Dr. Joachim Rumpf

Aufsätze zur Pädagogik in Kindertagesstätten

 


"kindergarten heute"
Anmerkungen zu einer weit verbreiteten Fachzeitschrift

 

 

 

Einführung

In meinem Berufsleben lernte ich viele Kindergärten in Deutschland kennen. Am Anfang, und das war in den sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts, sah ich pädagogische Fachzeitschriften nur wenige und auch nur in Tagesstätten kirchlicher Träger. Nach 1971 änderte sich diese Situation. Immer häufiger begegneten mir die auffallend farbig gestalteten Hefte in immer mehr Kindergärten. Das Kinderheim, mit dem ich damals Kontakt hatte, erhielt sogar von der ersten Nummer an und während mehrerer Jahre diese Zeitschrift kostenlos vom Herder-Verlag zugeschickt.

In den achtziger Jahren lag in jedem Kindergarten, die ich zwischen Graz und Westberlin kennen lernte, diese Zeitschrift aus. In Fortbildungsveranstaltungen, die ich damals durchführte, konnte ich mich auf die in "kindergarten" heute veröffentlichten Aufsätze beziehen und als vertiefende oder weiterführende Literatur angeben.
Ich habe keine andere Zeitschrift so häufig in den Leiterinnenzimmern oder Büchereien sozialpädagogischer Einrichtungen oder Ausbildungsstätten liegen sehen, wie diese. Gerade in der Erzieherinnenausbildung, an der ich einige Jahre mitwirkte, war diese Zeitschrift in den erziehungspraktischen Fächern ein wichtiges Arbeitsmaterial.
Heute, so beobachte ich es, wenn ich meinen Kolleginnen und Kollegen an den Fachschulen über die Schultern schaue, verweisen sie mehr und mehr auch auf die Fachbeiträge psychologischen und pädagogischen Inhalts in "kindergarten heute".

Ich denke, dass die Redaktion von "kindergarten heute" mir zustimmt, wenn ich behaupte, dass "kindergarten heute" unter den sozialpädagogischen Fachzeitschriften die am weitesten verbreitete ist. Sicher wird die Redaktion hierüber keine Zahlen veröffentlichen und schon gar nicht über Vergleichswerte verfügen. Derartige Informationen sind bedauerlicher Weise der empirischen Forschung nicht zugänglich. Also bleiben nur der persönliche Eindruck und die eigene Erfahrung als Bezugsgrößen übrig. Und diese legitimieren meine Wahl.

 

Ebenso wenig wie Auflagenhöhe, Absatzzahlen oder gar Abonnentenanalysen öffentlich sind, lassen sich die Wirkungen der Beiträge in einer Fachzeitschrift messen.
Ob also "kindergarten heute" von wem gelesen und wie außerhalb von Ausbildungsstätten genutzt wird, ist mir nicht bekannt.
Auch hierzu ein, wenn auch keineswegs repräsentativer, Erfahrungswert: Von den einunddreißig Erzieherinnen und Erziehern, die in unserer Jugendhilfeeinrichtung während der vergangenen vierzig Jahre im Anerkennungsjahr betreut wurden, lernten wir nur vier kennen, die nach ihrem Fachschulbesuch eine der beiden Fachzeitschriften, die bei uns ausliegen, von sich aus in die Hand nahmen und gar mit Interesse darin lasen.

Tendenziell wurde diese Erfahrung in Kindergartenleiterinnenkonferenzen bestätigt (ich bin gerne auf Anfrage bereit, Auskunft darüber zu geben wo und wie oft ich mit Leiterinnen von Kindertagesstätten arbeitete).
Erzieherinnen oder Erzieher, die von sich aus eine Fachzeitschrift wie "kindergarten heute" lesen und für ihre Arbeit mit Kindern verwenden, und das vielleicht sogar regelmäßig tun, sind nach meinen Beobachtungen überwiegend jene, die eine Fachhochschulreife haben oder anstreben und später auch ein Studium aufnehmen.

Ich kenne aber auch Sozialpädagoginnen und Sozialpädagogen in leitenden Positionen, die zwar für ihre Einrichtung Fachzeitschriften abonnieren, selbst aber höchstens mal das Inhaltsverzeichnis überfliegen, ihr Namenkürzel auf das Deckblatt schreiben, die Zeitschrift weiter reichen oder gar in die Ablage geben und dann das nächste Papier aus dem Posteingangskorb nehmen.
Freilich, vorsorglich sei meine Erfahrung dahingehend modifiziert, kann ich keine generalisierende Aussage machen wie zum Beispiel die, dass Sozialpädagogische Fachkräfte ihre Fachorgane nur ausnahmsweise regelmäßig lesen.

Wäre dies der Fall, dann wäre der direkte Einfluss der vielen theoretischen und praktischen Beiträge von "kindergarten heute" und ihrer Satellitenausgaben auf die sozialpädagogische Praxis in den Kindertagesstätten selbst gleich null. Und das möchte ich nun lieber nicht annehmen.

Eine gewisse, wenn auch beschränkte Auskunft über die Praxisrelevanz dieser Fachzeitschrift, könnten einmal die Anzahl der Einzelabonnenten unter den Gruppenerzieherinnen sowie die Rückmeldungen an die Redaktion geben. Also zum Beispiel die Antwort auf die Frage, wie viel Gruppenerzieherinnen oder Leiterinnen berichten im Verlaufe eines Jahres über ihre Erfahrungen mit "kindergarten heute" beziehungsweise bestimmter Beiträge daraus.
Um derartige Rückmeldungen bittet die Redaktion auch von Zeit zu Zeit. Es finden sogar Umfragen statt (zum Beispiel 2004 über die berufliche Befindlichkeit und Zukunft von Erzieherinnen, deren Auswertung in der Nr. 3/2005 nachgelesen werden kann), deren quantitative und qualitative Analysen der Redaktion einen Rückschluss über Verbreitung und Wirkung ihrer Zeitschrift ermöglichen könnten.

Es ist nicht zu erwarten, dass die Redaktion von "kindergarten heute" oder die Redaktion irgendeiner anderen Fachzeitschrift hierzu einer interessierten Fachöffentlichkeit Materialien vorlegt. Das wäre sicher schon darum kaum möglich, da eine "Evaluationsstudie" ebenso aufwändig wie teuer werden würde.

Eine bescheidene Bestätigung meiner skeptischen Erfahrungen erhielt ich 2004 vom langjährigen Herausgeber einer bekannten und gut eingeführten Fachzeitschrift aus München, der mir bestätigte, dass nach seiner Erfahrung sozialpädagogische Fachkräfte seine Zeitschrift nicht abonnieren und kaum lesen würden.

Und wenn nun jemand danach fragt, ob sich denn dann überhaupt ein so großer Aufwand lohnt, wie zum Beispiel der vom Herder-Verlag mit seinen Zeitschriften um "Kindergarten heute", dann lesen Sie, liebe Besucherin, lieber Besucher, den nachfolgend abgedruckten Brief, den ich heute vor fünf Jahren an die Redaktion von "kindergarten heute" schickte. Sein Inhalt ist nach wie vor gültig.

 

 

An den Verlag Herder
und die Redaktion von
""kindergarten heute""

79104 Freiburg

 

Sehr verehrte, liebe Frau Merz,
sehr geehrte Damen und Herren

dreißig Jahre ""kindergarten heute"", das ist für mich ein Grund, der Redaktion und dem Verlag zu danken! Bereits im Februar ist von Ihnen auf dieses Jubiläum beiläufig hingewiesen worden. Einen Anlass, dieses Ereignis, ähnlich dem 25. Jubiläum, irgendwie groß heraus zu bringen, gab es für Sie nicht. Die Tagesgeschäfte drängen, und der Leser spürt, wie wichtig und ernst es Ihnen und Ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern ist, wenn es um die Arbeit in unseren Kindertagesstätten geht. Da bleibt keine Zeit zum Feiern und schon gar kein Interesse daran, sich selbst auf die Schulter zu klopfen. So sehr Sie Ihre Bescheidenheit ehrt, erlauben Sie jedoch mir, einem Ihrer Leser und Bezieher von Anfang an, den Verdiensten dieser Fachzeitschrift einige Sätze zu widmen.

Marta Högemann, die langjährige Schriftleiterin von ""kindergarten heute"" freute sich im zweiten Heft vom April 1971 bereits darüber, dass die neue Zeitschrift ein "recht positives Echo" überall in der Bundesrepublik ausgelöst hat. Wir hatten 1971 in unserer Kirchengemeinde gerade einen Verein gegründet, um einen Kindergarten einzurichten und lasen gern die neuen Hefte. Meine Frau und ich waren in diesen Monaten drauf und dran, zum ersten Mal Eltern zu werden und hatten, wie viele andere Eltern in unserem rasch wachsenden Dorf im Landkreis Lörrach, ein großes Interesse an der Kindergartenarbeit. Dieser Kindergarten wurde tatsächlich 1973 errichtet. Es gibt ihn noch heute und er ist sehr groß geworden.

Es waren aber auch die siebziger Jahre, die eines großen Aufbruchs der Pädagogik und hier besonders der Sozialpädagogik und ihrer Institutionen. Denn auch außerhalb der Zeitschrift ""kindergarten heute"" kam eine lebensnahe Theorie nicht zu kurz, wie die bundesweit gut angenommenen Funkkollegs (z. B. Pädagogische Psychologie" oder "Erziehungswissenschaft") belegen.

Im Ausbildungsbereich lässt sich der Bedeutungswandel sozialpädagogischer Arbeitsfelder und hier besonders der "Elementarpädagogik" bei uns in Baden-Württemberg ablesen an den Ausbildungsgängen. Es begannen die Umwandlungen von Kinderpflegerinnenschulen hin zu den Fachschulen für Erzieherinnen, von den Akademien zu Fachhochschulen, und das sozialpädagogische Diplomstudium wurde eingerichtet. Über die Gründe für diese neue Situation schrieb Alexander Sagi in dem 2. Heft, dessen Inhalt ich hier zunächst etwas ausführlicher betrachte. Sagi freilich sah Baden - Württemberg damals noch als Entwicklungsland, was die Situation von Kinderpflegerinnen und Erzieherinnen anging. Dass derartige berufsständische Fragen während der dreißig Jahre aktuell blieben und immer wieder aufgegriffen wurden, zeigen uns die Beiträge unter dem Titel "Raus aus der Sackgasse", die in diesem Jahr (2001) erschienen.

Das Bestreben der meisten Erzieherinnen, sich weiterzubilden und sich die jeweils aktuellen pädagogischen und psychologischen Erkenntnisse anzueignen, neue Methoden in der praktischen Arbeit zu erproben und selbst über die eigene berufliche Perspektive nachzudenken, nahm in erheblichem Ausmaß zu und wurde von "kindergarten heute" ständig begleitet. Allein, dass diese Zeitschrift sich halten konnte und sich von vier Heften pro Jahr über sechs und, seit 1993, bis hin zu zehn Heften steigerte, erscheint mir als Beleg für diese Aussage. Sie werden wissen, wie sich die Abonnentenzahlen entwickelten und haben hier also recht handfeste Daten zur Verfügung. An denen können Sie das Interesses der im Praxisfeld stehenden Fachkräfte messen, "über ihre Sorgen und Probleme zu diskutieren, und ... miteinander ins Gespräch zu kommen" (M. Högemann).

Blättere ich weiter in jenem Heft vom April 1971, dann finde ich bereits dort wieder, was bis zum heutigen Tage die Zeitschrift für die Erzieherinnen und Erzieher so wertvoll machte. Da finde ich einmal wichtige Erkenntnisse über die Entwicklung von Kindern und deren optimaler Förderung im Kindergarten (heute im Jahresverzeichnis unter "Fachforum").

Dann gibt es methodische Hinweise, die unmittelbar handlungs - anleitende Funktionen haben, sowie Themen zu beruflichen Standards und berufsständischen Entwicklungen (heute im Jahresverzeichnis unter "Praxis"). Der Aufsatz von Maria Maas über die "Erziehung zur Selbständigkeit" spricht einmal aus psychologischer Sicht eine zentrale Funktion der Erziehung im Kindergarten an. Er wirkt auf mich, gerade weil er ganz am Anfang der Zeitschrift steht, programmatisch: ""kindergarten heute"" sieht sich im Dienst des zentralen Ziels aller Jugendhilfe, die Elke Fluk in einer 1972 veröffentlichten Arbeit, als die Erziehung zu Eigenverantwortung, Selbständigkeit und Selbstbestimmung nachwies. Die Wege und Mittel zu diesem Ziel wurden aber nicht allein in dem Aufsatz von Maria Maas verdeutlicht, sondern in einem "Rhythmikkurs" in vier Teilen - dessen erster Teil in der ersten Nummer erschienen war - in die unmittelbare Praxis übertragen. Die zweite Ausgabe der Zeitschrift wurde abgeschlossen mit einem Beitrag zur Festgestaltung für Kinder und Eltern. Auch mit der Auswahl dieses Themas wurde jene so wichtige und bis dahin im Kindergartenbereich (und nicht nur dort) so vernachlässigte Zusammenarbeit mit den Eltern angesprochen. Norbert Huppertz, Christa Meves und Marta Högemann widmeten der Rolle der Eltern in den ersten Jahrgängen ihre besondere Aufmerksamkeit. Dieses Thema blieb aktuell bis in die Gegenwart, wie uns die Aufsätze von Lothar Klein im Jahrgang 1998 zeigen.

Neue Entwicklungen der Kindergartendidaktik wurden von ""kindergarten heute"" in den Kindergarten hineingetragen zu einer Zeit, als derartige Themen noch wie Fremdwörter klangen. Ich denke zum Beispiel an den das "Freispiel" im Kindergarten, über das Maria Maas bereits in der Nr. 2/1974 ausführlich schrieb oder an das "situationsorientierte Lernen" von Hans-Herbert Deißler, in der Nr. 3/1974. Später wurde daraus der "Situationsansatz" entwickelt. Eine Übersicht von Didaktikkonzepten für den Kindergarten finden wir im Jahrgang 1995. Gerade bei diesem Thema würde es sich lohnen, mal einen Blick auf jene Didaktik zu werfen, die nun tatsächlich von unseren Erzieherinnen und Erziehern realisiert wird. Die pädagogische Wirklichkeit im Alltagshandeln, soweit sie nicht von Erzieherinnen selbst mitgeteilt wird (in den Jahresverzeichnissen z. Zt. unter der Rubrik "So machen wir´s ... " zu finden), wird von der Redaktion kaum angefragt. Derartige Veröffentlichungen, die sich eher in der "neuen praxis" oder in "Unsere Jugend" finden, würden auch nicht in diese Zeitschrift passen, die sich daran orientiert, was Erzieherinnen nützt und was sie gerne lesen möchten und was lieber nicht. Es werden sozialpädagogische Fachzeitschriften ohnehin selten von jenen gelesen (oder gar abonniert), die in der praktischen Arbeit stehen. Bei ""kindergarten heute"" ist das also etwas anders.

Wie steht es mit der Rolle des Kindergartens als Vorbereitungszeit auf die Schule? Das war über viele Jahre ein heiß umstrittenes Problem, das sich in den entsprechenden Beiträgen der Zeitschrift niederschlug. Den Kindergarten nicht zur "Vorschule" degenerieren zu lassen, das war zweifellos die Position der Redaktion und hat uns, ich war damals selbst an der Aus- und Fortbildung von Erzieherinnen beteiligt, sehr geholfen, wenn es darum ging, gemeinsam mit den Erzieherinnen und Erziehern, den eigenständigen pädagogischen Auftrag des Kindergartens zu definieren beziehungsweise zu verteidigen. Hier denke ich u. a. an die Aufsätze des Emmendinger Schulrats Theo Vetter in 1 und 2/1974, an den von Theo Winkels und Christa Claessens in Heft 3/1978 und viele andere, die sich bis heute den Funktionen des Kindergartens und der Rolle der Erzieherinnen widmen.

Und hier kommt die Beziehung zwischen Kindergarten und Grundschule in den Blick. Dass 1976 (nach den sogenannten "Vorschulversuchen") bundesweit die Kooperation zwischen beiden Institutionen als die für die Kinder und deren Eltern optimalste Lösung der Problematik des Übergangs angesehen wurde und zu diesbezüglichen Programmen führte, wurde von ""kindergarten heute"" nicht kommentiert. Allerdings schrieb zu diesem, aus meiner Sicht hochbedeutsamen Ergebnis der Reformen der siebziger Jahre im Bildungsbereich, kaum jemand etwas für ""kindergarten heute"". Siegfried Thiel dachte in Nr. 4/1973 darüber nach, was Erzieherinnen und LehrerInnen eine Zusammenarbeit bringen könnte, und das war ziemlich heikel: den Begriff "Datenschutz" kannte man damals noch nicht. Dann wurde es still um das Thema "Kooperation zwischen Kindergarten und Grundschule". Ich fand in Nr. 1/1982 (nur eine Bemerkung) oder in 3/1993 (ein Aufsatz von Karlheinz Barth) etwas darüber. Vielleicht hängt das damit zusammen, dass in vielen Regionen der Bundesrepublik die Kooperation, von den Kultusbehörden verordnet oder empfohlen, nur halbherzig realisiert wurde und bald da und dort ganz einschlief. Wo das der Fall war, wurde eine Chance vertan, die allen Betroffenen, vor allem aber den Kindern, geholfen hätte. Hier wäre es gut gewesen, wenn sich ""kindergarten heute"" für die Erzieherinnen stark gemacht und sie und die Träger motiviert hätte, aktiver zu werden. Beispiele einer gelungenen Kooperation, wenn es sie denn gibt, sollten häufiger veröffentlicht werden. Ich denke da zum Beispiel an den Bericht aus Alzey: "Arbeiten Sie mit Vorschulmappen?" in Nr. 3/1998. Für Kinder, Eltern, die Erzieherinnen sind die Beziehungen zwischen Kindergarten und Grundschule nach wie vor von allergrößter Bedeutung. Der Hinweis im Titel bis zum Heft 7-8/1996, dass ""kindergarten heute"" eine "Zeitschrift für Erziehung im Vorschulalter" ist, deutete diese Bedeutung an. Und wir finden immer wieder ebenso anregende wie aufregende Aufsätze über die Beziehungen zwischen beiden Institutionen, die sich als "Probleme des Übergangs" beschreiben lassen. Hans Herbert Deißler hat (z. B. in "Der neue Kindergarten." Freiburg 1974), genau so wie Karlheinz Barth viele Jahre später ( in Heft 6/96 und ohne Deißler zu nennen), der Schule die Aufgabe zugewiesen, die Kinder "schulfähig" zu machen. Hierzu brauchte es, so meinte er, in der Grundschule außer den Lehrern noch Sozialpädagogen, die diesen Part übernehmen und den Lehrern helfen müssten. Allein an diesem Beispiel lässt sich gut belegen, dass gelegentlich auch in Beiträgen von ""kindergarten heute"" Erwartungen oder Zweckmäßigkeiten begründet werden, deren Umsetzung in den Sternen steht (vgl. zu dieser Feststellung auch den Wunsch nach Heilpädagogen in Kindergärten von Solveig Jauss und Gabriele Weiss in Nr. 2/1995).

Die Integration behinderter Kinder in Regelkindergärten wurden mit Beiträgen von Christa Ex u. a. (Nr. 2/1978) oder in der Nr. 1/1982 von Armin Krenz schon sehr früh angesprochen. Im Jahrgang 1990 widmete Ingeborg Becker-Textor dieser Thematik zwei Beiträge. Nun erhält dieser Vorschlag erneut Bedeutung, wie uns das Heft 3/2001 zeigt. Christine Merz nennt einleitend die Voraussetzung: "... nur eine gelungene Integration von behinderten Kindern... kann helfen, Barrieren und Vorurteile abzubauen und positive Erfahrungen zu ermöglichen." Ich möchte "gelungene" unterstreichen und denke dabei ebenfalls (wie Christine Merz) an die personalen und organisatorischen Rahmenbedingungen, die erst geschaffen sein sollten und über die Ingeborg Becker-Textor bereits vor zehn Jahren schrieb. Kleiner werdende Gruppen oder die Existenzsorgen einer Einrichtung dürfen nicht der Hauptgrund für die Integration sein. Eine andere Entwicklung, über die bisher noch wenig geschrieben wurde, ist die vom Kindergarten hin zur Tagesstätte mit altersgemischten Angeboten. Über die Arbeit im Hort für Schulkinder erschien in jedem Jahrgang wenigstens einmal ein Beitrag. Nun werden seit einiger Zeit, ebenfalls mit ausgelöst von schrumpfenden Kinderzahlen in den Kindergärten, die Gruppen für Schulkinder geöffnet oder von Trägern diese Öffnung betrieben. Diese Entwicklungen bedürften der fachlichen Begleitung bzw. Kommentierung: ein Hinweis an die Redaktion.

Inzwischen habe ich eigene Erfahrungen mit der Integration behinderter Kinder u. ä. veröffentlicht
    Allen Kindern gleiche Chancen - Integration behinderter Kinder in Kindertagesstätten und Schulen.
    In: Krenz, Armin (Hrsg.): Handbuch für Erzieherinnen, 53. Lieferung; Teil 5. mvg - Verlag. Landsberg 2009, S. 1 - 30


In meinem Rückblick soll nicht unterschlagen werden, dass die Redaktion stets ein lebhaftes Interesse an den Rahmenbedingungen - der "Strukturqualität" wie heute gesagt wird - in den Einrichtungen hatte. Es wurden Befragungen über die "Situation des Kindergartens" durchgeführt, deren Ergebnisse einen interessanten Einblick in die Wirklichkeit der Arbeitsbedingungen erlauben, in denen Erziehung geschah. Nicht ohne leichtes Gruseln liest man in der ersten Auswertung (Heft 1/1972) dass es relativ wenig Gruppen mit weniger als dreißig Kindern gab. Christine Merz stellte bereits 1980 in der Auswertung der 3. Umfrage zur Situation des Kindergartens fest, dass sich die Gruppenstärke "gesundschrumpfte". Das geschah nicht von ungefähr! Diese Situationsanalysen wurden gelesen und boten allen Personen und Institutionen wertvolle Argumentationshilfen an, wenn es um verbesserte Rahmenbedingungen für die Arbeit in Kindergärten ging.

Wenn sich auch nicht nachweisen lässt, mit welcher Gewichtung die von "kindergarten heute"veröffentlichten Situationsanalysen die strukturellen Verbesserungen in den meisten Einrichtungen beeinflussten, so möchte ich davon ausgehen, dass es ohne diese Analysen schwerer geworden wäre, Veränderungen auf den Weg zu bringen. Ich habe in den achtziger Jahren als Mitglied eines Kreisjugendhilfeausschusses diese Materialien sehr gut zum Vergleich nutzen können, wenn es darum ging, die Situation unserer Kindertageseinrichtungen im Landkreis darzulegen. Es ist, angesichts des damit verbundenen Arbeitsaufwandes, sehr verdienstvoll, dass von Zeit zu Zeit von Ihnen derartige Umfragen gestartet werden.

Verbergen sich hinter Redaktion und Verlag eine bestimmte weltanschauliche oder auch pädagogische "Richtung"? Es gab einmal die Vermutung, so erfuhr ich in der Begegnung mit Pädagoginnen und Pädagogen im Norden Deutschlands Ende der siebziger Jahre, als müsse diese Zeitschrift eine "katholische" Einfärbung haben, weil sie doch aus dem "schwarzen" Freiburg kommt, wo es konfessionelle Hochschulen gibt. Nun, derartige Unterstellungen wurden durch die redaktionelle Arbeit ad absurdum geführt. Die Redaktion wusste sich allein der Erziehung im Vorschulalter verpflichtet und gab in ihrer Zeitschrift allen pädagogischen Intentionen Raum, die sich, in der Praxis nachgewiesen, um eine optimale Förderung von Kindern bemühen. Ich möchte als Beispiel auf die Aufsätze verweisen, die über die Waldorfpädagogik erschienen, wie die von Helmut von Kügelgen in den Nummern 2 und 3 / 1987. Interessant wäre in diesem Zusammenhang eine Auflistung der Autorinnen und Autoren, die, und wie häufig, in der Zeitschrift zu Worte kamen. Deren wissenschaftstheoretische Positionen, berufliche Hintergründe und Zuständigkeiten sind gelegentlich voneinander so sehr verschieden, dass sich von einer richtungsbestimmten Auswahl (im Sinne einer Ideologie) durch die Redaktion nicht sprechen lässt.
Eine sorgsame Analyse würde stattdessen zu Tage fördern, so meine Annahme nach der Durchsicht der Jahrgänge, dass im Vordergrund der Auswahl durch die Redaktion (grob vereinfacht) die Fragen standen:

Bringt der Beitrag etwas für die Arbeit der Erzieherinnen und Erzieher, hilft er, fördert er? Fordert er heraus? Regt er an? Informiert er in gut verständlicher und lesbarer Form? ... Marta Högemann bezeichnete als Anliegen von "kindergarten heute" in Ihren Abschiedsworten im Heft 12/1993 kurz und überzeugend: "Gibt es eine schönere Aufgabe als die, sich dafür einzusetzen, dass es Kindern gut geht? Das war das Anliegen von "kindergarten heute" von Anfang an und das wird es sicher bleiben."

 

Noch eine Anmerkung zum Erscheinungsbild der Zeitschrift. Dass sie recht farbig daherkam, reich bebildert im Inneren wie auf den Umschlagseiten, im ersten Jahr waren selbst gemalte Bilder von Kindern, seither stets Fotografien von Kindern auf der ersten Umschlagseite, hat von Anfang an angesprochen und zum Ausdruck gebracht, um wen und um was es geht. Immer wieder erlebte ich in den Kindergärten, dass die Bildgestaltung, auch die in den Heften, in der Arbeit mit den Kindern genutzt wurde, dass sich Kinder und deren Eltern angesprochen fühlten. Hier gebührt ein ausdrücklicher Dank den Fotografen, allen voran Hartmut W. Schmidt, der in diesem Herbst dreißig Jahre Mitarbeit an dieser Zeitschrift vollendet. Seine Bilder von Kindern und der Arbeit im Kindergarten sind eindrucksvolle Zeugnisse seiner Kunst. In den gemeinsam mit Christine Merz geschaffenen Bilderserien - und hier wieder die Reportagen in den letzten Jahrgängen - erhielten Kindheit, Kinderschicksale und Kindererziehung eine den Betrachter unmittelbar berührende unübertreffbare Aussagekraft. In keiner anderen Zeitschrift finden wir eine derart geglückte Verbindung von Erziehung und Kunst in der Bilddokumentation.

Die Herstellung von Druckerzeugnissen mit Bildern ist sehr teuer und ich meine, dass sich der Verlag große Verdienste mit diesem seinem Engagement erwarb. Allein, wenn ich an den Preis der Zeitschrift denke, erhält diese Aussage ein eigenes Gewicht. Gewiss haben wir dafür zunehmend Werbeseiten und gesonderter Beilagen in einer verwirrenden Fülle hinzunehmen, die, gemessen an den Seitenzahlen, wohl bald den Umfang der ersten Nummern vor dreißig Jahren erreicht haben wird.

Es gäbe noch manches ergänzend zu erwähnen. Ich denke an "kindergarten heute" im Internet oder an die Schriften, die inzwischen die Zeitschrift ergänzen, wie "basiswissen kita" oder "kindergarten heute" spezial". Bald wird es eine ganze Bibliothek mit Ihrem Logo geben. Das ist dann in der Tat eine sowohl quantitative wie qualitative Weiterentwicklung Ihrer Arbeit. Und die Ergänzungsliteratur und die Ausdrucke der Internet-Veröffentlichungen und die Anzahl der Beiträge pro Heft ... - "kindergarten heute" wurde reichhaltiger. Eines Tages wird vielleicht aus der Institution "kindergarten heute". Zeitschrift für Erziehung" ein Erziehungsinstitut für (den) "kindergarten heute".

Für ein Gratulationsschreiben ist mein Brief nun recht lang geraten. Aber es sind Ferien und ich hatte Freude daran, einen Tag lang zu blättern und dabei, nicht zuletzt, die eigenen Ausbildungsgänge und beruflichen Engagements noch einmal zu bedenken. Einige der Autoren, die bei Ihnen häufig veröffentlichten, waren meine Lehrer oder Kolleginnen und Kollegen und standen mir beim Lesen ihrer Beiträge ganz lebhaft vor Augen…"

Dr. Joachim Rumpf
79733 Görwihl, d. 14.08.2001

 

 

Soweit meine ganz persönliche Rückschau auf 30 Jahre ""kindergarten heute" - ergänzt 2010
Frau Merz-Foschepoth, die Schriftleiterin, reagierte mit einem freundlichen Antwortschreiben und kündigte darin eine eigene Rückschau für das Septemberheft 2001 an, die dann dort auch von ihr unter der Überschrift: "30 Jahre "kindergarten heute" im Spiegel der Pädagogik. Rückblick und Einblick" verfasst und veröffentlicht wurde.

 

 

 


Seit Beginn dieses Jahres hat sich wieder einmal das äußere Erscheinungsbild der Zeitschrift verändert.
Die Inhalte freilich sind nach wie vor interessant geblieben, sehr informativ und stets hochaktuell.
Zu dieser Aktualität folgende Bemerkung: Während in der Nr. 11-12 2005 von "kindergarten heute" ein Aufsatz von Gerhard J. Suess aufgenommen wurde, in dem über "Neueste Erkenntnisse der Bindungsforschung" Auskunft gegeben wird, bereitete der Ernst-Reinhardt Verlag in München eine neue Ausgabe des Bildungsklassikers "Bindung und Verlust" von John Bowlby vor, dessen erster Teil "Bindung" 1969, dessen zweiter "Trennung" 1973 und dessen dritter Teil "Verlust" 1980 in England erschienen.
Und wenn man weiter zurückblättert, stößt man immer wieder auf Beiträge, in denen sich jene Tendenzen und Erkenntnisse widerspiegeln, die in der Öffentlichkeit von Erziehung und Bildung für Aufsehen sorgten. Auch hierzu ein Beispiel: Manfred Spitzer erhielt viel öffentliche Aufmerksamkeit mit seinem Buch "Lernen. Gehirnforschung und die Schule des Lebens.(Heidelberg 2002). Im Heft 9/2002 finden wir einen Aufsatz von Waltraud Streit: Erkenntnisse aus der Gehirnforschung und ihre Bedeutung für die Elementarpädagogik.

Auch für das, für einen Außenstehenden verwirrende Spiel um "Qualitätsmanagement" wurden einige Seiten freigegeben. Und wenn in dem Aufsatz von Leo Haenlein in der Nr. 8/2005 eine Bildunterschrift lautet: In unserer KITA stimmt die Qualität", dann ist damit eine zutreffende Bilanz gezogen. Eigentlich hätte er es damit genug sein lassen können und die Allgemeingültigkeit dieser Aussage nur noch belegen brauchen. Denn in jeder Tagesstätte in der eine gute, das heißt der Entwicklung eines jeden Kindes förderliche pädagogische Arbeit geleistet wird, ist auch die Qualität gut.
Doch die Aussage "mehr Qualität fürhrt durch die Optimierung von Arbeitsablaufen und erhöhte Zufriedenheit der Mitarbeiterinnen langfristig auch zu einer Kostenreduktion" lässt den Pferdefuß erkennen: "Kostenreduktion" - dies Zauberwort verführt die Träger von Tagesstätten zu irrigen Annahmen.
Ich denke, dass in einigen Jahren von "QM" niemand mehr sprechen und der ganze Aufwand um dieses, vielleicht für die private Wirtschaft zweckmäßige Instrument, in pädagogischen Arbeitsfeldern vergessen sein wird.

Görwihl im November 2005

 

 

Inzwischen sind wieder zwei Jahre ins Land gegangen. Es werden viele Erzieherinnen und Erzieher in deutschen Tagesstätten landauf landab von den sehr informativen Beiträgen profitiert haben. Mein Anlass zum bevorstehenden Jahreswechsel auf diese Fachzeitschrift aufmerksam zu machen, sind die Ausführungen von Frau Christine Merz-Foschepoth im Editorial der Novemberausgabe 2007, in denen sie uns allen, die in diesem beziehungsweise für dieses Arbeitsfeld tätig sind so recht aus dem Herzen gesprochen hat. Ich habe diesen Text gescannt und stelle ihn hier - mit einem herzlichen Dankeschön - ein:

Görwihl am 15. November 2007

Merz

 

 

Zum Schluss noch ein kurzer Blick auf die, "kindergarten heute" flankierenden Fachzeitschriften.
Die Zitate sind dem Internetauftritt des Herder-Verlages entnommen. Vergleichen Sie bitte dazu auch: www.kindergarten-heute.de

Die Wunderfitz-Arbeitshefte
Bieten Erzieherinnen ein Arbeitsmaterial an,
"das im Alltag des Kindergartens ganz gezielt zur Förderung der verschiedenen Schlüsselkompetenzen und zur Vorbereitung auf die Schule" eingesetzt werden kann.

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"kindergarten heute"
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"In "kindergarten heute" spezial finden Sie Fachinformationen zu grundlegenden pädagogischen und psychologischen Themen der Elementarpädagogik kompakt und übersichtlich zusammengestellt".
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