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Schriften zur Erziehung und Bildung im WWW
von Dr. Joachim Rumpf

 

Das Bedürfnis geliebt zu sein

 

Im Grunde handelt es sich um "Liebe", die wir dem Kind über unsere sorgende Anwesenheit, über unsere verlässliche Existenz (ich bin für dich da, wenn du mich brauchst; ich verlasse dich nicht) und über den Schutz (ich passe auf dich auf; ich helfe dir,) vermitteln. Mit elterlicher Liebe ist eigentlich alles gemeint, was hier beschrieben wird. Es wird damit deutlich, dass Liebe nicht nur ein unbestimmtes Gefühl oder gar nur eine Gefühlsaufwallung ist. Ganz im Gegenteil: Kinder fühlen sich besonders betrogen, wenn sie gelegentlich, so aus einer Stimmung heraus, mit Zärtlichkeiten überschüttet werden, Zuwendung und Zeit aber vermissen müssen. Liebe ließe sich also auch mit den drei "Z" umschreiben:
Zärtlichkeit, Zuwendung und Zeit!

Dennoch ist es nicht leicht zu erklären, was elterliche Liebe ist oder worin sie sich unterscheidet von der Liebe zwischen Mann und Frau. "Liebe ist Verantwortung" sagt Martin Buber und entspricht damit am ehesten jener Grundgesetzformulierung in der es heißt:
"Pflege und Erziehung der Kinder sind das natürliche Recht der Eltern und die zuvörderst ihnen obliegende Pflicht".
Für mich liegt die Betonung auf "zuvörderst ihnen", eine Akzentuierung, die allen Ausführungen auf diesen Seiten über die Erziehung und Bildung von Kindern stets mitzudenken ist.

Im Familienalltag spielt die Zeit, die wir unseren Kindern widmen, eine große Rolle. Alles Leben vollzieht sich in Zeit, lässt sich in Zeit messen. Wenn wir uns unseren Kindern zuwenden, mit ihnen essen, spielen, sprechen, etwas unternehmen oder ihnen zuhören, gelegentlich auch mit ihnen einen Film anschauen, dann geben wir ihnen (und sie uns) Zeit. Und allein an dieser Gabe können unsere Kinder gleichsam unsere Liebe erkennen. Materielle Zuwendungen können fehlende Zeit für unsere Kinder nicht aufwiegen. Vielmehr stehen an erster Stelle unserer Zuwendungen jene, die kein Geld kosten. Die meisten von uns haben einen Arbeitsplatz. Mütter und Väter, die um ihrer Selbsterhaltung und der Versorgung ihrer Kinder wegen, außer Haus Geld verdienen gehen, haben irgendwann Feierabend, arbeitsfreie Wochenenden und Urlaub. Und diese Zeiten gehören dem gemeinsamen "Tun" - und keineswegs nur dem gemeinsamen "Schauen" - mit den Kindern. Elternverantwortung zeigt sich im Alltag vor allem darin, dass Eltern auf die Bedürfnisse ihrer Kinder "antworten". Das kann in vielfältiger Weise geschehen. Auch dort, wo wir unsere Kinder in die Pflichten für Wohnung, Haus oder Garten mit einbinden und gemeinsam mit ihnen schaffen. Verantwortungslos handeln Eltern, wenn sie an ihren Kindern vorbei oder neben ihnen her leben.

Die Berücksichtigung dessen, was Kinder brauchen, wenn sie ein stabiles Fundament für ihr Leben erhalten sollen, zeigt uns also aus verschiedenen Perspektiven, was Eltern und Berufserzieher alles zu leisten haben. Hier und da sind derartige Leistungen Opfer, die mit jenem Verzicht zu vergleichen sind, die Eltern ihren Kindern in Notzeiten bringen, wenn sie eigene elementare Bedürfnisse zu Gunsten ihrer Kinder hintanstellen.

 

Können aber alle Eltern ihren Kindern die Liebe entgegenbringen, die sie brauchen? Wer viel mit Kindern zu tun hat, bei denen erhebliche Störungen in der seelischen und sozialen Entwicklung zu beobachten sind, kann bestätigen, dass es Mütter und Väter gibt, die selbst dann, wenn sie es eigentlich wollen, nicht die Kraft aufbringen (können), die sie für ihre Kinder brauchten.

Anita ist zwölf Jahre alt und lebt mit ihrer Mutter zusammen. Der Vater ist ausgezogen. Anita will auch weg. Die Mutter ist ganz verzweifelt. Sie hätte doch so gern eine heile Familie und am liebsten noch ein oder zwei Kinder. Sie selbst hatte nichts gelernt und arbeitet als Bedienung in einem Lokal im Schichtbetrieb. Sie ist mit Anfang dreißig noch jung und sieht auch gut aus. Und nun sitzen beide in der Beratungsstelle und weinen, nachdem die Mutter lange ihr Leid "mit dem Kind" klagte und ihr Unverständnis über den Unwillen ihres Kindes, mit ihr Leben und Wohnung teilen zu wollen äußerte. "Das Kind", "mein Kind" oder "Kind" - eine andere Bezeichnung hört die Fachkraft nicht von der Mutter, die nicht einmal ihre pubertierende Tochter mit Namen ansprach,- hatte mit den Eltern und dann mit der Mutter mehrere Wohnungs- und Schulwechsel hinter sich und verweigerte schließlich alle schulische Anforderungen. Während einer stationären Jugendhilfemaßnahme erwies es sich, dass Anita gut integrierbar, sozialfähig und leistungsbereit sein kann. Irgendeine Förderung hatte sie nicht nötig. Was sie brauchte war ein anderes soziales Umfeld.
Warum klappte es mit der Mutter nicht? Die Beobachtungen von den Fachkräften in der Beratungsstelle und im Heim stimmten mit der Selbsteinschätzung der Mutter überein: Sie kann keine körperliche Nähe ertragen, keine Zärtlichkeit zeigen und nur lachen und weinen, wenn es um sie selbst - also die eigene Freude und das eigene Leid - geht. Anita aber braucht Wärme, menschliche Nähe, will an die Hand und in den Arm genommen werden. Zärtliche Gesten, die ihr die Zuneigung und damit zugleich Liebe signalisieren, die sie während ihres kurzen Heimaufenthaltes bei ihren Erzieherinnen erfuhr und auf die sie mit Wohlverhalten reagierte und die die in ihr ruhenden Potenzen weckten, muss sie bei der Mutter entbehren.
"Das kann ich nicht" sagt die Mutter. "Ich will das auch nicht. Und damit basta..".

Eine tragische Situation. Sie führt uns vor Augen, wie wichtig Zärtlichkeit und die damit verbundene liebevolle Zuwendung sind. Nehmen wir noch hinzu, dass die Mutter von Anita nur wenig Zeit hatte und vielleicht gerade in jenen Momenten, in denen sie für ein Gespräch oder eine Antwort gebraucht wurde Dienst hatte oder aber erschöpft abwinkte, dann wundert es nicht, dass Anita lieber da war, wo sie Zuwendung, Zärtlichkeit und Zeit für sie erlebte. Gewiss kann die professionelle Liebe von Berufspädagogen zu Kindern Elternliebe nicht ersetzen. Wo diese aber ausfällt, sind Heranwachsende dankbar für jedes Angebot aus ihrem sozialen Umfeld, das ihnen die Zärtlichkeit, Zuwendung und Zeit und Liebe gibt, die sie selbst brauchen und zulassen.

Der Freiburger Oberarzt Professor Dr. Joachim Bauer bestätigte mit seinen Forschungen, dass die Beziehungen von Eltern zu ihren Kindern von herausragender Bedeutung für eine gesunde Entwicklung sind. Er spricht von der "Erfahrung des Geliebt - Werdens ohne Bedingungen". Seine Forschungen über Ursachen depressiver Gesundheitsstörungen führten zu den Ergebnissen, dass eine Quelle des menschlichen Selbstwertgefühls die Erfahrung der bedingungslosen Liebe im Kindesalter ist. Defizite in diesem Feld der zwischenmenschlichen Beziehungen, begünstigen die Herausbildung depressiver Krankheitsbilder. In diesem Zusammenhang ist besonders an unsere ganz kleinen Kinder zu denken und zu fragen: Kann man ein Kind auch zu sehr verwöhnen? „Nein, ganz kleine Kinder kann man gar nicht verwöhnen… Das gilt für das gesamte erste Lebensjahr…“ Luzia Melder und Martina Brehm vom Sozialpädiatrischen Zentrum in Freiburg (vgl. dazu ein Interview in der Badischen Zeitung vom 10. November 2014 in der Badischen Zeitung Freiburg, S. 10).

An einem anderen Verständnis von elterlicher Liebe soll dieses Bedürfnis noch einmal unterstrichen werden: In manchen Familien richtet noch heute der Spruch "Wer sein Kind liebt, der züchtigt es" große seelische Schäden an.
Kinder kommen mit Versagungen, Verboten oder gar Strafen und Züchtigungen überhaupt nicht zurecht, wenn sie sich der liebenden Fürsorge ihrer Eltern nicht sicher sind. Und mit jeder Gewalt, die wir ihnen antun, verunsichern wir sie mehr, so dass sie sich am Ende ungeliebt fühlen.
Wenigstens ebenso dramatisch wirken sich wechselhafte erzieherische Verhaltensweisen, instabile Beziehungen zwischen den Eltern und andere Verletzungen elementarer kindlicher Bedürfnisse aus. Eines Tages wird dann aus Gewaltphantasie Gewalttätigkeit, aus dem Wunsch nach Schutz und Geborgenheit Abneigung und Hass. Diese, die Persönlichkeit unserer Kinder schwer belastenden Erfahrungen, richten sich als Aggressionen gegen sich selbst und/oder nach außen; sie führen aber auch zu völliger Resignation und zur Suche nach Ersatz.
Immer aber gehen die Gewalterfahrungen aus der Kindheit ein in unsere Erinnerungen und wirken sich auf unsere Persönlichkeit aus. Nicht immer müssen wir selbst gewalttätig werden. Wohl aber tragen wir nicht leicht an den Schlägen und seelischen Verletzungen, die wir in der Kindheit erfahren haben. Auch dann nicht, wenn wir sie aus unserem Gedächtnis verbannten.
Eine Oma erzählte, dass sie "es" als junges Mädchen (etwa im Ersten Weltkrieg) noch mit dem Stock des Vaters bekommen hatte, wenn sie zu spät nach Hause kam.
Sie verzichtete darum in den dreißiger Jahren darauf, ihre Kinder mit einem Stock zu züchtigen. Die bekamen "nur" noch Schläge mit der Hand.
Dieses Beispiel muss so, wie ich es hier darstelle nicht repräsentativ (also verallgemeinerbar) sein. Es sollte uns aber zu denken geben! Denn aggressive Eltern, Eltern also, die ihre Kinder schlagen oder demütigen, können bei dem einen Kind zwar erreichen, dass es sich duckt und "brav" wird, weil es Angst vor den elterlichen Strafen bekommt. Nicht selten aber werden derartige Strafen wenig bewirken und können sogar Kinder aggressiver machen, als sie es ohne die Gegenaggression der Eltern wären. Die Kinder machen nach, was sie erleben. Mutter oder Vater sind zum aggressionsförderndem Vorbild geworden.
Das muss nicht so bleiben. Wir kennen alle Erwachsene, vielleicht gehören wir selbst zu ihnen, die sich schworen, ihre eigenen Kinder nicht mehr zu schlagen. Die Schläge aus der Kindheit "brennen" noch so sehr, dass wir den eigenen Kindern diese Erfahrungen ersparen möchten. Unsere eigene Erinnerung ist im Grunde unser bester Lehrmeister. Dieser Lehrmeister verhilft manchen Eltern zu der Kraft, in ihrem Bemühen durchzuhalten und es anders zu machen als die eigenen Eltern.

Die Rivalität unter Geschwistern ist ein weiteres innerfamiliäres Konfliktfeld, das sich aus der Befürchtung der Kinder speist, nicht geliebt zu werden.
Der Platz in der Geschwisterreihe wirkt sich aus. Jedes Kind fühlt sich durch ein nachfolgendes Geschwisterchen aus seinen Rechten verdrängt und reagiert darauf mit Eifersucht, die sich jedoch nicht immer in Aggressionen gegen den Eindringling äußern muss. Es gibt Kinder, die fallen in bereits überwundene frühkindliche Verhaltensweisen zurück, wenn sie wieder am Daumen lutschen, einnässen oder unruhiger und widersetzlicher werden. Wenn dann noch die Eltern die Situation missverstehen und das Kind bestrafen, dann fühlt es sich bestätigt in seiner Vermutung, dass das neue Kind ihm die Liebe von den Eltern weggenommen hat. Wenn ein Kind befürchtet, die Liebe und die Beachtung seiner Eltern zu verlieren, dann wird es mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln um elterliche Zuwendung kämpfen. Und wenn das nicht durch Wohlverhalten geht, dann eben im Bösen. Aggressivität und Zerstörungswut haben nicht selten darin ihre Ursachen. Und wenn die Mutter hundertmal sagt: "Ich habe dich genau so lieb, wie deine Schwester, deinen Bruder...", reden nützt nicht viel. Beweise braucht das Kind und die sind Zärtlichkeit, Zuwendung und Zeit.

Die andere Quelle von Aggressionen, sie sei gleich hier mit genannt, ist die fehlende Anerkennung eigener Leistungen durch Andere. Auf dieses Grundbedürfnis wird im nächsten Abschnitt eingegangen.

Um kein Missverständnis aufkommen zu lassen, soll noch einmal ausdrücklich betont werden, dass es sich bei diesen Ausführungen um einen Versuch handelt, dem Phänomen "elterliche Liebe" etwas näher zu kommen. Liebe im zwischenmenschlichen Bereich, so, wie wir sie als Liebe zwischen Mann und Frau oder ganz allgemein als "Menschenliebe" bezeichnen, spricht andere Dimensionen unseres Fühlens und Verhaltens an. Und wieder anderer Natur sind alle zwischenmenschlichen Kontakte, die auf Ausgleich beruhen, auf ein ausgewogenes Geben und Nehmen oder auf die Erwartung, dass das Lächeln, das wir aussenden stets zu uns zurückkommt, wie ein chinesisches Sprichwort sagt. Im Alltag aber werden sich nicht selten die hier angesprochenen Elemente unseres Verhaltens vermischen.

 

 

 

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