Schriften zur Erziehung und Bildung im WWW
von Dr. Joachim Rumpf

 

Physische Grundbedürfnisse

 

Sie sind eigentlich am einfachsten zu erkennen: Nahrung, Wärme, Schlaf und Bewegung brauchen wir alle, um wachsen und Gedeihen zu können. Wir Erwachsenen bremsen eher bei der Nahrungsaufnahme; vor allem, wenn wir Gewichtsprobleme bekommen, also mehr in die Breite und in die Tiefe wachsen, als in die Höhe. Aber auch unsere Kinder brauchen von Anfang an die für sie richtige Ernährung. Spätestens an den Zähnen merken wir, wenn wir hier nicht aufgepasst haben. Da begegnet uns zum Beispiel ein Sechsjähriger, dessen Zähnchen aus schwarzen Stummeln bestehen. "Das kommt von der Flasche", erklärt der Zahnarzt. Das Kind hatte seine Flasche nicht entbehren wollen, er war nicht rechtzeitig "entwöhnt" worden und durfte bis zur Schuleingangsuntersuchung süße Tees und Säfte aus der Flasche nuckeln.

Wie viel und welche Nahrung Kindern gut tut, ist zweifellos individuell verschieden. Mich bewegt bei diesem Thema die eigene Lebenserfahrung, mit Hilfe derer ich zu illustrieren vermag, dass Defizite in einem Bedürfnisbereich durch andere kompensiert werden können. Hier die Geschichte:

Ich gehöre zu der Generation, die während des zweiten Weltkrieges und in den ersten Nachkriegsjahren ihre bewussten Kindheitsphasen erlebten. Als der Krieg 1939 ausbrach war ich sieben Jahre alt und die Nachkriegsnot war für mich zu Ende, als ich wieder dauerhaft satt zu essen hatte. Das war ab September 1948, dem Schuljahresbeginn und hing mit der zu diesem Zeitpunkt beginnenden regelmäßigen Schulspeisung" zusammen. Vor allem die Zeit ab Mai 1945 war durch erhebliche Nahrungsmängel und - in der kalten Jahreszeit - durch Brennstoffmangel gekennzeichnet. Viel Hunger und bittere Armut begleiteten diese Jahre, in denen in unserer und vielen anderen Familien der "Ernährer" ausgefallen und ein nur sehr geringes Einkommen vorhanden war.
Nun könnte man sagen, da es allen Menschen in Deutschland gleich ging, war der individuelle "Frust" nicht gar zu groß. So war es aber nicht. Gewiss litt die Mehrheit meiner zwanzig Klassenkameraden im Gymnasium einer mitteldeutschen Stadt genau so Hunger wie meine Mutter, meine Schwester und ich. Mein Klassenlehrer erlitt im Herbst 1948 während des Unterrichts einen Schwächanfall, weil auch er viel zu wenig zu essen hatte und von dem Wenigen lieber seinen hungrigen Kindern abgab. Unsere private Armut war in den ersten Nachkriegsjahren extrem. Und das nicht nur in der eigenen vierköpfigen Familie.
Es gab aber auch einige Mitschüler, die hungerten und froren weniger oder gar nicht, weil deren Angehörige über entsprechende Quellen verfügten. Armut und Not waren, hier unserer Zeit ähnlich, unterschiedlich verteilt.

Dennoch lässt sich, weder in Bezug auf meine Gesamtsituation damals, noch in Bezug auf meine mitdarbenden Klassenkameraden sagen, dass uns die erlittenen Defizite in unserer Persönlichkeitsentwicklung beeinträchtigt hätten.

Was mich betrifft, kann ich festhalten, dass sich an Hand meiner Erinnerungen und Tagebuchaufzeichnungen von 1946 bis 1952 Bedürfniselemente nachweisen lassen, die die materielle Not gleichsam "reichlich" kompensierten:
die Liebe (die der Mutter, einer Großmutter und der Schwester),
die Anerkennung (vor allem von Seiten der Klassenkameraden, der Freundesgruppe und einiger Lehrer),
die Sicherheit, mit der ich mich selbstverständlich auf die für mich bedeutsamen zwischenmenschlichen Beziehungen verlassen konnte,
das Vertrauen (vor allem in bestimmte Fähigkeiten), das von diesem Personenkreis mir entgegengebracht wurde.

Oder ein anderer Gesichtspunkt: Denken wir an die Bedeutung ausreichenden Schlafs. Was für uns Erwachsene in der Regel ausreicht, um uns am nächsten Tag ausgeschlafen und fit dem Alltag zu widmen, das wissen wir ganz genau. Und wir können leicht erkennen, dass zum Beispiel unsere gedrückte Stimmung, unsere leichte Reizbarkeit oder die gebremste Arbeitslust auf eine schlaflose Nacht zurückzuführen sind. Bei Kindern ist das nicht anders. In Kindergarten und Schule sind unsere Kinder dann "ganz ausgeschlafene Kerlchen", wenn sie genügend Schlaf hatten und nicht (zum Beispiel) mit uns oder älteren Geschwistern bis in die Nacht hinein vor einem Bildschirm hockten. Übrigens würde unseren Kindern dann auch die Bewegung fehlen. Austoben, wenn irgend möglich im Freien, verhilft unserem Kind zu der Müdigkeit, die es für einen gesunden Schlaf braucht.
Wie viel Schlaf braucht ein Kind? Die Antworten geben uns unsere Erfahrungen mit unserem Kind. Die "biologische Uhr" kann von Kind von Kind verschieden sein. Besonders das Kleinkind beschäftigt Eltern in dieser Beziehung sehr. Eltern, die hier mehr wissen wollen, sind auf die Vielzahl von Elternratgebern hingewiesen, die sich in den Regalen aller Buchhandlungen befinden. Ein Hinweis aber an dieser Stelle: "Strukturen im Alltag" - und auf dieses Bedürfnis kommen wir unten noch zurück - sind hier sehr hilfreich. Gemeint sind damit zum Beispiel Regelmäßigkeit und Pünktlichkeit. Mahlzeiten zu bestimmten Tageszeiten und möglichst feste Schlafens- oder Ruhezeitenzeiten (z.B.: um 19,00 Uhr ist der "Kindertag" um und das Kind zieht sich zurück) erleichtern den Eltern den pädagogischen Alltag enorm.

 

 

Dass ausreichende Bewegung bei Kindern von großer Bedeutung ist, das weiß heute jeder Mensch. Allein die Fernseh- und Zeitungswerbung von Sportartikelherstellern führen uns das ständig vor Augen. Wozu wir Erwachsene uns aber gleichsam "antreiben" müssen, das ist bei Kindern selbstverständlich. Sie sind von Natur aus immer in Bewegung. Ein Besuch in einer Kinderkrippe, in einem Kindergarten oder Beobachtungen auf Kinderspielplätzen lassen das jeden nacherleben, der selbst keine Kleinkinder mehr daheim in der Familie hat.
Wenn die Kinder sich nicht mehr oder zu wenig bewegen, dann sind es die Erwachsenen, die sie daran hindern. Zum Beispiel, wenn sie Kindern statt Bewegungsgelegenheit den Fernseher anbieten. In den USA verbringen bereits Zweijährige im Durchschnitt täglich zwei Stunden vor dem Fernseher. Dass es bei uns nicht besser aussieht, wies Manfred Spitzer nach. Fernsehen aber macht nicht nur dumm sondern auch dick. Dicksein - also Übergewichtigkeit ist ein Risikofaktor. Allein für Deutschland werden gegenwärtig etwa 20.000 Tote pro Jahr geschätzt, die auf den Risikofaktor "Übergewicht durch Fernsehen (Bewegungsmangel)" zurückgeführt werden müssen (Manfred Spitzer in: Mediale Umweltverschmutzung. SWR2 Aula am 27.02.2005). Diese Zahl wird weiter ansteigen, wenn bereits Kinder daran gehindert werden, sich altersgerecht zu bewegen, wird in der Öffentlichkeit immer lebhafter diskutiert.
Die Klassenlehrerin eines dritten Schuljahres in einer einzügigen Schule einer Schwarzwaldgemeinde klagte über die Schülerin Heike und deren Mutter:

"Heike wird immer dicker und träger. In der Schule hat sie schon darum große Probleme, weil sie von ihren Klassenkameraden gehänselt wird. Sie ist zwar nicht das einzige Kind mit Übergewicht. Bei ihr sieht man das aber sehr deutlich. Das ist auch kein Wunder, denn nicht einmal zur Schule muss sie laufen. Die Mutter bringt sie jeden Morgen mit dem Auto zur Schule und holt sie nach Unterrichtsschluss wieder ab…, nein, die Mutter ist nicht so besonders dick; sie will aber nicht, dass ihre Tochter die höchstens zehn Minuten zur Schule läuft. Es könnte ihr ja etwas passieren…
Nach langem Hin und Her habe ich von ihr einfach gefordert, dass sie im Interesse der Gesundheit ihres Kindes, sie wenigstens am Morgen in die Schule laufen lässt… Doch schon nach dem ersten Tag passte mich die Mutter nach der Schule ab: ob die Heike nicht besser mittags nach Hause laufen sollte. Sie kämen morgens nicht so schnell (!) zum Haus raus…
Ich bestand aber darauf, dass Heike morgens laufen müsse, weil sie dann - allein durch die frische Luft - nicht mehr so unausgeschlafe
n sei sondern stattdessen aufnahmebereiter werden würde…"

Diese Episode beleuchtet beispielhaft ein weit verbreitetes Problem. Denn nicht nur in dem kleinen Schwarzwalddorf gibt es übergewichtige Kinder. Das Phänomen ist so weit verbreitet, dass die deutsche Ratspräsidentschaft in der EU den Kampf gegen Übergewicht bei Kindern und Jugendlichen in Europa vorantreiben wollte (Zeitungsmeldung Bad. Ztg. vom 27.01.2007).
Übergewicht, Mangelernährung, Fehlernährung und Bewegungsmangel fördern eine Fülle, meist schwerer und chronischer Erkrankungen. Allein in Deutschland sind nach einer Studie fünfzehn Prozent aller Kinder übergewichtig. Darunter sind achthunderttausend, die unter Fettleibigkeit leiden. Oder sehen wir in eine andere Analyse:

"10 bis 20 % der Schulanfänger sind heute zu dick, darunter befinden sich wiederum zwischen 4 und 8 % Kinder, die sogar fettsüchtig sind. Parallel dazu gibt es den anderen Trend: Viele Mädchen eifern bereits im zarten Alter von 9 Jahren einem Körperideal nach, das eindeutig im untergewichtigen Bereich liegt. Sie wollen schön sein, und hervorgerufen wird dieser Normdruck durch umstrittene TV- Sendungen wie "Germany's Next Top Model" und durch die neuen Körperideale der Gesellschaft."
(Uta Meier-Gräwe, Professorin für Familienwissenschaft an der Justus-Liebig-Universität in Giessen, in der Sendung "Aula" des SWR II am 6. August 2006).

Bereits 1992 wies die Ärztin und Professorin an der Hochschule für Geisteswissenschaften bei Basel Michaela Glöckler in dem Buch: "Elternfragen heute" (S. 391) auf den engen Zusammenhang zwischen Bewegungsreichtum und geistiger Entwicklung:
"je geschickter und koordinierter (ein Kind) sich bewegen lernt und seinen Bewegungssinn aktiviert, umso differenzierter und leistungsfähiger wird auch das Nervensystem…"
Die Herausbildung von Freiheit als ein grundlegendes Lebensgefühl kann sich für die aus der anthroposophischen Anthropologie kommenden Ärztin nur herausbilden, wenn Freiheitserlebnisse durch intensive Bewegungserfahrungen wie Skateboard fahren, Rad fahren und viele andere sportliche Aktivitäten gepflegt werden. Wer als Kind nicht herumtoben durfte, stets "still sitzen" musste oder wer sich gar vor dem Fernseher "anbindet", wird weder das hier angesprochene "Freiheitsgefühl" entwickeln noch die in ihm angelegten kognitiven und kreativen Möglichkeiten optimal entwickeln.

Bewegung, das ist der Schlüssel, um geistig und schöpferische ebenso "fit" zu bleiben, wie körperlich. Dass Bewegung Konzentration, Lerneifer und Selbstdisziplin fördern kann, das hat am 4. Februar 2007 der Erziehungswissenschaftler Ulrich Hermann am Beispiel eines sehr mutigen und pädagogisch verantwortungsvoll handelnden Lehrerteams vorgestellt:

"Zum Beispiel in der Bodenseeschule Friedrichshafen kann man es jeden Morgen erleben: Die Klassenzimmertüren stehen offen, es herrscht Ruhe im Schulhaus, es gehen aber auch Schüler umher. Ruhe haben wir, erklärte der Schulleiter Alfred Hinz, weil wir den Kindern Bewegung erlauben. Und weil wir ihnen Bewegung erlauben, lernen sie, die anderen, die still arbeiten möchten, nicht zu stören. Und warum möchten die Kinder morgens still arbeiten? Weil ihnen erlaubt ist, allein oder zu zweien oder zu dritt das zu arbeiten, was sie möchten. Sie wissen übrigens, dass sie, wie die Eltern, morgens zur Arbeit aus dem Haus gegangen sind und nicht, um sich im Unterricht zu langweilen. Ergo: Wer stört schon andere, wenn er selber ungestört arbeiten will? Aber auch: Wer sich wohlfühlen soll, muss Spielräume der Selbstgestaltung haben. Dann lernt er auch Selbstverantwortung - und das Disziplinproblem hat sich erledigt."

Und all jene, die jetzt ungläubig und skeptisch den Kopf schütteln möchte ich auf einen Vortrag von Prof. Hermann im SWR 2 hinweisen: http://www.swr.de/swr2/wissen...unter dem Titel: Mehr Disziplin? Nein, danke!"
Und noch einmal soll unterstrichen werden: Wer sich wohl fühlen und sein geistiges Potenzial optimieren soll, muss sich bewegen dürfen!

Mehr noch: Je mehr Bewegung, umso mehr Chancen für ihre kognitive Entwicklung hat ein Kind wurde in dem Radiobeitrag „Denken in Bewegung“ des SWR 2 vom 24. Oktober 1015 nachgewiesen und von der Autorin Franziska Hochwald u. a. auf die Veröffentlichung von John J. Raley und Eric Haberman „Superfaktor Bewegung. Das Beste für Ihr Gehirn“ (VAK Verlags GmbH 2008) verwiesen. Dass der in den Ländern der Europäischen Union initiierten "Bewegungskampagne" von Seiten unverständiger Eltern im Alltag Hindernisse in den Weg gelegt werden, sei nicht verschwiegen. Die Realität sieht eben, zum Nachteil einer optimalen Entwicklung unserer Kinder, hier und da anders aus. Die Ausführungen über den Medienkonsum und seine Folgen in den Kapiteln zur Medienerziehung bieten einige Beispiele an. Wie Lehrer gebremst werden können, die sich um Bewegung bemühen, berichtete der Konrektor einer Stadtschule im Kreis Waldshut:

"Die Klassenlehrerin M. unternahm mit ihren Viertklässlern einen Klassenausflug und wanderte durchs Murgtal zum Energiemuseum nach Hottingen. Auf dem Rückweg begann es zu regnen. Obwohl alle Kinder wetterfeste Kleidung trugen, bekam am darauffolgenden Tag ein Mädchen einen Schnupfen. Die Eltern gingen mit dem Kind zum Arzt, der nicht ausschließen konnte, dass zwischen der Erkältung des Mädchens und dem Schulausflug ein Zusammenhang bestehen könnte. Die Eltern beschwerten sich daraufhin bei der Schulleitung, als sie dort abgewiesen wurden bei Staatlichen Schulamt und dann noch beim Oberschulamt und beschuldigten die Klassenlehrerin der fahrlässigen Körperverletzung. Da die Schulbehörden die Beschwerden als unbegründet zurückwiesen, nahmen die Eltern sich einen Rechtsanwalt. Der wusste genau so gut, wie die Schulbehörden um die Lächerlichkeit derartiger Beschuldigungen, setzte aber entsprechende Schriftsätze auf und beschäftigte auf diese Weise nicht nur die Schulbehörden sondern, durch den entstehenden "Wirbel" im Städtchen auch die Öffentlichkeit. Natürlich wurden alle Beschwerden zurückgewiesen und Klagen vor Gericht nicht zugelassen. Die Beziehungen zwischen Elternhaus und Schule (die sicher bereits vorher beschädigt waren) und, was viel gravierender ist, die Beziehungen zwischen der längst wieder gesundeten Schülerin und ihrer Lehrerin wurden belastet."

Eine der Folgen des elterlichen Verhaltens war die Reaktion dieser Lehrerin und ihrer Kolleginnen und Kollegen: Wir werden uns gut überlegen, ob wir den Kindern Bewegung im Freien ermöglichen. Für uns ist es bequemer und weniger aufwändig unseren Unterricht in den Klassenräumen zu leisten, als Ausflüge, Fahrten und Schullandheimausflüge zu organisieren.
Zu einer derartig generell verzichtenden Praxis ist es zwar nicht gekommen. Eltern aber, die auf diese Weise Erziehung und Bildung in einer Schule oder einem Kindergarten beeinflussen, schaden ihren Kindern.

Dieses Beispiel deutet auf eine Erscheinung in unserer Gesellschaft, die sowohl in Kindertagesstätten als auch in den Schulen gleichermaßen beobachtet werden kann: Die Überängstlichkeit von einigen Eltern, das "Überbehüten" von Kindern. Weil vielfach Eltern selbst vermeiden, sich zu bewegen und stattdessen in ihrer Freizeit Fernseher und Videogeräte benutzen, statt Sport zu treiben oder wenigstens regelmäßig zu laufen oder Rad zu fahren, sprechen sie ihren Kindern deren natürlichen Bewegungsdrang ab. Unter Umständen "disziplinieren" sie ihre Kinder, weil deren unterdrückter Bewegungsdrang zu verstärkter Unruhe und Aggression führen oder sie verleiten sie sogar zum Medienkonsum nur um ihre Ruhe zu haben. Aus diesem Teufelskreis können die betreffenden Familien nur heraus, wenn ihnen Unterstützung von Außen gewährt wird. Vielleicht muss, wenn Eltern gegen das Wohl ihrer Kinder handeln, auch mal etwas Druck ausgeübt werden, wie in dem Beispiel aus der Landschule im Hotzenwald.

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