Schriften zur Erziehung und Bildung im WWW
von Dr. Joachim Rumpf

Heimkinder und ihre Eltern
oder
was aus Heimkindern werden kann

 

Der folgende Erfahrungsbericht informiert darüber, wie sich die Beziehungen zwischen Heim und Herkunftsfamilie gestalten können,

dass es Fälle gibt, bei denen Heimerzieher gleichsam hilflos zusehen müssen, dass ihre Bemühungen scheinbar dem Kind nicht halfen,

und dass zwischen dieser Erfahrung und der, dass fehlender Veränderungswille in den Herkunftsfamilien oder das entsprechende Unvermögen, die Bemühungen von Heimerziehung ins Leere laufen lassen können.

Wenn mir von den in der Jugendhilfe tätigen Fachkräften jemand Hinweise geben könnte, was wir hätten in den beschriebenen Fällen mit den Angehörigen tun können, ist herzlich gebeten, mir das mitzuteilen!


 

Einführung

Vor einiger Zeit machte der Fall der sechzehnjährigen Erina Schlagzeilen, die, nahezu verhungert, ihre Eltern vor Gericht verteidigte. Die Eltern hätten Erina und ihre beiden älteren Schwestern aus "gefühlloser Gesinnung" und "egoistischem Drang zur Selbstdarstellung" bis zum Hungerkoma gefährdet, stand in der Zeitung.
Dass sich trotz dieser, von Außen her als eine extreme Verletzung des Kindeswohls (bzw. der Grundbedürfnisse eines Kindes) anzusehenden Vernachlässigung, Kinder schützend vor ihre Eltern stellen, ist nicht ungewöhnlich. Im Kinderheim erleben wir das, wenn auch in der Regel nicht in derartig dramatischer Zuspitzung, immer wieder. Die emotionale Bindung an Mutter, Vater oder andere nahe Angehörige kann sich als stärker erweisen, als die Einsicht - ja sogar die Erfahrung - , außerhalb der unmittelbaren Einflusssphäre der eigenen Familie bessere Entwicklungsmöglichkeiten zu haben.

Uns Erzieherinnen und Erzieher berühren diese stärkeren Bindungen besonders dann sehr, wenn wir erfahren müssen, dass ein Kind, das mehrere Jahre mit uns zusammen lebte und das uns in dieser Zeit ganz besonders "ans Herz gewachsen" war, zu den Eltern zurückkehrt und dort die während des Heimaufenthaltes beobachtete Entwicklung hin auf eine selbständige, von Sozialhilfe unabhängige Existenz (vorerst) abgebrochen wird.

Zwei Beispiele von mehreren sollen das illustrieren. Ich habe sie ausgewählt, weil beide Kinder unter ähnlichen Voraussetzungen zu uns kamen und uns verließen und uns ihr Schicksal, gerade weil wir uns mit ihnen sehr verbunden fühlten, besonders bewegt.

 


Klaus

Ich denke an Klaus, der mit sechs Jahren zu uns kam. Er hatte bis dahin bei seiner Großmutter gelebt, die ihn, wegen eigener Armut und persönlicher Unzulänglichkeiten wegen, weder richtig versorgen noch angemessen fördern konnte. Vormund des Jungen war das zuständige Jugendamt. Als der Junge bei uns seine Schulzeit in einer Förderschule und dort sogar mit dem Hauptschulabschlusszeugnis beendet hatte, kehrte er, inzwischen siebzehn Jahre alt, lieber in den Haushalt der Oma zurück und verzichtete darauf, eine Lehre vom Heim aus anzutreten.

Daheim lebt heute der Fünfundzwanzigjährige von Sozialhilfe.

 

Irina

Ich denke an ein Irina, das ebenfalls erst sieben Jahre alt war, als es zu uns kam. Auch für dieses Kind nahm das Jugendamt die Vormundschaft wahr.
Es wurde uns von Mutter und Großmutter gebracht. Damals war es noch das einzige Kind der recht jungen etwas geistig behinderten Mutter. Mutter und Tochter trennten sich nur recht schwer.

Die gute emotional dichte Beziehung, um deren Fortdauer wir uns bemühten, hinderte das Mädchen nicht, sich in den folgenden elf Jahren gut zu entwickeln und zum Beispiel, trotz erheblichen Förderbedarfs, den Hauptschulabschluss zu erreichen.
Sie hatte außerdem nicht nur reiten und Pferdepflege gelernt, sondern auch, mit Geld gewissenhaft und sparsam umzugehen und hatte sich alle für einen selbstständig zu führenden Haushalt brauchbaren Fertigkeiten angeeignet. Sogar eine Lehrstelle war in Aussicht - als sie achtzehn Jahre alt wurde.

 

Während ihres Heimaufenthaltes waren beide rasch in ihren Gruppen integriert, fassten bald Zutrauen zu ihren Erzieherinnen und lernten mit den Jahren sprachlich zu kommunizieren. In der reichhaltigen Foto- und Filmdokumentation in diesem Hause sieht der Betrachter aktive und fröhliche Kinder, die sich offensichtlich wohl fühlen. Beide, das zeigen Schulzeugnisse und Berichte, verhielten sich in Schule und Gruppe recht angepasst und erledigten ihre Arbeiten. Das Mädchen mit Eifer und Freude, der Junge ungern und mit großer Mühe. Sehr unterschiedlich war das Verhalten der Angehörigen während dieser Jahre. Aber sehr ähnlich das Ende der Jugendhilfemaßnahme.

 

 

Irinas Mutter

Die Mutter des Mädchens blieb trotz intensiver Bemühungen, uns gegenüber unzugänglich. Als sie mit der Zeit erfuhr, dass sich die Fachkräfte vom Heim aus ihren Angelegenheiten heraushielten, wurde sie mit den Jahren etwas gesprächsbereiter und zutraulicher. Dennoch verschloss sie sich und presste die Lippen fest aufeinander, wenn das Gespräch auf ihre Familie kam. Wir erfuhren, dass die Mutter bei ihrer Mutter (also der Großmutter des Mädchens) bald nach der Heimaufnahme des Kindes ausgezogen war und eine eigene Wohnung bezogen hatte. Wir erfuhren auch, dass zwei weitere Kinder geboren wurden und diese Familie, zu der später ein drogenabhängiger Partner, der nicht der Vater der Kinder war, hinzu kam, von Familienhelfern, die im Auftrag des Jugendamtes tätig waren, betreut wurden.

Einen näheren Gesprächskontakt mit uns - zum Beispiel anlässlich des Hilfeplans oder des Bringens und Abholens der Tochter (ihr Partner hatte ein Auto) - vermied die Mutter. Ebenso weigerte sie sich, Mitarbeiter des Heimes in ihrem Haushalt zu empfangen. Wir hatten also nicht einmal ansatzweise die Chance, die Mutter zu einer Akzeptanz des Heimaufenthaltes ihrer Tochter zu bewegen. Die Entwicklungsfortschritte des Mädchens, so, wie wir sie wahrnahmen, sagten ihr nichts, weil sie ihr nichts bedeuteten.

Nachdem die Tochter volljährig geworden war, behielt die Mutter das Kind nach den Schulferien daheim und beide wehrten alle Bemühungen von Seiten der Sozialarbeiterin im Jugendamt ab, das Mädchen zur Rückkehr oder wenigstens zum Umzug in eine eigene betreute Jugendwohnung zu bewegen. Mit den Sozialarbeitern des Jugendamtes gesprochen hat freilich dann nur die Mutter. Das junge Mädchen nickte dazu oder schüttelte den Kopf und sagte nur ja und nein.

Heute geht sie ihrer Mutter nicht von der Seite und begleitet sie sogar in das Kaufhaus, wo die Mutter putzt. Eine eigene Tätigkeit übt die inzwischen Einundzwanzigjährige nicht aus.

 

 

Klaus Oma

Anders war die Haltung der allein stehenden Oma des Jungen den Fachkräften vom Heim gegenüber. Sie empfing sie gern in der kleinen Wohnung in dem Haus in "Einfachstbauweise", in dem sie, gemeinsam mit vielen anderen Familien lebte. Die Atmosphäre dort war stets herzlich und von emotionaler Wärme und verblüffender, mit viel Humor gewürzter Offenheit bestimmt. Die Oma war auch bereit, trotz körperlicher Beschwerden und des weiten Anfahrtsweges, zur Kommunion und zu dem einen oder anderen Geburtstag des Enkels ins Heim zu kommen. Sie blieb dann stets mehrere Tage unser Gast, während derer wir Gelegenheit nahmen, viel mit ihr zu sprechen. Sie blieb nie lange, denn außerhalb ihrer vertrauten Umgebung zu sein, fiel ihr sehr schwer.

Die Fortschritte in der Entwicklung ihres Enkels sah sie, freute sich darüber und räumte freimütig ein, dass das alles bei ihr nicht möglich gewesen wäre. Die räumliche Trennung hinderte beide nicht, ihre enge Beziehung beizubehalten. Das Heim unterstützte diese Verbindung nach Kräften und sicherte dem Jungen nicht nur das Wohlwollen der Oma sondern auch ihre Duldsamkeit der Maßnahme gegenüber. Sie litt zwar stets an dem Stachel, dass das Jugendamt ihr das Kind "weggenommen" habe und glich hier der Mutter des Mädchens, freundete sich aber wenigstens dann mit dem Heimaufenthalt an, als sie erfuhr, dass es ihrem Enkel half und nicht schadete und niemand daran dachte, einen Keil zwischen beide zu treiben.

Doch der Junge kam in seinem achtzehnten Lebensjahr, er hatte zuvor gerade noch seinen Hauptschulabschluss erwerben können, von den Ferien nicht mehr zurück und wollte bei der Oma bleiben. So sehr seine Erzieherinnen der Verlust dieses Kindes schmerzte, so verstanden sie ihn. Er war bei der Oma rund um die Uhr von ihrer Fürsorglichkeit umgeben, frei von allen Erwartungen an ihn in Bezug auf die vielen, ihm unangenehmen Pflichten, die ein selbständigeres Leben abverlangt. Denn das hatte er nun jahrein jahraus im Heim erlebt, dass es vom Aufstehen bis zum Schlafengehen eine Vielzahl an Leistungen zu erbringen galt, wenn man sich sozialer Anerkennung erfreuen wollte. Bei Oma erhielt er alles ohne einen Finger krumm machen zu müssen. Und das gab den Ausschlag. Oma freute sich, wenn sie auch bedauerte, dass er nun in ihre Fußstapfen treten würde und wohl kaum je "eigenes Geld" verdienen würde.

 

Ich hatte eingangs die Aussage etwas abgeschwächt, als von dem Abbruch einer aus unserer Sicht günstigen Entwicklung die Rede war. Von den inzwischen fast dreihundert Kindern, die unsere Einrichtung im Verlaufe von siebenunddreißig Jahren verließen, haben wir nach wie vor zu einem Drittel von ihnen einen guten Kontakt. Dies sind vor allem die Mädchen und Buben, die bis zum Ende ihrer Berufsausbildung bei uns blieben und sich nun, häufig in geographischer Nähe zu uns, eine eigene Existenz aufbauten. Von einem weiteren Drittel wissen wir wenigstens, was aus ihnen geworden ist. Das dritte Drittel, und darunter sind vor allem die, die ihren Aufenthalt unplanmäßig beendeten, ist für uns verschollen; das heißt, wie wissen nicht, wohin sie bzw. ihre Eltern gezogen sind oder, was bei Mädchen die Regel ist, wie sie heute heißen.

Und unter jenen, deren weiteres Schicksal wir kennen, weil sie uns das gelegentlich selbst mitteilten, sind auch Mädchen und Jungen bzw. Frauen und Männer (die ältesten von ihnen sind heute 45 Jahre alt), die in ihre Herkunftsmilieus zurückgingen. Früher oder später aber hatten alle einen Berufsabschluss erreicht, eine eigene Familie gegründet und leben heute unauffällig in ihren Heimatgemeinden irgendwo in Deutschland. Das heißt also, dass wir auch bei denen optimistisch sein dürfen (und wollen), bei denen wir zunächst einmal enttäuscht darüber waren, dass unsere ganzen Bemühungen "umsonst" gewesen schienen.

Was während des Heimaufenthalts in den beiden beispielhaft geschilderten Fällen nicht geleistet werden konnte und wir - wenn auch aus unterschiedlichen Gründen - nicht leisten konnten, ich meine zum Beispiel den Willen zu einer gleichsam "natürlichen" Emanzipation der Kinder von ihren Eltern, das wird nun erst nachgeholt werden müssen. Das kann dauern. Eines Tages aber werden beide zu einem eigenen Leben finden.

 

Ergänzend noch eine interessante Information:
Zwischen dem sorgeberechtigten Jugendamt Irinas und deren Mutter war der Sozialdienst eines freien Trägers "geschaltet", der auch die Betreuung der Familie vor Ort (Familienhilfe, Nachhilfestunden für die Brüder u. ä.) wahrnahm. Die Sozialarbeiterinnen dieses Trägers waren nicht einmal bereit, dem Heim Auskünfte über die Situation in der Familie zu geben ("Datenschutz"!!), geschweige denn, sich zu einem Gespräch mit den Vertretern der Einrichtung zu treffen. Auch nicht, nachdem das Mädchen längst wieder daheim lebte.

Aus den ungehaltenen und wenig kooperativen Reaktionen der betreffenden Fachkräfte eines kirchlichen Sozialdienstes in einem Landkreis am Bodensee, gewann ich den Eindruck, dass es Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter gibt, die nichts von der Jugendhilfe in Heimen halten und nicht den Mut haben, das zu bekennen oder gar bereit sind, über die eigenen Vorurteile zu sprechen.

 

 

Görwihl im Dezember 2003

 

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