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Schriften zur Erziehung und Bildung im WWW
von Dr. Joachim Rumpf

 

 

Erinnerungen an

meine Zeit als Pionierleiter in Pößneck

 

 

 

Vor über sechzig Jahren, zwischen dem 13. und 17. Mai 1949 zogen wir Rumpfs von Dessau nach Pößneck. In der Nacht vom 17. Zum 18. Mai schliefen wir zum ersten Mal in der neuen Wohnung. Straßennamen und Hausnummer habe ich nirgendwo festgehalten. Ich glaube Zetzmann hießen die Vermieter. Ich war zu dieser Zeit bereits Mitglied der FDJ und hatte in meiner bisherigen Schule, in der FDJ-Schulgruppe mitgearbeitet. Waren es Neugier, Geltungstrieb oder einfach nur Langeweile: ich war am Mittwoch, d. 25. Mai zum Ortsvorstand der FDJ Pößneck gegangen, hatte dort mein Mitgliedsbuch vorgelegt und meine Mitarbeit angeboten. FDJler waren zu dieser Zeit noch rar und welche, die eine Oberschule besuchten die große Ausnahme. Mein Angebot wurde angenommen. Ich wurde gebeten, als „Jugendkorrespondent“ tätig zu werden und über die Jugendarbeit in der Heimatzeitung („Thüringer Volk“) zu berichten. Das tat ich dann auch und besuchte alle möglichen Veranstaltungen.

Zur Schule aber ging ich nicht mehr. Niemand übte Druck auf mich aus. Vermutlich waren die Eltern froh, dass sie kein Schulgeld mehr bezahlen mussten und ich über eine Berufsausbildung nachdachte. In diesen Tagen lernte ich in der FDJ einen Journalisten kennen, der für das "Thüringer Volk“, die beim Vogel-Verlag in Pößneck erschien, arbeitete. Er schlug mir vor, ebenfalls Journalist zu werden. Nach entsprechenden Vorstellungsgesprächen erhielt ich einen Volontärvertrag und hätte eine Ausbildung ab dem 1. August 1949 beginnen sollen.

Doch dann entschied ich mich anders: Am 13. Juli 1949 nahm mich Rolf Galthene, der bis dahin hauptamtlicher Pionierleiter an der „Bürgerschule“ (Volksschule) in Pößneck gewesen war, auf seinem Motorrad mit nach Weimar. Dort schlug er mich bei der FDJ-Landesleitung Thüringen zu seinem Nachfolger vor. Geblendet von den 225,-- DM Gehalt netto und der Aussicht eine Position mit eigener Gestaltungsmacht zu erhalten, also relativ selbständig arbeiten zu können, erklärte ich mich gern bereit, diese Aufgabe zu übernehmen. Ab dem 17. Juli 1949 war ich als Pionierleiter in Pößneck tätig und bezog in dieser Eigenschaft das Vorzimmer des Rektorats. Mit siebzehn Jahren hatte ich eine Aufgabe übernommen, für die später bis zur Wende wenigstens ein Fachschulabschluss an entsprechenden pädagogischen Instituten Voraussetzung war. Ich war der jüngste unter den Pionierleitern in Thüringen. Das wussten die Lehrerinnen und Lehrer an der Schule freilich noch nicht. Erst im Januar 1950, als Kinder Blumen auf meinen Schreibtisch und ein Schild mit einer großen „18" davor stellten, erfuhren alle, dass sie einen noch so jungen Kollegen hatten. Bis zu diesem Zeitpunkt war ich längst integrierter Bestandteil des Kollegiums geworden und hatte bereits viele Stunden, gleichsam als Aushilfslehrer, unterrichtet. Das folgende Bild zeigt mich - den jüngsten ganz links, in der Mitte die ältesten Kollegin (eine ganz lieben Russisch-Lehrerin) mit einigen Kolleginnen und Kollegen.

 

 

 

 

Wegen der bevorstehenden Sommerferien hatte ich als erste Aktivität die örtliche Ferienlageraktion zu organisieren. Dies war ein Angebot für alle Kinder, die diese Schule besuchten, während (zweimal) drei Wochen,  an ihrem Wohnort von morgens bis einschließlich nachmittags in Gemeinschaft mit anderen Kindern Ferientage zu verbringen.


 

Helfer




Auf diesen Fotos sind die Jugendlichen abgebildet, die mir in den Sommerferien 1949 undf 1950 halfen,

die "Örtliche Ferienlageraktion" in Pössneck im und um das "Jugendhaus am Galgenberg" durchzuführen.

Die Helferinnen und Helfer wurden auf ihren eigenen Wunsch hin von ihren Betrieben,

in denen sie arbeiteten bzw. ausgebildet wurden, für diese Aufgabe freigestellt.
Leiter

 


Nicht alle Kinder konnten mit ihren Eltern gemeinsam Urlaub machen und schon gar nicht über die lange Zeit der Sommerferien.

Nur ganz wenige  verbrachten Ferien in weiter entfernten Lagern wie zum Beispiel in den später eingerichteten "Pionierrepubliken" in der Wuhlheide in Berlin oder in Binz/Prora  auf der Insel Rügen.

Für alle die daheim blieben und mitmachen wollten, wurden schon damals, also in den ersten Nachkriegsjahren, Freizeiten vor Ort organisiert. Ich gehe heute davon aus, dass die Eltern für die Teilnahme ihrer Kinder nichts hatten bezahlen müssen.

Ich selbst hatte mit Geld oder einer Art "Haushalt" nichts zu tun. Das Mittagessen kam ebenso kostenlos aus einem der Textilbetriebe in Pössneck, wie derartige "Patenbetriebe" anfallende Ausgaben wie z. B. Fahrtkosten und Eintrittsgeld zum Besuch der Feengrotten in Saalfeld übernahmen.



Meine Aufgaben als Pionierleiter waren:

die Organisation von "Lernaktiven", das waren Kleingruppen von Mädchen und Jungen einer Klasse, die jenen "nach - halfen", die Hilfe brauchten. Ziel war, möglichst allen Kindern gute Schulleistungen zu ermöglichen;

die Vorbereitung von Festen und Feiern;

die Leitung von Spiel- und Tanzgruppen;

die Vertretung der Schülerinnen und Schüler einer Klasse oder der ganzen Schule gemeinsam mit den Vertretern der Schülerselbstverwaltung (Freundschaftsrat) und hierbei eine gute Zusammenarbeit mit den Lehrerinnen und Lehrern und der Schulleitung.


Im Grunde also handelte es sich um die Organisation und Gestaltung außerschulischer Kinderbetreuung, die dort stattfand, wo die Mädchen und Jungen ihren "Beruf" ausübten: in den Schulräumen und im unmittelbaren schulischen Umfeld (Sportplatz, Turnhalle, Schulhof). Unterstützt wurden alle Aktivitäten durch ehrenamtliche Helferinnen und Helfer, die ebenfalls der FDJ angehörten und in den Betrieben Pössnecks ihren Berufe ausübten. Aber auch Lehrerinnen und Lehrer stellten sich zur Verfügung. Es gab also (in Pössneck, wie überall in der damaligen Ostzone) sowohl haupt- als auch ehrenamtliche Pionierleiter.


Dass alles Tun und Lassen eingebettet war, in eine von Staat und Partei vertretene und vorgegebene Ideologie wurde als hilfreiche weil sinnstiftende Orientierung erlebt[1]

 

 

 

 

Was mir aus dieser Zeit als besonders bedeutsam in Erinnerung geblieben ist, das ist die Bereitschaft und die Fähigkeit von Kindern, an der Gestaltung von Freizeitaktivitäten mitzuwirken und auch Verantwortung zu übernehmen. Von den Schülerinnen und Schülern, die 1950 in der Leitung der Pionierfreundschaft mitwirkten, habe ich zwar die Namen vergessen. Fotos von ihnen befinden sich aber noch in meinen Unterlagen. Ein Junge, wir nannten ihn „Galla“, der Freundschaftsratvorsitzender war, als ich meine Tätigkeit aufnahm, half mir, mich zurechtzufinden. Ich erinnere mich deutlich an seine großen kommunikativen Fähigkeiten, sein Organisationstalent und die Fähigkeit, Leitungsverantwortung wahrzunehmen. Auf dem linken Bild  sehen wir ihn einmal rechts und auf dem rechten Foto links hinter den Mädchen und Jungen hervorschauen.  Auf diesem Bild handelte sich um Gruppenleiterinnen und Gruppenleiter der Schule und  Jungpionieren vor ihrer Abreise zum ersten Deutschlandtreffen der Jugend und Studenten in Berlin 1950 in ihrer neuen Pionierkleidung.


Die Verlässlichkeit, der Eifer und die rückhaltlose Offenheit im Umgang miteinander waren weitere Eigenschaften der Mädchen und Jungen, die im Schulalltag, in den beiden Ferienlageraktionen, an denen ich teilnahm und die in den Zeltlagern (zum Beispiel in der Pionierrepublik „Ernst Thälmann“ in der Wuhlheide während des ersten Deutschlandtreffens der Jugend) Mitverantwortung übernahmen.

 

 

 

gruppe

mit Kindern im Sommer auf dem Galgenberg
selbst

der Pionierleiter Rumpf
vor dem Freizeithaus Sommer 1950

Schulentlassung

Schulentlassung einer achten Klasse 1949





Wenn wir Erwachsenen Kindern ein Maß an Eigenständigkeit und Verantwortung überlassen, die sie bewältigen können, dann zeigen sie erstaunliche Leistungen. Ich denke, dass keines dieser Mädchen und Jungen unterschiedlichen Alters, einen Schaden in seiner Entwicklung nahm. Im Gegenteil: diese Zumutungen förderten Selbstwertgefühl und Selbstvertrauen und bereiteten den Boden für Eigenschaften wie Verantwortungsbereitschaft, Teamgeist, Führungsfähigkeit und eine betont kritische Haltung sich selbst und anderen gegenüber sowie den Mut, sich entsprechend zu äußern.

In meinem Fotoalbum aus jenen Tagen befindet sich auch das Bild, auf dem ein Mädchen den Schülerinnenchor anlässlich eines Sommerfestes (vor dem Jugendhaus "Am Galgenberg" leitet. Zu meiner vornehmsten Aufgabe gehörte, Mädchen und Jungen zu befähigen, Leitungsverantwortung zu übernehmen. Praktisch wurde das Realität, wenn sie sie bekamen.


Zu den schönsten Liedern der Jungen Pioniere gehörte:
"Unsere Heimat..."

 


 

Wenn zu derartigen Aktivitäten heute in der BRD gesagt oder geschrieben wird, dass "...das Schul- und Erziehungssystem in der DDR auszutreiben versuchte: Verantwortung zu übernehmen, den Mund aufzumachen, Lebenspläne zu schmieden und ihre eigene Zukunft zu gestalten“, dann spricht daraus ebenso Unwissenheit wie Arroganz (vgl. dazu Breitinger Eric: Lernziel: Verantwortung übernehmen“ In: Badische Zeitung v. 09.08.2000, S. 3).

Ich habe diese Auslassung mit Pädagogen aus der ehemaligen DDR diskutiert, die inzwischen seit mehreren Jahren Erfahrungen mit unseren Schulen und Jugendhilfeeinrichtungen gesammelt haben. Verantwortung für Erfolg und Misserfolg selbst zu übernehmen, das wird auch in unserem Schulsystem sowohl von Eltern als auch von Lehrern eher behindert als gefördert.

Wir sitzen in der BRD im Glashaus und sollten uns davor hüten, auf die Pädagogen der ehemaligen DDR und auf ihr Schul- und Erziehungssystem mit Fingern zu zeigen. Auch dass Praxis und Theorie, Erziehungskonzepte und Erziehungswirklichkeit im Alltag auseinanderklaffen können, war hier wie dort vertraut!

 



Wer daran interessiert ist, mehr über die Praxis von Erziehung und Bildung in den ersten Jahren der DDR zu erfahren und sich hier besonders über die außerschulische Jugendarbeit und die Ausbildungsgänge junger Pädagogen informieren möchte, den darf ich auf meinen Aufsatz "Erziehung und Bildung in der DDR" in  "Neue Praxis" 4/1993 aufmerksam machen.

 

Dr. Joachim Rumpf

August 2011



 

[1] Die Ideologie wurde - auch in der Ostzone bzw. DDR in den Anfangsjahren - belächelt und ignoriert, wenn sie in einem sich selbst diskriminierenden weil als absurd empfundenen Gewande einherschritt.
Generell aber galt: Wer Staat und Verfassung der DDR ablehnte oder gar bekämpfte, der konnte nicht als Pädagoge im öffentlichen Dienst wirken. Dort galt also die gleiche Voraussetzung wie bei uns in der BRD, in der - in den achtziger Jahren besonders öffentlichkeitswirksam - ebenfalls die Verfassungstreue von Pädagogen auf den Prüfstand gestellt wurde.

 

 

 

 

 

 

 

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