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Schriften zur Erziehung und Bildung im WWW
von Dr. Joachim Rumpf

 

Das Bedürfnis nach Sicherheit

 

Sicherheit, Schutz, Bindungsmöglichkeit und Verlässlichkeit sind Geschwister und für die kindliche Entwicklung von existenzieller Bedeutung. Es ließen sich zu diesen Bedürfnissen eigene Kapitel füllen. Hier werden sie - gemeinsam betrachtet.

Geschützt und geborgen fühlt sich unser Kind bereits im Mutterleib. Sobald es geboren wurde, "ersetzt" die Mutter (die Eltern) diesen Schutz, wenn sie das Kind in ihren Armen birgt. Es ist - auch für den Vater - ein unbeschreiblich gutes Gefühl, dieses kleine Menschenkind, zum Beispiel auf dem eigenen Bauch liegen zu haben und mitzuempfinden, wie es sich in Sicherheit fühlt und, von unseren Händen umfasst, schläft. So wie wir atmen, bewegt es sich sanft auf und nieder und unseren Herzschlag spürt es, wie wir den seinen. Dieses kleine Kind, das noch kein Bewusstsein seiner selbst hat, lebt sozusagen allein durch uns und mit unserer Hilfe. Mehr noch: Damit es sich später, etwa nach 18 Monaten, von uns lösen und ein eigener kleiner Mensch mit eigenem Wissen und Wollen werden kann, muss es sich erst ganz fest an uns binden können. Natürlich kann das Kind derartiges noch nicht denken. Wohl aber fühlt es mit all seinen Sinnen - und ist in dieser Beziehung bereits als Fötus außerordentlich empfindlich - ob wir diese Bindung zulassen. Diese erfühlten Erfahrungen, die für ein Kind gleichsam Antworten auf die Fragen geben: werde ich geliebt und angenommen, bin ich erwünscht und geborgen, bilden jenes Urvertrauen heraus, aus dem jeder Mensch sein späteres Selbstwertgefühl entwickeln kann.

Wir vermitteln unserem Kind die feste Bindung und ein Urvertrauen unter anderem auch dann, wenn wir uns über sein Dasein freuen, seine Nähe genießen und für das Kind da sind, wenn es uns braucht. Der Bedeutung dieser verlässlichen Bindung widmete der Südwestrundfunk eine Sendung, in der Expertinnen und Experten hierzu Erkenntnisse vortrugen (http://www.swr.de/-/id=14227006/property=download/nid=660374/iiyh8y/swr2-wissen-20141220.pdf).

Natürlich müssen diese Aufgaben nicht die leiblichen Eltern übernehmen. Nur das Bindungsangebot muss verlässlich sein, das heißt, dass die Bezugspersonen nicht ständig wechseln. Auf die Bedeutung der Mutter-Kind-Beziehung weist folgendes Beispiel:

Die Geschäftsinhaberin bringt die acht Monate alte Sarah mit in den Laden und berät die Kunden bei der Auswahl von Dekorationsstoffen. Währenddessen krabbelt das Kind auf dem Fußboden herum und geht auf Entdeckungsreisen. An einem der vielen Regale kann sie sich aufrichten und beginnt, den Regalinhalt zu untersuchen. Gründlich prüft das Kind die Papprollen, bewegt sie hin und her, führt sie ans Gesicht und wirft sie endlich hinter sich, und wendet sich dem nächsten Gegenstand zu. Das Kind ist von Natur aus ein aktiver Erkunder und lernt auf diese Weise, seine soziale und dingliche Umwelt kennen.
Während Sarah krabbelt und den Regalinhalt untersucht, wendet sie ihren Kopf immer wieder mal zur Mutter. Vor allem dann, wenn diese längere Zeit nicht zu hören ist, weil die Kundschaft spricht. Doch nun muss die Mutter das Ladenlokal verlassen, um im Lager etwas zu suchen. Das Kind bleibt bei der der Mutter gut bekannten Kundschaft zurück. Es dauert gar nicht lange, da hört das Kind auf, das Regal zu untersuchen. Es lässt sich zu Boden gleiten, bleibt sitzen und sucht mit den Augen seine Mutter. Wenige Minuten verhält sich das Kind still, so, als ob es gelähmt sei. Dann beginnt es zu weinen. Bevor aus dem Kummer Angst wird, ist die Mutter wieder da. Und sofort verstummt das Kind und wendet sich wieder dem Regal zu.

Ein Kind in diesen ersten anderthalb Lebensjahren braucht, um aktiv sein zu können, eine ihm vertraute Bezugsperson, die ihm das Gefühl der Sicherheit und Geborgenheit vermittelt. Nur aus diesem Gefühl heraus kann es sich der Umwelt zuwenden, sie erkunden und damit zugleich "lernen".
Natürlich beschränkt sich dieses Bedürfnis nach Sicherheit im Sinne von Schutz, Liebe, Geborgenheit und Zuverlässigkeit nicht auf die ersten achtzehn Lebensmonate. Auch später wird ein Kind sich dessen vergewissern wollen, ob Mutter und/oder Vater für es da ist. Wir Eltern können uns auf den Kopf stellen: unser Kind wird sich durch seine Verhaltensweisen und seine Fragen immer wieder vergewissern wollen, ob wir es noch lieb haben oder es fragt: "hast du mich genau so lieb wie...?"

Dieses Bedürfnis nach Sicherheit, Zuverlässigkeit, Geborgenheit und Beständigkeit wird vor allem dann erfüllt, wenn Mutter und Vater beieinander bleiben. Vor dem Oberlandesgericht Freiburg wurde vor einer Sorgerechtsentscheidung (ob die geschiedenen Vater oder Mutter oder beide gemeinsam das Sorgerecht erhalten) die zwölfjährige Tochter gefragt, zu wem es denn wolle: "ich will, dass wir wieder eine Familie sind". Und weil dieser Wunsch (dieses Bedürfnis) nicht erfüllt werden konnte, weil Mutter und Vater jeweils wieder geheiratet hatten, sagte sie: "Dann ist es mir egal; wenn nur nicht wieder geschieden wird".

Selbstverständlich ist, und das wissen wir alle aus der eigenen Lebensgeschichte, dass sich die hier gemeinte Sicherheit in Bezug auf die Eltern mit zunehmendem Alter wandelt, bis wir endlich ganz ohne unsere Eltern leben können. Doch die erwähnten Bedürfnisse bleiben für uns ein Leben lang wichtig. Sie geben uns Halt. Nicht wenige unter uns Erwachsenen können sich ein Leben als "Einzelgänger" gar nicht vorstellen. Sie brauchen die Bindungen an andere Menschen, das Gefühl, in einer sozialen Gruppe aufgehoben und geborgen zu sein, sei das nun eine Partnerbindung, die aktive Mitgliedschaft in einem Verein oder in einem Freundeskreis. In der Entwicklung von Kindern und Jugendlichen sind die Anderen: die Spielgefährten und die anderen Mädchen und Jungen (die Freundinnen und Freunde) von zentraler Bedeutung. Das sind die sozialen Netze, in denen ein Heranwachsender eingebunden sein sollte. Sie stärken das Selbstwertgefühl der Heranwachsenden, vermitteln eine Fülle sozialer Erfahrungen und sind geeignet, negative Erfahrungen, wie zum Beispiel fehlenden Schulerfolg oder Streitigkeiten mit den Eltern, ertragen zu helfen.

Nur wir Erwachsenen haben es selbst in der Hand, für Schutz, Liebe, Geborgenheit und Zuverlässigkeit in dem Ausmaß zu sorgen, wie wir es für unser Wohlergehen brauchen. Kindern und Jugendlichen müssen wir dabei helfen und ihnen entsprechende Erfahrungen - hier ist zum Beispiel an die Förderung von Kontakten zu anderen Kindern - ermöglichen.

 Eine ganz andere Dimension von "Sicherheit und Zuverlässigkeit" kommt in den Blick, wenn wir auf den Familienalltag schauen. Auch hier muss und will sich ein Kind darauf verlassen können, dass sich möglichst wenig verändert.
Die folgende Schilderung eines Tagesablaufes ist als "idealtypisch" zu betrachten und der eine oder andere wird sie als übertrieben ansehen. Die hier zusammengetragenen Entwicklungsfördernden Strukturelemente könnten von jeder Mutter und jedem Vater unabhängig von sozialem Status oder Lebensort im Familienalltag beachtet werden.
Sicher sind im Alltag einer jeden Familie andere regelhafte Abläufe üblich: worauf es ankommt ist, dass es sie gibt!

Freundlich wird das Kind jeden Morgen rechtzeitig geweckt. Mit Mutter und Vater oder wer immer die Hauptbezugsperson für das Kind ist, wird gemeinsam und in aller Ruhe gefrühstückt und dann das Kind mit dem selbst gerichteten Vesperbrot auf den Weg zur Schule oder in den Kindergarten gebracht oder geschickt. Kommt es dann wieder nach Hause, dann freuen sich Mutter oder Vater über das Wiedersehen, sie hören zu, was das Kind zu erzählen hat, zeigen Verständnis für Probleme, die das Kind mit nach Hause bringt und auch dafür, dass das Kind nicht immer begeistert ist von dem, was es heute zum Mittagessen gibt. Sie trösten das Kind, wenn es traurig ist, weil etwas nicht gelang. Abends geht das Kind stets zur gleichen altersgemäß gestaffelten Zeit in sein Zimmer. Wenn die Eltern hier freundlich und mit ruhiger Bestimmtheit auf Regelmäßigkeit und Pünktlichkeit achten, Ausnahmen für das Kind erkennbare Ausnahmen bleiben und keine hektische Atmosphäre in der Familie herrscht, sind kaum Schwierigkeiten zu erwarten. Nicht einmal das Fernsehen wird zu einem Problem, wenn die Eltern selbst darauf verzichten, solange das Kind um sie herum ist. Überhaupt gilt in allem, dass das, was ich vom Kind erwarte, selbst zuverlässig tue, weil Vorbild die beste Erziehung ist. Die meisten der Grenzen, die wir dem Kind setzen müssen, sind ohnedies Regeln, die auch für Erwachsene verbindlich sind. Von dieser gemeinsamen Verbindlichkeit her lassen sich Regeln auch am besten begründen.
Liegt das Kind im Bett, setzen sich Mutter oder Vater zu ihm und verweilen noch ein bisschen. Auch bei mehreren Kindern ist das möglich. Vielleicht wird noch eine Geschichte vorgelesen oder ein Bilderbuch angeschaut. Wenn aber die Kinder älter werden, ist der Abend die beste Zeit, Probleme zu erörtern und Differenzen ins Reine zu bringen. Die Eltern achten darauf, dass ihr Kind nicht einschläft, bevor nicht die gelegentlich unausbleiblichen Konflikte zwischen Eltern und Kind bereinigt sind. Das Kind bleibt erst dann allein in der Wohnung (bei Tag und in der Nacht), wenn es von seiner Reife her das Alleinsein gut verkraftet. Das Kind muss sich auf seine Eltern verlassen können, d. h., die Eltern sind immer da für das eigene Kind. Je jünger das Kind ist, umso mehr braucht es diese Verlässlichkeit, aus der heraus das "Urvertrauen" wächst. Nur wenn eine dem Kind vertraute Person als Ersatz zur Verfügung steht, dürfen es die Eltern in einem vorher gemeinsam vereinbarten zeitlichen Umfang verlassen.

Wichtig ist, und das soll noch einmal betont werden, dass ein Kind regelhafte Abläufe erlebt und als hilfreich und zweckmäßig erfährt. Dass unter anderem regelmäßige und gemeinsame Mahlzeiten eine wichtige Gelegenheit für die Familie sind, "eng zusammenzuwachsen und den Kindern Geborgenheit und Sicherheit zu vermitteln", darauf deutete auch die Hebamme Janis Schedlich in ihrer Schrift: "Von der Milch zum Brei. So ernähren Sie ihr Baby von Anfang an gesund" (München 2009, S. 10).

Abweichungen von Regeln aber sollten für das Kind als Ausnahmen erkennbar sein.

Auch Ordnungsvollzüge gehören dazu. Es werden ja in jeder Familie eigene Ordnungsvollzüge gelebt, und dagegen ist auch nichts einzuwenden. Viele von uns würden, müssten sie allmorgendlich ihre Kleidungsstücke aus einem Kleiderberg heraussuchen, der in einer Ecke des Zimmers herumliegt, in Panik geraten. Allein die Vorstellung, das, was sie täglich brauchen, nicht an seinem·Platz zu finden, lassen sie schaudern. Man muss keineswegs ein Ordnungsfanatiker sein. Irgendwann in unserem Leben aber haben wir erfahren, wie Nerven aufreibend es sein kann, zum Beispiel den Schlüsselbund mit Haustür- und Autoschlüssel zu suchen oder gar den Geldbeutel, in dem sich ja auch noch der Personalausweis und andere Dokumentenkärtchen befinden. Jedem, dem es so erging, kann gut die Aufregung nachempfinden, die sich einstellt und die umso größer ist, je eiliger wir es haben. Nicht Wenige von uns legen n darum den Schlüssel oder den Geldbeutel immer an den gleichen Platz sobald sie die Wohnung betreten und noch ehe sie etwas anderes tun. Und sollte mal irgendetwas dieses Ritual stören, dann kann es passieren, dass wir bei der nächsten Gelegenheit ins Leere greifen und wir uns dann nicht mehr erinnern können, wo die Utensilien nun abgeblieben sind. Dann beginnt die Aufregung wieder.

Wir Menschen brauchen ganz einfach derartige verlässliche Orientierungen in unserem Alltag. Sie helfen uns, Zeit zu sparen und Kopf und Seele frei zu halten für bedeutsamere Leistungen.

Für eine positive Entwicklung unserer Kinder sind derartige verlässliche Orientierungen von besonders großer Bedeutung. Es hat uns schon Maria Montessori (Kinder sind anders. Stuttgart 1959, S. 122 ff) auf dieses erstaunliche Phänomen hingewiesen, als sie entdeckte, wie außerordentlich wichtig es für Kinder ab etwa dem zweiten Lebensjahr ist, in Bezug auf die Ordnung der Dinge und die Zeit alles verlässlich und immer "gleich" zu erleben.
Denken wir zum Beispiel nur an die "festen" Plätze unserer Kinder am Familientisch. Sie würden es ja nicht einmal tolerieren, wenn Mutter und Vater die Plätze wechseln. Vor allem, wenn Veränderungen anstehen, können sie sich auf unsere Kinder dramatisch auswirken.

Da stand zum Beispiel schon bevor die Kinder geboren waren, der "rote Sessel" im Wohnzimmer und war mit den Jahren, in denen die Kinder auf diesem Möbelstück gern herumtobten, immer unansehnlicher geworden. Die Eltern beschlossen, ihn neu beziehen zu lassen. Dass er aber auch einen andersfarbigen Bezug erhalten sollte, das hatten die Kinder nicht mitbekommen. Als die Kinder eines Tages aus der Schule kamen und statt des roten einen grünen Sessel vorfanden, war die Empörung gewaltig. Der Älteste, er war damals acht Jahre alt, weinte sogar bitterlich. Die Eltern bekamen ein ganz schlechtes Gewissen.

Den Kindern ist also wichtig, dass Vertrautes erhalten bleibt. Sie nehmen Veränderungen wie Umzüge oder andere Möbelstücke mit anderer Verteilung im Raum nur ungern in Kauf. Nur wenn wir sie frühzeitig, am besten schon bei Vorüberlegungen, mit in bevorstehende Veränderungsprozesse einbeziehen, dann können sie das verkraften und sich sogar darauf freuen, weil sie sich mit eigenen Ideen konstruktiv beteiligen durften.

Gehen unsere Kinder in Kindergarten und Schule, erhält das natürliche Bedürfnis nach Ordnung und Orientierung eine zusätzliche Gewichtung, da es eng mit der Lernlust und dem Leistungsstreben korrespondiert. Beide werden gefördert, wenn ein Kind stets seine Arbeitsmaterialien vollständig beisammen hat und auch weiß, wo sie sich im Schulranzen, daheim im Kinderzimmer oder im Gruppenraum beziehungsweise im Klassenzimmer befinden. Ein Schulkind, das während des Unterrichts keine Schreibutensilien "findet" oder daheim zum wiederholten Male feststellen muss, dass es Bücher und Hefte in der Schule hat liegen lassen, wird bald auch seine Hausaufgaben vergessen. Eltern und Erzieher sind in der Pflicht für jene Ordnungsvollzüge zu sorgen, die ein Kind gleichsam vom beschämend-frustrierenden Suchen "befreit" und seine Kraft für das bedeutsamere Arbeiten aufspart. Es gibt aber Kinder und Erwachsene, die finden gleich alles, was sie brauchen auch dort noch, wo andere nur ein Durcheinander wahrnehmen. Das zeigt uns, dass eben jeder Mensch seine eigene "Ordnung" hat. Wichtig ist nicht die Ordnung an sich, sondern eine, die ihren Zweck erfüllt und uns vor unnötigem Verschleiß seelischer oder geistiger Energie bewahrt. So lässt sich beschreiben, was mit "sinnvoller" Ordnung gemeint ist.

Eine Erweiterung erfährt im gleichen Zusammenhang der Ordnungsbegriff, wenn wir auf die Normen und Regeln des menschlichen Zusammenlebens schauen. Sie sind in Verfassungstexten, in Gesetzen, in Richtlinien und in sehr unterschiedlichen "Ordnungen" enthalten. Denken wir nur an "Hausordnungen" oder "Schulordnungen". Wenn wir am Sinn und Zweck derartiger Absprachen oder Anordnungen unseres Gemeinschaftslebens zweifeln, dann sollten wir uns nur einmal ausmalen, was geschähe, wenn wir sie nicht hätten. Dann bräche das Chaos aus. Darum setzen wir Menschen an die Stelle des Chaos die regelhaften Strukturen des Gemeinschaftslebens und ermöglichen auf diese Weise, uns in deren Rahmen relativ störungsfrei zu begegnen. Wir müssen zum Beispiel nicht bei jedem Neuzugang in unser Arbeitsteam oder Kollegium die Regeln unseres Zusammenlebens neu verhandeln. Wir sparen also wieder Zeit und Energie, da wir uns auf das verlassen können, was in diesem sozialen Feld beziehungsweise in dieser Institution gilt.

 

 

Von noch viel größerer Bedeutung für jeden Menschen sind die Beziehungen zu unserem Du. Wir brauchen und wollen Verlässlichkeit in unseren Beziehungen zu den Eltern, dem Freund, der Freundin, der Partnerin oder dem Partner. Wir wollen uns auf sie verlassen können. Und aus der Sicherheit dieser sozialen Bindungen wächst uns die Kraft zu, die wir brauchen, um unseren Alltag zu bestehen und in ihm andere Beziehungen herzustellen und die gelegentlichen Belastungen in zwischenmenschlichen Begegnungen zu ertragen. Ein Kind, das in der Schule Ärger mit seinem Lehrer hatte oder Streit mit dem Klassenkameraden, soll sich darauf verlassen können, dass es daheim von einer verständnisvollen Mutter in den Arm genommen und getröstet wird.

Mit einer allzu spröden Auffassung oder gar rigiden Handhabung derartiger verlässlicher Elemente unseres Lebens, sind aber auch Gefahren verbunden. Dort, wo Ordnungen um der Ordnungen erzwungen oder zwischenmenschliche Begegnungen besonders streng geregelt werden, können sie ·umkippen. Darum auch lässt sich nur zustimmen, wenn es in Bezug auf die pädagogische Bedeutung von Strukturen heißt, dass sie sich positiv auswirken, "wenn sie flexibel genug sind, um Kindern Raum für eigene Aktivitäten zu lassen" meint die Pädagogin Anneliese Spreckels-Hülle (In: kindergarten heute Nr. 11/12 2005, S.18).

Zementiert man Strukturen, wie das für "totale·Institutionen" typisch ist, werden sie inhuman. Von totalen Institutionen spricht man, wenn von Gefängnissen oder vom Militär die Rede ist, in denen dem Einzelnen nur ganz wenig Spielraum für eigenverantwortliches Handeln gelassen wird, weil alles "bis ins Kleinste" geregelt ist und jede Abweichung von den Regeln bestraft wird. Auch Jugendhilfeeinrichtungen, wie Kinderheime, geraten mit ihren Alltagskonzepten nicht selten in die Nähe derartiger, jede Eigenverantwortlichkeit von Kindern lähmender Abläufe.

Es gibt aber auch in Familien Regeln, Ordnungen oder Tagesabläufe, die nicht einer positiven Persönlichkeitsentwicklung dienen, sondern ihren Zweck in sich selbst haben und darum sinnlos geworden sind. Denken wir nur an Sauberkeitsfetischisten oder Ordnungsfanatiker, die ihren Mitmenschen das Leben mit ihren neurotisch verfestigten, oft zwanghaften Gebaren, das Leben schwer machen können. Sie "institutionalisieren" das Zusammenleben um ihrer zwanghaften Normvorstellungen willen und zerstören damit jeden Sinnhaften, der Förderung und Erfüllung ihrer Aufgaben dienlichen Zweck. Diese Zwecke können zum Beispiel sein sein: die Erziehung und Bildung von Kindern, die Förderung des Familienlebens und seiner guten Atmosphäre oder optimale Leistungen in einem Berufsfeld.

 

 

Diese und alle anderen Empfehlungen für die Gestaltung des Alltags in unseren Familien sind für sich genommen weder eine Garantie für das Gedeihen unserer Kinder noch die ausschlaggebende Voraussetzung dafür. Wie bei allen "Grundbedürfnissen" kommt mal das Eine oder das Andere zu kurz oder fehlt völlig. Dennoch wird jedes Kind seinen Weg gehen. So bedeutet zum Beispiel ein tägliches Chaos in seinem Zimmer nicht, dass es als Erwachsener keine Ordnung halten wird.
Frau Herz hatte in ihrer Kindheit sehr viel Ärger, weil in ihrem Zimmer in den Augen ihrer Mutter ein heilloses Durcheinander herrschte. Die Mutter war nie zufrieden, schimpfte häufig mit ihr und prophezeite ihr, dass aus ihr "nie" was werde.
Am Arbeitsplatz und in ihrem eigenen Haushalt hingegen war sie zwanzig Jahre später ein Muster an Ordnung und Korrektheit.

Die hier dargelegten Verhaltensempfehlungen sind geeignet, den Alltag in Erziehung und Bildung in Familie, Tagesstätte oder Schule zu erleichtern. Findet die eine keine Beachtung, treten dafür andere an ihre Stelle. Die Hauptsache bleibt, dass Eltern und Berufspädagogen genau wissen, warum sie etwas tun oder lassen und das auch ihren Kindern begründen können.
Neben die Zuverlässigkeit und Beständigkeit alltäglicher Handlungsabläufe, Verhaltensmuster beziehungsweise Normen und Regeln und dinglicher Ausstattungen, treten, wie zu unterstreichen ist, die Sicherheit und Verlässlichkeit personaler Bindungen und Begegnungen. Gerade diese Dimensionen, die die zwischenmenschlichen Beziehungen betreffen, werden nicht spröde gehandhabt und passen sich z. B. der wachsenden Entwicklung der Persönlichkeit eines Kindes an. Eltern und Erzieher freuen sich über die wachsende Selbständigkeit ihrer Kinder, begleiten sie in dem Maße, in dem die Kinder das wollen, auf diesen Weg ins eigene Leben. Und dort möchten sie nach wie vor die Gewissheit, dass ihre Eltern für sie vorbehaltlos verlässlich da sind, wenn sie ihren Rat und ihre Hilfe brauchen.

 

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