Dr. Joachim Rumpf
Aufsätze zur Erziehung und Bildung


Über die Integration behinderter und benachteiligterKinder
in Kindertagesstätten und Schulen

 

Vorbemerkungen

Die folgenden Ausführungen wurden für eine Veranstaltung des Landesjugendamtes in Württemberg-Hohenzollern im November 1995 erarbeitet und seither mehrfach bei entsprechenden Anlässen vorgetragen. Die letzte Überarbeitung erfolgte im Sommer 1997. Eine erneue Anpassung an die gegenwärtige Diskussion über Intergration liegt nun vor.

Es brauchten aber, nach meinem bisherigen Informationsstand, kaum Änderungen an den ursprünglichen Aussagen vorgenommen werden müssen. Meine Beobachtungen sind seit Jahren unverändert geblieben. Noch heute sind wesentliche Hilfen für behinderte und benachteiligte Kinder und Jugendliche innerhalb der Regeleinrichtungen nicht zu erwarten. Statt dessen nehmen Pläne Gestalt an, für leistungsstärkere Schülerinnen und Schüler, von denen viele bereits in der Vergangenheit von ihren Eltern auf private Schulen geschickt wurden, innerhalb von Regeleinrichtungen (also den öffentlichen Schulen) "Klassen für Hochbegabte" einzurichten.

Das klingt in meinen Ohren sehr nach Förderung geistiger Eliten auf Kosten aller anderen Kinder. Denn, und darüber dürfte angesichts der bisherigen Erfahrungen kein Zweifel bestehen, die für die Hochbegabtenförderung entstehenden Mehrkosten werden anderswo im Bildungssystem eingespart werden müssen, weil ja auch die Kuluretats "budgetiert" sind.

Ich möchte diese aktuelle Entwicklung zum Anlass nehmen, meinen Aufsatz hier zu veröffentlichen. Der "Anmerkungsapparat" - also der Aufsatz mit den Quellenangaben, liegt vor und kann bei mir erbeten werden. Interessierte mögen mir Nachricht geben unter j.rumpf@gmx.de

79733 Görwihl, 16.12.05

 

 

1.
Die Weiterentwicklung der Jugendhilfe als Auftrag

1. Jeder junge Mensch hat ein Recht auf Förderung seiner individuellen, geistigen, emotionalen und körperlichen Fähigkeiten
und auf Erziehung zu einer eigenverantwortlichen Persönlichkeit innerhalb der sozialen Gemeinschaft, wie sie dem Menschenbilde des Grundgesetzes entspricht.

2. Es ist das natürliche Recht der Eltern und die ihnen durch die Verfassung ausdrücklich auferlegte Pflicht, ihren Kindern diese Leistungen zu gewähren. Es ist die Aufgabe der Jugendhilfe, den Eltern und den jungen Menschen hierbei zu helfen.

3. Zu den Leistungen der Jugendhilfe gehören unter anderem Angebote zur Förderung von Kindern in Tageseinrichtungen.
Sowohl im Erleben der Eltern als auch in ihrem konzeptionellen Selbstverständnis unterscheiden sich die verschiedenen Tageseinrichtungen voneinander. Während sich der Kindergarten in seiner Geschichte von der "Kinderbewahranstalt" für bedürftige Kinder zu einer allgemein angenommenen familienergänzenden pädagogischen Einrichtung hin entwickelte (Regeleinrichtung), sind Krippen (in den alten Bundesländern) nicht mehr und Horte noch nicht weit verbreitet.

4. Die in das KHJG aufgenommene neue Form der Hilfe zur Erziehung in einer Tagesgruppe ergänzt die klassischen Tageseinrichtungen. Die Tagesgruppe, eine sich aus der Heimerziehung heraus entwickelte Form teilstationärer Hilfe, ist ein Angebot für schulpflichtige Kinder mit einem erhöhten erzieherischen Bedarf. Kinder, die besondere Hilfen für die Förderung ihrer geistigen, körperlichen, oder sozialen Entwicklung brauchen, werden, sofern ihnen eine angemessene Hilfe in den von der Konzeption her allen Kindern offen stehenden pädagogischen Einrichtungen (diese Zugangsweise kennzeichnet Regeleinrichtungen) nicht zuteil werden kann, in Sondereinrichtungen betreut. Zu diesen besonderen Einrichtungen gehören Frühfördergruppen, heilpädagogische Horte, Tagesgruppen und vollstationäre sozialpädagogische Einrichtungen (Heime).

5. Kinder mit einem erhöhten erzieherischen Bedarf sind jene, die von diagnostizierenden Instanzen (Erzieherinnen, Lehrerinnen / Lehrern, Sozialarbeiterinnen / Sozialarbeitern, Eltern u.a.) als "verhaltensauffällig" oder "verhaltensschwierig" erlebt werden. Im Landkreis Waldshut zum Beispiel wurden die bestehenden Horteinrichtungen allein für diese Kinder eingerichtet und vom Landkreis bezuschusst. Die entsprechenden Begründungszusammenhänge schließen die Aufnahme von Kindern ohne einen erhöhten erzieherischen Bedarf allerdings nicht aus. Insofern sind diese Horte "Regeleinrichtungen" . Da in Wirklichkeit aber die Horte und andere Tageseinrichtungen, die sich der Betreuung von Schulkindern widmen, bisher nur dann von Eltern angefragt wurden, wenn ihre Kinder Probleme in den Bereichen ihres Sozialverhaltens oder schulischem Lernens hatten, haben sie sich zu Einrichtungen hin entwickelt, die vom Klientel und von der Aufgabenstellung her einer Tagesgruppe näher stehen als einer Kindergartengruppe.

Auch das Kindertagesstättengesetz (KiTaG) fordert ausdrücklich in seinem § 2, dass "Kinder, die aufgrund ihrer Behinderung einer zusätzlichen Förderung bedürfen, zusammen mit Kindern ohne Behinderung in Gruppen gemeinsam gefördert werden (sollen), sofern der Hilfebedarf das zulässt".

6. Dazu eine Anmerkung zu den Fragen nach der Festlegung von Qualität und Quantität von Hilfen im Einzelfalle (also nach dem "Hilfebedarf"):
Welche Hilfen ein bestimmtes Kind braucht, ob ihm also eher in einer "Regelgruppe" geholfen werden kann oder ob ein anderes Jugendhilfeangebot sinnvoll erscheint, das kann weder von einer Einzelperson, noch losgelöst von der Lebenssituation des Kindes entschieden werden. Das KJHG hat für diesen Diagnose- und Entscheidungsprozeß den Hilfeplan (§ 36) vorgeschrieben. Auf diese Weise wird, bei fachgerechter Anwendung, die jeweils optimale Hilfe gesichert und deren Zweckmäßigkeit laufend überprüft .

7. Es liegt allein in der Verantwortung der leitenden Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern und vor allem der Träger, ob sie ihre Einrichtung beziehungsweise eine bestimmte Gruppe für geeignet halten und die hierfür nötigen Rahmenbedingungen bereitstellen können, darin einem bestimmten Kind die Hilfe zuteil werden zu lassen, derer es dem Hilfeplan folgend, braucht. Das KJHG oder das KiTaG kennen - im Gegensatz zum Schulgesetz - keine zum Beispiel Kindergartenbesuchspflicht. In jedem Einzelfall ist darum sorgsam zu prüfen, ob die gegenwärtige Hilfeform für ein Kind, dessen Eltern, die anderen Kinder und die Erzieher angemessen ist, das heißt die Entwicklung des Kindes fördert .

8. Jeder Hort und jede andere Tageseinrichtung für Kinder, in denen alle oder die meisten Kinder einen erhöhten erzieherischen Bedarf haben, kann nur unter Vorbehalt als eine Regeleinrichtung bezeichnet werden. Insofern sind die bestehenden Gruppenzusammensetzungen in derartigen Tageseinrichtungen sorgfältig daraufhin zu überprüfen, ob sie den Maßstäben von Regeleinrichtungen entsprechen - und das heißt zum Beispiel, ohne besondere Hilfen auskommen - oder ob nicht vielmehr die Rahmenbedingungen dem tatsächlichen Hilfebedarf der Kinder, die hier und jetzt in der Gruppe sind, angepasst werden müssen .
Nicht von der Konzeption her, wohl aber von den Motiven der Inanspruchnahme bestand bisher die Tendenz, dass Tageseinrichtungen für Schulkinder (Horte) von Kindern ohne einen erhöhten erzieherischen Bedarf kaum oder überhaupt nicht besucht wurden .

9. Bisher befinden sich in Kindergärten, der gleichsam klassischen und am weitesten verbreiteten Regeleinrichtung, ein - je nach Einzugsbereich unterschiedlicher - Anteil von Kindern mit erhöhtem erzieherischen oder einem zusätzlichen Förder-Bedarf (hierzu sind jene zu zählen, die geistig oder körperlich behindert sind), ohne dass diesen Kindern eine besondere Hilfe zuteil wird. Es sind nicht zuletzt diese Kinder, deren Chancen auf einen erfolgreichen Schulbesuch von vornherein schlecht sind und darum bereits im Kindergarten nach geeigneten Hilfen Ausschau gehalten werden muss. Das bedeutet keineswegs, dass die betreffenden Kinder separiert werden müssen. Es sind ganz im Gegenteil hierzu integrierende Formen der für den Einzelfall gebotenen Hilfen zu organisieren und die Arbeitsbedingungen auf den von der Zusammensetzung einer Gruppe her zu definierenden Bedarf laufend anzupassen.

10. Genau dies wäre von einer Weiterentwicklung der Jugendhilfe zu erwarten:
Kinder, die aufgrund ihrer Verhaltensweisen einen erhöhten Hilfebedarf für sich und in der Regel auch für ihre Familien signalisieren, sollen - sofern es verantwortet werden kann - diese Hilfen innerhalb der Einrichtungen erhalten, die sie besuchen (integrative Hilfe). Auf diese Weise soll eine Überweisung bzw. Ausgrenzung zu Sondereinrichtungen hin vermieden werden.

Drei Dimensionen einer derartigen Weiterentwicklung der Jugendhilfe lassen sich benennen:

Bestehende oder neu zu schaffende Einrichtungen, wie Horte oder Krippen sollen (soweit das noch nicht die Regel ist) durch Aufnahme von Kindern ohne einen erhöhten erzieherischen Bedarf zu "Regeleinrichtungen" werden und damit überhaupt erst die Voraussetzungen für die Konzeption schaffen, die als Integration umschrieben wird.

In den vorhandenen Regeleinrichtungen (vor allem in den Kindergärten) verbleiben Kinder mit einem besonderen Betreuungsbedarf, einschließlich jener mit körperlichen oder/und geistigen Behinderungen, beziehungsweise werden in die Gruppen neu aufgenommen.

Die Rahmenbedingungen werden den zu leistenden und im Hilfeplan festgelegten erzieherischen Hilfen angepasst. Diese Mischungen zuzulassen beziehungsweise zu unterstützen und die entsprechenden Förderbedingungen herzustellen, ist die Voraussetzung einer Weiterentwicklung von erzieherischen Hilfen vor deren Beginn im Einzelfalle, von den betroffenen Pädagoginnen, den Eltern und dem Träger ein schlüssiges pädagogisches Konzept erarbeitet sein sollte (vgl. dazu auch: Maria Pfluger-Jakob: Barrieren abbauen und Türen öffnen. Integration behinderter Kinder in KiTa und Kindergarten. In: kindergarten heute Nr. 3/2001, S. 6 - 12).

:
Untersuchungen im Landkreis Waldshut und in den Kindertagesstätten der Diakonie in Düsseldorf erbrachten den Nachweis, dass es in allen Kindergärten Kinder gibt, bei denen Erzieherinnen einen erhöhten erzieherischen Bedarf sehen. Die Fachkräfte sind aber ausserstande, selbst die für diese Kinder notwendigen Hilfen anzubieten. Sogar dort, wo zeitweilig zwei Erzieherinnen in einer Gruppe tätig sind, fehlen gezielte Hilfsangebote, weil Erzieherinnen hierfür nicht ausgebildet wurden . Die betreffenden Kinder werden irgendwie ausgehalten und weiter geschoben. Nur in einzelnen Extremfällen, wird ihnen der Kindergartenbesuch zeitweilig oder ganz verwehrt. In anderen Fällen können Eltern dazu bewegt werden, eine Erziehungsberatungsstelle aufzusuchen.

Die Förderung muss also möglichst früh einsetzen. Nach wie vor wird der Entwicklungszeitraum von Kindern bis zu ihrem Schuleintritt grob vernachlässigt. Dieses - allen in der sozialen Arbeit Tätigen vertraute Phänomen - wird zum Beispiel recht eindrucksvoll in dem Bericht über das Projekt einer "Integrativen heilpädagogischen Tageserziehung" (IHTE) in Bremen deutlich. Es wird darin die Forderung erhoben, dass Kindern, die noch nicht zur Schule gehen und damit auch noch nicht einen Hort oder die Tagesgruppe besuchen können, angemessene Hilfen "nicht vorenthalten werden" sollten.
Von 27 Kindern, die aus dem gleichen Kindergarten kamen und in einem IHTE-Projekt betreut wurden, zeigten 26 Kinder bereits im Kindergarten die gleichen Auffälligkeiten, die in der Grundschule die Hilfemaßnahme auslösten .In der gegenwärtigen Situation, also seit Beginn dieses Jahrtausends, hat die Anzahl hilfsbedürftiger Kinder in Kindergärten und Schulen zugenommen und mit ihnen neue Aufgaben. Nun geht es nicht mehr allein um die Förderung benachteiligter Kinder aus deutschen Familien sondern auch - und vermehrt - um eine gezielte Sprachförderung von Kindern aus Migrantenfamilien. Bisher freilich gibt es nur einige wenige "Projekte", in denen vor allem sprachliche Defizite ausgeglichen werden sollen. Nach den bisher vorliegenden Erfahrungen aus derartigen Projekten, sind unter den geförderten ausländischen Kindern nicht wenige gut bis hoch begabte Kinder. Im Zusatzunterricht in kleinen Gruppen - zum Beispiel im Projekt "Lernen aktiv"in Heidelberg unterstützen ältere Schülerinnen und Schüler die Jüngeren mit gutem Erfolg.
Anmerkung hierzu: als ich in der Sendung des SWR 2 "Journal am Mittag" (am 23.07.06, 12,55) eine Reportage darüber hörte, fühlte ich mich in das Jahr 1951 versetzt, als ich an einer Saalfelder Schule "Lernaktivs" betreute, in denen genau mit dieser Methode "Schüler helfen Schülern" gute Erfahrungen gemacht wurden (vgl. dazu meinen Aufsatz: "Erziehung und Bildung in der DDR". In: Neue Praxis 4/1993, S. 328 - 345).

Integration - und das zeigen auch die zum Beispiel hier angesprochenen und von privaten Sponsoren oder aus EU-Mitteln geförderten Projekte - kann also nur dort realisiert werden, wo den Regeleinrichtungen entsprechende Unterstützungsleistungen zur Verfügung gestellt werden.

Auch auf die Einsichten und Bemühungen der Fachkräfte im Deutschen Caritasverband ist hinzuweisen. In der Ausgabe 2/2006 seiner Zeitschrift für die Mitarbeiterinnen, Mitarbeiter und Eltern seiner Kindertagesstätten "inform" zum Beispiel wird in mehreren Aufsätzen auf die Notwendigkeit der Integration u. a. von Deutschen und Zuwanderern hingewiesen. Zur entsprechenden Praxis ist unter anderem auf die Bemühungen der Fachberaterinnen und Fachberater um eine verbesserte "Qualität" zu schauen, wie sie im Aufsatz über die Fachberatung angesprochen worden ist.

Das vom Landesjugendamt Württemberg-Hohenzollern geförderte Konzept, im Landkreis Göppingen, sonderpädagogische Maßnahmen und Elternarbeit in Regeleinrichtungen durchzuführen und hierbei die vorhandenen Hilfsdienste einzubeziehen und zu vernetzen zeigt, wohin wir gehen können. Mit dem Begriff der "Vernetzung" vorhandener oder - je nach Bedarf - zu ergänzender spezifischer fachlicher Leistungen, ist die zweite Dimension einer Weiterentwicklung von erzieherischen Hilfen überschrieben . Bisher mangelt es noch in vielen Gemeinden und Kreisen an einer geregelten Kooperation zwischen den Kindergärten und anderer Institutionen (Erziehungsberatungs- und Frühförderstellen, dem Allgemeinen Sozialdienst des örtlichen Jugendamtes u. a.). Sogar die Kooperation von Kindergarten und Grundschule, im Grunde die naheliegendste und relativ einfach zu organisierende Form einer Verknüpfung von Jugendhilfe und Schule ist trotz der hohen Bedeutung, die die Kultusbehörden dieser Kontaktform zuweisen, teilweise unbefriedigend oder gar ganz auf der Strecke geblieben.

Eine dritte Dimension deutet sich mit dem Begriff "Flexibilisierung" an. Die Flexibilisierung meint, dass sich Angebote von erzieherischen Hilfen innerhalb und ausserhalb von Regeleinrichtungen an einem nachzuweisenden Bedarf orientieren sollten. Und der Bedarf wechselt erfahrungsgemäß: er kann sich quantitativ und qualitativ laufend verändern. Sowohl die didaktischen Konzeptionen einer Einrichtung (beziehungsweise der Gruppen in einer Einrichtung; zum Beispiel die Altersmischung), die konkreten Hilfen (einschließlich dem hierfür zweckmäßigen Grad einer Vernetzung), die Organisationsstruktur (z.B. Öffnungszeiten, Gruppengröße und Personalausstattung) als auch die Finanzierung müßten flexibler werden (vgl. z. B. § 36 KJHG / Hilfeplan) und den spezifischen Bedürfnissen einer Gruppe sowie denen der Eltern entsprechen.

 

 

2.
Separierung und Integration
Bemerkungen zum Verständnis dieser Vorgänge und einige ihrer Rahmenbedingungen

1. Am Beispiel des Schulwesens lassen sich Entwicklung und Funktionen der Aussonderung und die Bemühungen um Integration gut nachweisen .
Integration (statt Separierung) ist spätestens seit der Reichsschulkonferenz von 1920 eine bildungspolitische Kategorie, die sich immer wieder zu Wort meldete. Ging es in den zwanziger Jahren um die "Einheitsschule", so kennen wir seit den siebziger Jahren die Versuche mit den Gesamtschulen.
Der Anstoß zur neueren "Integrationsbewegung" kommt aus Italien und nahm dort ihren Anfang mit der Forderung, die geschlossenen psychiatrischen Anstalten aufzuheben und eine gemeindenahe ambulante Versorgung psychisch Kranker einzurichten.

2. "Die Integration von Dummen, Behinderten, Auffälligen ist unter den herrschenden gesellschaftlichen Bedingungen keine humane Selbstverständlichkeit; sondern es handelt sich um die Vision einer integrationsfähigen Gesellschaft und Schule" .
Mit anderen Worten: solange wir in einer Gesellschaft leben, in der den Leistungsstarken und Leistungsmotivierten mehr Wertschätzung entgegengebracht wird und ihnen mehr Privilegien und Chancen auf Konsumgüter winken, als denen, die diese Eigenschaften nicht leben oder leben können, sollten wir in bezug auf die allgemeine Akzeptanz und Realisierbarkeit entsprechender Konzepte um ein nüchternes Augenmaß bemüht sein.
Es gehört zum Berufsethos von Pädagogen, sich humanistischen Wertvorstellungen verpflichtet zu fühlen. Das gilt vor allem dann, wenn es sich um bisher noch nicht eingelöste grundsätzliche Menschenrechte handelt nämlich, dass alle Menschen ungeachtet ihrer Verschiedenheit Anspruch auf Achtung ihrer Individualität, soziale Anerkennung und gesellschaftliche Förderung besitzen. Noch herrscht aber die allgemein anerkannte Norm vor, dass jeder selbst seines Glückes Schmied ist. Lebenserfolg und Lebensmißerfolg werden so einseitig subjektiviert und privatisiert .

3. Insofern schwimmen wir Sozialpädagogen und Sozialarbeiter aber auch viele einsichtige Lehrerinnen und Lehrer mit unseren Bemühungen in unseren Kommunen, im Jugendhilfeausschuss aber auch bei Trägern gelegentlich gegen den Strom. Es wird nicht leicht sein, das Konzept integrativer Erziehung und Bildung auf den Weg zu bringen. Darum werden Argumente wie Effektivität und eine möglichst realitätsnahe Kosten - Nutzen Abwägung, wie sie in der Zeit leerer Gemeindekassen eine immer stärkere Rolle im Zusammenhang mit der Legitimation in der sozialen Arbeit eine Rolle spielen, unsere pädagogischen Vorstellungen stützen müssen.

4. Nicht zuletzt haben wir mit Widerständen in den eigenen Reihen zu rechnen: wenn es nämlich so einfach wäre mit anderen Diensten zu kooperieren, dann hätten wir bereits heute weniger Sorgenkinder. Oder denken wir an die "Flexibilisierung"! Sie kann für den einzelnen Pädagogen heißen, sich auf zeitlich u.U. nicht regelbare Engagements einlassen zu müssen. Ich meine ohne zusätzliches Engagement und die Bereitschaft, zu rationaler Arbeitsorganisation und dazu, sich in ein Netz einbinden zu wollen und auf Eigenständigkeit und Unabhängigkeit zu verzichten, treten wir auf der Stelle . Es wird nicht wenige Berufspädagogen geben, die sich mit Heinweisen auf die ohnehin berufliche Überforderung, aus Integrationsbemühungen ausklinken und eventuell nicht einmal bereit sein werden, derartige Überlegungen auch nur argumentativ zu unterstützen. Daraus folgt aber zugleich die Einsicht:5. Wer im Interesse der Heranwachsenden Veränderungen wünscht - und die hier zur weiteren Bearbeitung zu verhandelnden Anregungen kommen gegenwärtig aus dem sozialpolitischen Raum - der muss erst einmal nachschauen, ob die Rahmenbedingungen in unseren pädagogischen Einrichtungen einer optimalen sozial- oder schulpädagogischen Arbeit entsprechen. Niemand kann Lehrern und Erziehern ohne Nachteile für die Entwicklung von Kindern zusätzliche Leistungen abverlangen, wenn schon bisher die entsprechenden Bedingungen unzureichend waren .

Zwei Literaturhinweise:
In der Fachzeitschrift "kindergarten heute" Nr. 6-7/2003 finden sich einige Beiträge über die Integration behinderter Kinder.
Susanne Schmidt gab ein Buch heraus: Miteinander spielen, voneinander lernen. Kinder mit und ohne Behinderungen in Kindertageseinrichtungen. Freiburg 2002 und
2012 analysierten Armin Krenz und Ferdinand Klewin ausführlich ihre Überlegungen zu einem inklusionspädagogischen Menschenbild unter dem Titel "Bindung durch Bildung.
Frühpädagogik: inklusiv und beziehungsorientiert" (Göttingen 2012)

 

3.
Erste Erfahrungen aus dem Schulbereich zur Praxis integrierter Hilfen


1. Die Vorstellung, die der Separierung zugrunde liegt, dass schwache Schülerinnen und Schüler in Lernbehinderten- bzw. Förderschulen mehr lernen ist eine Fiktion. Es gibt bisher keine Untersuchung, die die Überlegenheit der Sonderschule gegenüber der Regelschule für die Förderung der Schulleistungen nachgewiesen hätte (Haeberlin 1991,S. 167 - 190)
Mit der Sonderschulüberweisung geht zunächst eine positive Verhaltensänderung einher, die sich im weiteren Verlauf des Sonderschulbesuches wieder zum Negativen hin verändert . Auf das soziale Verhalten von Kindern hat die Separierung also auch keinen anhaltend positiven Einfluss.
Leistungsschwache und/oder lernbehinderte Schülerinnen und Schüler nehmen jedoch in Regelklassen die unteren Rangplätze in der sozialen Hierarchie oder gar Aussenseiterpositionen ein. Diese soziale Position verstärkt die Schulunlust.

2. In "Integrationsklassen" dagegen verläuft die Leistungsförderung schwacher Schüler günstiger.
Wird ein ausgewogenes Gleichgewicht zwischen stark strukturierten Schulsituationen und offenen, selbst entdeckenden Lernphasen gefunden, können sowohl schulleistungsschwache Schüler als auch Regelklassenschüler von einem gemeinsamen Unterricht profitieren (Haeberlin 1991,S. 167 - 190). Mit diesem Ergebnis wird aber zugleich auf die wohl entscheidendste Voraussetzung alle Bemühungen um eine integrative Pädagogik gewiesen: Nur ein verändertes didaktisches Konzept in der Unterrichtspraxis beziehungsweise eine Veränderung des Schullebens können zu derartig günstigen Ergebnissen führen. Hierzu aber bedarf es nicht immer (und vor allem: nicht allein!) veränderter Rahmenbedingungen als vielmehr einer veränderten Haltung von Erziehern und Lehrern.

Bei begabten Schülerinnen und Schülern spielt es, den bisher vorliegenden Untersuchungen nach, offenbar keine Rolle, ob sie in Regel- oder Integrationsklassen (also gemeinsam mit leistungsschwachen) Kindern unterrichtet werden. Bezüglich ihrer Schulleistung, sozialen Stellung, subjektivem Wohlbefinden und Einschätzung der eigenen schulischen Fähigkeiten sind keine nachteiligen Folgen festgestellt worden .

3. Wenn Kinder mit erhöhtem erzieherischen Bedarf (verhaltensauffällige Schüler), bei denen Leistungsversagen ein Symptom ihrer Auffälligkeiten ist, in Regelklassen verbleiben, kann diesen Kindern unter bestimmten Voraussetzungen geholfen werden. Zu diesen Voraussetzungen gehört, dass zwei Lehrer/Lehrerinnen (wenn eine/r davon eine Zusatzausbildung z.B. zum Beratungslehrer hat, ist das für diese Aufgabe sicher vorteilhaft) zeitweilig gleichzeitig in einer Klasse unterrichten, wobei sich eine/r der beiden den schwachen Schülern besonders widmet.
Im Landkreis Waldshut in Baden-Württemberg sind an zwei Schulen gute Erfahrungen mit diesem Verfahren in jeweils einer Grundschulklasse erzielt worden.
Aus Hamburg, wo die Schulen an Heimen bereits 1983 aufgelöst wurden, wird ebenfalls berichtet, dass sich diese Form einer "schulergänzende Betreuung" bewährt hat .
Beide hier genannten Beispiele, es waren vier bis fünf Stunden pro Woche zwei Lehrer in den jeweiligen Klassen mit zwischen 3 und 5 Hilfebedürftigen bei normaler Klassengröße (25 bis 33 Kinder) tätig, sind nicht verallgemeinerbar, weil eine angemessene wissenschaftliche Begleitung fehlte beziehungsweise überhaupt nicht vorgesehen war.

Ich gehe davon aus, dass überall dort, wo in Grundschulklassen mit wenigen hilfebedürftigen Kindern eine derartige Binnendifferenzierung wenigstens zeitweise (bezogen auf die Wochenstunden) ermöglicht wird, die betreffenden Kindern mit einem relativ geringen Aufwand in ihren Klassen gehalten werden können also keiner Sondereinrichtung überwiesen werden müssen und bei frühzeitig einsetzender Betreuung auch Fachdienste weniger in Anspruch nehmen. Im übertragenen Sinne gilt diese Aussage auch für hochbegabte Kinder von denen einige wegen permanenter Unterforderung ihrer kognitiver Möglichkeiten, Verhaltensauffälligkeiten zeigen können.


4. Die Haltung von Eltern Integrationsversuchen gegenüber, hängt ab

1. von ihrer Einstellung zu Bildung und Erziehung,
2. von der Art der Behinderung der Kinder und
3. von ihrem Informationsstand.

Zu 1.: Eltern, die einem leistungsideologisch geprägten schulischen Wertklima kritisch gegenüberstehen, sind Integrationsversuchen gegenüber offener als andere.
Körperlich- und lernbehinderte Kinder werden in Schulen eher akzeptiert als Kinder mit geistiger Behinderung.

Zu 2.: Eltern, die gut informiert werden, sind eher bereit, ihre Kinder in entsprechende "Integrationsklassen" zu geben .

Zu 3.: In Fällen, in denen in einer Gruppe - und es sind ja immer alle Kinder mitbetroffen - für einzelne Kinder oder Untergruppen Hilfen geleistet werden, wirkt sich eine angemessene Transparenz auf das Verständnis und die Hilfsbereitschaft aller Eltern günstig aus. Elternarbeit ist also nicht nur mit dem Blick auf die hilfsbedürftigen Kinder und ihrer Familien unverzichtbar. Die jeweiligen Elternvertretungen beziehungsweise alle Eltern in Regeleinrichtungen und Tagesgruppen zu gewinnen, die jeweiligen Vorhaben zu unterstützen oder wenigstens wohlwollend mitzutragen, gehört zum Konzept integrierender Hilfen.

 

 

4.

Bisherige Bemühungen um eine integrierte Erziehung in Jugendhilfeeinrichtungen

1. An den Anfang kann die Überzeugung gestellt werden, dass alle Untersuchungsergebnisse über Erfolg und Voraussetzungen einer integrierenden Erziehung und Bildung in Schulen auf andere Gruppen übertragbar sind. Möglicherweise werden vom Kindergarten (auch) darum weniger Kinder Jugendhilfemaßnahmen zugeführt, weil dort bessere Rahmenbedingungen (denken wir nur daran, dass häufig zwei Fachkräfte gleichzeitig in einer Gruppe tätig sind) vorhanden sind und eine andere, an den Bedürfnissen von Kindern stärker orientierte Pädagogik praktiziert wird .
Diese Aussage gilt in hohem Maße für Kindergärten, die in Integrationsprojekte eingebunden sind. Es werden zum Beispiel im Kindergarten Wittenschwand - Dachsberg (Kreis Waldshut) in bezug auf die Förderung körperlich und geistig behinderter Kinder in Regelkindergärten insofern gute Erfahrungen gemacht, als sich die Behinderten gut entwickeln. In den betreffenden Tagesstätten sind es ganz besonders die Eltern sowohl der behinderten als auch der nicht behinderten Kinder, die sich mit Eifer an den Projekten beteiligen. Auch in Kindertagesstätten der Stadt Wehr und Heitersheim leben im Verbund und mit Unterstützung der Stadtverwaltungen behinderte und nicht behinderte Kinder gemeinsam in den Gruppen. Der Landeswohlfahrtsverband Baden / Landesjugendamt fördert derartige Projekte in seinen Richtlinien durch einen verbesserten Personalschlüssel.

In diesen Gemeinden sollten sich die Schulen rechtzeitig darüber Gedanken machen, wie sie ihrerseits die Integrationsbemühungen fortsetzen wollen. Im Haus Alpenblick, einer Jugendhilfeeinrichtung in Südbaden, ist der Nachweis erbracht worden, dass zwei Jungen, die die Sonderschule für geistig Behinderte besuchten, sich in einer Gruppe nicht behinderter Kinder besser entwickeln konnten, als Klassenkameraden, die sich in einer Behinderteneinrichtung befanden. Nachteilige Auswirkungen auf die Entwicklung nicht behinderter Kindergartenkinder oder Heimgefährten sind keine beobachtet worden; positive Auswirkungen auf diese Kinder (zum Beispiel mehr Verständnis für Behinderte) gelten zwar als vorhanden und entsprechen auch der allgemeinen Einschätzung von Eltern und Berufspädagogen, sind aber kaum messbar.

2. In den Jahren 1991 bis 1994 wurde vom Landeswohlfahrtsverband Baden in Verbindung mit der Katholischen Fachhochschule in Freiburg ein Projekt durchgeführt, das die "Förderung Verhaltensauffälliger und entwicklungsverzögerter Kinder" zum Inhalt hatte. Im Rahmen dieses Projektes waren in drei Kindergärten mit unterschiedlichen Einzugsbereichen zeitweilig je eine heilpädagogische Fachkraft (Studenten der Studienrichtung Heilpädagogik) im Einsatz. Von Seiten der Fachhochschule leiteten das Projekt die Psychologinnen Frau Prof. Solveig Jauss und Frau Maria Pfluger-Jakob. Der ausführliche Projektbericht (Karlsruhe und Freiburg März 1995) bestätigt die Zweckmäßigkeit integrativer Hilfen. Er zeigt aber auch in aller Deutlichkeit, wo uns die Grenzen integrativer Pädagogik gesetzt sind. Es wäre zum Beispiel unrealistisch zu wünschen oder gar zu fordern, es müssten nun in allen Regeleinrichtungen und Tagesgruppen Diplom-Heilpädagoginnen /Heilpädagogen zusätzlich zu den dort arbeitenden Fachkräften angestellt werden .
Er bestätigt die Notwendigkeit, den Erzieherinnen und Erziehern in den Kindergärten und den anderen Regeleinrichtungen Hilfen anzubieten, die sie befähigen, mit "schwierigeren" bzw. behinderten Kindern umzugehen.
und die prinzipielle Chance, Kindern mit erhöhtem erzieherischem Bedarf oder auch Kinder mit körperlichen und geistigen Behinderungen innerhalb der bestehenden Regelgruppen zu helfen.

3. Im ehemaligenLandeswohlfahrtsverband Württemberg-Hohenzollern / Landesjugenamt wurde lange darüber nachgedacht, wie die Schwerpunkte bei der Weiterentwicklung der Jugendhilfe in Anpassung an sich verändernde Herausforderungen und unter Berücksichtigung der sich ebenso verändernden ökonomischen Rahmenbedingungen gesetzt werden müssen.
Im Anschluss an eine Empfehlung vom 12.10.1993 und mit Unterstützung der Enquetekommission des Landtages "Kinder in Baden-Württemberg" hatten Mitarbeiterinnen / Mitarbeiter des LWV Württemberg-Hohenzollern / Landesjugendamt "Überlegungen und Vorschläge zur gemischten Tagesbetreuung von Kindern" vorgelegt (März 1994; September 1995) .
Ein Gegenstandsbereich war der von Angeboten der Tagesbetreuung unter dem Aspekt der erzieherischen Hilfen so, wie hier vorgetragen.
Zu den Rahmenbedingungen und zur Begründung wurde ausgeführt:

"Die Rahmenbedingungen sind auf diese besondere Konzeption ausgerichtet. Die Gruppenstärke wird entsprechend den Erfordernissen reduziert und/oder die personelle Besetzung verbessert. Als Orientierung ist an eine Gruppenstärke mit ca. 15 Kindern, davon drei bis fünf mit Entwicklungsdefiziten sowie zusätzlich zur personellen Regelbesetzung eine sozialpädagogische und heilpädagogische Fachkraft zu denken.
Gruppen, die nicht ausschließlich aus Kindern mit besonderem erzieherischen Bedarf bestehen, haben den Vorteil, dass problematische Verhaltensweisen nicht massiert und ständig auftreten, sondern sich in der "Mischung" mit anderen Kindern und der Interaktion unter den Kindern relativieren. Im Rahmen eines klar strukturierten Tagesablaufes sollen die Erziehungsziele und -methoden entsprechend dem Hilfeplan realisiert und durch Kleingruppenprozesse, Einzelförderung sowie Elemente der Spieltherapie ergänzt werden. Die anderen Kinder der Gruppe profitieren ebenfalls von diesen Angeboten.
Einen wichtigen Stellenwert muss die Zusammenarbeit mit den Eltern der Kinder einnehmen. Ausserdem sollte eine Unterstützung durch psychologische Dienste und andere Stellen hergestellt werden."
 

 

5.
Einige Bemerkungen zum Schluss


1.
Wo immer diese, für die betroffenen Kinder ebenso wichtigen, wie für die jeweiligen sozialen Felder hochbedeutsamen integrativen Hilfen geleistet werden sollen, steht der Gedanke des Lebensfeldbezuges im Vordergrund .
Einmal ist damit gemeint, dass ein Kind in seinem Umfeld verbleibt und sein soziales Umfeld in die Hilfe einbezogen ist. Da aber die Gemeinde im weitesten Sinne zu diesem Lebensfeld gehört, ist dort gleichermaßen ein Dreh- und Angelpunkt. Für die praktische Durchführung eines entsprechenden Projekts und für gute Erfolgsaussichten hat die Gemeinwesenorientierung ganz zentrale Funktionen. In der Praxis heißt das, dass sowohl die Schulen als auch die Kirchengemeinden und die Vereine für eine Mitwirkung - und sei es nur für die öffentliche Unterstützung - gewonnen werden sollten.


2.
In jeder Gemeinde müssten aus den vorhandenen pädagogischen Einrichtungen heraus Angebote entwickelt werden, die möglichst wenig selektieren. Die pädagogischen Konzeptionen der Regeleinrichtungen wären darum ebenso dem vor Ort zu ermittelnden und sich verändernden Bedürfnissen anzupassen, wie die Organisationsformen und die Finanzierung. Gerade hierbei kommt der Bereitschaft zur Flexibilisierung eine große Bedeutung zu. Um nur ein Beispiel zu konstruieren:
Die Tageseinrichtung X hat zwei Jahre hintereinander drei bis vier Kinder mit Entwicklungsdefiziten. Dann ist den Kindern geholfen worden oder aber diese sind aus der Einrichtung herausgewachsen.
Daran anschließend müssen sich die Rahmenbedingungen entsprechend anpassen und u. U. MitarbeiterInnen dorthin versetzt werden, wo sie gebraucht werden. Damit das praktisch in einer Gemeinde (Stadt, Landkreis) möglich wird, ist das, was hier unter den Stichworten Zusammenarbeit oder mit Vernetzung ausgeführt worden ist, Voraussetzung für flexible Einsatzmöglichkeiten für Fachkräfte.

Bisher war es im Prinzip so, dass aufgrund eines nachgewiesenen aktuellen Bedarfs Rahmenbedingungen verändert wurden. Dann blieb es bei diesen Veränderungen auch dann, wenn sich der Bedarf wieder veränderte. Die geltenden Finanzierungsregelungen und Organisationsstrukturen (wie z.B. Arbeits- oder Tarifverträge) in der Jugendhilfe erschwerten bisher eine Flexibilisierung des Angebots.

3.
Daraus folgt, dass die Weiterentwicklung der Jugendhilfe zugleich mit den Instrumenten der Jugendhilfeplanung vor Ort gedacht werden muss. Das KJHG und die Kommentare zum KJHG geben hier Vorgaben und Anregungen, die zu beachten und in die Praxis umzusetzen eine große Herausforderung und Chance darstellen . Effektivität unserer Arbeit setzt Transparenz und gegenseitige Öffnung (der verschiedenen Jugendhilfeträger und -einrichtungen) in einer Region voraus.
Die Eltern, die Landkreise, die Gemeinden und die Träger von Jugendhilfeeinrichtungen und ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind zu gemeinsamem Handeln aufgerufen.

4.
Wichtig ist, dass die Schulbehörden einbezogen werden. Von den Schulen gehen erfahrungsgemäß bisher die nachhaltigsten Selektionsprozesse aus. Bemühungen von seiten einer Schule, integrative Hilfen zu organisieren, müssen von der Jugendhilfe unterstützt oder angeregt werden. Ganzheitliche, gemeinwesenorientierte und integrative Jugendhilfeangebote beziehen sich nicht allein auf Kinder im Vorschulalter. Jugendhilfeeinrichtungen und Schulen sind in einem Gemeinwesen die pädagogischen Einrichtungen, die mit unterschiedlichen Akzenten in bezug auf die gleichen Kinder aus den gleichen Familien den gleichen Auftrag wahrnehmen

 

 

6.
Ergänzende Hinweise

Integration behinderter Kinder in Kindergärten - was in der Praxis zu beachten ist.
(Erfahrungen aus dem Projekt "Regionaler Fachdienst" im Landkreis Waldshut - aktualisiert im Mai 2006)

 

1.
Das KJHG kennt - im Gegensatz zum Schulgesetz - keine zum Beispiel Kindergartenbesuchspflicht. In jedem Einzelfall ist darum sorgsam zu prüfen, ob die von Eltern und anderen Personen oder Institutionen freiwillig gewünschte Hilfeform für ein behindertes Kind in einer Kindertagesstätte, für dessen Eltern und in ihren Auswirkungen auf die anderen Kinder und die Erzieher angemessen ist, das heißt, die Entwicklung dieses Kindes und die der anderen Kinder in einer Gruppe fördert.

2.
Es sollte allein in der Verantwortung der leitenden Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern und vor allem der Träger, ob sie ihre Einrichtung beziehungsweise eine bestimmte Gruppe für geeignet halten und die hierfür nötigen Rahmenbedingungen bereitstellen können, darin einem behinderten Kind die Hilfe zuteil werden zu lassen, derer es bedarf. Das Gleiche gilt für die Betreuung von Kindern mit einem erhöhten erzieherischen Bedarf (Kinder mit gravierenden Verhaltensstörungen ).

3.
Die Möglichkeit der Aufnahme eines oder mehrerer Kinder mit Behinderungen oder anderem erhöhten Förderbedarf hängt ab von den an den Bedürfnissen der betreffenden Kinder orientierten Rahmenbedingungen. Damit ist gemeint, dass sowohl die Deputate von Erzieherinnen und anderem Fachpersonal dem jeweiligen Betreuungs- und Förderbedarf angepasst sein müssen. Dieser Bedarf ist in jedem Einzelfalle von einem hierfür eingerichtetem Expertenteam zu bestimmen und - hier vergleichbar mit den Hilfeplangesprächen im Jugendhilfebereich - in regelmäßigen Abständen den individuellen Erfordernissen anzupassen.

4.
Es sind integrierende Formen der für den Einzelfall gebotenen Arbeitsweisen zu realisieren und die Arbeitsbedingungen auch dem von der Zusammensetzung einer Gruppe her zu definierenden Bedarf laufend anzupassen. Bei dem Stichwort "Arbeitsweisen" ist zu denken an:

Planung und Organisation der pädagogischen Arbeit in der Gruppe unter Berücksichtigung der veränderten Erfordernisse.
Informationsleistungen für alle Eltern
Kooperation mit den Eltern des behinderten Kindes und den Fachdiensten
Koordination von Hilfen für das Kind sofern Fachdienste (z: B. Mediziner u. a. Therapeuten) beteiligt sind.
Gesonderte Fachtagungen (Erfahrungsaustausch) der Fachkräfte jener Kindertagesstätten, die behinderte Kinder in ihren Gruppen betreuen.

5.
Bisher befinden sich in Kindertagesstätten, der gleichsam klassischen und am weitesten verbreiteten Regeleinrichtung, ein - je nach Einzugsbereich unterschiedlicher - Anteil von Kindern mit erhöhtem erzieherischen Bedarf, ohne dass diesen Kindern eine besondere Hilfe zuteil wird. Es sind nicht zuletzt diese Kinder, deren Lebenschancen von vornherein schlecht sind und für die darum bereits im Kindergarten nach geeigneten Hilfen Ausschau gehalten werden muss. Im Einzelfalle mag die Aufnahme eines körper- oder geistig behinderten Kindes für sozial auffällige Kinder eine Hilfe sein. Überall da aber, wo sich in einer Gruppe bereits ein oder mehrere Kinder mit einem erhöhten erzieherischen Bedarf befinden, ohne dass für diese Kinder gesonderte pädagogische Hilfen bereit gestellt werden, muss sehr sorgfältig geprüft werden, ob und zu welchen Bedingungen die Aufnahme eines behinderten Kindes verantwortet werden kann.

6.
Aufgabe von Fachberatungen wäre es, für eine sachgerechte Information (Fortbildung) und Beratung der beteiligten Erzieherinnen zu sorgen. Ein Kontakt mit Einrichtungen, die in Bezug auf die Integration Behinderter in Regeleinrichtungen über Erfahrungen verfügen, ist anzustreben.


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