logo
Schriften zur Erziehung und Bildung im WWW
von Dr. Joachim Rumpf
Hausaufgaben

 

1.
Über die Ziele und Zwecke von Hausaufgaben

 

Was wird von Familien und Schule in unserer Gesellschaft erwartet? Es sind tatsächlich nicht in erster Linie irgendwelche Abschlüsse und Prädikate, sondern vielmehr Eigenschaften und Verhaltensweisen, die mögliche Schul- und Ausbildungsabschlüsse maßgeblich zu begleiten haben. Wir finden diese Erwartungen an Frauen und Männer dann, wenn wir die Stellenanzeigen durchsehen. Die folgenden Erwartungen waren die am meisten genannten in den Stellenangeboten einer einzigen Wochenendausgabe einer großen Wochenzeitung. Woche für Woche können wir uns alle überzeugen, dass diese Erwartungen nach wie vor gelten. Wer sich der Mühe unterziehen würde, über einen längeren Zeitraum hinweg die Stellenangebote auf derartige Erwartungen hin zu analysieren, würde vielleicht die eine oder andere Akzentverschiebung feststellen, nicht aber auffallend Neues. Auf der Grundlage von in Stellenanzeigen geäußerten Erwartungen können wir festhalten, dass sie in dieser Gesellschaft gelten. Hier sind sie genannt:

Initiative, Verantwortungsbewusstsein, Selbständigkeit, Kooperationsbereitschaft, Offenheit und Neugier, Bereitschaft zum Lernen und sich neuen Aufgaben stellen zu können, Kommunikationsfähigkeit, Engagement und Kreativität, Einsatzbereitschaft, Flexibilität, Einfühlungsvermögen und Leistungswillen.

 

Wer also im Berufsleben unserer Tage bestehen will, der braucht, neben einer abgeschlossenen Berufsausbildung, vor allem:
Eine gute Motivation - zum Beispiel eine über die Berufsabschlüsse hinaus andauernde Lernbereitschaft (Stichwort: lebenslanges Lernen);
Positive individuelle und soziale Eigenschaften - zum Beispiel Selbständigkeit und Einfühlungsvermögen oder Kooperationsbereitschaft bzw. Teamfähigkeit;
Kognitive Fähigkeiten - zum Beispiel rasche Anpassung an neue Aufgaben und kreatives Denken.

Auch im weiten Feld der Sozialpädagogik, also der Jugendhilfeinstitutionen wie Kindergärten, Horten, Heimen oder der Jugendarbeit finden wir in allen pädagogischen Konzeptionen Zielangaben wieder. Wenn man sie analysiert, und in der Forschung wurde das selbstverständlich längst getan, dann finden wir als Ziel aller sozialpädagogischen Leistung, die Erziehung des jungen Menschen hin zu einem selbständigen und mündigen Bürger.

Selbstverständlich enthält der Erziehungs- und Bildungszielkatalog der Schulgesetze gleiche Zielvorstellungen. Im Schulgesetz unseres Landes finden wir im § 1 Formulierungen wie "Leistungswillen und Eigenverantwortung... soziale Bewährung...auf die Anforderungen der Berufs- und Arbeitswelt...vorzubereiten".

Nun sind das ja alles keine Idealvorstellungen, ausgedacht in wissenschaftlichen Einrichtungen oder erträumt von Schulverwaltungsbeamten oder Kulturpolitikern. Jeder von uns erlebt am eigenen Leibe und am Schicksal der Kinder, dass diese Tugenden tatsächlich erheblich einen Berufs- oder gar Lebenserfolg beeinflussen können. Und alles, was wir in der Schule tun, unser Schulleben also, dient diesen Zielen, wie wir sie im Gesetz und, etwas konkreter, im Alltag wieder finden.

Die Hausaufgaben, die unsere Schulkinder täglich zu erledigen haben, sollen nun diesen Zielen dienen. Zu ihren didaktischen Funktionen gehören unter anderem: Übung und Festigung des in der Schule vermittelten Lehrinhalts der darüber hinaus und nicht selten selbständig erweitert und vertieft werden soll. Auf diese Weise sollen Konzentration, Ausdauer und Durchhaltevermögen ebenso gestärkt werden, wie die Bereitschaft, Pflichten zu erfüllen, gerade auch dann, wenn sie unbequem sind und Anstrengung erfordern. Nicht zuletzt sollte neben der Selbständigkeit die Eigenverantwortung gefördert werden.


Ich möchte soweit gehen und sagen:
nur dann und in dem Ausmaß erfüllen Hausaufgaben - also arbeiten an Lerninhalten außerhalb des Unterrichts - ihren Zweck, wenn und so weit sie den hier genannten didaktischen Funktionen dienen und vor allem die auf die Persönlichkeitsförderung gerichteten Absichten in einer überprüfbaren Weise auch erreichen.

 

2.
Meine Kolleginnen und Kollegen und ich und die Hausaufgaben

Während der Lehrerausbildung erhalten Studierende kaum Informationen zum Thema "Hausaufgaben". Wenn aus einem Kollegium mit fünfunddreißig Lehrerinnen und Lehrern nur eine einzige Kollegin in einer Veranstaltung an der PH etwas zum Thema Hausaufgaben gehört hatte, dann dürfte dieses Beispiel die Realität wiedergeben. Was Lehrer über Hausaufgaben wissen und wie sie sie im Unterricht einsetzen, musste sich jede / jeder erst erarbeiten. Hierbei halfen sowohl die Kolleginnen und Kollegen als auch die Erinnerungen an die eigene Schulzeit. Denken wir an die zurück, dann sind uns noch jene Lehrer in schlechter Erinnerung, denen stets erst kurz vor dem Klingeln zur Pause einfiel, dass sie vergessen hatten die Hausaufgaben aufzugeben. Sie blätterten hastig im Buch, griffen sie zur Kreide und schrieben schnell an die Tafel. Zum Beispiel: Aufgaben Seite 18, Nummer 3 bis neun. "Auf wann?" riefen wir. Der Lehrer (schon an der Tür): "Auf Morgen". "Morgen ist keine Mathe". "Dann zur nächsten Stunde". Und weg war er.

Diesen Lehrertyp, der uns erkennbar ohne jede Vorbereitung Hausaufgaben hinwarf und ohne sich darum zu kümmern, ob wir die Aufgaben, die er aufgab auch konnten, gibt es heute an den Grund- und Haupt- und Sonderschulen nicht mehr. Keine der Funktionen, die Hausaufgaben erst sinnvoll machten, wären eingehalten. Und wenn wir Schüler das gewusst hätten oder gar ein paar unserer Eltern, dann hätten wir sie sicher nicht gemacht.

In unserer Zeit sagt ein Lehrer zum Beispiel: "heute kann ich euch keine Hausaufgaben aufgeben, denn ich habe den Eindruck, dass die meisten von euch den Lösungsweg noch nicht verstanden haben". Gelegentlich türmen sich bei den Lehrern die Hausaufgabenhefte der Schüler, weil sie sie nachmittags Heft für Heft durchschauen und kommentieren und dabei wird geprüft, ob und welche Fremdeinwirkungen erkennbar sind. Denn die Hausaufgaben sollen die Schüler, so ist es schulrechtlich geboten: "ohne fremde Hilfe" erledigen können.

Natürlich können nicht alle Mädchen und Jungen die Aufgaben gleich gut bearbeiten. Für den Lehrer heute steht aber der Arbeitsprozess im Vordergrund, nicht das Ergebnis. Ist ein ernsthaftes Bemühen erkennbar? So fragt er sich und akzeptiert, wenn bei Schüler X, der doppelt so lange braucht wie der Durchschnitt der Klasse, nur die Hälfte geschafft wurde - wenn die Eltern Zeit und Bemühen bestätigt haben. Und allein um die eigenen Erwartungen an die Leistungsmöglichkeiten eines Kindes so differenzieren zu können, wie es für dieses Kind optimal ist, braucht es einen guten Kontakt zu den Eltern. Mit ihnen spricht der heutige Lehrer die Vorgehensweisen ab, tauscht Erfahrungen aus über dieses Kind und gibt Hinweise, wie die Eltern zu mehr Eigenverantwortung und Selbständigkeit hinführen können. Von nicht zu unterschätzendem Vorteil kann es sein, wenn die Lehrer, die in einer bestimmten Klasse unterrichten, sich über ihre Gepflogenheiten im Umgang mit den Hausaufgaben gegenseitig unterrichten. Im Interesse einer ausgeglichenen Belastung der Kinder liegt zum Beispiel, sich wenigstens im Umfang der Hausaufgaben auf einen bestimmten Tag abzustimmen, wann immer das nötig wird. Auch hierfür sind die Kinder das Maß, das über die Notwendigkeit entscheidet. Jedem Lehrerkollegium ist zu empfehlen, sich über die erziehungspraktische Ausgestaltung ihrer Hausaufgabenpraxis zu verständigen und über die Ergebnisse humanwissenschaftlicher Forschung über deie Zusammenhänge von zwischenmenschlichen Beziehungen, hier vor allem der Art und Weise des Umgangs mit Schülerinnen und Schülern und deren Leistungsbereitschaft zu informieren..


3.
Unsere Kinder und die Hausaufgaben

Es gibt zweifellos eine große Anzahl unter unseren Schülerinnen und Schülern, die in der Schule und daheim mit Interesse und Engagement arbeiten. Als Berufspädagogen wissen wir - und können das voll akzeptieren - dass es auch kaum eine/n unter ihnen gibt, die in allen Fächern oder bei allen Lehrerinnen und Lehrern gleichermaßen arbeiten können, da die Interessen ebenso verschieden sind wie die zwischen menschlichen Beziehungen. Auch wir haben in Schule und Studium bei jenen am meisten gelernt, zu denen wir eine gute Beziehung hatten, sei es, weil wir ihre persönliche Autorität, ihre Fachkompetenz oder die Art und Weise des Umgangs mit uns schätzten. Dies galt vor allem für jene Pädagogen, die uns als Persönlichkeit wahrnahmen und achteten.

Die Befragungen des Professors Anton Bucher von der Universität Salzburg, die am 15. November 2007 auf einer Fachtagung vorgestellt wurden, gaben Auskunft darüber, was Kinder glücklich beziehungsweise unglücklich macht ergaben, dass Hausaufgaben "Glücksdämpfer" seien. Gerade, wenn sie als "zu viel" empfunden werden, tragen Hausaufgaben dazu bei, das Wohlbefinden von Kindern empfindlich zu stören. Hierbei sind es keineswegs die zeitlichen Belastungen allein, die die befragten Kinder störten. Viel mehr sind es die im Zusammenhang mit der Erledigung der Hausaufgaben entstehenden Konflikte mit den Eltern, die das Glücksempfinden von Kindern beeinträchtigen. (www.newsticker.welt.de oder www.zdf.de)

Es gibt aber einige Schülerinnen und Schüler, die mit den Arbeiten für die Schule überfordert sind. Diese Überforderung kann viele Gründe haben. Denken wir nur an eine Minderbegabung, an fehlendes Interesse oder Probleme in der Familie. Was immer auch dahinter stecken mag: es sind diese Kinder, die uns Sorgen machen, denn über die Qualität ihrer Hausaufgaben, teilt sich uns mit, dass sie Probleme haben. Und das können wir gelegentlich schon in der ersten Klasse beobachten. Und diese, unsere "Problemkinder" sind es, denen wir stets unsere besondere Aufmerksamkeit widmen. Hier bietet sich an, wenn wir an die Funktionen denken, die Hausaufgaben haben sollen, auf die Erfahrungen mit Hausaufgaben in eine stationäre Jugendhilfeeinrichtung (Kinderheim) zu gucken. Dort sind die Kinder mit Schulschwierigkeiten besonders reich vertreten. Zugleich erhellen die folgenden Beispiele, wie es sehr wahrscheinlich in den betreffenden Familien zugeht, wenn dort Kinder mit Lernschwierigkeiten sind. Der Unterschied zu einer Jugendhilfeeinrichtung ist der, dass dort Fachkräfte am Werk sind, die die Situation der Kinder sorgsam beobachten, begleiten und dokumentieren und den Lehrern, wie es in einem Buch über Hausaufgaben heißt, "Informationen in den Weg legen". Das tun Eltern in dieser systematischen Weise nicht.

4.
Hausaufgaben und Kinder am Beispiel einer Jugendhilfeeinrichtung

Aus dem Brief an einen Klassenlehrer:

"...Da kommt zum Beispiel der Klaus von der Schule nach Hause und man sieht ihm schon beim Hereinkommen an, dass heute nicht viel bei den Hausaufgaben mehr läuft. Obwohl er nur ein winziges Stück zum Schreiben aufhat, ist er kaum dazu zu bewegen, etwas zu tun. Da sitzt er dann Viertelstunde um Viertelstunde vor seinem Heft und gibt auf alle Bitten und Beschwörungen hin nur provokativ-beleidigende Antworten. Selbst wenn man ihm in dieser Situation ein Stück Schokolade anbieten würde als Anreiz, müsse man damit rechnen, dass er antwortete: Stecken Sie sich doch die Schokolade sonst wohin! ... Ihm bleibt angesichts der Situation seiner Mutter, an die er immer den­ken muss, keine Kraft, die ohnehin für ihn völlig sinnlosen Hausaufgaben zu erledigen ... Die Hilflosigkeit, die wir Erzieher in derartigen Situationen fühlen, das Gefühl des Versagens, da es an angemessenen Reaktionen fehlt, belasten uns sehr ... Verstärkt wird diese Belastung dadurch, dass wir wissen, immer wieder von vorn anfangen zu müssen: ist es uns unter großen Mühen gelungen, diesem Kind zu helfen, steht schon ein an­deres da mit ähnlichen oder noch größeren Schwierigkeiten..."

Ein Beispiel über den alltäglichen Verdruss mit den Hausaufgaben, der so groß ist, dass Tage ohne Aufgaben Festtage sind für Kinder und Erzieher. Dass die Lehrer ähnlich empfinden, zeigen die Gepflogenheiten an unseren Schulen, dass am Tage an denen ein Lehrer oder ein Kind Geburtstag haben, alle Kinder in dem betreffenden Fach oder das Geburtstagskind keine Hausaufgaben machen brauchen.

In der Hausaufgabenforschung ist es durchaus üblich die Zeit zu messen, die ein Kind braucht, um mit den Hausaufgaben fertig zu werden, und daraus den Grad der Belastung abzuleiten

Und zwar bezieht sich "Belastung" auf das Verhältnis zwischen der täglichen Lebenszeit, die ein Heranwachsender für die Schule verbraucht beziehungsweise verbrauchen muss, und der Freizeit. Freie Zeit wird verstanden als die Chancen, spielerische und nicht Leistungsbezogene, solidarische, Breitgestreute, der ganzen Person entsprechende Interaktionen und Aktivitäten entwickeln zu können.

Es gehört zur pädagogischen Verantwortung der an der Erziehung und Bildung Beteiligten, im In­teresse des Kindes auf genügend Zeit und Raum für spielerische Aktivitäten zu achten. Die Hausaufgabenzeiten sind nur ein Teil der Zeit, die neben dem Schulunterricht die Kinder in Anspruch nehmen.

Dass Kinder, allein schon vom Zeitumfang her gesehen, der sie im Zusammenhang mit Schulweg, Schulunterricht und Hausaufgaben beansprucht, stärker belastet sind als zum Beispiel Angestellte oder Industriearbeiter, ist bekannt Aus medizinischer Sicht wird eine zumutbare tägliche Gesamtarbeitszeit für Kinder altersgemäß gestaffelt:

7 Jahre alt 2 bis 3 Stunden
10 Jahre alt 6 Stunden
13 Jahre alt 7 Stunden
16 Jahre alt 8,5 Stunden


In Ergänzung zu den bisher vorliegenden Untersuchungen über den zeitlichen Aufwand für die Hausaufgaben, die auf Einschätzungen von Kindern, Eltern oder Lehrern beruhen, ermöglicht das Lerntagebuch eine relativ exakte Kontrolle der tatsächlich notwendigen, täglichen Arbeitszeit. Die regelmäßige Hausaufgabenzeitanalyse ist im Heim ein wichtiger Belastungsindikator im Zusammenhang mit der Planung der Erziehung eines Kindes und bietet eine inzwischen un­verzichtbare Grundlage für die Gespräche mit Lehrern. Zunächst einige Angaben über die Zeit, die die Kinder eines Heimes für die Erledigung ihrer Hausaufgaben aufwenden müssen.

Um Aufschluss darüber zu erhalten, ob möglicherweise die zeitliche Belastung auffallend von Jahr zu Jahr variiert, wurden die Hausaufgabenzeiten von zehn aufeinander folgenden Schuljahren ausgewertet und die Durchschnittszeiten (in Minuten) zusammengestellt. Um die Übersichtlichkeit sicherzustellen, wurden Gruppen gebildet und jeweils alle Schüler einer Schulform zusammen gefasst. Wenn auch, wegen der Fluktuation von Kindern in Heimen, die Zusammensetzung der Population variiert und zum Beispiel die Schulformen unterschiedlich vertreten sind, die Schwierigkeiten der Kinder nicht in jedem Schuljahr gleich sind, aber auch die Lehrer wechseln, so werden doch Rückschlüsse auf die realen zeitlichen Belastungen und ihre Verteilung möglich.

Die Auswertung überrascht zunächst: einmal werden von 188 Schultagen im Schuljahr nur an durchschnittlich 100 Tagen Hausaufgaben aufgegeben. Bei Kindern, die während des ganzen Schuljahres die Schule besuchten, also weder krank waren, noch erst während des Schuljahres in das Heim eintraten, schwanken die Angaben zwischen 69 Haus­aufgabentagen bei einem Schüler der Abschlussklasse und 153 Hausaufgabentagen bei einem Zweitklässler. Allgemein kann gelten: je jünger die Schüler sind, umso länger die täglichen Hausaufgabenzeiten und umso höher die Anzahl der Hausaufgabentage pro Schuljahr. Auch die in Minuten angegebene, tägliche Arbeitszeit an den Hausaufgabentagen ist nicht übermäßig hoch. Lediglich in der zweiten Klasse wird das vom Kultusministerium Baden-Württemberg empfohlene Limit von 45 Minuten im Regelfall überschritten und auch in der sechsten Klasse (Limit: 90 Minuten) arbeitet ein Kind im Durchschnitt 6 Minuten länger. Dagegen wird in den Klassen 8,9 und 10 erheblich weniger Zeit gebraucht als die Höchstgrenzen (120 bis 150 Minuten) erlauben.
Diese Angaben bestätigen, dass jüngere Kinder stärker belastet werden als ältere.

Für die Kinder sind die Hausaufgaben und die damit zusammenhängenden Schwierigkeiten keineswegs in erster Linie ein zeitliches Problem. Es sind Dimensionen subjektiven Erlebens und Empfindens, die für einen Teil der Kinder - also nicht für alle gleichermaßen, auch nicht für alle Heimkinder - schulische Angelegenheiten dauernd oder zeitweise unerträglich werden lassen. Wenn nun Kinder er­fahren, dass alle für die Schule aufgewendeten Mühen erfolglos bleiben, da sie einfach nicht schaffen, in ihrer Klasse auch nur den Status eines mittelmäßigen Schülers zu erreichen, dann müssen sich Angst, beziehungsweise die sich aus diesen Versagenserlebnissen speisende Schulverdrossenheit erheblich verstärken. Es lässt sich am Beispiel der Beobachtungen im Heim nachweisen, dass der von Kindern (mit schlechten Schulnoten) und ihren Erziehern geleistete Arbeitsaufwand für die Schule in keinem vertretbaren Verhältnis zum Ertrag steht. Dazu folgende Begebenheit aus dem Jahr 2004:

Drei Heimkinder waren am Ende des Schuljahres 2003/04 in die dritte Grundschulklasse einer Sonderschule (E) versetzt worden. Der neue Klassenlehrer, ein erfahrener Sonderschullehrer, überprüfte mit Hilfe entsprechender Tests die Kenntnisse der Kinder in Deutsch und Rechnen. Hierbei stellte er fest, dass allgemein kaum das Niveau des Übergangs vom zweiten ins dritte Schuljahr erreicht worden war. Bei diesen Heimkindern, von denen zwei erst während des Schuljahres aufgenommen worden waren, fehlte es an Kenntnissen in Deutsch oder Mathematik aus dem Stoff des ersten und zweiten Schuljahres.

Kein Wunder, dass diese Kinder, an denen tagtäglich der Unterricht des Lehrers gleichsam vorbeiläuft, weil er sich gar nicht mehr auf ihren Wissensstand bezieht, in der Schule auffällig werden. Erzieher (und in vergleichbaren Situa­tionen: die Eltern) merken wohl, wie groß die Schwierigkeiten und Lücken sind. Und eine Erklärung ist oft nur zu schnell zur Hand: "Hast wieder einmal nicht aufgepasst". Doch damit gab sich der Heimerzieher in diesem Falle nicht zufrieden. Zu groß war die Betroffenheit, die angesichts der nachweislich aufgewendeten Mühen von Kindern und Erziehern, diese Testergebnisse auslösten. Der folgende Auszug aus einem Brief an den Lehrer verdeutlicht dies:

"... Ein ganz anderes Problem ergibt sich, wenn wir prüfen, wie wir den Kindern gerecht werden können. Es hat ja, wir sprachen darüber, wenig Sinn, den Stoff in Mathematik oder Deutsch weiterzuführen, obwohl nun klar auf der Hand liegt, dass es an Fun­damenten fehlt, und wo die Lücken vorhanden sind. Selbst wenn uns die Erkenntnis: "Da ist aber auch überhaupt nichts vorhanden," fast resignieren lässt, so bleibt doch nichts anderes übrig, als irgendwo anzufangen. Die Erzieher sind gern bereit, im Rahmen der üblichen Hausaufgabenzeiten alles das mit den Kindern durchzuarbeiten, was Sie als Lücken in den Fundamenten von Mathematik und Deutsch herausgefunden ha­ben. Von unserer Seite her gäbe es auch keine Einwände, wenn Sie den Unterrichtsstoff auf den Kenntnisstand der Kinder bezögen und nicht auf den Lehrplan.
Aus der Sicht des Erziehers sind es weniger die kognitiven Anteile entsprechender Fördermaßnahmen, die Probleme bereiten können, als Fragen der Belastung der Kinder. Wir haben nach unserem Gespräch die Hausaufgaben-Tagebücher, die unsere Erzieher führen, ausgewertet. Die zeitliche Hausaufgaben-Belastung betrug im Schuljahr 2003/04, bezogen auf jeden Tag, an dem Hausaufgaben aufgegeben wurden, im Durchschnitt dieser drei unserer Schüler

A - 74 Minuten (Spitzenzeit: 120 Minuten)
B - 64 Minuten (Spitzenzeit: 150 Minuten)
C - 78 Minuten (Spitzenzeit: 110 Minuten)
Diese Werte sind jeweils ohne die Strafarbeiten ermittelt. Die schulischen Strafarbeiten kommen noch hinzu. Hier führte das Kind B im Schuljahre 2003/4 die Liste mit insgesamt 16 (uns bekannt gewordenen) schriftlich anzufertigenden Arbeiten an, deren längste Bearbeitungszeit an einem Tag einmal drei Stunden in Anspruch nahm (für eine DIN A 4 Seite). Den Eintragungen in den Schultagebüchern zufolge, sind längst nicht alle Verhaltensauffälligkeiten unserer Kinder in der Schule mit Strafarbeiten geahndet worden. Bei der hier vorgetragenen Analyse geht es um zwei Gesichtspunkte:
1. Obwohl die Kinder regelmäßig Hausaufgaben im angegebenen zeitlichen Umfang gemacht haben und in dem Zusammenhang mit diesen und anderen schulischen Arbeiten Lob (auch das hat es recht reichlich gegeben!) und Tadel erfuhren, ist dabei nicht mehr herausgekommen, als das, was uns der Test zeigt. Mit anderen Worten: Der Aufwand, den wir getrieben haben, steht in keinem Verhältnis zum Ertrag. An den Testergebnissen gemessen, hat der hohe Einsatz der Kinder (täglicher Verzicht auf Freizeit), der Einsatz und Ärger von Lehrern und Erziehern zu einem Ergebnis geführt, das nicht viel schlimmer hätte ausfallen können, wenn die Kinder überhaupt nicht in die Schule gegangen wären.

2. Die Erfolglosigkeit aller Anstrengungen, die, wie die Tagebücher verraten, in nervenaufreibenden Auseinandersetzungen erzwungen werden müssen, spüren auch die Kinder. Das ist nicht zuletzt einer der Gründe (vielleicht sogar der entscheidende!), der zur völligen Demotivation für schulisches Arbeiten führt. Die Nutzlosigkeit von Bemühungen führt zur Resignation. Diese Erkenntnis gilt sicher nicht nur für Kinder, sondern auch für Lehrer und Erzieher und, wenn das so wäre, dann könnten sich beider Enttäuschungen zu reiner Destruktivität empor schaukeln.

Aus dieser Sackgasse müssen wir also heraus. Entweder wir sagen klar, dass wir hier außerstande sind, etwas zu verändern: Dann müssen wir uns mit diesen Mängeln abfinden; oder wir halten gemeinsam Ausschau nach neuen Ufern. Bequem dürfte der Weg allemal nicht sein, nur: schlimmer kann es eigentlich kaum werden ..."

Soweit der Brief an den Lehrer. Bereits ein halbes Jahr nach diesem Brief gingen die Kinder deutlich lieber zur Schule als je zuvor: Der Lehrer hatte begonnen, die Kinder dort abzuholen, wo sie standen. Und das im wahrsten Wortsinne: er besuchte sie in ihrer Gruppe und baute so positive Beziehungen auf.

Diese Erfahrungen zeigen, dass es völlig sinnlos ist, Hausaufgaben von Seiten des Lehrers nach dessen Überzeugungen oder Maßstäben einzufordern, wenn diesen Anforderungen auf Seiten der Schüler keine Entsprechung vorliegt. Oder anders gesagt: Wir können noch so laut schreien: ein Tauber wird uns nicht hören. Es sei in diesem Zusammenhang noch einmal auf die Theorie von der Ökologie der menschlichen Entwicklung verwiesen und - vor dem Hintergrund unser aller Erfahrungen - unterstrichen, dass nur bei positiven Beziehungen und weitgehender Übereinstimmung zwischen den Lebensbereichen Familie und Schule und bezogen auf ein bestimmtes Kind, sich bei diesem etwas bewegt. Wir kommen im folgenden Abschnitt noch einmal darauf zurück.

Für die Kinder, die Lehrer und die Erzieher haben sich die folgenden Vereinbarungen über Hausaufgaben bewährt:

In jenen Fächern, in denen Hausaufgaben zweckmäßig sind, werden sie regelmäßig aufgegeben.
Jede dieser Aufgaben wird benannt und von den Schülern aufgeschrieben.
Jedes Kind sollte die Aufgabe verstanden haben.
Die Aufgaben ergeben sich inhaltlich aus dem Unterricht
Die Hausaufgabenkontrolle beschränkt sich nicht darauf zu schauen, ob sie gemacht wurden. Bestätigung der Leistung und entsprechende Rückmeldungen sind wichtig. Dies sollten schriftliche Bemerkungen unter den Hausaufgaben sein.

Kontrolle ist wichtig und zwar für Lehrer selbst. Wo sind unter Umständen zeitliche Überforderungen? Mit dem Blick auf die Funktionen sollte darum sorgsam differenziert werden und nur so viel aufgegeben werden, wie viel der einzelne Lehrer an Bearbeitung bei der Kontrolle verkraften kann.

5.
Die Eltern und die Hausaufgaben

Ohne Zweifel sind im Zusammenhang mit den Hausaufgaben die Eltern ein ganz zentrales Thema für alle Lehrerinnen und Lehrer. Wenn auch jeder/m von uns bekannt ist, dass Kinder ihre Aufgaben "ohne fremde Hilfe" - also selbständig erarbeiten können sollten, so wird von den Eltern zumindest erwartet, dass sie sich darum kümmern, dass die Aufgaben erledigt werden. Darüber hinaus haben, wie wir sahen, Hausaufgaben auch eine wichtige Informationsfunktion. Wenn Eltern sie aber nicht zur Kenntnis nähmen, wüssten sie nicht, was ihre Kinder lernen beziehungsweise mit welchen Schwierigkeiten sie zu kämpfen haben. In der Familienpädagogik sprechen wir vom elterlichen Interesse an ihren Kindern und allem was sie tun. In den Arbeitsgruppen wurden eine Fülle an Erfahrungen ausgetauscht und Ideen gesammelt, wie Eltern in das Schulleben, von denen die Hausaugaben ein Teil sind, mit eingebunden werden können.


Eine allgemeine Erfahrung steht am Anfang:

Es führt zu wenig bis gar nichts, wenn man den moralischen Zeigefinger hebt und Eltern Standpauken hält. Dadurch werden eher Widerstände hervorgerufen, Fronten errichtet, Positionen unvereinbar, Eltern in Verteidigungshaltungen bzw. mit dem Rücken an die Wand gedrängt. Gelegentlich geraten Eltern zwischen Schule und Kind oder gar selbst in eine Schülerrolle. Darum müssen wir versuchen auf andere Weise Betroffenheit zu erzeugen, Eltern zu öffnen, zum Zuhören und Mitdenken bringen, deutlich werden lassen, dass es nicht um die Macht und Launen von Lehrern, sondern um die Kinder geht und auf diese Weise "Vertrauensbrücken" bauen. Darum ist auch die Herstellung dieser Übereinstimmung die Voraussetzung für die schulischen Erfolge eines Kindes. Dabei ist es zunächst völlig gleichgültig, ob die Eltern die Maßstäbe/Erwartungen der Schule (des Lehrers) übernehmen oder der Lehrer die der Eltern oder ob sie sich auf einer Zwischenebene treffen. Wer also von Kindern und Eltern bestimmte Verhaltensweisen oder Einstellungen erwartet, und in den Arbeitsgruppen sind einige genannt worden, kann diese nur im Dialog oder gar nicht erreichen. Ohne das Zusammenwirken von Familie und Schule bleiben die Vorstellungen von Strenge, von Verhaltensregeln oder Hinweise auf mehr "Mut zum Grenzen setzen" Wunschvorstellungen. Darum weist der Vorschlag von Arbeitsgruppen, mit Hilfe von Elternberatung, Erziehungsfilmen mit Hilfe von Videos über die man gemeinsam spricht u. a. Wege auf, mit Eltern den Prozess gegenseitiger Verständigung und Hilfe in Gang zu bringen. Überall dort, wo die Verständigung nicht möglich ist und die Widerstände, die Gleichgültigkeit oder Abneigung von den Eltern und ihrer Kinder von uns nicht beeinflusst werden können, sind wir mit unserem Latein am Ende. Das muss man ganz deutlich so sagen und, das war eine ganz wichtige Empfehlung aus einer Arbeitsgruppe, den Eltern unmissverständlich und schriftlich mitteilen. In derartigen Fällen geht es umgekehrt darum, den Eltern Informationen "in den Weg zu legen". Es soll nachher, wenn ein Kind nicht versetzt werden konnte, eine Prüfung nicht bestand oder Schulstrafen verhängt werden müssen, niemand sagen können, dass sie / er das nicht gewusst habe. Verantwortungen und Pflichten können von Eltern nur in dem Umfang eingefordert werden, in dem diese in fachlich kompetenter Weise (z. B. mit Hilfe sorgfältiger Dokumentation der Versäumnisse und Verfehlungen) schriftlich informiert wurden. Die entsprechenden Dokumentationen bilden im Bedarfsfalle die Grundlage für Hilfen von Außen.

Wie lassen sich Eltern ansprechen?

Neben den obligatorischen Elternabenden, die durchaus auch mal pädagogische Themen mit beinhalten dürfen, ist Öffentlichkeit in der Schule und im sozialen Umfeld herzustellen. Zum Beispiel wurde an einer Schule in unserer Region das Thema "Umgangston / Umgangsformen" in die öffentliche Diskussion getragen weil Schulklassen anlässlich eines Schulfestes mehrere Sketsche hierzu aufführten und damit Betroffenheit erzeugten. Oder eine gemischte "Redaktionskommission" (Vertreterinnen/Vertreter aus Schule (einschl. Schülervertretung) und Familie (Elternbeirat) gestaltet ein Informationsblatt, druckt es aus und legt es dem Mitteilungsblatt der Gemeinde/ dem Stadtbezirk bei. Auf diese Weise werden Anliegen / Informationen / Probleme in die Öffentlichkeit getragen und zweifellos zum Gegenstand allgemeiner Aufmerksamkeit (z.B. bei Oma und Opa, am Stammtisch, in den Vereinen, in den Kirchengemeinden u.s.f.). Ziel ist u.a. den Dialog zwischen den pädagogischen Institutionen und allen anderen Gemeindebürgerinnen und -Bürgern anzuregen und hierfür nicht mehr nur verdeckte Wege zu nutzen, wie sie ohnehin an den Stammtischen und bei anderen Gelegenheiten begangen werden, Gerüchte statt Fakten kommunizieren und auf diese Weise Missverständnisse pflegen. Auch Elternabende mit pädagogischen Themen sind zu empfehlen - aber erst dann effektiv, wenn sie in konkrete befristete Zielabsprachen / Vereinbarungen / Verträge münden, die Erfolgskontrolle und Fortschreibung ermöglichen. Hier einige bewährte Vorgehensweisen:

Jede Lehrerin und jeder Lehrer bietet, zusätzlich zum Deputat, feste Sprechstunden an. Außerdem sind sie telefonisch erreichbar.
Schulische und außerschulische Kontakte mit Eltern, die einen eher informellen und geselligen Charakter haben, schaffen Vertrauen und Zugänge vor allem zu jenen Eltern, die sonst nicht zu sehen sind.

Unbestritten ist - und wurde im neuen Kinder- und Jugendhilfegesetz noch einmal ausdrücklich unterstrichen - dass die Erziehungsverantwortung bei den Eltern liegt. Und damit ist die Pflicht verbunden, alle Voraussetzungen zu schaffen, damit die Kinder optimale Arbeitsbedingungen für ihren Schülerberuf haben. So, wie nur eine Minderheit unter den Kindern ein echtes Problem mit schulischen Anforderungen und den Hausaufgaben hat, so brauchen auch nicht alle Eltern Hilfe und Unterstützung. Dort wo sie notwendig ist, da bedeuten Hilfen für Kinder im Regelfalle zunächst und vor allem Hilfen für die Eltern. Und die Frage nach den Wegen zu diesen Hilfen spielte eine wichtige Rolle.


6.
Einige Schlussfolgerungen

Nur wenn eine Hausaufgabe eine der oben genannten methodisch-didaktischen Funktionen erfüllt, ist es zweckmäßig, .Hausaufgaben aufzugeben. Hausaufgaben aufzugeben, nur weil "man das so tut", ist überflüssig. Es gibt zwar schulamtliche Aussagen über die Funktionen von Hausaufgaben, es gibt aber keine Vorschriften darüber, dass Hausaufgaben gegeben werden müssen. Diese Entscheidungen liegen allein im Ermessen des Lehrers und, soweit eine Schule davon betroffen ist, in der Kompetenz einer Schulkonferenz. Ob mit einer Hausaufgabe die beabsichtigten Funktionen bewirkt wurden, lässt sich nur durch Überprüfung feststellen. Bei der Aufgabenstellung sind nicht unsere Absichten von Bedeutung, sondern das, was wir damit erreichten. In einem Kollegium ist es angebracht, nicht nur in Bezug auf die Hausaufgaben - ein Klima der Offenheit, des gegenseitigen "Rückenstärkens" und der wechselseitigen Informationen zu haben. Diese Tugenden gelten besonders für alle, die in einer bestimmten Klasse unterrichten, also Klassen- und Fachlehrer dieser Klasse. Da die Art und Weise, wie Hausaufgaben bearbeitet werden, auch mit der Situation in einer Familie verknüpft ist, spielt die Haltung von Eltern zu schulischer Arbeit eine zentrale Rolle. Dort wo es zweckmäßig oder gar dringend geboten erscheint, muss mit bestimmten Familien Kontakt gesucht und positiv gestaltet werden. In jenen Fällen, in denen der begründete Verdacht besteht, dass Eltern ihrer Verantwortung bzw. ihren Pflichten nicht gerecht werden können oder wollen, ist im Interesse des betroffenen Kindes Hilfe nötig, die in der Regel nicht von der Schule geleistet werden kann. Ansprechpartner sind, wenn keine medizinisch-therapeutische Hilfen gebraucht werden, die Fachkräfte der Jugendhilfe.



Dieser Aufsatz ist sowohl aus mehreren Fortbildungsveranstaltungen mit Lehrerinnen und Lehrern an öffentlichen Schulen (Pädagogische Tage) als auch aus den persönlichen Erfahrungen der pädagogischen Arbeit in einer stationären Einrichtung der Jugendhilfe heraus gewachsen Er richtet sich also sowohl an sozialpädagogische Fachkräfte als auch an Lehrerinnen und Lehrer.

aktualisiert am 16.11.2007
zurück zur Begrüßungsseite
zurück zu Einführung Erziehung und Bildung