Eine
ganz andere Dimension von "Sicherheit und Zuverlässigkeit" kommt
in den Blick, wenn wir auf den Familienalltag schauen. Auch hier muss und will
sich ein Kind darauf verlassen können, dass sich möglichst wenig verändert.
Die folgende Schilderung eines Tagesablaufes ist als "idealtypisch"
zu betrachten und der eine oder andere wird sie als übertrieben ansehen.
Die hier zusammengetragenen Entwicklungsfördernden Strukturelemente könnten
von jeder Mutter und jedem Vater unabhängig von sozialem Status oder Lebensort
im Familienalltag beachtet werden.
Sicher sind im Alltag einer jeden Familie
andere regelhafte Abläufe üblich: worauf es ankommt ist, dass es sie
gibt!
Freundlich
wird das Kind jeden Morgen rechtzeitig geweckt. Mit Mutter und Vater oder wer
immer die Hauptbezugsperson für das Kind ist, wird gemeinsam und in aller
Ruhe gefrühstückt und dann das Kind mit dem selbst gerichteten Vesperbrot
auf den Weg zur Schule oder in den Kindergarten gebracht oder geschickt. Kommt
es dann wieder nach Hause, dann freuen sich Mutter oder Vater über das Wiedersehen,
sie hören zu, was das Kind zu erzählen hat, zeigen Verständnis
für Probleme, die das Kind mit nach Hause bringt und auch dafür, dass
das Kind nicht immer begeistert ist von dem, was es heute zum Mittagessen gibt.
Sie trösten das Kind, wenn es traurig ist, weil etwas nicht gelang. Abends
geht das Kind stets zur gleichen altersgemäß gestaffelten Zeit in sein
Zimmer. Wenn die Eltern hier freundlich und mit ruhiger Bestimmtheit auf Regelmäßigkeit
und Pünktlichkeit achten, Ausnahmen für das Kind erkennbare Ausnahmen
bleiben und keine hektische Atmosphäre in der Familie herrscht, sind kaum
Schwierigkeiten zu erwarten. Nicht einmal das Fernsehen wird zu einem Problem,
wenn die Eltern selbst darauf verzichten, solange das Kind um sie herum ist. Überhaupt
gilt in allem, dass das, was ich vom Kind erwarte, selbst zuverlässig tue,
weil Vorbild die beste Erziehung ist. Die meisten der Grenzen, die wir dem Kind
setzen müssen, sind ohnedies Regeln, die auch für Erwachsene verbindlich
sind. Von dieser gemeinsamen Verbindlichkeit her lassen sich Regeln auch am besten
begründen.
Liegt das Kind im Bett, setzen sich Mutter oder Vater zu ihm
und verweilen noch ein bisschen. Auch bei mehreren Kindern ist das möglich.
Vielleicht wird noch eine Geschichte vorgelesen oder ein Bilderbuch angeschaut.
Wenn aber die Kinder älter werden, ist der Abend die beste Zeit, Probleme
zu erörtern und Differenzen ins Reine zu bringen. Die Eltern achten darauf,
dass ihr Kind nicht einschläft, bevor nicht die gelegentlich unausbleiblichen
Konflikte zwischen Eltern und Kind bereinigt sind. Das Kind bleibt erst dann allein
in der Wohnung (bei Tag und in der Nacht), wenn es von seiner Reife her das Alleinsein
gut verkraftet. Das Kind muss sich auf seine Eltern verlassen können, d.
h., die Eltern sind immer da für das eigene Kind. Je jünger das Kind
ist, umso mehr braucht es diese Verlässlichkeit, aus der heraus das "Urvertrauen"
wächst. Nur wenn eine dem Kind vertraute Person als Ersatz zur Verfügung
steht, dürfen es die Eltern in einem vorher gemeinsam vereinbarten zeitlichen
Umfang verlassen.
Wichtig
ist, und das soll noch einmal betont werden, dass ein Kind regelhafte
Abläufe erlebt und als hilfreich und zweckmäßig erfährt. Dass unter
anderem regelmäßige und gemeinsame Mahlzeiten eine wichtige Gelegenheit
für die Familie sind, "eng zusammenzuwachsen und den Kindern
Geborgenheit und Sicherheit zu vermitteln", darauf deutete auch die
Hebamme Janis Schedlich in ihrer Schrift: "Von der Milch zum Brei. So
ernähren Sie ihr Baby von Anfang an gesund" (München 2009, S. 10).
Abweichungen
von Regeln aber sollten für das Kind als Ausnahmen erkennbar sein.
Auch
Ordnungsvollzüge gehören dazu. Es werden ja in jeder Familie eigene
Ordnungsvollzüge gelebt, und dagegen ist auch nichts einzuwenden. Viele von
uns würden, müssten sie allmorgendlich ihre Kleidungsstücke aus
einem Kleiderberg heraussuchen, der in einer Ecke des Zimmers herumliegt, in Panik
geraten. Allein die Vorstellung, das, was sie täglich brauchen, nicht an
seinem·Platz zu finden, lassen sie schaudern. Man muss keineswegs ein Ordnungsfanatiker
sein. Irgendwann in unserem Leben aber haben wir erfahren, wie Nerven aufreibend
es sein kann, zum Beispiel den Schlüsselbund mit Haustür- und Autoschlüssel
zu suchen oder gar den Geldbeutel, in dem sich ja auch noch der Personalausweis
und andere Dokumentenkärtchen befinden. Jedem, dem es so erging, kann gut
die Aufregung nachempfinden, die sich einstellt und die umso größer
ist, je eiliger wir es haben. Nicht Wenige von uns legen n darum den Schlüssel
oder den Geldbeutel immer an den gleichen Platz sobald sie die Wohnung betreten
und noch ehe sie etwas anderes tun. Und sollte mal irgendetwas dieses Ritual stören,
dann kann es passieren, dass wir bei der nächsten Gelegenheit ins Leere greifen
und wir uns dann nicht mehr erinnern können, wo die Utensilien nun abgeblieben
sind. Dann beginnt die Aufregung wieder.
Wir
Menschen brauchen ganz einfach derartige verlässliche Orientierungen in unserem
Alltag. Sie helfen uns, Zeit zu sparen und Kopf und Seele frei zu halten für
bedeutsamere Leistungen.
Für
eine positive Entwicklung unserer Kinder sind derartige verlässliche Orientierungen
von besonders großer Bedeutung. Es hat uns schon Maria Montessori (Kinder
sind anders. Stuttgart 1959, S. 122 ff) auf dieses erstaunliche Phänomen
hingewiesen, als sie entdeckte, wie außerordentlich wichtig es für
Kinder ab etwa dem zweiten Lebensjahr ist, in Bezug auf die Ordnung der Dinge
und die Zeit alles verlässlich und immer "gleich" zu erleben.
Denken
wir zum Beispiel nur an die "festen" Plätze unserer Kinder am Familientisch.
Sie würden es ja nicht einmal tolerieren, wenn Mutter und Vater die Plätze
wechseln. Vor allem, wenn Veränderungen anstehen, können sie sich auf
unsere Kinder dramatisch auswirken.
Da
stand zum Beispiel schon bevor die Kinder geboren waren, der "rote Sessel"
im Wohnzimmer und war mit den Jahren, in denen die Kinder auf diesem Möbelstück
gern herumtobten, immer unansehnlicher geworden. Die Eltern beschlossen, ihn neu
beziehen zu lassen. Dass er aber auch einen andersfarbigen Bezug erhalten sollte,
das hatten die Kinder nicht mitbekommen. Als die Kinder eines Tages aus der Schule
kamen und statt des roten einen grünen Sessel vorfanden, war die Empörung
gewaltig. Der Älteste, er war damals acht Jahre alt, weinte sogar bitterlich.
Die Eltern bekamen ein ganz schlechtes Gewissen.
Den
Kindern ist also wichtig, dass Vertrautes erhalten bleibt. Sie nehmen Veränderungen
wie Umzüge oder andere Möbelstücke mit anderer Verteilung im Raum
nur ungern in Kauf. Nur wenn wir sie frühzeitig, am besten schon bei Vorüberlegungen,
mit in bevorstehende Veränderungsprozesse einbeziehen, dann können sie
das verkraften und sich sogar darauf freuen, weil sie sich mit eigenen Ideen konstruktiv
beteiligen durften.
Gehen
unsere Kinder in Kindergarten und Schule, erhält das natürliche Bedürfnis
nach Ordnung und Orientierung eine zusätzliche Gewichtung, da es eng mit
der Lernlust und dem Leistungsstreben korrespondiert. Beide werden gefördert,
wenn ein Kind stets seine Arbeitsmaterialien vollständig beisammen hat und
auch weiß, wo sie sich im Schulranzen, daheim im Kinderzimmer oder im Gruppenraum
beziehungsweise im Klassenzimmer befinden. Ein Schulkind, das während des
Unterrichts keine Schreibutensilien "findet" oder daheim zum wiederholten
Male feststellen muss, dass es Bücher und Hefte in der Schule hat liegen
lassen, wird bald auch seine Hausaufgaben vergessen. Eltern und Erzieher sind
in der Pflicht für jene Ordnungsvollzüge zu sorgen, die ein Kind gleichsam
vom beschämend-frustrierenden Suchen "befreit" und seine Kraft
für das bedeutsamere Arbeiten aufspart. Es gibt aber Kinder und Erwachsene,
die finden gleich alles, was sie brauchen auch dort noch, wo andere nur ein Durcheinander
wahrnehmen. Das zeigt uns, dass eben jeder Mensch seine eigene "Ordnung"
hat. Wichtig ist nicht die Ordnung an sich, sondern eine, die ihren Zweck erfüllt
und uns vor unnötigem Verschleiß seelischer oder geistiger Energie
bewahrt. So lässt sich beschreiben, was mit "sinnvoller" Ordnung
gemeint ist.
Eine
Erweiterung erfährt im gleichen Zusammenhang der Ordnungsbegriff, wenn wir
auf die Normen und Regeln des menschlichen Zusammenlebens schauen. Sie sind in
Verfassungstexten, in Gesetzen, in Richtlinien und in sehr unterschiedlichen "Ordnungen"
enthalten. Denken wir nur an "Hausordnungen" oder "Schulordnungen".
Wenn wir am Sinn und Zweck derartiger Absprachen oder Anordnungen unseres Gemeinschaftslebens
zweifeln, dann sollten wir uns nur einmal ausmalen, was geschähe, wenn wir
sie nicht hätten. Dann bräche das Chaos aus. Darum setzen wir Menschen
an die Stelle des Chaos die regelhaften Strukturen des Gemeinschaftslebens und
ermöglichen auf diese Weise, uns in deren Rahmen relativ störungsfrei
zu begegnen. Wir müssen zum Beispiel nicht bei jedem Neuzugang in unser Arbeitsteam
oder Kollegium die Regeln unseres Zusammenlebens neu verhandeln. Wir sparen also
wieder Zeit und Energie, da wir uns auf das verlassen können, was in diesem
sozialen Feld beziehungsweise in dieser Institution gilt.