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Schriften zur Erziehung und Bildung im WWW
von Dr. Joachim Rumpf

 

Das Bedürfnis nach Sinn

 

        Kinder brauchen  Sinn

 

 
Für uns Erwachsene ist die Frage nach dem Sinn unseres Lebens von existentieller Bedeutung, denn die Suche nach Sinn ist eine "nach Ordnungen, Strukturen, Ganzheiten... nach Verstehen/Begreifen und Gestalten/Eingreifen" (Elisabeth Lukas: Der Schlüssel zu einem sinnvollen Leben. München 2011, S. 31)

Der deutsche Philosoph Wilhelm Schmid schreibt: "Sinn, das ist der Zusammenhang..." und erläutert: "Davon, dass etwas Sinn macht, ist immer dann die Rede, wenn Zusammenhänge erkennbar werden, wenn also einzelne Dinge, Menschen, Begebenheiten, Erfahrungen nicht isoliert für sich stehen, sondern in irgendeiner Weise aufeinander bezogen sind" ("Glück. Alles was Sie darüber wissen müssen, und warum es nicht das Wichtigste im Leben ist". Frankfurt a. M. 2007, S. 45 f)

 Unsere Kleinen hingegen wachsen zunächst noch heran, ohne über sich nachzudenken. Unsere Kinder sind im Kreise von Eltern und Geschwistern geborgen und wenn sie auf die Frage nach dem Sinn ihres Daseins antworten könnten, dann würden sie vermutlich sagen: "Mein Leben hat den Sinn, dass ich da bin". Tatsächlich fließt unseren Kindern, vor allem zunächst im Kleinkindalter, der Lebenssinn durch uns Erwachsene zu: Wenn wir uns darüber freuen können, dass dieses Menschlein auf der Welt ist und wächst und gedeiht, darüber, dass es lächelt, laufen lernt und zu sprechen beginnt, dann teilt sich dem Kind diese Freude mit. Auf diese Weise lernt jedes Kind, sich seines Daseins zu freuen, sich positiv zu erleben. Diese Grunderfahrung ist die Voraussetzung dafür, dass unser Kind, je älter es wird umso mehr, ein gutes Bild von sich selbst aufbauen und einen Sinn in seiner Existenz sehen kann.

 Auch ein Kind, das durch Krankheit und Behinderung früh gezeichnet ist, lernt, sein Dasein anzunehmen, in erster Linie durch die positive, fürsorgende Zuwendung, die Freude an seiner Existenz, die die Eltern dem Kind zeigen. Es sind gerade die belastenden, die seelischen Kräfte von Eltern und Kindern besonders herausfordernden Lebenssituationen, aus denen allen Beteiligten Lebenssinn zuwächst. Der Wiener Arzt und Psychotherapeut Viktor Frankl, der die Bedeutung der Sinnfrage im menschlichen Leben in den Vordergrund seiner Arbeit stellte, sagt unter anderem, dass jeder Mensch selbst die Antworten auf die Fragen nach dem Sinn seines Lebens finden kann. Er findet sie mit Hilfe seines Gewissens, das ihm sagt, auf welche Weise er auf die Lebenssituation, in der er sich befindet, antwortet, sie verantwortet.

Mit dieser Erkenntnis wird uns die Bedeutung des Gewissens vor Augen geführt, das uns in allen kleinen und großen Entscheidungen unseres Lebens berät. Also ist die Frage nach dem Sinn eng mit der Herausbildung eines Gewissens verknüpft. Unser Gewissen entwickelt sich gleichsam im Dialog mit unseren Eltern und den anderen Menschen, die für uns Bedeutung haben und in den Situationen, die wir als besonders eindrucksvoll erleben. Hier ist zum Beispiel anzuknüpfen an das Bedürfnis des Kindes nach "klärenden Antworten". Diese Antworten durch uns Eltern, durch Erzieherinnen / Erzieher und Lehrerinnen / Lehrer sind es, die maßgeblich das Gewissen formen. Aber auch die Erfahrungen von Sicherheit, Liebe, Anerkennung, Vertrauen, Geduld, Förderung oder Frieden beeinflussen unsere Maßstäbe und damit unser Gewissen.

Nicht zu unterschätzende, hochbedeutsame Förderer und Begleiter von Gewissenbildung, Welterklärung und Weltverständnis sind unsere Volksmärchen. Das heranwachsende Kind, selbst der Sprache noch nicht in einem Ausmaße mächtig, dass es dem Chaos seiner Gefühle und Eindrücke Ausdruck verleihen kann, braucht – noch einmal sei es gesagt „klärende Antworten“. Antworten im Grunde auf Fragen, die es noch gar nicht stellen kann, die es sehr wohl aber bewegen. Denken wir nur an unsere Erwartung und Hoffnung, dass unser Kind möglichst früh lernt, „moralisches“ von „unmoralischem“ Denken und Tun zu unterscheiden. Wie viele Gebote und Verbote, Gewähren und Versagen durch die umgebenden Erwachsenen erlebt ein Kind allein bis zum Eintritt in die Schule. Doch oft erschließt sich die Sinnhaftigkeit der von uns vermittelten Maßstäbe nicht leicht und das Kind passt sich allein aus der Angst heraus, unsere Liebe zu verlieren, uns und unseren Vorstellungen von Gut und Böse an. Märchen, wenn wir sie denn unseren Kindern vorlesen oder vorlesen lassen und, sobald sie lesen können, selbst zu lesen geben, helfen ihnen, moralisch zu denken und zu empfinden, sich in unserer Welt zurechtzufinden und den Sinn zu erkennen, der aller Moralität zu Grunde liegt.

  „Sie sprechen alle Ebenen der menschlichen Persönlichkeit gleichzeitig an. Sie erreichen den noch unentwickelten Geist des   Kindes, genauso wie den differenzierten Erwachsenen… sie fördern die Entfaltung des aufkeimenden Ichs“ schreibt Bruno Bettelheim[1] (1988, S. 12).
Bettelheim erklärt weiter, „dass das Märchen in einem viel tieferen Sinn als jede andere Lektüre dort einsetzt, wo sich das Kind in seiner seelischen und emotionalen Existenz befindet. In den Märchen kommen die schweren innerlichen Spannungen des Kindes so zum Ausdruck, dass es diese unbewusst versteht…“.

Gerade in Märchen wird anschaulich erlebt, dass eigene Leistungen und der Verzicht unsere Gewissensbildung beeinflussen. In unserem Familienleben spiegelt sich das Gemeinte in alltäglichen Ereignissen wider.

Jeder von uns hat vielfach im eigenen Leben erfahren, dass eigene Leistungen und der Verzicht unsere Gewissensbildung beeinflussen. Denken wir zum Beispiel an die "Erziehung zur Sauberkeit": Unser Kleinkind lernt durch unsere Ermunterung und Freude, seine Ausscheidungen "herzugeben" und zugleich seine Darm- und Blasenfunktionen zu "beherrschen". In ähnlicher Weise werden wir von ihm später Verzicht und Leistung erwarten, wenn es darum geht, eine Tätigkeit zu unterbrechen und zum Essen zu kommen oder uns hier und dort ein wenig zur Hand zu gehen oder, was wohl sehr häufig geschehen wird, seine spontanen Wünsche, die wir ihm nicht erfüllen ("Mutti ich will ...," "Mutti, kauf mir..."), zu verarbeiten. In dem Ausmaß, in dem es uns im Großen und Ganzen gelingt, aus Leistung und Verzicht gleichsam einen seelischen Erfolg werden zu lassen, helfen wir am Aufbau eines Gewissens und damit zum Fundament späterer Sinnerfüllung. Die Kraft hierzu wächst den Erwachsenen nicht zuletzt aus ihren religiösen bzw. weltanschaulichen Überzeugungen einschließlich der jeweiligen Rituale, ihren Wert- und Normvorstellungen. Denken wir hier zum Beispiel an die jeweiligen weltanschaulichen Grundschriften (z. B. den Talmud, die Bibel oder den Koran). Denn nach solchen Situationen hat ein Kind in seinem Innern ein gutes Gefühl, weil es seine eigene Trägheit oder seine momentane Begehrlichkeit überwand. Voraussetzung unserer Bemühungen freilich ist, und dies gilt gerade im Zusammenhang mit der Erziehung zu Sinn und Wert eines Lebens, dass Eltern selbst derartige Sinn und Werte vorleben – zum Beispiel also verzichten können und, was bedeutungsvoller ist, die Sinnhaftigkeit des eigenen Lebens nicht ständig in Frage stellen.

Sinnerfüllung findet der Mensch auch in der Hingabe an eine Aufgabe. In Bezug auf Kinder sagen wir gerne, dass sie selbstvergessen spielen. Unseren Kindern diese Erfahrung zu ermöglichen, dass sie sich einem Spiel beziehungsweise einer Tätigkeit voll "hingeben" können, lehrt sie, dass aus dieser Hingabe Sinn wächst (Frankl, Der Mensch vor der Frage nach dem Sinn“. München 8/1990, S. 151). Sinnerfüllung finden Kinder und Erwachsene gleichermaßen „im Dienst einer Sache oder aber in Liebe zu einer Person“ schreibt Frankl an anderer Stelle (Die Sinnfrage in der Psychotherapie. München 4/1992, S. 38). In den späteren Jahren, im Jugend- und Erwachsenenalter, empfinden wir den Mangel oder das völlige Fehlen einer Aufgabe - wir sagen dann: "für die es sich zu leben lohnt" - als existentielle Frustration. Frustration aber kann in Abhängigkeit, in Aggression und zu seelischer Erkrankung führen.

 In diesen Zusammenhang gehören also auch die humanistischen Prinzipien der "Selbstverwirklichung" und "Autonomie", wie sie u. a. Abraham Maslow in seinem Modell von der "Bedürfnishierarchie" beschrieb. Bereits Johann Heinrich Pestalozzi sah die Aufgabe eines jeden Menschen im Leben darin, "Werk seiner selbst" zu werden. Und wenn es in unserer Zeit Menschen gab, die die Stirn runzelten, wenn sie von dieser sinnstiftenden Aufgabe hörten, die wir seit Pestalozzi, Frankl und Maslow als "Selbstverwirklichung" kennen, dann zeigt sich hier lediglich ein Missverständnis. In dem Maße, in dem jeder von uns seinen Sinn findet und lebt, verwirklicht er sich selbst. Ein Leben, dass überwiegend vom Streben nach Berufserfolg, materiellen Reichtum, Lustgewinn oder Kick so oft wie möglich und koste es was es wolle, beziehungsweise auf wessen Kosten auch immer, bestimmt wird, ist also mit "Selbstverwirklichung" nicht gemeint! Unser Gewissen sagt uns stattdessen, dass wir uns in dem Ausmaß (als Menschen) verwirklichen, in dem wir uns "selbstvergessen" einer Aufgabe, einer Pflicht widmen, die von uns den vollen Einsatz unserer Persönlichkeit fordert.

 Unverzichtbar aber bleibt - gerade in diesem hier nur angedeuteten existentiell ebenso bedeutsamen wie sensiblen Bereich - das gute Vorbild aller, die für einen Heranwachsenden Bedeutung haben.

Der Sinn meines Lebens fließt mir aber nicht allein aus meiner unmittelbaren sozialen Umwelt zu, er ist auch nicht ausschließlich aus dem Bekenntnis zu höheren (geistigen, religiösen, weltanschaulichen) Welten ableitbar sondern auch, ihn begründend oder ergänzend, ein Ergebnis meiner eigenen Vorstellungen über die Ziele und Zwecke meiner Existenz. Vor allem in unseren pubertären Phasen werden uns Antworten auf Fragen nach dem Sinn unseres Lebens wichtig. Und gerade in dieser Periode unserer Entwicklung genügen einem jungen Menschen häufig nicht die Sinnangebote der Erwachsenenwelt. Es verknüpfen sich die Sinnfragen mit denen nach Lebenszielen und -Perspektiven. Und wer immer in dieser Zeit seine Antworten im Dialog mit sozialen Umwelten sucht, wird, nicht selten vorgeprägt durch sein Kindheitsschicksal, die Weichen für Erfolg oder Misserfolg seiner eigenen Zukunft stellen. Wir Eltern und Berufserzieher tragen während der Kindheit unserer Mädchen und Jungen wesentlich dazu bei, dass sie auf die Fragen nach dem Sinn ihres Lebens, die für sie ganz eigenständigen, optimistischen, sie selbst herausfordernden Antworten finden.

 Es verbinden sich also mit der Sinnfrage zugleich die nach der Lebensperspektive eines Heranwachsenden. In den Vorstellungen von Kindern und Jugendlichen spielt die eigene Zukunft eine bedeutsame Rolle und eröffnen Perspektiven, die die eigene Leistungsbereitschaft beflügelt. Ganz gleich in welchen Bereichen sich derartige Zielvorstellungen entwickeln, ob im Sport, in der Musik, der Freude an Technik oder Natur: sie motivieren dazu, aus Neigungen dereinst einen Beruf zu machen und beflügeln unter Umständen sogar schulisches Lernen (vgl. dazu u. a. Struck, Die Kunst der Erziehung. Ein Plädoyer für ein zeitgemäßes Zusammenleben mit Kindern und Jugendlichen. Darmstadt 1996, S. 181 ff).

Doch wenn es in der Gegenwart immer mehr junge Menschen gibt, die sich sagen müssen, dass "alles so sinnlos" sei, dann hat diese verzweifelte Skepsis ihre Wurzeln nicht selten in den wirtschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen, innerhalb derer Familien leben. Wenn zum Beispiel von 51 Entlassschülerinnen und -Schülern der Berliner Kepler-Oberschule, in der ein Bundespräsident am Tag des Kindes auftrat, nur einer eine Lehrstelle erhalten hatte, dann konnte nicht mehr von positiven Perspektiven gesprochen werden. Die Vernichtung von Ausbildungsplätzen und einer Zukunft mit Arbeit bedeutet die Liquidierung von Zielen, für die sich Engagement und Verzicht eines Heranwachsenden lohnen. Und weil eine sinnhafte Existenz auf die Ziele aufbaut, die sich ein Mensch gibt beziehungsweise, die er anstrebt, weil er sie für sich als lohnenswert und erreichbar betrachtet, nimmt ihm jeder die Möglichkeit einer sinnvollen Existenz, der ihm Perspektiven verbaut. Der Prozess der Sinnbildung wird also von den konkreten Lebenslagen beeinflusst, denen die Heranwachsenden ausgesetzt sind. In Familien, die sich in prekären Situationen und der damit verbundenen Destabilisierung der alltäglichen Lebensführung befinden, haben kaum den Kopf frei, sich umfassend der Sinnbildung zuwenden zu können (Braun/Felinger, Sinnbildung von Kindern. Eine Fallstudie. In: neue Praxis Nr. 2/2009, S. 143).

 Eltern und Berufserzieher werden sich die Frage stellen, was sie - über das eigene Vorbild hinaus - dafür tun können, dass bei ihren Kindern die mit einer Sinnerfüllten Existenz verbundene seelische Gesundheit ihre Kinder ermöglicht wird. Ich sehe diesen Weg nicht als gar zu schwierig an. Gewiss wäre es müßig, über die Sinnfrage mit Kindern vor den pubertären Phasen diskutieren zu wollen. Statt dessen vertrauen wir auf das jedem Menschen innewohnende Bestreben, seine in ihm vorhandenen Möglichkeiten (Begabungen, Neigungen, Charaktereigenschaften u. ä.) zur Entfaltung zu bringen, sein Leben selbst zu verantworten und weitgehend unabhängig zu sein, selbständig zu werden[2] - also mehr oder weniger bewusst und gezielt sein "Selbst" verwirklichen zu wollen. Diese, nach Carl Rogers, von Natur aus vorhandenen guten Strebungen, „die ihn zu einer konstruktiven Erfüllung seiner Möglichkeiten drängen“ (Die Kraft des Guten. Ein Appell zur Selbstverwirklichung. München 1978, S. 18), bedürfen im Alltag Zielvorgaben.

 

Der zweijährige Fabian, der von seiner Mutter in eine Kleinkindergruppe gebracht wurde und dort auf andere Kinder traf, "vergaß" nach kurzer Zeit die Mama. Die anderen Kinder waren ihm wichtig und selbstvergessen nahm er die vielen Gelegenheiten zu sozialen Kontakten im gemeinsamen Spiel wahr. Das Streben, sich als Teil einer Gemeinschaft zu erleben, die nicht die eigene Familie ist, dort angenommen und wahrgenommen zu werden, zieht alle Kinder - genau wie Fabian - zu anderen Kindern. Die Mutter von Fabian berichtete, dass er gern auf die Spielplätze in den Städten geht, die sie besuchten oder wo die Familie Ferienzeiten verbrachte. Es waren für Fabian nicht die Spielgeräte, die wichtig waren, sondern die anderen Kinder.

 Diese sozialen Kontakte vermittelten schon sehr früh bewusste Ziele. Wenn ein Kind erlebt, dass ein anderes Kind etwas kann beziehungsweise tut, was ihm noch fremd ist aber reizvoll erscheint, wird es das ebenfalls tun wollen. Einen Drachen steigen lassen, ein Modellflugzeug bauen: das Leben eines Kindes ist überreich an Anregungen, die ihm aus der sozialen Umwelt zuwachsen und die ihm Ziele vorgeben. Wir Erziehenden greifen lenkend und fördernd ein und achten darauf, dass nicht das "Haben" das Grundmotiv ist (oder gar bleibt), sondern das bewusste Streben nach einem Ziel. Nicht also der Besitz eines Konstruktionsspielzeugs zum Beispiel, wie es ein Modellflugzeug sein kann, sondern der Bau und die Flugfähigkeit - also das "Tun" steht im Vordergrund. Um diese Ziele zu erreichen, braucht es nicht wenig Geduld, Geschick, Lernbereitschaft und Ausdauer. Aber auch Verzicht wird geübt, wenn stattdessen andere, vielleicht leichtere und bequemere Spielalternativen zurückgestellt werden müssen.

Fabian ist inzwischen drei Jahre alt und beginnt, sich für Spielzeug zu interessieren, das vergleichbare Anforderungen stellt, wie zum Beispiel ein Modellflugzeug. Die Angehörigen und die Berufserzieher in der Tagesstätte haben diese Interessen im Auge und stimmen ihre Angebote darauf ab. So wie bei ihm tun das in einer guten Einrichtung alle Berufspädagogen in Bezug auf alle Kinder und achten darauf, welche Angebote welche Kompetenzen zu fördern vermögen und den betreffenden Kindern Erfolgserlebnisse vermitteln.

Diese Schritte: Angebot / Anregung - Ziel (das will ich können / erreichen) - Durchführung (Leistung) - und Erfolg (Produkt) erleben ein Kind und seine Eltern und Erzieher als Freude (Stolz).
Nehmen wir die Erkenntnis von der Bedeutung einer Sinnhaften Existenz in den Blick, dann wissen wir jetzt, dass diese scheinbar winzig kleinen Schritte einen Heranwachsenden dereinst ermöglichen, seinem Leben eines Tages Ziele und damit Sinn zu geben.

Was aus einer derartigen Entwicklung erwächst, kann jeder an sich selbst nachprüfen. Hier zwei weitere Beispiele aus späteren Entwicklungsphasen.

Im Tagebuch eines fünfzehnjährigen Gymnasiasten finden sich die folgenden Zeilen:

"Papa fragte mich heute, was ich einmal werden wolle. Ich sagte ihm, das weiß ich noch nicht. Im Grunde, liebes Tagebuch, weiß ich das ja schon lange. Ich träume davon, später einmal Schriftsteller zu werden."

Und drei Jahre später schreibt der junge Mann: "Ganz gleich, was ich tue und wie und wo ich mein Geld verdiene. Ich will lernen und studieren. Ich möchte alle Höhen und Tiefen des menschlichen Lebens erleben…und später einmal alles schriftstellerisch verarbeiten...".

 
Im Bewerbungsschreiben eines Zwanzigjährigen an eine Textilfirma in Südwestdeutschland steht unter anderem:

"... ich möchte gern eine Aufgabe haben, die mich ganz erfüllt und für die es sich lohnt, alle meine Kräfte einzusetzen"

 Beide erhielten ihre Chance und beide nutzten sie und erreichten ihre Ziele - auch wenn es Jahrzehnte dauerte. Was immer auch in diesen Lebenswegen geschah, stets floss beiden Sinn aus den jeweiligen Ereignissen zu, weil die Ziele nicht aus den Augen verloren gingen. Jugendliche brauchen besonders sinnstiftende Gestaltungsräume!

 „Sinn statt Sucht“ plakatierte eine Initiative zur Suchtprophylaxe in Baden-Württemberg. Ganz abgesehen davon, dass mit der Hereinnahme dieser Aussage und der hinter ihr stehenden Aufgaben, die Gemeinsamkeiten der Anliegen von Suchtprophylaxe einerseits und Gewaltprophylaxe andererseits unterstrichen werden, wird auf eine gemeinsame Ursache von Sucht und Gewalt gewiesen: Die vergebliche Suche der betroffenen Jugendlichen nach Sinn. „Ohne Sinn kann der Mensch nicht leben“ sagt Viktor Frankl und beschreibt „Wege zum Sinn“ (Logotherapie als Orientierungshilfe. Hrsg. v. Alfried Längle, München 1985). Bereits Antoine de-Saint Exupery hat hierin die Bestimmung des Menschen gesehen und mit seinem eigenen Leben vorbildhaft verwirklicht.  Sein Gebot "Dem Leben einen Sinn geben" (Hamburg 1952) steht als bewusster oder unbewusster Auftrag vor jedem Einzelnen und macht, sobald er seinen Lebenssinn gefunden hat, einen guten Teil seiner seelischen Gesundheit aus. Insoweit halte ich es als eine zentrale Aufgabe aller Bemühungen um die heranwachsende Generation, jedem jungen Menschen zu der Erkenntnis zu verhelfen, dass er selbst es, er allein in der Hand hat, seines Lebens Sinn zu finden. Und Viktor Frankl wird konkret, wenn er festhält:

„…es geschieht also entweder im Dienst an einer Sache oder aber in der Liebe zu einer Person, dass wir Sinn erfüllen – und damit auch uns selbst verwirklichen…
(Der Mensch vor der Frage nach dem Sinn“. München 8/1990, S. 225; Die Sinnfrage in der Psychotherapie. München 4/1992, S.38).

 Unsere gewalttätigen jungen Menschen aber demonstrieren die Sinnlosigkeit ihrer eigenen Existenz. Das schlimmste ist, so sah es Ralf Dahrendorf, dass die „Unterklasse und die Dauerarbeitslosen sozusagen keinen Einsatz im Spiel der Gesellschaft haben. Das Spiel findet ohne sie statt. In einem durchaus ernsten Sinn gilt die moralisch unerträgliche Feststellung, dass die Gesellschaft sie nicht braucht“ (1992, S. 239). Immer mehr schulpflichtige Mädchen und Jungen gehen an der Schule vorbei. Eine Fünfzehnjährige begründete ihre Schwänzerei so:„…die Lehrer kümmern sich zu wenig um mich und sehen am Ende auch bloß ihre Kohle…“ „Die Lehrer sind blöde. Sie schnauzen mich wegen jeder Kleinigkeit an…“, sagt ein anderer Schüler (Schulze/Wittstock 2001, In: Andreas Krapp und Bernd Weidenmann (Hsg.): Pädagogische Psychologie. Weinheim 4/2001, S 255 f). Die Schule wird, wie das ganze Leben als „sinnlos“ erlebt. (diess., S. 303). Diese Heranwachsenden suchen nach Alternativen. Und wenn zu der sozialen und ökonomischen Benachteiligung bei Jugendlichen noch die Langeweile hinzutritt, dann kommt es rasch zu Gruppenbildungen derartiger „Außenseiter“ und gewalttätiger Randale.

Zu den vorbeugenden Leistungen für die hier gemeinten Jugendlichen, wie junge Ausländer oder Mädchen und Jungen ohne Schulabschlüsse, gehören Ausbildungsmöglichkeiten und Arbeitsplätze, nicht selten Unterkünfte außerhalb ihrer Familien und andere Hilfen. Doch ist dies nur die eine Seite, die materielle, die hier angesprochen wurde. Zu den Wegen zu einem Leben dessen Sinn sich ein Heranwachsender selbst erarbeiten (erschaffen) kann, gehören Freizeitaktivitäten, die ihnen Freude bereiten. Ein vielseitiges Angebot, am besten im Sinne der Ermöglichung eigenständiger und ständig neuer Gestaltungsräume, die sich nicht auf eine Erweiterung kommerzieller Angebote beschränken dürfen, ist zweckmäßig. Und die kann nicht eine Gemeinde allein, die Lehrer einer Schule, ein Jugendhaus, ein Verein für sich schaffen. Hier gehören alle an einen Tisch. Vor allem die jungen Menschen selbst. Wobei wir uns dessen bewusst sein sollten, dass das, was wir heute gemeinsam mit jungen Menschen einrichten oder von ihnen eingerichtet wird, morgen - wenn eine neue Generation herangewachsen ist - so nicht übernommen wird. Ein junger Mensch muss und will selbst gestalten und sieht keinen Reiz darin, sich in ein gemachtes Bett zu legen.

Zur praktischen Umsetzung derartiger Überlegungen braucht nur auf das gewiesen zu werden, was bereits getan wird oder auf von jungen Menschen in unserer Region selbst empfundene Defizite. Ich denke hier an den Beitrag „Wo bleibt die Jugend?“ in einer unserer Tageszeitungen, in dem Jugendliche begründeten, dass „Schrebergärtner ... eine größere Lobby“ hätten als die Siebzehn- bis Zwanzigjährigen.

 Am Anfang individueller Entwicklungen stehen die Kindheitsphasen, in denen sie sich an ihren Eltern und anderen ihnen besonders zugewandten Erwachsenen orientieren. Doch an der Aufgabe, in den kritischen Entwicklungsphasen, wie während der Pubertät, den jungen Heranwachsenden zu der Erkenntnis zu verhelfen bzw. sie darin zu bestärken, sich selbst zu verwirklichen, und das heißt, zu erkennen, was sie selbst können und wollen, scheitern wir Eltern und Berufserzieher nicht selten dann, wenn wir Werte oder Ideale nicht fassbar genug vermitteln oder gar nur von ihnen reden, sie aber im Alltag nicht vorleben.

Wenn wir aber den Mut und die Kraft haben, uns zu uns selbst und unserem Leben zu bekennen und genau diese Übereinstimmung unseren Kindern bewusst wird, kann unser Vorbild sinnstiftend wirken.

"Den Sinn des Lebens anzunehmen, als den konkreten Inhalt dieses konkreten einmaligen Lebens, macht aus, mit meinem Eigentlichen identisch zu sein".
(Maron, Monika Flugasche. Frankfurt a. M. 1981, S. 99).

 


[1] In diesem Buch „Kinder brauchen Märchen“ geht Bettelheim u. a. ausführlich auf einige der bekanntesten Volksmärchen ein wie z. B. „Hänsel und Gretel“, „Rotkäppchen“, „Brüderchen und Schwesterchen“, „Schneewittchen“, „Sindbad der Seefahrer“ und andere. Zur Aktualität Grimmscher Märchen und ihrer Vermittlung in der Gegenwart vgl. die Sendung von Gabriele Kammerer in SWR2 Wissen am 1. 12. 2011

[2] Es war Maria Montessori, die in Theorie und Praxis unter dem inzwischen geflügelten Wort „Hilf mir, es selbst zu tun“ unter Beweis stellte, dass Kinder von Geburt an nach Selbständigkeit und Eigenverantwortung streben und Erziehung bedeutet, den Kindern in diesem Bemühen zu helfen. Bereits Pestalozzi hielt fest, dass das Kind von Natur aus keine „tabula rasa sei, sondern „eine wirkliche, lebendige, selbsttätige Kraft, die mit dem ersten Augenblicke des Daseins auf ihre eigene Entwicklung organisierend und organisch wirkt, die erzeugt, wie sie aufnimmt, die formt und gestaltet, wie sie hervorbringt und indem sie es tut.“ (Über die Idee der Elementarbildung. In: Ausgewählte Werke Bd. 3 Langensalza 1884, S.375)



 

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