ich das einmal aus meiner Erfahrung heraus sagen – setzen sich durch, wenn seine Grundbedürfnisse, vor allem im frühen Kindesalter, befriedigt wurden.

Vor allen anderen Menschen, die mit unserem Kind zu tun haben, sind wir Eltern aufgerufen, auf unser Kind voll Optimismus zu schauen und Vertrauen in seine Fähigkeiten haben, sein Leben selbst zu meistern. Die Schule ist hierbei zwar ein unverzichtbarer, aber ein nicht zu überschätzender Zwischenschritt.

 

 



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