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Schriften zur Erziehung und Bildung im WWW
von Dr. Joachim Rumpf

 

Aufsätze zur Jugendhilfe 

 

Kinder in Not - ohne Hilfe?

 

 

Warum Hilfsangebote nicht frühzeitig genug wahrgenommen werden können

 Die durch Massenmedien geförderte Aufregung in der Öffentlichkeit ist groß. Immer häufiger werden Kinder zu Opfern häuslicher Gewalt oder Jugendliche zu Aggressoren. Und immer lauter wird der Ruf nach frühzeitiger Intervention beziehungsweise Hilfen für die betroffenen Familien. Es entsteht sogar der Eindruck, dass die für die Hilfen in Familien vom Gesetz her zuständigen Fachleute, die SozialarbeiterInnen in den Jugendämtern schlafen oder sich auf andere Weise um ihre Verantwortung drücken würden. Und keine Stimme hebt sich -- oder wird vielleicht sogar von Seiten der Verantwortlichen in den Medien bewusst überhört -- die zu diesem Problem ein aufklärendes Wort sagt. Ich will es dennoch versuchen.

 Ich berufe mich in diesen meinen Anmerkungen zum Problem der frühzeitigen Hilfen für Kinder in Familien auf langjährige hauptberufliche und ehrenamtliche Tätigkeiten in Arbeitsfeldern der Kinder- und Jugendhilfe. Meine Erfahrungen und die daraus fließenden Positionen werden u. a. durch eine, in ihrer Dramatik kaum zu überbietende Analyse von Olaf Emig (2007, 445 ff ) bestätigt, die er unter dem Titel „Der vermeidbare Tod eines Kleinkindes unter staatlicher Fürsorge“ veröffentlichte. Meine Erkenntnisse fasse ich in die folgenden Statements.

 

Wir brauchen keine neue Gesetze und Verordnungen, um Kindern in Not zu helfen.

 Sinn und Zweck aller Leistungen, die im Kinder- und Jugendhilfegesetz (Sozialgesetzbuch -- SGB VIII) für Familien und deren Kinder vorgesehen sind, ist die Stärkung der Erziehungsverantwortung der Personensorge- und/oder Erziehungsberechtigten. In der Regel also der Eltern und ihrer Kinder. Vor allem in den §§ 16 bis 21 ist die Förderung der Erziehung der Familie beschrieben, die auf die Förderung der Erziehungskompetenz wie auch auf Beratung und Unterstützung z. B. bei Trennung und Scheidung oder in Notsituationen der Eltern bezogen ist. Des Weiteren bieten die Hilfen zur Erziehung (§§ 27ff SGB VIII) für die Kinder und ihre Familien weitere Möglichkeiten der individuellen Unterstützung, wenn eine dem Wohl des Kindes entsprechende Erziehung nicht gewährleistet ist.

Die Gesamt- und Planungsverantwortung der örtlichen Jugendämter mit ihren Jugendhilfeausschüssen alle erforderlichen Maßnahmen zu treffen, um -- wie in unserem Beispiel -- Kindern in Not und ihren Familien zu helfen, ist in diesem Gesetz in den §§ 79--81 SGB VIII eindeutig benannt.

     

Gremien, in denen die verschiedenen für das Wohl aller Kinder verantwortlichen Institutionen zusammenarbeiten gibt es bereits.

 Neben den Jugendhilfeausschüssen gibt es in Städten und Landkreisen Arbeitskreise, in denen Informationen ausgetauscht, Hilfen und andere Aktivitäten initiiert, koordiniert und manchmal auch evaluiert werden. Zu denken ist an Arbeitskreise, die sich der Frühförderung von Kindern, der Suchtprophylaxe oder der Kooperation zwischen Kindergarten und Grundschule widmen. Eine wichtige Voraussetzung für das erfolgreiche Zusammenwirken der unterschiedlichen Leistungsträger ist, einen Konsens darüber zu erreichen, was Kindern in ihrer Entwicklung schadet oder hilft.

 

      Die Inhalte des Kindeswohls sind hinreichend erforscht und definiert.

 Für alle, die mit Kindern beruflich zu tun haben, einschließlich den MedizinerInnen und JuristInnen, liegen gründliche Untersuchungen darüber vor, was Kinder zu ihrem Gedeihen brauchen beziehungsweise was ihnen schadet. Eine besonders informative, leicht lesbare und maßgebliche Zusammenfassung der Grundbedürfnisse von Kindern, unter Berücksichtigung auch der neueren Forschungsergebnisse, findet seit mehreren Jahren jeder Interessierte im Internet. Dort gibt es eine Fülle an Literaturhinweisen und Berichten zu den hier angeschnittenen Gegenständen (www.rumpfs-paed.de/Grundbeduerfnisse/Einfuehrung.htm). Außerdem richten sich gut lesbare Ratgeber besonders an Eltern und in vielen Landkreisen und Städten gibt es diverse Bildungsangebote (Elternseminare, Gesprächskreise für Eltern) verschiedenster Träger. Beklagt wird dort allerdings, dass es sehr schwierig sei, Eltern, die besonders angesprochen werden sollten, für die Teilnahme zu gewinnen. Doch auch für die Lösung dieses Problem sind zweckmäßige Vorgehensweisen veröffentlicht, die nur umgesetzt zu  werden müssten (vgl. Rumpf 2000, 196ff und die Seiten über die Grundbedürfnisse von Kindern. Vgl. dazu weiter die Initiative der Familien eGmbH im Landkreis Waldshut „Eltern im Gespräch“ unter www.landkreis-waldshut.de/servlet/PB/menu/1058439/index.html)

 

Für die Art und Weise der Erfassung hilfsbedürftiger Kinder, wenigstens ab dem Eintritt in eine Tagesstätte oder Schule gibt es bewährte Konzepte.

 Bereits 2003 wurde im „Handbuch für Erzieherinnen“ (Krenz 2003) ausführlich über erprobte Wege von Früherkennung und Früherfassung von Verhaltensauffälligkeiten berichtet. Dort auch sind detailliert die Verfahren beschrieben, die geeignet sind, Kinder und ihren Eltern über die jeweils zweckmäßigen Hilfeformen zu informieren, die Verbindungen zu Hilfeangeboten zu knüpfen oder nötigenfalls in bestimmte Familien hinein zu intervenieren.

Auch wird mit dem seit Ende 2005 eingeführten § 8a SGB VIII „Schutzauftrag bei Kindeswohlgefährdung“ zumindest ein Verfahren festgelegt, das bei Bekannt werden gewichtiger Anhaltspunkte für eine Gefährdung des Wohls eines Kindes oder Jugendlichen in Gang gesetzt wird. Für Träger von Einrichtungen und Diensten der Jugendhilfe müssten Wege zu „insoweit erfahrenen Fachkräften“ geebnet sein, allerdings sind die dadurch entstehenden Kosten oft nicht geklärt (vgl. Münder u. a. 2007, 17). Was aber geschieht präventiv in weniger schwerwiegenden Fällen?

 

      ErzieherInnen in den Kindergärten und LehrerInnen in den Schulen wollen den Kindern in Not helfen.

 Die sozialpädagogischen Fachkräfte in den Tageseinrichtungen für Kinder müssen viel Geduld haben und abwarten können, wenn sich Eltern von Kindern, die Hilfe brauchen würden, verweigern. Das ist leider sehr häufig der Fall und setzt dem Hilfewunsch Grenzen. Dort, wo den Fachkräften Ansprechpartner fehlen, bleiben sie sich selbst überlassen.

Seit der Einführung des § 8a sind von allen Trägern zwar Informationsveranstaltungen für die Fachkräfte in Jugendhilfeeinrichtungen angeboten und immer wieder auf deren Mitverantwortung für möglichst frühzeitige Interventionen hingewiesen worden. Dennoch blieb die direkte und vertrauensvolle Verbindung zwischen zum Beispiel einer Erzieherin in einer Kindergartengruppe und der Sozialarbeiterin/dem Sozialarbeiter des Jugendamtes defizitär. So wandte sich eine Kindergartenleiterin nicht an das Jugendamt, als sie bei einem Kind den Verdacht auf Kindesmisshandlung hatte, sondern drängte die Mutter einen Arzt aufzusuchen und vermittelte selbst einen Termin. Der Arzt musste den Verdacht bestätigen und veranlasste seinerseits die Jugendhilfebehörde zum Eingreifen. Gelingt es aber einer Erzieherin nicht, Eltern zu bewegen, eine Beratungsstelle aufzusuchen oder eine andere Hilfeform zu akzeptieren, gerät sie in eine Zwickmühle: einerseits weiß sie, dass sie dazu verpflichtet ist, etwas für das Kind zu tun – andererseits kennt sie sehr gut die Hürden, die sich auftun können, wenn sie sich an den Personensorgeberechtigten vorbei zum Beispiel an „ihr“ Jugendamt wendet. Eine dieser Hürden ist, dass sowohl sie selbst wie auch der Fachkraft im Sozialen Dienst weder Zeit noch Kraft haben, die mit der Einleitung eines Hilfeprozesses nötigen Dokumentationen und Besprechungen durchzuführen. Die Folge ist, dass wirklich nur dann ein derartiger Prozess in Gang kommt, wenn von den  Verhaltensstörungen eines Kindes Gefahren für andere Kinder ausgehen und der Notruf dieses Kindes in der Tagesstätte nicht mehr beantwortet werden kann.

 

Solange also die Auffälligkeiten von Kindern noch in einem für die Gruppe erträglichen Rahmen bleiben, versuchen die ErzieherInnen sich selbst und den Kindern zu helfen (vgl. Rumpf 1999). Irgendwann aber steht der Übergang zur Grundschule vor der Tür. Wenn es eine gute Kooperation zwischen Kindergarten und Grundschule gibt, werden die Kooperationslehrer bei ihren Besuchen im Kindergarten von ganz allein merken, welche „Problemkinder“ auf sie zu kommen. Aber nicht einmal an dieser Nahtstelle reichen die gut gemeinten, von Ministerien mit wissenschaftlicher Begleitung eingerichteten Projekte aus, um den Kindern in Not und ihren Familien die frühzeitigen Hilfen angedeihen zu lassen, die dort benötigt würden. Die Folge ist, dass nun die LehrerInnen in der Grundschule an dem gleichen Dilemma leiden, wie zuvor die Fachkräfte in den Kindergärten.

 

Ungelöst beziehungsweise unbefriedigend ist die Umsetzung frühzeitiger Hilfen für Kinder und deren Familien in die Praxis. Warum ist das so?

 

Wegen Unwissenheit und anderer menschlicher Schwächen

 

Machen wir die Probe aufs Exempel und fragen wir eine/n beliebige/n SozialarbeiterIn, eine/n ArztIn im Gesundheitsamt oder SchulleiterInnen und LehrerInnen, ob ihnen die Veröffentlichungen, auf die ich hier hingewiesen habe, bekannt sind. Die meisten werden den Kopf schütteln. „Was sollen wir denn noch alles lesen?“ -- das dürfte die häufigste Reaktion auf diese Frage sein. Dabei ist zu vermuten, dass ein Teil der Befragten nach Abschluss ihrer Studien überhaupt keine Fachliteratur oder nur wenig lesen. Einige sind also schlichtweg nicht auf dem Laufenden (vgl. Rumpf 1993, 23ff, Rauin 2007, 60ff)

und ihre Kompetenzen sind -- auch wegen fehlender Kontinuität der Teilnahme an Fort- und Weiterbildung -- begrenzt.

Eine weitere Schwierigkeit besteht darin, dass wir Menschen sehr empfindlich sind, wenn uns jemand Verhaltensempfehlungen gibt. Besonders in Behördenorganisationen, wie es Ämter, Gemeindeverwaltungen oder Schulen nun einmal sind, ist das Bestreben des Einzelnen, sich von jeder als Bevormundung oder Besserwisserei empfundenen Einsicht anderer kompetenter Fachleute zu distanzieren, sehr groß. Auch von Vorgesetzten möchte man sich nicht gern etwas sagen lassen. Supervision, Fachberatungen oder Fortbildungen zu dieser Problematik wären darum unverzichtbar. Sie können aber nur dann und dort etwas bewirken, wenn ihre Auswirkungen sorgfältig evaluiert werden. Wenn Erfolgskontrollen fehlen, können Anstellungsträger auf derartige Angebote verzichten.

 

Wegen der Abwehr betroffener Eltern

 

Es sind häufig gerade die Familien, in denen aus den unterschiedlichsten Gründen die Grundbedürfnisse von Kindern (das Kinderwohl) unzureichend oder gar nicht beachtet werden, die sich einem Dialog mit den ErzieherInnen in Kindergärten oder mit den LehrerInnen in den Grundschulen verweigern. Jede Andeutung eines möglichen Hilfebedarfs wird zurückgewiesen und im Regelfalle mit völligem Kontaktabbruch oder gar mit Beschwerden beantwortet. Und ohne Mitwirkung von Eltern bzw. ihrem Einverständnis stoßen Hilfsbemühungen an enge Grenzen. Obwohl der Gesetzgeber die Stellung des Jugendamtes den Familien gegenüber, die sich einer Hilfe für sich und ihr Kind verweigern gestärkt hat, gilt nach wie vor die Priorität einer Mitwirkung, die die Fachkräfte erreichen sollten. So zweckmäßig und vernünftig diese Rangfolge auch ist, weil sich ohne Kooperation mit den Angehörigen eines Kindes die Aussichten auf eine erfolgreiche Hilfe verringern, vergrößert sie den Druck auf eine Fachkraft in Tagesstätte oder Schule. Auf  sie zielt der Gesetzestext, wenn es darin heißt, dass sie „den Schutzauftrag in entsprechender Weise nach Abs. 1 wahrzunehmen“ – also dem Jugendamt Kenntnis zu geben haben.

 

Wegen ungelöster Verantwortlichkeiten

 

Zu diesem Problem gesellt sich das der ungelösten Verantwortlichkeiten. Zu denken ist da an die bereits eingangs erwähnten „Gremien“ und „Arbeitskreise“, die es in ausreichender Zahl gibt. Das heißt, alle Verantwortlichen -- wie zum Beispiel die Vertreter von Jugendamt, Familiengericht, Sozialamt, Suchtbeauftragte und Frühförderstellen, Erziehungsberatung, Schulamt, Träger von Kindertagesstätten -- kommen in ihrer Region mehrmals im Jahr zusammen. Ihre Aufgabe in diesen Arbeitsgruppen, wie z. B. die der „Früherkennung und Frühförderung“ ist es unter anderem, Wege zur Hilfe zu planen,  organisieren, zu koordinieren und das Zusammenwirken zu sichern. Doch bei der Umsetzung hapert es. Ganz abgesehen davon, dass jede/jeder von ihnen unterschiedliche Auffassungen darüber haben kann, wann Hilfe geboten sei (wann also das Kindeswohl gefährdet erscheint) und niemand einsehen wird, ein bestimmtes Modell als verbindlich für sich und seine Dienststelle anzuerkennen und als Richtschnur des eigenen Handelns zu machen, werden alle unisono auf die begrenzten materiellen und personellen Kapazitäten verweisen. Dies betrifft vor allem Fälle unterhalb der Schwelle der Kindeswohlgefährdung. Allerdings sind die Kosten für eine hinzuzuziehende externe und beratende Kinderschutz-Fachkraft nicht ausreichend geklärt, vgl. Münder u.a. 2007, 50)

Und damit bin ich beim letzten Problem:

 

Wegen fehlender materieller und personeller Voraussetzungen

 

Ich gehe noch einmal zurück auf die Strategie der Früherkennung von Auffälligkeiten bei Kindern, die einen Hilfebedarf signalisieren.  könnten. Selbst wenn Fachkräfte in Krippen, Kindergärten oder Schulen ein Kind als „auffällig“ definieren und bei genauem Hinschauen einen Hilfebedarf annehmen müssen -- und das zu können muss zwingend zur Kompetenz jeder dieser Fachkräfte gehören -- braucht es eine vertrauensvolle und enge Zusammenarbeit mit den für dieses Quartier, in dem das Kind lebt, zuständigen SozialarbeiterInnen. Es ist die Jugendhilfe, die in unserem Gemeinwesen für die Förderung der Erziehung in Familien und für Hilfen für Kinder und ihre Familien in erster Linie verantwortlich ist beziehungsweise, denken wir nur an die Handlungsgebote des  § 8a SGB VIII , sein sollte. Um diese Verantwortung wahrzunehmen genügt es nicht, ein/e SozialarbeiterIn zu alarmieren. Diese Fachkräfte müssten in allen Kindertagesstätten und Schulen ihres oder seines Bezirks bekannt, gleichsam „zu Hause“ sein und bei allen Fachkräften und den Eltern der Kinder Vertrauen und Anerkennung genießen. Denken wir nur zurück an die oben erwähnte Zweckmäßigkeit, Eltern für eine Kooperation zu gewinnen, die übrigens auch dann zu erreichen wäre, wenn ein Kind aus der Familie herausgenommen werden muss.

Diese Rahmenbedingungen sind aber darum uneinlösbar, weil bei aktueller Ausstattung der Ämter ein/e SozialarbeiterIn für eine viel zu große Zahl von Familien und Einrichtungen „zuständig“ wäre. Für eine Stadt, die hier aus Gründen des Datenschutzes nicht näher bezeichnet werden soll, mit 14.000 EinwohnerInnen, mehreren Kindertagesstätten und Schulen amtiert ein (!) Sozialarbeiter im Sozialen Dienst des Jugendamtes. Gäbe es in dieser Stadt keinen weiteren Sozialarbeiter außerhalb des Jugendamtes, der für die offene Jugendarbeit zuständig ist und keine Angebote verbandlicher Träger (Caritas oder Diakonie), an deren Finanzierung allerdings ebenfalls die öffentliche Jugendhilfe beteiligt ist, sähe es für Kinder in Not oder gar deren Familien noch düsterer aus.

 

Eine Folge dieser mangelhaften personellen Ausstattung der Allgemeinen Sozialen Dienste der Jugendämter zeigt folgendes Beispiel, das typisch sein dürfte: Die Leiterin eines Kindergartens aus dieser Stadt berichtete (in einem Telefonat mit mir am 10.12.2007), dass sie es endlich geschafft hatte, den zuständigen Sozialarbeiter für ein Kind und dessen Notsituation zu interessieren (vgl. § 8a (Abs.1) KJHG) Sie sollte ihm einen schriftlichen Bericht einreichen auf Grund dessen er mit den Eltern sprechen und einen Hilfeplan erstellen wolle. Als die Kindergartenleiterin ihren Bericht einreichte, erhielt sie die Auskunft, dass der Hilfeplan (als Rechtsgrundlage für Hilfen) in ca. sechs bis acht Wochen vorliegen würde. Sie war zutiefst empört über diese lange Frist, wusste aber, dass die Personalsituation im Jugendamt katastrophal aussieht. Von früher Hilfe kann jedenfalls nicht die Rede sein.

 

Die angedeuteten Rahmenbedingungen, wie etwa kurze Wege zu einer fest zuständigen Fachkraft des Jugendamtes, die über die nötige Zeit verfügen kann, für frühzeitige Hilfen sind zwar unverzichtbar, erscheinen aber angesichts der Realitäten als utopisch. Allein wegen der fehlenden oder unzureichenden Verbindungen zwischen pädagogischen Institutionen einerseits und der öffentlichen Jugendhilfe andererseits, ist ein frühzeitiger Zugang zu den erzieherischen Hilfen für Familien (§ 27ff SGB VIII) erschwert.

Es gibt weder in unserem Landkreis noch anderswo eine permanente aktive Vernetzung zwischen den Erziehungs- und Bildungseinrichtungen und der öffentlichen Jugendhilfe innerhalb des Einzugsbereiches (Wohnbezirks) von Kindergärten und Schulen. Die meisten Fachkräfte in den Kindertagesstätten oder in den Schulen kennen nicht einmal die Namen „ihrer“ SozialarbeiterInnen.

Um diesem Dilemma etwas auszuweichen, diskutiert man zurzeit in der Öffentlichkeit medizinische Vorsorgeuntersuchungen und möchte -- bewusst oder ungewollt -- das ganze Problem den MedizinerInnen (Gesundheitsbehörden) zuschieben. Aber auch hier bleibt die Frage offen, wann und wie erhält eine Gesundheitsbehörde Kenntnis vom Hilfebedarf eines Kindes und was kann sie tun bzw. wie kann diese Behörde reagieren, wenn tatsächlich die Not eines Kindes festgestellt wird. Spätestens dann muss die Jugendhilfe am Hilfeprozess beteiligt werden und auch hier handelt es sich dann wieder um „lange und umständliche Wege“ bis Hilfe wirklich umgesetzt wird.

 

Zum Schluss:

Mir erscheint allein die Aufsplitterung von Verantwortlichkeiten, wenn es um die Erziehung und Bildung von Kindern in Not und die entsprechenden familiären Rahmenbedingungen geht, in verschiedene, gleichsam konkurrierende Institutionen als absurd. Was historisch so gewachsen ist, muss nicht so bleiben, wenn es sich im Alltag nicht bewährt. Die Federführung aller Hilfen für Kinder in Not muss vor Ort -- also in den Gemeinden -- die Jugendhilfebehörde übernehmen, und sie ist für diese Funktion materiell und personell optimal auszustatten und für diesen Nachweis die Beobachtungen und Schlussfolgerungen von pädagogischen Fachkräften akzeptieren.

Noch einmal sei unterstrichen:  wir benötigen keine neuen Gesetze, sondern deren Umsetzung. Auch die Umsetzung des  so genannten „Kinderschutzparagraphen“ 8a ist mit mangelhafter personeller Ausstattung aber auch mangelhafter methodischer Qualifikation als zweiter Schwachstelle schlicht nicht möglich.

 

 

Literatur:

 

Emig, O., 2007: Der vermeidbare Tod eines Kleinkindes unter staatlicher Fürsorge. In: neue praxis, 37. Jg., H. 5, S. 445--446

Rumpf, J., 2000: Mit Eltern sprechen. In: Unsere Jugend, 52. Jg., H. 5, S. 196—201

Initiative der Familien eGmbH im Landkreis Waldshut „Eltern im Gespräch“  (www.landkreis-waldshut.de/servlet/PB/menu/1058439/index.html)

Krenz, A. (Hrsg.), 2003: Handbuch für Erzieherinnen in Krippe, Kindergarten, Vorschule und Hort.

Rumpf, J., 1999: Eine kleine Heilpädagogik -- sieben Regeln haben sich bewährt. In: Unsere Jugend, 51. Jg., H. 11, S. 472- 480

Rumpf, J.,1993: Schule ohne Pädagogik? In: Die Deutsche Schule, 85. Jg., H. 1, S. 23--31

Rauin, U., 2007: Im Studium wenig engagiert …. In: Forschung aktuell, Uni Frankfurt H. 3, S. 60--64

Münder, J./Bindel-Kögel, G./ Heßler, M./Smessaert, A., 2007: Untersuchung zu den Vereinbarungen zwischen den Jugendämern und den Trägern von Einrichtungen und Diensten nach § 8a Abs. 2 SGB VIII. (www2.tu-berlinde/fak1/gsw)

 


Ich habe  meinen Text  über "Kinder in Not"   an  Personen und Institutionen geschickt, die mit der Jugendhilfe befasst sind.  Hierzu verfasste ich das folgende Begleitschreiben:

 

 

"...In den Medien ist die öffentliche Jugendhilfe wegen vieler Kinder, deren Not inzwischen immer offensichtlicher wird, immer mehr zum Thema geworden. Ob es um den Schulbesuch von Kindern aus „bildungsfernen“ Familien oder um in Familien misshandelte oder gar getötete Kinder geht: sogar Politiker bemühen sich um Reformideen.

Doch die Ursachen von Miseren, deren traurige Einzelfälle oder für das deutsche Bildungswesen blamable statistische Auswertungen die die Aufregungen gerade in den oberen Etagen von Staatsmacht und Parteipolitik Grundproblem veranlassen, sind kaum oder nur sehr schwer zu bearbeiten.

 

Ich behaupte: Das Bewusstsein, helfen zu müssen ist bei allen Personen und Institutionen, die im Bereich der Jugendhilfe tätig sind, ebenso vorhanden, wie die Wege bekannt sind, die beschritten werden müssten.

 

Unterhalb der politischen Ebenen von Kreistagen oder den Ratsversammlungen kreisfreier Städte, also dort, wo die Lebensbereiche der Kinder sind (in Familien, Kindertagesstätten, Schulen) sind unsere Decken überall zu kurz. Nach meiner Überzeugung ist dieser Widerspruch zwischen der vorhandenen „Einsicht in die Notwendigkeit“ und dem Unvermögen, der Einsicht entsprechend zu handeln einmal (allein wegen fehlender Mittel, die allein die Gemeinden und Landkreise zu tragen hätten) unauflösbar. Zum anderen aber werden Grenzen durch jene Familien selbst gezogen, die Hilfsangebote abwehren. Dass es außerdem noch andere, nur sehr schwer zu beeinflussende Rahmenbedingungen gibt, muss auch gesehen werden.

 

Ich habe zu diesem Thema eine Seite „Kinder in Not“ ins Internet gestellt. Für Sie habe ich eine WORD-Version dieses Textes angefügt. Bitte lesen Sie mein Statement und das dazu gehörende Material hierzu kritisch und besuchen Sie auch andere Seiten meiner Homepage http://www.rumpfs-paed.de!

Ich hoffe, dass meine Texte Ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter anregen, selbst zu recherchieren und auf die schmerzenden Stellen unserer Hilfesysteme ihre Finger zu legen.

 

Ich wünsche Ihnen und Ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern alles Gute und weiterhin guten Erfolg für Ihr Wirken!

 Mit freundlichen Grüßen

Joachim Rumpf

 

 


Frau Ministerin

Dr. Monika Stolz

Ministerium für Arbeit und Soziales

Baden Württemberg

21.01.2008



Sozialministerin

Frau Bundesministerin Ministerin von der Leyen

Gesendet: Donnerstag, 13. Dezember 2007 19:18

An: 'poststelle@bmfsfj.bund.de'

Betreff: Kinder in Not



Familienministerin 

An das

Deutsche Jugendinstitut

DJI

18.01.2008




Deutsche Jugendinstitut

An die „neue Praxis“

Herrn

Prof. Dr. Hans Uwe Otto

Universität Bielefeld, Fakultät für Pädagogik

14.01.2008



Uni Bielefeld/ Neue Praxis

Von: Dr. Joachim Rumpf [j.rumpf@gmx.de]

Gesendet: Donnerstag, 13. Dezember 2007 13:39

An: 'mohnke@kinderschutzbund-bw.de'





Kinderschutzbund

 

Herr Baefner vom AFET Hannover hat geantwortet. Dieses Schreiben kann auf der Seite über die Hürden in der Jungendhilfe nachgelesen werden. Von den hier genannten blieb aber jedes Echo aus. Gerade diese Sprachlosigkeit - sei es wegen Arbeitsüberlastung, wegen Arroganz oder gar Gleichgültigkeit (über die Gründe mag man spekulieren) - gehört zu den Hürden, über die auf der ensprechenden  Seite Auskunft gegeben wurde.


Es haben aber Frau Sabine Behn und Frau Gabriele Bindel-Kögel von der Jugendhilfezeitschrift "Unsere Jugend" in München meinen Aufsatz über "Kinder in Not" in das Heft 11 + 12 2008 aufgenommen.

 

 

 

Impressum und Copyright:
Dr. Joachim Rumpf, Diplompädagoge
Hühnerbühl
779733 Görwihl
Tel.: 07754487

begonnen: 15.10.2005
aktualisiert 03.05.2007

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