Können
aber alle Eltern ihren Kindern die Liebe entgegenbringen, die sie brauchen? Wer
viel mit Kindern zu tun hat, bei denen erhebliche Störungen in der seelischen
und sozialen Entwicklung zu beobachten sind, kann bestätigen, dass es Mütter
und Väter gibt, die selbst dann, wenn sie es eigentlich wollen, nicht die
Kraft aufbringen (können), die sie für ihre Kinder brauchten.
Anita
ist zwölf Jahre alt und lebt mit ihrer Mutter zusammen. Der Vater ist ausgezogen.
Anita will auch weg. Die Mutter ist ganz verzweifelt. Sie hätte doch so gern
eine heile Familie und am liebsten noch ein oder zwei Kinder. Sie selbst hatte
nichts gelernt und arbeitet als Bedienung in einem Lokal im Schichtbetrieb. Sie
ist mit Anfang dreißig noch jung und sieht auch gut aus. Und nun sitzen
beide in der Beratungsstelle und weinen, nachdem die Mutter lange ihr Leid "mit
dem Kind" klagte und ihr Unverständnis über den Unwillen ihres
Kindes, mit ihr Leben und Wohnung teilen zu wollen äußerte. "Das
Kind", "mein Kind" oder "Kind" - eine andere Bezeichnung
hört die Fachkraft nicht von der Mutter, die nicht einmal ihre pubertierende
Tochter mit Namen ansprach,- hatte mit den Eltern und dann mit der Mutter mehrere
Wohnungs- und Schulwechsel hinter sich und verweigerte schließlich alle
schulische Anforderungen. Während einer stationären Jugendhilfemaßnahme
erwies es sich, dass Anita gut integrierbar, sozialfähig und leistungsbereit
sein kann. Irgendeine Förderung hatte sie nicht nötig. Was sie brauchte
war ein anderes soziales Umfeld.
Warum klappte es mit der Mutter nicht? Die
Beobachtungen von den Fachkräften in der Beratungsstelle und im Heim stimmten
mit der Selbsteinschätzung der Mutter überein: Sie kann keine körperliche
Nähe ertragen, keine Zärtlichkeit zeigen und nur lachen und weinen,
wenn es um sie selbst - also die eigene Freude und das eigene Leid - geht. Anita
aber braucht Wärme, menschliche Nähe, will an die Hand und in den Arm
genommen werden. Zärtliche Gesten, die ihr die Zuneigung und damit zugleich
Liebe signalisieren, die sie während ihres kurzen Heimaufenthaltes bei ihren
Erzieherinnen erfuhr und auf die sie mit Wohlverhalten reagierte und die die in
ihr ruhenden Potenzen weckten, muss sie bei der Mutter entbehren.
"Das
kann ich nicht" sagt die Mutter. "Ich will das auch nicht. Und damit
basta..".
Eine
tragische Situation. Sie führt uns vor Augen, wie wichtig Zärtlichkeit
und die damit verbundene liebevolle Zuwendung sind. Nehmen wir noch hinzu, dass
die Mutter von Anita nur wenig Zeit hatte und vielleicht gerade in jenen Momenten,
in denen sie für ein Gespräch oder eine Antwort gebraucht wurde Dienst
hatte oder aber erschöpft abwinkte, dann wundert es nicht, dass Anita lieber
da war, wo sie Zuwendung, Zärtlichkeit und Zeit für sie erlebte. Gewiss
kann die professionelle Liebe von Berufspädagogen zu Kindern Elternliebe
nicht ersetzen. Wo diese aber ausfällt, sind Heranwachsende dankbar für
jedes Angebot aus ihrem sozialen Umfeld, das ihnen die Zärtlichkeit, Zuwendung
und Zeit und Liebe gibt, die sie selbst brauchen und zulassen.
Der
Freiburger Oberarzt Professor Dr. Joachim Bauer bestätigte mit seinen Forschungen,
dass die Beziehungen von Eltern zu ihren Kindern von herausragender Bedeutung
für eine gesunde Entwicklung sind. Er spricht von der "Erfahrung des
Geliebt - Werdens ohne Bedingungen". Seine Forschungen über Ursachen
depressiver Gesundheitsstörungen führten zu den Ergebnissen, dass eine
Quelle des menschlichen Selbstwertgefühls die Erfahrung der bedingungslosen
Liebe im Kindesalter ist. Defizite in diesem Feld der zwischenmenschlichen Beziehungen,
begünstigen die Herausbildung depressiver Krankheitsbilder.
An einem
anderen Verständnis von elterlicher Liebe soll dieser Zusammenhang noch einmal
verdeutlicht werden: In manchen Familien richtet noch heute der Spruch "Wer
sein Kind liebt, der züchtigt es" große seelische Schäden
an.
Kinder kommen mit Versagungen, Verboten oder gar Strafen und Züchtigungen
überhaupt nicht zurecht, wenn sie sich der liebenden Fürsorge ihrer
Eltern nicht sicher sind. Und mit jeder Gewalt, die wir ihnen antun, verunsichern
wir sie mehr, so dass sie sich am Ende ungeliebt fühlen.
Wenigstens ebenso
dramatisch wirken sich wechselhafte erzieherische Verhaltensweisen, instabile
Beziehungen zwischen den Eltern und andere Verletzungen elementarer kindlicher
Bedürfnisse aus. Eines Tages wird dann aus Gewaltphantasie Gewalttätigkeit,
aus dem Wunsch nach Schutz und Geborgenheit Abneigung und Hass. Diese, die Persönlichkeit
unserer Kinder schwer belastenden Erfahrungen, richten sich als Aggressionen gegen
sich selbst und/oder nach außen; sie führen aber auch zu völliger
Resignation und zur Suche nach Ersatz.
Immer aber gehen die Gewalterfahrungen
aus der Kindheit ein in unsere Erinnerungen und wirken sich auf unsere Persönlichkeit
aus. Nicht immer müssen wir selbst gewalttätig werden. Wohl aber tragen
wir nicht leicht an den Schlägen und seelischen Verletzungen, die wir in
der Kindheit erfahren haben. Auch dann nicht, wenn wir sie aus unserem Gedächtnis
verbannten.
Eine Oma erzählte, dass sie "es" als junges Mädchen
(etwa im Ersten Weltkrieg) noch mit dem Stock des Vaters bekommen hatte, wenn
sie zu spät nach Hause kam.
Sie verzichtete darum in den dreißiger
Jahren darauf, ihre Kinder mit einem Stock zu züchtigen. Die bekamen "nur"
noch Schläge mit der Hand.
Dieses Beispiel muss so, wie ich es hier darstelle
nicht repräsentativ (also verallgemeinerbar) sein. Es sollte uns aber zu
denken geben! Denn aggressive Eltern, Eltern also, die ihre Kinder schlagen oder
demütigen, können bei dem einen Kind zwar erreichen, dass es sich duckt
und "brav" wird, weil es Angst vor den elterlichen Strafen bekommt.
Nicht selten aber werden derartige Strafen wenig bewirken und können sogar
Kinder aggressiver machen, als sie es ohne die Gegenaggression der Eltern wären.
Die Kinder machen nach, was sie erleben. Mutter oder Vater sind zum aggressionsförderndem
Vorbild geworden.
Das muss nicht so bleiben. Wir kennen alle Erwachsene, vielleicht
gehören wir selbst zu ihnen, die sich schworen, ihre eigenen Kinder nicht
mehr zu schlagen. Die Schläge aus der Kindheit "brennen" noch so
sehr, dass wir den eigenen Kindern diese Erfahrungen ersparen möchten. Unsere
eigene Erinnerung ist im Grunde unser bester Lehrmeister. Dieser Lehrmeister verhilft
manchen Eltern zu der Kraft, in ihrem Bemühen durchzuhalten und es anders
zu machen als die eigenen Eltern.