Um
Verständnis dafür zu haben, dass ein Kleinkind alles, was es in die
Finger bekommt, zum Munde führt und daran herumlutscht oder darauf zu beißen
versucht, ist es für Eltern gut zu wissen, dass der Mund - wie alle anderen
Sinnesorgane des Kindes - an der Erkundung der Welt aktiv Anteil hat. Er stellt
gleichsam so eine Art "Erkundungslabor" dar, dass unter anderem prüft,
wie etwas schmeckt, riecht, ob etwas mehr genießbar scheint oder weniger…
Gewiss
sind die Eltern in der Pflicht, darauf zu achten, dass Gegenstände, die bei
diesem Prüfvorgang ein Kind verletzen könnten, nicht in einer für
es erreichbaren Nähe sind. Ein generelles Verbot oder Verhindern "ba,
das tut man nicht" nimmt einem Kind wichtige Möglichkeiten, Erfahrungen
zu sammeln. Doch um das Verhalten eines Kindes richtig zu deuten und es nicht
unnötig zu bremsen, wenn es dabei ist, seine Umwelt zu erkunden und zu lernen,
müssen Eltern einfach wissen, was ein Kind zu seinem Gedeihen braucht und
warum es etwas tut oder lässt.
Ähnliches
gilt auch für die Lösungsphasen, also die Perioden, in denen Kinder
uns in besonderer Weise zu erkennen geben, dass sie von uns "weg wachsen".
Freuen wir uns über jedes unserer Kinder, das uns "vergisst", wenn
es am Eingang zum Kindergarten losstürmt und sich über die anderen Kinder
freut. Oder über den pubertierenden Heranwachsenden, der jedes unserer Äußerungen
kritisch prüft und nur noch selten bereit ist, kommentarlos zu "schlucken"
was wir ihm sagen oder von ihm erwarten. Wer nicht weiß, dass Kinder, um
zu reifen, Erwachsene brauchen, um sich an ihnen reiben zu können, wird eher
verzweifeln über die Widerstände seiner Kinder und sie nicht als notwendig
und natürlich begreifen. Auch in dieser Entwicklungsphase lauern vielfältige
Gefahren auf unsere Tochter, unseren Sohn. Und es braucht von unserer Seite viel
Verständnis, um auch jene Situationen, die wir als kritisch erleben, mit
Gelassenheit und Zuversicht zu leben.
Ein
Elternpaar mit vier Söhnen, deren Ältester in die Abschlussklasse der
Hauptschule kam, war über dessen Trägheit und Wurschtigkeit ganz verzweifelt.
"Zu nichts hat er Lust… erhängt nur rum… lässt sich volldröhnen
(mit lauter Musik)… zu den Hauaufgaben muss man ihn zwingen… es ist
zum Verzweifeln"
Zum "Verzweifeln" war auch für mich, als
ich erfuhr, dass die Mutter ständig und der Vater nach Feierabend dem Sohn
ihren Kummer vorhielten und immer wieder prophezeiten: "mach nur so weiter:
so wird nie was aus dir!"
Es konnten die Eltern davon überzeugt werden,
dass diese Phasen vorüber gehen würden und sie ganz fest darauf vertrauen
sollten, dass der Junge - und auch die drei jüngeren, bei denen sie Vergleichbares
erleben werden - seinen Weg schon machen würde. Sie sollten nur fest zu ihm
halten, ihm, trotz aller Schwierigkeiten, die er hat und bereitet, zur Seite stehen
und ihm behutsam helfen (zum Beispiel eine Lehrstelle zu finden, eine Perspektive
anzubieten…).
Während die Mutter sogleich bereit war, ihre verbalen
Attacken einzustellen, zu schweigen, wo sie vorher vorwurfsvoll "gepredigt"
hatte, anzuerkennen und zu ermuntern, was sie vorher selbstverständlich nahm,
blieb der Vater noch skeptisch. Immerhin bremste er sich und verzichtete auf Moralpredigten.
Heute,
zehn Jahre später, aus allen drei Jungen ist "was rechtes" geworden,
bestätigten sie, dass ihnen das Wissen um die natürlichen Krisen in
der Entwicklung und die aus diesen Kenntnissen erwachsende Zuversicht geholfen
habe. Die Konflikte mit den Söhnen verringerten sich und verloren an Schärfe.
Stattdessen lernten - nach der Bilanz der Eltern - auch die Kinder, sich und ihre
Möglichkeiten günstiger einzuschätzen.