Schriften zur Erziehung und Bildung im WWW
von Dr. Joachim Rumpf
Gibt es einen Zusammenhang zwischen der Verweildauer von Kindern im Heim und ihren Schulabschlüssen?

 

Eine notwendige Vorbemerkung
Die Datenanalyse aller vom Januar 1969 bis zum August 2003 entlassenen Heimbewohner aus einem Heim "A" ergab in Bezug auf die Verweildauer und die Schulabschlüsse einige interessante Ergebnisse. Ich möchte voraus schicken, dass sich ein "Erfolg von Heimerziehung" nur dann messen lässt, wenn man quantifizierbare Daten, wie die während des Heimaufenthalts erworbenen Schul- oder Berufsabschlüsse, erfassen kann. Andere Faktoren, die einen Erfolg darstellen könnten, müssten aus dem jeweils letzten Hilfeplan, den Abschlussberichten und durch Erhebungen bei den "Ehemaligen" ermittelt werden.
Ob und wieweit derartige qualitative Aussagen mit dem späteren "Lebenserfolg" in Verbindung gebracht werden könnten, müsste das betreffende Kind jeweils als Erwachsener selbst entscheiden. Recherchen darüber, was aus ehemaligen Heimkindern später "geworden" ist, und ob und in welchem Ausmaß diese selbst ihren Heimaufenthalt im Rückblick als hilfreich erlebten, ist allein darum sehr schwer zu ermitteln, weil zu vielen dieser herangewachsenen Frauen und Männern der Kontakt verloren geht.
Allerdings gibt es Botschaften, die uns über die Besucherseite auf unserer Homepage erreichen von denen nicht wenige sehr freundlich sind. Allerdings sagen derartige Gesten und Bekundungen nichts über den "Lebenserfolg" - zum Beispiel gemessen an ökonomischen Standards, beruflicher Position o. dgl. - aus. Und wenn es Studien gibt, die den Stationären Hilfen eine volkswirtschaftliche Effizienz bescheinigen, dann können derartige Ergebnisse die Motivation eines Heimerziehers zwar beflügeln: uns interessiert aber zunächst einmal, ob wir ihnen zu einem soliden Fundament für ihre spätere Entwicklung haben verhelfen können.

Und dafür bleiben nur jene Daten, die sich auf den Aufenthalt bei uns beziehen. Und hier sind, angesichts ihrer Bedeutung, die sie bereits im Begrüdnungszusammenhang mit der Hilfemaßnahme besaßen, die erreichten Schulabschlüsse ein allerdings sehr gewichtiges Erfolgskriterium. Gerade weil der deutlich überwiegende Teil aller Kinder, die wir aufnahmen, wegen ihrer schulischen Probleme Hilfe brauchte, wiegt unsere Leistung doppelt schwer, wenn wir mit dem Kind einen lückenlosen Schulbesuch und gar einen Schulabschluss erreichen.

Zunächst einige Zahlen in der folgenden Übersicht (Alter und Verweildauer in Jahren und Monaten):

 


Zeitraum
Buben
Mädchen
gesamt
Aufnahmealter
durchschn. Verweildauer
1969 - 1978
41
12
53
11,9
3,6
1979 - 1988
50
23
73
11,2
5,6
1989 - 1998
46
23
69
10,9
5,4
1999 - 2003
46
16
62
11,6
4






 


Insgesamt wurden von 1969 bis Juli 2003 268 Kinder entlassen.
Von diesen 268 Kindern erreichten 168 den ihnen möglichen Schulabschluss während ihres Aufenthaltes in unserem Hause. Das sind fast zwei Drittel (63 %).

Von den insgesamt 286 Kindern erreichten 100 keinen Schulabschluss in unserem Hause, weil diese Kinder zum Zeitpunkt der Beendigung ihrer Schulzeit nicht mehr bei uns waren.

 

 

Bilanzierend lässt sich festhalten:
Jedes Kind, das in unserem Hause bis zum Ende seiner Schulbesuchszeit an den Haupt- Sonder- oder Realschulen in unserem Hause lebte, hat die jeweiligen Abschlüsse auch erreicht. Kinder, die nur ein Abgangszeugnis erhalten konnten, erwarben anschließend den Hauptschulabschluss in einem Berufsvorbereitungsjahr.

 

 

Betrachtet man die durchschnittliche Verweildauer dieser Gruppen, errechnet sich folgender bemerkenswerter Zusammenhang:

Die Kinder, die einen Schulabschluss erreichten, waren im Durchschnitt sechs Jahre bei uns.

Die Kinder die keinen Schulabschluss erreichen konnten, waren im Durchschnitt zwei Jahre und einen Monat bei uns.

Allerdings besteht hier kein qualitativer Zusammenhang etwa in der Art: Je länger ein Kind im Heim ist, um so eher wird es den Schulabschluss erreichen.
Der hier ermittelte statistische Zusammenhang erklärt sich viel mehr mit dem Alter der Kinder bei der Heimaufnahme. Die von uns aufgenommenen Kinder waren am Tag ihres Heimeintritts im Durchschnitt elf Jahre und drei Monate alt und damit - statistisch gesehen - im fünften bis sechsten Schuljahr. Wenn sie also bei uns einen Schulabschluss erreichen wollten, mussten sie wenigstens vier bis fünf Jahre bleiben. Bei der deutlich höheren durchschnittlichen Verweildauer von sechs Jahren ist zu berücksichtigen, dass es viele Kinder gab, die bereits im Grundschulalter zu uns kamen und deutlich weniger, die erst im achten oder zum neunten Schuljahr eintraten. Immerhin gab es jene Einzelfälle, bei denen die Zielvereinbarung lautete, einen Jungen oder ein Mädchen noch ein bis anderthalb Jahre bis zum Hauptschulabschluss zu führen.

 

 

Was sich über die Verweildauer von Kindern unter den gegenwärtigen Bedingungen in der Jugendhilfe am Beispiel eines Kinderheimes noch sagen lässt, das schauen Sie bitte nach unter dem Thema: "Kinder kommen zu kurz"

 

 

Die Tendenz ist unverkennbar, dass inzischen rund die Hälfte einer Aufnahmepopulation aus dem Heim herausgenommen wird, ohne dass die im Hilfeplan in der Regel vereinbarten Ziele erreicht werden.

Möglicher Weise gehört ein erfolgreicher Schulbesuch nicht mehr zu den Zielvorstellungen der Antragsteller für erzieherische Hilfen beziehungsweise ist für die beteiligten Personensorgeberechtigten, Fachdienste und Jugendamtsmitarbeiter von sekundärer Bedeutung.

Das durchschnittliche Aufnahmealter hat sich dagegen nicht erhöht. Das heißt, dass die Kinder, die im Heim "A" aufgenommen wurden, nach wie vor im Durchschnitt etwas über elf Jahre alt sind.

Die verantwortlichen Sozialpädagoginnen und Sozialpädagogen in den Heimen sollten gemeinsam mit den Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeitern in den Jugendhilfebehörden anstreben, dass in Hilfeplänen konkrete, unschwer nachprüfbare Zielvereinbarungen aufgenommen werden, unter denen schulische Laufbahnziele (z. B. ein bestimmter Schulabschluss oder Versetzung in die nächst höhere Klasse) unbedingt hineingehören. Allein schon darum, weil derartige Ziele, wie die hier vorliegende Untersuchung zeigt, am ehesten die Ergebnisse der Bemühungen aller Beteiligten nachweisen können. Außerdem betrachte ich einen erfolgreichen Schul- oder gar einen Berufsabschluss, der ausschließlich oder überwiegend unter den Bedingungen im Lebensbereich Heim erreicht worden ist, als einen ganz zentralen Indikator für den Erfolg einer Erziehungshilfe nach § 34 KJHG / SGB VIII, wie sie auch für die Effiziensforschung bedeutsam ist beziehungsweise sein müsste.
(Vgl. dazu den Aufsatz: Erfolg und Misserfolg in der Heimerziehung. Ergebnisse und Erfahrungen aus der Evaluation Erzieherischer Hilfen (EVAS)" von Michael Mascenoere und Gerhard Schemenau in: Unsere Jugend 1/2008, S. 26 - 33).

Erst eine qualitative Analyse könnte Licht in die Hintergründe bringen warum der Heimaufenthalt bei unverändert gebliebenen Begründungen für die Hilfemaßnahme - nachweisbar allein an den vielfältigen schulischen Defiziten wie Leistungsverweigerungen, Verhaltensauffälligkeiten und andere Formen der Schulverweigerung - beendet wird, obwohl sich in Bezug auf das Lern- und Sozialverhalten der Kinder nichts oder nur wenig geändert hat.

© Dr. Joachim Rumpf
erste Bearbeitung: 30.04.2004
überarbeitet 15.02.2008

 

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