11. Beratung und Träger
Männliche Trägerschaft und weibliche Leitung kann sich konfliktfördernd
auf die Beziehungen zwischen beiden Personengruppen auswirken. Dass
ergänzend (oder bestätigend) andere Gesichtspunkte hinzutreten
und unsere Arbeit beeinflussen werden, soll nachfolgend ausgeführt
werden.
Sobald wir aus dem sozialpädagogischen Raum heraustreten und in
Berührung kommen mit denen, die die Tageseinrichtungen für
Kinder tragen, das heißt unter anderem: die Kindergärten
bauen und einrichten, die das Personal einstellen und alle anderen Rahmenbedingungen
schaffen müssen, erlebe ich die Gefahr, zwischen die Stühle
zu geraten. Ich möchte von einem Beispiel ausgehen:
Auf einem Vortragsabend in einer Gemeinde unseres Landkreises erklärte
der Pfarrer, dass der Kindergarten ihm von allen seinen Arbeitsbereichen
die meisten Sorgen bereite. "Auf den Caritasverband (der die Standards
von Rahmenbedingungen dem Träger gegenüber zu vertreten hat)
bin ich ganz schlecht zu sprechen" rief er aus. "Ich wäre
froh, wenn ich den Kindergarten los wäre".
Auch Bürgermeister hörte ich klagen: "Die meisten meiner
Erzieherinnen kosten zuviel und tun zu wenig", sagte kürzlich
einer von ihnen. "Wenn ich sie, die fünftausend Mark brutto
verdienen, (er sprach von einer tariflichen Eingruppierung nach 4b)
mit denen anderer Mitarbeiter im Rathaus vergleiche, dann erwarte ich
mehr Kompetenz und verstehe die Argumentation nicht, dass sie für
dies und jenes nicht hinreichend qualifiziert sind und Hilfe und Unterstützung
brauchen..."
Ein anderer ist sich unsicher, wieweit er ein Kindergartenteam in Entscheidungsprozesse
über Neueinstellungen einbeziehen sollte, wenn doch der Gemeinderat
ganz andere Positionen einnimmt und die Bewerberin ablehnt, die das
Team befürwortet.
Und wenn im Gespräch Trägervertreter oder Eltern ihre Positionen
mit Beispielen belegen und damit ihre distanzierte und für die
Arbeit des Kindergartens wenig förderliche Haltungen begründen,
dann fühlt sich der Sozialpädagoge leicht in die Ecke gedrängt
und es fällt ihm schwer, seinerseits für bessere Rahmenbedingungen
einzutreten oder sonst wie eine Lanze für (bestimmte) Erzieherinnen
zu brechen.
Erzieherinnen ihrerseits sehen sich benachteiligt und unzureichend anerkannt,
wenn sie an ihre Arbeitsbedingungen (zum Beispiel Gruppengrößen,
Öffnungszeiten, Beurlaubungen bei Fortbildungen, Akzeptanz ihres
Berufsstandes und Anerkennung ihrer Bemühungen u. a.) denken. Setzte
man Träger (Eltern) und Erzieherinnen beide an einen Tisch, dann
würde außer gegenseitigen Vorwürfen und beiderseitiger
Taubheit für die Sorgen und Nöte des jeweils anderen nicht
viel herauskommen.
- Für die Funktion der Einrichtung aber, also die Betreuung, Erziehung
und Bildung von Kindern, wirken sich Störungen der angedeuteten
Art wahrscheinlich nachteilig aus. Eine Erzieherin, die der Überzeugung
ist, dass ihre Bemühungen "von niemandem" anerkannt werden,
verliert die Freude an der Arbeit und das Interesse am Engagement. "Wozu
soll ich mich anstrengen - es heißt ja eh, Erzieherinnen tun nichts".
- Überall dort, wo wir derartige Konfliktsituationen antreffen,
ist die Fachberatung, zu deren Aufgabe die Beratung von Trägern
und Mitarbeiterinnen gerade zu diesem Beziehungsfeld gehört, entweder
mangelhaft gewesen oder gar nicht zum Zuge gekommen, weil niemand zuhören
wollte.
Wie gestaltet sich unsere Aufgabe, wenn wir auf ein so unfreundliches
Klima stoßen oder an uns Klagen herangetragen werden?
Die Bearbeitung von Missverständnissen oder Missständen zwischen
einem Träger und seinen Erzieherinnen gehört nicht zu den
Aufgaben eines, den Fachberater ergänzenden Fachdienstes. Dies
bleibt in der Kompetenz der zuständigen Fachberatung. Hierzu aber
einige ergänzende Überlegungen:
1. In der Praxis wird unsere Distanz zum Träger so groß
sein, wie dieser es wünscht. Dort, wo ein hoher Identifikationsgrad
eines Trägers mit seinen Kindergärten vorhanden ist und
er alles in seinen Kräften stehende tut, um die Rahmenbedingungen
günstig zu beeinflussen, wird ein sehr großes Interesse
vorhanden sein, mit uns Verbindung zu halten, eigene Vorstellungen
einbringen zu können und sich selbst beraten zu lassen. Vielleicht
schwingt in derartigen Fällen auch der Wunsch mit, über
unmittelbare Kontakte mit den Fachberaterinnen, Informationen aus
erster Hand zu erhalten und das Beratungsgeschehen selbst mit beeinflussen
und kontrollieren zu können/wollen.
Ich halte diese Motive für verständlich und legitim. Wie
das organisatorisch aussehen würde und welche Zeit das kostet
und von der unmittelbaren Arbeit mit den Erzieherinnen abgezogen werden
muss, bleibt abzuwarten. Wenn es aus derartigen Gründen zu gesonderten
Terminen käme, müssten Inhalt und Zeit festgehalten werden.
2. Unsere Aufgabe ist es, die Erzieherinnen zu den von ihnen gewünschtenfachlichen
Themen zu beraten. Es ließe sich hinzufügen: sonst nichts
weiter. Selbst wenn es gelingt, uns konsequent aus Konflikten zwischen
Erzieherinnen und dem Träger (oder Erzieherinnen und bestimmten
Eltern) herauszuhalten, so erfahren wir davon, wenn sie uns vorgetragen
werden. Ich schlage folgende Vorgehensweise vor:
wir hören die Klagen an, wir hören zu;
wir prüfen dabei, ob noch Reste eines guten Willens zum Dialog
vorhanden sind;
wir ermutigen, einen Dialog (wieder) aufzunehmen;
wir signalisieren persönliches Verständnis enthalten uns aber
jeder professionell zu interpretierenden Parteilichkeit.
Die letzte Empfehlung sei erläutert: Eine Erzieherin klagt darüber,
dass sie für ihre Arbeit zu schlecht bezahlt wird, die Arbeitszeit
für sie ungünstig ist oder sie nicht für Fortbildung
freigestellt wird. Arbeitsrechtliche und tarifliche Themen aber gehören
nicht zu unserem Aufgabenbereich. Wir können derartige Informationen
zwar aufnehmen - nicht aber bearbeiten. Hier sind die Träger,
die Spitzenverbände, die Standesvertretungen und die Berufsverbände
gefragt. Dort gehören derartige Themen hin.
Ob und wieweit wir Informationen über Rahmenbedingungen überhaupt
weiterverfolgen, hängt davon ab, wie sie unseren Auftrag tangieren.
Wenn wir diesen Auftrag ganz allgemein formulieren, dann lässt
sich sagen, dass Fachberatung dazu beizutragen hat, die Funktionen
eines Kindergartens zu optimieren. Die zentrale Funktion des Kindergartens
ist die Förderung von Kindern, so wie es in den Gesetzen (KJHG
und KGaG) festgelegt wurde und nicht die Beschäftigung von Erzieherinnen
oder die materielle Belastung einer Kommune. Dies sind lediglich Folgen
der genannten Gesetze. Wer diese Folgen nicht wünscht, muss also
die Gesetze ändern.
Gerade angesichts der Klage mancher Träger über die mit der
Unterhaltung von Kindergärten verbundenen Belastungen ist es gut,
wenn wir uns stets dessen bewusst sind, dass Kindergärten aus einer
Reihe allgemein bekannter Gründe vom Gesetzgeber eingerichtet wurden
und unsere Trägervertreter (Bürgermeister und Pfarrer) nicht
selten jenen politischen Gruppierungen nahe stehen, die durch ihre politischen
Entscheidungen die Basis für die Klagen und Belastungen erst schufen.
Wir brauchen nur an die Ursachen zu denken, die zu dem Rechtsanspruch
auf einen Kindergartenplatz führten, die bekanntlich nicht aus
Theorie und Praxis der Sozialpädagogik (also der eigentlich zuständigen
Fachdisziplin) abgeleitet wurden. Oder denken wir an die Veränderungen
der Lebensbedingungen von Kindern und deren Familien, die die Betroffenen
ebenfalls nicht zu verantworten haben, sondern in erster Linie jene,
die Macht und Einfluß haben und politische Verantwortung in Staat
und Gesellschaft tragen.
3. Am Beispiel der Organisation von Beratung - also der Rahmenbedingungen
unseres Angebots - können für die betroffenen Erzieherinnen
und für unsere Aufgaben und Möglichkeiten Probleme entstehen.
Niemand kann einem Träger Vorschriften machen, was er zum Beispiel
zulässt oder beschränkt. In der Bürgermeistermeisterkonferenz
ist lediglich ihre Bereitschaft signalisiert worden, mitzumachen.
Der Projektbericht gab Auskunft darüber, welcher Umfang und welche
Inhalte erwartet werden könnten.
Es ist aber noch völlig offen, ob tatsächlich und in welchem
Umfang Beratung erbeten wird. Jeder Träger wird das anders handhaben
wollen. Ein Meldebogen, wie in der Projektphase gehandhabt, wird auch
künftig zweckmäßig sein.