Dr. Joachim Rumpf

Aufsätze zur Pädagogik in Kindertagsstätten

 

Eine Didaktik der Beratung von Fachkräften in Kindergtagesstätten

 

Eine Bemerkung voraus:
Das hier wiedergegebene Konzept einer Beratungsdidaktik ist während eines fünfjährigen Projekts im Landkreis Waldshut in einem ständigen Dialog von beratenden Sozialpädagoginnen und den Fachkräften der am Projekt beteiligten Kindertagesstätten erarbeitet worden. Darum auch wird von "uns" gesprochen. Alle Informationen über das Projekt, vor allem die, über die Ergebnisse, sind sowohl beim beteiligten Jugendamt des Landkreises Waldshut als auch beim federführenden ehemaligen Landesjugend Baden im Referat Kindertagesstätten gesammelt worden.
Mit einer Veröffentlichung im Internet verbinde ich die Hoffnung, dass unser Beratungsansatz in Lehre und Praxis bemerkt und kritisch rezipiert wird.

 

1. Einführung


"In allen sozialen Berufen ist die eigene Persönlichkeit das wichtigste Instrument; die Grenzen ihrer Belastbarkeit und Flexibilität sind zugleich die Grenzen unseres Handelns"

Diese Aussage aus dem Vorwort von Wolfgang Schmidbauers Schrift "Die hilflosen Helfer" (Hamburg 2/1985) deutet auf eine zentrale Bedingung unserer Wirksamkeit. Sie lässt sich ergänzen und verallgemeinern mit dem Hinweis darauf, dass überall dort, wo Menschen einander begegnen und aufeinander einwirken, die Möglichkeiten und Grenzen jeder Persönlichkeit zugleich den

Wir wollen auf eine Herausforderung antworten, die auf uns zukommt. Erzieherinnen in Kindergärten unseres Landkreises fachliche Beratung anzubieten, hat zunächst und vor allem ganz pragmatische Gründe:

" Wir wissen, dass Erzieherinnen diese flankierenden Hilfen vermissen und wir sehen ein, dass geprüft werden muss, ob und wie derartige Hilfen angenommen werden, was Erzieherinnen brauchen u. a. m., so, wie es in der Konzeption zum Regionalen Fachdienst beschrieben ist.

" Wir wissen auch, dass zurzeit überhaupt nicht daran zu denken ist, dass für Erzieherinnen Beratung, wenn sie in Anspruch genommen würde, im Verständnis der Fachberatungskonzeption in annähernd ausreichendem Ausmaß durch hauptberufliche Fachkräfte zur Verfügung gestellt werden kann.


Während sich von selbst versteht, dass jede Beraterin/jeder Berater über eine hinreichende Fachkompetenz in Bezug auf das Arbeitsfeld verfügt, in der/dem sie/er berät, ist das mit der Didaktik nicht ganz so selbstverständlich. Ich habe mich umgesehen. Nach meinem gegenwärtigen Informationsstand, gibt es noch kein Beratungshandbuch für Kindertagesstätten-Fachberatung , das uns Auskunft geben könnte zum Beispiel darüber, wie die Ziele zu definieren sind und wer das tut, was wir im Beratungsprozess zu beachten haben, wie er typischer Weise abläuft, womit wir zu rechnen haben, wie die Ergebnisse aussehen sollten, wie die Wirksamkeit geprüft wird, welche Medien genutzt werden könnten u. a. m. Wir haben uns darum selbst diese didaktische Orientierung erarbeitet. Während der dreijährigen Projektphase sind im Dialog mit den beteiligten Fachkräften und deren Vorwissen und Erfahrungen die nachfolgenden Haltungs- und Handlungsempfehlungen besprochen worden. Außerdem gibt es reichlich Literatur zur Beratung in sozial- und schulpädagogischen Handlungsfeldern (aber eben nicht speziell für die Kindergarten-Fachberatung). Aus dieser Literatur ist einiges entnommen worden und in dieses Konzept mit eingeflossen. Die hier von mir zusammengestellten ersten Hinweise sind insofern subjektiv, als ich persönlich vom Menschenbild der Humanistischen Psychologie und der auf diese Anthropologie aufbauenden psychologisch-therapeutischen und pädagogischen Methoden ausgehe . Sie bedürfen daher, genauso wie die Texte über die Didaktik des Kindergartens und zur Entwicklung, Erziehung und Bildung von Kindern oder die Arbeit mit Eltern, die bereits vorliegen , der ständigen kritischen Prüfung und Rückmeldung.


 

 

2. Über Menschenbild und Methoden der Humanistischen Psychologie

Die geistigen Mütter und Väter der Humanistischen Psychologie gehen von folgenden Annahmen aus: Das menschliche Leben ist bestimmt von einer zunehmend technisierten Welt, in der die Existenz des Menschen, seine persönliche Würde, seine Kreativität und Aktivität bedroht sind und er nur schwer einen Lebenssinn erkennen kann. Die/der Einzelne wird mehr und mehr als Persönlichkeit an den Rand gedrängt, als Person wird sie7er unwichtig, nebensächlich; Bedeutung hat sie/er höchstens als Konsument oder Produzent.
Dieser negativen Sicht steht eine positive entgegen: jeder Mensch ist durchaus in der Lage, die Verletzungen, die ihm durch die technisierte Welt und der von ihr ausgehenden Kälte (A. Gruschka: Bürgerliche Kälte und Pädagogik. Darmstadt 1994, S. 25 ff) zugefügt werden, auszugleichen, sich von Zwängen zu befreien und, vor allem in Interaktion mit anderen, Befriedigung und Sinn zu finden. Der Mensch wird von den Vertretern der Humanistischen Psychologie als eine im Grunde positiv eingestellte Persönlichkeit gesehen, mit vernünftiger, Vorwärtsstrebender Tendenz. Er strebt nach Selbsterkenntnis und Selbstverwirklichung ausgehend von seinen realen Möglichkeiten. Im Grunde verhält er sich sozial und seelisch gesund, er ist "ein vertrauenswürdiger Organismus" (Rogers 1978, S. 17). Diese Erfahrung bestimmen unsere Ziele von Beratung:

" Mit den Ratsuchenden sind die Wege zu öffnen, die ihn das Potential der eigenen Fähigkeiten erkennen lassen, und zu befähigen, es zu entfalten und einzusetzen.

Das Vertrauen darauf, dass jeder Mensch positive Kräfte besitzt und sie mit Hilfe des Beratungsdesigns auf dieser Basis aktivieren beziehungsweise reaktivieren kann, bildet eine entscheidende Voraussetzung für die Wirksamkeit entsprechender methodischer Elemente.

Die Aussagen über Haltungen und Methoden eines Beraters nach den Ansätzen, auf die wir uns beziehen, sind für therapeutische Prozesse entworfen und in ihnen erprobt worden. Unsere Beratungsarbeit aber ist keine Psychotherapie. Darum sollten wir eher von einer "Anlehnung" oder "Orientierung" an die Aussagen der Humanistischen Psychologie und ihrer Übertragungen in sozialpädagogische Handlungsmodelle ausgehen.
Wir müssen uns klar darüber sein, dass wir keine Prozesse einleiten oder durchführen, in deren Zusammenhang einzelne Erzieherinnen "therapiert" werden. Das Selbstverständnis unserer Arbeit leitet sich von unserem Auftrag ab: wir leisten Beratungs- und in diesem Zusammenhang auch Bildungsarbeit und bieten keine therapeutisch zu interpretierende Hilfen für Einzelne oder für die Gruppe an. Wenn wir entsprechende Erwartungen verspüren oder solche klar geäußert werden, dann müssen wir darauf verweisen, dass derartige Hilfen von uns nicht angeboten werden. Wir haben jedoch davon auszugehen, dass sich Teilnehmerinnen und Teilnehmer mit ihren persönlichen Sorgen an uns wenden. Je mehr Vertrauen sie zu uns gewinnen, um so eher werden sie uns beiseite nehmen (sie rufen uns an oder treten nach einer Teamberatung an uns heran) und uns ihre Probleme vortragen. Wenn nicht wir helfen können, müssen wir Ausschau halten nach weitergehenden Hilfen (wie Supervision oder Psychotherapie). Spätestens an diesem Punkte wären im Bedarfsfalle Träger und Spitzenverband gefordert. Unsere Aufgabe wird sein, mit großem Feingefühl derartige Bedürfnisse oder Notwendigkeiten herauszuspüren und, wenn wir es im Interesse der Erzieherin für wichtig halten, auch anzuregen. An dieser Stelle ist einzuflechten: Vertraulichkeit in Bezug auf alle im Zusammenhang mit der Beratungstätigkeit erhaltenen Informationen und geleisteten Aktivitäten ist für uns eine Selbstverständlichkeit!

 

 


3. Jede Erzieherin ist selbst kompetent.

Übertragen wir die Grundannahmen einer humanistisch-psychologischen Praxis und Theorie auf unsere Beratungssituationen ergeben sich einige Konsequenzen in Bezug auf unsere Haltungen und Strategien. Schauen wir auf die Erzieherin, die mit uns spricht: Natürlich signalisieren Fragen, die an uns gerichtet werden, ein vermutetes oder tatsächliches Defizit. Es kann aber auch sein, dass eine Erzieherin sich in ihrem Handeln (ihren Meinungen, Einstellungen, Sichtweisen ...) nur bestätigt sehen möchte und ihre Frage in einem selbstzweifelnden Ton hervorbringt. "Meinen Sie nicht auch, dass ich auf das Kind hätte anders reagieren müssen ... ?" Im Stillen aber ist sie davon überzeugt, dass sie richtig gehandelt hat oder nicht anders handeln konnte.
Wir können uns an den Fingern abzählen, was geschieht, wenn wir in das gleiche Horn blasen: "Ja Frau XY, da stimme ich Ihnen zu: das war ganz verkehrt. Das hätten Sie so ... machen müssen."
Wenn wir so reagieren, dann werden wir in diesen Kindergarten nicht mehr gebeten. Vielleicht dann nur von einer Kollegin, die sich über diese Bestätigung der Fehlerhaftigkeit von Frau XY gefreut hat, weil die sich schon lange nicht mehr vertragen. Das wäre wenig hilfreich für die weitere Arbeit in diesem Team!
Nein, wir denken an unser Ziel, nach dem wir die ratsuchenden Erzieherin/ einem Erzieherinnenteam das Potential der eigenen Fähigkeiten bewusst machen wollen und vertreten die Gewissheit, dass sie selbst Antworten auf ihre Fragen haben oder über Wege verfügen, ihre Probleme zu lösen.

" Unsere Aufgabe ist es, sozusagen Geburtshilfe zu leisten und erst einmal die verschütteten, vergessenen oder verlernten Kenntnisse und Fähigkeiten ans Tageslicht zu holen. Darauf aufbauend lassen sie sich - möglichst im Dialog - ergänzen.

 

4. Unsere Beratung ist offen und frei von institutionellen Zwängen

Wir beraten nur dann, wenn Beratung von Erzieherinnen gewünscht wird. Damit ist ein Element unserer Beziehungen von vornherein geklärt (beziehungsweise muss von Anfang an allen Beteiligten bewusst sein und bewusst bleiben):

Eine Erzieherin begibt sich freiwillig in eine Beratungssituation.

Wenn sie keine Beratung wünscht, dann findet keine statt. Wenn sie nach Beratungsbemühungen zum Beispiel feststellt, dass sie sich dabei nicht wohl fühlte, dann kann sie künftig darauf verzichten. Niemand wird ihr deswegen Probleme bereiten, wenn wir uns auch wünschen, dass wir in solchen Fällen die Ursachen erfahren.
Das freilich setzt Vertrauen voraus. Legen wir unsere Karten gleich auf den Tisch und sagen, wie wir unsere Rollen und Funktionen verstehen, besteht die größte Chance ein Klima zu erreichen, das von gegenseitiger Offenheit geprägt ist.
Im Unterschied zu den Fachberatern, die vom Träger eines Kindergartens angestellt werden und gleichzeitig für Einstellung, Beurteilung und Entlassung von Erzieherinnen zuständig sind oder hierbei ein Mitspracherecht haben, sind wir von derartigen Pflichten frei. Damit scheiden Faktoren wie Angst oder Unsicherheit (was machen die mit dem, was die hier mitkriegen? wendet sich das gegen mich/uns?) aus. Bei den Fachberatungen freier Träger und bei den Kommunen sind also im Regelfalle Fachberatung und Fachaufsicht (bei Städten auch noch die Dienstaufsicht) miteinander verbunden. Das führt beide, die Beraterin und die "Zu-Beratende", prinzipiell in eine unglückliche Zwittersituation. Wir können das leicht nachvollziehen, wenn wir uns vorstellen, dass unsere Vorgesetzten, die uns Anweisungen geben können, in die unverbindlichere Beraterrolle schlüpfen. In der Praxis geschieht das natürlich andauernd und wir fragen ja auch manchmal danach, was wir jetzt tun, wie wir uns verhalten sollen: "An Ihrer Stelle würde ich...", sagen die Vorgesetzten dann. Auf deren Rat berufen wir uns; und wenn etwas schief geht, dann sind Leid und Verantwortung geteilt ("die/der hat mir ja gesagt ..."). Unsere Fachberaterinnen und Fachberater bei Kommunen und freien Trägern wissen sehr wohl um ihre Zwitterposition und vergewissern sich immer wieder, dass sie die ihnen (per Dienstpflichten) zugeschriebene Macht nicht missbrauchen und sozusagen Anweisungen/Urteile/Entscheidungen und Beratungshandeln mischen. Im Grunde ist dieser Rollenkonflikt unaufhebbar und auch durch die Einzelne/den Einzelnen unlösbar. Gäbe es bei den betroffenen Fachberaterinnen/Fachberatern keine hohen fachlichen und persönlichen Eigenschaften, würden sie an dieser strukturellen Unzumutbarkeit scheitern. Unzureichend bleiben aber ihre Hilfsmöglichkeiten allemal und darum ist ihre berufliche Rolle nicht leicht . Unsere Arbeit ist hingegen frei von derartig unterschiedlichen Erwartungen oder Verpflichtungen. Unsere Dialogpartner in einer Beratungssituation sind ausschließlich die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter einer Kindertagesstätte. Sie in ihrer Erziehungskraft/Berufsrolle zu stärken ist unser Anliegen.
Die Freiheit unseres Wirkens besteht in den folgenden Elementen:

Ort, Zeit, Methoden, Folgen. Die in diesen Elementen allenfalls enthaltenen Einschränkungen , berühren - vor allem im Bewusstsein der Betroffenen, - die prinzipielle Freiheit des Beratungshandelns nicht wesentlich.

Selbstverständlich sind wir bemüht, den Erzieherinnen entgegenzukommen und werden sie im Kindergarten oder in ihrer Gemeinde aufsuchen, wenn das so zwischen uns vereinbart wird. Es wäre aber auch möglich eine Beratung an einem anderen Ort durchzuführen. Der Zeitpunkt einer Beratung ist ebenfalls Verhandlungssache und nicht vorgegeben. Über die Methoden werden wir uns jeweils mit den ratsuchenden Fachkräften austauschen. Es sollte von keiner Institution ein Zwang dahingehend ausgeübt werden, einen bestimmten Beratungsansatz zu verwenden.
Eine Beratung war dann erfolgreich, wenn sie in der Person beziehungsweise im beruflichen Handeln der Ratsuchenden positive Folgen hat. Die Folgen werden an den Zielen gemessen, die während eines Beratungsprozesses besprochen worden waren. Die beratene Erzieherin steht aber andererseits unter keinem Handlungs- oder gar Erfolgszwang. Allein aus jenen Motiven heraus, die sie veranlassten, um Rat nachzufragen, wachsen die Kräfte für mögliche Konsequenzen. Und welche das sind, ob und wie sie für sich die Beratungsinhalte umsetzt, liegt allein in ihrer Entscheidung. Diese persönlichen Folgerungen, die die Fachkräfte ziehen und in die Praxis umsetzen, sind uns aber keineswegs gleichgültig. Wir wollen wissen, wie es in der Einrichtung weiterging.
Darum ist ein zentrales Element unseres Beratungshandelns die Überprüfung des Erfolgs. Es muss jeweils nachgefragt und dokumentiert werden was und auf welche Weise eine Erzieherin an Vereinbarungen, Einsichten oder Vorsätzen umgesetzt hat und was und warum sie möglicherweise daran gehindert hat.

 

5. Wie wir Unbekanntes bekannt machen können.

Wenn bei unseren Gesprächspartnern kein Wissen zu einem Thema/Gegenstand da ist oder da sein kann, wir aber einen entsprechenden Informationsstand für unabdingbar halten, dann bieten wir behutsam Informationen an.
Was für die Methode jeder Fortbildungsveranstaltung gilt, das trifft auch für eine Beratungssituation zu, in der neue Erkenntnisse vermittelt werden sollten: Wir holen erst einmal heraus, was an Kenntnissen zu diesem Gegenstand vorhanden ist. Nehmen wir an, es geht um die Einflüsse von Bildschirmmedien auf das Spielverhalten von bestimmten Kindern. Da verfügen die Erzieherinnen gewiss über eine Fülle an Vorerfahrungen über die Erscheinungsformen kindlichen Verhaltens und ihrer Bemühungen damit umzugehen. Darüber sollte sie ausgiebig Auskunft geben können. Wir achten lediglich darauf, was noch fehlt. Da haben wir bestimmte Aufsätze in Fachzeitschriften gelesen, auf die wir hinweisen können oder haben sogar Material von der "Aktion Jugendschutz" mitgebracht, was wir gleich ausgeben können.

Vorträge halten wir nicht und verzichten auf Belehrungen und auf den erhobenen Zeigefinger! Das Prinzip des selbstentdeckenden Lernens, das für die Kinder gilt, hat auch bei Erwachsenen seine Berechtigung.

Wir müssen bei derartigen Fragestellungen "Was soll ich machen, wie würde Sie das angehen ...?" sogar damit rechnen, dass die Fragestellerin - wie bereits ausgeführt - eigentlich nur bestätigt haben möchte, dass das, was sie wie tut, richtig ist. Also ist Behutsamkeit am Platze! Wenn wir bei dieser Fragestellung voll aufdrehen, weil das unser Spezialgebiet ist und wir glücklich darüber sind, zeigen zu können, was wir wissen, können wir ganz schön auf dem Bauch landen. An unserer Fachkompetenz kann zwar niemand kratzen. Die aber nützt nichts, wenn die Erzieherin hören wollte, dass ihr Ansatz richtig ist. Und der kann meilenweit von unserem entfernt liegen.

Wie aber verhalten wir uns, wenn Erzieherinnen unglückliche Auffassungen vertreten? Wir können die Auffassungen doch nicht einfach im Raum stehen lassen.

Auf diese Dimension unserer Beratungsverantwortung verweist Erhard Meueler (Erwachsene lernen. Stuttgart 1982, S. 98), wenn er über die "kritische Umsicht" schreibt. Sein Beispiel ist die Familienbildung. Auch in unseren Beratungsprozessen kann es passieren, dass die Alltagspraxis beziehungsweise Einstellungen und Verhaltensweisen von Erzieherinnen zwar übereinstimmen und darum in einem Team keinen Widerspruch finden, aber objektiv (gemessen an wissenschaftlichen Erkenntnissen) falsch sind. Nehmen wir an, die Erzieherin XY berichtet, dass sie auf Verhaltensweisen von Kindern mit Ausschluss reagiert: "jetzt musst du in die grüne Gruppe!". Andere bestätigen dieses Verhalten "ja, so machen wir es auch" und wieder andere (vielleicht jene, die es anders machen) schweigen dazu. Wenn nun auch die Beraterin alles so stehen lässt, wird die strafende Erzieherinnenhaltung gleichsam abgesegnet.

In derartigen Situationen zeigt sich die Bedeutung einer gründlichen Vorbereitung, die sich nicht in erster Linie auf unsere subjektiven Überzeugungen und eigenen Erziehungspraktiken beziehen darf. Vielmehr ist kritisch-systematisiertes Wissen auf der Grundlage gesicherter Forschungsergebnisse unverzichtbar.

Selbst wenn die Leiterinnen und Leiter im Zusammenhang mit der Aneignung und Verarbeitung derartigen Wissens eigene Versäumnisse entdecken und merken, dass ihre Haltung nicht richtig war, dürfte diese Selbsterkenntnis nicht dazu verführen, wissenschaftlich abgesicherte Erlebnisse und Handlungsempfehlungen als "falsch" oder "unrealistisch und lebensfremd" beiseite zu legen.
Wenn wir selbst zweifeln und uns nicht sicher sind, dann prüfen wir Theorien in unserem Beraterteam kritisch. Wir werden unsere Auffassungen austauschen, zu Ergebnissen kommen und diese dann in unseren Beratungen vertreten.
Im Übrigen wird wohl niemand von uns sagen können, dass wir in unseren eigenen Eltern- und Erzieherrollen stets an wissenschaftlichen Erkenntnissen orientiert gehandelt haben und (gemessen an diesen Maßstäben) fehlerlos sind oder waren. Nur darf uns unsere Erfahrung (ich habe genau so gehandelt, wie die Erzieherin uns das in der Beratung erzählt) nicht dazu verführen, zu schweigen oder gar mit einem bestätigenden Kopfnicken zu einem anderen Thema überzugehen. Auch die Überlegung, hier niemanden bevormunden und die Freiheit einschränken zu wollen und deshalb nichts zu sagen, könnte missverstanden werden. Es gilt stattdessen, dass wir objektiv falsche Ideen, Überzeugungen oder Praktiken nicht im Raum stehen lassen dürfen. Hier Beispiele dafür, wie wir uns in derartigen Situationen verhalten könnten:

- Wenn immer möglich, gleich aufgreifen und weiter darüber sprechen.

- Das ist sehr interessant. Dieses Thema ist so wichtig, dass wir uns gleich einmal über unsere Erfahrungen austauschen sollten. Unterhalten wir uns darüber, wie das die anderen tun und was bei dieser Praxis herauskommt (erreichten wir, was wir mit der Strafe beabsichtigten?)".

- Verschieben bzw. später darauf zurückkommen, wenn keine Zeit mehr ist oder die Äußerungen beiläufig fielen und eine Vertiefung jetzt völlig unangemessen wäre.

- "Das ist eine sehr interessante Praxis. Dieses Thema ist so wichtig, dass wir es noch einmal aufgreifen sollten. Notieren wir es uns auf ein Blatt "Was noch zu klären ist" und kommen beim nächsten Mal darauf zurück.".

- Wenn uns erst später einfällt, dass eine Aussage korrekturbedürftig ist.

- Auf dem Nachhause-Weg ist mir Ihr Beispiel noch einmal durch den Kopf gegangen. Ich darf das noch einmal so wiedergeben, wie ich es behalten habe. Mir erscheint es so interessant (oder eine andere plausible Begründung), dass wir darüber weiter nachdenken sollten..."

 

6. Wir haben keine Rezepte anzubieten

Wir können bei Überlegungen darüber, wie in dieser oder jener Situation was mit wem und wann oder wie oft getan werden müsste, nicht von einer einfachen Wenn-dann-Position ausgehen. Es lässt sich also zum Beispiel nicht zwingend folgern: wenn ein Kind Elternliebe entbehren muss oder in der Gruppe Sündenbock ist und wir es darum in eine andere Gruppe "strafversetzen", dann hat es später im Leben keine Chancen. Mit einer solchen Haltung würden wir die Möglichkeiten und die Fähigkeiten leugnen, die jeder Mensch hat, sich selbst zu beeinflussen. Der Freiheitsbegriff in der pädagogischen Anthropologie wird ausdrücklich definiert als die Möglichkeit des Selbstbestimmten mündigen Menschen, sein Leben in eigener Verantwortung zu gestalten. (Ludwig Kerstiens: Modelle emanzipatorischer Erziehung. Bad Heilbrunn 1974, S. 161). Bereits J. Heinrich Pestalozzi (Meine Nachforschungen ... Bad Heilbrunn 1983) richtete an den Menschen die Botschaft "Werk seiner selbst" zu werden und aus eigener Kraft über seine biologischen und gesellschaftlichen Beschränkungen hinauszuwachsen. Diese Aufgabe, die Erzieherinnen zu ermuntern, aus eigener Kraft an der beruflichen Identität zu schaffen und sie auszubauen, ist auch für jeden von uns von ungebrochener Aktualität (vgl. z.B. Erhard Meueler 1982, S.26 ff). Diese Sichtweisen bekräftigen den Optimismus der humanistisch-psychologischen Schule.

Wenn wir uns auf eine Beratung, selbst wenn uns deren Inhalte im Voraus bekannt sein sollten, noch so gut vorbereiten, werden wir immer wieder feststellen, dass unsere Kenntnisse begrenzt sind. Wenn wir uns von vorn herein auf diese Begrenzung einstellen und sie uns und den Erzieherinnen aus gegebenem Anlass ohne Verlegenheit eingestehen, dann ist eine Wissenslücke kein Defizit.

Einige Handlungsempfehlungen:

Wir geben die Frage/das Problem an die Ratsuchende zurück: "Das weiß ich nicht. Vielleicht finden wir zusammen eine Antwort".

Wenn keine Antwort gefunden wird, dann verweisen wir auf die nächste Beratung und werden uns in der Zwischenzeit kundig machen.

Wir informieren uns mit Hilfe geeigneter Literatur (bei mir im Regelfalle vorhanden) oder/und wenden uns an für diese Fragestellung zuständige Expertinnen oder Experten an Ausbildungsstätten oder in den Jugendbehörden.

Wir bringen dieses Thema/Problem in die nächste Beraterinnenbesprechung mit.


An dieser Stelle ist einzuflechten, dass eine Beraterin nicht allein gelassen werden darf.
Eine Beratung nach dem hier vorgetragenen didaktischen Konzept, ist stets eingebunden in ein Team von Fachkräften.

Diese Gruppe trifft sich regelmäßig zu Beraterinnenbesprechungen, tauscht sich aus und berät aktuelle Herausforderungen gegenseitiger Hilfen. Diese Rahmenbedingung setzt Frauen und Männer voraus, die selbst in einem hohen Ausmaß über jene Eigenschaften verfügen, die von denen erwartet wird, die beraten werden. Hier ist zum Beispiel an jenen Katalog von Tugenden und Fähigkeiten zu denken, der in den Handreichungen über die Leitungsrolle in Tagesstätten zusammengetragen wurden. Nichts wäre ärgerlicher und für engagierte Fachkräfte frustrierender, als wenn bei Kolleginnen und Kollegen kooperativen Einstellungen und Verhaltensweisen unterentwickelt sind

Wir werden trotz unserer individuellen Grenzen keine Probleme oder Fragen zur Entwicklung von Kindern oder der Erziehung und Bildung in Familie, Kindergarten oder Schule ausklammern. Besonders mit Auffälligkeiten oder vermeintlichen oder tatsächlichen Störungen in der Entwicklung werden wir uns zu befassen haben. Nicht immer müssen wir bei entsprechenden Fragen gleich auf die Erziehungsberatungsstellen oder die Möglichkeit einer psychotherapeutischen Behandlung verweisen. Für erste Informationen über Sprachstörungen, Geschwisterrivalitäten, Konzentrationsmängel, Bettnässen oder motorische Unruhe - um nur einige Beispiele zu nennen, - sind wir zuständig und können (sozusagen prinzipiell) Auskunft geben. Besser wäre es freilich, weniger Auskünfte zu erteilen, als gemeinsam nach Lösungen zu suchen und auf die Fachlichkeit unserer Erzieherinnen zu bauen. Wenn ein bestimmtes Kind von der Erzieherin beobachtet und sein Verhalten beschrieben wird, dann hilft der Gruppenerzieherin und uns der "Früherfassungsbogen".

Die Konzeption zur rechtzeitigen Erfassung von Auffälligkeiten beziehungsweise Hilferufen, die ein Kind aussendet mit dem "Früherfassungsbogen", ist ein hochbedeutsames Hilfsmittel. Es darf bei Dialogen über ein bestimmtes Kind nicht fehlen.

In dem Ausmaß, in dem wir diese Erkenntnisse berücksichtigen, dürfen und sollen wir uns bescheiden. Wir sind keine pädagogischen Gurus und wir haben keine Rezepte für die einzig richtige Lösung anzubieten. Wir wissen aber, was Kinder brauchen beziehungsweise was ihnen nachweislich in ihrer Entwicklung schaden kann. Wir haben weiter eine klare Vorstellung über eine entwicklungsfördernde Kindergartenpädagogik, wie sie in unseren Handreichungen festgehalten ist. Darum sprechen wir in den Beraterinnenbesprechungen über die optimalen Voraussetzungen kindlicher Entwicklung im Kindergarten, wir diskutieren darüber und lernen vielleicht auch unterschiedliche Auffassungen kennen. Unmittelbar beziehungsweise direkt beeinflussen können wir die Lebensbedingungen in den einzelnen Kindergärten nicht und schon gar nicht in den Familien aus denen die Kinder kommen. Das wollen wir auch nicht, weil das gar nicht unserem Verständnis von "Freiheit" und fachlicher Zuständigkeit entspräche. Wir bieten dagegen eine Aussprachegelegenheit an, auf dem Erzieherinnen über sich und ihre Pädagogik austauschen und nachdenken können und auf diese Weise neue Informationen bekommen. Ob sie aus den neu gewonnen Einsichten etwas lernen und ihr Verhalten entsprechend modifizieren, das liegt in der eigenen Verantwortung jeder von ihnen.
Je besser wir es erreichen, die einzelne Erzieherin oder ein Team auf ihre Verantwortung für eigenes Tun und Lassen hinzuweisen, zum Beispiel durch die methodischen Elemente unserer Beratung, um so eher wird sie lernen . Insofern beeinflussen wir allerdings und in sehr pointierter Weise die praktischen Folgen unseres Angebots.

 

7. Jede kommt mit ihren Fragen und Problemen zu Wort

Die Erfahrungen der Erzieherinnen bergen Antworten auf die Fragen, die sie an uns richten. Besonders wenn wir mit dem Kindergartenteam sprechen, ist die Voraussetzung günstig, dass im Dialog, vielleicht auch mit Hilfe eines "brain-storming" Ideen/Lösungen auf den Tisch kommen, die eine/r allein nicht gefunden hätte. Mehrere Teilnehmerinnen und Teilnehmer bereichern die Beratungssituation und sorgen dafür, dass die schöpferischen Kräfte aktiv werden. Um in größeren Gruppen auch die zurückhaltenderen Teilnehmer/innen zu ermuntern ihre Fragen und Probleme auf den Tisch zu legen, halten wir ständig Zettel bereit, auf denen sich jede/r jederzeit und anonym äußern kann. Wir sammeln die Zettel am Ende ein und thematisieren die darauf befindlichen Äußerungen bei der nächsten Gelegenheit.
In der anzustrebenden Praxis, die Erzieherinnen zu Worte kommen zu lassen, offenbart sich eine Haltung, die der/dem anderen signalisiert: ich nehme dich wahr, ich nehme dich ernst, ich nehme dich an. Diese Annahme gilt als eine hinreichend förderliche Bedingung eines Beratungsprozesses
In unmittelbarer Anlehnung an Rogers richten Annemarie und Reinhard Tausch (Entwicklungspsychologie. Göttingen 8/1981, S. 66) an die Beraterin/den Berater die Aufforderung sich zu prüfen:

Achte ich den Gesprächspartner als Person? Fühle ich wirklich Wärme und Anteilnahme ihm gegenüber? Kann ich ihn in seinem Fühlen und in seiner inneren Welt voll annehmen? Bin ich ihm wirklich sorgend zugewandt?"

Zu den günstigen Bedingungen in Beratungssituationen gehören weiter die Echtheit der Beraterin/des Beraters und die Übereinstimmung mit sich selbst, die Bereitschaft und die Fähigkeit, eigene Gefühlszustände zu verbalisieren und mit Erfolg kommunizieren zu können .

 

9. Heimliche Berater können blockieren

Wenn eine Beraterin in ein Team gebeten wird, das sie noch nicht kennt, dann hat sie in der Regel noch keine Vorstellung über die Menschen, die ihr dort begegnen. Selbst wenn hier und da die eine oder andere Mitarbeiterin in der Tagesstätte schon bekannt sein sollte, sagt das noch nichts darüber aus, wie sie sich als Teil ihres Teams verhalten wird. Ein Team ist wie ein lebender Organismus ständig in Interaktion und Bewegung. Unter gruppendynamischen Gesichtspunkten ist zum Beispiel jede Gruppe um Ausgleich/Gleichgewicht bzw. Homöostase bemüht. In Büchern wie "Der Mensch in der Gruppe" (Raymond Battegay; Bern 1974) oder "Gruppendynamik" (Philip. E. Slater: Mikrokosmos. Eine Studie über Gruppendynamik. Frankfurt/M. 1970) wurden diese Erscheinungen schon früh beschrieben. Und wir kommen nun von Außen zeitweilig in das Team beziehungsweise die Gruppe hinzu. Diese Veränderung löst Prozesse aus. Nehmen wir einmal an, in unserem Kindergartenteam gibt es eine formelle und eine "heimliche" Leiterin. Schon während der ersten Beratung kann sich das herausstellen. Vielleicht haben wir sogar mehr als eine von ihnen im Team. Die würden dann nicht nur mit uns, sondern auch untereinander rivalisieren. Erkennen tun wir diese Personen daran, dass sie eigentlich alles schon (besser) wissen und ihre Kenntnisse und Fähigkeiten gern demonstrieren. Nicht selten finden sie mit ihren Beiträgen kein Ende und dominieren sprachlich das Geschehen und blockieren andere, die ebenfalls etwas sagen möchten. Nicht alle Vielredner wollen in die Rolle des Leiters oder der Beraterin schlüpfen Vielleicht hören sie sich nur gern reden oder haben tatsächlich wertvolle Erfahrungen einzubringen und möchten das nun auch tun. Welche methodischen Verfahren und welche Leitungsaufgaben stellen sich uns in derartigen Beratungssituationen?
Unverzichtbar bleibt unser Beratungsanspruch. Beratung beziehungsweise eine Gesprächsleitung (wenn wir sie denn in einer Teamberatungssituation übertragen bekommen und annehmen würden) ist aber nicht als ständige Dominanz zu verstehen. Wir wollen ja gerade nicht Rezepte anbieten oder Vorträge halten und die Erzieherinnen in die Rolle von (Stoff konsumierenden) Schülern versetzen.
Mögliche Reaktionen auf dominante (mit der Beratung oder Leitung konkurrierende) Personen:

Wann immer möglich (ab sechs Teilnehmerinnen bis acht an einer Teamberatung), Kleingruppengespräche einfügen;
Verstärkungen vermeiden (ich verstärke, wenn ich die/den Betreffenden mehr anschaue als andere, mich ihr/ihm mehr zuwende oder gar öfter und mehr zu ihr/ihm spreche als zu anderen);
bei Sprechpausen (sie/er muss ja mal Luft holen) eingreifen und an die Äußerungen anknüpfend, einen eigenen Beitrag einleiten oder andere ermuntern, etwas zu sagen;
alle anderen Teilnehmerinnen/Teilnehmer stets im Auge behalten, um Regungen (Widerspruch oder Zustimmung) zu erkennen - dann den Redner unterbrechen und sich an die/den anderen wenden;
bei resistentem Verhalten der/des Betreffenden, mit ihr/ihm nach der Beratung ein Gespräch führen, ohne das störende Verhalten anzusprechen (allein das kann durchaus eine dämpfende Auswirkung haben);
wenn das nicht hilft, noch einmal ein Gespräch führen und sie/ihn auf das störende Verhalten ansprechen.

Wenn gar nichts hilft, und wir spüren, dass auch den anderen die Störungen lästig sind, wird das Verhalten der Erzieherin/des Erziehers zum Thema in der Beraterinnengruppe, wo wir uns darüber austauschen und nach Lösungen suchen.

Es gibt Kindergartenteams, die derartigen Schwierigkeiten (heimliche Leiterinnen) dadurch aus dem Wege zu gehen suchen, dass sie keine Einzelleitung praktizieren wollen. "wir haben eigentlich keine Leitung", erklärten Erzieherinnen in einem Kindergarten, "wir sind gemeinsam die Leitung". Wenn das wirklich ohne Reibungsverluste und allzu großen Aufwand klappt (Leitungsteam setzt Teamarbeit voraus - und die ist aufwendig) und tatsächlich niemand hinter dieser Fassade ihre Dominanz verstecken will, dann ist das eine feine Lösung. An der alleinigen Verantwortlichkeit der formalen Leiterin des Kindergartens gegenüber dem Träger und den Eltern in Bezug auf die Betreuung, Erziehung und Bildung der Kinder ändert diese Praxis allerdings zunächst nichts. Das Bekenntnis zum Leitungsteam muss daher durch eine sorgsam ausgearbeitete Konzeption, die in diesem Punkt auch der Träger mitträgt, abgesichert und die Verantwortlichkeiten müssen eindeutig festgelegt sein.
Dann auch ist die Gefahr einer heimlichen Leiterin mit entsprechenden Konkurrenzsituationen geringer.

 

10 "Nur was man schwarz auf weiß besitzt ..."

Oben (unter 7) ist das Blatt "Was noch zu klären ist" erwähnt worden. Nach meiner Erfahrung werden während der Beratungsgespräche wichtige Begriffe genannt, Themen angesprochen oder auf Erfahrungen und Wissen gedeutet, die nicht aus Zeitmangel unter den Tisch fallen sollten oder sonst wie übergangen werden dürfen. Diese Gefahr ist dort besonders vorhanden, wo mehr als sechs bis acht Fachkräfte zu einem Team gehören.
Es ist aber nicht allein die aus unserer Sicht wichtige Information, um die es hier geht. Wenn wir die Möglichkeit nutzen, alles, was uns bewegt aufzuschreiben, dann erhält, wie oben bereits geschrieben, jede Beratungsteilnehmerin die gleiche Chance, sich mit ihren Fragen und Problemen einzubringen. Darum wird

1. eine Art "Meldebogen" ausgegeben, auf dem Wünsche nach bestimmten Beratungsinhalten eingetragen werden können.

2. Überlegungen, die daheim angestellt werden, sollten erfasst und eingebracht werden. Nicht immer fällt allen alles noch während der Beratung ein und wir bekämen auf diese Weise einen Einstieg. Papiere können (anonym oder mit Namen) an die Beraterin geschickt oder ihr übergeben werden.

3. Wichtig sind die eigenen Aufzeichnungen. Ein Erhebungsbogen über Inhalte und Methoden der Beratungsarbeit gehört zu diesem didaktischen Konzept und sollte gemeinsam laufend auf seine zweckvolle und rationelle Nutzbarkeit geprüft werden.

4. Die Aussprachen innerhalb der Beraterinnengruppe werden in Protokollen, wenn sinnvoll in erläuterten und ergänzten Protokollen festgehalten und sollen von den Teilnehmerinnen/Teilnehmern geprüft und bestätigt werden.


Ziele sollten sein,
- mit relativ geringem Aufwand einen höchstmöglichen Grad von gegenseitiger Information zu erreichen und
- hinreichend Material für eine kritische Auswertung aller Leistungen zu erhalten und Beratungskonzept und Beratungspraxis weiter zu entwickeln und
- in bestimmten Abständen einer interessierten Öffentlichkeit wie zum Beispiel dem Jugendhilfeausschuss oder den Trägern der Kindertagesstätten über die Beratungsaktivitäten und deren Ergebnisse berichten zu können.


 

11. Beratung und Träger

Männliche Trägerschaft und weibliche Leitung kann sich konfliktfördernd auf die Beziehungen zwischen beiden Personengruppen auswirken. Dass ergänzend (oder bestätigend) andere Gesichtspunkte hinzutreten und unsere Arbeit beeinflussen werden, soll nachfolgend ausgeführt werden.

Sobald wir aus dem sozialpädagogischen Raum heraustreten und in Berührung kommen mit denen, die die Tageseinrichtungen für Kinder tragen, das heißt unter anderem: die Kindergärten bauen und einrichten, die das Personal einstellen und alle anderen Rahmenbedingungen schaffen müssen, erlebe ich die Gefahr, zwischen die Stühle zu geraten. Ich möchte von einem Beispiel ausgehen:
Auf einem Vortragsabend in einer Gemeinde unseres Landkreises erklärte der Pfarrer, dass der Kindergarten ihm von allen seinen Arbeitsbereichen die meisten Sorgen bereite. "Auf den Caritasverband (der die Standards von Rahmenbedingungen dem Träger gegenüber zu vertreten hat) bin ich ganz schlecht zu sprechen" rief er aus. "Ich wäre froh, wenn ich den Kindergarten los wäre".
Auch Bürgermeister hörte ich klagen: "Die meisten meiner Erzieherinnen kosten zuviel und tun zu wenig", sagte kürzlich einer von ihnen. "Wenn ich sie, die fünftausend Mark brutto verdienen, (er sprach von einer tariflichen Eingruppierung nach 4b) mit denen anderer Mitarbeiter im Rathaus vergleiche, dann erwarte ich mehr Kompetenz und verstehe die Argumentation nicht, dass sie für dies und jenes nicht hinreichend qualifiziert sind und Hilfe und Unterstützung brauchen..."

Ein anderer ist sich unsicher, wieweit er ein Kindergartenteam in Entscheidungsprozesse über Neueinstellungen einbeziehen sollte, wenn doch der Gemeinderat ganz andere Positionen einnimmt und die Bewerberin ablehnt, die das Team befürwortet.
Und wenn im Gespräch Trägervertreter oder Eltern ihre Positionen mit Beispielen belegen und damit ihre distanzierte und für die Arbeit des Kindergartens wenig förderliche Haltungen begründen, dann fühlt sich der Sozialpädagoge leicht in die Ecke gedrängt und es fällt ihm schwer, seinerseits für bessere Rahmenbedingungen einzutreten oder sonst wie eine Lanze für (bestimmte) Erzieherinnen zu brechen.
Erzieherinnen ihrerseits sehen sich benachteiligt und unzureichend anerkannt, wenn sie an ihre Arbeitsbedingungen (zum Beispiel Gruppengrößen, Öffnungszeiten, Beurlaubungen bei Fortbildungen, Akzeptanz ihres Berufsstandes und Anerkennung ihrer Bemühungen u. a.) denken. Setzte man Träger (Eltern) und Erzieherinnen beide an einen Tisch, dann würde außer gegenseitigen Vorwürfen und beiderseitiger Taubheit für die Sorgen und Nöte des jeweils anderen nicht viel herauskommen.

- Für die Funktion der Einrichtung aber, also die Betreuung, Erziehung und Bildung von Kindern, wirken sich Störungen der angedeuteten Art wahrscheinlich nachteilig aus. Eine Erzieherin, die der Überzeugung ist, dass ihre Bemühungen "von niemandem" anerkannt werden, verliert die Freude an der Arbeit und das Interesse am Engagement. "Wozu soll ich mich anstrengen - es heißt ja eh, Erzieherinnen tun nichts".
- Überall dort, wo wir derartige Konfliktsituationen antreffen, ist die Fachberatung, zu deren Aufgabe die Beratung von Trägern und Mitarbeiterinnen gerade zu diesem Beziehungsfeld gehört, entweder mangelhaft gewesen oder gar nicht zum Zuge gekommen, weil niemand zuhören wollte.

Wie gestaltet sich unsere Aufgabe, wenn wir auf ein so unfreundliches Klima stoßen oder an uns Klagen herangetragen werden?
Die Bearbeitung von Missverständnissen oder Missständen zwischen einem Träger und seinen Erzieherinnen gehört nicht zu den Aufgaben eines, den Fachberater ergänzenden Fachdienstes. Dies bleibt in der Kompetenz der zuständigen Fachberatung. Hierzu aber einige ergänzende Überlegungen:

1. In der Praxis wird unsere Distanz zum Träger so groß sein, wie dieser es wünscht. Dort, wo ein hoher Identifikationsgrad eines Trägers mit seinen Kindergärten vorhanden ist und er alles in seinen Kräften stehende tut, um die Rahmenbedingungen günstig zu beeinflussen, wird ein sehr großes Interesse vorhanden sein, mit uns Verbindung zu halten, eigene Vorstellungen einbringen zu können und sich selbst beraten zu lassen. Vielleicht schwingt in derartigen Fällen auch der Wunsch mit, über unmittelbare Kontakte mit den Fachberaterinnen, Informationen aus erster Hand zu erhalten und das Beratungsgeschehen selbst mit beeinflussen und kontrollieren zu können/wollen.
Ich halte diese Motive für verständlich und legitim. Wie das organisatorisch aussehen würde und welche Zeit das kostet und von der unmittelbaren Arbeit mit den Erzieherinnen abgezogen werden muss, bleibt abzuwarten. Wenn es aus derartigen Gründen zu gesonderten Terminen käme, müssten Inhalt und Zeit festgehalten werden.

2. Unsere Aufgabe ist es, die Erzieherinnen zu den von ihnen gewünschtenfachlichen Themen zu beraten. Es ließe sich hinzufügen: sonst nichts weiter. Selbst wenn es gelingt, uns konsequent aus Konflikten zwischen Erzieherinnen und dem Träger (oder Erzieherinnen und bestimmten Eltern) herauszuhalten, so erfahren wir davon, wenn sie uns vorgetragen werden. Ich schlage folgende Vorgehensweise vor:

wir hören die Klagen an, wir hören zu;
wir prüfen dabei, ob noch Reste eines guten Willens zum Dialog vorhanden sind;
wir ermutigen, einen Dialog (wieder) aufzunehmen;
wir signalisieren persönliches Verständnis enthalten uns aber jeder professionell zu interpretierenden Parteilichkeit.

Die letzte Empfehlung sei erläutert: Eine Erzieherin klagt darüber, dass sie für ihre Arbeit zu schlecht bezahlt wird, die Arbeitszeit für sie ungünstig ist oder sie nicht für Fortbildung freigestellt wird. Arbeitsrechtliche und tarifliche Themen aber gehören nicht zu unserem Aufgabenbereich. Wir können derartige Informationen zwar aufnehmen - nicht aber bearbeiten. Hier sind die Träger, die Spitzenverbände, die Standesvertretungen und die Berufsverbände gefragt. Dort gehören derartige Themen hin.
Ob und wieweit wir Informationen über Rahmenbedingungen überhaupt weiterverfolgen, hängt davon ab, wie sie unseren Auftrag tangieren. Wenn wir diesen Auftrag ganz allgemein formulieren, dann lässt sich sagen, dass Fachberatung dazu beizutragen hat, die Funktionen eines Kindergartens zu optimieren. Die zentrale Funktion des Kindergartens ist die Förderung von Kindern, so wie es in den Gesetzen (KJHG und KGaG) festgelegt wurde und nicht die Beschäftigung von Erzieherinnen oder die materielle Belastung einer Kommune. Dies sind lediglich Folgen der genannten Gesetze. Wer diese Folgen nicht wünscht, muss also die Gesetze ändern.

Gerade angesichts der Klage mancher Träger über die mit der Unterhaltung von Kindergärten verbundenen Belastungen ist es gut, wenn wir uns stets dessen bewusst sind, dass Kindergärten aus einer Reihe allgemein bekannter Gründe vom Gesetzgeber eingerichtet wurden und unsere Trägervertreter (Bürgermeister und Pfarrer) nicht selten jenen politischen Gruppierungen nahe stehen, die durch ihre politischen Entscheidungen die Basis für die Klagen und Belastungen erst schufen. Wir brauchen nur an die Ursachen zu denken, die zu dem Rechtsanspruch auf einen Kindergartenplatz führten, die bekanntlich nicht aus Theorie und Praxis der Sozialpädagogik (also der eigentlich zuständigen Fachdisziplin) abgeleitet wurden. Oder denken wir an die Veränderungen der Lebensbedingungen von Kindern und deren Familien, die die Betroffenen ebenfalls nicht zu verantworten haben, sondern in erster Linie jene, die Macht und Einfluß haben und politische Verantwortung in Staat und Gesellschaft tragen.

3. Am Beispiel der Organisation von Beratung - also der Rahmenbedingungen unseres Angebots - können für die betroffenen Erzieherinnen und für unsere Aufgaben und Möglichkeiten Probleme entstehen. Niemand kann einem Träger Vorschriften machen, was er zum Beispiel zulässt oder beschränkt. In der Bürgermeistermeisterkonferenz ist lediglich ihre Bereitschaft signalisiert worden, mitzumachen. Der Projektbericht gab Auskunft darüber, welcher Umfang und welche Inhalte erwartet werden könnten.
Es ist aber noch völlig offen, ob tatsächlich und in welchem Umfang Beratung erbeten wird. Jeder Träger wird das anders handhaben wollen. Ein Meldebogen, wie in der Projektphase gehandhabt, wird auch künftig zweckmäßig sein.


 

 

Anmerkung zum Schluss:

Wie auf der Seite über das Konzept einer ergänzenden Fachberatung für kommunale Kindertagesstätten im Landkreis Waldshut bereits berichtet, konnte es aus verschiedenen Gründen nicht weiter realisiert werden und ist nun in einigen Ordnern abgelegt und als Erinnerung in den Köpfen der Beteiligten.

© Dr. Joachim Rumpf
Diplompädagoge
Hühnerbühl 7
79733 Görwihl
Tel.: 07754 487

 

 

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