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Schriften zur Erziehung und Bildung im WWW
von Dr. Joachim Rumpf

 


Fernsehen,Video
und Computer in der Erziehung

 

1.
Pädagogische Zielvorstellungen und Medien


Sobald man sich mit einem Problem befasst, das im weitesten Sinne mit der Erziehung und Bildung der heranwachsenden Generation zu tun hat, kommt man nicht umhin, sich zunächst die Frage zu beantworten, was denn aus dieser heranwachsenden Generation von unserer Warte aus, also vom Standpunkt der bereits erwachsenen Generation, werden soll. Orientierungspunkte gibt es einige: zum Beispiel das Menschenbild unserer Verfassung oder die in den Schulgesetzen formulierten Erziehungsziele. Nehmen wir aber für diesmal eine recht pragmatische Position ein und prüfen, was denn gegenwärtig Wirtschaft und Verwaltung an Fähigkeiten und Fertigkeiten erwarten. Das herauszufinden ist relativ einfach: Eine Analyse der Anforderungen, die in Stellenangeboten unserer Tageszeitungen zum Ausdruck gebracht werden, vermitteln sehr anschaulich, welche Eigenschaften und Fähigkeiten Menschen besitzen müssen, die im Berufsleben einen angemessenen Platz einnehmen beziehungsweise Erfolg haben wollen. Zu den am häufigsten genannten Eigenschaften gehören:

Initiative, Verantwortungsbewusstsein, Selbständigkeit, Kooperationsbereitschaft, Offenheit und Neugier, die Bereitschaft zum Lernen und sich neuen Aufgaben stellen zu können, Kommunikationsfähigkeit, Engagement und Kreativität, Einsatzbereitschaft, Einfühlungsvermögen (emotionale Intelligenz) und Leistungswille.

Wer also im Berufsleben in unseren Tagen bestehen will, der braucht vor allem:
eine gute Motivation - zum Beispiel eine über die Berufsabschlüsse hinaus andauernde Lernbereitschaft (Stichwort: lebenslanges Lernen);
positive soziale Eigenschaften - zum Beispiel Kooperations- und Kommunikationsfähigkeit, Kontaktfreudigkeit, Einfühlungsvermögen und Verantwortungsbereitschaft;
kognitive Fähigkeiten - zum Beispiel rasche Anpassung an neue Aufgaben und kritisches und kreatives Denken [1].

Die Grundlagen für die Herausbildung aller dieser Fähigkeiten werden in der Kindheit geschaffen. Denken wir nur an die alte Volksweisheit: "Früh übt sich, was ein Meister werden will".

Die Entwicklungsfördernden Bedingungen sind eigentlich recht banal, jedermann bekannt und in den meisten Fällen auch gegeben. Schauen wir zum Beispiel auf Bedingungen für die geistige Entwicklung:
hierfür ist es notwendig,
dass sich ein Kind aktiv und selbsttätig mit seiner Umwelt auseinandersetzen kann
dass es neugierig sein darf, die Welt erkundet und dass es viel spielt. Im Spiel erobert sich ein Kind die Welt - auch die soziale.

Diese selbständige spielerisch-aktive, an Bewegung und starker emotionaler Beteiligung Aneignung der dinglichen und sozialen Welt braucht Zeit, viel Zeit. Sie braucht aber auch die Beteiligung und Begleitung der Personen, die mit dem Kind Kontakt haben.
Darum ist es für eine gesunde geistig-seelische Entwicklung unverzichtbar, dass ein Kind einmal genügend zum Spielen zur Verfügung hat und dass es zum anderen mit Anderen spielt und zwar sowohl mit Mutter und Vater als auch mit anderen Kindern. (vgl. dazu die Seiten "Grundbedürfnisse"  "Spielen" und "Lernen"!).

 

2.
Fernsehen und Video im Alltag

An dieser Stelle kommen Fernsehen beziehungsweise Video in den Blick und es muss ganz allgemein erst einmal festgehalten werden:
In der Zeit, die ein Kind vor dem Bildschirm sitzt, spielt es nicht. Das heißt also, diese Zeit geht der kognitiven, sozialen und motivationalen Entwicklung verloren.

Es ist der Ulmer Psychiatrie-Professor Manfred Spitzer, der mit seinen Aufsehen erregenden Untersuchungsergebnissen nachgewiesen hat, dass das Fernsehen bei Kindern die für die Entwicklung des Gehirns wichtigen Lernerfahrungen verhindert und die alte, bereits seit zwanzig Jahren und mehr angenommene Auswirkung belegt, dass Fernsehen dumm macht.
(Vgl. dazu u. a. sein Buch: Vorsicht Bildschirm! Elektronische Medien, Gehirnentwicklung, Gesundheit und Gesellschaft. Stuttgart 2004).
"Fernsehen macht dick, dumm und gewaltbereit" so fasst er seine Forschungsergebnisse kurz und bündig zusammen ("Vital und gesund" Journal der Badischen Zeitung, September 2006, S. 18).

Diese Aussagen sind insofern zu differenzieren, als die entsprechenden, die Entwicklung beeinträchtigenden Auswirkungen je nach Alter und den sonstigen personalen und sozialen Rahmenbedingungen unterschiedlich sind.
Kindern, die noch keine vier Jahre alt sind, ist es schwer möglich, Filme, die sie auf dem Bildschirm wahrnehmen, zu verarbeiten. Für diese Altersgruppe gelten Fernsehfilme, wenn diese nicht speziell für diese Altersgruppe bearbeitet wurden, als sinnlos. Bis zum Ende des dritten Lebensjahres sollte eigentlich überhaupt nicht ferngesehen werden. Dennoch schauen auch die kleineren Kinder gerne mit, wenn die Eltern oder älteren Geschwister gucken. Es wird vermutet, dass sie Freude an sich bewegenden bunten Bildern haben, auch wenn sie die Bildinhalte noch nicht mit ihren Erfahrungen verknüpfen und die Abläufe nicht verstehen können. Sofern Eltern oder ältere Geschwister fernsehen, findet das Bestreben der jüngeren Kinder seine Erklärung allein schon aus dem Nachahmungsstreben: "Ich will auch...". Machen wir uns also nichts vor: Kinder, vor allem die kleineren Kinder, würden weder etwas vermissen noch ginge ihnen etwas verloren, wenn sie noch keine Fernsehfilme anschauen könnten. Sie brauchen und wollen für ihre Entwicklung Aktivitäten. In der Praxis setzten sich Bewegungsdrang und Kommunikationsbedürfnisse auch vor dem Fernseher durch. Da schauen zum Beispiel jüngere Kinder die Teletubbies an. Die Kinder bleiben nicht still sitzen: Sie fragen die mitschauenden Erwachsenen, erklären, kommentieren, singen und sprechen parallel zur Sendung, antworten auf Aufforderungen der Off-Stimme, tanzen und bewegen sich nach der Musik u. a. m. [2].

Eine Bemerkung zur zeitlichen Dimension: Es gibt von Medienpädagoge und Kinderpsychologen empfohlene Richtwerte, in denen die Obergrenze des wöchentlichen Fernseh- bzw. Videokonsums angegeben werden. Danach gelten für Sechsjährige eine, für Sieben bis Achtjährige zwei, für neun und Zehnjährige drei, für Elfjährige vier, für zwölfjährige fünf, für Dreizehnjährige sechs und für Vierzehnjährige sieben Stunden :(Jörg Sommer in Südkurier v. 01.09.99)

Diese Empfehlungen spiegeln keineswegs die Realität wieder. In die negative Richtung hin wurde beobachtet, dass schon 3 - 5- jährige Kinder durchschnittlich 80 Minuten täglich vor dem Fernseher sitzen - in die positive Richtung hin verkürzt sich, nach Aussagen von Eltern, der Fernsehkonsum auf wenige, regelmäßig geschaute Sendungen wie Pippi Langstrumpf oder Pumuckel, weil ihre Kinder viel zu viel anderes zu tun haben und ständig in Bewegung sein wollen. Die erste Fassung dieses Aufsatzes wurde bereits vor zehn Jahren (1985) veröffentlicht. Inzwischen hat sich die Situation dramatisch verschärft. Bereits Zweijährige würden in Deutschland im Durchschnitt bereits eine Stunde vor dem Fernseher verbringen (Spitzer in einem Radiovortrag am 27. Februar 2005). Dazu ist noch einmal anzumerken:
Bis zum Ende des dritten Lebensjahres sollte eigentlich überhaupt nicht ferngesehen werden. Und bis zur Vollendung des zwölften Lebensjahres nur in Gegenwart der Eltern.

Fernseher in Kinderzimmern, die eine selbständige Nutzung von Kindergarten- und Grundschulkindern ermöglichen, schädigen die geistige Entwicklung von Kindern. Darum, liebe Eltern, Fernseher und andere elektronische Medien aus den Kinderzimmern unbedingt entfernen!

Insofern, liebe Besucherin, lieber Besucher, verstehe ich unter "Kinder" im Zusammenhang mit dieser Thematik nur Mädchen und Jungen, die älter sind als vier Jahre. In Familien, in denen jüngeren Kindern die Nutzung von Bildschirmmedien ermöglicht wird, handeln die Eltern gegen das Kindeswohl, wie es in den Ausführungen über die Grundbedürfnisse von Kindern erläutert wurde. Und wer nun danach fragt, wie sich der Mediengebrauch für die kleinen Kinder verhindern lässt, dann ist das Rezept ganz einfach: Fernsehgeräte wegstellen! Hier ein Beispiel:

Als die beiden Kinder der Familie M. klein waren, schaute nur der Vater sich gelegentlich einen Film an und beide Eltern zuvor die Tagesschau. Hierfür hatten sie ein kleines tragbares Schwarz-Weiß-Gerät, an- und den großen Fernseher, der früher im Wohnzimmer stand, abschafft. Das kleine Gerät befand sich im Elternschlafzimmer. Erst als das zweite Kind in den Kindergarten kam, wurden mit dem "Sandmännchen" und dann mit der Sendung "Pumuckel" beide Kinder gemeinsam von den Eltern an dieses Medium herangeführt. Die Kinder sind längst erwachsen und erfolgreich in ihren Berufen. Inzwischen ist auch für sie der Umgang mit Bildschirmmedien (Computer, Handy) in ihren Eigenschaften als Werkzeuge selbstverständlich. Das Fernsehen spielt im Alltag dieser Familien eine völlig untergeordnete Rolle.

Ältere Kinder, die ausgewählte Filme und in der Regel gemeinsam mit den Eltern anschauen und hierbei Gelegenheit haben, alles, was sie nicht verstehen, mit ihnen zu besprechen, können einen Nutzen haben. Kinder im Grundschulalter sehen zum Beispiel gern "Gute Zeiten, schlechte Zeiten" (RTL), Darkwing Duck S-RTL), Sailor Moon (RTL 2) oder "Käptn Balu und seine tollkühne Crew" (S-RTL) [3] . In unserer Zeit ist diese Form der Begegnung mit dem Medium geradezu ein zwingendes erzieherisches Gebot, da auf diese Weise die Heranwachsenden lernen, auch im Umgang mit dem Fernseher mündig zu werden.

Kinder, die im Übermaß schauen - und das heißt im Grunde: ebenso viel oder gar mehr Zeit für das Fernsehen aufwenden, wie sie allein oder mit anderen Kindern und Erwachsenen spielen - lernen nicht die Welt kennen, wie sie ist, sondern so, wie sie die Filme darstellen.
Ein Beispiel aus meiner Zeit als Heimerzieher:
Ein Achtjähriger weigerte sich, als wir mit der Kindergruppe nach Basel in den Zoo fahren wollten, in den Zug zu steigen: "Ich habe Angst. Da sind lauter Leichen drin". Niemand von uns Erziehern wunderte sich darüber. War der Junge doch bis zur Einschulung in einer Umgebung herangewachsen, in der vom Aufwachen bis zum Einschlafen ununterbrochen der Fernseher eingeschaltet blieb, der den Lebensmittelpunkt für die Familie in der kleinen Wohnung bildete. Es kostete uns und seinen Lehrerinnen und Lehrern viel Mühe und Geduld, den im Grunde normal begabten Jungen zum Hauptschulabschluss zu führen.

Noch einmal sei es betont: Kinder, die zu viel "in die Röhre" gucken, werden nicht klüger als andere, sondern dümmer. Ihnen droht, wie es Professor Christian Pfeiffer nachweist, eine "Medienverwahrlosung"
("Medienverwahrlosung als Ursache von Schulversagen und Jugenddelinquenz?
Aus: http://www.kfn.de/medienverwahrlosung" pdf vom 01.04.2004
vgl. dazu auch das Interview mit Herrn Prof. Christian Pfeiffer vom 11.02.2007 im SWR 2: "Viel fernsehen, wenig lernen - Wie sich Medienkonsum auf die Schulleistungen auswirkt.")

Einige von den Vielsehern erreichten zum Beispiel nicht oder nur zum Teil die Fähigkeit zu (unter anderem) abstraktem und vorausschauendem Denken, also jene Stufe der Intelligenzentwicklung, die Jean Piaget als die Stufe der "formalen Operationen" bezeichnet und die sich mit etwa elf Jahren zu entwickeln beginnt.
Kinder, denen statt elterlicher Zuwendung und Ermunterung zu eigenem und gemeinsamem Spiel der Bildschirm angeboten wird, haben also schlechte Chancen in der Schule. Misserfolge in der Schule aber behindern die Herausbildung von Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten und damit Eigenschaften wie umfassendes Interesse und Lernbereitschaft. Die können nur gedeihen, wenn ein Kind Anerkennung und Erfolg erlebt. Misserfolgserlebnisse führen zur Flucht vor der Realität. Die Kinder zieht es dann vermehrt vor den Bildschirm. Da haben sie keinen Frust. Sie versetzen sich in die Rollen ihrer Bildschirmhelden und begnügen sich damit. Der Teufelskreis schließt sich.

Videogeräte und die heute üblichen Computer aller Spielarten mit ihren Kriegsspielen ermöglichen eine Steigerung des Filmkonsums. Dies allein schon darum, weil sie jederzeit verfügbar sind. Mehr als ein Viertel aller Schüler gaben in einer repräsentativen Umfrage in Bayern an, dass gerade die indizierten Filme zu ihren Lieblingsvideos gehören. Die Gefährdungspotenziale nehmen drastisch zu, wenn jüngere Kinder (Kindergartenalter und Grundschüler) mit den Bildschirmmedien sich selbst überlassen bleiben.

 

 

3.
Verbreitung und Folgen von Fernsehen und Video


Nun könnte das hier angedeutete Gefährdungspotenzial eine zu vernachlässigende Größe sein. Das ist aber leider nicht der Fall. Im Bundesdurchschnitt besaßen bereits Ende 1999 ein Drittel der Neun- bis Zehnjährigen ein eigenes Gerät. Es ist eher unwahrscheinlich, dass die Eltern dieser Kinder mit nachhaltigem Erfolg, Einfluss auf die Fernsehgewohnheiten ihrer Kinder nehmen. Als Gründe für diese hohe Versorgung von Kindern mit Fernsehern sind anzusehen:
Eltern wollen Konflikten ausweichen; z.B. dem Streit um die Programmwahl,
Eltern wollen ihre Ruhe haben,
Eltern wollen gleichzeitig und ungestört ihre eigenen Fernseher nutzen,
Eltern wollen ihren Kindern eine eigenverantwortliche Nutzung ermöglichen.

Nun sagen weder der Besitz von Fernseh- und Videogeräten noch die durchschnittliche Sehdauer von Kindern etwas darüber aus, ob geeignete Programme ausgewählt und ob diese Kinder von ihren Eltern verantwortungsvoll begleitet wurden oder ob irgendwelche Entwicklungsschädigenden Auswirkungen festgestellt wurden. Bisher vorliegende Untersuchungen aber zeigen, dass die technischen Voraussetzungen für einen exzessiven und damit die Entwicklung von Kindern gefährdenden Medienkonsum inzwischen in allen Haushalten geschaffen worden sind. Je größer das Angebot an Video- und Fernsehgeräten oder Computerprogrammen, um so mehr werden sie auch genutzt. Es ist zum Beispiel nachgewiesen worden, dass der audiovisuelle Medienkonsum bei Vorhandensein eines Recorders pro Woche um acht Stunden höher ist, als ohne Recorder. Und aus eigener Erfahrung als Lehrer und Erzieher möchte ich hinzufügen: gerade die Elf- bis Vierzehnjährigen sind besonders verführbar. Wenn sich in diesem Alter die Eltern nicht um die Jugendlichen bemühen, dann werden die Filme auf dem Bildschirm den Forderungen der rauen Wirklichkeit vorgezogen.

Im Ergebnis trägt der Rückzug auf die Bildschirmmedien dazu bei, dass nicht Erfolgszuversicht und Leistungswille wachsen, sondern persönliches Versagen und Leistungsverweigerung. Statt Kooperationsfähigkeit entwickelt sich Aggressivität, statt konstruktivem Engagement in Schule, Beruf und Freizeit Passivität und Konsumhaltung und in extremen Fällen eine Aussteigermentalität gepaart mit Missgunst und Hass gegen alle, die als erfolgreicher erlebt werden. Sogar eine schwere seelische Erkrankung kann die Folge sein, wie es das traurige Beispiel eines Sechzehnjährigen zeigt, der sich solange mit seinem virtuellen Helden beschäftigt hatte, dass er sich schließlich selbst für einen Straßenkämpfer hielt und in eine psychiatrische Klinik eingewiesen werden musste (Zeitungsmeldung am 17.11.1999).
In einem Vortrag unter der Überschrift: "Achtung ADHS! Wie Kinder unsere Gesellschaft spiegeln" begründete Professor Christoph Türcke den Zusammenhang zwischen einem "Bildschock... (der) zum Brennpunkt eines globalen Aufmerksamkeitsregimes geworden (ist), das durch Dauererregung von Aufsehen abstumpft" (Manuskript der Sendung "SWR 2 Aula" vom 08.07.2012, S. 4). Die Ursachen für das Bedürfnis von Kindern, sich den Bildschirmangeboten von Computern oder Fernsehgeräten zuzuwenden, sieht Türcke in einem "traumatischen frühkindlichen Aufmerksamkeitsentzug" (Manuskript, S. 5). Denn "wenn sie ihr ganzes Säuglingsleben bereits von einer Fernsehkulisse umgeben verbringen, haben sie alle Chancen, früh und traumatisch zu erleben, wie die Aufmerksamkeit ihrer nächsten Bezugspersonen sich zwischen ihnen und dieser Kulisse verteilt, wie zwischenmenschliche Zuwendung unter den Aufmerksamkeitsansprüchen, die diese Kulisse permanent erhebt, flach und unwirklich wird." (Daselbst)

In einem Bericht der Bad. Zeitung. hieß es am 23. Januar 2007, dass ein Zwölfjähriger solange der Schule fern blieb, dass er mit der Polizei in die Schule gebracht und gezwungen werden musste, der Schulbesuchspflicht nachzukommen. Die Eltern waren offenbar völlig hilflos. Der Junge hatte sich in seinem Zimmer eingeschlossen und - Computerspiele gespielt
(vgl. dazu weiter das Kapitel über "Kind und Computer in der Familie")

Eine seit der zweiten Hälfte der neunziger Jahre von Psychologen aus Beratungsstellen beobachtete Auswirkung des zunehmenden Medienkonsums ist der Rückgang der Sprachkompetenz bei Kindern mit verheerenden Folgen auf die Schullaufbahn. Ich hatte bereits darauf verwiesen, dass ein Kind aktiv, also handelnd lernt und nicht allein durch hören, zuhören oder nur durch sehen.

Ein Kind lernt gehen, indem es geht, Rad fahren, wenn es mit dem Rad versucht zu fahren, Erwachsene lernen Auto fahren, wenn sie fahren (und nicht, wenn sie anderen dabei zuschauen). Ein Mensch lernt sprechen, wenn er mit anderen spricht.

Diese Erfahrung ist so simpel, dass ich mich fast geniere, sie hier hinzuschreiben. Genau diese schlichte Erkenntnis wird in mehr und mehr Familien übersehen [4]. Zwischen die Gespräche von Eltern mit ihren Kindern, Kindern mit ihren Eltern oder Kinder mit ihren Geschwistern tritt das "Schauen". Günstigenfalls schauen Eltern und Kinder gemeinsam einen Film an. Wird aber während eines Films oder hinterher nicht darüber miteinander gesprochen, was einen bewegt, was man gesehen und vielleicht nicht richtig verstanden hat, dann diente das Schauen nur der Unterhaltung der Eltern. Sprachliche Kompetenz können Kinder so nicht erwerben.

An dieser Stelle muss ich an einen sieben Jahre alten Jungen denken, der als "lernbehindert" vom Schulbesuch zurückgestellt werden musste. Eine genauere Nachprüfung ergab, dass dieses geistig normale Kind darum nicht eingeschult werden konnte, weil bei ihm die Sprachentwicklung um zwei Jahre verzögert war. Die Ursache war bald entdeckt: Die Oma, die ihren Enkel zur Pflege hatte, schickte ihn nicht einmal in den Kindergarten, um sich von ihm nicht trennen zu müssen. Stattdessen stellte sie ihm ein Fernsehgerät und einen Videorecorder in das Zimmer. "Der Junge guckt doch so gern" begründete sie ihr Vorgehen. Man könnte hinzufügen: wenn er guckt, vergisst er die Welt da draußen und ich habe ihn für mich.
Zu den Folgen dieses Erzieherverhaltens gehörte, dass der eigentlich recht intelligente kleine Kerl, außerstande war, sich sprachlich verständlich zu machen oder gar mit anderen zu unterhalten. Seine Oma verstand ihn. Und das reichte ihr.
Nachdem er aus diesem Umfeld herausgekommen war, hat er sprachlich rasch aufgeholt und die Schule mit gutem Erfolg besucht.

Dieses, gewiss recht extreme, Beispiel deutet aber auf die dramatischen Folgen unzureichender sprachlicher Kommunikation in Familien. Schon früher waren die Kinder benachteiligt, in deren Familien ein "restringierter Code" (eine einfache, begrifflich wenig differenzierende Umgangssprache) gesprochen wurde. Der Kindergarten hatte die ergänzenden und ausgleichenden Leistungen zu erbringen, um die Chancen von Kindern aus derartigen Sprachumwelten zu verbessern. Nicht zuletzt deswegen wurde der Kindergarten in den letzten vierzig Jahren flächendeckend ausgebaut. Inzwischen sind Kindergarten und Schule geradezu als fernsehfreie "Gegenwelten" zu einem, von Fernsehen und Videos beeinflussten Familienalltag zu betrachten. Dort droht eine Spracharmut allen Kindern, wenn in Familien weniger miteinander gesprochen als Fernsehen/Video geschaut wird. Denn Eltern, die selbst schauen, können sich mit ihren Kindern nicht unterhalten. Auch hierzu ein Beispiel:

Eine Mutter erzählt: Ich habe drei Fernseher zu Hause: einen in der Küche, einen im Wohnzimmer und einen im Schlafzimmer. In allen läuft das gleiche Programm, denn wenn ich putze, will ich doch trotzdem sehen, wies weitergeht."
Wann und was bespricht diese Mutter mit ihrem fünfjährigen Mädchen? Nichts. "Mach das, lass das, sei ruhig, geh spielen..." auf derartige Anweisungen beschränkt sich die Kommunikation mit dem Kind. Auch dieses Mädchen musste vom Schulbesuch zurückgestellt und einer Sprachförderung zugeführt werden.

Diese Geschichte deutet zugleich auf die Angewohnheit in vielen Familien, den Fernseher ständig in Betrieb zu haben. Nun mag das für Erwachsene, die Stille nicht ertragen können oder bei denen sich immer irgend etwas bewegen muss, und sei es auch nur etwas auf dem Bildschirm, seine guten oder schlechten Gründe haben. Für Kinder aber ist so etwas schädlich! Wir wissen heute, dass bei den Kindern allgemein Aggression und Unruhe wachsen und vor allem die Fähigkeit abnimmt, sich zu konzentrieren. Nachweislich sind hierfür die Fernseh- und Videokonsumgewohnheiten bei Kindern verantwortlich. Dies wurde unter anderem auf einem Psychologenkongress im Januar 1999 in Saarbrücken bestätigt. Die Gründe für die steigende Zahl hyperaktiver und konzentrationsschwacher Schülerinnen und Schüler ist nicht zuletzt auf den Mangel an konstruktiver Bewegung und eigener Aktivität zurückzuführen [5] . Wer sich selbst vor den Bildschirm "anbindet", dem fehlen Bewegung und aktive Betätigungen mit Dingen und anderen Menschen. Inzwischen wurde sogar herausgefunden, dass viel sehende Kinder dicker sind, als weniger sehende. Manfred Spitzer hält in seinem bereits erwähnten Radiovortrag vom April 2005 fest, "Dass 17 Prozent der dicken Menschen auf das Konto des Fernsehkonsums" gehen.

Alle Lebensbedingungen, die zu einer derartigen Entwicklung Einzelner beitragen und weit wegführen von den anfangs genannten aber auch den rechtsverbindlichen Erziehungs- und Bildungszielen wie zum Beispiel "berufliche und soziale Bewährung und...freiheitliche demokratische Gesinnung", bedürfen im Interesse der Betroffenen selbst und in unser aller Interesse einer Korrektur.
Und es sind alle Persönlichkeiten, die in Politik und Kultur, in Wirtschaft und Verwaltung sowie in den Fernsehsendern und Zeitschriften und Zeitungen Verantwortung tragen aufgerufen, daran mitzuwirken!

Machen wir uns nichts vor, liebe Besucherinnen und Besucher:
wenn immer wieder nachgewiesen wird, dass es Kinder gibt, deren Schullaufbahn bestimmt ist von Unlust und Versagen, dann hängt das nicht zuletzt mit der Art und Weise zusammen, wie in deren Familien mit Bildschirmmedien umgegangen wird.

Und dieser Umgang ist - vor allen anderen Ursachen - abhängig von der Einsichtsfähigkeit und dem Wollen der Eltern. Und so lange es keine Macht gibt, die Eltern daran hindern könnte, ihr Leben und das Leben ihrer Kinder zu verpfuschen, hilft die Feststellung der PISA-Studien wenig, dass es überwiegend Kinder bildungsferner Schichten sind, die zu den schwachen Schülern gehören

Es gab in den sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts schon einmal derartige Untersuchungen. Die hatten zu Tage gefördert, dass es Kinder aus ländlichen Regionen und aus katholischen Familien waren, die geringere Bildungschancen hatten als andere. Die gesamtgesellschaftlichen Anstrengungen jener sechziger und siebziger Jahre führten dazu, dass die Hauptschule mehr und mehr zu einer "Restschule" wurde und die Schülerzahlen in weiterführenden Schulen gewaltig anstiegen.

Die gegenwärtige Herausforderung ist zwar vergleichbar. Die Bevölkerungsgruppen aber, bei denen ein Umdenken nötig wäre, haben sich ebenso verändert wie Medienlandschaft, Arbeitswelt und der Sparzwang öffentlicher Haushalte. So führen zum Beispiel in den Arbeitsfeldern der Jugendhilfe bis hinunter zu den Kindertagesstätten Sparmaßnahmen dazu, dass immer weniger Fachpersonal immer mehr Aufgaben aufgeladen bekommt. Und im Schulbereich geschieht Vergleichbares: es werden inzwischen sogar den Lehrerinnen und Lehrern bei gleich bleibenden Unterrichtsverpflichtungen Aufgaben abverlangt, die sie weder wahrnehmen wollen noch können. Es sei zum Beispiel allein an die Konsequenzen aus den Erwartungen des § 8a KJHG / SGB VIII erinnert, auf die an anderer Stelle aufmerksam gemacht wurde.
Und mit diesen Veränderungen schrumpften die Einflussmöglichkeiten von Sozial- und Schulpädagogen. Wohin ein großer Teil der Familien in unserer Gesellschaft landete und strandete, das lässt sich am Beispiel des Umgangs mit Massenmedien gut demonstrieren. Wo daheim Fernseher, Video und Computerspiele das Sagen haben, da werden Fördermaßnahmen in Kindergarten und Schule, wie sie geplant sind, mehr "Aufwand als Ertrag" bringen.

Der Gesetzgeber hat die rechtlichen Rahmenbedingungen zum Schutze der Jugend vor Entwicklungsschädigenden Einflüssen durch Massenmedien geschaffen. Die Beachtung der Jugendschutzbestimmungen im Lebensbereich der Familien vollzieht sich im Spannungsfeld von Freiheit und Verantwortung und verläuft nicht selten sehr konfliktreich. Eltern haben vielfach nicht gelernt, das Medienangebot in einer für die Kinder förderlichen Weise in den Familienalltag einzubeziehen. Stattdessen stehen sie ihren Kindern und deren Forderungen nach uneingeschränkter Teilhabe am elterlichen Fernseh- und Videokonsum recht hilflos gegenüber. Diese Hilflosigkeit ist unter anderem auf fehlendes Wissen zurückzuführen. Darum können Informationen Verhalten beeinflussen und sich auf Lebensgewohnheiten auswirken, sobald ein guter Wille vorhanden ist.

Rundfunk und Fernsehen bereichern, soweit sie der Information und Unterhaltung dienen, unseren Alltag. Bald nach dem zweiten Weltkrieg wurden Aufsichtsgremien eingerichtet, die einen Missbrauch verhindern und die politische Unabhängigkeit der Sendeanstalten und ihrer Programme sichern sollten. Mit der Zulassung privater Anbieter hat sich die Medienlandschaft verändert. Nicht Information und Unterhaltung stehen bei einigen Betreibern an erster Stelle, sondern die Einschaltquoten und die Gewinn sichernden Werbeeinnahmen. Und hierfür sind alle Mittel recht - auch wenn in Bezug auf Filmauswahl und Gestaltung wenig auf u. a. positive ethische Orientierung Wert gelegt wird. Es sind erwachsene mündige Bürger, die auch an der Produktion und dem Vertrieb jener Programme einschließlich der Computerspiele ihr Geld verdienen, die die seelische Entwicklung von Heranwachsenden beschädigen. Was kulturpolitisch, wirtschaftlich und rechtlich nicht verhindert werden will oder kann, muss aber gleichwohl unter pädagogisch-ethischem Gesichtspunkt als verwerflich bezeichnet werden. Alle an diesen Prozessen beteiligten Personen und Institutionen handeln verantwortungslos [6]. Dass es Eltern gibt, die Medienangeboten, die ihren Kindern schaden, keinen Widerstand entgegensetzen können, ist zu bedauern. Resignierend stellte eine Achtzehnjährige in einem Beitrag für eine unserer Tageszeitungen fest: "Heute besteht für viele Kinder ein schöner Nachmittag darin, vor dem PC zu hocken und das neueste Hau-drauf- und weg- Spiel auszuprobieren oder eines der unendlich vielen, stumpfsinnigen Horrorvideos zu schauen ... Wie soll man Kinder dazu bringen, mehr Phantasie zu entwickeln oder sich mehr mit natürlichen Dingen zu beschäftigen, wenn zuhause ... nichts Besseres vorgelebt wird" (Sina Plettenberg in BZ v. 07.07.00).
Es tragen also allein die Erwachsenen die Verantwortung dafür, was und wie viel in einer Familie gesehen und gehört wird und was nicht. Darum gilt für Eltern als Abnehmer:
· Nicht alles was gerade auf dem Markt (oder "in") ist, muss gekauft oder konsumiert werden.
· Niemand zwingt uns dazu, dem Medienangebot gleichsam "bewusstlos" zu folgen und die Anbieter durch hohe Einschaltquoten, den Kauf von Computerspielen und den hierzu nötigen Geräten in ihren Bestrebungen nach Medienmacht und Gewinn zu unterstützen. Das ist allein unsere freie Entscheidung.

Trotz der hier - bewusst zugespitzt - dargestellten Situation in Familien und Gesellschaft kann nicht gesagt werden, dass alle Kinder, die Fernseh- und Videofilme schauen, gefährdet sind. Auch nicht diejenigen, die gelegentlich Gewaltdarstellungen sehen. Nach dem gegenwärtigen Stand der Medienwirkungsforschung zu Aggressions- und Gewalt fördernden Auswirkungen des Medienkonsums ist festzuhalten:
Die Aggressivität von Kindern wird durch Gewaltdarstellungen in dem Ausmaß gefördert, in dem sie den kindlichen Lebensalltag widerspiegeln [7]. Oder anders gesagt: Wo in Familien Aggressivität zum alltäglichen Umgang gehört, verstärken Gewaltdarstellungen die Gewaltbereitschaft von Kindern.
Zu diesen Frustration und Aggression fördernden Alltagsbedingungen gehören die folgenden

Eltern nehmen sich keine Zeit für ihre Kinder, hören ihnen nicht zu, nehmen sie nicht ernst;
die Bildschirm- und andere elektronische Medien treten daheim an die Stelle von gemeinsamen Aktivitäten;
das Klima zwischen Mutter und Vater und/oder deren persönliche Situation sind unerfreulich;
die Atmosphäre der Wohnumwelt belastet alle Familienmitglieder;
Druck, dem sich ein Kind ausgesetzt fühlt (zum Beispiel Leistungsdruck in Schule und Elternhaus oder Zwänge aus dem Kreis der Freunde oder Schulkameraden.
Insofern kann bilanzierend festgehalten werden: Ein Medium für sich genommen wird weder einem Kind zu Höchstleistungen in der Schule verhelfen, noch es für ein Leben in unserer Gesellschaft untauglich machen. Maßgeblich für Nutzen oder Schaden sind die Lebensbedingungen beziehungsweise die Situationen in deren Zusammenhängen Medien Anwendung finden [8] sowie die diesen Ausgangslagen entsprechenden Funktionen, die die Medien für den Anwender haben.

 

4.
Einige Erkenntnisse über den verantwortbaren Umgang mit Fernsehen und Video.

Ist bisher sehr viel über die negativen Funktionen und Auswirkungen von Bildschirmmedien die Rede gewesen, so sollen nun einige Erkenntnisse darüber vorgetragen werden, unter welchen Bedingungen diese Auswirkungen verringert werden können.
Die nachfolgenden, in kurze Handlungsempfehlungen gefassten Hinweise, haben sich bewährt, seitdem es elektronische Medien gibt. Im Familienalltag werden sie sicher recht differenziert - von Familie zu Familien und von Kind zu Kind flexibel gehandhabt. Eltern sollten sich jedoch wenigstens im Prinzip und meistens daran orientieren. Alle Empfehlungen verdienen umso mehr eine konsequente Beachtung, je jünger die Kinder sind.

1. Als A und O kann gelten: Vorbild ist die beste Erziehung. Wenn Eltern alle Empfehlungen für sich selbst konsequent einhalten, dann ist die Aussicht günstiger, einen verantwortbaren Umgang mit Medien zu erreichen und deren negative Auswirkungen zu vermeiden.

2. Programme auswählen, das heißt, dass Eltern wissen, welche Filme sie warum auswählen. Die Geräte werden nur zu diesem Zweck eingeschaltet und wieder abgeschaltet, wenn der Film zu Ende ist.

3. Gemeinsam schauen, das heißt, Eltern sehen sich den ausgewählten Film mit ihren Kindern gemeinsam an. Dann können die Kinder mit ihren Eltern gleich über alles sprechen, was sie nicht verstanden haben. Auch mögliche Ängste, die durch den Spielverlauf oder bestimmte Geräusche ausgelöst werden, lassen sich reduzieren, wenn die Kinder die Nähe der Eltern spüren.

4. Über das Gesehene sprechen: das heißt, auch wenn die Eltern nicht mitschauen können, sollten die Kinder Gelegenheit haben, mit ihnen darüber zu sprechen. Je mehr die Kinder erzählen und durch das erzählen "los werden", um so geringer wird die Gefahr, dass Filmszenen Kinder "umtreiben". Gerade, wenn eine Sequenz für ein Kind Angst auslösend war (und was das ist, kann allein das Kind erleben), will es darüber sprechen. Die Rolle der Gesprächspartner können natürlich auch ältere Geschwister oder Verwandte übernehmen.
"Je mehr wir mit ihnen über das, was sie gesehen haben, sprechen, desto intelligentere und anspruchsvollere Zuschauer werden unsere Kinder werden", schreibt Bruno Bettelheim in: TELVIZION Nr. 1/1988, S. 4-7)

5. Die beste Alternative für alle Kinder und Jugendlichen sind Aktivitäten, die sie in besonderer Weise herausfordern, ihnen Gelegenheit zum Erfolg durch eigene Leistung geben und die möglichst gemeinsam mit Eltern und/oder in Kinder- und Jugendgruppen erbracht werden. Musikalische Früherziehung, Sportgruppen, Radfahren, Wandern und Schwimmen sowie viel Spielen, Erkunden und Entdecken im Freien, besondere für Jugendliche auch außerhalb der Vereine wie Kanu- und Kletterkurse - alles dies sind seit Generationen die besten "Miterzieher". Überall dort, wo diese aktiven Betätigungen im Vordergrund stehen, wo ein Kind etwas schaffen kann, worauf es hinterher mit Stolz und Genugtuung weist, treten die Gefährdungen durch Fernsehen und Video zurück. Wenn Eltern bei der Filmauswahl darauf achten, dass die jeweiligen Freizeitaktivitäten eine mediale Unterstützung erhalten, lassen sich Fernseher und Videogerät sogar in den Dienst einer das Kind fördernden Entwicklung stellen [9].

6. Die Fernsehwerbung wird in Familien dann als Problem erlebt, wenn Kinder sich von der Werbung dazu verführen lassen, ihre Eltern mit entsprechenden Kaufwünschen zu nerven. Dass es auch uns Erwachsenen nicht leicht fällt, sich von Werbesprüchen nicht für dumm verkaufen zu lassen, beweist die Werbung selbst: wenn sich niemand daran orientierte, gäbe es sie bald nicht mehr. Schon vor fünfzig Jahren hieß das Thema eines Schulaufsatzes: "Reklame siegt auch dann, wenn man den Braten roch: Man denkt man glaubt es nicht, und glaubt es schließlich doch." Wieweit Kinder sich durch Werbung in Fernsehen oder Druckerzeugnissen beeinflussen lassen, hängt von unserem Verhalten ab. Tun wir nicht selbst Werbung als das ab, was es in erster Linie sein soll: Verleitung zum Kauf, dann können wir nicht erwarten, dass sie erkennen, um was es Werbestrategen geht. Ganz lassen sich freilich Ärger und Verdruss nicht vermeiden, weil gerade jüngere Kinder den elterlichen Argumenten nicht folgen können. Die Beachtung einiger Tipps können sich aber entlastend auswirken:
Nehmen wir jeder Werbung den "Ernstcharakter". Wir achten auf Widersprüche, Albernheiten, Lächerlichkeiten oder baren Unsinn und machen uns gemeinsam lustig über alles dies. Damit wird der unvermeidliche Werbebeitrag zu unverbindlicher Unterhaltung. Diesen Prozess unterstützen wir durch unser Kaufverhalten. Wir verzichten zum Beispiel ganz allgemein darauf, das zu kaufen, was angepriesen wird. Wenn wir etwas kaufen, dann hat das seine guten Gründe, die wir auch nennen können. Und wenn einmal eine Kaufentscheidung mit einer Werbung übereinstimmt, was zum Beispiel beim Kauf eines Autos unvermeidlich ist, dann können wir unseren Kindern gegenüber nachweisen, dass dieser Kauf nicht von einem Werbespot angeregt worden ist. Nur wenn Kinder bei den Eltern erleben, dass deren Kaufverhalten von Werbung unabhängig ist, lernen sie selbst, unabhängig zu werden.

7. Die Schwierigkeiten, die in Familien dann entstehen, wenn Geschwister heranwachsen und ihre altersorientierten unterschiedlichen Forderungen anmelden, sind gelegentlich sehr groß. So, wie sich nicht alle Filme für alle Altersgruppen eignen, so sind auch Zeit und Dauer von Fernsehkonsum zu differenzieren. Für die Lösung des Geschwisterproblems gibt es kein Rezept. Jüngere Geschwister werden immer danach streben, das Gleiche zu dürfen oder mitzumachen, wie ihre Eltern oder die älteren Geschwister. Genau wie mit der Taschengeld- und Ausgangsregelung werden sich aber in jeder Familie andere Gepflogenheiten und andere Begründungen für altersangemessene Regeln finden. Um extreme, den Familienfrieden nachhaltig beeinträchtigende Konflikte zu vermeiden, empfiehlt es sich, immer dann und dort attraktive Alternativen anzubieten, wann und wo sich die anderen Kinder benachteiligt fühlen. Wer an die Stelle von Fernsehen und Video nichts anbieten kann, was die Kinder gern aufs Schauen verzichten lässt, hat es schwer. Allein mit Worten und Verboten sind hier keine Erfolge zu erzielen.

 


 

Anmerkungen

 

[1] Über Eigenschaften und Verhaltensweisen, die gegenwärtig in den Erziehungswissenschaften zur "Lebensvorbereitung" gehören vgl.: Hans Werner Heymann: Bildung trotz oder mit Internet? In: Pädagogik Nr. 9/00, S. 7

[2] Vgl. dazu die Beobachtungsergebnisse von Maya Götz referiert von Sabine Riemann in: Die Teletubbies. In: Grundschule Nr. 7-8/2000 S. 23 ff

[3] Aus: Ute Mädler und Monika Plath: Fernsehvorlieben und Zeitschriftenpräferenzen von Grundschülern. In: Grundschule Nr. 7-8/2000 S. 17ff
Dass die Vorlieben bei Jungen und Mädchen unterschiedlich sind, belegt Sabine Riemann in der gleichen Zeitschrift, S. 12 ff

[4] Eine veröffentlichte Studie von Psychologen an der Freiburger Universität kommen zu gleichen dramatischen Schlussfolgerungen: Fernsehen bedeutet Vernachlässigung der Kinder". In: Badische Zeitung vom 27.09.2000, S. 35

[5] Es gibt Eltern, die Ärzte suchen und finden, die Kindern mit Konzentrationsschwächen und Bewegungsdrang, Medikamente verschreiben. Ich habe den Verdacht, dass diese Praxis ist in vielen Fällen Eltern dazu verführt, die Ursachen für die als störend empfundenen Verhaltensweisen im Kind und nicht in den Lebensbedingungen Familie zu sehen.

[6] Über den "Ethikbedarf der Medien" finden sich im Septemberheft der Fachzeitschrift der Aktion Jugendschutz (III / 2000) einige Beiträge. Die sich eher an das Kommunikationssystem von Wissenschaftlern richtenden Aufsätze von Stefan Aufenanger und Andreas Greis bieten dem einzelnen Pädagogen allerdings keine Werthorizonte an, auf die er seine medienpädagogischen Strategien beziehen könnte. Dagegen deutet der Verweis auf das bundesweite Medienprojekt "Spitze Feder" in dem Beitrag von Heike Mensing-Schauer auf Bemühungen, wenigstens in Bezug auf das Fernsehen einen kritischen, wertorientierten Dialog zwischen "Fernsehmachern und -Konsumenten" in Gang zu bringen.(S. 16 - 18 dieser Ausgabe).

[7] Ergebnisse einer Fachtagung von Medienforschern im September 1995 in Arnstadt

[8] Vgl. hierzu B. Sichtermann: Kinderfernsehen und die Sorgen der Erwachsenen. In: Czaja, D.: Kinder brauchen Helden... München 1997, S. 14 ff

[9] Vgl. hierzu die Fachbeiträge von Sigrid Weber in "kindergarten heute": Wie, was und warum Kinder fernsehen. Okt. 1999 ff
Letzte Aktualisierung: April 2007

 

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