Dr. Joachim Rumpf

Aufsätze zur Pädagogik in Kindertagesstätten

 

 

Über die Leitung sozialpädagogischer Einrichtungen

 

Mit der Januarnummer 2008 der Fachzeitschrift "kindergarten heute" beginnt eine neue, ergänzende Reihe, die dem "Managen der Bildungs- und Erziehungsarbeit zum Wohle des Kindes und seiner Entwicklung, aber auch zunehmend, Personal und Sachmittel erfolögreich zu nutzen und einzusetzen" (Christine Merz - Foschepoth) dienen möchte.

Ich bin gespannt darauf, ob diese neue Zeitschrift, die jährlich mit vier Ausgaben erscheinen soll, von den Fachkräften angenommen wird. Es ist zu erwarten, dass die Aufsätze, die in dieser Zeitschrift abgedruckt werden, meine eigenen Analysen zum Leitungshandeln, die aus zahlreichen Fortbildungsveranstaltungen für Leiterinnen und Leiter sozialpädagogischer Einrichtungen herauswuchsen, in fruchtbarer Weise ergänzen.

Ich lade Sie, liebe Besucherinnen und Besucher, herzlich ein, meine Aufsätze zu diesen Themen zu öffnen!

 

Hier zunächst einige einführende Bemerkungen:

 

Es vergeht zurzeit kaum ein Tag, an dem im Zusammenhang mit Fragen der Erziehung und Bildung in den Medien auf die PISA-Studie und andere Leistungsvergleiche hingewiesen wird. Dabei werden Verantwortlichkeiten hin und her geschoben und das Gerangel um Zuständigkeiten weiter geführt. Vor allem dem Bildungsbereich werden Schwerfälligkeit und verkrustete Strukturen angelastet. Mit dem Blick auf die Jugendhilfeeinrichtungen und hier besonders dem Kindergarten, wird geklagt, dass strukturelle Rahmenbedingungen wie die finanzielle Ausstattung ungenügend seien und befürchtet, dass sich darum Raumsituationen, Gruppengrößen oder Mitarbeiterinnenqualifikationen nachteilig verändern. Die Berufsverbände fordern dagegen die Ausbildung von Erzieherinnen und Erziehern in Kindertageseinrichtungen an Hochschulen und knüpfen mit diesen Vorschlägen auf sehr alte Überlegungen an. Gerade im Zusammenhang mit der gegenwärtigen Forderung, dass der Kindergarten noch mehr und gezielter auf die Anforderungen der Schule vorbereiten soll, wird ein Spagat versucht zwischen diesen Erwartungen und den finanziellen Möglichkeiten, die die eine diesen Erwartungen entsprechende personelle und sachliche Ausstattung verhindern.

Um es vorweg zu nehmen: Auch mein Beitrag über die Anforderungen, die an leitende Fachkräfte gerichtet werden müssen, wird allen, die im Tagesstättenbereich tätig sind, bestätigen, dass hierfür eine Fachschulausbildung kaum ausreichen dürfte. Dennoch möchte ich das so allgemein nicht gelten lassen. Es gibt sehr viel an Fachschulen ausgebildete Leiterinnen und Leiter von Kindertagesstätten, die durchaus der mit ihren Aufgaben verbundenen Anforderungen gerecht werden. Diese Aussage beruht allerdings nur auf persönlichen Erfahrungen und bedürfte einer genaueren Überprüfung. Es ist am Ende auch zweitrangig, welche formalen Abschlüsse bei der Übernahme von Leitungsverantwortung vorliegen. Entscheidend bleibt, dass die Leiterin / der Leiter seine Aufgaben erfüllt. Und für diese Qualifikation stehen neben Fachschulen und Fachhochschulen eine Reihe anderer Weiterbildungsmöglichkeiten bereit, die von engagierten Fachkräften und einsichtigen Trägern in Anspruch genommen werden können.

Skandalträchtig freilich ist ein erheblicher Unterschied, wenn man zum Beispiel die Folgen einer Fort- und Weiterbildung einer Kindergartenleiterin vergleicht mit denen einer Mitarbeiterin zum Beispiel eines Wirtschaftsunternehmens. Beide besuchen während zweier Jahre in ihrer Freizeit die Fortbildungsmaßnahme, beide üben nach erfolgreicher Abschlussprüfungen die gleichen Aufgaben aus, wie vorher. Die Fachkraft in einem Wirtschaftsunternehmen aber bekommt anschließend ein deutlich höheres Gehalt (Ich habe hier eine konkrete Person in einem konkreten Kleinbetrieb vor Augen, die im Herbst 2007 ihre Weiterbildungsmaßnahme beendet hatte).
Arbeitsrechtliche bzw. tarifrechtliche Rahmenbedingungen sind im deutschen öffentlichen Dienst und vergleichbaren Unternehmen ebenso unzureichend wie unverständlich (auf einen Außenstehenden wirken sie, wie mir jene Mitarbeiterin eines Kleinbetriebes erklärte: "völlig idiotisch").


Dabei sind es doch die Leiterinnen oder Leiter von pädagogischen Einrichtungen, die die Qualität der Arbeit beziehungsweise des ganzen Leistungssystems maßgeblich beeinflussen. So, wie in einem Wirtschaftsunternehmen bei rückläufiger Produktivität und schrumpfenden Gewinnen zuerst einmal die Arbeit der verantwortlichen Leitungen analysiert wird, muss das auch im Erziehungs- und Bildungssektor geschehen. Wenn wir Mängel im Erziehungs- und Bildungswesen feststellen, dann blicken wir zuerst auf die verantwortlichen Spitzenkräfte in der Kultus-, Jugendhilfe- oder Verbandsverwaltung und ihre Gremien. Dort muss nachgeschaut und gefragt werden, ob sie optimal gearbeitet haben. Dies geschieht zur Zeit im Zusammenhang mit den Veröffentlichungen aus der "PISA-Studie" recht häufig. Das gleiche gilt selbstverständlich auch für alle Einrichtungsleitungen - ob das nun Schulleiter, Hochschulrekoren oder Kindergartenleiterinnen sind. Sie alle müssen sich fragen beziehungsweise fragen lassen, ob sie ihrer Leitungsverantwortung gerecht geworden sind. Um hierüber Auskunft geben zu können, braucht es Orientierungen, wie Antworten auf die Frage, wie sich Leitung definiert, welche Aufgaben Leitung hat oder welcher Voraussetzungen es bedarf, um leiten zu können. Wenn zum Beispiel im Schulwesen Männer zu Schulleitern berufen werden, weil sie ein bestimmtes Dienstalter erreicht haben, sich innerschulisch durch die Förderung des Computer-unterstützten Unterrichts hervorgetan haben oder weil sie seit vielen Jahren den Männergesangverein leiten und sich vielleicht sogar noch in einer Partei engagieren, dann mögen das alles anerkennenswerte Leistungen sein. Doch zur Leitung von Menschen gehören andere Qualitäten. Weil das sozialpädagogischen Fachkräften sehr wohl bewusst ist, haben es Anstellungsträger oft nicht leicht, Leiterinnen für ihre Einrichtungen zu gewinnen. Zu hoch erscheint die Verantwortung, die mit diesen Aufgaben verbunden ist. Nicht selten überreden ein Pfarrer oder ein Bürgermeister eine der Gruppenleiterinnen, die schon etwas länger in der Einrichtung tätig ist, doch so gut zu sein, und die Leitung zu übernehmen. Überall, wo Leitungen auf diese Weise an die Spitze kommen, wird die Qualität der pädagogischen Arbeit weniger von der fachlichen Kompetenz einer Leitungsperson bestimmt, als von Faktoren wie Notsituation, Verlegenheit, Zufall oder Gutmütigkeit. Und in all jenen Fällen, in denen sich dann die leitende Fachkraft bewährt, sei es, dass sie mit ihrem Aufgaben "wächst" oder über gleichsam "natürliche" Persönlichkeitseigenschaften verfügt, die sie zur Leitung von Menschen gut begaben, dürfen die Träger, die Eltern, die Kinder und natürlich auch die anderen Erzieherinnen und Erzieher sehr zufrieden sein. In vielen Fällen allerdings fehlt diese Eignung. Sie müsste erst noch erworben werden.

 

Leitungsaufgaben
Macht und Leitung
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