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Schriften zur Erziehung und Bildung im WWW
von Dr. Joachim Rumpf

 

Erziehung und Bildung in der Schule

 

Lernmotivation und Schule
Anmerkungen zu einem interessanten Thema

 

 

Manfred Spitzer schreibt: Unsere Kinder sind wahre Lernwunder" und wir Eltern können hinzufügen: Ja, das ist auch unser Eindruck. Und weil sich unser Kind so sehr auf die Schule freut, erarten wir, dass es weiter so gut lernt, wie im Kindergarten.

Doch ist diese häufig anzutreffende Bereitschaft zum Lernen - ganz allgemein und so, wie es Spitzer meint - im Zusammenhang zu sehen mit anderen Lernbedingungen.

Sobald wir Kinder haben und die Kinder in den Kindergarten kommen und zur Schule gehen, gelten noch andere soziale (und ungeschriebene) Gesetze und man muss sagen:

je weiter unsere individuellen Lebenseinstellungen und -Gewohnheiten von den Erwartungen und Bedingungen abweichen, wie sie die sozialen Gebilde in unserer Gesellschaft (Kindergarten, Schule, Ausbildungsstätten) von unseren Kindern erwarten, umso schwerer wird ihnen fallen, sich in dieser Gesellschaft zurechtzufinden; um so größer ist die Wahrscheinlichkeit des Scheiterns.

Zur Zeit wird das, was hier gemeint ist, unter der Überschrift "soziale Benachteiligung in unseren Schulen" oder auch "Immigrantenkinder haben weniger Chancen" in Massenmedien angesprochen. Ohne in Abrede zu stellen, dass es derartige Benachteiligungen gibt, die u. a. in unserem Erziehungs- und Bildungssystem eine Ursache haben, sehe ich die Förderung bzw. Reduzierung der Schulmotivation unserer Kinder noch unter anderen Gesichtspunkten. Zum Beispiel unter dem der Selbstständigkeit und Eigenverantwortlichkeit wenn es um die Arbeiten für die Schule geht.

 


Wir alle kennen Eltern die nur das Beste wollen für ihre Kinder. Da ein höherer Bildungsabschluss, also zum Beispiel das Abitur, nach unserer gegenwärtigen Erfahrung bessere Berufsaussichten mit höheren Verdiensten und Prestigegewinnen verspricht, wollen diese Eltern, dass ihre Kinder gute Schüler sind.

Bereits im Kindergarten sollen die Kinder auf die Anforderungen der Schule vorbereitet und erste Kenntnisse im Schreiben Lesen und Rechnen vermittelt werden. Ist aber das Kind erst in der Schule, dann wachen Mutter oder Vater sorgsam und besorgt darüber, dass das Kind auch wirklich alles gut mitkriegt.

Ich denke da an ein Elternpaar, das ganz besonders großen Wert darauf legt, dass ihre Kinder das den Eltern vorschwebende Schulziel erreichen. Jede Arbeit lassen sie sich vorlegen, prüfen Hausaufgaben und Klassenarbeiten sorgfältig selbst und übersehen keinen Fehler. Pingeliger als jeder Lehrer, setzen sie ihren Kindern gegenüber die eigenen Maßstäbe durch. Eine schlechte Note wird von den Eltern als eine persönliche Beleidigung erlebt. Arbeitsverweigerungen mit dem Entzug von Vergünstigungen (Kontakte zu Spielgefährten, Ausgang) bestraft. Überhaupt spielen Lohn und Strafe im Zusammenhang mit schulischen Leistungen eine große Rolle in dieser Familie.
Als eines Tages der Vater ins Krankenhaus musste und die Mutter nur wenig Zeit fand, sich in der gewohnten Weise um die Schularbeiten der Kinder zu kümmern, brach das ganze System wie ein Kartenhaus in sich zusammen. Die Kinder nutzten den Ausfall des Kontrollsystems und arbeiteten weniger und fehlerhafter. Bei einem der Kinder wuchsen die Lücken in den Wochen des Krankenhausaufenthaltes des Vaters derartig an, dass am Schuljahresende seine Versetzung gefährdet war. "Sie sehen doch, dass es ohne Kontrolle und Strenge nicht geht" erklärte der verzweifelte Vater dem Lehrer, als er sich wieder um die Hausaufgaben kümmern konnte und sah, was in der Zwischenzeit alles nicht mehr geklappt hatte.

 

Dieser Vater hatte Ursache und Wirkung verwechselt: Je stärker ein Kind im Bereich schulischer Arbeiten von den Erwachsenen gegängelt und kontrolliert wird, je enger sein eigener Entscheidungs- und Gestaltungsspielraum ist, umso größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass es Schwierigkeiten bekommt, ja, dass es völlig versagt.


Und im Umkehrschluss läßt sich konstatieren: Je frühzeitiger ein Kind in Bezug auf schulisches Arbeiten in die eigene Verantwortung gestellt wird, und je konsequenter und überzeugter die Eltern der Fähigkeit ihres Kindes vertrauen für seine Angelegenheiten selbst die Verantwortung zu übernehmen, um so geringer ist die Wahrscheinlichkeit, dass es das Schulziel nicht erreicht (vgl. dazu auch die Ausführungen unter dem Stichwort "Vertrauen" auf der Seite über die Grundbedürfnisse!)

Eltern und Erziehern fällt es nicht leicht, sich aus den Angelegenheiten von Kindern herauszuhalten. Dies gilt ganz besonders dann, wenn es um die Schule geht, in der, wie wir am eigenen Leibe erfahren haben, so manche Weichen gestellt werden. Das Gebot der Zurückhaltung meint keineswegs, dass wir uns überhaupt nicht um die schulischen Belange kümmern sollten. Denn wenn unsere Kinder den Eindruck erhielten, uns wäre die Schule gleichgültig, dann wäre sie ihnen auch bald gleichgültig: denken wir nur an die Bedeutung vorbildlichen Verhaltens. Nein, wir sind sehr interessiert an dem, was die Kinder tun.
Im Kapitel über die Bedürfnisse unserer Kinder finden wir bereits einige Informationen hierzu unter den Stichworten "Anerkennung" und Förderung".

Schon wenn unser Kind vom Kindergarten nach Hause kommt, dann würdigen wir die mitgebrachte Zeichnung und hängen sie deutlich sichtbar auf. In einer Küche sah ich einmal über der Küchentheke mehrere DIN A 4 Blätter hintereinander auf die Kacheln geklebt. Darauf war der lange Zug zu sehen, den der Sohn im Kindergarten gemalt hatte. Frühzeitig erkennen wir also die Leistungen unserer Kinder an; und zwar vorbehaltlos! Die anderen Kinder und die Geschwister werden schon genug daran herummäkeln. Selbstvertrauen gewinnt ein Mensch nur über die Anerkennung durch die Personen, an deren Anerkennung ihm etwas liegt. Also freuen wir uns über die Leitungsbemühungen unseres Kindes so, wie wir uns einst über sein erstes gesprochenes Wort freuten. Für die schulischen Arbeiten gilt dasselbe. Kinder freuen sich im allgemeinen auf die Schule und sind sehr daran interessiert, Lesen, Schreiben und Rechnen zu lernen. Wenn uns Eltern die ersten Schreib- und Rechenbemühungen unserer Kinder unzureichend erscheinen, dann meckern wir nicht daran herum. Alles braucht seine Zeit und wenn wir Geduld, Vertrauen und stets aufmunternde Worte und Gesten haben, dann wird das Kind früher oder später alles lernen, was es in der Schule braucht, um versetzt zu werden. Ebenso selbstverständlich stehen wir bereit, wenn das Kind Hilfe braucht. Rechnen, Schreiben und Lesen können wir ja auch, also sind wir in der Lage das eine oder andere zu erklären. Erst in späteren Schuljahren wenn der Schulstoff über unseren Wissensstand hinausgeht, müssen wir unseren Kindern freimütig erklären, dass wir das nicht können und sie sich anderweitig informieren müssen. Da gibt es Nachschlagewerke und - vor allem - Klassenkameraden. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Kinder, die frühzeitig gelernt haben, für ihre Arbeit selbst die Verantwortung zu übernehmen, zwar nicht bessere Noten hatten als andere (denn Noten hängen nicht allein von Fleiß oder Begabung ab) wohl aber unabhängiger waren und in den betreffenden Familien die Schule kein Konfliktthema war.

 

 

 

In diesen Zusammenhang gehört auch das Thema "Nachhilfeunterricht". Die, in der Regel von älteren Schülerinnen und Schülern, gelegentlich auch von Lehrerinnen und Lehrern selbst, aber inzwischen auch von gewinnorientierten Unternehmen angebotenen Unterstützungsleistungen sind sinnvoll und unsinnig.

Sinnvoll sind derartige Hilfen für unsere Kinder in folgenden Situationen:
wenn durch längere oder kürzere Schulausfälle (zum Beispiel durch Krankheit) Stoff nachzuholen ist,
wenn sich nach einem Schulwechsel (zum Beispiel aus Anlaß des Umzuges an einen neuen Wohnort) herausstellt, dass man im Unterrichtsstoff allgemein oder in bestimmten Fächern an der neuen Schule weiter vorangekommen ist, als an der alten Schule. So etwas kann vor allem beim Wechsel von einem Bundesland in ein anderes leicht vorkommen.
bei vorübergehenden Problemen in Bezug auf das Verstehen bestimmter Lerninhalte. Zu denken ist da zum Beispiel daran, dass einem Kind der Zugang zu typischen Strukturen eines Wissensbereichs schwer fällt. Es kann vorkommen, dass ein in sprachlichen Bereichen begabtes Kind (es liest gern und gut) in mathematischen Verständnisschwierigkeiten hat oder umgekehrt. Ist in derartigen Fällen durch eine hierfür kompetente schulpädagogische Instanz (Beratungslehrer/innen, Bildungsberatungsstelle) festgestellt worden, dass eine Förderung über einen begrenzten Zeitraum hinweg hilfreich sein wird, dann hat ein für dieses Kind und auf sein spezielles Verständnisproblem hin abgestimmter Nachhilfeunterricht seinen Sinn.

Unsinnig bis unverantwortlich sind alle Bemühungen von Seiten der Eltern, ihrem Kind mit Hilfe von Nachhilfeunterricht zu schulischen Leistungen zu führen oder ihr Kind in bestimmten Schulen zu halten, die das Kind von seiner geistigen Entwicklung und/oder seinen Interessen und/oder seiner Begabung her nicht oder nur sehr mühsam erbringt. Auch sogenannte Hausaufgabenkreise dienen eigentlich nur jenen Eltern, die sich selbst um die schulischen Angelegenheiten ihrer Kinder nicht in dem oben vorgetragenen Verständnis kümmern können.


Es muss aufgrund der vorliegenden Erkenntnisse aus der Leistungsmotivationsforschung davon ausgegangen werden, dass keine Hilfe sinnvoll und nützlich ist, die nicht zu einem intrinsischen (von Innen heraus kommenden) Interesse des Kindes am Lernen führt.

Noch eine Bemerkung zu diesem Interesse beziehungsweise zur Lernmotivation: Eltern und Lehrer bedauern gelegentlich, dass Kinder um der Noten willen lernen und eigentlich wenig an den Unterrichtsinhalten interessiert sind. Sie lernen zwar ein Gedicht - doch die Botschaft der Verse erreicht sie nicht. Was diese Kinder zum Auswendiglernen motiviert, ist die Zeugnisnote bis hin zum Notendurchschnitt im Abschlusszeugnis. Das heißt also: nicht für das Leben, sondern für die Noten wird gelernt. Günstigenfalls werden nur die Unterrichtsinhalte behalten, die in Neigungsfächern vermittelt werden. Dass das so ist, können wir unseren Kindern nicht anlasten. Sowohl unser Schulsystem als auch unser Berechtigungswesen (Zugänge zu Ausbildung und Studium) nötigen uns und unsere Kinder zu einem derartigen Verhalten (1).

 

 

(1) Diese Zusammenhänge sind durch die erziehungswissenschaftliche und motvationspsychologische Forschung mehrfach nachgewiesen. Ich verweise z. B. auf die Arbeit von Rolf Kühn: Bedingungen für Schulerfolg. Zusammenhänge zwischen Schülermerkmalen, häuslicher Umwelt und Schulnoten. Göttingen 1983. Vgl. auch: Ralf Schwarzer: Schulangst und Lernerfolg. Düsseldorf 1975

 

 

"Heute, am 4. Februar 2007 hörte ich in der Sendung "Aula" im SWR 2 den Vortrag von Professor Ulrich Hermann: "Mehr Disziplin? Nein, danke" und war zutiefst beeindruckt. Hatte es doch der Erziehungswissenschaftler aus Tübingen verstanden, das, was es für ein optimales Lernen braucht, und über das auf dieser Homepage in verschiedenen Zusammenhängen immer wieder berichtet wird, in einer halben Stunde "auf den Punkt" zu bringen. Hier möchte ich nur einen Auszug, die letzten drei Absätze seines Vortrages abdrucken und darf in diesem Zusammenhang noch einmal auf die "Grundbedürfnisse" verweisen, über die an anderer Stelle dieser Homepage Auskunft gegeben werden."

Wegen seiner Bedeutung finden Sie, liebe Besucherin, lieber Besucher, diesen Textauszug auch auf der Seite "Kinder lernen"

 

"Wie erreicht man es, dass in den Klassenzimmern nicht Trägheit, Ratlosigkeit und Hilflosigkeit grassieren? Gewiss nicht durch Leistungs- und Notendruck, sondern durch die Neugestaltung der sozialen Kommunikation unter den Schülern und mit den Lehrern, vor allem klassenübergreifend: Die Stärkeren helfen den Schwächeren als Tutoren; Fehler und Versagen werden als Chance wahrgenommen, einen neuen Anlauf zum Erfolg zu machen; der Lehrer tritt immer wieder an den Rand des Geschehens und moderiert verselbständigte Arbeitsgruppen. Leistungsüberprüfungen sind in ihren Ergebnissen korrigierbar, Beurteilungen sind keine Verurteilungen, und die Lehrkräfte wissen, dass in ihren Schülern noch ganz andere Potenziale und Kompetenzen schlummern als diejenigen begrenzten Kenntnisse und Fertigkeiten, die grade abgefragt werden, aber Lebensschicksale entscheiden können. Wenn die Schüler wissen, warum und mit wem und wozu sie etwas erarbeiten sollen, sind sie in der Regel eifrig bei der Sache - und das Trägheitsproblem hat sich erledigt. Es muss aber der "Ernstfall" der Herausforderung sein, um den es geht, und nicht ein beliebiger Lehrplansplitter mit Antworten auf Fragen, die die Schüler gar nicht gestellt haben - worauf sie mit Interesselosigkeit reagieren, die sich als Disziplinlosigkeit äußert.

Wenn Schülerinnen und Schüler nicht als Personen wahrgenommen werden, haben sie kein Motiv, etwas zu leisten: Für wen denn auch?! In der Odenwaldschule, einem Landerziehungsheim an der Bergstraße, bemerkte ich ein Ritual: Am Eingang zum Speisesaal begrüßte der Schulleiter Wolfgang Harder mittags jeden eintretenden Schüler mit Handschlag. Seine Erklärung: Jeder muss mindestens einmal am Tag das Gefühl vermittelt bekommen, dass man ihm in die Augen geschaut und ihn als Person wahrgenommen hat. "Und was ist mit einem, der sich gerade etwas hat zu Schulden kommen lassen?" "Grade der braucht die Gewissheit und das Gefühl, dass er doch zu uns gehört." Blickkontakte und ein Händedruck bauen Brücken zwischen Menschen, und wenn dann mal Autorität gefragt ist, dann stolziert sie nicht Achtung gebietend einher, sondern ergibt sich aus dem "Ich bin an Deiner Seite!"

Dies ist das Credo einer Pädagogik der Ermutigung, die Selbstsicherheit und Zuversicht freisetzt. So wird Ich-Stärke ermöglicht und gefestigt. Das geht nicht ab ohne Risiken und Rückschläge, weshalb stützende Eltern, Erzieher und Lehrer gebraucht werden - nicht um ihre Disziplinvorstellungen durchzusetzen, sondern um die Kinder und Jugendlichen daran zu erinnern, dass sie da noch ein unerledigtes Selbstdisziplinproblem haben. Und ihnen dabei helfen, es zu beheben - was sie wohl können, wenn sie sich daran erinnern, dass sie eben dieses Problem auch hatten, als sie noch jung waren."

 

 

 

 

 

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