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Schriften zur Erziehung und Bildung im WWW
von Dr. Joachim Rumpf

Einige Rahmenbedingungen
im Zusammenwirken von Familie und Heim


Es gibt keinen Prozess während des Heimaufenthalts eines Kindes, der nicht mit den Personensorgeberechtigten abgestimmt oder über den sie nicht wenigstens im Zusammenhang mit den Hilfeplankonferenzen (halbjährlich) ausführlich informiert werden.

Besonders interessierte Eltern - und deren Anteil hat nach meinen Beobachtungen eher zu- als abgenommen und bewegt sich inzwischen um den Wert "ein Drittel der Population", informiert sich auch zwischen den Halbjahresrhythmen über die Situation ihrer Kinder (per Telefon).
Diese von uns beobachtete Zunahme korrespondiert mit den zunehmenden Abbrüchen der Hilfe durch die Eltern. Bei der ungeplanten Herausnahme eines Kindes sind es drei miteinander korrespondierende Motivkonstellationen:

"Ich halte es ohne mein Kind nicht aus";
"mein von mir getrennt lebender Partner (geschiedene Mutter oder Vater) kann mit dem Kind nicht umgehen: ich kann das besser") und:
"mein Kind will nicht mehr zurück".

Nur im Ausnahmefall, bei uns kam das in den vergangenen fünf Jahren nur einmal vor, veranlasste das Heim "A" - über dessen Erfahrungen hier berichtet wird, eine vorzeitige Entlassung. Wegen Drogenkonsums und Drogenbesitzes, musste eine Jugendliche unsere Einrichtung (bereits nach zwei Monaten) verlassen und wurde wieder nach Hause zu den Angehörigen geschickt. Selbstverständlich wurden sie auch in diesem Falle vorher unterrichtet und waren bereit, die Vierzehnjährige wieder aufzunehmen.

Es gibt aber auch Entlassungsgründe, die in einer "Fehlplazierung" ihre Ursachen haben können. Wenn sich nämlich herausstellt, dass ein Kind kein "normales" Kinderheim braucht, sondern eine Einrichtung mit einem besonderen therapeutischen Angebot. Das können psychiatrische Einrichtungen sein aber auch hochspezialisierte Sonderpädagogische Einrichtungen wie zum Beispiel die heilpädagogischen Kinderheime von Prof. Peter Flosdorf (Würzburg) oder der Familie Albert Adam in Offenburg (vgl. dazu die entsprechenden Informationen auf dieser Homepage). Es werden derartige "Verlegungen" selbstverständlich mit allen Betroffenen in den Hilfeplangesprächen vereinbart und vorbereitet. Hier sind die Personensorgeberechtigten insofern besonders gefragt, weil diese Einrichtungen kein Kind aufnehmen, wenn die Eltern nicht auch zur Mitarbeit (einschließlich therapeutischer Maßnahmen) bereit sind.

Bei uns - also in einem Heim ohne in die Konzeption integrierten und sich generell an alle Kinder richtenden therapeutischen Angebote für Eltern und Kinder - beschränkt sich die Elternarbeit auf die Aufgabe, die Eltern zu bestärken, die Maßnahme mitzutragen und konstruktiv zu fördern.
Hierzu gibt es einen Aufsatz von mir: "Erfolg in der Heimerziehung und Eltern-Kind-Beziehung". In: Jugendwohl Heft 5/1995. Die dort mitgeteilten Intentionen gelten nach wie vor.


Zu den besonderen Ereignissen im Schulleben eines Kindes gehören die Bemühungen, es in der "Regelschule" zu halten oder, wenn es eine der Sonderschulen (Heimschule (E), Förderschule am Heim, oder staatliche Förderschule) besucht, in die "Regelschule" zurückzubringen. Diese "Reintegration" wird in unserem Raum (Landkreis Waldshut) zurzeit von folgenden Faktoren erschwert:

Es werden für immer mehr Kinder erst dann stationäre Jugendhilfemaßnahmen erwogen, wenn alle ambulanten Hilfsmöglichkeiten ausgereizt sind. Diese ambulanten Hilfen werden auch dann beharrlich versucht, wenn (diese Genese des jeweils konkreten Schicksals erschließt sich aus den Begründungszusammenhängen einer Hilfe nach § 34 KJHG) eigentlich von vorn herein wahrscheinlich ist, dass auf ambulantem Wege nichts erreicht werden kann. Das ist vor allem dann der Fall, wenn die Ursachen der "Störungen", die ein Kind zum Beispiel in der Schule auslebt, ganz eindeutig bei den Eltern zu suchen sind (vgl. hierzu die Ausführungen über die Grundbedürfnisse von Kindern) und diese sich beharrlich weigern, das zu erkennen und an sich selbst zu arbeiten.
Im Verlaufe der Versuche, einem Kind außerhalb der Familie zu helfen, vergeht viel Zeit, in denen sich die Störungen (z.B. Schulverweigerungshaltungen i. w. S.) verstärken und verfestigen. Kommt es so weit, dann will keine "Regelschule" bzw. kaum ein Lehrer in einer solchen Schule dieses Kind mehr unterrichten. Nehmen wir dieses Kind dann auf, müssen wir die Schule/die Lehrer ja darüber informieren, welche Aufgaben auf sie zu kommen. Die Problematik geht außerdem aus den Überweisungsunterlagen von Schule an Schule überreichlich hervor. Unsere Lehrer an der für uns zuständigen Regelschule, mit denen wir seit mehr als dreißig Jahren zusammenarbeiten (und Lehrer wechseln ihren Arbeitsplatz kaum), erkennen sehr wohl,

1. dass die Problemlagen der Kinder sich heute deutlich verschärft haben und sie keine gutwilligen Schülerinnen und Schüler aus den Heimen mehr (im Unterschied von vor zehn Jahren und früher) erwarten dürfen und

2. dass die Jugend- und Sozialbehörden (aber auch Kultusbehörden) von ihnen erwarten, dass sie den damit verbundenen Mehraufwand an Unterrichtsvorbereitungen und Unterrichtsgestaltung (Stichwort: Didaktische Analyse), sowie an seelischer Energien und einen deutlich höheren Kooperationsaufwand gleichsam selbstverständlich und kostenneutral erbringen.

Dazu sind Lehrerinnen und Lehrer, vor allem angesichts der öffentlich geführten ihre Berufsrolle diskriminierenden Diskussionen (Pisastudie, Besoldungseinschnitte u. dgl. mehr) immer weniger bereit. Das wird sicher nirgendwo in dieser Deutlichkeit ausgesprochen. Es ist aber eine Realität, die von jedem Mitarbeiter in der Jugendhilfe (Sozialarbeiter und Heimerzieher gleichermaßen) - zumindest als zunehmende Tendenz! - bestätigt wird.

 

 

Ich habe übrigens volles Verständnis für die reservierte bis abweisende Haltung von Lehrerinnen und Lehrern. Wenn die Schulträger - und das gilt auch für die privaten (Heim-) Schulen, - nicht bereit sind, die nötigen Rahmenbedingungen für einen Erfolg versprechenden Unterricht (im Verständnis von Hilfen für das der Hilfe bedürftige Kind) zu schaffen,
und ich denke hier unter anderem an Unterstützungsleistungen für Lehrer (zeitweilig zwei Pädagogen in einer Klasse; Supervision für Lehrer, Anerkennung von pädagogischen Leistungen durch Schulbehörden und Öffentlichkeit u. dgl.)
dann wird sich die Motivation der Lehrer nicht verbessern.

 

 

Für unsere Kinder haben die hier angedeuteten Rahmenbedingungen die Folge, dass sie "abgeschoben" werden. Zunächst an die Sonderschulen, dann nach Hause oder in psychiatrische Einrichtungen.
Es gibt Eltern, die diese Tendenzen unterstützen:

Gerade in diesen Tagen versuchen wir einer Mutter klar zu machen, dass ihr bei uns lebendes Kind nicht krank ist. Das will/kann die Mutter nicht begreifen, weil sie dann die Ursachen der Auffälligkeiten wo anders (bei sich selbst) suchen müsste. Das kann sie nicht aushalten. Wenn wir so etwas deutlich aussprechen würden, nähme sie das Kind rasch aus dem Heim wieder raus. Den Zusammenhang von unbeständigen Partnerbeziehungen, ungeregelten Alltagsabläufen einschließlich dem fehlenden "Talent" mit Geld umzugehen und mangelhafter Konstanz der Erziehungsbemühungen, werden von der Mutter als Ursachen nicht gesehen. Es waren diese Faktoren, die zu den Schulverweigerungshaltungen des Dreizehnjährigen führten.


 

Zurzeit (2007), so mein Eindruck, erschweren zwei "unglückliche" Faktoren eine konsequent durchgeführte (und in allen Fällen fachlich mögliche) Hilfe für ein Schul- bzw. Leistungsverweigerndes Kind:

 


1. Die Stärkung des Elternrechts ohne gleichzeitige Betonung der Elternverantwortung (im Verständnis meiner Ausführungen über die Grundbedürfnisse).

Diese von Medien, Sozialarbeitern und Familiengerichten gleichermaßen geförderte Haltung, führte, dazu, dass auch die Eltern im Besitz der Personensorge (z. B des Aufenthaltbestimmungsrechts) bleiben, die die Grundbedürfnisse ihrer Kinder gröblich missachten und das Prinzip der Freiwilligkeit von Jugendhilfemaßnahmen im Bewusstsein unseres Klientels verstärkten.
Diese - auf unsere Verfassung zurückzuführende Tendenzen - haben dann und insoweit einen hilfreichen Charakter, wenn Eltern und ihren Kindern die geeigneten und notwendigen Unterstützungsfunktionen zur Verfügung stehen. Aber nur dann!

 

2. Es fehlt an Geld (und gutem Willen?)

Die bereits angesprochene desolate Situation öffentlicher Haushalte erschwert oder verunmöglicht, frühzeitig die notwendigen Hilfen, die allesamt Geld kosten (sehr viel Geld - wenn wir an therapeutische Interventionen denken!). So werden im Kindergarten auftretende Leistungs- und Verhaltensauffälligkeiten zu wenig bekannt und schon gar nicht systematisch erfasst und Hilfen angeregt (vgl. dazu: meinen Beitrag: "Früherkennung und Früherfassung von Verhaltensauffälligkeiten". In: Handbuch für Erzieherinnen…; mvg-Verlag Landsberg; 26. Lieferung, 2003).

Das Schlüsselwort (bzw. "Unwort") für die veränderte Praxis öffentlicher Jugenhilfe heißt "Budgetierung". Schematisch verkürzt und zugespitzt, die Realität aber exkt abbildend geschieht in den Jugendhilfebehörden in Stadt- und Landkreisen Folgendes:
Für alle Jugendhilfemaßnahmen sind im Haushalt xy-Millionen Euro eingestellt. Diese Summe darf nicht überschritten werden.
Nun hat der Sozialarbeiter gemeinsam mit seinem Team (und der Kostenstelle) zu entscheiden, ob er statt einer Heimunterbringung drei Pflegestellen oder fünf ambulante Maßnahmen wählt.
Oder anders gesagt: für die Kosten einer einzigen stationären Hilfemaßnahmen, könnte er mehrere andere kostengünstigere Hilfsangebote finanzieren.
Und noch eine Folgerung: Bleibt ihm nichts anderes übrig, als dem Antrag der Personensorgeberechtigten auf stationäre Erziehungshilfe zu unterstützen - und die haben einen rechtlichen Anspruch auf die Hilfeform, die sie für richtig halten - , dann kann er anderen Kindern und Familien keine finanziell günstigere Hilfe mehr anbieten, weil das Budget das nicht mehr hergibt.

Nun deute ich damit schon an, dass der Gesetzgeber zwischen "Muss-" und "Kann-" Leistungen unterscheidet. Und das ist zugleich ein Hauptkriterium bei der Gewährung stationärer Erziehungshilfe: Eltern bzw. Personensorgeberechtigte müssen die Hilfe wollen! Die Jugendhilfebehörde muss die Hilfe gewähren - koste es, was es wolle. Nun lässt sich dieser Elternwunsch und -Wille im Vorfeld so oder so beeinflussen. Und die meisten wollen ja auch gar nicht, dass ihr Kind in ein Heim sollte. Doch wenn die Eltern gerade im Heim eine mögliche Hilfe vermuten, dann haben sie das Recht, einen entsprechenden Antrag zu formulieren. Kommt aber ein Anwalt mit ins Jugendamt, dann hilft alles nichts: Der Wille der Eltern geht über alles (solange sie das Sorgerecht haben). Dann kommt ein Kind ins Heim oder aus dem Heim wieder raus; je nach dem.
Die alte Drohung vom Jugendamt, das die bösen/faulen Kinder aus der Familie holt und ins Heim steckt, ist (zumindest für die alte Bundesrepublik) ein Märchen aus Zeiten, da war ich noch gar nicht in Schule und Jugendhilfe tätig; also von vor vierzig Jahren und mehr…

Der Sparzwang (ver-) führt alle verantwortlichen Behördenmitarbeiter dazu, zu hoffen, dass zum Beispiel die Familien, die eine Hilfe abbrechen oder gar nicht erst in Anspruch nehmen, "irgendwie" allein zu recht kommen. In der Praxis sehen wir dann, dass die Gruppen Heranwachsender, die an Bushaltestellen und auf Rathaustreppen "herumhängen" immer größer werden. Ein Elternpaar erklärte uns im vergangenen Jahr, als ihr fünfzehnjähriger Sohn aus der Heimschule verschwand und "auf Trebe" gegangen war: "Der ist alt genug. Wir sagen uns immer, wer vierzehn Jahre alt ist, muss wissen was er tut. Das ist nicht mehr unser Problem".
Der Junge wurde wieder daheim aufgenommen. Eine Schule besuchte er nicht mehr. Und die Schulpflicht? Auch in dieser Beziehung haben sich die Maßstäbe gelockert. Ich denke, dass die Lehrer im ganzen Land froh sind, wenn ihre "Problemschüler" (vor allem in den Oberklassen) einfach weg bleiben. Hier wäre sicher interessant mal zu erheben, ob und in welchem Umfange die Schulbesuchspflicht ab den siebten Schuljahren heute noch "eingeklagt" wird. Gemessen an den tatsächlichen Schulversäumnistagen pro Jahr (die ja in den Klassenbüchern vermerkt sind), würden wir vermutlich staunen, wie tolerant Schule und Gesellschaft geworden sind.

© Dr. Joachim Rumpf
im Juli 2007

 

 

 

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