Schriften zur Erziehung und Bildung im WWW
von Dr. Joachim Rumpf

 

Das Bedürfnis nach Verständnis

 

Verständnis - in diesem Begriff ist "Verstehen" enthalten. Und das "Verstehen" spielt in unserem Leben eine ganz zentrale Rolle, wie wir es alle täglich am eigenen Leibe erleben.
"mit meinen Eltern (meinen Geschwistern, Freunden …) verstehe ich mich gut"
"Du verstehst mich nicht", "Du willst mich einfach nicht verstehen"
"Niemand versteht mich…", "ich wünsche mir einen Menschen, der mich gut versteht"
in allen diesen immer wieder gebrauchten Redewendungen bringen wir die Bedeutung zum Ausdruck, die für uns Menschen ein gegenseitiges Verständnis hat.

Welche Möglichkeiten stehen mir zur Verfügung, um einen anderen Menschen - beziehungsweise ein Kind - zu verstehen?
Ganz vorne an steht die Erkenntnis, dass wir die Lebensäußerungen, wie die Verhaltensweisen, unserer Kinder umso besser verstehen, je mehr wir unsere eigenen verstehen. Vor allem, wenn es uns gelingt, unsere eigenen Gefühle in unserer Kindheit und Jugend zu erinnern.
Ich bemühe mich weiter, ein Kind zu verstehen, in dem ich ihm richtig zuhöre, mich ihm mit ungeteilter Aufmerksamkeit zuzuwenden, mich in es hineinversetze. "Emotionale Intelligenz" überschreibt Coleman sein Buch (München 1996), in dem er sehr anschaulich und einprägsam über das Einfühlungsvermögen und dessen Bedeutung informiert.

Zwischen der Einsicht über die Bedeutung des Verständnisses im Umgang mit Kindern einerseits und der Praxis in Erziehungs- und Bildungsprozessen klafft aber noch immer eine erhebliche Lücke:
"Niemand wollte zum Beispiel auf Nachfragen bestätigen, dass Lehrer Verständnis für sie als Kinder oder als Schüler hätten", so heißt es in einer Dokumentation von Familienwochenenden mit Schulkindern.

Aber auch Eltern sind vielfach weit davon entfernt, ihre Kinder zu verstehen und sich angemessen ihnen gegenüber zu verhalten. Es wissen einfach noch nicht alle, um die Bedürfnisse ihrer Kinder, wie sie auf diesen Seiten vorgetragen werden.
Zu "Verständnis" gehört also noch eine andere, sehr wichtige Eigenschaft: ich meine "Kenntnis", man kann auch "Wissen" sagen.


 

Um Verständnis dafür zu haben, dass ein Kleinkind alles, was es in die Finger bekommt, zum Munde führt und daran herumlutscht oder darauf zu beißen versucht, ist es für Eltern gut zu wissen, dass der Mund - wie alle anderen Sinnesorgane des Kindes - an der Erkundung der Welt aktiv Anteil hat. Er stellt gleichsam so eine Art "Erkundungslabor" dar, dass unter anderem prüft, wie etwas schmeckt, riecht, ob etwas mehr genießbar scheint oder weniger…
Gewiss sind die Eltern in der Pflicht, darauf zu achten, dass Gegenstände, die bei diesem Prüfvorgang ein Kind verletzen könnten, nicht in einer für es erreichbaren Nähe sind. Ein generelles Verbot oder Verhindern "ba, das tut man nicht" nimmt einem Kind wichtige Möglichkeiten, Erfahrungen zu sammeln. Doch um das Verhalten eines Kindes richtig zu deuten und es nicht unnötig zu bremsen, wenn es dabei ist, seine Umwelt zu erkunden und zu lernen, müssen Eltern einfach wissen, was ein Kind zu seinem Gedeihen braucht und warum es etwas tut oder lässt.

Ähnliches gilt auch für die Lösungsphasen, also die Perioden, in denen Kinder uns in besonderer Weise zu erkennen geben, dass sie von uns "weg wachsen". Freuen wir uns über jedes unserer Kinder, das uns "vergisst", wenn es am Eingang zum Kindergarten losstürmt und sich über die anderen Kinder freut. Oder über den pubertierenden Heranwachsenden, der jedes unserer Äußerungen kritisch prüft und nur noch selten bereit ist, kommentarlos zu "schlucken" was wir ihm sagen oder von ihm erwarten. Wer nicht weiß, dass Kinder, um zu reifen, Erwachsene brauchen, um sich an ihnen reiben zu können, wird eher verzweifeln über die Widerstände seiner Kinder und sie nicht als notwendig und natürlich begreifen. Auch in dieser Entwicklungsphase lauern vielfältige Gefahren auf unsere Tochter, unseren Sohn. Und es braucht von unserer Seite viel Verständnis, um auch jene Situationen, die wir als kritisch erleben, mit Gelassenheit und Zuversicht zu leben.

Ein Elternpaar mit vier Söhnen, deren Ältester in die Abschlussklasse der Hauptschule kam, war über dessen Trägheit und Wurschtigkeit ganz verzweifelt. "Zu nichts hat er Lust… erhängt nur rum… lässt sich volldröhnen (mit lauter Musik)… zu den Hauaufgaben muss man ihn zwingen… es ist zum Verzweifeln"
Zum "Verzweifeln" war auch für mich, als ich erfuhr, dass die Mutter ständig und der Vater nach Feierabend dem Sohn ihren Kummer vorhielten und immer wieder prophezeiten: "mach nur so weiter: so wird nie was aus dir!"
Es konnten die Eltern davon überzeugt werden, dass diese Phasen vorüber gehen würden und sie ganz fest darauf vertrauen sollten, dass der Junge - und auch die drei jüngeren, bei denen sie Vergleichbares erleben werden - seinen Weg schon machen würde. Sie sollten nur fest zu ihm halten, ihm, trotz aller Schwierigkeiten, die er hat und bereitet, zur Seite stehen und ihm behutsam helfen (zum Beispiel eine Lehrstelle zu finden, eine Perspektive anzubieten…).
Während die Mutter sogleich bereit war, ihre verbalen Attacken einzustellen, zu schweigen, wo sie vorher vorwurfsvoll "gepredigt" hatte, anzuerkennen und zu ermuntern, was sie vorher selbstverständlich nahm, blieb der Vater noch skeptisch. Immerhin bremste er sich und verzichtete auf Moralpredigten.

Heute, zehn Jahre später, aus allen drei Jungen ist "was rechtes" geworden, bestätigten sie, dass ihnen das Wissen um die natürlichen Krisen in der Entwicklung und die aus diesen Kenntnissen erwachsende Zuversicht geholfen habe. Die Konflikte mit den Söhnen verringerten sich und verloren an Schärfe. Stattdessen lernten - nach der Bilanz der Eltern - auch die Kinder, sich und ihre Möglichkeiten günstiger einzuschätzen.


 

Ich nehme an, dass mir die meisten Mütter und Väter bestätigen können, dass wir in unserer Pubertät vergleichbare Krisen und Auseinandersetzungen mit unseren Eltern und Lehrern gehabt hatten. Wir sollten uns nur daran zurück erinnern und uns kritisch fragen, was uns damals genützt und geschadet, gefreut oder verärgert, froh gestimmt oder deprimiert hat. Die Gefährdungen aus den sozialen und technischen Umwelten haben sich verändert und mögen uns heute als dominanter erscheinen, als die Einflüsse, denen wir in unserer Pubertät ausgesetzt waren. Wie wohltuend für unser Selbstwertgefühl und unsere Konflikte mit uns selbst und den anderen es aber war, wenn jemand für uns Verständnis hatte, wenn wir Freunde besaßen, die uns verstanden, das wird wohl niemand vergessen haben.
Darum meine Anregung für alle, die als Eltern oder Erzieher jetzt in einer vergleichbaren Situation sind: Denken Sie zurück, suchen Sie das Gespräch mit ihren Kindern, erzählen Sie bei gegebenem Anlass und einer sich anbietenden Gelegenheit mit ihnen über die eigenen Erfahrungen! Das gegenseitige Verständnis wird wachsen!

Eine Großmutter erzählte, wie sie von ihren Eltern verprügelt wurde, wenn sie in den Augen der Eltern nicht gehorsam genug war. Sie hatte sich geschworen, ihre Tochter nie zu hauen. Diesen Vorsatz vermochte sie nicht durchzuhalten. Als ihre Tochter in der Schule nicht lesen lernen "wollte" und später in der Pubertät eigene Wege ging oder (auch die anderen Kinder) ihr nicht folgten, schlug diese Mutter mit allem was ihr unter die Hände kam (Bügel, Kochlöffel, Hausschuhe) auf ihre Kinder ein.
Erst dieser - also der Enkel-, Kindergeneration gelang es, bei den eigenen (also den Urenkelkindern jener Großmutter) auf körperliche Züchtigungen zu verzichten.

Hier halfen aber auch äußere Umstände: das Wissen um die Erziehung und alles das, was Kindern gut tut oder schadet, hatte in dieser Generation nach 1970 deutlich zugenommen. Und immer mehr Eltern, Erzieher und Lehrer lernten zu verstehen, warum sich ihre Kinder in bestimmten Situationen in typischer Weise verhalten. Und wer ein Kind versteht, der kann gelassener reagieren, wenn es sich mal nicht gerade vorbildlich verhält. "Kinder sind Kinder" heißt eine Buchreihe, die der Reinhardt Verlag in München herausgibt. Und jeder Titel dieser Reihe bietet einen Baustein für das Verständnis von Kindern an. Nicht anders verhält es sich mit diesen Seiten auf denen Sie sich gerade befinden. Suchen Sie dort zum Beispiel die Themen "Aggressionen", "Kinderängste", "Medienerziehung" oder "Pubertät" auf, wird verständlich, warum uns unsere Kinder gelegentlich so "schwierig" vorkommen.

 

 

 
 

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