Heimkinder und ihre Eltern oder was aus Heimkindern werden kann
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Der folgende Erfahrungsbericht
informiert darüber, wie sich die Beziehungen zwischen Heim und Herkunftsfamilie
gestalten können, dass
es Fälle gibt, bei denen Heimerzieher gleichsam hilflos zusehen müssen,
dass ihre Bemühungen scheinbar dem Kind nicht halfen, und
dass zwischen dieser Erfahrung und der, dass fehlender Veränderungswille
in den Herkunftsfamilien oder das entsprechende Unvermögen, die Bemühungen
von Heimerziehung ins Leere laufen lassen können. Wenn
mir von den in der Jugendhilfe tätigen Fachkräften jemand Hinweise geben
könnte, was wir hätten in den beschriebenen Fällen mit den Angehörigen
tun können, ist herzlich gebeten, mir das mitzuteilen!
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Einführung Vor
einiger Zeit machte der Fall der sechzehnjährigen Erina Schlagzeilen, die,
nahezu verhungert, ihre Eltern vor Gericht verteidigte. Die Eltern hätten
Erina und ihre beiden älteren Schwestern aus "gefühlloser Gesinnung"
und "egoistischem Drang zur Selbstdarstellung" bis zum Hungerkoma gefährdet,
stand in der Zeitung. Dass sich trotz dieser, von Außen her als eine
extreme Verletzung des Kindeswohls (bzw. der Grundbedürfnisse eines Kindes)
anzusehenden Vernachlässigung, Kinder schützend vor ihre Eltern stellen,
ist nicht ungewöhnlich. Im Kinderheim erleben wir das, wenn auch in der Regel
nicht in derartig dramatischer Zuspitzung, immer wieder. Die emotionale Bindung
an Mutter, Vater oder andere nahe Angehörige kann sich als stärker erweisen,
als die Einsicht - ja sogar die Erfahrung - , außerhalb der unmittelbaren
Einflusssphäre der eigenen Familie bessere Entwicklungsmöglichkeiten
zu haben. Uns
Erzieherinnen und Erzieher berühren diese stärkeren Bindungen besonders
dann sehr, wenn wir erfahren müssen, dass ein Kind, das mehrere Jahre mit
uns zusammen lebte und das uns in dieser Zeit ganz besonders "ans Herz gewachsen"
war, zu den Eltern zurückkehrt und dort die während des Heimaufenthaltes
beobachtete Entwicklung hin auf eine selbständige, von Sozialhilfe unabhängige
Existenz (vorerst) abgebrochen wird. Zwei
Beispiele von mehreren sollen das illustrieren. Ich habe sie ausgewählt,
weil beide Kinder unter ähnlichen Voraussetzungen zu uns kamen und uns verließen
und uns ihr Schicksal, gerade weil wir uns mit ihnen sehr verbunden fühlten,
besonders bewegt. |
Klaus
Ich denke an
Klaus, der mit sechs Jahren zu uns kam. Er hatte bis dahin bei seiner Großmutter
gelebt, die ihn, wegen eigener Armut und persönlicher Unzulänglichkeiten
wegen, weder richtig versorgen noch angemessen fördern konnte. Vormund des
Jungen war das zuständige Jugendamt. Als der Junge bei uns seine Schulzeit
in einer Förderschule und dort sogar mit dem Hauptschulabschlusszeugnis beendet
hatte, kehrte er, inzwischen siebzehn Jahre alt, lieber in den Haushalt der Oma
zurück und verzichtete darauf, eine Lehre vom Heim aus anzutreten. Daheim
lebt heute der Fünfundzwanzigjährige von Sozialhilfe. |
| Irina Ich
denke an ein Irina, das ebenfalls erst sieben Jahre alt war, als es zu uns kam.
Auch für dieses Kind nahm das Jugendamt die Vormundschaft wahr. Es wurde
uns von Mutter und Großmutter gebracht. Damals war es noch das einzige Kind
der recht jungen etwas geistig behinderten Mutter. Mutter und Tochter trennten
sich nur recht schwer. Die
gute emotional dichte Beziehung, um deren Fortdauer wir uns bemühten, hinderte
das Mädchen nicht, sich in den folgenden elf Jahren gut zu entwickeln und
zum Beispiel, trotz erheblichen Förderbedarfs, den Hauptschulabschluss zu
erreichen. Sie hatte außerdem nicht nur reiten und Pferdepflege gelernt,
sondern auch, mit Geld gewissenhaft und sparsam umzugehen und hatte sich alle
für einen selbstständig zu führenden Haushalt brauchbaren Fertigkeiten
angeeignet. Sogar eine Lehrstelle war in Aussicht - als sie achtzehn Jahre alt
wurde.
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ihres Heimaufenthaltes waren beide rasch in ihren Gruppen integriert, fassten
bald Zutrauen zu ihren Erzieherinnen und lernten mit den Jahren sprachlich zu
kommunizieren. In der reichhaltigen Foto- und Filmdokumentation in diesem Hause
sieht der Betrachter aktive und fröhliche Kinder, die sich offensichtlich
wohl fühlen. Beide, das zeigen Schulzeugnisse und Berichte, verhielten sich
in Schule und Gruppe recht angepasst und erledigten ihre Arbeiten. Das Mädchen
mit Eifer und Freude, der Junge ungern und mit großer Mühe. Sehr unterschiedlich
war das Verhalten der Angehörigen während dieser Jahre. Aber sehr ähnlich
das Ende der Jugendhilfemaßnahme. |
Irinas
Mutter Die Mutter
des Mädchens blieb trotz intensiver Bemühungen, uns gegenüber unzugänglich.
Als sie mit der Zeit erfuhr, dass sich die Fachkräfte vom Heim aus ihren
Angelegenheiten heraushielten, wurde sie mit den Jahren etwas gesprächsbereiter
und zutraulicher. Dennoch verschloss sie sich und presste die Lippen fest aufeinander,
wenn das Gespräch auf ihre Familie kam. Wir erfuhren, dass die Mutter bei
ihrer Mutter (also der Großmutter des Mädchens) bald nach der Heimaufnahme
des Kindes ausgezogen war und eine eigene Wohnung bezogen hatte. Wir erfuhren
auch, dass zwei weitere Kinder geboren wurden und diese Familie, zu der später
ein drogenabhängiger Partner, der nicht der Vater der Kinder war, hinzu kam,
von Familienhelfern, die im Auftrag des Jugendamtes tätig waren, betreut
wurden. Einen
näheren Gesprächskontakt mit uns - zum Beispiel anlässlich des
Hilfeplans oder des Bringens und Abholens der Tochter (ihr Partner hatte ein Auto)
- vermied die Mutter. Ebenso weigerte sie sich, Mitarbeiter des Heimes in ihrem
Haushalt zu empfangen. Wir hatten also nicht einmal ansatzweise die Chance, die
Mutter zu einer Akzeptanz des Heimaufenthaltes ihrer Tochter zu bewegen. Die Entwicklungsfortschritte
des Mädchens, so, wie wir sie wahrnahmen, sagten ihr nichts, weil sie ihr
nichts bedeuteten. Nachdem
die Tochter volljährig geworden war, behielt die Mutter das Kind nach den
Schulferien daheim und beide wehrten alle Bemühungen von Seiten der Sozialarbeiterin
im Jugendamt ab, das Mädchen zur Rückkehr oder wenigstens zum Umzug
in eine eigene betreute Jugendwohnung zu bewegen. Mit den Sozialarbeitern des
Jugendamtes gesprochen hat freilich dann nur die Mutter. Das junge Mädchen
nickte dazu oder schüttelte den Kopf und sagte nur ja und nein. Heute
geht sie ihrer Mutter nicht von der Seite und begleitet sie sogar in das Kaufhaus,
wo die Mutter putzt. Eine eigene Tätigkeit übt die inzwischen Einundzwanzigjährige
nicht aus.
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Klaus
Oma Anders war
die Haltung der allein stehenden Oma des Jungen den Fachkräften vom Heim
gegenüber. Sie empfing sie gern in der kleinen Wohnung in dem Haus in "Einfachstbauweise",
in dem sie, gemeinsam mit vielen anderen Familien lebte. Die Atmosphäre dort
war stets herzlich und von emotionaler Wärme und verblüffender, mit
viel Humor gewürzter Offenheit bestimmt. Die Oma war auch bereit, trotz körperlicher
Beschwerden und des weiten Anfahrtsweges, zur Kommunion und zu dem einen oder
anderen Geburtstag des Enkels ins Heim zu kommen. Sie blieb dann stets mehrere
Tage unser Gast, während derer wir Gelegenheit nahmen, viel mit ihr zu sprechen.
Sie blieb nie lange, denn außerhalb ihrer vertrauten Umgebung zu sein, fiel
ihr sehr schwer. Die
Fortschritte in der Entwicklung ihres Enkels sah sie, freute sich darüber
und räumte freimütig ein, dass das alles bei ihr nicht möglich
gewesen wäre. Die räumliche Trennung hinderte beide nicht, ihre enge
Beziehung beizubehalten. Das Heim unterstützte diese Verbindung nach Kräften
und sicherte dem Jungen nicht nur das Wohlwollen der Oma sondern auch ihre Duldsamkeit
der Maßnahme gegenüber. Sie litt zwar stets an dem Stachel, dass das
Jugendamt ihr das Kind "weggenommen" habe und glich hier der Mutter
des Mädchens, freundete sich aber wenigstens dann mit dem Heimaufenthalt
an, als sie erfuhr, dass es ihrem Enkel half und nicht schadete und niemand daran
dachte, einen Keil zwischen beide zu treiben. Doch
der Junge kam in seinem achtzehnten Lebensjahr, er hatte zuvor gerade noch seinen
Hauptschulabschluss erwerben können, von den Ferien nicht mehr zurück
und wollte bei der Oma bleiben. So sehr seine Erzieherinnen der Verlust dieses
Kindes schmerzte, so verstanden sie ihn. Er war bei der Oma rund um die Uhr von
ihrer Fürsorglichkeit umgeben, frei von allen Erwartungen an ihn in Bezug
auf die vielen, ihm unangenehmen Pflichten, die ein selbständigeres Leben
abverlangt. Denn das hatte er nun jahrein jahraus im Heim erlebt, dass es vom
Aufstehen bis zum Schlafengehen eine Vielzahl an Leistungen zu erbringen galt,
wenn man sich sozialer Anerkennung erfreuen wollte. Bei Oma erhielt er alles ohne
einen Finger krumm machen zu müssen. Und das gab den Ausschlag. Oma freute
sich, wenn sie auch bedauerte, dass er nun in ihre Fußstapfen treten würde
und wohl kaum je "eigenes Geld" verdienen würde.
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Ich
hatte eingangs die Aussage etwas abgeschwächt, als von dem Abbruch einer
aus unserer Sicht günstigen Entwicklung die Rede war. Von den inzwischen
fast dreihundert Kindern, die unsere Einrichtung im Verlaufe von siebenunddreißig
Jahren verließen, haben wir nach wie vor zu einem Drittel von ihnen einen
guten Kontakt. Dies sind vor allem die Mädchen und Buben, die bis zum Ende
ihrer Berufsausbildung bei uns blieben und sich nun, häufig in geographischer
Nähe zu uns, eine eigene Existenz aufbauten. Von einem weiteren Drittel wissen
wir wenigstens, was aus ihnen geworden ist. Das dritte Drittel, und darunter sind
vor allem die, die ihren Aufenthalt unplanmäßig beendeten, ist für
uns verschollen; das heißt, wie wissen nicht, wohin sie bzw. ihre Eltern
gezogen sind oder, was bei Mädchen die Regel ist, wie sie heute heißen. Und
unter jenen, deren weiteres Schicksal wir kennen, weil sie uns das gelegentlich
selbst mitteilten, sind auch Mädchen und Jungen bzw. Frauen und Männer
(die ältesten von ihnen sind heute 45 Jahre alt), die in ihre Herkunftsmilieus
zurückgingen. Früher oder später aber hatten alle einen Berufsabschluss
erreicht, eine eigene Familie gegründet und leben heute unauffällig
in ihren Heimatgemeinden irgendwo in Deutschland. Das heißt also, dass wir
auch bei denen optimistisch sein dürfen (und wollen), bei denen wir zunächst
einmal enttäuscht darüber waren, dass unsere ganzen Bemühungen
"umsonst" gewesen schienen. Was
während des Heimaufenthalts in den beiden beispielhaft geschilderten Fällen
nicht geleistet werden konnte und wir - wenn auch aus unterschiedlichen Gründen
- nicht leisten konnten, ich meine zum Beispiel den Willen zu einer gleichsam
"natürlichen" Emanzipation der Kinder von ihren Eltern, das wird
nun erst nachgeholt werden müssen. Das kann dauern. Eines Tages aber werden
beide zu einem eigenen Leben finden.
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Ergänzend
noch eine interessante Information: Zwischen dem sorgeberechtigten Jugendamt
Irinas und deren Mutter war der Sozialdienst eines freien Trägers "geschaltet",
der auch die Betreuung der Familie vor Ort (Familienhilfe, Nachhilfestunden für
die Brüder u. ä.) wahrnahm. Die Sozialarbeiterinnen dieses Trägers
waren nicht einmal bereit, dem Heim Auskünfte über die Situation in
der Familie zu geben ("Datenschutz"!!), geschweige denn, sich zu einem
Gespräch mit den Vertretern der Einrichtung zu treffen. Auch nicht, nachdem
das Mädchen längst wieder daheim lebte. Aus
den ungehaltenen und wenig kooperativen Reaktionen der betreffenden Fachkräfte
eines kirchlichen Sozialdienstes in einem Landkreis am Bodensee, gewann ich den
Eindruck, dass es Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter gibt, die nichts von
der Jugendhilfe in Heimen halten und nicht den Mut haben, das zu bekennen oder
gar bereit sind, über die eigenen Vorurteile zu sprechen.
Görwihl
im Dezember 2003
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