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Schriften zur Erziehung und Bildung im WWW
von Dr. Joachim Rumpf

 


Einfuehrung Jugendhilfe

 

Ich habe viele Jahre im Arbeitsfeld „Jugendhilfe“ praktisch gewirkt aber auch geforscht und gelehrt. Es beruhen darum meine Texte sowohl auf einer Fülle eigener Erfahrungen und auch auf wissenschaftlichen Untersuchungsergebnissen. Meine hier mitzuteilenden Erfahrungen aber begründen zugleich den kritischen Blick auf einen Lebensbereich, der gerade in der gegenwärtigen (2012) Diskussion in unserer politischen Öffentlichkeit große Aufmerksamkeit erfährt: Es geht um die Erziehung und Bildung von Kindern außerhalb der Familie und hier ganz besonders der Betreuung in Kindertageseinrichtungen. Dass diese immer auch zugleich Jugendhilfeeinrichtungen sind, ist zwar allein auf Grund der geltenden Gesetze selbstverständlich. Diese Selbstverständlichkeit wird aber kaum kommuniziert.

Um aber Ihnen, liebe Besucherin, lieber Besucher dieser Seiten, eine rasche Orientierung zu ermöglichen, gebe ich zunächst einige der Aufsätze an, die ich in diese Abteilung eingestellt habe.

 

 

Hürden in der Jugendhilfe   

Kinder in Not

Über die Kooperation von Jugendhilfe und Schule

Integration behinderter Kinder und Kindern mit Migrationshintergrund in Kindertagesstätten und Schulen

 

 

Es war der Leidensdruck einer Lehrerin, die sie bewog, Angebote der Jugendhilfe nach § 1 KJHG in Anspruch zu nehmen:

Die Klassenlehrerin der 4 a unserer Grundschule erzählte mir, wie und warum sie mit unserem Jugendamt in Kontakt kam:

„Ich habe ein Problem mit Klaus und komme da nicht weiter. Er verweigert die Mitarbeit, stört ständig den Unterricht, kommt unausgeschlafen aber auch ab und zu übelriechend zur Schule. Da stimmt etwas nicht. Ich habe schon einige Male versucht, mit den Eltern Kontakt aufzunehmen. Sie reagieren nicht. Ich habe schon zwei Briefe geschrieben und ich bin dort gewesen. Auf mein Klingeln hat niemand reagiert obwohl ich mich angemeldet hatte und Klaus meinte, seine Mutter sei zu Hause. Also habe ich unser Jugendamt in der Kreisstadt angerufen und mit Frau L. gesprochen. Frau L. hat sich vor einiger Zeit in unserer Schule vorgestellt und uns gesagt, sie sei die neue Bezirkssozialarbeiterin und wenn wir mal Rat und Hilfe brauchen, sollten wir bei ihr anrufen.
Frau L. war zwar nicht gleich zu erreichen. Als ich sie aber am Apparat hatte und ihr schilderte, was ich für Probleme mit Klaus habe. Sie sicherte mir zu, mit den Eltern von Klaus Kontakt aufzunehmen um herauszufinden, was denn da los sei und wie Klaus geholfen werden könne…“



Mit dieser Ankündigung, zu prüfen, wie diesem Kind – und möglicher Weise auch den Eltern – geholfen werden könnte, ist der Kern dessen, was „Jugendhilfe“ meint, ausgesprochen worden. Es geht Hilfen um für ein Kind und nicht selten zugleich um Hilfen für die Familie, in der dieses Kind heranwächst.

Unseren Rechtsstaat zeichnet aus, wie es der Begriff auch meint, dass bei uns sehr viel durch Gesetze und Rechtsordnungen so festgelegt ist, dass sich die gesetzlichen Normen einmal von Seiten der dazu bestimmten Behörden durchgesetzt werden können zum anderen aber auch von Betroffenen eingefordert bzw. erbeten werden können. Und was die Lehrerin erbat und wie und warum die Sozialarbeiterin reagierte basiert auf dem genau dieser Problematik gewidmete Kinder- und Jugendhilfegesetz ( Sozialgesetzbuch /SGB Achtes Buch / VIII Kinder und Jugendhilfe abgekürzt: KJHG). Aus diesem Gesetz geht eindeutig hervor, welche  Rechte Kinder und Jugendlichen, welche Rechte und Pflichten deren Familien und welche Rechte und Pflichten die "staatliche Gemeinschaft" vertreten zum Beispiel von Berufspädagogen in Kindertagesstätten und Schulen oder Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeitern in den Jugendhilfebehörden haben. Hier aus den beiden ersten Paragraphen:

 

 

Allgemeine Vorschriften

§ 1 Recht auf Erziehung, Elternverantwortung, Jugendhilfe

(1)   Jeder junge Mensch hat ein Recht auf Förderung seiner Entwicklung und auf Erziehung zu einer eigenverantwortlichen und gemeinschaftsfähigen Persönlichtkeit.

(2)  Pflege und Erziehung der Kinder sind das natürliche Recht der Eltern und die zuvörderst ihnen obliegende Pflicht. Über ihre Betätigung wacht die staatliche Gemeinschaft.

(3)  Jugendhilfe soll zur Verwirklichung des Rechts nach Absatz 1 insbesondere
1. Junge Menschen in ihrer individuellen und sozialen Entwicklung fördern und dazu beitragen, Benachteiligungen zu vermeiden und abzubauen,
Eltern und andere Erziehungsberechtigte bei der Erziehung beraten und unterstützen,
3. Kinder und Jugendliche vor Gefahren für ihr Wohl schützen,
4. Dazu beitragen, positive Lebensbedingungen für junge Menschen und ihre Familien sowie eine kinder- und familienfreundliche Umwelt zu erhalten oder zu schaffen.

 
§ 2 Aufgaben der Jugendhilfe

(1)   Die Jugendhilfe umfasst Leistungen und andere Aufgaben zugunsten junger Menschen und Familien.

(2)  Leistungen der Jugendhilfe sind:        

1.  Angebote der Jugendarbeit, der Jugendsozialarbeit und des erzieherischen Kinder und Jugendschutzes (§§ 11 bis 14),

2. Angebote zur Förderung der Erziehung in der Familie (§§ 16 bis 21)

                      3.  Angebote zur Förderung von Kindern in Tageseinrichtungen und in
                             Tagespflege (§§ 22 – 25),

                      4.  Hilfe zur Erziehung und ergänzende Leistungen (§§ 27 bis 35, 36, 37, 39, 40)

                      5.  Hilfe für seelisch behinderte Kinder und Jugendliche und ergänzende Leistungen
                          (§§ 35a bis 37, 39, 40).


 

Nehmen wir jetzt einmal an, dass Klaus in seiner eigenen Familie, aus welchen Gründen auch immer, nicht hätte geholfen werden können. Dann muss das Jugendamt, vertreten durch die Sozialarbeiterin / den Sozialarbeiter nach anderen Hilfeformen Ausschau halten.
Die für ein Kind notwendigen Hilfen können sowohl in einer Familie außerhalb des Eltern­hauses oder in einem Heim gewährt werden (§ 6; 2 KJHG). Die Behörde, die die Hilfe festzu­stellen beziehungsweise zu prüfen, zu bewilligen und deren Durchführung zu begleiten hat, ist das Jugendamt: ihm hat der Gesetzgeber alle entsprechenden Kompetenzen zugeordnet. In jedem einzelnen Fall haben es alle Be­troffenen - die Eltern des Kindes (beziehungsweise die Personensor­geberechtigten), das Kind und die aufnehmende Institution (z. B. Pflegefami­lie oder Heim) mit dem das Jugendamt repräsentierenden Sozialarbeiter zu tun. Wie sehr die Kinder Institution und Per­son gleichsetzen, zeigt sich in Gesprächen, Briefen und Berichten, wenn die Heimkinder von "ihrem" Jugendamt sprechen. "Morgen be­sucht mich mein Ju­gendamt", kündigen Kinder im Heim A den Besuch des für ihren Wohnbezirk in der Hei­matgemeinde zuständigen Sozial­arbeiters an. Allein an diesem Beispiel wird deutlich, dass sich die Heimkinder dessen bewusst sind, dass sie ohne den Sozialarbeiter nicht im Heim wären und dass diese Person Mitverantwortung für ihr Schicksal trägt. Diese Mitverantwortung trifft in vollem Umfange für die Kinder zu, für die das Jugendamt Vormund ist.
"Was für Kinder sind das, die heute noch in Heime kommen?" Auf diese selbstgestellte Frage antwortet Andreas Mehringer
(Heimkinder. München 1977, S.65 ff) mit einer Reihe ebenso anschaulicher wie er­schütternder Beispiele sozialer Verhältnisse, die die Herausnahme eines Kindes aus der Fami­lie erforderlich machte. "Es ist unsere Welt" fährt Mehringer an gleicher Stelle fort und deu­tet zugleich einige Ursachen an: "die Welt der nicht geliebten, sondern der nur zum Leben verur­teilten, der ungewollten Kinder; der Scheidungen; der Misshandlun­gen; der Vergehen und Verbrechen; der Selbstmorde und der Morde; der Unfälle und der Krankheiten - eine Dichte von Schicksal, Un­glück, Versagen ..."

Ich möchte diese Aussage mit nur einem Beispiel aktualisieren. Im jüngsten Gespräch mit der Mutter, die ihr Kind im Heim besuchte (ich arbeite gerade an diesem Kapitel), erklärte sie mir, dass sie ihren Jüngsten nicht hat in den Arm nehmen können. "Der sollte hart werden und frühzeitig lernen, dass das Leben kein Zucker­schlecken ist ... Der hat viel Schläge ge­kriegt ... Ich weiß nicht - war vielleicht ein Fehler von mir, aber dem sollte es nicht so ge­hen wie mir".

Die Notstände der Eltern werden zur Not der Kinder, die auf die sie belastenden und ihre Entwicklung beeinträchtigenden Ver­hältnisse mit Verhaltensweisen reagieren, die in den Le­bensbereichen der Kinder, am Beispiel des Schülers Klaus wurde das deutlich, auffallen.

Hier die im Bereich der Sozialarbeitswissenschaft (Jugendhilfe) ermittelten Ursachen für Entwicklungsstörungen bzw. Auffälligkeiten von Kindern und Jugendlichen:

- Da gibt es psychologische beziehungsweise psychoanalytisch begründete Ursa­chen abweichenden Verhaltens, Störungen im Entwicklungs- und Sozialisationsprozess einer Person, die vor allem im Elternhaus ihre Wurzel haben, da dem Kind dort nicht die Zu­wendung zuteilwurde, die es für seine Entwicklung braucht.

- Es gibt weiter Personen oder Perso­nengruppen, die auf legale Weise Wertvorstellungen und/oder Ziele unserer Gesellschaft wie beruflichen Erfolg, Ansehen oder Reichtum nicht erreichen können. Stattdessen versuchen sie die von ih­nen als erstrebenswert angesehenen Attribute der Wohlstandsgesell­schaft auf illegale Weise zu erreichen oder sie stellen diese Normen in Frage. Dann wählen sie alternative Lebensformen und ziehen sich in subkulturelle bewusst friedfertige Gemeinschaften zurück. Es gibt aber auch das Gegenteil: Gruppen, die die gesellschaftlichen Normen  bewusst verletzen.  Nicht selten wird dabei kriminelles Verhalten als Folge von Lernprozessen in be­stimmten subkulturellen Gruppen erworben, in denen Abweichung zur Norm gehört wie Rockergruppen und Motorradgangs  Der Nachwuchs aus derartigen Familien kann dadurch in seiner Entwicklung beeinträchtig werden, dass seine Grundbedürfnisse nur ungenügend befriedigt werden.

- Abweichendes Verhalten beziehungsweise Krimi­nalität kann vielleicht auch als Folge von Zuschreibungsprozessen betrachtet werden. Das heißt, dass jemand, der sich in einer bestimmten sozialen Situation befindet (zum Beispiel Unterschichtangehörige, Heimkinder, Kinder von Zigeunern, Kinder aus alternativ lebenden Gruppen u. s. f.), damit rechnen muss, "dass sein Verhalten eine größere Wahrschein­lichkeit in sich trägt, von anderen, insbesondere aber von Trägern der öffentlichen und sozialen Kontrolle als ab­weichend beziehungs­weise kriminell definiert zu werden als jemand, der sich in glei­cher Weise verhält, jedoch einer anderen sozialen Schicht angehört oder aus einer intakten Familie kommt." Diese Auffassung vertrat z. B. Fritz Sack („Neue Perspektiven der Kriminologie…“ 1974, S.472 f), der diesen „Zuschreibungsansatz“ (labeling approach) in die deutsche Kriminalliteratur einführte.

 

Mir ist bisher in Einrichtungen der Jugendhilfe kein Kind begegnet, das allein wegen derartiger Zuschreibungsprozesse auffällig geworden wäre.
Ich sehe vielmehr, dass die betreffenden Kinder durch derartige vorurteilbeladenen Verhalten wie Ablehnung bzw. mangelnde Akzeptanz oder gar mehr oder weniger ausgesprochene Erwartungen wie: ‚nun zeige erst mal, dass du normal bist‘ spüren, dadurch verunsichert sind u. U. in einer Art ‚nun erst recht‘ – Haltung negativ verstärkt werden.

Keiner der hier nur andeutungsweise erwähnten Ansätze hat bisher zu Ergebnissen geführt, die die Ursache-Wirkung-Verhältnisse in einer für die sozialpädagogische und sozialpolitische Praxis ver­wertbaren Weise hat aufklären können. Will man die Ursachen abweichenden Verhaltens bei einem Kind erklären, wird mal der eine, mal der andere, der genannten Ansätze ein größeres Gewicht haben. Ganz allgemein aber kann gelten, dass sich kein anderer Zusammen­hang so zwingend nachweisen lässt wie der, dass - abgesehen von seeli­schen Aus­wirkungen körperli­cher Leiden oder Behinderungen –

die Ursachen der Verhaltensstörungen von Kindern in den Lebensbereichen zu suchen sind, in denen die Kinder heranwachsen.

Dass nicht jedes Kind auf die gleichen belastenden Lebensumstände mit glei­chen Störungen reagiert, bestätigt die Bedeutung von intrapersona­len Dispositionen oder Prozessen, die die spezifische Art und Weise erklärt, in der das Kind aktiv an seiner Umwelt teilhat. Das Kind ist bemüht, diese Umwelt und sich in einem andauernden in­teraktiven Prozess so zu gestalten, dass es zu über­leben vermag.

Soweit Bedingungen in Exo- und Makrosystemen für die Herausbildung von Verhaltensstö­rungen mitverantwortlich gemacht werden, wie bei­spielsweise unbefriedigende Arbeitsbedin­gungen von Eltern oder wettbewerbsorientierte Konsumhaltungen oder ganz allgemein unbe­friedigende Lebensbedingungen für Familien, ist festzuhalten, dass es offenbar in völlig ver­schiedenen gesellschaftlichen Systemen Bedingungen gibt, die das Kindeswohl bedrohen.

Auf dieser Homepage wird darüber Auskunft gegeben, was Kinder brauchen, um gedeihen zu können. Wer immer ihnen diese elementaren Bedürf­nisse beschneidet, gefährdet ihre Entwicklung. Hans Zulliger (in: „Schwierige Kinder“ Bern 1963) deutet auf die Erwachsenen, wenn er feststellt, dass der "ungesunde" Erzieher "kranke" Kinder erziehe. Und diese Beobach­tung trifft zu für alle Gemeinschaften, in denen erzogen wird, wie es ausführlich der Psychoanalytiker Horst Eberhard Richter nachweist (z.B. in: „Patient Familie…“ Hamburg 1972).


Bereits am Beispiel von Klaus, mit dem oben begonnen wurde, ist auf die Bedeutung der Schule bzw. eines Lehrers hingewiesen worden, wenn es um die Einleitung einer Jugendhilfemaßnahme geht. Diese Zusammenhänge zwischen Schule und Jugendhilfe sollen hier noch etwas vertieft werden.

Eine allgemeine und im Folgenden genauer zu betrachtende Fest­stellung sei vorangestellt:

Jugendhilfe wird in Anspruch genommen, wenn sich seeli­sche Notlagen von Kindern in der Schule manifestieren und dort als "schu­lisches Versagen"  diagnostiziert werden.

In Kindergärten wird auf Abweichungen von in den jeweiligen Einrichtungen geltenden Verhaltensnormen viel seltener  mit Hilferufen an das zuständige Jugendamt reagiert. In der Schule ist das anders, denn dort wirken sich Abweichungen auf die Bewertungen durch die Lehrer aus. Leistun­gen und die dazu gehörenden Ordnungsvollzüge wie Heftführung, Vollständigkeit und Zu­stand des Arbeitsmaterials oder die Art und Weise der Erledigung der Hausaufgaben, werden in den Schulnoten der einzelnen Fächer bewertet. Verhalten und Mitarbeit, also soziale Ele­mente der Schü­lerrolle, werden in den dafür vorgesehenen Rubriken von Schulzeug­nissen vom Lehrer ebenfalls bewertet, wirken aber auch, und kaum kontrollierbar auf die Lei­stungsbeurteilungen mit ein. Was Lehrer an Verhaltensweisen vom Schüler erwarten, ist je­dermann aus der eigenen Schulzeit bekannt. Hier einige Beispiele: Lehrer erwarten von einem Schüler,

-     dass er während des Unterrichts aufpasst, zuhört und nicht spricht, solange er dazu nicht aufgefordert wird;
-     dass er sich während des Unterrichts im Klassenzimmer nicht uner­laubt herumbewegt, rennt, tobt oder mit dem Stuhl schaukelt;
-     dass er sich an die zeitlichen Regeln hält, also nicht später kommt oder früher geht und nicht mehr oder weniger Zeit für die Erledigung seiner Aufgaben braucht, als der Lehrer   vorgesehen hat;
-     dass er dem Lehrer gehorcht und sich ihm gegenüber in Haltung, Mimik, Gestik und sprachlichem Ausdruck höflich und anständig ver­hält;
-     dass er sich seinen Mitschülern gegenüber ebenfalls sozial ver­hält und zum Beispiel nicht aggressiv ist, weder in Worten noch in Taten;
-     dass er auch darüber hinaus die Schulordnung einhält, wozu die Be­achtung der Pausenrege­lungen, das Verhalten auf dem Schulhof, auf den Gängen, in der Turn- und Schwimmhalle, beim Kirchgang oder an­ der          Schulbushaltestelle gehört.
-      Selbstverständlich sollte ein Schüler nicht lügen, stehlen oder mutwillig Einrichtungen im oder am Schulgebäude zerstören, auf dem Schulgelände keinen Alkohol trinken und nicht rauchen.

Abweichungen von diesen Normen werden sanktioniert, sobald sie be­kannt wer­den und sofern sie die Toleranzgrenzen eines Lehrers oder eines Lehrerkollegiums verletzen. Wenn für die in der Schule beob­achteten Normverletzungen eines Kindes in den Bereichen von Lei­stung und Verhalten die in der Schule üblichen Erziehungsmittel nicht ausreichen, dann wird nach anderen Maßnahmen Ausschau gehal­ten.

Wie der Toleranzspielraum in einer Schule de­finiert werden kann, und welche Überlegungen im Allgemeinen beachtet werden müssten, darüber gab ein maßgeblicher Mitarbeiter eines Ober­schulamtes Auskunft:

Es ist nicht leicht, darüber zu entscheiden, was einer Klasse  an "schwierigen" Kindern zugemutet werden kann. Die Toleranz­grenze ist sicher auch von der jeweiligen Lehrer­persönlichkeit abhängig. Um eine subjektive Beurteilung durch den Lehrer zu vermei­den, ist zunächst eine möglichst exakte Dokumentation der Probleme, die ein Kind hat und macht, dringend geboten. Weder die Anzahl von Klassenbucheinträgen noch die oft unterschiedli­chen und lückenhaften Erinnerungen von Lehrern reichen dabei aus, eine dem Kind gerechte Entscheidung zu treffen.

Die Grundlagen für so weitreichende Entscheidungen wie z. B. der Einleitung einer Überprüfung der Sonderschulbedürftigkeit oder der Notwendigkeit einer besonderen Förderung  oder auch nur für ein Gespräch mit Eltern oder Erziehern über die schulische Situation eines Kindes, sollten die in entspre­chenden Notizen festgehaltenen, aus aktuellen Situationen heraus entstandenen Aufzeichnungen der Lehrer sein.

Mit ihrer Hilfe kann man in Lehrerkonferenzen und in vertrau­ensvollen Gesprächen mit den Erziehungsberechtigten zu einer objektiven Beurteilung des Schülerverhaltens kommen. Vor dem Hintergrund z. B. folgender Beurteilungsgesichtspunkte:
- persönliche Situation des Kindes
- Bildungsinteresse aller Schüler einer Klasse und deren Eltern
- der Bildungs- und Erziehungsauftrag der Schule, vertreten durch die Personen der Lehrer, können dann die für das Kind        optimalen Entscheidungen getroffen werden.

Was aber bis zu diesen Entscheidungen im Einzelnen in der Schule abgelaufen ist, sei es während der Pausen für jedermann sichtbar oder hinter den Türen der Klassenzimmer wäh­rend des Unterrichts ist schwerlich "objektiv" zu ermitteln. Interaktionistische Analy­sen wer­den vermieden und es sagen die Zeugnisnoten oder die Schul­berichte von Lehrern an die Ju­gendhilfebehörden bzw. Sozialarbeiter nichts darüber aus, welchen Anteil Lehrer, Unterricht oder Schul­klima an der Ge­nese oder Verstärkung abweichenden Verhaltens haben. Aus unter­schiedlichen Gründen kommt die Schule mit mal weniger mal mehr Kindern eines Schuljahr­ganges nicht zurecht. Sei es, um nur einige zu erwähnen, weil ein Lehrer sich auf Kinder nicht ausreichend ge­nug mit seinem Unterricht einzustellen vermag und die individuel­len Lerntypen zu wenig berücksichtigt, oder weil bereits durch die Art und Weise des Anfangsunterrichts die Lernbereitschaft von Schulanfängern zerstört und vor­handene Schulängste vergrößert werden, die ihrerseits durch einen Entwick­lungsrückstand des Kindes ausgelöst werden können oder aber, dieser Hinweis ist angesichts der Integrationskonzepte in Bezug auf Schulpflichtige von großer Aktualität, die aus anderen Ländern und mit anderem kulturellen Hintergrund zu uns kommen.

Nicht selten werden Defizite, die durch ungünstige Familienverhältnisse entstanden, durch entsprechende Anforderungen und Haltungen von Lehrern ver­stärkt. In den Fällen, in denen Lehrer ihrerseits versuchen mit den Eltern zu kooperieren, stoßen sie oft auf Ablehnung und bleiben in einer im wahrsten Sinne des Wortes "hilflosen" Situation dem Kind gegenüber. Be­gleiterscheinungen und Folgen dieser Prozesse sind Versagenserleb­nisse bei den betreffenden Kindern, Erlebnisse, die eine eigene Dynamik entfalten und führen können zu Resignation, völliger Demo­tivation an schulischem Lernen mit kompensierenden Verhaltensfol­gen. Ob ein Kind schweigend und passiv, über weite Strecken teil­nahmslos dem Unterricht beiwohnt oder ob es laut wird und aggressiv gegen sich und andere: am Anfang steht das Erleben, den schuli­schen Anforderungen nicht gewachsen zu sein; das ist das "Haupt­problem" dieser Kin­der mit erheblich negativen Auswirkungen auf das Selbstbild des Kindes mit zum Teil dramati­schen Folgen für die Persönlichkeitsentwicklung. Diese destruktiven Prozesse werden im Unterricht verstärkt und - bezogen auf die "Schulversager" - nicht selten dort erst hervorgerufen. Zu diesen Aussagen liegen eine Reihe empirischer Arbeiten vor, die u. a. be­legen, wie unzulänglich Lehrer sich und die Gestaltung ihres Un­terrichts auf Schüler mit Lernschwierigkeiten einstellen können und insofern in recht eindeutiger Weise dem Wohl von Kindern zuwi­derhandeln: "Die Schule zerstört die seelische Gesundheit", erklärte schon  Walter Bärsch („Gewalt im Bereich der Institutionen: Beispiel Schule. In: Deutscher Kinderschutzbund / Hrsg.: Schützt Kinder vor Gewalt. Vom aktiven zum reaktiven Kinderschutz. Weinheim 1985, S.506). Dass mit "Schule" aber durchaus nicht immer oder al­lein das Verhal­ten von Lehrern gemeint sein muss, zeigen Studien, nach denen der Druck von Seiten einsei­tig leistungsorientierter Eltern auf Schule und Lehrer immer stärker wird mit dem Ziel, die eigenen Kinder durch die Schule auf die vermeintlichen oder tatsächlichen Erwartungen von Ausbildungsstätten vorbereiten zu lassen. Diese Einflüsse dürfen nicht unterschätzt werden, da sie es sind, die kooperative Arbeitsformen im Unterricht zu Gunsten konkurrierender Ver­haltensweisen zurückdrängen und sich nachteilig auf die Unterrichtsatmosphäre auswirken. So hat ein Lehrer immer häufiger Mühe, die Forderung abzu­wehren, dass er die leistungsorien­tierten Schülergruppen zu Lasten der schwächeren Kinder seiner Klasse auf gute Schulnoten hin trim­men solle.

Im Zusammenhang mit den gegenwärtigen Bemühungen um Integration bzw. Inklusion in Kindertagesstätten und Schulen hat die Jugendhilfe eine bedeutsame Funktion – auch wenn das in den auf die Schule bezogenen Veröffentlichungen kaum zum Ausdruck kommt.

Die Arbeitsfelder Schule und Schulbehörden einerseits und Jugendhilfeeinrichtungen, ihre verbandlichen Träger und Behörden  andererseits sind in unserer Gesellschaft auf Grund von Recht und Gesetz streng getrennt. Diese Trennung hat historische Gründe. Der Frage ob und wieweit – abgesehen vom Interesse der jeweils dort beschäftigten und besoldeten Fachkräfte – die bestehenden Grenzen zweckmäßig sind, möchte ich an dieser Stelle nicht weiter nachgehen. Als sicher aber kann gelten: wenn die Bemühungen um Integration bzw. Inklusion in Kindertagesstätten und Schulen Erfolg haben sollen, dann sind Jugendhilfe und Schule wechselseitig aufeinander angewiesen. Sozialpädagogische Fachkräfte werden zwar heute bereits von Schulbehörden angestellt, um Integrationsleistungen zu unterstützen. Das Zusammenwirken mit ihren Kolleginnen und Kollegen in der Jugendhilfe aber ist ebenso bedeutsam, wie das mit den schulpädagogischen Kolleginnen und Kollegen.

Für mich bedeutet das Konzept einer Integration von Kindern mit einem besonderen Förderbedarf zugleich eine Integration von Jugendhilfe und Schule, die sich in einer pointierten Form einer guten, ergebnisorientierten und sorgsam zu dokumentierenden und nachprüfbaren Kooperation, jedem am Integrationsprozess Beteiligten und Interessierten darstellt.

Ein zentrales Problem eines integrativen Ansatzes von schul- und sozialpädagogischen (sprich: Jugendhilfe-) Leistungen, sobald sie von Schulträgern eingefordert bzw. eingerichtet werden, ist das der fachlichen Begleitung (Fachberatung), der administrativen Zuständigkeit und der Finanzierung.

Um Kindern, die besondere Förderung brauchen und deren Hilfsbedürftigkeit bzw. Förderungswürdigkeit in Kindergärten, Kindertagesstätten  oder Schulen erkennbar wird, zu helfen, brauchte es eine pädagogische Fachkraft, die

die Verhaltensauffälligkeiten eines Kindes als Hilferufe wahrnimmt,

die diese Hilferufe systematisch beobachtet und erfasst

 und die

Hilfen für das Kind auf den Weg bringt.

 

Diese Wege sind im § 8a KJHG / Sozialgesetzbuch VIII beschrieben. Mehr noch: im § 8a (1) ist sogar die Vorschrift enthalten, die von einer Fachkraft bzw. einer pädagogischen Einrichtung fordert, entsprechende Schritte zu unternehmen.

 

Nun gibt es aber bei der praktischen Umsetzung derartiger durchaus gut gemeinter und sinnvoller Gesetze,  Hürden. Auf eine ganze Reihe von Problemen struktureller und personaler Art, die in der Praxis vorhanden sind, ist in dem Aufsatz über „Kinder in Not“ hingewiesen worden. Über diese Problemen und damit über die Realität in der Jugendhilfe wollte sich eine Studentin im Diplomstudiengang der Pädagogischen Hochschule Freiburg informieren lassen und fragte:


"1. Wie sieht es mit dem Sozialen Dienst bei Ihnen im Landkreis aus und könnten Sie einige Zahlen nennen (Bezirksgröße eines Sozialarbeiters u. dgl.)?

 

2. Ist denn der § 8 KJHG hinreichend bekannt und wie wird er beachtet?"

 

Zunächst aus meinem Begleitbrief an die Fragestellerin:

 „… Ich werde versuchen, die Daten zu erhalten, die Sie vorschlagen. Ob aber unser Jugendamtsleiter … sein Amt in diesem Zusammenhang genannt werden wissen will, das bezweifle ich sehr. Er würde allein schon Schwierigkeiten mit seinem Dezernenten bekommen. Ich durfte nicht einmal darüber berichten, dass in unserem Landkreis eine intensive Elternbildung nach § 16 KJHG eingerichtet worden ist. "Können Sie sich nicht auf Ihre Pflichtaufgaben beschränken?", würden Kreisräte reklamieren (fürchtet der Dezernent).

Ja, liebe Frau B., die Realität der Jugendhilfe (und ich denke hier vor allem an die leitenden Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und die institutionellen Zwänge, in die sie gefangen sind) sieht in einigen Landkreisen erschütternd dürftig aus. Und dabei strampeln sich unsere Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter redlich ab. Da wir … aber gute Kontakte zu Kolleginnen und Kollegen auch in anderen Landkreisen haben, werde ich versuchen, auch von dort Auskünfte über deren Bezirksgrößen zu erhalten. Ich habe zunächst mit einem Kollegen gesprochen….

Seine Aufgaben als Leiter eines Sozialdienstes waren u.  a. die Jugendhilfestatistik, die fachliche Ausbildung junger Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter (BA- Absolventen) und,  natürlich (?) die Betreuung seines Bezirks. Ich rief ihn an. Das Ergebnis des gut einstündigen Gesprächs habe ich hier festgehalten. Eine Tabelle lässt sich daraus nicht erarbeiten.

Die Vorgehensweise, also welche Kriterien einer Bezirksgröße zu Grunde  gelegt werden, halte ich für korrekt…“.

 Hier Ergebnisse meiner Nachfragen bei Jugendämtern, wie es mit dem „Sozialdienst“ und seinen Arbeitsbedingungen aussieht:  

1. In den siebziger Jahren wurden im Dienstbereich des Landeswohlfahrtsverbandes Baden / Landesjugendamt (LWV) Empfehlungen für die Arbeit der Allgemeinen Sozialen Dienste (ASD) erarbeitet und in den Landkreisen und kreisfreien Städten umgesetzt. Zu diesen Empfehlungen gehörte es, für 12 bis 13000 Einwohner je eine volle Sozialarbeiter-Planstelle einzurichten. Da diese Stellen vom LWV bezuschusst wurden, richteten auch wir die entsprechende Anzahl Stellen ein. Wir kamen damals auf sechzehn Stellen. Später wurden Zuschüsse vom Land eingestellt. Die Planstellen aber waren geschaffen. Die Kosten musste fortan der Landkreis selber tragen. So ist es bis heute bei 16 geblieben.

 2. Generell aber gilt: Über die Anzahl von Sozialarbeiterstellen und die jeweilige „Bezirksgröße“, gemeint ist dabei die Anzahl der Einwohner (nicht Haushalte) in einer bestimmten Siedlungs-Region, entscheiden die politischen Gremien – also der Kreistag auf Vorschlag des Kreisjugendhilfeausschusses – (bzw. der Stadt oder eines Stadtbezirks) selbst. Und da kann es von Kreis zu Kreis oder Stadt zu Stadt aus den verschiedensten Gründen Abweichungen geben. In jedem Falle aber müssen die Mindeststandards, das sind die vom Gesetz her vorgesehenen Pflichtaufgaben des Jugendamtes, überall gewährleistet sein. Eine überregional geltende Vorschrift darüber, wie viele Fachkräfte des ASD für wie viele Haushalte (oder Einwohner) jeweils zuständig sein sollten, gibt es nicht.

 3. Die Unterschiede zwischen zum Beispiel zwei Landkreisen (oder in Großstädten zwischen zwei Stadtbezirken) in Bezug auf die Bezirksgröße (Einwohnerzahl), für die ein Sozialarbeiter zuständig ist, haben mehrere Ursachen:

3.1 die Finanzkraft des Landkreises,

3.2 das Vorhandensein von gesonderten Fachdiensten, die zur Unterstützung der Aufgaben des ASD eingerichtet wurden (familienunterstützende Hilfen, Schulsozialarbeit u. ä.)

3.3 die Sozialstruktur des Bezirks.

Beispiel: In unserem Landkreis gibt es „soziale Brennpunkte“ vor allem in dichter besiedelten Randzonen unserer Städte und andererseits ländliche Regionen mit relativ wenig hilfsbedürftigen Familien. Alle Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter klären von Zeit zu Zeit gemeinsam, wie hoch der Arbeitsaufwand in den jeweiligen Bezirken ist (zum Beispiel an Hand der „Fallzahlen“ von hilfsbedürftigen Familien) und verändern die Bezirke entsprechend. Faustregel: Wohngebiete mit vielen Fallzahlen verkleinern den Zuständigkeitsbereich (Einwohnerzahl vielleicht um 10.000)  und Wohngebiete mit wenigen Fallzahlen vergrößern den Zuständigkeitsbereich (Einwohnerzahl vielleicht um 15.000). Da gibt es keine feste Regel und keine festen Bezugsgrößen. Ausschlaggebend für die Größe eines Bezirks ist der auf Grund vorliegender Erfahrungen zu erwartende Arbeitsanfall. Und außerdem werden in einigen Landkreisen (und kreisfreien Städten) zusätzlich Soziale Dienste (Sozialstationen u. U. mit Beratungsdiensten) eingerichtet. Das kann dazu führen, der der Sozialarbeiter im ASD des Jugendamtes auch in sozialen Brennpunkten genau so viele Menschen in seinem Bezirk wohnen hat, wie der für einen ländlichen Bezirk zuständige ohne zusätzliche Fachdienste.

4. Auf die Erscheinung hin angesprochen, dass viel zu wenige Kindergärtnerinnen oder Lehrerinnen und Lehrer „ihren“ Sozialarbeiter auch nur dem Namen nach kennen, kam der „personale Faktor“ ins Spiel.

4.1 Bei einer Stellenzahl von sechzehn Fachkräften kann man davon ausgehen, dass wenigstens ein Drittel davon nur relativ kurzzeitig im Dienst ist. Nach ein bis zwei Jahren scheiden Sozialarbeiterinnen – aber auch ihre männlichen Kollegen aus. Sei es, weil sie ein Kind bekommen oder ihren Arbeitsplatz wechseln. Da es einen Beschluss des Kreistags gibt, freiwerdende Stellen (in allen Abteilungen) für ein halbes Jahr nicht (auch nicht vertretungsweise) auszuschreiben, vergehen viele Monate, bis der Arbeitsplatz wieder besetzt ist. So gibt es in einem Jugendamt häufig die Situation, dass ein Sozialarbeiter zwei Bezirke zu betreuen hat oder andere Behelfslösungen gesucht werden müssen.

4.2 Um aber in einem Bezirk so bekannt zu werden, dass eine Sozialarbeiterin / ein Sozialarbeiter als Bezugsperson von Erzieherinnen oder Lehrkräften an Schulen, von Bürgermeistern oder Medizinern wahr- und ernst genommen wird, brauchte es wenigstens drei Jahre. Es ist verständlich, dass diejenigen, die zehn Jahre oder länger einen bestimmten Bezirk betreuten, dort mit den Verhältnissen besser vertraut waren, schneller angesprochen wurden und auf deren Rat und Hilfe jedermann rascher reagierte, als auf diejenigen, die erst kurz in einem Bezirk tätig sind. Und wenn dann noch unsere „Neuen“ innerlich auf dem Absprung waren, weil sie diese ihre erste Stelle nur als vorübergehend betrachteten (vielleicht, weil sie in der nächsten Großstadt lieber arbeiten und leben wollten), dann war auch deren Engagement nur begrenzt.

4.3 Es gibt aber auch Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter, die lieber drinnen am Schreibtisch arbeiten, als draußen in den Wohnquartieren und Familien. Und es gibt Kolleginnen und Kollegen, die ihre Arbeit mit nach Hause nehmen und praktisch nie Feierabend haben und jene, die ihre Arbeitszeit nur absitzen.

Über diese unterschiedlichen Mitarbeiter, ihre Berufsmotivationen, die Fördermöglichkeiten, die Einarbeitungskonzepte u. a.  tauschten wir uns lange aus, weil auch bei uns im Heim ähnliche Erfahrungen gemacht wurden. Es ist aber in der Wirtschaft wie im öffentlichen Dienst nicht einfach, die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu bekommen und zu behalten, die sich eine Leitung oder ein Team wünschen.
Auf den „menschlichen Faktor“, wenn er sich denn als Defizit niederschlägt, hatte ich ja auch auf der Seite über die Not von Kindern hingewiesen.

Hier Ergebnisse meiner Nachfragen bei Jugendämtern, wie es mit dem Bekanntheitsgrad des KJHG (bes. § 8.) aussieht:

2.1 Es sind bei uns von allen Jugendhilfeträgern Informationsveranstaltungen über den § 8a durchgeführt worden. Vor allem die Vertreter der Heime wurden von den vier Verbänden (Caritas, Diakonie, DPWV und VPK) mehrfach auf diese Vorgaben hingewiesen. Auch in den LeiterInnenkonferenzen unserer Kindergärten und in Schulleitertagungen  wurden Inhalt und Bedeutung bekannt gemacht und auf die entsprechenden Verantwortungen der pädagogischen Fachkräfte hingewiesen. Da ist nichts versäumt worden.

2.2 An der Praxis, wie sie in dem Text über „Kinder in Not“ angedeutet wird, hat sich bisher nur wenig geändert. Die strukturellen und personalen Rahmenbedingungen sind ja nicht verändert worden. Auch die Gremien blieben die gleichen – bis auf die personelle Fluktuation auch dort.

2.3 Auf den Personalwechsel in unserem Jugendamt habe ich ja schon hingewiesen. Nun wird auch noch ab 1.1.2009 unser Kreisschulamt geschlossen mit der Folge, dass irgendein Schulamt in einem der benachbarten Landkreise künftig für die Schulen/Lehrer von drei oder mehr Landkreisen wird zuständig werden. Das muss nicht die Verringerung von Schulratsstellen bedeuten. Wohl aber werden Wege weiter und kollegiale Beziehungen gelockert. Welche Auswirkungen diese Veränderungen haben werden, wenn nicht gleichzeitig die formalen Kompetenzen von Schulleitern und/oder den einzelnen Kollegien deutlich verstärkt werden, lässt sich heute noch nicht sagen. Zurzeit sind die Kolleginnen und Kollegen in den Schulämtern mit der Vorbereitung dieser Veränderungen befasst (zum Beispiel Umzugsvorbereitungen). Nur dringendste aktuelle Aufgaben können wahrgenommen werden. Schulleiter und Lehrer zu beraten oder ihnen zu helfen, wenn sie Kindern in Not helfen wollen: hierfür bleibt noch weniger Zeit als schon bisher.

 2.4 Vergleichbares gilt für unsere Kindergärten. Gewiss bleiben Leiterinnen länger auf ihrer Stelle, als eine Erzieherin im Gruppendienst. Dennoch ist auch unter unseren 105 Leiterinnen im Landkreis die Fluktuation nicht gering und es vergeht nach jedem Leitungswechsel viel Zeit, bis der § 8a und seine Bedeutung in die individuelle,  handlungsleitende Konzeption einer Leiterin übernommen worden ist.

2.5 Eine besondere Schwierigkeit bzw. ein riesiges Hindernis sehe ich für die Umsetzung von Gesetzen oder theoretischen Modellen in die Praxis darin, dass jede dieser 105 Tagesstätten völlig autonom ist. Es gibt für sie keine Institution, die übergeordnete Aufgaben/ Informationen oder dgl. anregt, vermittelt, koordiniert oder gar kontrolliert. Für die Kindergärten in kommunaler Trägerschaft zeichnen die Bürgermeister, für die in kirchlichen Organisationen die Pfarrer verantwortlich. Und die Kommunen sind nicht sehr kooperativ.

Als wir vor einigen Jahren in unserem Landkreis eine schriftliche Befragung aller Erzieherinnen über ihre Erfahrungen mit der Zusammenarbeit mit Grundschulen durchführten, erreichte nur ein Teil der Erhebungsinstrumente die Adressaten. Empirische Forschung wird von privaten und kommunalen Trägern gleichermaßen be- und verhindert.

Denn jeder Brief an einen Kindergarten darf nur über den Träger geleitet werden. Und die halten zurück, was ihnen nicht genehm ist oder nicht wichtig erscheint.

 2.6 Bei kirchlichen Trägern haben  Fachberaterinnen/Fachberater jetzt ebenfalls keine Mitwirkungsrechte mehr vor Ort (sie dürfen z. B. in den Gremien „Kooperation Kindergarten – Grundschule“ ihre Einrichtungen nicht mehr nach außen vertreten), sondern sollen sich auf die Organisation und Durchführung von Fortbildungen u. ä. beschränken. Der Träger eines Kindergartens hat allein das Sagen in allen Fragen, die die Arbeit seiner Einrichtung betreffen. Es kann nicht ausgeschlossen werden, dass in den Bürgermeister- und Pfarrämtern auch Informationen hängen blieben, die den §8a KJHG betrafen.

 2.7 Und noch eine bedauerliche Tatsache: Das Fach „Jugendhilfe“ (bzw. „Jugendhilferecht“) ist aus den Lehrplänen der Fachschulen für Sozialpädagogik in Baden-Württemberg verschwunden. Ich habe die Kolleginnen und Kollegen unserer Fachschule in Waldshut gefragt. Dort vermittelt niemand Kenntnisse über das Jugendhilfegesetz an die künftigen Erzieherinnen und Erzieher. Unsere Praktikantinnen und Praktikanten erfahren – wenn überhaupt – in den Praxisstellen, dass sie in Einrichtungen der Jugendhilfe arbeiten. Ein Kinderheim wird, im Unterschied zum Kindergarten, noch als Jugendhilfeeinrichtung wahrgenommen, wenn auch kaum eine Erzieherin/ein Erzieher weiß, was das bedeutet.

Noch einmal möchte ich unterstreichen:

Ich denke, dass es vernünftig wäre, alle Erziehungs- und Bildungseinrichtungen unter ein administratives Dach zusammenzuführen und das bestehende Durcheinander von Zuständigkeiten mit derart absurden Auswirkungen, wie ich sie hier bei uns erlebe, zu beenden. Das meine ich auch, wenn ich das in dem Aufsatz über „Kinder in Not“ ansprach.

Es werden sich aber nicht allein die Verbände der Freien Wohlfahrtspflege und die öffentlichen Träger von Jugendhilfeeinrichtungen gegen eine derartig revolutionäre Anmutung sträuben sondern auch die Schulbehörden. Wie jede Einzelperson, Familie oder Gruppe werden sie versuchen, sich gegen die anderen Einrichtungen für die Erziehung und Bildung von Kindern abzugrenzen, ihre Unabhängigkeit ebenso zu behaupten, wie ihre Einkünfte und sonstige Pfründe zu verteidigen. Weil das so ist, kommt der Kooperation zwischen den Trägern der freien und der öffentlichen Jugendhilfe wie zwischen den in den Jugendhilfeeinrichtungen und den Schulen tätigen Fachkräften eine hohe Bedeutung zu, deren Wichtigkeit nicht genug betont werden kann.

Es darf aber auch, bei einer derartig kritisch-skeptischen Sichtweise in Bezug auf die administrative Einbindung  jener Bereiche der Freien Wohlfahrtspflege, in denen es um die Erziehung und Bildung von Kindern geht, der Hinweis nicht fehlen, dass die Verbände der Freien Wohlfahrtspflege in Deutschland seit vielen Generationen von zahlreichen Spendern finanziell unterstützt, Leistungen erbringen, die staatliche Einrichtungen und den Staatshaushalt zu entlasten vermögen. Das gemeinnützige Wirken von Trägern der Freien Wohlfahrtspflege hat eine lange Tradition und ist aus unseren Städten und Gemeinden nicht mehr wegzudenken. Doch nicht allein Kindertagesstätten und viele andere Jugendhilfeeinrichtungen werden von ihnen m Jugendhilfebereich unterhalten. Sie verfügen auch über Ausbildungsstätten für Erzieher, Sozialarbeiter und Sozialpädagogen sowie mehrere wissenschaftliche Institute und geben Fachzeitschriften heraus. Informationen u. a. über die vielfältigen Angebote dieser gemeinnützigen Vereinigungen erhalten Interessierte auch auf den entsprechenden Internetauftritten.

Als Träger von Jugendhilfeeinrichtungen sind zu nennen:

Bei den Religionsgemeinschaften:

der Deutsche Caritasverband (CV), das Diakonische Werk und die Zentralwohlfahrtsstelle der Juden

die Anthroposophischen Gemeinschaften. Auf der Grundlage dieser Weltsicht arbeiten nicht nur die bekannten Waldorfschulen, sondern auch Jugendhilfeeinrichtungen wie Kindergärten und Einrichtungen für besonders förderbedürftige Kinder und Jugendliche wie zum Beispiel die Sonnhalde in Görwihl. Einen Zentralverband von anthroposophisch arbeitenden Trägervereinen gibt es nicht;

und außerhalb von Religionsgemeinschaften:
die
Arbeiterwohlfahrt (AWO), das Deutsche Rote Kreuz (DRK), der Deutsche Paritätischen Wohlfahrtsverband (DPWV)


     
Impressum und Copyright:
Dr. Joachim Rumpf, Diplompädagoge
Hühnerbühl
779733 Görwihl
Tel.: 07754487

14. 10. 2012

 

 

 


 


 

 

 

 
 

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