Schriften zur Erziehung und Bildung im WWW
von Dr. Joachim Rumpf

Über das religiöse Profil in Kindertagesstätten

 

Zur Diskussion gestellt:


Gegenwärtig hat das Thema "Religiöse Erziehung" Hochkonjunktur und Vertreter beider großer christlichen Konfessionen in Deutschland erwarten von Eltern, die der jeweiligen Konfession angehören oder von Eltern, die ihre Kinder haben taufen lassen, dass sie wieder vermehrt gemeinsam mit ihren Kindern sonntags in die Kirche gehen. Sogar der Bundespräsident nimmt sich dieses Themas an, wenn er nach mehr religiöser Erziehung und Bildung ruft (Bunsdespräsident Köhler in einer Rede in Berlin am 20.09.2006).

Nun haben wir ja bereits seit vielen Jahrzehnten Erziehungs- und Bildungseinrichtungen in kirchlicher Trägerschaft. Ich denke hier vor allem an die Kindertagesstätten, die bereits auf eine lange Tradition als Träger christlicher Erziehung zurückblicken können.

Wenn also die Bindungen an Religion und Kirchengemeinden zu wünschen übrig lassen, wie es zum Beispiel dieser Aufruf eines Spitzenpolitikers zu belegen scheint, dann ist es berechtigt, danach zu fragen, wie es denn mit dem "religiösen Profil" in unseren Kindertagesstätten aussieht und unter welchen Voraussetzungen es in der Praxis umgesetzt bzw. "geschärft" werden könnte.


Meine diesbezüglichen Erfahrungen aus mehr als dreißig Jahren Fortbildungsarbeit bei konfessionellen Trägern veranlassten mich bereits vor zwei Jahre den folgenden Text zu verfassen. Als eine zusammenfassende Bilanz lässt sich vorab feststellen:

Wenn diejenigen, die die Verantwortung für die Gestaltung des religiösen Lebens in einer Gemeinde tragen
- und das sind in erster Linie die Geistlichen selbst -
persönlich und mit Herz, Klugheit und Überzeugung Seite an Seite mit ihrem pädagogischen Fachpersonal an der Verwirklichung ihres weltanschaulichen Konzepts mitwirken,
dann finden religiöse Anliegen eher ihren Weg in die Herzen und Sinne von Kindern und Eltern...

Görwihl im September 2006

 

 

Religiöse Orientierung als Qualitätsmerkmal

Vor mir liegt das Fortbildungsangebot für 2002/2003 der Fachberatung eines Diakonischen Werks aus einer Großstadt. Im Begleitschreiben zu diesem Buch heißt es unter anderem:
„… Wir müssen uns im Zusammenhang mit dem Qualitätsparadigma, dass nun in fast inflationärer Weise auch die Organisation Kindertagesstätten erreicht hat, Gedanken über das machen, was uns von den anderen Anbietern unterscheidet. In unserer Stadt stehen wir untereinander in Konkurrenz zu den städtischen, den privaten und den katholischen Einrichtungen…“
 
Damit ist ein gegenwärtig interessantes Motiv aufgedeckt, wenn sozialpädagogische Einrichtungen sich, nicht zuletzt wegen abnehmender Kinderzahlen, im Wettbewerb erleben. Dies geht sicher nicht allein diesem Trägerverband so. Bei den Einrichtungen des Caritasverbandes, der Arbeiterwohlfahrt, dem Deutschen Roten Kreuz, der Kommunen und bei den privaten Trägern sieht es überall dort genau so aus, wo viele Einrichtungen um Kinder beziehungsweise deren Eltern werben müssen. Das führte zu einem nachhaltigerem Nachdenken über die Qualität des Angebots in Konzeption und Praxis, als es alle Veränderungsbemühungen der beiden letzten Jahrzehnte schafften. Über die Zweifel, die sich bei mir im Zusammenhang mit den guten Absichten einerseits und der pädagogischen Arbeit in den Gruppen einstellen, möchte ich hier öffentlich nachdenken.

 

Der hohe und neuartig klingende Anspruch in dem mir vorliegenden Fortbildungsangebot, dass sich wie eine Einführung in die Erarbeitung eines Qualitätshandbuches liest, wird mit Stichworten wie „verbindliches Qualitätskonzept“ oder „Qualitätskontrolle“ angedeutet und mit dem Ziel, ein Qualitätsmusterhandbuch“ zu erarbeiten, festgeschrieben. Nun geht es aber um das „Besondere“, von anderen unterscheidbare Qualitätsmerkmal. Und da sollen Verbindlichkeiten für das „Evangelische Profil“ und für „Qualitätssicherung“ erreicht werden. Gerade diese Besonderheit, im Angebot an erster Position, sich im Kreis anderer Träger von Kindertagesstätten Eltern gegenüber als, wie es ausdrücklich heißt,  „konfessionelle Anbieter zu positionieren“ bringt zum Ausdruck, dass sich kirchliche bzw. weltanschaulisch-ideologische Orientierung als Plattform in einer seit Jahrzehnten nicht mehr vernommenen Akzentuierung vernehmen lassen. Diese Bemühungen, sich auf diese Weise von den anderen Kindergartenträgern zu unterscheiden und die pädagogischen Konzepte, abgesehen von den schon immer so praktizierten Ritualen im Gemeindeleben, auf dieser Grundlage neu zu bestimmen, ist bemerkenswert.
Wie weit sich diese Um- bzw. Neuorientierung in der Arbeit vor Ort niederschlägt, wie sich diese Orientierung zum Beispiel im Auswahlprozedere bei der Gewinnung von evangelischen Fachkräften niederschlägt, wird eine Aufgabe des angestrebten Qualitätssicherungssystems, besonders der Evaluierung der entsprechenden Praxis sein.

Vermutlich wird eine derartige Überprüfung der Praxis - und schon gar nicht von Seiten unabhängiger wissenschaftlicher Einrichtungen - stattfinden.

Eine Rückbesinnung auf die Gründerjahre konfessioneller Kindergärten in der Bundesrepublik und die in der konfessionell orientierten Pädagogik jener Jahre, ist sicher von historischem Interesse. Wieweit aber der Anspruch eines evangelischen oder katholischen Profils und eine diesem Profil folgende Praxis heute eingehalten werden kann, und wie das dann umgesetzt werden könnte, bleibt für mich eine ebenso spannende wie offene Frage. Hier ein Beispiel:

In unserer Region gibt es einen evangelischen Kindergarten, in dem nur noch zehn Prozent der Familien, die Kinder in diesen Kindergarten geben, dieser Konfession angehören. Weder kann der Kindergartenträger den Einzugsbereich, in dem der Kindergarten liegt, verändern, noch können Eltern ihre Kinder in einen anderen, weiter entfernten und ebenfalls konfessionellen Kindergarten schicken. Ganz abgesehen davon, dass über diese Alternative nicht einmal andeutungsweise in dieser Stadt nachgedacht wird.
In dieser Kirchengemeinde wird statt dessen früher oder später geprüft werden, ob unter diesen Bedingungen der Betrieb noch aufrecht erhalten bleiben soll, oder ob man besser die Einrichtung schließt. An einen anderen Träger kann man den Kindergarten nicht einfach abgeben, da ja die Gebäude und Einrichtungen der Gemeinde gehören. Und wie kann man sie ohne Kinder nutzen? Und eine Nutzung muss sein, weil das Gebäude laufend einen Haufen Geld kostet. Im Stadtrat dominieren andere Fragestellungen: halten wir genügend Plätze in Kindergärten vor? Bleibt uns die Errichtung eines eigenen (städtischen) Kindergartens erspart?
Im Übrigen unterscheidet sich dieser (einzige) evangelische Kindergarten in der Stadt  von allen anderen, wenn überhaupt, dann nur in Bezug auf das Engagement und die Fachlichkeit der jeweiligen Mitarbeiterinnen. Und für die Eltern zählt in dieser Gemeinde allein dies – nicht die Trägerschaft und deren spezifische weltanschauliche Orientierung.

Wenn sich diese Einzelerfahrung übertragen ließe in den Dienstbereich des Kindergartenreferats jenes Diakonischen Werks, in dem künftig das evangelische Profil das zentrale Qualitäts- und Unterscheidungsmerkmal werden soll, dann wäre die Umsetzung sehr schwierig. Denn Konfessionalität ohne entsprechende elterliche Tolerierung oder gar Förderung bleibt ein Torso bzw. ein papierenes Programm.

Eine Zeitungsnotiz vom 14. Januar 2003, in der über die Neujahrsansprache des Weihbischofs Paul Wehrle in Freiburg, dem Sitz des Deutschen Caritas-Verbandes, berichtet wird, wirft ein zusätzliches Licht auf die Motive, die kirchliche Jugendhilfeeinrichtungen, zu denen ja auch die Kindertagesstätten gehören, dazu bewegen könnten, ihre Religiosität beziehungsweise konfessionelle Verbundenheit zu betonen. Dem Zeitungsbericht folgend erklärte der Bischof u. a.: "Die Kirche müsse darüber nachdenken, welche Dienste sie aus ihrer eigenen Identität heraus heute in Staat und Gesellschaft einbringen könne und solle ... sie muss caritative Arbeitsfelder prüfen..."

Da müssen doch bei den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern aller Einrichtungen, die dem Caritasverband angeschlossen sind, die Alarmglocken klingen! Damit wäre vielleicht ein weiteres Motiv für das Bestreben kirchlicher Mitarbeiter in sozialen Einrichtungen zu erkennen, ihre Leistungsbeschreibungen konfessionell zu akzentuieren, um ihre Existenz den kirchlichen Entscheidungsträgern gegenüber zu legitimieren. Nun ist mit den Überlegungen des Weihbischofs keineswegs das Ende des caritativen Engagements in Bezug auf die katholischen Kindertagesstätten eingeläutet. Sie gehören nach wie vor zum festen Bestandteil der Kirchengemeinden. Andererseits hat der Bischof hat ja so Unrecht nicht: Definiert Kirche ihre Identität mit Verkündigung und geistlichem Beistand für ihre Gläubigen in allen Lebenslagen und beschränkt sich auf praktische Theologie und ihre Wissenschaft, dann kann sie sich tatsächlich aus allen Feldern zurückziehen, in denen Hilfen für jedermann angeboten werden.
Die Anliegen der Fachkräfte, die sich um ein konfessionelles Profil in den Tagesstättenkonzeptionen bemühen, die in der Trägerschaft von Kirchengemeinden sind, ist vor diesen Hintergründen verständlich. Es wäre also zu prüfen, wie die unterschiedliche Trägerschaft, abgesehen von den Texten in Konzeptionen und der Mitwirkung an Gemeindeveranstaltungen, für die Kinder und deren Eltern erlebbar wird. Gerade aber dieser Aspekt, Die Frage nach dem weltanschaulichen Profil und ihren Unterschieden, lässt sich kaum noch beantworten, wenn die Erziehungs- und Bildungsarbeit in den Tagesstätten in den Blick genommen wird. Mir sind keine Untersuchungsergebnisse bekannt, die darüber Auskunft geben, ob und wie sich die praktische pädagogische Arbeit in katholischen von der in evangelischen oder gemeindeeigenen Einrichtungen unterscheiden. Ich bin also auf eigene Erfahrungen angewiesen, die allerdings subjektiv und keineswegs repräsentativ sind.

 

Die pädagogische Arbeit ist in Tageseinreichtungen verschiedener Träger ähnlich

Als ehemaliger Lehrer an einer sozialpädagogischen Fachschule und Koordinator unserer regionalen Fachberatung weiß ich, dass sich in der Arbeit mit Kindern in kirchlichen
im Vergleich untereinander und zu anderen nichtkirchlichen Einrichtungen keine Unterschiede feststellen lassen, die es erlauben würden von einer trägerabhängigen bzw. konfessionellen qualitativ unterschiedlichen Kindergartenpädagogik zu sprechen.
Von mir ließen sich "gute" Praktiken von weniger "guten" nur in Abhängigkeit von Fachpersonen und den jeweiligen Rahmenbedingungen erkennen.

Aus vielen regionalen und überregionalen Fortbildungsveranstaltungen mit Fachkräften aus evangelischen, katholischen und kommunalen Einrichtungen seit 1976 weiß ich auch, dass es diese Mitarbeiterinnen sind, die - so die Erwartungen der Anstellungsträger - die jeweilige weltanschauliche Ausrichtung im Alltag prägen und umsetzen sollen.

Ich möchte versuchen, diese vielfachen Erfahrungen zu bündeln und Gemeinsamkeiten und Unterschiede in Sätze zu fassen:

1.
Gemeinsam waren allen Fachkräften Engagement und Fachlichkeit (Ausnahmen bestätigten lediglich die Regel). Das, was damit gemeint ist, ließe sich im Einzelnen noch genauer erläutern. Ich brauche nur meine schriftlichen Rückäußerungen über diese Veranstaltungen noch einmal zur Hand zu nehmen, um Illustrationen zu finden. Und ich hatte von Anfang an Wert auf ausführliche Protokolle gelegt, damit, was praktisch leider so nicht stattfand, wenigstens den Veranstaltern (in der Regel die Fachberaterinnen und Fachberater) eine „Evaluation“ möglich gewesen wäre, wenn sie sich denn an Qualitätsstandards hätten orientieren wollen (vgl. dazu auch die Ausführungen auf der Seite "Fortbildung und Qualität").

2.
Die Unterschiede lassen sich von mir weniger deutlich nachweisen. Da bin ich auf subjektive, eher atmosphärisch so empfundene Verschiedenheiten angewiesen. Bei den Mitarbeiterinnen verbandlicher Träger erlebte ich deren Identifikation mit dem Träger und seinen Orientierungen stärker und erschien mir die Integrität der Mitarbeiterinnen untereinander und mit ihren Fachberaterinnen (als integrationsstiftende und –fördernde Führungspersönlichkeiten) deutlich erlebbar.
Dagegen nahm ich die Mitarbeiterinnen freier (kommunaler) Einrichtungen als eher additiv in ihren Beziehungen untereinander wahr und die Verbindung zu den Fachberaterinnen und Fachberatern erschien mir unverbindlicher. Hier waren/sind die Fachberater mehr Moderatoren des Geschehens und wenig bis gar nicht integrativ wirksam. Ein alle Einrichtungen dieser Träger (den Kommunen und privaten Vereinen) verbindendes handlungsleitendes und Gemeinschaft stiftendes Prinzip fehlte.
Mehr noch: Kommunen als Träger sozialpädagogischer Einrichtungen, also die Städte und Landgemeinden, vertreten duch ihre Bürgermeister, blockieren Kontakte der Mitarbeiterinnen ihrer Einrichtungen untereinander, wenn sie glauben, dass es zu einem Zusammenwirken oder gar zu einem mehr oder weniger formellen Zusammenschluss der Vertreterinnen kommunaler Einrichtungen in einer größeren Stadt oder in einem Landkreis kommen könne. Überall dort, wo  entsprechende Arbeitskreise von den Leiterinnen selbst und/oder auf Anregung von Fachberaterinnen gebildet werden, ist ein entsprechendes Engagement z. B. von Leiterinnen in der Freizeit zu erbringen.
3.
Die Arbeit mit beiden Mitarbeitergruppen war in allen Fortbildungsveranstaltungen angenehm und sehr befriedigend. Außerdem blieben manche schöne Erinnerungen an gemeinsam verlebte Stunden. Die Geselligkeit miteinander außerhalb der Seminare bei überregionalen Veranstaltungen wurde bei den verbandlichen Trägern aber stärker gepflegt - und mit großer Selbstverständlichkeit nahmen ausnahmslos alle aktiv daran teil -, als bei freien Trägern, wo, wenn etwas stattfand, die Teilnahme eher frei gestellt wurde.
Allein eine derartige Pflege von Geselligkeit mit z. B. Gesang, Musik, Spiel, Gestaltung und Tanz ist als integrationsstiftender Faktor nicht zu unterschätzen. Hierzu gehörten auch die religiösen, konfessionell graduell unterschiedlichen Inhalte.

 

Selbstverständlich, das sei noch einmal betont, beziehen sich diese unterschiedlichen Erfahrungen auf Mitarbeiterinnen in besonderen Situationen (Fortbildungen) und Atmosphären. Aus meiner früheren Tätigkeit als Lehrer an einer Fachschule und Praxisbegleiter weiß ich, dass sich in der Arbeit mit Kindern keine Unterschiede feststellen lassen, die es erlauben würden, von einer trägerabhängigen qualitativ unterschiedlichen Kindergartenpädagogik zu sprechen. Hier ließen sich „gute“ Praktiken von weniger „guten“ nur in Abhängigkeit von Fachpersonen definieren. Die jeweils vorliegenden schriftlichen Konzepte hatten nur darum und dann einen die Praxis beeinflussenden Wert, wenn jemand da war, der deren Umsetzung begleitete und kontrollierte, sowie – bei Missachtung der Konzeption - über Sanktionsmöglichkeiten verfügte. Und so etwas gibt es, nach meiner Erfahrung nur in ganz extremen Ausnahmesituationen.
 
4.
Und noch einen Gesichtspunkt möchte ich ins Gespräch bringen:
Im September 1999 hatte ich mit einer Leiterinnengruppe ein Papier zur Fragestellung erarbeitet, was das Evangelische an unseren Kindergärten ausmacht. Darin stand unter anderem:

„Es können aber nicht Erzieherinnen allein darüber befinden, was von der christlichen Botschaft und wie in die Arbeit hineingetragen werden kann oder, aus Trägersicht her gesehen, hinein genommen werden soll. Für die religionspädagogische Arbeit sind alle Glieder der jeweiligen Kirchengemeinde zuständig. Das evangelische Profil der Arbeit in den evangelischen Tageseinrichtungen, dies veranschaulicht besonders jener Pfarrer, der seine Tagesstätte regelmäßig besucht, ist daher keineswegs in erster Linie eine Art „Hol-Schuld“ der Erzieherinnen, sondern ist von jenen zu vermitteln und zu betreuen, die hierfür berufen sind.

 

 

Eine religiöse Orientierung ist nicht allein die Aufgabe der pädagogischen Fachkräfte

 

Die erste Voraussetzung evangelischer Tagesstättenarbeit ist also keineswegs, dass wir evangelische Erzieherinnen haben, die bereit sind, auch religionspädagogisch zu wirken. Dies isoliert, neben oder gar losgelöst von Pfarrer und Gemeinde zu tun, liefe dem Selbstverständnis einer evangelischen Gemeinde entgegen. Das Fundament, auf dem Erzieherinnen wirken können, bieten eine Kirchengemeinde und deren Pfarrer an,

die eine entsprechende pädagogische Arbeit (und Einrichtung) wollen und dies im Alltag dann auch praktisch leben und ständig weiter entwickeln.

Diese Aussagen, Kindergärten als Teil der Gemeinden zu begreifen, in denen nun einmal die Geistlichen eine prägende Rolle einnehmen, sind, nach meiner Überzeugung, nach wie vor Ernst zu nehmen. Ich habe hier einen Kindergarten in katholischer Trägerschaft als Beispiel vor Augen, den einst meine Kinder besuchten. In diesem Kindergarten nahm der Gemeindepfarrer nicht nur an Fest- und Feiertagen am Kindergartenleben teil und umgekehrt beschränkte sich das Engagement des Kindergartens nicht auf Auftritte in der Gemeinde (z.B. Altennachmittage u. dgl.). Der Geistliche besuchte an jedem Freitagmorgen die Kinder und ihre Erzieher, spielte, sang, erzählte und betete mit ihnen. Gern nahmen in diesem Kindergarten die Kinder, die Erzieherinnen und die Eltern an Gemeindeveranstaltungen teil. Da taten auch die aktiv mit, die nichts mit der Kirche im Sinn hatten. Der Pfarrer hatte für alle ein herzliches Wort und ein offenes Ohr. Und bei den politischen Gremien und den Vereinen in der Gemeinde wirkten er und die Mitglieder des Pfarrgemeinderates, in der auch der Kindergarten mit Sitz und Stimme vertreten war, aktiv für das fachliche Ansehen ihres Kindergartens und sorgten für die Unterstützung und Förderung seiner Arbeit.

Wo immer über katholische oder evangelische und andere weltanschauliche Profile nachgedacht wird, sollte eine Konzeption die folgenden Kriterien berücksichtigen:
Die Gemeindepfarrer und Laienvertreter in den Religionsgemeinschaften oder die Vertreter anderer Trägergruppen gehören in die pädagogische Arbeit mit hinein.
In der Praxis heißt das, und wird von vielen Kindergartenträgern wie zum Beispiel Elterninitiativen oder Waldorfvereinigungen auch so gehandhabt, dass Trägervertreter gemeinsam mit Eltern und Erzieherinnen - und zwar "auf Augenhöhe" - an den Konzeptionen mitwirken und
im Kindergarten beziehungsweise bei den Kindern und in der Vertretung ihrer Einrichtung nach Außen so präsent sind, dass ihre Mitverantwortung erlebbar ist.
Wo diese Kooperation im Alltag verwirklicht ist, wächst die Chance, dass die pädagogische Praxis mit dem weltanschaulichen Profil korrespondiert und für Kinder und Eltern erkennbar wird.

Ein weltanschauliches Profil ohne Mitbeteiligung und Mitverantwortung derer, die die jeweiligen Weltanschauungen verkünden, vertreten oder repräsentieren, wird in der Praxis die Umsetzung von Konzeptionen, wie sie in den Qualitätsmanagementbemühungen unserer Tage angestrebt werden, eher behindern wenn nicht gar aufgesetzt oder unglaubwürdig erscheinen lassen.

 

(Görwihl, 21.12.2004 erste Fassung; überarbeitet am 20.09.2006)

 

 

 

 

Diese Positionen finden sich wieder im "Anforderungsprofil für den Pfarrer als Träger eines kirchlichen Kindergartens" wie sie die Projektgruppe Leitung", orientiert an der "Grundordnung der Erzdiözese Freiburg für katholische Tageseinrichtungen für Kinder" entwarf. Im "Anorderungsprofil" heißt es unter anderem:

"...Der Kindergarten darf kein Schattendasein in der Gemeinde führen. Es gilt, das Bewusstsein zu schaffen, dass sich hier ursprüngliches Christliches vollzieht. Gerade dem Pfarrer kommt hier besondere Verantwortung zu".
...die Verkündigung der Frohen Botschaft Jesu Christie (geschieht) nicht allein durch das gesprochene Wort, sondern besonders durch den gelebten Glauben. Das aber geschieht im Kindergarten..."

Selbstverständlich muss der Pfarrer das nicht überall persönlich leisten. Vor allem in Sellsorgeinheiten, dort also, wo mehrere Pfarrgemeinden von einem Geistlichen zu betreuen sind und vielleicht sogar mehrere Tagesstätten zu seiner Zuständigkeit gehören, würde der Anspruch, in jedem Kindergarten in gleicher Weise zu wirken, ihn überfordern. Darum gilt der Auftrag:

"Als Leiter der Pfarrgemeine Aufgaben, Verantwortungsbereiche und Leitungskompetenzen für den Betrieb des Kindergartens sinnvoll deligieren und mit den Deligierten regelmäßig im Gespräch sein"

 

Es wird bestätigt, dass Geistliche zwar die Verantwortung für  die Tagesstätten in ihren Gemeinden tragen, dass sie jedoch diese Verantwortung an die zu "deligieren" haben, die für die Arbeit in den sozialpädagogischen Tagesstätten fachlich zuständig sind. Diese enemso vernünftige wie zweckmäßige Position sollte, nach meiner Überzeugung, für alle Ebenen in den Hierarchien beider christlicher Konfessionen gelten. In jenen Gremien, in denen über die Arbeit von Kindertagesstätten Entscheidungen getroffen werden, muss jenen, an die in der Praxis die Verantwortung für die pädagogische Arbeit "deligiert" worden ist, sowohl Mitsprache als auch Mitentscheidungskompetenz eingeräumt werden.

Bernhard Knobelspies, Dekan Georg Roller
in: "info-blättle" Nr. 2 - 98, S. S. 64 - 66
Caritasverband für die Erzdiözese Freiburg e. V.
Referat Tageseinrichtungen für Kinder

 

Ökumene in der Tagesstätte!

Eine sehr interessante Nuance gewinnt das Thema der religiösen - und mit ihr zugleich aller wertorientierten - Bemühungen in unseren Erziehungs- und Bildungseinrichtungen, wenn Familien aus unterschiedlichen christlichen Konfessionen in einer Kindertagesstätte engagiert sind.

Ein Freund in einer mitteldeutschen Großstadt gehört dem Trägerverein eines evangelischen Kindergartens an. Diesen Kindergarten besuchen auch Kinder aus Familien mit katholischem und evangelisch-freikirchlichem Hintergrund. Gemeinsames Anliegen ist den Eltern, dass auch im Kindergarten den Kindern Wege zu Glauben und Kirche hin geöffnet werden. Bisher ist das gleichsam "Privatangelegenheit" der Eltern. Diese und die Geistlichen der jeweiligen Konfessionen, leisten recht isoliert voneinander die religiöse Erziehung der Kinder. Die Pfarrer sind ohnehin kaum beteiligt, da sie die kleinen Kinder in der Regel nur dann sehen, wenn die Eltern mit ihren Kindern Gottesdienste besuchen.

Nun befindet sich aber der Kindergarten in der Trägerschaft der evangelischen Kirchengemeinde, die zum Beispiel in den neunziger Jahren erhebliche Mittel für den Neubau bzw. Ausbau ihrer Einrichtung ausgeben musste. Eine wie immer geartete religiöse Erziehung aber findet nicht statt. Auch eine Konzeption, in der die Ziele von Erziehung und Bildung in dieser Tagesstätte verankert sind, war dem Trägervertreter nicht bekannt.

Folgende Wege einer Veränderung auf dem Wege hin zu einer religiösen Orientierung in der pädagogischen Praxis bieten sich - ergänzend zu den oben bereits genannten Bedingungen - an:

Vertreter von Eltern der unterschiedlichen Konfessionen beraten gemeinsam mit ihren Geistlichen und der Kindergartenleitung über eine künftige Konzeption, in der religiöse Inhalte den von den Eltern und dem Träger erwünschten Platz erhalten.
Hierbei gehen sie von den o. a. Prämissen aus, dass eine erfolgversprechende religiöse Erziehung und Bildung von Kindern dann möglich wird, wenn die an ihnen interessierten Eltern, Erzieher und Trägervertreter/Geistlichen
1. zusammenwirken (vgl. dazu die Seiten über die Kooperation!) und
2. den Kindern Gelegenheiten anbieten, positive Beziehungen zu den Repräsentanten der Religionsgemeinschaften zu knüpfen.
In einem evangelischen Kindergarten, der ausschließlich oder überwiegend von evangelischen Kindern besucht wird, kommen die Beziehungsangebote von den evangelischen Erzieherinnen und Erziehern und dem Gemeindepfarrer selbst.
In dem hier angesprochenen Kindergarten müsste das Beziehungsangebot ökumenisch ergänzt werden. In der Praxis würde das bedeuten, dass die Geistlichen (oder die von ihnen beauftragten Vertreter) regelmäßig in den Kindergruppen präsent sind und dort, wie unser Pfarrer in unserer katholischen Gemeinde, zum Beispiel einmal in der Woche eine Stunde zusammen spielen. Auf diese Weise werden Beziehungen zwischen Kindern und den Vertretern der religiösen Gemeinschaften möglich und zugleich Ökumene gelebt.

Nur wenn sich die Geistlichen persönlich engagieren und wenn die Eltern der Kinder das so wollen und im Familienalltag selbst leben, können sie davon ausgehen, dass das Zusammenwirken mit dem Ziel einer religiös orientierten Erziehung und Bildung in einem konfessionellen Kindergarten Aussicht auf Erfolg hat.

© Dr. Joachim Rumpf


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