Dieser
Vater hatte Ursache und Wirkung verwechselt: Je stärker ein Kind im Bereich
schulischer Arbeiten von den Erwachsenen gegängelt und kontrolliert wird,
je enger sein eigener Entscheidungs- und Gestaltungsspielraum ist, umso größer
ist die Wahrscheinlichkeit, dass es Schwierigkeiten bekommt, ja, dass es völlig
versagt.
Und im Umkehrschluss läßt sich konstatieren: Je frühzeitiger ein
Kind in Bezug auf schulisches Arbeiten in die eigene Verantwortung gestellt wird,
und je konsequenter und überzeugter die Eltern der Fähigkeit ihres Kindes
vertrauen für seine Angelegenheiten selbst die Verantwortung zu übernehmen,
um so geringer ist die Wahrscheinlichkeit, dass es das Schulziel nicht erreicht
(vgl. dazu auch die Ausführungen unter dem Stichwort "Vertrauen"
auf der Seite über die Grundbedürfnisse!)
Eltern
und Erziehern fällt es nicht leicht, sich aus den Angelegenheiten von Kindern
herauszuhalten. Dies gilt ganz besonders dann, wenn es um die Schule geht, in
der, wie wir am eigenen Leibe erfahren haben, so manche Weichen gestellt werden.
Das Gebot der Zurückhaltung meint keineswegs, dass wir uns überhaupt
nicht um die schulischen Belange kümmern sollten. Denn wenn unsere Kinder
den Eindruck erhielten, uns wäre die Schule gleichgültig, dann wäre
sie ihnen auch bald gleichgültig: denken wir nur an die Bedeutung vorbildlichen
Verhaltens. Nein, wir sind sehr interessiert an dem, was die Kinder tun.
Im Kapitel über die Bedürfnisse unserer Kinder finden wir bereits einige
Informationen hierzu unter den Stichworten "Anerkennung" und Förderung".
Schon
wenn unser Kind vom Kindergarten nach Hause kommt, dann würdigen wir die
mitgebrachte Zeichnung und hängen sie deutlich sichtbar auf. In einer Küche
sah ich einmal über der Küchentheke mehrere DIN A 4 Blätter hintereinander
auf die Kacheln geklebt. Darauf war der lange Zug zu sehen, den der Sohn im Kindergarten
gemalt hatte. Frühzeitig erkennen wir also die Leistungen unserer Kinder
an; und zwar vorbehaltlos! Die anderen Kinder und die Geschwister werden schon
genug daran herummäkeln. Selbstvertrauen gewinnt ein Mensch nur über
die Anerkennung durch die Personen, an deren Anerkennung ihm etwas liegt. Also
freuen wir uns über die Leitungsbemühungen unseres Kindes so, wie wir
uns einst über sein erstes gesprochenes Wort freuten. Für die schulischen
Arbeiten gilt dasselbe. Kinder freuen sich im allgemeinen auf die Schule und sind
sehr daran interessiert, Lesen, Schreiben und Rechnen zu lernen. Wenn uns Eltern
die ersten Schreib- und Rechenbemühungen unserer Kinder unzureichend erscheinen,
dann meckern wir nicht daran herum. Alles braucht seine Zeit und wenn wir Geduld,
Vertrauen und stets aufmunternde Worte und Gesten haben, dann wird das Kind früher
oder später alles lernen, was es in der Schule braucht, um versetzt zu werden.
Ebenso selbstverständlich stehen wir bereit, wenn das Kind Hilfe braucht.
Rechnen, Schreiben und Lesen können wir ja auch, also sind wir in der Lage
das eine oder andere zu erklären. Erst in späteren Schuljahren wenn
der Schulstoff über unseren Wissensstand hinausgeht, müssen wir unseren
Kindern freimütig erklären, dass wir das nicht können und sie sich
anderweitig informieren müssen. Da gibt es Nachschlagewerke und - vor allem
- Klassenkameraden. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Kinder, die frühzeitig
gelernt haben, für ihre Arbeit selbst die Verantwortung zu übernehmen,
zwar nicht bessere Noten hatten als andere (denn Noten hängen nicht allein
von Fleiß oder Begabung ab) wohl aber unabhängiger waren und in den
betreffenden Familien die Schule kein Konfliktthema war.