Zu
2:
Wie entwickelt sich Schulverweigerung bei Kindern im Heim und welche Formen
sind zu beobachten?
Die
Untersuchungsergebnisse weisen nach, dass die Häufigkeit von Schule verweigernden
Verhaltensweisen, hier vor allem als Fernbleiben vom Unterricht verstanden, während
des Heimaufenthalts deutlich nachlässt. Wenn auch die Anzahl der befragten
Einrichtungen recht klein ist und die Daten nicht mit Hilfe empirischer Forschungsmethoden
erhoben wurden, so lassen sich folgende Gründe für diese Veränderungen
im Verhalten von Kindern erkennen und, davon gehe ich einmal aus - auch verallgemeinern:
Die
pädagogischen Konzepte
Da die pädagogischen Konzeptionen der befragten
Einrichtungen übereinstimmend auf die Bedürfnisse der Kinder orientiert
sind und hier vor allem darauf abheben, jedes Kind als Persönlichkeit an-
und wahrzunehmen, erfahren die Heimkinder in der Regel zum ersten Mal eine wohltuende,
der Persönlichkeitsbildung förderliche Akzeptanz.
Die recht ausführlichen
Aussagen zu den pädagogischen Konzepten in den Heimen haben theoretischen
Charakter. Das heißt, es werden Zielvorstellungen und Vorgehensweisen postuliert,
wie sie sich in den schriftlich vorliegenden Konzeptionen der Jugendhilfeeinrichtungen
nachlesen lassen. Ob und in welchem Umfang diese guten Ein- und Absichten umgesetzt
werden (können) kann von Frau Rosenau nicht überprüft werden.
Strukturen
Nicht zu unterschätzen sind die strukturellen Bedingungen,
die die Bereitschaft zu schulverweigernden Verhaltensweisen verringern. Ausdrücklich
wurde darauf abgehoben, dass die Hürden dem Unterricht fernzubleiben, einfach
sehr hoch sind. Fast unüberwindbar, wenn die Schule im Heim integriert ist
und ein Kind, fernab seiner früheren sozialen Umgebung, außerhalb des
Unterrichts sich selbst überlassen bleibt. "Es ist viel zu stressig,
nach Alternativen zu suchen. Da bleibt das Kind lieber in der Schule bei den anderen
Mädchen und Jungen.
Damit ist freilich nichts darüber ausgesagt,
ob die Anwesenheit in der Schule auch zu Lernbereitschaft oder gar Lerneifer führt.
Es sind lediglich die organisatorischen Voraussetzungen gegeben, die überhaupt
erst eine Einflussnahme durch den Lehrer ermöglichen. Ein Schulerfolg ist
mit strukturellen Maßnahmen allein, wozu zum Beispiel die Lernunterstützung
in der Heimgruppe selbst gehört, nicht garantiert.
Insofern sind rein
quantitative Feststellungen, ein Kind im Heim schwänzt die Schule gar nicht
oder seltener als es das daheim tat, kein Nachweis für Erfolge der Heimerziehung
(vgl. dazu aber die Seite: "Schulverweigerer
im Heim")
Von
entscheidendem Einfluss auf die Lernmotivation eines schulmüden und schulunlustigen
Schülers, sind die Art und Weise, wie die Lehrer mit ihm umgehen und wie
sie den Unterricht gestalten, welche Rolle er in seiner Schulklasse einnimmt und
welche Qualität die Verbindungen zwischen seinen Lehrern in der Schule einerseits
und den Heimerziehern andererseits haben. Es kommt also zunächst einmal auf
den Lehrer an. Gerade wenn ein Kind, was nicht selten der Fall ist, zum Beispiel
Diskriminierungen durch die Lehrer an seiner Heimatschule erfuhr und dies ein
zentrales Ursachenelement seiner Schulverweigerung war, wird es besonders sensibel
sein für die Umgangsweisen der neuen Lehrer mit ihm.
Ohne eine gute Kooperation
zwischen den Lehrern, die ein Kind im Heim unterrichten und seinen Erziehern ist,
was die Schullaufbahn eines Kindes betrifft, eine Fremdunterbringung keine Hilfe.
Das gilt für Erziehungshilfen im Heim, in einer Pflegestelle aber auch für
alle ambulante Maßnahmen - hier treten die leiblichen Eltern gemeinsam mit
den betreuenden Sozialarbeitern an die Stelle des Heimerziehers.
Wenigstens
genau so häufig wie die Diskriminierungserfahrungen und Versagenserlebnisse
eines Kindes in der Schule sind fehlende Kooperation zwischen den Lebensbereichen
bzw. konzeptionelle Divergenzen oder gar die gegenseitige Ablehnung von Eltern
und Lehrern eine der Ursachen von Schulverweigerung.
Hier muss zwingend -
im Interesse des betreffenden Kindes - ein optimales Zusammenwirken zwischen Heim
und Schule hergestellt und gesichert werden.
Aber
genau daran hapert es:
Weder gibt es genügend hierfür ausgebildete
und gut motivierte Lehrer, noch erfahren die Lehrer ausreichende flankierende,
ihre pädagogische Arbeit unterstützende Hilfen durch Schulverwaltung
und/oder Jugendhilfeeinrichtung und in nur geringem Umfang sind Inhalte und Formen
der Kooperation institutionell verankert und unterliegen, ebenso wie die pädagogische
Arbeit in der Schulklasse, einer laufenden Überprüfung und Evaluation.