Dass
ausreichende Bewegung bei Kindern von großer Bedeutung ist, das weiß
heute jeder Mensch. Allein die Fernseh- und Zeitungswerbung von Sportartikelherstellern
führen uns das ständig vor Augen. Wozu wir Erwachsene uns aber gleichsam
"antreiben" müssen, das ist bei Kindern selbstverständlich.
Sie sind von Natur aus immer in Bewegung. Ein Besuch in einer Kinderkrippe, in
einem Kindergarten oder Beobachtungen auf Kinderspielplätzen lassen das jeden
nacherleben, der selbst keine Kleinkinder mehr daheim in der Familie hat.
Wenn
die Kinder sich nicht mehr oder zu wenig bewegen, dann sind es die Erwachsenen,
die sie daran hindern. Zum Beispiel, wenn sie Kindern statt Bewegungsgelegenheit
den Fernseher anbieten. In den USA verbringen bereits Zweijährige im Durchschnitt
täglich zwei Stunden vor dem Fernseher. Dass es bei uns nicht besser aussieht,
wies Manfred Spitzer nach. Fernsehen aber macht nicht nur dumm sondern auch dick.
Dicksein - also Übergewichtigkeit ist ein Risikofaktor. Allein für Deutschland
werden gegenwärtig etwa 20.000 Tote pro Jahr geschätzt, die auf den
Risikofaktor "Übergewicht durch Fernsehen (Bewegungsmangel)" zurückgeführt
werden müssen (Manfred Spitzer in: Mediale Umweltverschmutzung. SWR2 Aula
am 27.02.2005). Diese Zahl wird weiter ansteigen, wenn bereits Kinder daran gehindert
werden, sich altersgerecht zu bewegen, wird in der Öffentlichkeit immer lebhafter
diskutiert.
Die Klassenlehrerin
eines dritten Schuljahres in einer einzügigen Schule einer Schwarzwaldgemeinde
klagte über die Schülerin Heike und deren Mutter:
"Heike
wird immer dicker und träger. In der Schule hat sie schon darum große
Probleme, weil sie von ihren Klassenkameraden gehänselt wird. Sie ist zwar
nicht das einzige Kind mit Übergewicht. Bei ihr sieht man das aber sehr deutlich.
Das ist auch kein Wunder, denn nicht einmal zur Schule muss sie laufen. Die Mutter
bringt sie jeden Morgen mit dem Auto zur Schule und holt sie nach Unterrichtsschluss
wieder ab…, nein, die Mutter ist nicht so besonders dick; sie will aber nicht,
dass ihre Tochter die höchstens zehn Minuten zur Schule läuft. Es könnte
ihr ja etwas passieren…
Nach langem Hin und Her habe ich von ihr einfach
gefordert, dass sie im Interesse der Gesundheit ihres Kindes, sie wenigstens am
Morgen in die Schule laufen lässt… Doch schon nach dem ersten Tag passte
mich die Mutter nach der Schule ab: ob die Heike nicht besser mittags nach Hause
laufen sollte. Sie kämen morgens nicht so schnell (!) zum Haus raus…
Ich
bestand aber darauf, dass Heike morgens laufen müsse, weil sie dann - allein
durch die frische Luft - nicht mehr so unausgeschlafen sei sondern stattdessen
aufnahmebereiter werden würde…"
Diese
Episode beleuchtet beispielhaft ein weit verbreitetes Problem. Denn nicht nur
in dem kleinen Schwarzwalddorf gibt es übergewichtige Kinder. Das Phänomen
ist so weit verbreitet, dass die deutsche Ratspräsidentschaft in der EU den
Kampf gegen Übergewicht bei Kindern und Jugendlichen in Europa vorantreiben
wollte (Zeitungsmeldung Bad. Ztg. vom 27.01.2007).
Übergewicht,
Mangelernährung, Fehlernährung und Bewegungsmangel fördern eine
Fülle, meist schwerer und chronischer Erkrankungen. Allein in Deutschland
sind nach einer Studie fünfzehn Prozent aller Kinder übergewichtig.
Darunter sind achthunderttausend, die unter Fettleibigkeit leiden. Oder sehen
wir in eine andere Analyse:
"10
bis 20 % der Schulanfänger sind heute zu dick, darunter befinden sich wiederum
zwischen 4 und 8 % Kinder, die sogar fettsüchtig sind. Parallel dazu gibt
es den anderen Trend: Viele Mädchen eifern bereits im zarten Alter von 9
Jahren einem Körperideal nach, das eindeutig im untergewichtigen Bereich
liegt. Sie wollen schön sein, und hervorgerufen wird dieser Normdruck durch
umstrittene TV- Sendungen wie "Germany's Next Top Model" und durch die
neuen Körperideale der Gesellschaft."
(Uta Meier-Gräwe, Professorin
für Familienwissenschaft an der Justus-Liebig-Universität in Giessen,
in der Sendung "Aula" des SWR II am 6. August 2006).
Bereits
1992 wies die Ärztin und Professorin an der Hochschule für Geisteswissenschaften
bei Basel Michaela Glöckler in dem Buch: "Elternfragen heute" (S.
391) auf den engen Zusammenhang zwischen Bewegungsreichtum und geistiger Entwicklung:
"je geschickter und koordinierter (ein Kind) sich bewegen lernt und seinen
Bewegungssinn aktiviert, umso differenzierter und leistungsfähiger wird auch
das Nervensystem…"
Die Herausbildung von Freiheit als ein grundlegendes
Lebensgefühl kann sich für die aus der anthroposophischen Anthropologie
kommenden Ärztin nur herausbilden, wenn Freiheitserlebnisse durch intensive
Bewegungserfahrungen wie Skateboard fahren, Rad fahren und viele andere sportliche
Aktivitäten gepflegt werden. Wer als Kind nicht herumtoben durfte, stets
"still sitzen" musste oder wer sich gar vor dem Fernseher "anbindet",
wird weder das hier angesprochene "Freiheitsgefühl" entwickeln
noch die in ihm angelegten kognitiven und kreativen Möglichkeiten optimal
entwickeln.
Bewegung,
das ist der Schlüssel, um geistig und schöpferische ebenso "fit"
zu bleiben, wie körperlich. Dass Bewegung Konzentration, Lerneifer und Selbstdisziplin
fördern kann, das hat am 4. Februar 2007 der Erziehungswissenschaftler Ulrich
Hermann am Beispiel eines sehr mutigen und pädagogisch verantwortungsvoll
handelnden Lehrerteams vorgestellt:
"Zum
Beispiel in der Bodenseeschule Friedrichshafen kann man es jeden Morgen erleben:
Die Klassenzimmertüren stehen offen, es herrscht Ruhe im Schulhaus, es gehen
aber auch Schüler umher. Ruhe haben wir, erklärte der Schulleiter Alfred
Hinz, weil wir den Kindern Bewegung erlauben. Und weil wir ihnen Bewegung erlauben,
lernen sie, die anderen, die still arbeiten möchten, nicht zu stören.
Und warum möchten die Kinder morgens still arbeiten? Weil ihnen erlaubt ist,
allein oder zu zweien oder zu dritt das zu arbeiten, was sie möchten. Sie
wissen übrigens, dass sie, wie die Eltern, morgens zur Arbeit aus dem Haus
gegangen sind und nicht, um sich im Unterricht zu langweilen. Ergo: Wer stört
schon andere, wenn er selber ungestört arbeiten will? Aber auch: Wer sich
wohlfühlen soll, muss Spielräume der Selbstgestaltung haben. Dann lernt
er auch Selbstverantwortung - und das Disziplinproblem hat sich erledigt."
Und
all jene, die jetzt ungläubig und skeptisch den Kopf schütteln möchte
ich auf einen Vortrag von Prof. Hermann im SWR 2 hinweisen: http://www.swr.de/swr2/wissen...unter
dem Titel: Mehr Disziplin? Nein, danke!"
Und noch einmal soll unterstrichen
werden: Wer sich wohl fühlen und sein geistiges Potenzial optimieren soll,
muss sich bewegen dürfen!
Dass
der in den Ländern der Europäischen Union initiierten "Bewegungskampagne"
von Seiten unverständiger Eltern im Alltag Hindernisse in den Weg gelegt
werden, sei nicht verschwiegen. Die Realität sieht eben, zum Nachteil einer
optimalen Entwicklung unserer Kinder, hier und da anders aus. Die Ausführungen
über den Medienkonsum und seine Folgen in den Kapiteln zur Medienerziehung
bieten einige Beispiele an. Wie Lehrer gebremst werden können, die sich um
Bewegung bemühen, berichtete der Konrektor einer Stadtschule im Kreis Waldshut:
"Die
Klassenlehrerin M. unternahm mit ihren Viertklässlern einen Klassenausflug
und wanderte durchs Murgtal zum Energiemuseum nach Hottingen. Auf dem Rückweg
begann es zu regnen. Obwohl alle Kinder wetterfeste Kleidung trugen, bekam am
darauffolgenden Tag ein Mädchen einen Schnupfen. Die Eltern gingen mit dem
Kind zum Arzt, der nicht ausschließen konnte, dass zwischen der Erkältung
des Mädchens und dem Schulausflug ein Zusammenhang bestehen könnte.
Die Eltern beschwerten sich daraufhin bei der Schulleitung, als sie dort abgewiesen
wurden bei Staatlichen Schulamt und dann noch beim Oberschulamt und beschuldigten
die Klassenlehrerin der fahrlässigen Körperverletzung. Da die Schulbehörden
die Beschwerden als unbegründet zurückwiesen, nahmen die Eltern sich
einen Rechtsanwalt. Der wusste genau so gut, wie die Schulbehörden um die
Lächerlichkeit derartiger Beschuldigungen, setzte aber entsprechende Schriftsätze
auf und beschäftigte auf diese Weise nicht nur die Schulbehörden sondern,
durch den entstehenden "Wirbel" im Städtchen auch die Öffentlichkeit.
Natürlich wurden alle Beschwerden zurückgewiesen und Klagen vor Gericht
nicht zugelassen. Die Beziehungen zwischen Elternhaus und Schule (die sicher bereits
vorher beschädigt waren) und, was viel gravierender ist, die Beziehungen
zwischen der längst wieder gesundeten Schülerin und ihrer Lehrerin wurden
belastet."
Eine
der Folgen des elterlichen Verhaltens war die Reaktion dieser Lehrerin und ihrer
Kolleginnen und Kollegen: Wir werden uns gut überlegen, ob wir den Kindern
Bewegung im Freien ermöglichen. Für uns ist es bequemer und weniger
aufwändig unseren Unterricht in den Klassenräumen zu leisten, als Ausflüge,
Fahrten und Schullandheimausflüge zu organisieren.
Zu
einer derartig generell verzichtenden Praxis ist es zwar nicht gekommen. Eltern
aber, die auf diese Weise Erziehung und Bildung in einer Schule oder einem Kindergarten
beeinflussen, schaden ihren Kindern.
Dieses
Beispiel deutet auf eine Erscheinung in unserer Gesellschaft, die sowohl in Kindertagesstätten
als auch in den Schulen gleichermaßen beobachtet werden kann: Die Überängstlichkeit
von einigen Eltern, das "Überbehüten" von Kindern. Weil vielfach
Eltern selbst vermeiden, sich zu bewegen und stattdessen in ihrer Freizeit Fernseher
und Videogeräte benutzen, statt Sport zu treiben oder wenigstens regelmäßig
zu laufen oder Rad zu fahren, sprechen sie ihren Kindern deren natürlichen
Bewegungsdrang ab. Unter Umständen "disziplinieren" sie ihre Kinder,
weil deren unterdrückter Bewegungsdrang zu verstärkter Unruhe und Aggression
führen oder sie verleiten sie sogar zum Medienkonsum nur um ihre Ruhe zu
haben. Aus diesem Teufelskreis können die betreffenden Familien nur heraus,
wenn ihnen Unterstützung von Außen gewährt wird. Vielleicht muss,
wenn Eltern gegen das Wohl ihrer Kinder handeln, auch mal etwas Druck ausgeübt
werden, wie in dem Beispiel aus der Landschule im Hotzenwald.