Schriften zur Erziehung und Bildung im WWW
von Dr. Joachim Rumpf

 

Heimkinder und ihre Väter

 

Vorbemerkung

Über Männer in ihrer Rolle als Väter von Heimkindern suchte eine Studentin Material. Sie fand bisher kaum etwas und bat mich um Rat.
Daraufhin durchsuchte ich meine eigenen Arbeiten und fand - nichts! Ich besorgte mir ein gerade erschienenes Buch über die Heimerziehung. Da ist zwar der Eltern- und Familienarbeit vom Heim aus ein umfangreiches Kapitel gewidmet. Leibliche Väter aber kommen darin nicht vor, weil es schlichtweg keine entsprechenden Untersuchungsergebnisse zu dieser Thematik zu geben scheint. Sonst hätte Richard Günder die in seiner "völlig neu überarbeiteten" 3. Auflage sicher berücksichtigt. Immerhin stehen einem Hochschullehrer für Literaturanalysen Studentinnen und Studenten zur Verfügung, die sich stets gern mit entsprechenden Fleißarbeiten einen "Schein" erwerben.
Ich vermag freilich diese Lücke auch nicht zu füllen. Ich kann allerdings auf eine Fülle an Begegnungen mit Kindern aus Heimen verweisen, mit denen ich beruflich und privat bis in die Gegenwart hinein Kontakt habe. Einige Einzelschicksale, die mich besonders berührten und die ich darum gut erinnere, werde ich hier - selbstverständlich anonymisiert - vortragen.

 

 

Einführung

 

 

1.
Kinder verselbständigen sich

Zu den Zielen der Sozialisation im Elternhaus gehört die Verselbständigung der Kinder. Sie sollen in jeder Beziehung allein, das heißt ohne ihre Eltern leben können. Gemeint ist mit "selbständigem Leben" die seelisch-geistige wie die beruflich-wirtschaftliche Autonomie. "Mein Sohn 7 meine Tochter steht jetzt wirtschaftlich auf eigenen Füßen", meine Tochter / mein Sohn hängen mir nicht mehr am Rockzipfel"
Derartige Redewendungen werden gern gebraucht, um zu beschreiben, was mit Selbständigkeit gemeint ist.
Im Prinzip ist gemeint! Denn in der Realität können Eltern und Kinder durchaus noch wirtschaftlich eng verbunden sein, wenn sie zum Beispiel gemeinsam in einem Betrieb, der ihnen gehört, Verantwortung und Arbeit teilen. Praktisch werden Tochter oder Sohn erst dann wirklich völlig unabhängig, wenn die Eltern den Betrieb übergeben und sich aus der gemeinsamen Verantwortung zurückgezogen haben. Oder wenn ein Kind fern vom Wohnort der Eltern eine Ausbildung absolviert und für den Lebensunterhalt Zuschüsse von den Eltern erhält.
Doch das trifft nur für einen Teil zu. Im Regelfalle ziehen die herangewachsenen Kinder aus dem Haushalt der Eltern aus und übernehmen für sich, spätestens dann, wenn sie über ein hinreichendes eigenes Einkommen verfügen, neben der Autonomie der außerberuflichen Lebensgestaltung auch die wirtschaftliche Verantwortung. Die Trennung ist vollzogen. Die beiderseitigen Beziehungen treten in ein völlig neues Stadium, wobei der Charakter der Beziehungen von den Erfahrungen bestimmt wird, die beide Teile jeweils miteinander bisher gesammelt haben.
Die Bedeutung des Charakters von Eltern-Kind-Beziehungen kann nicht hoch genug veranschlagt werden. Es ist vor allem die psychoanalytische Theorie, die zum Beispiel Richard Günder in einem neuen Buch über die Heimerziehung von einer "Ursehnsucht der Kinder nach Geborgenheit und Liebe" sprechen lässt, die ein Leben lang erhalten bleibt und spätere Entwicklungsphasen nachteilig beeinflussen kann, wenn dieses Grundbedürfnis nach Bindung nicht hinreichend befriedigt wurde (Günder, Richard: Praxis und Methoden der Heimerziehung. Freiburg 3/2007. Vgl. zum Thema frühkindlicher Bindung auch: John Bowlby: Bindung und Verlust. München 2006)

Der Prozess der Selbstfindung, Autonomie und wird von Fragen begleitet wie die nach dem "wer bin ich?", "wer will ich sein?", "wo will ich hin?". Sie sind eng verknüpft mit den Fragen: "wo komme ich her? bzw. von wem stamme ich ab?", "was ist in mir von meinen Eltern oder Großeltern?" Die Antworten auf diese Fragen unterstützen den Identifikationsprozess mit sich selbst, meint Richard Günder (S. 242).

 

 

2.
Eltern bleiben während unseres ganzen Lebens präsent

Wenn davon ausgegangen werden kann (und sollte!), dass ein Kind aus der elterlichen Wohnung auszieht, um ein eigenständiges Leben zu beginnen, sobald es im oben angedeuteten Verständnis dazu in der Lage ist, nimmt es seine Eltern mit. Die ist in einem übertragenen Sinne gemeint:
Die Eltern leben in dem Kind weiter. Dieses Weiterleben vollzieht sich in den unterschiedlichen Ebenen unserer seelischen Existenz. So treten die Gedanken an die Eltern in den Hintergrund, sobald ein Kind in besonderer Weise engagiert ist. Das kann sein beim Aufbau einer neuen zwischenmenschlichen Beziehung oder aus Anlass einer besonders herausfordernden beruflichen Inanspruchnahme.

"Wenn ich im Herbst im Wald Pilze sehen, dann muss ich immer an meinen Vater denken", erklärte ein alter Mann. Damals, es war in den ersten Nachkriegsjahren, gingen meine Geschwister und ich mit Vater "in die Pilze". Er konnte die essbaren von den ungenießbaren oder giftigen Pilzen unterscheiden, wusste, wo die Pilze zu finden waren und half uns, die "guten" zu finden".


Und so, wie dieser über siebzigjährige Mann noch heute an seinen Vater denkt und ihn vor sich sieht, seine Stimme hört, wie er zu den Kindern sprach, so tauchen bei ihm und vermutlich allen Menschen in entsprechenden, meist recht alltäglichen Situationen Mutter und Vater aber auch die Großeltern vor dem geistigen Auge auf. Nicht selten fragen wir uns, deren Eltern längst das Zeitliche gesegnet haben, vor Entscheidungen: wie hätte Mutter / Vater jetzt wohl entschieden. Oder: was würden Mutter / Vater wohl jetzt sagen, wenn sie mich sehen könnten!

Dass es eine permanente Präsenz von Eltern in unseren Vorstellungen gibt, darauf verweisen auch Biographien. Da ist zu denken an die Autobiographie des Berliner Anwalts Dr. Karl-Heinz Peters (jahrgang 1912): "Auch ein Zeitzeuge" (Berlin 2002) oder an die des Arztes Dr. Bruno Feige (Jahrgang 1922): "Vom Waldstadtbub zum Hotzenwalddoktor". In beiden Lebensberichten wird immer wieder auf den Vater als prägende Persönlichkeit verwiesen. Und in Gesprächen mit mir wiesen im Jahre 2007 beide Herren noch heute gern auf ihre Väter: sei es, dass sie erzählen, was sie vom Vater übernommen haben, sei es, dass sie kritische Anmerkungen machen im Sinne einer Lehre, es selbst anders gesehen oder gehalten zu haben.

Oder ein anderes Phänomen: Wenn mehrere Elternpaare, deren Kinder längst auf eigenen Füßen stehen, sich begegnen und das Gespräch auf ihre Kinder kommt, wissen alle Mütter und Väter zu berichten, wann sich welches ihrer Kinder mit welchem Anliegen an sie gewandt haben. Selbst über große räumliche Distanzen hinweg bleiben Kommunikationen - nicht selten mit Hilfeersuchen / Hilfsangebote, mit Fragen und Ratschlägen - bis zum Tode der Eltern lebhaft. Auch hier können Biographien als Belege für diese Feststellung herangezogen werden, wie zum Beispiel die von Walter Gropius Reginald R. Isaacs: Walter Gropius. Der Mensch und sein Werk. Bd. 1 Berlin 1983), der mit seiner Mutter schriftlich oder mündlich während ihres Lebens seine beruflichen und privaten Sorgen teilte.

Aus der Füller an Literatur über die Rolle und Funktion die Vätern für ihre Kinder, oder allgemein: in der Familie haben vgl. u. a.
Michael Matzner "Vaterbilder und Vaterfunktionen" im Online-Familienhandbuch (www.familienhandbuch.de /22.01.2004);

Erni, Margit: Das Vaterbild der Tochter. Einsiedeln 1965;
Leboucher, Monique: Der Vater in der Erziehung der Tochter bis zum dritten Lebensjahr. (unveröffentlichte Diplomarbeit) PH Freiburg 1985

 


 

 

3.
Wenn Kinder von ihren Eltern getrennt heranwachsen

Es kann mehrere Ursachen geben, die Kinder von ihren Eltern trennen. Im Herbst 2007 wird das Schicksal einer Mutter verfilmt, die die DDR 1981 verließ und ihre beiden Töchter zurücklassen musste. Sieben Jahre waren sie getrennt. Inzwischen sind die Mädchen erwachsen und stehen, nach erfolgreicher Ausbildung, auf eigenen Füßen (Bad. Ztg. 28.06.07).

In unserer Gemeinde leben Hans und Angelika, deren Eltern vor mehr als vierzig Jahren bei einem Flugzeugunglück ums Leben kamen. Die zwei wurden auf die Familien der beiden Brüder des Vaters verteilt, die in der gleichen Gemeinde lebten und nun dort mit ihren Cousinen und Cousins wie Geschwister heranwuchsen. Beide studierten und sind als Pädagogen an Gymnasien erfolgreich und beliebt. Beide haben längst selber eine Familie.

Oder denken wir an ein historisches Ereignis wie den zweiten Weltkrieg, der zahllose Kinder hinterließ, deren Eltern umgekommen waren. Vor allem Väter fehlten in den Nachkriegsjahren. Einer meiner Klassenkameraden war unter uns achtzehn Schülern allein darum eine Ausnahme, weil sein Vater gefallen war und er allein mit der Mutter lebte. Er wurde später ein Kinderarzt und Hochschullehrer.

Es lässt sich an diesen wenigen Beispielen nachweisen:

Sind die Gründe für den zeitweiligen oder völligen Ausfall von Mutter und Vater für die betroffenen Kinder transparent, gut nachvollziehbar und objektiven Charakters - hat also nichts mit dem Eltern-Kind-Verhältnis zu tun - können Kinder den Verlust besser verkraften.

Ist für ein Kind die Trennung von seinen Eltern aber eine "Gewalterfahrung", wie es häufig dann der Fall ist, wenn ein Kind im Rahmen einer Jugendhilfemaßnahme fremd untergebracht werden muss, fehlen die Merkmale Objektivität und Transparenz. Das heißt, ein Kind fühlt sich schuldig - auch und gerade weil es von seinen Eltern vernachlässigt, missbraucht oder misshandelt worden ist. Für das Kind bleiben die Gründe der Fremdunterbringung, selbst wenn sie von Eltern angekündigt wurde, lange Zeit hindurch nicht nachvollziehbar.

Nur dann, wenn die Gründe der Fremdunterbringung, sei es in einer Pflegefamilie oder in einem Heim für ein Kind gut nachvollziehbar und verständlich sind und außerdem die leiblichen Eltern in einer entwicklungsfördernden Weise eingebunden bleiben, wächst die Wahrscheinlichkeitt, dass die betroffenen Kinder wenig oder gar keinen Schaden nehmen.

 

Eine heute Zweiundzwanzigjährige versucht ihre Fremdunterbringungen zu verarbeiten und stellt ihre Biographie ins Internet (www.imheim.de). Anita schreibt über das Ende ihrer nahezu zwölf Jahre, die sie bei Pflegeltern verbracht hatte:

"Einen Monat nach meinem 12. Geburtstag kam ich von heute auf morgen ins Kinderheim.
Ich hatte lange Zeit nur das nötigste mit Mutter gesprochen und zwar
"Ich geh zur Schule"
2. "Ich bin wieder da"
3. "kannst du bitte unterschreiben"

wobei ich Punkt drei auch irgendwann weg lies. Und die Unterschrift gefälscht hatte aus Angst Prügel zu bekommen wen es mal wieder keine 1 war. Jedenfalls kam ich am 24.Juni 1998 aus der Schule und sprach das erste mal wieder "richtig" mit meiner Mutter ich sagte ihr dass ich heute wohl nichts mache da meine Freundin ihre Sachen packen muss für den Urlaub. sie sagte zu mir: "Oh doch du wirst was machen, und zwar das gleiche wie deine Freundin, packen. Deine gesamten Sachen, Kartons stehen oben in deinem Zimmer bereit. aber iss erst mal was." Ich war geschockt. Ich dachte ich hab mich verhört und fragte " wie bitte?" Sie sagte nur noch das ich sie schon verstanden hätte und jetzt nicht essen soll das könne ich auch nach dem Packen.
Ich ging wie gelähmt in mein Zimmer wo tatsächlich drei Kartons standen und ein Reisekoffer. Ich setzte mich aufs Bett und fing an zu heulen.
Ich wusste nicht was ich falsch gemacht hatte das ich weg muss ich war relativ brav. In dem letzten halben Jahr. Ich kam nach der Schule direkt nach Hause lies meine Arbeiten von Vater unterschreiben Machte brav meine Diäten ohne zu meckern sah kein Fernseh und bildete mich weiter.
Was also hatte ich falsch gemacht?? Ich weiß es bis heute nicht.

Diese junge Frau war aus einem Säuglingsheim mit wenigen Monaten herausgenommen und einem kinderlosen Ehepaar zugewiesen worden. Die Differenzen mit der Pflegemutter setzten nach eigenem Erinnern ein, als sie daheim Süßigkeiten stahl. Mit dem Pflegevater hingegen gab es keine Schwierigkeiten. Folgt man dem Lebensbericht, dann war er es, der hinter dem Rücken seiner Frau und in Angst vor Entdeckung sich darum bemühte, der Pflegetochter das Leben zu erleichtern.
Als Anita im Heim war, bemühte sie sich, um einen Kontakt zu ihren leiblichen Eltern (siehe dazu unten!)

 

 

4.
Heimkinder und ihre Väter

 

 

4.1
Vorbemerkung:

Als die Kinder, von denen zunächst berichtet wird, Anfang der siebziger Jahre ins Heim kamen, brauchte es nicht viel, um einen Heimaufenthalt zu begründen und umzusetzen. Kamen Sozialarbeiter auf Grund entsprechender Meldungen der Schule bei Hausbesuchen zu der Überzeugung, dass in dieser Familie die weitere Entwicklung eines Kindes gefährdet war, wurden die Eltern davon überzeugt, dass es gut wäre, wenn sie von sich aus einen Antrag auf Heimunterbringung ihres Kindes stellen würden (FEH Freiwillige Erziehungshilfe). Wenn sie das nicht wollten, würde über das Vormundschaftsgericht eine Sorgerechtsentzugverfahren eingeleitet mit dem Ziel, den Eltern das Aufenthaltbestimmungsrecht zu nehmen und so eine Heimunterbringung von Amts wegen zu ermöglichen (FE Fürsorgeerziehung). Eine FE wurde nur selten angeordnet.

 

 

4.2
Hier einige Schicksale:

 

 

Ein Vater, dessen sich der Sohn schämte

Klaus ist heute über 40 Jahre alt und leitender technischer Mitarbeiter eines Betriebes. Er ist verheiratet, hat mit seiner Frau zwei Kinder und gemeinsam leben sie seit über zehn Jahren im eigenen Haus.
Die beruflich ebenfalls sehr erfolgreiche und innerhalb ihrer Familie engagierte und fürsorgliche Frau muss von Zeit zu Zeit ihren Mann helfen, aus seinen immer wieder mal auftretenden depressiven Stimmungen herauszukommen. Dann reden sie miteinander, gehen, um ungestört zu sein, auch mal aus (die Kinder sind ja so klein nicht mehr und können ein vorübergehendes Alleinsein gut verkraften).
Die Ursachen der zeitweiligen Tiefs in der Lebensfreude von Klaus sind die Erinnerungen an die Eltern und hier ganz besonders an den Vater. Um das zu verstehen, lassen wir seinen Heimerzieher berichten, der seinerzeit den kleinen Klaus zu seinem ersten, mit dem Jugendamt und den Eltern vereinbarten, Besuch nach Hause gebracht hatte und von dort auch wieder abholte.

"Die Bilder werde ich nicht vergessen! Ich stehe vor einem Mehrfamilienhaus mit Sozialwohnungen. Im Souterrain ist die Wohnung von Klaus Eltern. Man geht also ein paar Stufen hinunter Richtung Keller, auf dem Zwischenabsatz ist rechts die Eingangstür zu der kleinen Wohnung. Hinter der Eingangstür ist die Küche von der es in zwei weitere Räume geht. Der Wohnraum ist vollgestopft mit alten Möbeln und auf allen liegt und steht viel herum. Nippes, Kleider, Zeitungen, Bilder und Kissen, viel Kissen auf Sesseln und Sofa. Über dem Sofa hängt eine kleine Hakenkreuzfahne umgeben mit Bildern und Symbolen aus der Nazizeit. Es ist nicht hell in dem Raum, da ja die Fenster nur schmal sind und wenig Licht hereinlassen. Gardinen sorgen weiter dafür, dass auch am Tage meistens eine Lampe brennt. Auf dem Sofa sitzt der Vater. Körperlich eher klein, sehr schmal mit schütterem Haar und mit Hosenträgern über dem Hemd. Er ist Kettenraucher und stets krank. Darum kann er auch nicht arbeiten. Klaus hat erzählt, dass er mal Schlosser gelernt habe. Wenn der Vater spricht - und er redet andauernd - beklagt er sein Los. Er lebe von Sozialhilfe, weil niemand ihm eine Arbeit geben wolle, die er noch leisten könne. Und dann beginnt er zu schimpfen: auf den Staat, die kapitalistische Wirtschaft, die Ausbeutung und die Beamtenschaft und und und…
Dass auch die Mutter von Klaus im Raum ist, merkt man kaum. Sie bringt Tassen und Kaffee herbei, kümmert sich um ihren Sohn und schweigt, wenn dann alle um den Tisch versammelt sind.
Auch Klaus wird vom Vater nicht einbezogen. Der Vater fragt ihn nicht, wie es ihm geht und ob ihm die Schule Freude macht. Als ob Klaus nicht richtig da wäre. Auf die Frage des Erziehers, was sie denn jetzt, wenn Klaus daheim ist, so machen werden, deutet der Vater nur mit dem Kopf auf seine Frau: da kümmert sie sich drum. "Ihm wird schon nichts abgehen" fügt er eher mürrisch hinzu. Und weil der Vater seine Klagen unendlich weiterführt und niemand zu Worte kommen lässt, ist der Heimerzieher froh, dass er sich verabschieden kann. "Und wenn die Mutter nicht wäre, dann hätte ich am liebsten den Klaus wieder mitgenommen."

Vor den nächsten Ferien weigerte sich Klaus, wieder nach Hause zu "müssen". Der inzwischen Zwölfjährige nahm stattdessen an den Freizeitaktivitäten des Heims teil. Bis zu seinem sechzehnten Lebensjahr fuhr er nur noch an Weihnachten heim. Dann zunächst gar nicht mehr. Erst nach seinem Studium fuhr er ab und zu den Eltern. Aber nur, wie er versichert, um seine Mutter zu sehen. Seine Frau bemüht sich heute um gute "diplomatische Beziehungen" zu den beiden alt gewordenen Eltern. Gern fährt sie nicht hin, weil der Vater, solange er lebte, nur an allem rummeckerte und an allem etwas auszusetzen hatte. Und die Kinder haben die Eltern der Mutter als Oma und Opa und vermissen nichts.

 

 

Der spät gefundene Vater

Heinz war direkt aus einer Entbindungsstation in ein Säuglingsheim und von dort in eine Pflegefamilie gekommen. Die ledige Mutter lebte wegen einer schweren seelischen Erkrankung nach der Geburt des Kindes in einer psychiatrischen Einrichtung, in der sie einige Jahre später verstarb. Der leibliche Vater war zwar wegen der Unterhaltszahlungen dem Vormundschaftsgericht und später der Abteilung wirtschaftlichen Hilfe des zuständigen Jugendamtes bekannt. Heinz aber ging bis zu seiner Heimunterbringung davon aus, dass die Pflegeeltern seine "richtigen" Eltern seien. Es traten die üblichen Schwierigkeiten auf, die die meisten Eltern bei ihren Heranwachsenden erleben können. Sei es, dass sie, wie Heinz, unerlaubt in die Zuckerdose griffen oder Schokolade aus dem Schrank nahmen, "frech" waren oder sich vor den Hausaufgaben drückten. Die Pflegeeltern vermuteten in derartigen Verhaltensweisen destruktive Erbanlagen. Heinz war ja nicht ihr Kind: ein eigenes war vier Jahre nach der Aufnahme von Heinz geboren worden. Also musste Heinz raus. Zu einer Beratung oder Hilfe durch soziale Dienste konnten die Pflegeeltern nicht gezwungen werden. Dem Sozialarbeiter wurde der Junge mit Sack und Pack gleichsam "vor die Tür gesetzt". In diesem "kurzen Prozess" erfuhr das Kind auch, dass seine Pflegeeltern nicht seine Leiblichen Eltern waren. Er kam ins Heim. Dort blieb er elf Jahre, besuchte problemlos die Schule, machte eine kaufmännische Lehre und verselbständigte sich vom Heim aus planmäßig.
Er hatte sich, unterstützt von seinen Erziehern, anfangs vergeblich um einen persönlichen Kontakt zu seinem Vater bemüht, der sehr weit entfernt in einer großen Stadt lebte. Der lehnte es aber ab, an Heinz zu schreiben oder gar, ihn zu besuchen. Immer wieder war in den langen Jahren, in denen zwischen Heinz und seinem Vater Funkstille herrschte, mit seinem Erzieher diese "Nullbeziehung" thematisiert worden. Heinz war zwar eher traurig als ungehalten, machte aber kein Drama aus der Ablehnung seines Vaters. Er fühlte sich persönlich nicht schuldig an dieser Zurückweisung, da er ja keinen Tag mit seinem Erzeuger zusammen gewesen war und beide sich nicht kannten.

Als Heinz neunzehn Jahre alt geworden war und von seinen Gehältern das nötige Reisegeld erspart hatte, kaufte er sich eine Fahrkarte (Führerschein und Auto besaß er noch nicht) und fuhr im Urlaub in die Großstadt, in der sein Vater lebte. Er hatte das Bedürfnis, ihn kennen zu lernen.
Der Vater, ein städtischer Arbeiter, war zwar überrascht aber nicht böse. Ganz offensichtlich, so Heinz in der Auswertung dieser Begegnung, imponierte dem Vater, der mit einer Frau und ohne Kinder in einer kleinen Wohnung lebte, was aus seinem Sohn, den er ja nun als Person zur Kenntnis nehmen musste, geworden war. Die Beziehung gestaltete sich in der Folgezeit so freundlich, dass Heinz beschloss, in die Stadt zu ziehen, in der auch sein Vater lebte. Dort blieb Heinz in seinem Beruf so tüchtig, wie er schon in der Lehrzeit war, heiratete und hat nun, nach inzwischen mehr als zwanzig Jahren, selbst eine Familie zu der auch der eigene Vater und dessen Frau gehören.

 

 

Ein gewalttätiger Vater.

Den Eltern von Ernst wurde FEH gewährt, weil sie mit ihrem Sohn nicht mehr zurecht kamen, nicht wussten, was sie machen sollten und der Sozialarbeiter, den sie um Hilfe ersuchten, für Leben und Gesundheit des Jungen fürchtete. Der Höhepunkt der Streitigkeiten zwischen Ernst und seinem Vater war erreicht, als dieser seinen Jungen an den Kleidern packte, ihn zu offenen Fenster raus hielt und drohte, ihn die drei Stockwerke hinunter auf die Straße fallen zu lassen. Das Geschrei an diesem Tage alarmierte die ganze Nachbarschaft. Der völlig durchdrehende Vater und der total verängstigte Achtjährige konnten nicht mehr beieinander bleiben.

Irgendwann und in den Anfängen nicht mehr datierbar, hatte Ernst, der älteste von drei Kindern, begonnen, nachts die Tapete an der Wand neben seinem Bett abzureißen. Außerdem, auch das unübersehbare Anzeichen seelischer Verstörung, hatte er nach Schuleintritt wieder angefangen, einzunässen. Es wurde vermutet, dass die Geburt der kleinen Schwester etwa zum gleichen Zeitpunkt, damit zusammenhing. Der Vater, Schichtarbeiter in einem Metallbetrieb und dort wegen seiner Tüchtigkeit sehr geschätzt, hatte für die Einnässerei kein Verständnis. Er meinte, die Mutter verzärtele den Jungen, darum falle er zurück in Kleinkindhafte Verhaltensweisen. Seine Reaktionen waren Schimpfen, und als das nichts half, Schläge. Und damit begann der Kleinkrieg zwischen Vater und Sohn. Verbal setzte Ernst sich nicht zur Wehr. Er begann zu stottern und heimlich zu zerstören. Mit Vorliebe bohrte er Löcher in die Wände der stets penibel hergerichteten und sorgsam gepflegten kleinen Wohnung in der Arbeitersiedlung. Der Vater wurde in seinen autoritären Erziehungsvorstellungen von seinen Kollegen, die ja als Nachbarn viel mitbekamen, unterstützt. Die Frau, die nicht außer Haus arbeitete, hatte nicht viel zu melden. Und Ernst, der bei ihr keinen Schutz fand, hatte niemanden, an den er sich wenden konnte. In der Schule hatte bei dem bei der Einschulung als normal eingestuftes Kind, der Krebsgang begonnen.
Nach anderthalb Jahren und nach dem eingangs geschilderten Zwischenfall war offenkundig geworden, dass der Junge aus dieser Familie heraus musste, sollte nicht alles noch schlimmer werden.
Die Eltern brachten ihn ins Heim. Der jüngere Bruder, ein mehrfach behindertes Kind, begleitete ihn und auch die kleine Schwester, ein stilles freundliches Kind von zwei Jahren.

In den folgenden zehn Jahren, während Ernst im Heim blieb, von dort aus seine Schul- und Berufsausbildung erfolgreich abschloss und sich verselbständigte, fuhr er während der Sommerferien für drei Wochen und an jeden Weihnachten nach Hause. Sein Erzieher brachte ihn in den Anfangsjahren hin (bis Ernst allein mit öffentlichen Verkehrsmittel fahren konnte) und sprach bei diesen Gelegenheiten mit den Eltern. Der stets etwas nervös und aufgeregt wirkende Vater konnte nicht oft genug von den Untaten seines Sohnes erzählen und über die Verzweiflung, die er angesichts seiner Hilflosigkeit und Wut diesem renitenten Kind gegenüber empfand. Ernst kommentierte diese Auslassungen nicht, widmete sich stattdessen seinem behinderten Bruder und der kleinen Schwester. An beiden hing er sehr und hätte sie auch gern mit ins Heim genommen.

Mit dem Heim hatte er sich rasch in ungewöhnlich hohem Maße identifiziert. Jeden Versuch von Seiten der Eltern, ihn nach einigen Jahren zur Rückkehr zu bewegen, widersetzte er sich ruhig und bestimmt. Auch sein Sozialarbeiter war froh darüber: Er hatte genug damit zu tun, die Familiendynamik so im Lot zu halten, dass sowohl das behinderte Kind als auch die Nichtbehinderte Schwester dort die Zuwendung erhielten, die sie zu ihrem Gedeihen brauchten.
Über sein Verhältnis zum Vater, zur Mutter und den beiden Geschwistern sprachen Ernst und Erzieher besonders während der gemeinsamen Fahrten und auch später ab und zu. Eigentlich brauchten beide nicht viel zu reden. Jeder wusste ja, was vorgefallen war und warum. Ernst hatte längst darüber reden können, dass er einfach nicht hinnehmen wollte, dass der Vater über alles und alle "bestimmt" hatte.

"Ich durfte nichts. Alles musste ich genau so machen, wie er es wollte. Nichts war recht, was ich gemacht habe. Da habe ich halt auf stur geschaltet. Ich weiß aber auch nicht, warum ich die Löcher in die Wand gebohrt habe…Irgendwie hat das Spaß gemacht."
Und wie ist das heute mit dem Vater?
"Nein, der hat sich nicht geändert. Zu Hause muss noch immer alles so gehen, wie er will. Aber für zwei Wochen geht das. Sonst würde ich meine Geschwister ja gar nicht sehen können…".

So die wiederkehrenden Grundaussagen von Ernst, wenn sein Erzieher auf die Verhältnisse daheim zu sprechen kam. Im Übrigen hüllte sich auch Ernst, wie die meisten anderen Kinder im Heim in Schweigen, wenn sie nichts Gutes von daheim berichten konnten.

Als Ernst volljährig war, seine Lehre abgeschlossen hatte und wirtschaftlich auf eigenen Füßen stand, suchte er und fand Arbeit und Wohnung in seinem Heimatort. Der junge Mann, der kaum noch stotterte und in seinem Beruf so tüchtig war wie der Vater und so ordnungsliebend und penibel in seinem kleinen Haushalt wie die Mutter in ihrem, besuchte nun Eltern und Geschwister. Mit Erfolg bemühte er sich um ein gut-verwandtschaftliches Verhältnis. Sein Vater ist heute stolz auf seinen Sohn, wenn er im Kollegenkreis auf ihn zu sprechen kommt. Er vermeidet jede Anspielung auf die Anlässe, die den Jungen damals ins Heim führten.
Eine emotional positive Beziehung aber gibt es nur zwischen den Geschwistern und, wenigstens soweit der Sozialarbeiter, der wegen des behinderten Kindes noch Kontakt zur Familie hat, berichtete, auch zur Mutter.
"Aber er redet mit dem Vater. Zum Beispiel über seine Arbeit. Und der Vater redet auch mit ihm".

Und was weiß der Heimerzieher heute? "Ernst wird, wenn er mal Vater ist, seinen Sohn nie misshandeln. Das hat er sich fest vorgenommen. Und weil Ernst ein ruhiges und ausgeglichenes Wesen hat, bin ich davon überzeugt, dass er das schaffen wird. Doch erst mal muss er eine Frau finden…"


 

Ein Vater, der nur da ist - sonst nichts.

Andrea wurde von der Mutter und Großmutter ins Heim gebracht. Acht Jahre war das Mädchen alt, noch klein, ungelenk und pummelig. "Hier ist unser "Dubeli" (Dummkopf)" mit diesen Worten stellte die Großmutter das Kind vor. Es hatte versuchsweise eine Schule für Geistig behinderte Kinder besucht, weil die Einschulungsuntersuchungen eine entsprechende Retardierung nahe legten. Die Sonderschullehrer aber meinten, das Kind sei normal begabt und schalteten das Jugendamt ein. Tatsächlich war das Kind von allen Familienangehörigen, es hatte noch vier ältere Geschwister, für "dumm" gehalten und so behandelt worden. Mit Einverständnis der erstaunten Eltern, beide hatten in ihrer Kindheit ebenfalls die "Hilfsschule" besucht, wurde Andrea in ein Heim gegeben. Dort offenbarte sich sehr rasch ihre ganz normale Begabung. Während ihres zehnjährigen Heimaufenthalts besuchte sie die Grund- und Realschule erfolgreich, absolvierte eine Lehre in der öffentlichen Verwaltung und lebt, nach inzwischen fast zwanzig Jahren, als erfolgreiche Geschäftsfrau in einer Landeshauptstadt.
Andreas Vater blieb in all diesen Jahren eine "Unperson". Das heißt, dass er zwar existierte, für Andrea als Bezugsperson aber ausfiel. Wenn sie, als sie noch jünger war, an den Ferientagen nach Hause fuhr, ein älterer Bruder hatte ein Auto und holte sie ab und brachte sie zurück, dann sprach sie dort mit Geschwistern und der Mutter. "Und dein Vater?" "Der redet nicht. Der guckt Fernsehen und raucht dabei. Er sagt ja oder nein, meist brummt er nur etwas. Früher ging er noch zur Arbeit. Jetzt sitzt er meistens zu Hause in seiner Sofaecke. Mutter und Oma sagen, er sei krank".
Andrea war froh, wenn die Ferien zu Ende waren. Und als sie in die Pubertät kam, so ab dreizehn Jahren, da wollte sie nicht mehr nach Hause. Sie schrieb nicht und beendete von sich aus die Kontakte. Ihre größte Sorge war und blieb, dass sie mal so unförmig dick werden würde, wie ihre Mutter. Weder ihre Geschwister noch ihre Eltern bemühten sich ihrerseits darum, mit Andrea Verbindung zu halten. "Denen ist egal, was ich mache. Wenn ich nur nichts von ihnen will". Als die Oma beerdigt wurde, fuhr Andrea nach Hause und auch, bevor sie in die Landeshauptstadt zog, besuchte sie noch einmal die Eltern. Der Vater, inzwischen stark gealtert, saß noch immer in seiner Sofaecke und rauchte und schwieg. Und die Mutter war gehemmt und wusste nicht, was sie mit ihrer Karriere-Tochter anfangen sollte. Andrea sagt heute: "Ich bin froh, wenn ich von den Eltern nichts höre".

 

 

Der Vater ein Traum und eine Enttäuschung

 

Aus Briefen, die Anita schrieb:

"Am Wochenende fuhr ich meinen Daddy besuchen und das war auch nicht immer die Erholung die ich mir erhofft hatte. Weil mein Vater sich sorgen um alles Mögliche machte außer um mich.
Ich war in der zwischen zeit so fertig das ich mich meinem Vater voll und ganz anvertraute und ihm erzählte was mich alles gerade bedrückt das ich eine Vermieterin habe wo ich da Gefühl habe sie will sich als meine Mutter aufspielen und das ich die scheiß Miete nicht zusammen bekomme weil sie mir keinen Mietvertrag gibt und dass ich es dort hasse das ich es nicht mehr aushalte.
Ich fragte ihn was ich machen soll?!
Er sagte du kannst hier bleiben so lange du möchtest. Ich fragte ihn, ob ich Wendy holen dürfte und er meinte, nein das kann ich nun nicht wirklich machen Engelchen, schau dich doch mal um das ist eine 1 Zimmer Wohnung. Eigentlich ist Hexe schon zu viel. Ich sagte und wenn ich Hexe zu Carmen gebe, kann ich dann Wendy holen? Er meinte auch daraufhin, nein Engel lieber nicht. Mach dir keine Sorgen um deine Katze, die bekommst du schon. Jetzt suchen wir dir erst mal eine Wohnung hier in E.
Leider konnte ich da auch nicht auf die Unterstützung meines Vater zählen. Aber das ist nicht weiter tragisch weil ich das schon von ihm kenne

In einem Brief, einige Wochen später, Anita war in eine andere Stadt getrampt, schreibt sie einer ehemaligen Erzieherin unter anderem:

"Meinen Vater kümmert nicht, wie es mir geht was gerade bei mir los ist. Seit ich hier bin hat er noch nicht einmal geschrieben oder angerufen oder sonstiges. Er hat auch nicht wirklich die Ahnung wie es mir geht. Es hat ihn auch leider noch nie groß interessiert - wichtig war immer Er. Als ich damals zu ihm zog, war es wichtig dass ER auf die Beine kommt dass ER genug essen und Tabak hatte. Dann war es ja so, dass ich ins Koma fiel mit 29 Kilo und da war dann tatsächlich ich so wichtig, dass er einen Notarzt gerufen hat. Er war dann auch ein paar mal im Krankenhaus aber sobald ich wieder draußen war, "genesen" sozusagen, war ER wieder wichtig und nicht wichtig ob ich genug esse und trinke ob es mir gut geht, ob ich meine Therapie mache, meine Medikamente nehme und so weiter.
Ja das ist mein Vater und dennoch liebe ich ihn. Im Gegensatz zu meiner Mutter aber das ist was anderes. … Ich wollte dieser Frau nur einfach nie nie wieder begegnen.
Mit meinem Vater, ich weiß nicht warum aber ich liebe ihn und ich kann ihm das einfach nicht antun. Er hatte es ja auch nicht getan er hat mich ja nicht verkauft...".

Hierzu das folgende Schicksal:

Als Anita geboren wurde, waren ihre Eltern gerade achtzehn Jahre alt. Beide waren ehemalige Heimkinder, hatten keine Unterkunft, keinen Beruf und keine Arbeit. Mit ihrer Tochter wussten sie nichts anzufangen. Zwar kümmerte sich eine Sozialarbeiterin um die jungen Leute. Da aber das Kind zu verhungern und zu verdursten drohte, wurde den Eltern in einem Eilverfahren das Sorgerecht entzogen, das Kind in ein Säuglingsheim und von dort aus einem kinderlosen Ehepaar in Pflege gegeben. Acht Jahre später, das Ehepaar hatte inzwischen ein weiteres Kind aufgenommen, begannen die bis dahin offenbar guten Beziehungen zwischen Anita und ihrer Mutter zu bröckeln. Der Vater bemühte sich um Ausgleich, wollte auch selbst, nach den Anspannungen im Berufsleben, daheim eine friedliche Umgebung. Anita aber fühlte sich vernachlässigt, wurde widerborstig und die Beziehungen zwischen der Mutter und ihr eskalierten. Am Ende stand jene Phase, über die sie oben bereits selbst in einem Brief Auskunft gab.

Im Heim fügte sie sich rasch in die Gemeinschaft ein. Dass sie sehr still und gern für sich allein war und Distanz hielt, störte niemanden. Dass sie ab und zu wenig bis gar nichts essen wollte, war schon eher ein Problem. Ihre Erzieherin, eine ältere erfahrene Frau und bereits Großmutter, bemühte sich besonders um Anita. Sie zeigte in der Schule befriedigende Leistungen, zeigte in der neunten Klasse, dass sie auch mal eigene Wege gehen konnte (Verweigerungen, Schule schwänzen) erreichte aber mühelos den Abschluss. Für den von ihr favorisierten Beruf hatte sie eine Lehrstelle in Aussicht, sobald sie die entsprechende Einjährige Berufsfachschule besucht hatte. Auch dieses Jahr bewältigte die inzwischen Sechzehnjährige ohne erkennbare Mühe.
Ihre Lehre aber trat sie nicht an.
In der Vorbereitungszeit zu ihrer Konfirmation, wollte sie Kontakt zu ihren leiblichen Eltern, von deren Existenz sie inzwischen, zu ihrer eigenen Überraschung, erfahren hatte. Vom Heim aus wurden diese Bestrebungen gefördert. Die Eltern, sie hatten vier Jahre später noch einen Jungen bekommen, begrüßten diese Verbindung. Leider gehörte die Mutter zu jenem Typus von Eltern, die "den Heimaufenthalt ihres Kindes als Strafe und Ungerechtigkeit" erleben und nicht bereit sind, mit Heimerziehern zusammenzuarbeiten. (Günder, 2007, S. 231). Statt dessen wandte sich die Mutter in den wenigen Gesprächen mit Sozialarbeiter und Heimerziehern gegen diese und forderte mit anwaltlicher Unterstützung das Sorgerecht wieder zurück.
Es war der Rechtsanwalt selbst, der sich in diesem Verfahren dafür aussprach, Anita erst im Heim die Schule beenden zu lassen. Anita selbst kam bis zum Abschluss ihrer Schulzeit von Beurlaubungen stets wieder zurück. Ihre Essstörungen aber nahmen zu und machten eine medizinische Intervention notwendig.
Als das Berufsvorbereitende Jahr zu Ende war, zog sie zu ihren Eltern. Im Abschlussgespräch wurden Mutter, Vater und Anita vom Sozialarbeiter, der die Vormundschaft in all den Jahren wahrgenommen hatte ausdrücklich darauf hingewiesen, dass sie die Verantwortung für das weitere Schicksal Anitas zu tragen hätten. Dem stimmten alle drei zu. Es schien ihnen kein Problem zu sein.
Seither sind einige Jahre vergangen. Wie Anita ihren Vater erlebte, das bringt sie in den Briefen zum Ausdruck.


 

 

Ein geradezu lehrbuchhafter Prozess von Beziehungen zwischen Eltern, ihren Kinder und einem Heim lässt sich aus Südbaden berichten, wobei die Rolle des Vaters außergewöhnlich positiv war.

In einer süddeutschen Gemeinde hatten sich ein Ehepaar getrennt. Die Frau, die mit ihrem Mann vier Kinder (drei Buben und ein Mädchen) hatte, zog zu einem anderen Mann.
Nun war der Vater allein mit vier Kindern. Da ein Sozialarbeiter bereits seit geraumer Zeit diese Familie betreut hatte, traf die Entwicklung ihn nicht überraschend. Im Einvernehmen mit den Eltern und den betroffenen Kindern wurden die beiden älteren, inzwischen schulpflichtigen Kinder, in einem Heim im nahegelegenen Schwarzwald untergebracht. Die beiden jüngeren Kinder, zwei Buben, blieben beim Vater. Der erhiel eine sozialpädagogische Familienhelferin an die Seite. Im Übrigen aber kümmerte er sich von nun an allein um Kinder und Haushalt.

Ein enger Kontakt - nicht nur in Ferienzeiten - zwischen der Vaterfamilie und der Tochter und ihrem Bruder im Heim war vereinbart und wurde auch durchgehalten. Es fuhren die Kinder aus dem Heim zur Vaterfamilie nach Hause. Lieber noch aber sahen sie es, wenn Vater und Geschwister ins Heim kamen. Da der Vater kein Auto hatte, fuhr er mit den kleineren Geschwistern mit dem Zug zum nächstgelegenen Bahnhof. Dort wurden sie vom Heim abgeholt und nach beendeter Besuchszeit auch wieder zurückgebracht. In der Regel kam die Familie am Freitagnachmittag und blieb bis zum Sonntag. Im Heim stand für Elternbesuche ein kleines Appartement zur Verfügung. In dem relativ kleinen Kinderheim nahmen die Gäste an den gemeinsamen Mahlzeiten ebenso Teil wie an den Freizeitangeboten. Selbstverständlich gab es jeweils Gespräche zwischen Heimleitung und Vater, an denen, wenn sie es wollten, vor allem, wenn sie unmittelbar betroffen waren, die Kinder teilnahmen.
Als die jüngeren Buben in die Schule kamen, nahmen die Besuchsfrequenzen zwar ab, doch schliefen sie nie ein. Auch die beiden Kinder im Heim wurden älter und lösten sich ein Stück weit von der Vaterfamilie, ohne jedoch auf den Kontakt ganz zu verzichten. Inzwischen, die Tochter als die Älteste unter den Geschwistern, hatte mit Erfolg ihren Hauptschulabschluss erreicht und wechselte in eine Berufsfachschule, war auch der Kontakt mit der Mutter der Kinder wieder etwas lebhafter geworden. Die Mutter hatte sich von ihrem Partner getrennt. Als ihre Tochter im Heim nach der Mittleren Reife eine Berufsausbildung begann, zog die Mutter sogar in den Ort, in dem das Kinderheim liegt.
Dort lebt sie heute noch und pflegt einen freundschaftlichen Kontakt mit ihren beiden, inzwischen längst erwachsenen und in ihren Berufen tüchtigen ältesten Kindern.

Der Vater blieb in seiner Heimatgemeinde. Auch die beiden Söhne, die in seiner Obhut heranwuchsen, konnten Schule und Berufsausbildung abschließen. Das Heim hat längst keine direkte Verbindung mehr zu ihm und der Mutter der Kinder. Das ist auch seit Jahren völlig überflüssig: gestalten doch die Kinder den Kontakt zu ihren Eltern - wie in jeder anderen Familie auch - nach eigenen Vorstellungen.

Und wenn der für diese Familie einst zuständige Sozialarbeiter und der Heimleiter miteinander sprechen, erinnern sie sich gern an die Zeit zurück, als sie einer so großen Familie helfen konnten, eine für die ganze Familie erträgliche Lösung zu finden.

 

 

© Dr. Joachim Rumpf
28.09.2007

 

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