Pädagogin B bat vom ersten
Tag an um Unterstützung und Hilfe, nahm an den Anleitungen der
Fachschul-Praktikantinnen teil, denen sie theoretisch und sprachlich
weit überlegen war. Sie reflektierte viel und zeigte sich sehr
gut in der Lage, in den Kontakten mit der Heimleitung die Situation
der Kinder zu analysieren.
Den Kolleginnen und Kollegen gegenüber war sie
freundlich aber "irgendwie gehemmt" (so berichtete einer,
der sie und ihren Partner gelegentlich in einem Lokal traf). Ihr Partner,
er hatte ebenfalls in der Nähe einen Arbeitsplatz gefunden, wirkte
dagegen sehr offen und gesprächsbereit. In den Arbeitspausen ging
sie stets nach Hause, was leicht möglich war, da sie eine Wohnung
in einem Neubau in unmittelbarer Nachbarschaft des Heims gefunden hatte.
So kam es kaum zu informellen Gesprächskontakten mit den Kolleginnen
und Kollegen.
Obwohl sie sehr detailliert über heilpädagogische Verfahren
und die entsprechenden Haltungen und anderer Rahmenbedingungen ebenso
gut Bescheid wußte, wie über Ursachen und Erscheinungsbilder
von hilfsbedürftigen Kindern, war sie außerstande, mit den
Kindern und Jugendlichen in pädagogisch verantwortbarer Weise umzugehen.
Aus geringstem Anlass "flippte" sie völlig
aus, zog Kinder an den Haaren (einen Sechsjährigen zum Beispiel,
weil er an einem kalten Tag vergessen hatte, seine Mütze aufzusetzen,
als er das Haus verließ), schlug ein Kind zum ersten Mal bereits
in der ersten Arbeitswoche (das Kind hatte sie verbal angegriffen),
verhängte unverhältnismäßige Strafen (einen Zwölfjährigen,
der entgegen ihrem Gebot mit Hilfe seiner Fahrradreifen schwarze Bremsspuren
aufs Pflaster "malte" verdonnerte sie dazu, am darauffolgenden
Sonntag den ganzen Tag im Bett zu bleiben; als der Junge sich dafür
rächte und sie beschimpfte, erhielt er eine ganze Woche "Fahrradverbot").
Auf diese und viele andere ähnliche Verhaltensweisen hin angesprochen,
erklärte sie, dass sie nicht mag, wenn man sie auslacht, beschimpft
oder ihr nicht folgt. All dies aber taten die Kinder besonders gern,
nachdem sie gemerkt hatten, dass sie sich darüber aufregt und total
aus dem Häuschen gerät.
Da lauerten ihr zum Beispiel zwei Mädchen im Bad auf; und als sie
hereinkam, spritzten sie sie nass und hatten Freude daran, dass die
Ppädagogin B die Beherrschung verlor. In derartigen Situationen
wurde sie ganz rot im Gesicht und schrie kaum verständlich herum
und verhängte "aus dem Stand" Strafen. In diesem Fall
verbot sie den Mädchen (es war Sonntagmorgen) an diesem Tage das
Haus zu verlassen. Weil aber am Nachmittag ein "Eis-Disko"-
Besuch geplant war, traf die Kinder diese Strafe besonders hart. Beide
liefen davon, trampten zu ihren Angehörigen nach Hause und beklagten
sich dort über den "Kinder-Knast". Es gab an diesem Tag
einen großen Wirbel um die beiden dreizehnjährigen Mädchen,
die wegen ihrer Friedfertigkeit in der Gruppe als "pflegeleicht"
galten.
Auf diese Verhaltensweisen angesprochen, hatte sie die
zweifellos zutreffende Erklärung "Ich bin völlig hilflos".
Wenn sie aber erklärte, dass sie nicht wisse, wie sie sich anders
verhalten könnte, dann traf das so nicht zu, da sie in ihrer Examensarbeit
sehr detailliert dargestellt hatte, warum Kinder sich so verhalten (müssen)
und wie ihnen heilpädagogisch-therapeutisch geholfen werden kann.
Selbst wenn keine Therapie im engeren Sinne nötig ist, sondern
lediglich reflektierte Erzieherverhaltensweisen (die im Prinzip jedoch
stets gleicher Persönlichkeitseigenschaften bedürfen, wie
sie therapeutische Verfahren voraussetzen), dann hätte dies von
ihr geleistet werden müssen. Theoretisch wusste sie sehr gut Bescheid.
Praktisch - also in der konkreten Begegnung mit dem mehr oder weniger
hilfsbedürftigen Kind, - war sie hilflos. Mit der Zeit gefährdete
sie das "pädagogische Verhältnis" (vgl. dazu z.B.
die Aufsätze in dem Sammelwerk: "Das pädagogische Verhältnis"
hrsg. Von N. Kluge, Darmstadt1973) mit der Folge, dass sie mit ihren
erzieherischen Bemühungen immer öfter genau das Gegenteil
von dem bewirkte, was sie wollte.
Selbstverständlich machten sich alle miteinander
Gedanken über die Ursachen der Erzieherverhaltensweisen von Frau
B und mit ihr gemeinsam darüber, wie ihr geholfen werden kann.
Jede/r MitarbeiterIn war sich klar über ihre/seine Mitverantwortung.
Sie war ja nicht ohne Prüfung eingestellt worden und auch nach
der Probezeit gab es überwiegend Befürworter einer Weiterbeschäftigung,
die darauf setzten, dass ein Mensch lernfähig sei. Unserer Pädagogin
mangelte es, so einige Ergebnisse Überlegungen des Leitungsteams:
am Interesse für andere,
Begeisterung und vollem Engagement,
an Geduld,
am freundlichen Blick,
an freundlicher Stimme,
an der Fähigkeit oder Bereitschaft in den Kindern das Gute zu erkennen,
an der Fähigkeit oder Bereitschaft bei Kindern Versuche und Fortschritte
anzuerkennen,
an der Fähigkeit oder Bereitschaft zu selbstverantwortlichem Handeln,
(vgl. dazu: Die individualpsychologische Akzente nach Alfred Adler;
u.a. in: Schoenaker, Th. U.a.: Die erfolgreiche Erzieherin. Sinntal-Züntersbach
1994).
Eine ihrer Kolleginnen sagte sogar: "A mochte Kinder
- B mag Kinder nicht. Und das spüren die Kinder".
Wenn sie Leidensdruck hatte, so zeigte sie es nicht.
Gespräche führten nur zu verbalen Einsichten. Auf einen konkreten
Vorfall angesprochen fragte sie immer wieder: "...das war wieder
falsch, nicht wahr?"
Diplompädagogin B verließ die Einrichtung bei Ablauf des
ersten Arbeitsjahres, um eine kindertherapeutische Zusatzausbildung
zu beginnen.