Dr. Joachim Rumpf

Aufsätze zur Pädagogik in Kindertagesstätten

 

Kindergärten und Regionaler Fachdienst

Bericht über ein Projekt im Landkreis Waldshut

 

Vorbemerkung

Dem Kindergarten wird in den Medien und in der Kulturpolitik gegenwärtig viel Aufmerksamkeit zugewendet. Es werden Erwartungen und Forderungen an diese pädagogische Institution herangetragen, die angesichts der seit vielen Jahren bekannten mangelhaften Rahmenbedingungen der Erziehungs- und Bildungsarbeit den Eindruck hervorrufen, als wüssten die Bildungspolitiker nicht, worüber sie sprechen beziehungsweise, an welcher Realität sie ständig vorbeireden.

Hier möchte ich, um diese Realitäten an einem Beispiel deutlich zu machen, über ein hoffnungsvolles Projekt berichten, an dem ich vor einigen Jahren teilgenommen hatte. Aufbruchstimmung kam auf, gleichsam ein Ruck ging durch die maßgeblichen Befürworter dieses Projekts, wie unserem Landrat oder der Leitung des Landesjugendamtes Baden sowie der Fachberater öffentlicher und verbandlicher Träger in unserer Region. Erhofften sich doch alle Beteiligten ein Signal in Richtung einer systematischen und permanenten Unterstützung und Weiterbildung vor Ort aller unserer Fachkräfte in den Kindergärten und Tagesstätten.

So erfolgreich das Projekt auch verlief, so beschämend blieben die Folgen, weil

1. sich Erzieherinnen und die hier herausgeforderten kommunalen Träger nicht bereit erklärten oder / und in der Lage sahen, den sich bewährenden "Regionalen Fachdienst" über die Projektzeit hinaus zu fördern bzw. in Anspruch zu nehmen.

Jeder der Verantwortlichen wollte zwar mehr und bessere Arbeitsergebnisse - nur die Voraussetzungen hierfür wollte eine demokratische Mehrheit - u. a. in einer Bürgermeisterversammlung im Landratsamt - nicht schaffen.

Ich habe den Eindruck, dass die gegenwärtige Diskussion in der Öffentlichkeit um die qualitativen Veränderungen in der Elementarpädagogik diese Realität - die im ganzen Lande anzutreffen ist - ausblendet. Denn wenn die kulturpolitischen Forderungen von den Trägern in die Praxis umgesetzt werden sollen, dann werden die kommunalen oder verbandlichen Träger von Kindertageseinrichtungen blockieren oder wenigstens verwässern, wo und solange es irgend irgend geht. Es sei denn, die, die eine andere Qualität wünschen, bezahlen sie auch! Und damit sind die betroffenen Erzieherinnen angesprochen, die Eltern der Kinder oder die (in Baden-Württemberg nicht zuständigen) Kultusbehörden.
Wer aber nicht bereit ist, die hierfür notwendigen Rahmenbedingungen zur Verfügung zu stellen, der soll das laut und öffentlich sagen: "wir wollen für einen veränderte Kindergartenpädagogik keinen Cent mehr ausgeben".

Wofür mehr Geld gebraucht werden würde? Hier soll nur eine Erkenntnis vorgetragen werden:

Eine Erzieherin (ganz gleich welchen berufsqualifizierenden Abschluss sie erwarb) wird ohne die oben genannte systematische und fortwährende Unterstützung und Weiterbildung vor Ort den sich verändernden Anforderungen - ob sie von den Kindern und ihren Familien, der Gesellschaft oder theoretischen Einsichten her an sie herangetragen werden - nicht gewachsen bleiben.
Jede sozialpädagogische Fachkraft braucht diese flankierenden Hilfen. Und die kosten nun einmal Geld.

Dr, Joachim Rumpf
15.12.2005

Heute - im Mai 2011 - gilt im Grunde noch immer das Gleiche! Es gibt inzwischen bereits einige Städte in Baden-Württemberg, die sozialpädagogische Fachkräfte für die Unterstützung der Erzieherinnen in den städtischen Kindertagesstätten einstellten. Systematisch und flächendeckend wird aber an der Realisierung eines Konzepts, ähnlich dem, wie wir es erprobten, nicht gearbeitet. Warum wohl auch  Fachkräfte in den Tagesstätten selbst keine Unterstützung wünschen ??!

 

 

Die nachfolgenden Texte sind auch im Projektbericht enthalten

 

Einführung

Der Kindergärten in unserer Gesellschaft


In den vergangenen dreißig Jahren hat der Kindergarten in unserer Gesellschaft einen immer höheren Stellenwert erhalten. In den Tageseinrichtungen für Kinder wird mehr getan, als Kinder gehütet und versorgt, damit die Eltern ihren Verpflichtungen daheim oder außer Haus nachgehen können. In den Tageseinrichtungen werden die Drei bis Siebenjährigen im ständigen Bewusstsein der Bedeutung dieses Lebensabschnitts für die Zukunft jedes einzelnen Kindes erzogen und herangebildet. "In diesem Alter werden die Koffer fürs Leben gepackt" so brachte es Herr Prof. Dr. Norbert Huppertz im Sommer 1988 anlässlich der Eröffnung unserer ersten Kindergartenausstellung hier im Landratsamt auf eine griffige Formel. Und es lässt sich hinzufügen: Weil das so ist, kommt dem Kindergarten mehr und mehr die Funktion der fundamentalen, weil Fundamente legenden Bildungsinstitution in unserem Gemeinwesen zu. Dass dies mehr und mehr der Fall ist hängt eng mit der fortschreitenden Schwierigkeit zusammen, die Eltern damit haben, ihre Kinder angemessen und allseitig auf Leben und Leistung in Schule, Berufsausbildung und Alltagsbewältigung vorzubereiten. Noch leisten Eltern zu einem größeren Anteil diese Aufgaben. Mit der Zunahme von Erziehungsunsicherheit und Orientierungslosigkeit aber wächst die Zahl jener Familien, für die der Kindergarten mehr ist, als eine "Ergänzung der in der Familienerziehung". Stattdessen gewinnt er, ähnlich wie schon in anderen europäischen Ländern, eine Bedeutung, die den Funktionen unserer Schule entspricht. Auch die Schule hat Erziehungs- und Bildungsaufträge zu leisten, die Eltern nicht leisten können.

Diesem Funktionswandel des Kindergartens von einer Kinderaufbewahrungsstätte hin zu einer Erziehungs- und Bildungsstätte für das Kleinkind in engem Kontakt mit den Eltern, schenkte der Landkreis Waldshut seit vielen Jahren seine besondere Aufmerksamkeit. So wurde zum Beispiel vor ca. zwanzig Jahren danach unter anderem danach geschaut, wie die Arbeits- und Ausbildungssituation der Fachkräfte in unseren Kindergärten aussieht. Denn eine pädagogische Einrichtung, die einen so hohen Anspruch zu erfüllen hat, braucht nicht nur Platz, Räume und eine geeignete Ausstattung. Sie braucht vor allem gut qualifiziertes und hoch motivierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Nicht zuletzt auf Grund der damals angeregten Veränderungen kamen in unserem Landkreis sowohl die Träger als auch die Kreisverwaltung und andere, an der Arbeit in den Tageseinrichtungen interessierte Personen und Institutionen in Bewegung. In Richtung Fachlichkeit verändert haben sich unter anderem, das zeigt die Untersuchung über die Kindergartensituation sehr gut, der Ausbildungsstand der Fachkräfte und die Berufszufriendenheit. Beide Faktoren sind elementare Voraussetzungen für eine gute pädagogische Arbeit.

Die pädagogische Arbeit soll auch in Zukunft gut bleiben. Dazu gehört, dass sie sich den sich ständig wachsenden höherwertigen Ansprüche von Seiten der Eltern und der Gesellschaft anpassen muss.

1. Da soll zum Beispiel ein Kindergarten den Eltern oder Trägern Auskunft geben über seine Ziele und Methoden, weil immer mehr wissen wollen, ob sie ihr Geld gut anlegen, wenn sie Kinder dort hin geben oder einen Kindergarten ausbauen beziehungsweise unterhalten.
Wenn aber nun in einem Kindergarten mit mehreren Gruppen von jeder Gruppenleiterin eine andere Methode bevorzugt wird oder gar andere Erziehungs- und Bildungsverständnisse vorhanden sind? Unsere Untersuchung hat zu diesem Thema gezeigt, dass es in zwei Dritteln unserer Einrichtungen einen didaktischen Mix gibt. Das muss kein Nachteil sein, wenn sich die Fachkräfte bewusst darauf eingelassen und dies in einer für alle gut nachvollziehbaren Konzeption verankert haben. Eine Konzeption als Orientierungshilfe für Eltern und Träger und als verbindende Leitlinie für die Erzieherinnen ist zweckmäßig. Wie die erarbeitet und fortgeschrieben wird, das können die meisten Fachkräfte aber nicht wissen.

2. Da soll zum Beispiel ein Erzieherinnenteam auf wachsende Sprachstörungen und Kommunikationshemmungen eingehen und Kindern und Eltern Rat und Hilfe geben. Die Sprachstörungen aber nehmen erst in den letzten Jahren zu und unsere Fachkräfte können nicht wissen, wie sie raten oder gar helfen sollen.

Und so gibt es eine ganze Reihe von Fragen und Problemen in Bezug auf die Kinder und deren Eltern, die nicht beantwortet und nicht bearbeitet werden können, weil den Fachkräften der hierfür notwendige fachkompetente Beistand fehlt. Während in jedem Unternehmen Vorgesetzte und andere fachkundige Mitarbeiter das Personal laufend beraten und schulen, bleiben die meisten unserer pädagogischen Fachkräfte sich selbst überlassen. Im Extremfall kann das bedeuten, dass mit der Zeit die pädagogische Arbeit auf der Stelle tritt oder gar einen Krebsgang einlegt. Diesem Phänomen widmet sich die Studie über die Fachberatung.

 

 

Ein Regionaler Fachdienst unterstützte die Arbeit in den Kindertageseinrichtungen


1.
Die Idee, die für die kommunalen Kindergärten und ihre Träger im Landkreis Waldshut zuständige Fachberaterin des Landesjugendamtes mit Hilfe eines Regionalen Fachdienstes zu unterstützen, ist 1989 geboren worden. Anlass waren sowohl die Erhebungen 1986 und 1990 in den Kindergärten, als auch die Begegnungen mit unseren Erzieherinnen in den Arbeitskreisen, bei denen immer wieder darüber geklagt wurde, dass sie sich allein gelassen fühlen. Gerade die Erzieherinnen der räumlich voneinander getrennten kleinen Kindergärten mit nur einer oder zwei Gruppen blieben ohne fachlichen Rat, wenn sie mal der Schuh drückte.
Diese Idee gewann in einem 1990 erarbeiteten Papier konkretere Gestalt. Dieses Papier bildete dann als Projektentwurf (1995) und Projektkonzept (1996) die Ausgangsbasis der praktischen Durchführung.

2.
Der folgende Auszug beschreibt die Beratungsaufgaben:

Der Regionale Fachdienst berät auf Anforderung die Leiterinnen, einzelne Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter oder Teams von Kindergärten besonders zu Fragen über Konzeption und Praxis in bezug auf
die Erziehung und Bildung von Kindern vor allem mit dem Blick auf Kinder mit erhöhtem erzieherischen Bedarf und vermittelt unter bestimmten Bedingungen geeignete Hilfen;
die Gestaltung und Förderung der Zusammenarbeit mit Eltern und Lehrern;
die Zusammenarbeit der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in einer Einrichtung.

Der Regionale Fachdienst versteht sich als Ergänzung zur zuständigen Fachberatung des Landesjugendamtes berührt deren Kompetenzen nicht. Er arbeitet mit den Fachberatern eng zusammen.

3.
Sowohl das damalige Landesjugendamt Baden als auch das Landratsamt Waldshut reagierten mit der Idee, zunächst im Rahmen eines Projekts zu prüfen, ob der von einigen Erzieherinnen geäußerte Bedarf tatsächlich bestünde, wie groß er sein und auf welche Inhalte er sich erstrecken könnte. Zugleich wurde gleichsam offiziell bestätigt, dass eine Fachberatung, die den Erwartungen der Erzieherinnen entsprechen würde, (vom Landesjugendamt) nicht eingerichtet werden könne. Als Träger für dieses Projekt stellte sich der Landkreis Waldshut zur Verfügung. Das Beratungen der Kindergärten wurden im April 1996 aufgenommen und endeten im Juli 1998. Einschließlich der Vorbereitungen und der Anfertigung des Abschlussberichts lief das Projekt von Anfang 1996 bis Ende 1998.

4.
In das Beratungsprojekt einbezogen waren drei Gemeinden aus unterschiedlichen Regionen unseres Landkreises mit insgesamt zehn Einrichtungen, 19 Gruppen und 35 Mitarbeiterinnen und einem Mitarbeiter.

5.
Zur Projektgruppe gehörten
Eine Sozialpädagogin (FH)
Erzieherin, Berufserfahrung in Kindergärten, Lehrerin an der Fachschule für Sozialpädagogik in der Justus Liebig Schule in Waldshut

eine Diplom-Sozialpädagogin (BA)
Beraterinnenausbildung, Berufserfahrungen in Heimen und in der Arbeit mit Behinderten und in Mutter-Kind-Gruppen unseres Landkreises; z.Zt. in der eigenen Familie hauptberuflich tätig

eine Diplom-Heilpädagogin (FH)
Beraterinnenausbildung, Berufserfahrungen in Heimen, Mutter-Kind Gruppen, z.Zt. in der eigenen Familie hauptberuflich tätig.

ein Diplompädagoge - Projektleiter
Lehrer, Erziehungsleiter; Berufserfahrungen in Schulen, Heim und Hochschule und aus Fort- und Weiterbildungen für Erzieherinnen.


6.
Für die Durchführung des Projekts wurden Begleitmaterialien erarbeitet. Unter der Überschrift:
"Beratung und Leitung von Kindertagesstätten. Handreichungen" wurden in vier Teilen einige Anregungen den beratenden Fachkräfte zur Verfügung gestellt (Abschlussbericht S. 91).
Um Verhaltensprobleme strukturierter erfassen zu können, stand ein "Früherfassungsbogen" zur Verfügung (Abschlussbericht, Anlage 5, S. 102 bis 107), der sich bereits in anderen Zusammenhänge bewährt hatte.
Es fanden sechs Zwischenauswertungen und ein Abschlussgespräch statt. Für die Zwischenauswertungen wurde je ein Zwischenbericht über den jeweils aktuellen Stand quantitativer und qualitativer Beratungsleistungen vorgelegt.
Um diese Berichte erarbeiten zu können brauchte es eine sorgfältige "Buchführung" über Umfang und Inhalte von Beratungsleistungen. Hierzu diente der "Rückmeldebogen" (Abschlussbericht Anlage 2 auf S. 98f).

Veröffentlichungen über das Projekt waren jene Informationen, die das Landratsamt Waldshut an die Regionalpresse gab.

 

Ergebnisse
Grundlagen: 143 Rückmeldebögen, 14 Projektgruppenkonferenzen, sieben Auswertungskonferenzen, zwei Befragungen :

Zur Inanspruchnahme:
Viele Erzieherinnenteams werden bestrebt sein, einen Regionalen Fachdienst zunächst vermehrt in Anspruch zu nehmen. Nach einer gewissen Zeit wird sich die Termindichte verringern und im Durchschnitt (bezogen auf alle kommunalen und privaten Einrichtungen unseres Landkreises) auf etwa vier pro Jahr einpendeln.

In diese Feststellung fließen folgende Annahmen mit ein, die wir auf Grund der Projekterfahrungen für wahrscheinlich halten:
ein zeitlich befristetes Angebot, wie unser Projekt, provoziert eine vermehrte Inanspruchnahme vor allem zu Beginn;
Problemsituationen mit Beratungsbedarf werden von Einrichtung zu Einrichtung und von Jahr zu unterschiedlich häufig auftreten;
eine unbekannte Anzahl von Einrichtungen wird einen "Nachholbedarf" haben;
zwischen zehn und fünfundzwanzig Prozent der Einrichtungen wollen überhaupt keinen Fachdienst in Anspruch nehmen (vgl. dazu auch das Ergebnis der Befragung 1997).


Von den 143 Beratungstermine fanden die meisten mittwochs statt (46), je 34 dienstags und donnerstags.
Die Hauptberatungszeit begann bei 94 Terminen, das sind zwei Drittel aller Termine, zwischen 13,30 und 16,00 Uhr nach 17,00 Uhr (38 Termine, das sind rd. 27 %). Man kann also festhalten, dass der Regionale Fachdienst überwiegend nachmittags und abends im Einsatz war.
Vormittagstermine wurden zum Beispiel dann nötig, wenn die Beraterin ein Kind in der Gruppe beobachten wollte.

Beratungsinhalte
In den 143 Beratungsterminen wurden in den Rückmeldebögen mehrere Beratungsthemen genannt, die sich folgenden Kategorien zuordnen ließen: (S. 30 und 52)

Konzeption und Konzeptionsentwicklung
30 Prozent
Fallbesprechungen
27 Prozent
Didaktische und methodische Fragen
17 Prozent
Elternarbeit, Zusammenarbeit mit Eltern
15 Prozent
Zusammenarbeit/Beziehungen im Team
8 Prozent
Kooperation mit der Schule/dem Träger
3 Prozent

 

 

Was die Beratung sonst noch brachte:

1. Konkrete Hilfen für die Arbeit mit Kindern
Die Erzieherinnen gaben dieser Frage bei der Rückmeldung den höchsten Wert. 29 der 34 Befragten (das sind 90 %) erklärten, dass die Beratung hier viel (3) bzw. sehr viel (4) geholfen hat (Abschlussbericht S. 79)

2. Persönliche Kompetenzen (einige Rückmeldungen)
eigene Bestätigung; - Unsicherheiten abgeschwächt; - hat Sicherheit gegeben;
ich wurde als gelernte Kinderpflegerin als Diskussionspartnerin ernst genommen; es hat mir Fachwissen, größeres Reflexionsvermögen und Kompetenz vermittelt; - durch die gemeinsame Erarbeitung unserer Konzeption wurde unser Team noch mehr zusammengeschweißt; - Fachwissen, Kompetenz; - unser Blickwinkel wurde erweitert; - durch die Beratung wurde ich oft auf neue Ideen gebracht andererseits wurde unsere Arbeit aus fachlicher Sicht für richtig empfunden: das stärkt das Selbstvertrauen; - wir waren positiv überrascht, wie viele Gedanken und Anregungen umgesetzt werden konnten ... die harmonische Atmosphäre, die dabei zwischen drei Kindergärten entstand, blieb über das Projekt hinaus bestehen; -

3. Impulse zur Kooperation innerhalb der Teams (84% viel/sehr viel)
mit anderen Fachkräften / Fachdiensten
er trug dazu bei überall dann und dort das entsprechende Netz zu aktivieren, wo Verbindungen zu Fachdiensten nicht bestehen beziehungsweise nicht in Anspruch genommen wurden / werden konnten,
und trug weiter dazu bei, den Erzieherinnen und Eltern zu helfen, möglichst rasch die für ein Kind geeignete Hilfe zu finden bzw. aus den verschiedenen Institutionen die möglichst richtige auszuwählen und - ganz allgemein - Erzieherinnen zu diesen Fragen in ihren Bemühungen um die Kinder und deren Eltern zu unterstützen.

 

Wie es weiter ging:

In einer der regelmäßig stattfindenden Bürgermeisterversammlungen des Landkreises Waldshut, wurde die Einführung eines Regionalen Fachdienstes oder auch nur einer "Kollegialen Fachberatung" (Erzieherinnen beraten Erzieherinnen) für alle Tageseinrichtungen in Kommunaler Trägerschaft im Landkreis abgelehnt. Begründung: Das brauchen unsere Fachkräfte nicht. Die können sich selber beraten.

Allerdings hatte diese Argumentation insofern einen realen Hintergrund, da in einer späteren Phase nach Abschluss des Projekts, als die Projektmitarbeiter versuchten, das Beratungsangebot als gleichsam private Dienstleistung anzubieten und das Kreisjugendamt bereit war, einen kleinen Kostenanteil zu übernehmen, das Angebot von den Fachkräften kaum in Anspruch genommen wurde. Einer der möglichen Gründe war sicher, dass die Fachkräfte hätten weiterhin das Angebot nur außerhalb ihrer Dienstzeit realisieren können. Anders als in der Wirtschaft, stehen für Supervision oder Fachberatung im hier vorgetragenen Verständnis, in nur wenigen sozialpädagogischen Einrichtungen, die Arbeitszeiten zur Verfügung. Nehmen wir noch hinzu, dass ein großer Teil unserer Erzieherinnen nur ein Teildeputat haben und ihre Freizeit für Verpflichtungen in ihrer eigenen Familie dringend brauchen, wird die beobachtete Zurückhaltung verständlich. Denn wer zum Beispiel an nur drei Vormittagen in der Einrichtung ist, kann nicht einen davon für Beratung und Förderung hergeben. Hier sind einfach Grenzen durch strukturelle Rahmenbedingungen gesetzt.

Und noch eine Beobachtung: Kommunen als Träger sozialpädagogischer Einrichtungen, also die Städte und Landgemeinden, vertreten duch ihre Bürgermeister, blockieren Kontakte der Mitarbeiterinnen ihrer Einrichtungen untereinander, wenn sie glauben, dass es zu einem Zusammenwirken oder gar zu einem mehr oder weniger formellen Zusammenschluss der Vertreterinnen kommunaler Einrichtungen in einer größeren Stadt oder in einem Landkreis kommen könne. Überall dort, wo  entsprechende Arbeitskreise von den Leiterinnen selbst und/oder auf Anregung von Fachberaterinnen gebildet werden, ist ein entsprechendes Engagement z. B. von Leiterinnen in der Freizeit zu erbringen.

Zweifellos spielten auch zusätzliche Kosten, die auf einen Träger hätten zukommen können, eine Rolle, dass Bürgermeister ihre Fachkräfte nicht ermutigten, derartige Angebote anzunehmen.
In den Mittelzuweisungen an die Gemeinden sind auch die für die Einrichtung und den Betrieb von Kindertagesstätten enthalten. Ob und wie viel von diesen Mittel den kommunalen Kindertagesstätten aber zu Gute kommen, liegt in der Entscheidungskompetenz der Gemeinde. "Am Geld fehlt es nicht. Von dem Geld, das die Gemeinden für ihre Kindergärten erhalten, könnten sie sich goldene Gulideckel anschaffen", erklärte mir in diesem Zusammenhang im Februar 2008 der Mitarbeiter einer Kreisverwaltung in Baden-Württemberg. Zu dieser Erfahrung passt die Einschätzung, die mir im Juli 2007 der leitende Mitarbeiter eines baden-württembergischen Jugendamtes mitteilte.
Danach betrachteten Träger einen Fachdienst als einen Eingriff in die innere Angelegenheit der Kommunen. Und in ihrer Entscheidungskompetenz, zum Beispiel ob sie das für die Kindergärten gedachte Geld lieber für andere Zwecke ausgeben, wollen sich Bürgermeister / Trägervertreter nicht beschneiden lassen. .


 Und wenn zur Zeit immer wieder zu lesen ist, dass in den Kindergärten besser auf die Schule vorbereitet werden soll und hierfür sogar Projekte finanziert werden, dann muss angesichts der hier geschilderten Erfahrungen gefragt werden,

warum die Entscheidungsträger nicht zuerst einmal dafür sorgen, dass kontinuierlich und vor Ort Erzieherinnen die Hilfe zuteil wird, die sie selbst wünschen.

Und wieder die gleiche Antwort: Die meisten Kindergartenträger sind nur bereit, Qualitätsverbesserungen zuzulassen, wenn die Kosten hierfür Andere übernehmen. Und an die Adresse der Fachkräfte gerichtet sei die Vermutung, dass (wie bei den Schulpädagogen) eine empirisch nicht fassbare Anzahl nicht bereit oder in der Lage ist, den mit Beratung und Förderung verbundenen Aufwand in kauf zu nehmen.
Eine Qualitätsverbesserung der Arbeit im außerschulischen Bereich findet in den hier angedeuteten Bedingungen ihre Grenzen.

Dies ist eine der betrüblichsten Erfahrungen aus unserem Projekt.
Eine Volksweisheit zum Schluss: Wem nicht zu raten ist, ist nicht zu helfen.

 

 

 

 

 


Dr, Joachim Rumpf

15.12.2005
03.08.2011