Schriften zur Erziehung und Bildung im WWW
von Dr. Joachim Rumpf

Kooperation in der Pädagogik
Einführung

Alle Lebensbereiche, in denen Kinder erzogen und herangebildet werden, sind pädagogische Räume. Da ist zu denken an die Familien, an den Kindergarten und die Schule. Aber auch andere Lebensbereiche gehören dazu. Denken wir zum Beispiel an Einrichtungen der Jugendhilfe wie Horte, teilstationäre Gruppen an Kinderheimen oder an Heime. Typischer Weise wächst ein Kind in einer Familie heran und lebt parallel hierzu gleichzeitig in anderen Lebensbereichen, die ebenfalls einen Erziehungs- und Bildungsauftrag haben. Das soll am Beispiel der Schule mit Hilfe der folgenden Skizze veranschaulicht werden:

Koop

 

Unverkennbar ist , dass ein Kind gleichsam mit sich selbst die beiden Lebensbereiche "Familie" und "Schule" miteinander verbindet. Kein Kind kommt ohne Familie in den Unterricht. Alles, was daheim erlebt wurde, wirkt im Kind nach. Mehr noch: In der Persönlichkeit des Kindes tritt dem Lehre die Lebensgeschichte des Kindes gleich mit gegenüber. In ihrer Ausbildung haben die Lehrer auch gelernt, dass sie bei der Unterrichtsvorbereitung die "anthropologischen und soziokulturellen" Voraussetzungen der Kinder zu beachten haben, die sie unterrichten.
Die Eltern haben ihrerseits beim Mittagessen nicht nur ihr Familienkind am Tisch sitzen, sondern gleichzeitig auch ihr Kind als Schulkind. Umgekehrt nimmt jedes Schulkind "die Schule", also alle die guten und schlechten Eindrücke und Erlebnisse in sich auf und bringt sie mit in die Familie. Schule und Familie sind also durch das Kind sehr eng miteinander verbunden. Und diese Verbindung besteht auch dann, wenn weder hier noch dort auch nur ein Sterbenswörtchen über den jeweils anderen Lebensbereich verloren wird.Für das Gedeihen des Kindes aber ist die Art und Weise der Verbindung zwischen Elternhaus und Schule von ganz entscheidender Bedeutung. Die Verbindung kann beispielsweise bestimmt werden von beiderseitiger oder einseitiger Gleichgültigkeit, von Ablehnung oder von Zustimmung. Wie auch immer der Charakter der beiderseitigen Verbindungen ausschaut: für die Entwicklung des Kindes ist er von ganz entscheidender Bedeutung.Ganz allgemein lässt sich sogar die Behauptung aufstellen: Je schlechter die Verbindungen zwischen zwei Lebensbereichen sind, in denen ein Kind heranwächst, umso ungünstiger sind die Entwicklungsbedingungen dieses Kindes. Und umgekehrt gilt dann: Je besser die Verbindungen zwischen den Lebensbereichen sind, umso günstiger sind die Aussichten, dass sich das betroffene Kind gut entwickelt. Das, was hier gemeint ist, lässt sich recht gut an einem Beispiel zeigen: Der fünfjährige Karl lernte im Kindergarten Herrn Schneider, seinen künftigen Klassenlehrer kennen und schätzen. Herr Schneider kam jede Woche für eine halbe Stunde in die Kindergartengruppe und spielte mit, las auch einmal was vor und hatte ein, für alle Kinder deutlich miterlebbares gutes Verhältnis zu der von den Kindern so geliebten Erzieherin. Da Karl keine älteren Geschwister hatte, durch die er indirekte Vorerfahrungen hätte sammeln können, war für ihn Herr Schneider die "Schule". Und weil er Herrn Schneider mochte, freute er sich besonders auf die Schule und hatte keine Angst vor ihr.
Im übertragenen Sinne gelten diese Behauptungen für die Bedeutung der Verbindungen aller bereits oben genannten Lebensbereiche. Sie sind aber auch auszudehnen auf den Charakter der Verbindungen, die in den jeweiligen Lebensbereichen zwischen den dort Erziehenden selbst vorhanden sind. Hier ist zum Beispiel zu denken an die Verbindungen zwischen Vater und Mutter oder die, die zwischen den Lehrern bestehen, die in ein und derselben Klasse Unterricht haben. Wir haben also zu unterscheiden einmal die Verbindungen, die zwischen verschiedenen Lebensbereichen gesehen werden müssen und zum anderen die Verbindungen, die innerhalb der Lebensbereiche, in denen ein Kind heranwächst, selbst bestehen. Der Weg nun, der von den beteiligten Eltern und Berufspädagogen beschritten werden kann, um die gegenseitigen Verbindungen so auszugestalten, dass sie in optimaler Weise die Entwicklung des jeweiligen Kindes beeinflussen, ist die Kooperation.Sie, liebe Besuchern und lieber Besucher, die Kinder bereits im Kindergarten haben oder eine erste Klasse unterrichteten, haben an dem Beispiel über die Auswirkungen guter Verbindungen zwischen Kindergarten und Grundschule erkannt, dass die Praxis guter Verbindungen die Kooperation ist. "Kooperation" ist eine Antwort auf die viel gestellte Frage: "Was kann ich tun? Was soll ich tun?“ – vor allem, wenn ein Kind Schwierigkeiten hat. In den folgenden Kapiteln werden nun einzelne Gesichtspunkte dargestellt, die die Kooperationspraxis und ihre Bedingungen verdeutlichen. Wenn auch alle diese Beiträge zusammenhängen und sich in vielfältiger Form gegenseitig bedingen, so kann doch jeder für sich gelesen - und - wie ich hoffe - verstanden werden.

Die auf diesen Seiten verarbeiteten Erkenntnisse beruhen nicht alle auf eigener Erfahrung. So stehe ich zum Beispiel - besonders in den theoretischen Bezügen - auf den Schultern von Wissenschaftlern wie URIE BRONFENBRENNER, BERNHARD HASSENSTEIN oder PAUL WATZLAWICK. Aber auch auf die Schriften bekannter Pädagogen und Sozialwissenschaftler aus der Vergangenheit, die über die Bedeutung der Verbindungen zwischen Elternhaus und Schule nachgedacht haben, ist hinzuweisen. Ich denke da an JOHANN AMOS COMENIUS, an OTTO WILLMANN oder an Vertreter der reformpädagogischen Bewegung zu Beginn unseres Jahrhunderts wie zum Beispiel RUDOLF STEINER, sowie an PAOLO FREIRE und CELESTINE FREINELT. In den entsprechenden Beiträgen wird auf sie verwiesen.

Es soll weiter darauf verwiesen werden, dass kooperatives Verhalten in allen Bereichen, in denen Menschen zusammenwirken, von großer Bedeutung ist. Abzulesen ist das vor allem an den Anforderungen, die an Menschen in Wirtschaft, Verwaltung und Politik gestellt werden. Gerade in Wirtschaftsunternehmen wird die Fähigkeit zu kooperativen Handeln als eine entscheidende Voraussetzung für den ökonomischen Erfolg betrachtet. In den Schriften über die Kooperation in Organisationen (z. B. von WOLFGANG GRUNWALD und HANS-GEORG LILGE) oder über das moderne Management wird das sehr deutlich.

Von geradezu fundamentaler Erkenntnis erscheint mir, dass in den vergangenen Jahren aus dem Bereich der Neurowissenschaft die Bedeutung guter zwischenmenschlicher Beziehungen für die seelische und körperliche Gesundheit nachgewiesen wurde. Gemeinsames Handeln, und das ist auch immer ein auf bestimmte Ziele hin aufeinander abgestimmtes Verhalten, das gegenseitige Verständigung und gegenseitiges Verständnis zur Voraussetzung hat, fördert diese Beziehungen. Sie werden als ein "lebenswichtiges Vitamin" betrachtet ( Professor JOACHIM BAUER aus Freiburg in einem Vortrag in der Sendung "Wissen" des SWR 2 am 21. Januar 2007. Vgl. weiter seinen Aufsatz: Spiegelneurone. Nervenzellen für das intuitive Verstehen sowie für Lehren und Lernen. In: Caspari, Ralf (Hrsg.): Lernen und Gehirn. Hamburg 7/2012, S. 36 - 53).

Zwei Aufsätze widmen sich theoretischen Erkenntnissen mit praktischen Schlussfolgerungen zur Kooperation zwischen Berufspädagogen und Eltern und einige ihrer Bedingungen in pädagogischen Bereichen. Es wird weiter über die Ziele, Zwecke und Bedingungen von Kooperation zwischen pädagogischen Institutionen am Beispiel des Zusammenwirkens zwischen Heimschule und Erziehungsheim, zwischen Erziehern bzw. Eltern und Lehrern und zwischen Kindergarten und Schule nachgedacht.

Für historisch interessierte Schulpädagoginnenen und Schulpädagogen sowie für und Sozialpädagoginnenen und Sozialpädagogen / Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter wird der Aufsatz über die Beziehungen zwischen Jugendhilfe und Schule und ihrer Geschichte von Interesse sein.

 




Jugendhilfe und Schule

Kooperation mit Eltern


Zwanzig Jahre Kooperation Kindergarten und Grundschule im Landkreis Waldshut
Eine Festschrift



Über die Geschichte der Kooperation

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Dreißig Jahre Kooperation Kindergarten und Grundschule im Landkreis Waldshut


Jugendhilfe und Schule Heimschule und Heim

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