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Schriften zur Erziehung und Bildung im WWW
von Dr. Joachim Rumpf

 

 

Erinnerungen an die eigene Schulzeit

 

 

Wer als Berufspädagoge, wie ich zum Beispiel, so viel über Schulen, Unterricht, Schulprobleme und schulisches Lernen zusammenträgt, sollte auch sich selbst und die eigene Schulzeit nicht vergessen. Und weil ich aus den für meine Persönlichkeitsentwicklung entscheidenden Lebensjahren (vom 15. Geburtstag bis ins 18. Lebensjahr) Aufzeichnungen aufbewahrte, kann ich dieses Material zu Rate ziehen.

Anlässe für mich, mich damit zu befassen, waren Gespräche auf einer Geburtstagsfeier mit Kolleginnen und Kollegen sowie eine Begegnung mit meinen ehemaligen Klassenkameraden im Juni 2007.

 

 

Kürzlich (Oktober 2006) saßen wir mit Freunden beisammen und feierten einen Geburtstag. Alle Ehepaare sind (oder waren) Lehrerinnen und Lehrer. Die jüngeren unter uns, die noch schulpflichtige Kinder haben, erzählten von ihnen. Zum Beispiel über die gravierenden Unterschiede, wie Geschwister mit ihren schulischen Pflichten umgehen. Da gibt es den Sohn, der ohne elterliche "Anregungen" seine Arbeiten mit Fleiß und Interesse erledigt. Da gibt es den anderen Sohn, den Mutter oder Vater nur mit Mühe dazu bewegen können, seine schulischen Pflichten zu erfüllen. Alle hatten wir, wie der lebhafte Austausch zeigte, mit unseren Kindern die ähnlichen Erfahrungen gemacht. Wenn auch keins unserer Kinder in Bezug auf schulisches Arbeiten dem anderen glich, so waren doch die beiden "Grundtypen": die Engagierten und die kaum Engagierten zu unterscheiden. Bei den "kaum Engagierten" waren auch Kinder dabei, die ihrer Begabungen wegen, den schulischen Anforderungen gleichsam "mit Links" gerecht wurden und relativ viel ihrer Freizeit ihren Steckenpferden widmen konnten.

Nun sind diese Beobachtungen für erfahrene Schulmeister (die Jüngsten unter uns sind um fünfzig, der Älteste um siebzig Jahre alt) keineswegs neu. Sie boten lediglich Anlass für die Fragen nach der eigenen Schulzeit und unserer Erinnerungen an sie. Zu welchem Typ gehörten wir denn? Haben wir denn alle freundliche Erinnerungen? Sehen wir uns als engagiert, fleißig, erfolgreich?
Und wenn wir uns heute darüber austauschen, treten wir uns ehrlich genug gegenüber?

Auf diese Frage ermöglichen Tagebuchaufzeichnungen aus der eigenen Schulzeit realitätsnahe Antworten. Darum holte ich meine Tagebücher, die ich 1947 mit fünfzehn Jahren zu schreiben begann und im Dezember 1949 beendete, aus dem Schrank und zog alle auf die Schule bezogenen Äußerungen heraus. Hierbei beschränkte ich mich zunächst auf die Einträge aus dem Kalenderjahr 1948.

 

 

 

Eine erster "gefühlter" Rückblick voraus: In Gesprächen vor allem mit den Studentinnen und Studenten an der PH Freiburg, an der ich zwanzig Jahre lehrte, habe ich stets erklärt, dass ich meine Rolle als Schüler als eine Kette von Frustrationserlebnissen in Erinnerung habe. Festgemacht hatte ich diese Einschätzung an der ganz allgemein erlebten Diskriminierung von Lehrerseite einmal - und ganz allgemein - wegen der von ihnen abhängigen Schülerrolle und konkret, wegen der Fülle an abfälligen Bemerkungen und Gesten, die ich als mäßiger bis schlechter Schüler erlitt.
Noch einmal: es handelt sich hierbei um nachträgliche Deutungen, die zugleich vor mir selbst als Erklärung für meine nur mäßigen Schulleistungen gedient haben mochten.

Durchsuche ich nun die Tagebucheintragungen, ist von Diskriminierungserfahrungen nichts zu lesen. Wohl bestätigen sich mein Versagen in Latein und deuten sich die Schwierigkeiten an, die ich in den naturwissenschaftlichen Fächern tatsächlich hatte. Dort kam ich über eine mäßige "Drei" oder in Mathematik um eine gnädige "Vier" nie hinaus. Dennoch vermochte ich diese Mängel in anderen Fächern (Deutsch, Geschichte, Kunst und Musik) reichlich zu kompensieren.
Dies zu den Schulleistungen.

Ihnen zur Seite steht eine optimistische Grundhaltung, die aus vielen Einträgen spricht; die Freude gleichsam an meiner Existenz beziehungsweise am Leben. "Immer nur Lächeln und immer vergnügt" (nach einer Operettenmelodie) war eine meiner Devisen, wie überhaupt die eigene Lebensphilosophie bestimmt wurde von dem, was ich las und im Gespräch mit den Kameraden und Freunden austauschte. Aber genau hier, in den für die eigene Persönlichkeitsbildung so wichtigen Dialogen, die in den Tagebüchern immer wieder recht ausführlich schriftlich nachgearbeitet wurden, fehlt die Schule völlig. Auf den eng beschriebenen 98 Seiten aus dem Buch 1949 entfallen, wenn man sie aneinanderreihen würde, kaum fünf Seiten Eintragungen mit auf die Schule bezogenen Inhalten. Und auch darunter ist der Anteil an Unterrichtsbezogenen Aussagen sehr gering. Der Unterricht hatte für mich, das lässt sich sowohl an den Tagebucheinträgen nachweisen, wie von meinen Erinnerungen her an diese Zeit bestätigen, keine Bedeutung. Insofern bestätigt meine eigene Erfahrung die Forschungsergebnisse des Schweizer Psychologen und Buchautors Allan Guggenbühl, dass die Schulwirklichkeit, wie sie die Mädchen und Jungen erleben, nur wenig mit den Konzeptionen unserer Schulen gemein hat (vgl. dazu u. a.: Guggenbühl: Die Pisa-Falle. Schulen sind keine Lernfabriken. Freiburg 2002, S. 19 ff). Im Zentrum meiner Aufzeichnungen stehen Bemerkungen, die sich auf die sozialen Prozesse der Schulkameraden untereinander beziehen und höchstens noch den von uns allen sehr geschätzten Klassenlehrer (Deutsch und Geschichte) Herrn Knappe erwähnten. Dass unser Lateinlehrer, bei dem und mit dem ich die größten Probleme hatte, Erwähnung findet, ist angesichts der Problemsituation in diesem Fach, keine Überraschung,

Hier nun zunächst die Textauszüge:

 

 


Auf die Schule bezogene Einträge im Tagebuch 1948 (10. Schuljahr 2, Hälfte / 11. Schuljahr 1. Hälfte). Ich besuchte eine Oberschule in Dessau, wo wir damals lebten (vgl. dazu die Texte weiter unten!)

 

Montag, d. 5. 1. 1948: "Der Klassenlehrer, Herr Knappe, hat heute am Nachmittag bei uns seinen Besuch gemacht. Er blieb bis 20,00 Uhr".

13.03.1948: "Ich habe gestern einen Aufsatz abgegeben. Im Wartezimmer des Arztes. Jetzt will ich für Fritz einen machen: Im Wartesaal".

04.05.1948 "eigentlich passt es mir nicht (wegzufahren), denn ich fange an, auf die Schule Rücksicht zu nehmen"

11.05.1948: "und jetzt noch schnell essen und dann zur Schule. Mittags muss ich mich noch auf die Lateinarbeit vorbereiten".


26. - 28. Mai 1948
"… das Schullandheim ist wohl nun ein Ereignis gewesen, dass mich als Kamerad unter Kameraden in meiner Klasse am meisten beschäftigen musste. Ohne Zweifel brachten uns diese Tage, so kurz sie auch waren, näher. Sie verbanden uns Schüler, da wir zum großen Teil zum ersten Male etwas gemeinsam außerhalb der Schule hatten. Die Klassengemeinschaft wurde so, mit einigen Ausnahmen wie stets, gefestigt. Auch entdeckte man bei den Anderen Talente, die man vorher nicht vermutet hatte. Es war sehr schön, und wir wollen alle, so bald wie nur möglich, wieder hinaus in dieses so weltferne, im schönen Fläming gelegene Heim…
Wir haben viel erlebt in diesen drei Tagen. Es war wunderbar! Es ist großartig: Jungs unter sich!"

06.06. "ein neuer Musiklehrer. Herr Knape ist wegen "Untragbarkeit" entlassen. Herr Schreiber ist fabelhaft. Er liebt die moderne Musik."

11.06.1948 "In Latein steht es sehr schlecht… Versetzung in Frage gestellt. Kunst bei Dr. Kieser: 1"

20.06.1948: "Romeo und Julia, auch Herr Knappe war da und Dr. Siebert (Lateinlehrer), die Freundinnen und die Herren Lehrer, die mit mir in einer Reihe saßen"

11.07.1948 "Wir hatten die ganze Woche nachmittags Schule"

13.07.1978: "In der Schule waren heute die entscheidendsten Minuten des ganzen Schuljahres für mich. Die Entscheidung in Chemie 3 oder 4. Besser gesagt: versetzt werden oder sitzen bleiben. Ich konnte es zum Glück wenden zum Guten. Aber dafür habe ich auch gestern den ganzen Tag Chemie gebüffelt. Hätte es eine 4 im Zeugnis gegeben, wäre es wegen der 4 in Latein knapp geworden."

"Ich bin immer ruhig und still meinen Weg als Einsiedlerkrebs für mich alleine gekrebst. Bis ich nun Ende vergangenen Jahres Karli fand. So kam ich zum ersten Male richtig unter Gleichaltrige. Wir verstehen uns gut. Es waren ja auch Klassenkameraden unter den Freunden, die dann meinen Kreis erweiterten und ich gab so, ohne dass es mir recht bewusst wurde, meine bisherige Lebensweise auf…"

"… ist es ein Nachteil, dass ich zu viel denke? Wenn ich denke, pflege ich nämlich nicht zu sprechen, und dann muss mein Gesicht auch anders aussehen. Denn wenn ich in der Schule so in mich versunken da stehe (natürlich nur in der Pause), dann kommt Dieter und sagt gleich: aha, Achim träumt schon wieder."

28. 6. (Mittwoch)
"Herrliches Wetter hatten wir gestern am letzten Schultag. Versetzt bin ich mit einer 5 in Latein, einer 2 in Deutsch und Musik und einer 1 in Kunst."


Und zu Beginn unseres 11. Schuljahres hieß es:

1. September 1948 ½ 7 Uhr
"Blutig rot steht die Sonne im Osten. So fängt ein neues Schuljahr an."

17 ½ Uhr "Das Durcheinander in der Schule heute ist einfach unvorstellbar Etwa 150 Mädel und 250 Jungen hat unsere Anstalt, die jetzt nicht mehr Goethe-Schule sondern Rosa-Luxemburg-Schule heißen soll. Es wurde dagegen Berufung eingelegt…"

13. 09. 1948
"Nun bin ich zum zweiten Male vom Schullandheim (10.09.-14.09.) nach Hause zurückgekehrt. Wenn ich mir die 5 Tage, die mir wie 5 Wochen scheinen, ansehe, so muss ich sagen, dass sie bedeutend besser waren, als am letzten Male. Wir hatten ja so unendlich viel Freiheit! Nur nach dem Abendbrot und bei den Handballspielen, von denen gestern Nachmittag noch mal eins stieg, mussten wir beisammen bleiben. Unsere Freizeit nützen wir aber auch aus… Gestern war ein heiterer Abend bei uns… ich spielte den Eckensteher Nante und trug was aus Ludwig Thomas Lausbubengeschichten vor…Später, im Schlafsaal hatten sich vier Hornissen, richtig große braune, in unseren Schlafsaal geschlichen und machten die Gegend unsicher…"

03.11.1978
"Ich sitze in der Schule. Es ist halb eins. Wir haben gerade bei Herrn Stephan Biologie. Ich höre kaum zu, was er da vor mir von Blutgerinnung und Blutzellen erzählt. Meine Gedanken schweifen ab… Ich weiß nicht: mir tun die Lehrer leid. Täglich hier stehen und uns Wissen bis zum Erbrechen eintrichtern… Was ist denn schon Schule: so eine kleine Periode des Lebens. Sorglos ist sie ja. Aber sonst? Andere sind mit 17 Jahren schon in der Welt herumgereist… mir kommt das alles so stupide vor. Wenn ich doch endlich ein freier Mann bin…
Und nun nach Hause. Endlich"

14.11.1948, 11.00 Uhr:
"Freitag, Sonnabend Schule nicht besucht… Gestern war Erich da. Es kristallisiert sich sicher ein Freundschaftsverhältnis besonderer Güte heraus…
"… die Klasse schenkte mir ein Mathebuch. Ist das nicht rührend?"
20,30
"gegen Abend versammelten sich Fritz, Karl, Jobst und Wolfgang bei uns…"

19. 11. 1948
"Schule, Schule, Schule. Sie macht aber Spaß. Alles macht Spaß. Heute ist der "Freie Laden" (HO) eröffnet worden"

28.11. 1948
"Ich habe viel zu tun. Ich arbeite Goethes Leben durch als vorläufiger Leiter unserer Literatur-AG und muss mich zugleich neben dringender Schularbeiten auf ein Krippenspiel vorbereiten."

08.12.1978
"Ich bin als Gastdelegierter zum ersten Kreisjugendkongress eingeladen. Samstag und Sonntag. Der große Vorteil ist: es gibt etwas zu essen."
(Vier Monate später nahm ich als ordentlicher Delegierter der FDJ-Schulgruppe am zweiten Kreisjugendkongress teil. In dieser Zeit war ich irgendwann in der FDJ beigetreten)
außerdem schrieb ich:
"Das war ein böser Tag: In Latein ein Versager, in Chemie eine 4 und - in Deutsch in einem Aufsatz eine 3 -. So etwas ist mir noch nie passiert! Doch - immer lächeln und immer vergnügt!"

14.12.1978 ½ 2 Uhr
"Ich bin gerade rein. Ich komme vom Tanzstundenball bei der Wiegleb im Keglerheim. Diese Sache ging von 19,00 bis 24,00 Uhr. Es war wunderschön dieser Abend mit all den anderen Kameraden unserer Penne…"

17.12.1978 ½ 4 Uhr früh
"… gerade sind Ilse (meine ein Jahr jüngere Schwester, die zu der Zeit in einer Apotheke lernte) und ich vom Schülerball im Kornhaus zurück…"

 

 

Ergänzende Bemerkungen zur Auswertung meiner Tagebücher

Die ebenso aufregende, emotional wechselhafte, nach fröhlicher Unbekümmertheit wie sozialen Bindungen und neuen sinngebenden Orientierungen gierenden pubertären Phasen lassen sich recht überzeugend und das Typische widerspiegelnd in meinen Tagebüchern 1947, 1948 und 1949 nachweisen.
Ein zentrales Thema im eigenen Leben und in den Gesprächen zwischen den Klassenkameraden waren die Beziehungen zum anderen Geschlecht. Doch diese Aufzeichnungen lasse ich hier aus. Nur so viel sei verraten: während meiner Schulzeit wurde zwar viel getanzt und auch geschmust. Die Scheu vor Sexualität aber war so groß, dass wir darüber nicht einmal miteinander sprachen. Wenn es um Mädchen ging, dann über deren Verhalten, Charakter, Aussehen und über die Rolle von Frauen schlechthin und unsere Chancen bei und Erfahrungen mit ihnen.

Neben diesem, dem damals von uns so genannten "Thema eins" ist das Tagebuch überwiegend angefüllt mit Berichten über die Kontakte mit den Freunden, was wir gemeinsam unternahmen erlebten und diskutierten. Ich war mit 16 Jahren der Jüngste in dem Kreis, Erich mit neunzehn Jahren der Älteste (gestorben 1976), dann kam Fritz mit achtzehn (gestorben 1995) und Karli mit siebzehn Jahren (gestorben 1998). Erich war sogar im letzten Kriegsjahr schon Luftwaffenhelfer gewesen. Alle, die älter waren als der Klassendurchschnitt hatten irgendwann einmal ein Schuljahr wiederholt.

Es fehlten auch nicht Sätze, die auf die recht dramatische Ernährungslage hinwiesen. Der Hunger und die damit verbundene Herausforderung, Lebensmittel zu beschaffen (Stichwort "Hamsterfahrten") wurden immer wieder erwähnt. Der Traum, dass bals wieder "normale" Zeiten kommen mögen, durchzog wie ein roter Faden die Jahre nach dem Krieg.
Dennoch versuchten wir das Beste aus dieser recht bedrückenden Situation, die für alle gleich war, zu machen.

 

Was gemeinsam mit den Freunden unternommen wurde

Acht mal waren wir Freunde aus der gleichen Klasse und bezogen auf das Jahr 1948, gemeinsam im Kino, sechs Mal in Konzerten und Theateraufführungen und zwei Mal zu Sportveranstaltungen (Fußballspiel und Boxkampf). Wir organisierten häufig Tanzabende daheim zu Schallplattenmusik (bei weggeräumtem Teppich) und gingen auch Tanzen: am 30. 09. (Cafe Neues Theater / Veranstalter: FDJ) 16 12. im Kornhaus (Schülerball). Der Besuch derartiger Tanzveranstaltungen nahm in den ersten Monaten des Jahres 1949 noch etwas zu.

In meiner freien Zeit las ich viel

Das Verzeichnis der außerhalb der Schullektüre von mir gelesenen Bücher weist 140 Titel auf. Ein Zeichen, dass ich meiner liebsten Freizeitbeschäftigung wegen der zunehmenden sozialen Kontakte weniger frönen konnte als im Jahr davor: 1947 sind 365 Titel verzeichnet. Da konnte auch kaum Zeit für Schularbeiten daheim bleiben. Allerdings hatten wir im sehr strengen Winterhalbjahr 1946/47 bis Ende Februar und an anderen Frosttagen "wegen Kohlenmangel" keine oder nur sporadisch Schule.

 

Das Ende meines Schülerdaseins

Am 16. Mai 1949 verließ ich die Schule, weil meine Eltern nach Thüringen zogen. Damit war für viele Jahre Schluss mit der Vielleserei.
Am 15. Juli 1949 nahm ich einen "Job" an, bei dem ich monatlich 225,-- DM verdiente, ein damals gutes Einkommen für einen Siebzehnjährigen (Vgl. hierzu den Aufsatz: "Erziehung und Bildung in der DDR" In. Neue Praxis 4/1993, S. 328-345).
Die Schulzeit war damit für mich endgültig vorbei.

Über die Art und Weise meines Ausscheidens aus der Schule, das sich ganz plötzlich und auch für mich überraschend binnen einer Woche vollzog, gibt es keine Bemerkung. Kein Bedauern, nichts! In Erinnerung blieb mir lediglich, dass mich mein Lateinlehrer Dr. Siebert, mit den Worten verabschiedete: "Ich hoffe, dass Sie mit Ihrer Vortragskunst noch viele Menschen beglücken können…" Er hatte wohl von meinen Auftritten bei Schulveranstaltungen (Gedichte vortragen) einen guten Eindruck gewonnen.
Der Kontakt zu den Freunden, brieflich fortgeführt, erlosch nach etwa einem Jahr und wurde erst nach 1989 mit den noch Lebenden wieder aufgenommen.

 

Was blieb aus der Schulzeit?

Was bleibt, ist die Erinnerung an diese Schulfreundschaften und die vielen gemeinsamen Erlebnisse und Erfahrungen. Im Gedächtnis sind es, noch einmal sei es unterstrichen, die sozialen Prozesse unter den Schülerinnen und Schülern, die über die Schulzeit hinaus weiter wirkten. In meinem Falle lässt sich zum Beispiel als Beleg für diese Einschätzung darauf verweisen, dass Erich und die "Literatur-AG" meinen Weg in die FDJ hin ebneten und damit - ohne dass das einer der Beteiligten ahnen konnte - die Richtung meiner beruflichen Entwicklung beeinflussten.

 

Erfahrungen Anderer

Ich habe diese Rückbesinnung zum Anlass genommen, bei den eigenen Kindern nachzufragen, was bei ihnen "ganz vorn im Kopf" ist, wenn sie an die Schule zurückdenken: "Meine Klassenkameraden und das, was wir mit ihnen erlebten".
Die Lehrer oder gar der Unterricht kommen erst an späteren Stellen und, werden selbstverständlich sehr differenziert bewertet. Sicher ist lediglich, dass unsere beiden Kinder Kontakte zu ehemaligen Klassenkameradinnen und -Kameraden haben. Nicht aber zu einem ihrer Lehrer.
Unsere beiden Nichten, die die gleiche Schule und in den gleichen Jahren (zwischen 1986 und 1997), wie unsere eigenen Kinder besuchten, gilt das Gleiche. Eine von ihnen (mit heute dreißig Jahren die Jüngste) war erstaunt darüber, dass sie von den Lehrern, die ihnen auf den alljährlichen "Ehemaligen-Treffen" der Schule begegnen, noch heute mit Namen angesprochen werden.

 

 

 

Was mir bei den Tagebucheinträgen auffällt:

Unterricht bleibt nachrangig - die sozialen Kontakte stehen voran

 

Die geringe Präsenz von schulischen Themen mag sich damit erklären, dass "Schule" gleichsam existentielle Alltagsthematik, ein bedeutsamer Teil des Lebens schlechthin war. Diese Schülerexistenz, in die jeder von uns wie selbstverständlich durch die geltende Schulpflicht und, was die Schulauswahl betrifft - auch von den Eltern gesteuert, hineingeraten war, wurde - jedenfalls nicht und meinen Kameraden und mir - hinterfragt Eine andere Existenzweise kam uns nicht in den Sinn, obwohl auch wir in unserer Freizeit fast täglich Kontakte mit "Nichtschülern" hatten, wie das Beispiel von meiner Svhwester zeigt. Erst als äußere, wieder nicht von mir beeinflussbare Umstände, einen Schulwechsel erzwangen, ergriff ich die nächste sich mir bietende Gelegenheit und gab meine Schülerdasein zu Gunsten einer Tätigkeit, die mich selbst ernährte, auf. Ich tat das damals ohne jedes Bedauern. Statt dessen wurde von mir die mit dem Eintritt in eine völlig neue Lebenssituation verbundenen Anforderungen geradezu enthusiastisch begrüßt. In meinem Tagebuch von 1949 fand die Schulzeit ebensowenig Erwähnung wie in späteren Aufzeichnungen mit kritischen Analysen der Jahre bis 1950 bis 1952.

 

Schule kann Neigungen fördern

Es darf aber nicht der Eindruck entstehen, als hätten von der eigenen Schulzeit nur die kaum noch nachweisbaren Auswirkungen sozialer Erfahrungen in mir nachgewirkt. Meine Liebe zum Buch, die vom ersten Lesealter an bis heute geblieben ist, wurde von einfühlsamen Lehrern gefördert. In der Grundschulzeit war das der Klassenlehrer Herr Zacke (3. und 4. Schuljahr) und ab dem neunten Schuljahr Herr Knappe, die meine Freude an Texten verstärkten. Da beide zugleich Heimatkunde beziehungsweise Geschichte unterrichteten, wurde mein Interesse an geschichtlichen Ereignissen ebenso positiv begleitet.
Ich möchte schon differenzieren und feststellen: Lehrer in der Schule unterstützten bei mir vorhandene Vorlieben und Fähigkeiten, wie Texte lesen, verstehen und selbst gestalten.
Nur jene Jahre im Gymnasium, als wir in Dessau bei Dr. Hübenthal den Inhalt eines von ihm selbst verfassten Regelwerks zur deutschen Zeichensetzung auswendig können mussten und nach entsprechendem Kenntnisstand bewertet wurden, bescherten mir im Zeugnis jeweils eine fünf in Deutsch. Ähnliches passierte mir in Geschichte, als wir daran gemessen wurde, ob wir historische Daten (Schlachten, Lebenszeiten von Kaisern, Königen und Feldherren) hersagen und zuordnen konnten. Diese Jahre in den Klassen 5 bis 7 leben als grauenvoll in meiner Erinnerung, sicher beeinflusst auch von den gleichzeitigen Kriegsereignissen mit all den Ängsten und Entbehrungen.
Doch auf meine Neigungen hatten diese Unterrichtszeiten keinen Einfluss. Die Vorlieben blieben stärker und behaupteten sich gegen die schulischen Frustrationserlebnisse in meinen 11. bis 14. Lebensjahren.

 

Lehrer wurden unterschiedlich erlebt.

Dass in der Rückerinnerung unsere Lehrer differenzierter wahrgenommen werden können, das zeigte mir ein Brief (v. 13.05.1995) von Wladimir von Schlippe. Wir waren bereits während des Krieges in einer Klasse. So werden seine Sätze auch verständlich, wenn er schreibt: "Er war der einzige, der hin und wieder versuchte, uns am Mittwoch und Sonnabend Schulaufgaben aufzugeben, obwohl das ja die Jungvolk Nachmittage waren. War das eine Art Widerstand? Ihm gegenüber fühle ich mich immer noch schuldig: ich glaube, dass er ein nobler Mensch war, und wir konnten das nicht würdigen...Aber insgesamt sind meine Eindrücke von der Goethe-Schule eher negativ..."

Für mich besonders interessant war Wladimirs Schilderung von einer einzigen Unterrichtsstunde des stellvertretenden Schulleiters, Herrn Muench. Herr Muench war Physiklehrer und vertrat einen erkrankten Kollegen. "Dabei ließ er uns in die Physikklasse ziehen, die wie ein Hörsaal eingerichtet war, richtig mit ansteigenden Sitzreihen und Demonstrationstisch vorne. Dort baute er einige Versuche auf von denen mir noch lebhaft vor Augen steh, wie im Vakuum eine Klingel unhörbar wurde und ein verschrumpfter Apfel sich aufblähte. Er zeigte uns auch flüssige Luft, tauchte einen Gummischlauch hinein, der dann nach kurzer Zeit brüchig wurde und bei einem leichten Hammerschlag wie Glas in tausend Stücke zersprang..."

Zwei Anmerkungen dazu:
Wie öde müssen andere Stunden des naturwissenschaftlichen Unterrichts für den Elf- bis Zwölfjährigen gewesen sein, wenn diese einzige Physikstunde dieser Schulperiode im Gedächtnis blieb.

Ich hatte diese Begebenheit vergessen. Wladimir nicht. Seine Neigung gehörte technischen und physikalischen Spielen und Experimenten. Am liebsten baute er Flugmodelle. Deswegen bewunderte ich ihn schon als Bub.
Nach dem Abitur begann er, der mit seinen Angehörigen seit 1946 (unfreiwillig) in Kuibischew lebte, in Nischni-Nowgorod (Gorki) Physik zu studieren. Ab 1954 studierte er in Karlsruhe Physik, wo er seine akademischen Abschlüsse erwarb. Über Praktika in England erhielt er dort ein interessantes Aufgabenfeld als Hochenergiephysiker.

Auch bei ihm waren die Neigungen stärker als alle unguten Erfahrungen in anderen Fächern der Schulzeit und setzten sich durch.

Aber auch anlässlich unseres Klassentreffens im Juni 2007 erfuhr ich, dass meine Klassenkameraden unsere Lehrer ähnlich differenziert wahrgenommen hatten.
So erzählte zum Beispiel Hubert, damals Klassenprimus, dass er ein sehr gutes Verhältnis zu unserem Lateinlehrer, Herrn Siebert gehabt habe. Dieser hatte sich des Jungen, dessen Vater nicht aus dem Krieg zurückgekommen war, so angenommen, dass Hubert ihn glecisam als "Vaterersatz" in Erinnerung behielt. Die Sprachbegabung Huberts hatte dazu geführt, dass ihm Herr Siebert privat Unterricht in anderen klassischen Sprachen erteilte und hoffte, dass Hubert Philologie studieren würde. Erst als sich Hubert entschloss, Medizin zu studieren, weil die Zugangsbedingungen für ihn günstig waren und er Aussicht auf baldige Einkünfte hatte, lockerte Herr Siebert den Kontakt. Hubert ging dann auch nach Berlin, promovierte dort und konnte sich habilitieren und widmete sich seinem verantwortungsvollen Arbeitsfeld sowohl innerhalb der DDR als auch im Ausland. An Herrn Siebert aber denkt er dankbar zurück.

Und unbestritten hingen wir alle an unserem Klassenlehrer sehr. Herr Knappe unterrichtete in unserer Klasse die Fächer Deutsch und Geschichte. In den Nachkriegsjahren hungerten und froren Lehrer wie Schüler. Auch er machte uns gegenüber aus der eigenen Not und der seiner Familie keinen Hehl. Es mögen nicht zuletzt derartige gemeinsame Erfahrungen gewesen sein, die die Gemeinschaft in unserer Klasse, wir waren in den letzten Schuljahren auf rund zwanzig Schüler geschrumpft, stärkten. Herr Knappe begleitete uns zum Beispiel 1949 zweimal in das Schullandheim "Pfeffermühle" in den Fläming. Herr Knappe führte die Klasse ins Abitur und er und seine Kollegen, so erinnern sich seine Schüler heute, sorgten in fürsorglicher Weise dafür, dass auch alle die Prüfungen bestanden.

 

 

 

 

 

Aus meiner ganz persönlichen Rückschau ziehe ich einige Schlussfolgerungen:

1. Schule ist in meinem Leben so selbstverständlich verankert gewesen, wie das Zigarettenrauchen (bis zum vierzigsten Lebensjahr). Beiden wurde darum in meinen Tagebuchaufzeichnungen aus der Pubertät nicht die Aufmerksamkeit gewidmet, die sie in der damaligen Lebensrealität (aus heutiger Sicht) verdient hätten beziehungsweise, die von ihrer Bedeutung, die sie damals für mich hatten, zu erwarten gewesen wäre.

2. Schule wirkte sich auf eigene Interessen und Fähigkeiten, wenn sie gleichsam für mich existentiellen Charakter trugen, nur dann aus, wenn sie diese wohlwollend begleitete und förderte. Negativerfahrungen in den "Neigungsfächern" änderten daran nichts.

3. Schule hatte auf meinen persönlichen Lebensplan keinen oder nur einen geringen Einfluss. Meine individuelle Lebensphilosophie, meine Verhaltensweisen und Einstellungen werden nur dann und von den Lehrpersonen beeinflusst, die ich mochte und von denen ich mich angenommen fühlte.

4. Schule, das war für mich ein ganz zentraler sozialer Erfahrungsraum. Die Begegnung mit den Klassenkameraden und alle damit zusammenhängenden sozialen Prozesse und zwischenmenschliche Beziehungen auch zum anderen Geschlecht besaßen Priorität. Nicht der Schulunterricht.

5. Es ist dieser soziale Erfahrungsraum, der meine eigene psychische und soziale Entwicklung nachhaltig beeinflusste. Er blieb in mir in mir erhalten und wird mal mehr mal weniger lebendig; wenn ich zurückdenke.

 

 

 

 

"Warum bist Du zum Klassentreffen gekommen?" fragte einer meiner ehemaligen Klassenkameraden. Diese Frage ist berechtigt, denn warum nehmen wir die für einige von uns recht weite und, je nach Gesundheitszustand, beschwerliche Reise auf uns? Hier einige Antworten, die mir plausibel erscheinen:

Wir waren damals gern in dieser Gruppe, haben überwiegend positive Assoziationen und freuen uns darum auf die Neuauflage des Beisammenseins.
Außerdem bot sich jedem von uns die Möglichkeit, sein Selbstbild mit seinem Fremdbild aus der Schulzeit vergleichen zu können. Es ist doch - für mich zum Beispiel - sehr reizvoll herauszuhören, ob mich meine Schulkameraden damals ähnlich erlebten, wie ich mich selbst.
Es mag zusätzlich die Hoffnung mitgewirkt haben, in einer erwartungsfreien freundlich-offenen Begegnung gut aufgehoben zu sein und keine der unterschiedlichen und manchmal anstrengenden sozialen Rollen im heimatlichen oder beruflichen Feld ausfüllen zu müssen.
Sicher war auch Neugierde im Spiel: was mag aus den Schulkameraden geworden sein?
und ein echtes Interesse daran, wie sie heute sind und leben - und mit wem.

Und als ich Freunde danach fragte, ob sie denn gern zu Klassentreffen fahren würden, kamen nur bejahende Reaktionen.
Allerdings, so sagte mir eine Achtundfünzigjährige, könnte es passieren, dass bei Ehemaligentreffen die "alten Schlachten geschlagen" und sogar "alte Lieben" aufgefrischt werden. Das hatte sie so erlebt.

 

 

Das Ehemaligentreffen in Dresden im Juni 2007 und der sich daran anschließende Besuch Dessaus mit seinem Bauhaus, in dem wir nach dem Krieg zur Schule gingen, gaben die Veranlassung zu der nachfolgenden Skizze:

 

 

Das Bauhaus in Dessau als vorübergehende Herberge der Oberschulen


In der Sowjetischen Besatzungszone begann am 1. Oktober 1945 wieder der Schulunterricht, der in den Wochen vor dem Ende des Krieges am 8. Mai 1945 unmöglich geworden war. Auch die Schülerinnen und Schüler der Dessauer Gymnasien sahen mehr oder minder erwartungsvoll dem neuen Lebensabschnitt entgegen.
Meine Klassenkameraden und ich waren bis zum Frühjahr 1945 in verschiedene Orte "verschickt" worden, um vor den unmittelbaren Kriegeinwirkungen geschützt zu sein. Zu diesen gehörten die Bomberabwürfe alliierter Luftflotten auf deutsche Wohngebiete. Auch Dessau wurde bombardiert und die Innenstadtgebiete am schwersten aller Angriffe, am 7. März 1947, zu einem großen Teil zerstört. In dieser furchtbaren Nacht, die meine Eltern und wir Kinder im Luftschutzkeller unseres Hauses in Dessau-Süd miterlebten, wurden auch die Gymnasialgebäude zerstört.
Ein Teil meiner Klassenkameraden befand sich noch im KLV-Lager Hasserode, einige waren, wie ich, bereits von ihren Eltern nach Hause geholt worden. Andere folgten in den nächsten Wochen, weil die Eltern, wenn es nun doch aufs Ende zuging mit der großdeutschen Herrlichkeit, ihre Kinder bei sich haben wollten. So erlebte, wie die Rückerinnerungen später zeigten, jeder von uns das Kriegsende anders. Niemand mehr befand sich in den Lagern. Aber nicht alle sahen sich am 1. Oktober wieder.

Ich erinnere mich an nur wenige Details. Und auch die anderen Klassenkameraden unserer "Goetheschule" in die die Jungen der bisherigen Dessauer Gymnasien zusammengefasst wurden, haben nur noch fragmentarische Erinnerungen an diese Tage. Wir waren ja auch erst 13 bis 14 Jahre alt, hatten viel und zum Teil Schreckliches erlebt und - das beherrscht unseren Rückblick noch heute - litten unter der Not der ersten Nachkriegsjahre.
Unter den wenigen nur beschädigten Gebäuden der Stadt war das Bauhaus hinter dem Bahnhof in der Nähe des Parks "Luisium" ohne Zweifel eines der größten. Dies mag dazu beigetragen haben, dass zwei Oberschulen - eine für Buben, eine für Mädchen - dort untergebracht wurden. Ab 1947 führte ich ein Tagebuch. Darin hatte ich eingetragen, dass wir etwa fünfzig Buben in der damals achten Klasse waren.
Die Erinnerungen an den Schulunterricht und an die Lehrer setzten erst später ein.

Unvergessen aber, weil zu den ständigen Begleitumständen des Schulbesuchs gehörend, blieben die räumlichen Bedingungen. Wer heute eine Führung durch das Bauhaus mit macht, erfährt unter anderem, dass das Raumklima, wegen der vielen, ungewöhnlich großen Fenster, allen, die im Bauhaus arbeiteten (und noch arbeiten), sehr zu schaffen macht.
Das Bauhaus, eines der herausragenden Zeugnisse moderner Baukunst, dessen Schöpfer Gropius mit diesem Bau eine neue Wohn- und Arbeitsphilosophie verband, hatte genau dies realisiert. Er hatte aber, als er die lichtdurchfluteten Räume schuf und das Innere mit der Umgebung, der Landschaft ringsum verband, nur wenig an die Folgen von Sonneneinstrahlung und eiskalte Winter gedacht. Und schon gar nicht konnten er und die Künstler, die an seinem Konzept mitwirkten, auch nur ahnen, dass einst dort Mädchen und Jungen mit ihren Lehrerinnen und Lehrern an Vor- und Nachmittagen Schulunterricht haben würden.
Wir saßen in großen kahlen Sälen mit riesigen Fenstern, deren Metallrahmen mit durchsichtigem gelben und weißen Kunststoff ausgefüllt waren, die zwar Licht aber auch Hitze und Kälte einließen. Alles das, was sich an ehrwürdiger und verehrungswürdiger Tradition mit dem Bauhaus verbindet, war für uns Schüler zunächst einmal uninteressant geworden. Klimatechnisch war dieser Bau eine Katastrophe: Im Winter froren wir erbärmlich und im Sommer knallte die Sonne in den Glasbau und heizte ihn unerträglich auf. Als ich Dessau im April 1949 verließ, war zwar der Kunststoff durch Glas ersetzt worden, doch die dreibeinigen Metallschemel waren nach wie vor unsere Sitzmöbel.
Niemand tröstete uns mit dem Hinweis auf die hohe Bedeutung, die das Bauhaus in der Kulturgeschichte hatte und an der wir nun gleichsam passiv und ohne eigenes Zutun teilhatten.
Es findet sich in meinen Aufzeichnungen kein Hinweis darauf, dass einer unserer Lehrer über das Bauhaus oder gar über Gropius, Klee, Kandinsky oder Schlemmer gesprochen hätte. Im Kunstunterricht wurde gezeichnet. Malen konnten wir nicht, weil es keine Farben gab. Auch Papier war rar und schlecht.
Geschichtsperioden, die bearbeitet wurden, endeten mit der Zeit des ersten Weltkrieges. Es gab ja auch so kurz nach dem Kriege noch keine neuen Geschichtsbücher. Auch in den westlichen Besatzungszonen war das so.
Bei mir daheim wurde das Bauhaus mit seiner Geschichte nicht erwähnt. Es hieß einfach so, wie die uns umgebenden Gebäude die "Gropiussiedlung" hieß. Im Nachbarhaus, mit seinen vier Etagen, die über die kleinen Siedlungshäuser ringsum herausragten, befanden sich die Konsumverkaufsstellen. In eines der "Gropiushäuser" an der Ecke ging ich zum Friseur. Niemand erklärte uns Kindern, was es mit der Siedlung, die heute zu den Sehenswürdigkeiten der Bauhauszeit in Dessau gehören, auf sich hatte. Ich bin davon überzeugt, meine Eltern, die durch die Junkerswerke 1936 nach Dessau gekommen waren, wussten selbst nichts.


Als meine Frau und ich im Juni 2007 das Bauhaus besuchten und dort während der ebenso kompetenten wie originellen Führung von Frau Barbara Reuter gezeigt bekamen, dass das Bauhaus wieder hergerichtet worden ist, so, wie es ursprünglich von Gopius konzipiert worden war, und wir und viele interessante Details aus der Geschichte des Hauses und seiner Funktionen in Vergangenheit und Gegenwart erfuhren, sah ich zu den Fenstern "unserer" ehemaligen Klasse hinaus.
Ich blickte hinüber in die Gärten der Bürgerhäuser aus den dreißiger Jahren, die zwischen dem Bauhausareal und dem Park des Luisiums errichtet worden waren.

Nach Kriegsende umgab dieses Wohnviertel ein hoher Bretterzaun. Dahinter, in den Häusern wohnten die russischen Soldaten. Und wenn man an deutsche Ordnungsvorstellungen denkt, dann kann man sich vorstellen, wie wir über die Russen urteilten. Denn die Häuser und Gärten verwahrlosten von Jahr zu Jahr mehr. Und wir konnten zusehen. Wir sahen nicht selten, wie einfache russische Soldaten, den Offiziersfrauen die Einkäufe nachtrugen und die gleichen Soldaten von ihren Vorgesetzten geschlagen und getreten wurden. Auf dem Übungsgelände des "Russenviertels" wurden Soldaten sogar mit Fußtritten ermuntert, über Barrikaden zu springen. Und diese Menschen sollten uns Kultur bringen und Vorbilder sein?
Das, was wir sahen und entsprechend kommentierten, verstärkte nur unsere Ablehnung den ungeliebten Besatzern gegenüber.
Und kamen dann russische Propagandaoffiziere in die Bauhaus-Schule und hielten in der noch heute so genannten "Aula" einen Vortrag anlässlich irgendeines Feiertages, dann ernteten sie von uns nur Verachtung oder Spott. Wir fühlten uns nicht "befreit". Zu schwer lastete auf uns der Druck, der durch Hunger und Kälte ausgelöst wurde und uns zwang in unserer freien Zeit mit unseren Eltern Lebensmittel und Brennmaterial zu "organisieren". Als besonders dramatisch erlebten wir das Winterhalbjahr 1946/47. Wir hatten damals überall in Europa einen sehr kalten und langen Winter. Von Mitte Dezember bis Ende Februar fiel die Schule wegen "Kohlenmangel" zwar aus; dennoch blieben genug kalte Tage übrig, an denen wir, nur wenig vor der Kälte geschützt, in den Klassenräumen aushalten mussten. Die Lehrer froren natürlich genau so wie wir.

Auch während unserer Schullandheimaufenthalte 1949 gehörte die Nahrungsbeschaffung, wir mussten uns selbst verpflegen und, natürlich, selbst kochen, zu den zentralen Aufgaben der Gruppe. Es sind diese Erlebnisse, die in unserer Erinnerung heute, nach bald sechzig Jahren, im Vordergrund stehen.
Erst als im Frühjahr 1949 an uns täglich eine Schüssel Suppe und ein Brötchen (Schulspeisung) ausgegeben wurde, besserte sich die allgemeine Ernährungslage für uns Kinder und Jugendliche ein wenig.

 

Ende 1949 wurde die Schule in ein wieder hergestelltes Gebäude in die Friedrich-Naumann-Straße verlegt. Unsere "Bauhauszeit" gehörte der Vergangenheit an.

 

 

 

Beschreibung: Klasse

Die Schüler unserer Klasse mit einer Lehrerin vor dem Bauhaus im Sommer 1949. Zwei Klassenkameraden fehlen auf dem Bild und ich hatte zu diesem Zeitpunkt die Schule schon verlassen.

 

 

 

Seit nunmehr zehn Jahren treffen sich die Klassenkameraden gemeinsam mit ihren Partnerinnen alljährlich einmal. Wir verbringen gemeinsam einige Tage jeweils in der Landschaft

oder an dem Ort, wo einer von uns inzwischen lebt.


Görwihl im Mai 2014

 

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