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Schriften zur Erziehung und Bildung im WWW
von Dr. Joachim Rumpf
Kooperation in der Pädagogik
Einige Bedingungen

 

 
"Ich würde ja so gern mit den Eltern der Kinder gut zusammenarbeiten. In unserer Gemeinde aber sind die gegenseitigen Beziehungen so schlecht. Die Vorurteile Lehrern gegenüber sehr groß. Ich komme gar nicht oder nur sehr schwer an die Eltern heran."
Noch ein Beispiel:
In den Gesprächen über die Praxis der Kooperation zwischen Kindergarten und Grundschule wird immer wieder vorgetragen, dass die Lehrer keine Zeit, weil keine Deputatsstunden für diese Aufgabe zur Verfügung hätten und dass man ja ohnehin nicht wisse, wer im nächsten Jahr die erste Klasse übernehme. Lassen wir einmal beiseite, was es zu diesen recht pauschalen Klagen oder widerständen alles anzumerken gäbe und schauen wir auf einen wichtigen, weil allgemein zutreffenden Sachverhalt: Die Zusammenarbeit zwischen Lehrern und Eltern oder Erziehern und Lehrern vollzieht sich nicht ausschließlich im Bereich persönlicher Kontakte. Diese Kontakte sind vielmehr beeinflusst, nicht selten sogar abhängig, von einer Reihe sie fördernder oder hemmender Bedingungen. Kooperation haben wir kennen gelernt als ein Interaktionssystem. Dieses System ist seinerseits eingebettet in andere Systeme und steht in wechselseitiger Verbindung mit ihnen. Unsere Beispiele weisen auf zwei dieser Bedingungen: Die eine gehört dem formal regelbaren Bedingungsfeld (Gesetze, Verordnungen, Richtlinien, Stundenverteilung u. a.) an, die andere dagegen ist eher atmosphärischer Natur und deutet auf die Beziehungen zwischen den Lebensbereichen. Hierzu die Stichworte:
Einstellungen, Meinungen oder Vorurteile bezogen auf den jeweils anderen Lebensbereich beziehungsweise seiner Vertreter. So wie das Kind nicht verstanden und darum nicht individuell genug auf es eingegangen werden kann, wenn ein Lehrer oder Erzieher keine Ahnung von seinen anthropologischen und soziokulturellen Hintergründen hat, strampeln sich gutwillige Lehrer und Eltern vergebens ab, wenn sie die beiderseitigen Bedingungen ignorieren (oder nichts von ihnen wissen), die gleichsam von "Außen" auf Bemühungen der Zusammenarbeit einwirken.
Hierzu wieder einige Beispiele:Der vertrauensvollen Zusammenarbeit zwischen Elternhaus und Schule wird in allen offiziellen Verlautbarungen der Regierungen und Schulbehörden in unseren Bundesländern eine hohe Priorität eingeräumt. Dabei sind Mitbestimmung und Mitverantwortung aber auch Elternbildung und Mitgestaltung des Schullebens durch Eltern die praktischen Elemente der gemeinsamen Verantwortung von Elternhaus und Schule für die Erziehung und Bildung von Kindern.
Beide Lebensbereiche unterstützen sich gegenseitig und "pflegen ihre Erziehungsgemeinschaft" heißt es zum Beispiel im Schulgesetz für Baden- Württemberg. Dass diese Erziehungsgemeinschaft, also die Pflicht zu einem sinnvoll aufeinander bezogenen Zusammenwirken in der Erziehung und Bildung sogar Verfassungsrang hat, bestätigt ein Bundesverfassungsgerichtsurteil vom 6.12.1972. Es kann also festgehalten werden, dass die rechtlichen Rahmenbedingungen stimmen, da die Kooperation zwischen Lebensbereichen, die eine Erziehungsgemeinschaft bilden, im Interesse des Kindes vorgeschrieben ist und jeder, der für Erziehung und Bildung von Kindern Verantwortung trägt die Zusammenarbeit sowohl institutionelle als auch atmosphärisch fördert.

Gerade der atmosphärischen Förderung, zum Beispiel allen entsprechenden Aktivitäten aus den einem Lehrer oder einer Erzieherin übergeordneten Instanz, wirken sich sehr förderlich oder hinderlich auf die Entwicklung gegenseitiger guter Beziehungen aus.Hier zunächst ein Bericht:
Ich habe kürzlich an unserer Schule an einem Informationsabend für Eltern teilgenommen. Da der Direktor des Staatlichen Schulamtes zum Thema referierte, war der Schulsaal bis auf den letzten Platz gefüllt. Während seiner Rede wollte der Schulamtsdirektor den Eltern zu verstehen geben, dass niemand besser weiß als er selbst, dass Lehrer "auch nur Menschen" seien und berichtete, von einem Unterrichtsbesuch bei  einem Lehrer. "Der Unterricht, war so langweilig, dass die Kinder hinausgelaufen wären, wenn sie nur gedurft hätten", führte der Schulrat aus. Da auf diesem Elterninformationsabend von dem Schulamtsdirektor keine positiven Beispiele erzählt wurden, entstand der Eindruck, dass "die Lehrer" nur einen langweiligen Unterricht machten. Da es in jeder Gemeinde Eltern gibt, mit denen ein Lehrer besonders schwer ins Gespräch kommt, weil diese, in der Regel wegen ihrer eigenen schlechten Schulerfahrungen allem was mit Schule zu tun hat sehr reserviert gegenüberstehen, mussten die Äußerungen von "oben" entsprechende Vorurteile gegenüber Lehrern verstärken. Nehmen wir noch eine Alltagserfahrung hinzu, nach der Menschen dazu neigen, Vertreter aus anderen Berufen als weniger tüchtig oder fleißig wahrzunehmen als sich selbst ("die Beamten", "die Arbeiter", "die Angestellten", "die da oben"... tun alle nichts und kriegen ihr Geld nachgeworfen), kann man sich gut vorstellen, dass derartige Äußerungen Wasser auf die Gesprächsmühlen unserer Stammtischbrüder und in verschiedenen Vereinen war: "Da sieht man es wieder... sogar der Schulrat sagt, dass die Lehrer nichts taugen..." 
Es muss zunächst einmal auf die bestehende gesetzlich geregelte gegenseitige Treuepflicht von Arbeitnehmern und Arbeitgebern, die ganz besonders im öffentlichen Dienst ihre Bedeutung hat, hingewiesen werden. Zu dieser Pflicht gehört, auch wenn es bei einigen Vorgesetzten an nötigem Takt und Einfühlungsvermögen fehlen mag, dass sie voll hinter ihren Angestellten und Beamten stehen und alles vermeiden, was deren Ansehen in der Öffentlichkeit schadet. Neben die entsprechenden gesetzlichen Regelungen, die für alle Arbeitnehmer in der privaten Wirtschaft ebenso wie im öffentlichen Dienst gelten, tritt in unserem Falle noch die Erkenntnis hinzu, dass das berufliche Engagement und damit die Autorität eines Berufsstandes diskriminiert werden und die ohnehin nicht einfach herzustellenden guten Beziehungen zwischen Lehrern und Eltern erschweren.
Im übertragenen Sinne gilt dieses Beispiel auch für die Arbeit in Kindergärten oder anderen sozialpädagogischen Einrichtungen. Die betroffenen Erzieherinnen und Erzieher haben ebenso wie die Lehrer (und alle anderen Berufe) einen Anspruch darauf, von den jeweiligen Anstellungsträgern in ihrem beruflichen Wirken unterstützt zu werden. Die Anstellungsträger, denken wir zum Beispiel auch an die Verbände der freien Wohlfahrtspflege sollten mit allen ihnen zu Gebote stehenden Mittel, die pädagogische Arbeit im allgemeinen und die in ihren Einrichtungen im besonderen aufwerten. Aus der Perspektive des Kooperationsgebots muss eine entsprechende Unterstützung in der Öffentlichkeit sogar als eine zwingende Bedingung angesehen werden.
Dafür gibt es gute Beispiele:
Da setzt sich der Landrat eines Landkreises im südlichen Schwarzwald mit Erzieherinnen aus Kindergärten an einen Tisch und diskutiert öffentlich mit ihnen über die Arbeitsbedingungen in Kindergärten. Im gleichen Landkreis wird eine von Erzieherinnen organisierte Ausstellung über ihre Arbeit und deren Bedingungen laut und vernehmlich von den Trägern und einigen Politikern unterstützt. Der Skeptiker wird zu Recht fragen, ob denn derartige Demonstrationen etwas an den Arbeitsbedingungen in den Kindergärten geändert haben. Doch dies ist im Zusammenhang mit unserem Problem erst in zweiter Linie wichtig. Wenn es darum geht, die atmosphärischen Bedingungen für Begegnungen zwischen den verschiedenen Lebensbereichen günstig zu beeinflussen, gegenseitige Vorurteile abzubauen und das Ansehen des jeweils anderen nicht zu diskreditieren, dann sind derartige öffentliche Demonstrationen zweckmäßig.

Wer noch mehr gute Beispiele erzählen möchte, ist herzlich dazu eingeladen! Schreiben Sie an

j.rumpf@gmx.de !

 
 
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