Dr. Joachim Rumpf

Aufsätze zur Pädagogik in Kindertagesstätten

Einführung

 

Einige mir wichtige Bemerkungen voraus:

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Siebzehn Jahre war ich alt, als ich, direkt von der Schulbank weg, zum ersten Male hauptberuflich sozialpädagogische Verantwortung übernahm. So etwas war nur möglich, weil es in den ersten Jahren nach dem zweiten Weltkriege an pädagogischen Fachkräften fehlte. Seither arbeitete ich in mehreren pädagogischen Einrichtungen - aber auch für sie.

Da denke ich unter anderem an die Fortbildungen, die ich für sozialpädagogische Fachkräfte und Lehrerinnen und Lehrer bei den Trägern der freien und öffentlichen Jugendhilfe und in Schulen durchführte. Im Kreis Waldshut organisierte und begleitete ich Arbeitskreise von Erzieherinnen in Kommunalen und Kirchlichen Kindergärten und Horten mit den Zielen einer verbesserten beruflichen Kompetenz im Alltag über Austausch und Kooperation und einer öffentlichkeitswirksamen Repräsentation der sozialpädagogischen Leistungen.
Sowohl die Ausstellungen "Der Kindergarten stellt sich vor" als die Ausstellung und Festveranstaltung anlässlich des Jubiläums "Zwanzig Jahre Kooperation Kindergarten und Grundschule im Landkreis Waldshut" waren Ergebnisse dieser Arbeiten.
Leider gelang es nicht, was ebenfalls zu meinen Bestrebungen gehörte, eine dauerhafte Vertretung der Mitarbeiterinnen in Tagesstätten - zum Beispiel in einem kleinen Arbeitskreis von gewählten Delegierten aller Mitarbeiterinnen zumindest der kommunalen Einrichtungen - ins Leben zu rufen. Die Engagiertesten Pädagoginnen waren lediglich bereit an der Vorbereitung und Durchführung der genannten und anderer Projekte mitzuwirken. Eine Art Fachvertretung im Landkreis, der die sozialpädagogischen Belange von Kindergärten und Tagesstätten hätte nach Außen vertreten können, kam nicht zu Stande. Diese dauerhafte und sich recht aufwändige Arbeit, die nur hätte ehrenamtlich und in der Freizeit geleistet werden könne, wollte oder konnte keine der Pädagoginnen übernehmen.

Selbstverständlich blieb es den wenigen Ausnahmen unter den Fachkräften unbenommen, sich in Gewerkschaften oder Berufsverbänden zu engagieren. Doch deren Einflüsse zum Beispiel auf die Praxis der Arbeit vor Ort oder gar gegenüber maßgeblichen Gremien, wie dem Kreistag, einem Gemeinde- oder Stadtrat oder gar der Bürgermeisterversammlung ist von dorther nicht möglich.

So ist und bleibt eine öffentlichkeitswirksame Vertretung sozialpädagogischer Belange entweder einem hierfür von seiner personellen Zusammensetzung her in der Regel wenig oder fachlich überhaupt nicht kompetenten Gremium wie einem Kreistagsausschuss (zum Beispiel der Jugendhilfeausschuss) überlassen. Oder Einzelpersonen und/oder private Institutionen - wie zum Beispiel das Jugendhilfswerk Freiburg e. V. - übernehmen derartige Funktionen.

 

 

2
Die Freien bzw. verbandlichen Träger, wie die örtlichen Wohlfahrtsverbände, unterstützen und fördern nach besten Kräften die Arbeit in den Tagesstätten Ihrer Zuständigkeiten und stellen hierfür auch gut ausgebildete und sehr engagierte Fachkräfte (Fachberater) zur Verfügung.
Die kommunalen Träger hingegen, und bei uns im Landkreis Waldshut unterhalten sie mehr als die Hälfte aller Kindergärten, sind nur in Ausnahmefällen (in Städten wie Freiburg, Konstanz oder Stuttgart zum Beispiel) bereit, für eine fachliche Unterstützung und Begleitung ihrer pädagogischen Mitarbeiterinnen Mittel bereit zu stellen. So kommt es, dass unsere Kindergärten "pädagogische Inseln" sind. Das stärkt zwar die Autonomie in Bezug auf die erzieherische Konzeption und Praxis, verhindert aber auch einen diesbezüglichen Austausch und überlässt die fachliche Weiterentwicklung der Einsichtsfähigkeit, dem Wollen oder, etwas zugespitzt und provokativ formuliert: dem Belieben der in einer Einrichtung tätigen Fachkräfte. Freilich ist der Einfluss von Ausbildungsstätten nicht zu unterschätzen, die diese, über ihre Praktikantinnen in den Tageseinrichtungen für Kinder, haben. Besuchen doch die ausbildenden Lehrerinnen und Lehrer der sozialpädagogischen Fachschulen oder Fachhochschulen ihre Studentinnen regelmäßig und tauschen sich mit den die Praxis anleitenden Fachkräften aus. Und wenn man eine optimistische Perspektive wählt, dann lässt sich sagen, dass Beteiligten alle von dieser fachlichen Interaktion profitieren. Ich würde auf Grund meiner persönlichen Erfahrungen sagen, dass die überwiegende Zahl der sozialpädagogischen Fachkräfte sehr gern bereit ist, zu lernen und sich auf dem Laufenden zu halten. Es wird wohl von keiner anderen Berufsgruppe eine Fachzeitschrift wie zum Beispiel "kindergarten heute" mit so viel Interesse gelesen, wie von Erzieherinnen. Dies wird jedem Interessierten die Redaktion dieser Freiburger Zeitschrift gern bestätigen.Dennoch bleibt für mich ein Rest: Es waren und sind die öffentlichen Träger, die Städte und Gemeinden mit ihren zuständigen Gremien und Bediensteten, denen es sehr schwer fällt, den sozialpädagogischen Fachkräften in ihren Einrichtungen die Förderung durch fachlich kompetente Begleitung zur Verfügung zu stellen, die diese sich selbst wünschen.

 

 

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Nun können meine Beiträge diese Lücke nicht füllen. Ich stelle mit den folgenden Aufsätzen lediglich jene "Handreichungen" interessierten Fachkräften zur Verfügung, die im Zusammenhang mit dem Projekt "Regionaler Fachdienst" in unserem Landkreis erarbeitet und seither ergänzt bzw. überarbeitet wurden. Einige Teile aus diesen "Handreichungen" finden Sie, liebe Besucherinnen und Besucher, in der Loseblatt-Sammlung "Handbuch für Erzieherinnen…" (Hrsg.: Armin Krenz und Klaus Schüttler Janikulla 26. und 27. Lieferung aus dem mvg-Verlag Landsberg) und in dem Buch über den Umgang mit Aggressionen (Schreien, schlagen, zerstören" (aus dem Reinhardt Verlag in München). In die Texte sind eine Fülle an Erfahrungen und Erkenntnisse aus praktischer pädagogischer Arbeit in Schulen und Jugendhilfeeinrichtungen, aus Forschung und Lehre der sozialpädagogischen Abteilung an der Pädagogischen Hochschule in Freiburg, aus der Ausbildung von Erzieherinnen an einer Fachschule und in der sozialpädagogischen Praxis sowie aus Fortbildungsveranstaltungen mit Erzieherinnen eingeflossen. Dieser Theorie- und Praxisbezug vermag allen Aussagen ein hohes Maß an Solidität verleihen. Sie entbindet die Leserin/den Leser jedoch nicht von kritischer Verarbeitung. Von anderen Personen oder in Zeitschriften und Büchern vorgeschlagene Handlungs- oder Sichtweisen lassen sich nur dann kompetent vertreten, wenn man sich von deren Richtigkeit oder Zweckmäßigkeit überzeugt hat. Meine Wirksamkeit im Beruf hängt nicht zuletzt von meiner inneren Überzeugung über die Richtigkeit der vertretenen Anschauungen und Anforderungen ab.

Darum ist dringend anzuraten, die folgenden Texte besonders kritisch zu lesen, mit den eigenen Erfahrungen zu vergleichen und zunächst nur das zu übernehmen, was gleich einleuchtet, weil man das selbst auch so sieht beziehungsweise sehen kann. Alles andere sollte als Aufforderung betrachtet werden, noch einmal darüber nachzudenken. Vor allem, wenn eine aktuelle Situation es erfordert, kann es durchaus sinnvoll sein, die Vorschläge aus den Handreichungen mal auszuprobieren und zu prüfen, ob sie sich so bewähren oder wie weit sie den jeweiligen Erfordernissen angepasst oder verändern werden müssen.
Insofern sollen die hier veröffentlichten Aufsätze nicht als Vorschriften aufgefasst und behandelt werden, sondern als erprobte Konzepte, die der ständigen Aktualisierung und Modifizierung bedürfen. Sie bieten lediglich Anregungen an, die in der Abfolge:

kritische Prüfung - ausgewählte Umsetzung - Anpassung/Veränderung - Ergebniskontrolle -

zur Übernahme in ein eigenes Handlungskonzept führen können. Jene Informationen, die auf Forschungsergebnissen beruhen und entsprechend belegt sind, kann man auch dann nicht einfach zur Seite legen, wenn einem die Inhalte nicht in das eigene Konzept passen. Hier empfiehlt es sich, die angegebenen Quellen (Bücher, Zeitschriftenaufsätze) nachzulesen und sich zu vergewissern. Zu denken ist hier zum Beispiel an das Kapitel über die Grundbedürfnisse von Kindern, an denen sich die pädagogische Arbeit in unseren Kindertagesstätten orientrieren sollte. Alles Tun und Lassen im pädagogischen Alltag hat auf die Entwicklung unserer Kinder ihre Auswirkungen. Und diese wieder korrespondieren mit den Bedürfnissen eines jeden Kindes, seiner Eltern und Erzieher.

Ich wünsche allen Pädagoginnen und Pädagogen im Umgang mit diesen Texten ein kritisches Interesse und eine schöpferische Aneignung!

Dr. Joachim Rumpf
Görwihl, im Juli 2006

Noch ein Nachtrag: Wenn ich mir heute, fünf Jahre später die Aufsätze auf dieser Homepage durchschaue - und das gilt auch und ganz besonders für die über die Arbeit in unseren Kindertagesstätten - dann stelle ich die Gültigkeit bzw. Aktualität meiner Berichte und Arbeitsergebnisse fest. Mit anderen Worten: Veränderungen kommen nur recht langsam voran oder finden sich, wenn überhaupt, nur in bestimmten ausgewählten Tageseinrichtungen. Während die Kulturpolitik immer lauter die Bedeutung der pädagogischen Arbeit in den Tageseinrichtungen betont und sogar entsprechende Rahmenbedingungen zu schaffen bereit ist, ändert sich im pädagogischen Alltag zu wenig. Was ich damit meine, soll ein Beispiel verdeutlichen:
Einer meiner Neffen hat mit seiner Frau zwei Töchter im Kindergartenalter. Er sagte kürzlich zu mir: "Da kann ich (an den Kindergarten) hinkommen, wann ich will: wenn die Kinder draußen auf dem Freigelände sind, sitzen die Erzieherinnen am Rand und schwätzen miteinander. Ich hab schon mal gewartet, was sonst noch passiert. Eigentlich nichts. Sie gucken nicht nach den Kindern. Sie sind mit sich selbst beschäftigt. Ich meine, die sollten wie bei N. mit den Kindern spielen und nicht rumsitzen".

Diese Beobachtung wurde mir von Eltern mehrfach und schon vor dreißig Jahren vorgetragen. Die Erzieherinnen, die ich dazu befragte (in Fortbildungsveranstaltungen zum Thema: "Gezielte Beobachtung im Kindergarten"), erklärten das "Herumsitzen" mit: wir beobachten. Doch Aufzeichnungen darüber, wie sie systematisch und gezielt beobachteten, konnte mit keine vorweisen. Und als ich meinen Neffen bat, mir die Konzeption des Kindergartens zu zeigen, um nachzulesen, was über das "Freispiel" und über das Spiel draußen auf dem Spielplatz gesagt ist, wusste er nichts von einer Konzeption.

In der Kindertagesstätte "N", auf die mein Neffe verwies und den die beiden Söhne einer Nichte besuchen, sind tatsächlich die dort tätigen Fachkräfte gleichsam pausenlos mit den Kindern beschäftigt. Ganz gleich ob in den Räumen oder auf dem Freigelände. Es handelt sich bei "N" um einen privaten Träger. Den Trägerverein initiierten vor rd. zwanzig Jahren die Leiterin und ihr Mann mit einigen Eltern. Über die zeitweilige Mitwirkung der Eltern ist die alltägliche pädagogische Arbeit ihnen viel transparenter, als wenn sie nur gelegentlich mal "über den Zaun" gucken können.

Dass die Fachkräfte nicht umhin können, sich unmittelbar - und ich meine damit auch durch Körperkontakte -  den Kindern zu widmen, das wird mit der Öffnung von Tagesstätten für Kleinkinder virulent. "Ohne Bindung keine Bildung" sagte die erfahrene Pädagogin Johanna Schulz aus dem Kindergarten "Sonnengarten" in Freiburg (BZ am 16.05.2012, S. 8) und erinnert damit an einen Titel eines Buches von Armin Krenz und Ferdinand Klein: "Bildung durch Bindung" (Göttingen 2012). Sie spricht in dem Interview die emotionale Zuwendung an, auf die die ganz kleinen Kinder angewiesen sind. Um diese Zuwendung, z. B. kuscheln, schmusen leisten zu können, braucht es einen Personalschlüssel von einer Fachperson für zwei bis drei Kindern. Der Gedanke, dass eine Mutter es ja hier und da auch mit mehreren Kindern zu tun hat und eine Erzieherin das auch leisten können müsste übersieht, dass die Kinder in einer Familie unterschiedlich alt sind. Die älteren Kinder brauchen, siehe das Beispiel oben, weniger Körperkontakte mit der pädagogischen Fachkraft.

Es ist nicht leicht, die pädagogische Qualität der Arbeit in einer Kindertagesstätte zu beurteilen. Und ohne ein möglichst praxisnahes operationales Konzept gibt es ja auch keine Maßstäbe, an denen sich Eltern orientieren können. Und das von den verschiedenen Trägern immer wieder große Anstrenungen unternommen werden, um den Anforderungen an eine, den Erwartungen und Erfordernissen gerecht zu werden, dokumentieren sie in bemerkenswerter Übereinstimmung selbst. Vgl. dazu z. B. die Dokumentation eines Projekts:  "Gemeinsam für das Kind. Erziehungspartnerschaft und Elternbildung im Kindergarten" Hrsg. von Susanne Hartmann u. a. Weimar - Berlin 2007


Görwihl, im Mai 2012



Bisher sind von mir folgende Abteilungen eingestellt worden:

 

 


Leitung sozialpädagogischer Einrichtungen

 in dieser Abteilung finden Sie u. a. Aufsätze über "Frauen in Leitungspositionen", über den Zusammenhang von  "Macht und Leitung" und über
"Leitung in der Wirtschaft"

"kindergarten heute"


Qualität und Fachberatung

 

Fachdienste / Fachberatung


Religiöse Orientierung

 

Kindergarten und Gemeinwesen

Didaktik der Fachberatung


Integration


Fortbildung und Qualität

 

Eine "Kleine Heilpädagogik" in Tagesstätten

© Dr. Joachim Rumpf
Diplompädagoge
Hühnerbühl 7
79733 Görwihl
Tel.: 07754 487

Mail: j.rumpf@gmx.de

 

 

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