In
einer Schule für behinderte Kinder stand der pädagogische Tag unter
der offenen Fragestellung, wie wir mit den Aggressionen unserer Kinder umgehen
können und wie sie sich, die Aggressionen meine ich, reduzieren ließen.
Sonst war nichts verabredet. Also durfte ich die Akzente setzen. Und nach meinen
Eindrücken anlässlich eines, den Pädagogischen Tag vorbereitenden
Besuchs dieser Schule und dem Zusammensein mit den Kindern, ging ich von der Fragestellung
aus, was die Kinder brauchen beziehungsweise wo ihre Bedürfnisse liegen.
Nachfolgend Auszüge aus meiner Rückmeldung über die gemeinsame
Arbeit an diesem Tag, an die ich einmal die Erwartung knüpfte, dass alle
Beteiligten an dieser Schule nun dafür sorgten, dass die erarbeiteten Einsichten
und Strategien künftig beachtet werden. Zum
anderen aber möchte ich die Inhalte dieses und anderer Pädagogischen
Tage, die dem gleichen Thema gewidmet waren, allen interessierten Kolleginnen
und Kollegen auf diesen Seiten zur Verfügung stellen. |
"...
Ich hatte die Essenssituation in Ihrer Schule genau so erlebt, wie sie bei uns
im Heim ist. Das heißt, dass sich Ihre und unsere Kinder - es sitzen bei
uns 36 an den fünf Tischen - gleich verhalten. Wenn sich aber behinderte
und nichtbehinderte Kinder in vergleichbaren Situationen gleich beziehungsweise
ähnlich verhalten, dann sind die innerseelischen Prozesse, ebenso vergleichbar.
Hierbei dachte ich unter anderem an die Auswirkungen sozialer Kontakte, an Antriebe
und Motive, und eben an die Bedürfnisse, die sich bei Kindern in diesen vergleichbaren
Situationen nach Außen darstellen. Wir prüften darum, welche Bedürfnisse
unsere Kinder haben, wenn sie bei uns sind. Aus der Fülle jener Bedürfnisse,
die die Arbeitsgruppen zusammentrugen, seien einige genannt: Nahrung, Raum,
Wärme, So sein, Schutz, Geborgenheit, Anerkennung, Zuwendung, Spiel, Spaß,
Herausforderung, Arbeiten (Lernen und Tun), Ordnung, Geselligkeit, Gemeinschaft Wir
fanden bestätigt, dass behinderte Kinder keine anderen Bedürfnisse haben,
als andere Kinder beziehungsweise als wir Menschen überhaupt. Unterschiede
gibt es sicher, so, wie bei jedem von uns bestimmte Bedürfnisse unterschiedlich
gewichtet sind, und deren Stärke von vielen Faktoren abhängig ist.
Die Kinder kommen zum Beispiel mit sehr verschiedenen Defiziten an Bedürfnisbefriedigung
in die Schule, stellten wir fest. Um gleichsam eine Bestätigung
der universellen Geltung unserer Bedürfnisse zu erhalten, wurden in einer
weiteren Arbeitssequenz unsere eigenen Bedürfnisse zusammengetragen. Unter
der Fragestellung; "Welche Bedürfnisse haben (was brauchen) wir Pädagogen,
wenn wir an unseren Arbeitsplatz kommen, wurden unter anderem genannt:
Zeit, Geborgenheit,
"Wir" - Erlebnisse, "Du", Beziehung , Kontakte, Teamgeist,
Kommunikation, Abgrenzung, Offenheit, Freude, Halt, Sicherheit, Rückhalt,
Bestätigung, Erfolgserlebnisse, Ernst genommen werden, positives Arbeitsklima,
Vertrauen, Anerkennung, Respekt, Verständnis, Aufmerksamkeit, Mitwirkung,
Mitbestimmung, Unterrichten, Entwicklung, Konzept, Absprachen, Ko-Respondenz,
Komepetenz, Reflexion, Kreativität, Energie, Ausgeglichenheit, Zivilcourage,
Lernfelder.
Und
wenn wir nun davon ausgehen, dass wir alle Akteure, die in und mit dieser Schule
unmittelbar und mittelbar zu tun haben als ein soziales System begreifen, dann
müssen wir erkennen, dass sich alle Personen in diesem System wechselseitig
beeinflussen und bedingen. Das Tun und Lassen eines jeden von uns hat mehr oder
weniger starke Auswirkungen auf alle anderen. Natürlich gehören
auch dingliche Elemente zu unserem "System", wie zum Beispiel die Räumlichkeiten
oder Einrichtungsgegenstände, das Licht und die Farben. Alles dies haben
Sie als "Atmosphäre" beschrieben, die sich auf die Befindlichkeit
eines jeden von uns und auf unsere Kinder auswirkt. Und wenn wir nun noch die
Tatsache hinzunehmen, dass dieses soziale System, die Atmosphäre beeinflussenden
Systemelemente u. ä. wiederum von einem ganzen System von geschriebenen und
ungeschriebenen Normen und Regeln "zusammengehalten" werden (denken
wir nur an Arbeitsverträge, an die Verantwortungs- und Kompetenzhierarchien,
an die Schulordnung u. v. a. mehr), dann sind wir wieder bei den Bestimmungsmerkmalen
gelandet, die zu einer "Institution" gehören. Über dieses
Institutionen- Verständnis wird unten im Anhang noch etwas näher Auskunft
gegeben. Hier noch eine, mir notwendig erscheinende Einfügung, die zwar angesprochen
wurde, es aber verdient, unmissverständlich als Einstellungs- beziehungsweise
Handlungsempfehlung beachtet zu werden: Zu den genannten Bedürfnissen
beziehungsweise Erwartungen, mit denen Pädagogen an ihren Arbeitsplatz kommen,
nannten Arbeitsgruppen:
"Handlungsspielräume, Individualismus und pädagogische Freiheit".
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Ich
hatte mich dafür entschieden, dass wir auf dieser Veranstaltung die Aggressionen
der Kinder und unserer Interventionsmöglichkeiten unter systemischen Gesichtspunkten
betrachten. Aus dem Komplex der möglichen Analysegesichtspunkte, wurde zunächst
nach Ursachen aggressiven Verhaltens bei Kindern Auskunft gegeben und die nachfolgend
aufgezählten theoretischen Zugangsweisen und Erklärungen vorgetragen
und erläutert: Zu
dem gleichsam natürlichen aggressiven Verhalten von Kindern fallen jedem,
der unter Geschwistern herangewachsen ist, die vielfach schlagkräftigen Auseinendersetzungen
zwischen den Kindern einer Familie ein, die immer wieder die Eltern "nerven"
und zum Eingreifen herausfordern. Diese Aggressionen, die jeder von und kennt
und unschwer an sich selbst beobachten kann, sind in entsprechenden Theoriegebäuden
und Forschungsergebnissen dargelegt worden. Zu denken ist hier unter anderem an
die Arbeiten von Siegmund Freud, der Aggressionen als Komponenten des Sexualtriebs,
als Abkömmling des Todestriebs oder als Reaktion auf Unlustempfindungen betrachtete.
Alfred Adler erklärte Aggressionen als Reaktionen auf unbefriedigte Primärtriebe
wie auch später Abraham Maslows "Bedürfnishierarchie" darauf
verwies, dass mangelhaft befriedigte Bedürfnisse nach Kompensation drängten.
Nach wie vor aktuell sind auch die Erkenntnisse von Erich Fromm, Bernhard Hassenstein,
Konrad Lorenz oder Christian Büttner über die von Natur aus angeborenen
Funktionen aggressiven Verhaltens. Fromm gab den den Menschen angeborenen, biologisch
adaptiven, "dem Leben dienende" Aggressionen, die Bezeichnung "gutartige
Aggression". Die biologisch nicht adaptiven Aggressionen, die "bösartigen"
Teile der menschlichen Aggression sind dem Menschen nicht angeboren. Er hat sie
im Laufe seines Lebens erworben. Sie überwucherten gleichsam sein natürliches
Aggressionspotential. Fromm nennt dann auch diese Teile der menschlichen Aggression
"destruktiv". Da im Einzelfalle die Ursachen aggressiver Verhaltensweisen
entscheidend sind, um das Ausmaß persönlicher Verantwortung beurteilen
zu können, ist diese Unterscheidung bedeutungsvoll. Wir meinen destruktive
Aggression, wenn wir über die Zunahme an Gewalt bei Kindern sprechen. Über
den Charakter von Gewalttätigkeiten können wir also erst urteilen und
unsere Reaktionen (die zu leistenden Hilfen) entsprechend modifizieren, wenn wir
wissen, warum sich ein Kind so verhält. Der
Züricher Psychologe und Analytiker Allan Guggenbühl, betrachtet in seiner
Arbeit über "Die unheimliche Faszination von Gewalt" (Zürich
1993) die Neigung zur Gewalt als eine unentbehrliche Grundkomponente der menschlichen
Existenz. Ein Kind braucht zu seiner gesunden seelischen Entwicklung Formen, die
natürlichen seelischen Aggressionen abzureagieren. Die Aufgabe von Familie
und Gesellschaft ist es daher - im Grunde immer schon gewesen - dafür zu
sorgen, dass sich Gewaltlust (Aggression) entladen kann, ohne destruktiv zu werden
ohne sich enthemmt zu entladen und brutale Züge anzunehmen. Im
konkreten Fall, wenn wir also an ein bestimmtes Kind denken, dann werden wir mehrere
dieser theoretischen Modelle zur Erklärung des Verhaltens heranziehen können.
Da wir von den Bedürfnissen unserer Kinder ausgegangen waren, befanden wir
uns in der Betrachtungsweise von Vertretern der humanistischen Psychologie, die
unter anderem das Streben nach seelischem Gleichgewicht (Homöostase) als
ein bedeutsames Motiv unseres Handelns beschrieben. Ein Kind zum Beispiel, dessen
Bedürfnis nach Geltung und Beachtung unbefriedigt bleibt, wird versuchen,
dieses Defizit durch auffälliges Verhalten zum Ausdruck zu bringen und wird
auf diese Weise die Zuwendung erhalten, die es vermisst. Wir nahmen noch das Modell
von der "gutartigen" (konstruktiven) und "bösartigen"
(destruktiven) Aggression hinzu, wie es von Erich Fromm entworfen wurde.
(Aggressionstheorie. Band 7 der Gesamtausgabe. München 1999) beschrieben
wurde. Ich bitte, bei entsprechendem Interesse auch in dem Büchlein von mir
"Schreien, schlagen, zerstören. Mit aggressiven Kindern umgehen."
(München 2002), nachzuschlagen, wo diese unterschiedlichen Aggressionen und
ihre Ursachen kurz dargestellt werden. Sie
erarbeiteten eine Fülle an Ihnen bekannten Ursachen aggressiven Verhaltens,
die Sie in Ihrem Zusammenleben mit Kindern herausgefunden hatten. Hier eine Auswahl:
Krankheit,
Behinderung, Angst, Defizite, fehlende Selbstakzeptanz, mangelnde Sprachkompetenz
, Überforderung, Unterforderung, Strukturen, Zwänge, Bedrohung, Schwäche,
Frustration, Machtspiele, Zeitdruck,, Gruppendruck, gesellschaftlicher Druck,
fehlende Wertschätzung, familiäre Verhältnisse, keine Verlässlichkeit.
Die
Ursachen aggressiven Verhaltens sind, ebenso wie die Bedürfnisse verallgemeinerbar
und stehen in Wechselwirkung miteinander. Für unseren Umgang mit aggressiven
Verhaltensweisen arbeiteten wir heraus: |