Beschreibung: D:\Homepages\rumpfs-paed_de\logokoop.jpg

Schriften zur Erziehung und Bildung im WWW
von Dr. Joachim Rumpf

 

KINDER IN NOT

 

 

Warum Hilfsangebote nicht frühzeitig genug wahrgenommen werden können

 

Die durch Massenmedien geförderte Aufregung in der Öffentlichkeit ist groß Immer häufiger werden Kinder zu Opfern häuslicher Gewalt. Und immer lauter wird der Ruf nach frühzeitiger Intervention beziehungsweise Hilfen für die betroffenen Familien. Es entsteht sogar der Eindruck, dass die für die Hilfen in Familien vom Gesetz her zuständigen Fachleute, die Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter in den Jugendhilfebehörden (Jugendämtern) schlafen würden oder sich auf andere Weise um ihre Verantwortung drücken würden. Und keine Stimme hebt sich – oder wird vielleicht sogar von Seiten der Verantwortlichen in den Medien bewusst überhört, die zu diesem Problem ein aufklärendes Wort sagt. Ich will es dennoch versuchen. Vielleicht hört diesmal jemand.

Ich berufe mich in diesen meinen Anmerkungen zum Problem der frühzeitigen Hilfen für Kinder in Familien auf vieljährige hauptberufliche und ehrenamtliche Erfahrungen in Arbeitsfeldern der Jugendhilfe. Meine Erkenntnisse fasse ich in die folgenden kurzen Statements.

 

1.
Wir brauchen keine neue Gesetze und Verordnungen, um Kindern in Not zu helfen.

Sinn und Zweck aller Leistungen, die im SGB VIII (Kinder-und Jugendhilfegesetz  / KJHG) für Familien und deren Kinder vorgesehen sind, dienen der Stärkung der Erziehungsverantwortung der Personensorge oder Erziehungsberechtigten. In der Regel also den Eltern und ihren Kindern. Vor allem in den §§ 16 bis 20 sind diese Hilfen beschrieben.

Die Gesamtverantwortung der örtlichen Jugendämter mit ihren Jugendhilfeausschüssen, alle erforderlichen Maßnahmen zu treffen, um – wie in unserem Beispiel – Kindern in Not und ihren Familien zu helfen, ist in diesem Gesetz eindeutig benannt.

 

2.
Gremien, in denen die verschiedenen für das Wohl aller Kinder verantwortlichen Institutionen zusammenarbeiten gibt es bereits.

 

Neben den Jugendhilfeausschüssen gibt es in Städten und Landkreisen Arbeitskreise, in denen Informationen ausgetauscht, Hilfen und andere Aktivitäten initiiert, koordiniert und manchmal auch evaluiert werden. Zu denken ist an Arbeitskreise, die sich der Frühförderung von Kindern, der Suchtprophylaxe oder der Kooperation zwischen Kindergarten und Grundschule widmen (s. u. 6.3!). Eine wichtige Voraussetzung für das erfolgreiche Zusammenwirken der unterschiedlichen Leistungsträger ist einen Konsens darüber zu erreichen, was Kindern in ihrer Entwicklung schadet oder hilft.

 

3.
Die Inhalte des Kindeswohls sind hinreichend erforscht und definiert.

Für alle, die mit Kindern beruflich zu tun haben einschließlich Medizinern und Juristen liegen gründliche Untersuchungen darüber vor, was Kinder zu ihrem Gedeihen brauchen beziehungsweise was ihnen schadet. Eine besonders informative, leicht lesbare und maßgebliche Zusammenfassung der Grundbedürfnisse von Kindern, unter Berücksichtigung auch der neueren Forschungsergebnisse, findet seit mehreren Jahren jeder Interessierte im Internet unter www.rumpfs-paed.de. Dort gibt es eine Fülle an Literaturhinweisen und Berichten zu den hier angeschnittenen Gegenständen. Besonders an die Adresse von für Eltern richtet sich eine Fülle an gut lesbaren Ratgebern und in vielen Landkreisen und Städten gibt es viele Bildungsangebote (Elternseminare, Gesprächskreise für Eltern) verschiedenster Träger. Hierbei gibt es allerdings die Schwierigkeiten, die Eltern, die besonders angesprochen werden sollten, für die Teilnahme zu gewinnen. Doch auch für die Lösung dieses Problem sind zweckmäßige Vorgehensweisen, veröffentlicht, die nur umgesetzt werden brauchten.
vgl. hierzu auch die Erfahrungen und Empfehlungen aus dem Landkreis Görlitz: http://www.sfws-goerlitz.de/cms/index.php?article_id=43

 

4.
Für die Art und Weise der Erfassung hilfsbedürftiger Kinder, wenigstens ab dem Eintritt in eine Tagesstätte oder Schule gibt es bewährte Konzepte.

Bereits 2003 wurde im „Handbuch für Erzieherinnen“[1] ausführlich über erprobte Wege von Früherkennung und Früherfassung von Verhaltensauffälligkeiten berichtet. Dort auch sind detailliert die Verfahren beschrieben, die geeignet sind, Kindern und ihren Eltern über die jeweils zweckmäßigen Hilfeformen zu informieren, die Verbindungen zu Hilfeangeboten zu knüpfen oder nötigenfalls in bestimmte Familien hinein zu intervenieren.

 

5.
ErzieherInnen in den Kindergärten und LehrerInnen in den Schulen wollen den Kindern in Not helfen.

Die sozialpädagogischen Fachkräfte in den Tageseinrichtungen für Kinder haben Geduld und warten ab, wenn sich die Eltern von Kindern, die Hilfe brauchten, verweigern. Das ist leider sehr häufig der Fall und setzt dem Hilfewunsch Grenzen. Solange die Auffälligkeiten von Kindern noch in einem für die Gruppe erträglichen Rahmen bleiben, schieben die Erzieherinnen und Erzieher in ihrer verzweifelten Hilflosigkeit die ganze Definitionsthematik vor sich her, bis der Übergang zur Grundschule vor der Tür steht. Wenn es eine gute Kooperation zwischen Kindergarten und Grundschule gibt, werden die Kooperationslehrer bei ihren Besuchen im Kindergarten von ganz allein merken, welche „Problemkinder“ auf sie zu kommen. Aber nicht einmal an dieser Nahtstelle reichen die gut gemeinten, von Ministerien mit wissenschaftlicher Begleitung eingerichteten Projekte aus, um den Kindern in Not und ihren Familien die Hilfe angedeihen zu lassen, die dort benötigt werden. Die Folge ist, dass nun die Lehrerinnen und Lehrer in der Grundschule an dem gleichen Dilemma leiden, wie zuvor die Fachkräfte in den Kindergärten.

Es muss festgehalten werden:

 

6.
Ungelöst beziehungsweise unbefriedigend ist die Umsetzung der Hilfen für Kinder und deren Familien in die Praxis.

      Warum ist das so?

      6.1      Wegen Unwissenheit und anderer menschlicher Schwächen

Machen wir die Probe aufs Exempel und fragen wir eine beliebige Sozialarbeiterin / einen Sozialarbeiter, einen Arzt im Gesundheitsamt oder einen Schulleiter und Lehrerinnen und Lehrer, ob ihnen die Veröffentlichungen, auf die ich hier hingewiesen habe, bekannt sind. Die meisten werden den Kopf schütteln. „Was sollen wir denn noch alles lesen?“ – das dürfte die häufigste Reaktion auf diese Frage sein. Dabei ist zu vermuten, dass die Befragten nach Abschluss ihrer Studien überhaupt keine Fachliteratur oder nur wenig lesen. Sie sind also schlichtweg nicht auf dem Laufenden [2].

Eine weitere Schwierigkeit besteht darin, dass wir Menschen sehr empfindlich sind, wenn uns jemand Verhaltensempfehlungen gibt. Besonders in Behördenorganisationen, wie es Ämter oder Schulen nun einmal sind, ist das Bestreben des Einzelnen, sich von jeder als Bevormundung oder Besserwisserei empfundenen Einsicht anderer kompetenter Fachleute zu distanzieren, sehr groß. Auch von Vorgesetzten möchte man sich nicht gern etwas sagen lassen. Viele denken ja von sich,  dass man alles sowieso (besser) wisse.

Supervision oder Fortbildungen zu dieser Problematik können nur dann und dort etwas bewirken, wenn deren Auswirkungen sorgfältig evaluiert bzw. kontrolliert werden.

      6.2      Wegen der Abwehr betroffener Eltern

Es sind häufig gerade die Familien, in denen aus den unterschiedlichsten Gründen die Grundbedürfnisse(das Kinderwohl) von Kindern unzureichend oder gar nicht beachtet werden, die sich einem Dialog mit den Erzieherinnen und Erziehern in Kindergärten oder mit den Lehrerinnen und Lehrern in den Grundschulen verweigern. Jede Andeutung eines möglichen Hilfebedarfs wird zurückgewiesen und im Regelfalle mit völligem Kontaktabbruch beantwortet. Und ohne Mitwirkung von Eltern bzw. ihrem Einverständnis stoßen Hilfsbemühungen an enge Grenzen.

 

      6.3.    Wegen ungelöster Verantwortlichkeiten.

Zu diesem Problem gesellt sich das der ungelösten Verantwortlichkeiten. Zu denken ist da an die oben unter „2“ erwähnten „Gremien“, die es in ausreichender Zahl gibt. Das heißt, alle Verantwortlichen - wie zum Beispiel die Vertreter von Jugendamt, Familiengericht, Sozialamt, Suchtbeauftragte und Frühförderstellen, Erziehungsberatung, Schulamt, Träger von Kindertagesstätten - kommen in ihrer Region mehrmals im Jahr zusammen. Ihre Aufgabe in diesen Arbeitsgruppen, wie z. B. die der „Früherkennung und Frühförderung“ ist es u. a. Wege zur Hilfe zu organisieren, zu koordinieren und das Zusammenwirken zu sichern. Doch bei der Umsetzung hapert es. Ganz abgesehen davon, dass jede/jeder von ihnen unterschiedliche Auffassungen darüber haben kann, wann Hilfe geboten ist (wann also das Kindeswohl gefährdet erscheint) und niemand einsehen wird, ein bestimmtes Modell als verbindlich für sich und seine Dienststelle anzuerkennen und als Richtschnur des eigenen Handelns zu machen, werden alle unisono auf die begrenzten materiellen und personellen Kapazitäten verweisen. Und damit bin ich beim letzten Problem:

 

      6.4      Wegen fehlender materieller und personeller Voraussetzungen

Ich gehe noch einmal zurück auf die Strategie der Früherkennung von Auffälligkeiten bei Kindern, die einen Hilfebedarf signalisieren könnten. Selbst wenn Fachkräfte in Krippen, Kindergärten oder Schulen ein Kind als „auffällig“ definieren und bei genauem Hinschauen einen Hilfebedarf annehmen müssen – und das zu können gehört zur Kompetenz jeder dieser Fachkräfte – braucht es eine vertrauensvolle und enge Zusammenarbeit mit der für dieses Quartier, in dem das Kind lebt, zuständige Sozialarbeiterin / Sozialarbeiter. Es ist die Jugendhilfe, die in unserem Gemeinwesen für Hilfen für Kinder und ihre Familien in erster Linie verantwortlich ist beziehungsweise sein sollte. Um diese Verantwortung wahrzunehmen aber müsste eine Sozialarbeiterin / ein Sozialarbeiter in allen Kindertagesstätten und Schulen seines Bezirks bekannt, gleichsam „zu Hause“ sein und bei allen Fachkräften und den Eltern der Kinder Vertrauen und Anerkennung genießen.

Diese Bedingung für frühzeitige Hilfen ist zwar unverzichtbar, erscheint aber angesichts der Realitäten als utopisch. Allein wegen der fehlenden oder unzureichenden Verbindungen zwischen pädagogischen Institutionen einerseits und der öffentlichen Jugendhilfe andererseits, ist ein frühzeitiger Zugang zu Hilfen für Familien erschwert. Um diesem Dilemma etwas auszuweichen, diskutiert man zurzeit in der Öffentlichkeit, medizinische Vorsorgeuntersuchungen und möchte – bewusst oder ungewollt – das ganze Problem den Medizinern (Gesundheitsbehörden) zuschieben. Aber auch hier bleibt die Frage offen, wann und wie erhält eine Gesundheitsbehörde Kenntnis vom Hilfebedarf eines Kindes und was und wie kann diese Behörde reagieren, wenn tatsächlich die Not eines Kindes festgestellt wird. Spätestens dann muss die Jugendhilfe am Hilfeprozess beteiligt werden.

 

Zum Schluss:

Mir erscheint allein die Aufsplitterung von Verantwortlichkeiten, wenn es um die Erziehung und Bildung von Kindern in Not und die entsprechenden familiären Rahmenbedingungen geht, in verschiedene, gleichsam konkurrierende Institutionen als absurd. Was historisch so gewachsen ist, muss nicht so bleiben, wenn es sich im Alltag nicht bewährt. Die Federführung aller Hilfen für Kinder in Not muss vor Ort – also in den Gemeinden – die Jugendhilfebehörde übernehmen, und sie muss für diese Funktion materiell und personell optimal ausgestattet werden.

Juristen sollten prüfen, ob die Rechte von Eltern auch dann unantastbar bleiben müssen, wenn Kinder nachweisbar in Not sind und für diesen Nachweis die Beobachtungen und Schlussfolgerungen von den pädagogischen Fachkräften akzeptieren.

 

 

Dass es Gründe der hier vorgetragenen Art sind, die Bemühungen um frühzeitige Hilfen erschweren oder gar ins Leere laufen lassen, zeigen die beiden folgenden Beispiele aus den neunziger Jahren:


Beispiel 1

Als Mitglied des Kreisjugendhilfeausschusses und dessen Vertreter im Arbeitskreis "Kooperation Kindergarten-Grundschule" wurde ich in den achtziger und neunziger Jahren immer wieder mit Klagen über fehlende frühzeitige Hilfen für Kinder mit einem erhöhten erzieherischen Bedarf konfrontiert. Besonders die Grundschullehrer beklagten, dass sie immer mehr verhaltensauffällige Kinder in die Grundschuleingangsstufe bekommen, deren Familien unter Umständen hätte früher geholfen werden können.

Bei den Fachkräften in den Kindergarten waren die Klagen ebenso heftig. Die Erzieherinnen und Erzieher hätten zwar gerne mehr getan, um den Kindern zu helfen, die sie als auffällig erlebten oder gar als besonders hilfsbedürftig wussten. Den Fachkräften aber fehlte es nicht nur an eigener Handlungskompetenz, den "Problemkindern" angemessene Hilfen im Rahmen ihres Alltagshandelns anzubieten. Sie vermissten besonders geeignete Hilfen von Außen für die betroffenen Familien beziehungsweise die Organisation von Wegen zu Familienunterstützender Beratung und Hilfen. Sie konnten Eltern nur auf die schon damals überlasteten Erziehungsberatungsstellen verweisen.

Es wurde darum ein Konzept erarbeitet, das den raschen und unbürokratischen Zugang zu Fachdiensten, von denen es einige in unserem Landkreis gibt, ermöglichen und die Finanzierung von Hilfen für die betroffenen, in der Regel in materiell ungünstigen Verhältnissen lebenden Familien erleichtern sollte. Für die Fachkräfte in den Kindertagesstätten wurde ein "Früherfassungsbogen" (eine Art Beobachtungshilfe) gemeinsam mit dem psychologischen Leiter der Erziehungsberatungsstelle erarbeitet. Es konnten die Erzieherinnen nun Eltern mit Hilfe der von ihnen beobachteten und im Erfassungsbogen systematisierten Auffälligkeiten ins Gespräch kommen und sie auf die jeweils für sie geeignet erscheinenden Hilfemöglichkeiten aufmerksam machen.

Parallel zur Erarbeitung des Früherfassungsbogens, war eine Arbeitsgruppe Elternbildung nach § 16 KJHG im Landkreis eingerichtet worden, um Eltern die Möglichkeit anzubieten, sich über Erziehungsfragen zu informieren und auszutauschen. Sobald eine Kindertagesstätten genügend Interessenten unter der Elternschaft gefunden hatte, sollten gezielt die Eltern von Kindern mit Auffälligkeiten angesprochen und zur Teilnahme gewonnen werden. Die Teilnahmegebühren wollte das Jugendamt übernehmen. Doch um diese Gebühren übernehmen zu können, musste die/der für die betroffene Gemeinde zuständige Sozialarbeiterin/Sozialarbeiter informiert werden, um die Bedürftigkeit der betreffenden Eltern zu bestätigen. Außerdem - so ein weitere Absicht des Verfahrens - würde sie/er auf diese Weise in Kontakt mit hilfsbedürftigen Eltern kommen und hätte weitere Hilfen anbieten, selbst gestalten oder aber auf den Weg bringen können.

Der Leiter des Jugendamtes ließ in einer Dienstbesprechung seinen Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeitern diese Projekte vorstellen. Auf diesem Weg Kontakte zu potentiellem Klientel zu erhalten und frühzeitig - also bevor ein Anruf von Polizei oder Bürgermeisteramt sie zum "Eingreifen" aufgefordert hätte -tätig werden zu müssen, lehnten die meisten Jugendamtsmitarbeiter ab. Sie hätten genug mit jenen Familien zu tun, in denen es "brennt" - also wo Kinder bereits kriminalisiert oder sonst wie in der Öffentlichkeit dramatisch auf ihre Not aufmerksam gemacht hatten. Sie könnten sich nicht auch noch um Familien kümmern, deren Kinder bisher nur in Kindergarten oder Grundschule als auffällig erlebt worden seien.

Diese Argumentation war nur zu verständlich! Sie hätten die mit vorbeugenden Strategien verbundenen zusätzlichen Leistungen gar nicht erbringen können. Als reine "Eingreifbehörde" hatten sie mit den besonders akuten Fällen, mit der Jugendgerichtshilfe, Sorgerechtsregelungen oder mit der Betreuung schwangerer Minderjähriger genug zu tun. Die Zuständigkeitsbereiche, die sich an Einwohnerzahlen orientierten, waren viel zu groß. Es war zum Beispiel ein einziger Sozialarbeiter für eine Stadt mit 35.000 Einwohnern und mehreren Kindergärten und Schulen allein "zuständig". Der betreffende Sozialarbeiter kam nur selten - und dann nur bei wirklichen Notfällen - in „seinen“ Bezirk. An die kontinuierliche Betreuung einer Familie mit Kindern in Not war überhaupt nicht zu denken. Da konnte er froh sein, wenn Sozialarbeiter freier Träger, (wenn es sie denn gab) gleichsam auf dem Delegationswege, in die Familien gehen konnten.

Heute, mehr als zehn Jahre später, haben Verwaltungs- und andere Reformen dazu geführt, dass Sozialarbeiter eingespart wurden. Die übrig gebliebenen haben viele Präsenz- und Berichtspflichten im Amt, müssen Wegezeiten (und damit Fahrtkosten) reduzieren und kommen noch weniger hinaus, als früher schon. Dennoch werden sie kaum mit ihrer Arbeit fertig. Ein Beispiel:

Endlich hatte die Leiterin eines Kindergartens es geschafft, den für den Einzugsbereich ihres Kindergartens zuständigen Sozialarbeiter für ein Kind in Not zu interessieren. Sie sollte ihm einen schriftlichen Bericht einreichen auf Grund dessen er mit den Eltern sprechen und einen Hilfeplan erstellen wolle. Als die Kindergartenleiterin ihren Bericht einreichte, erhielt sie die Auskunft dass der Hilfeplan (als Rechtsgrundlage für Hilfen) in ca. sechs bis acht Wochen vorliegen würde.

Sie war zutiefst empört über diese lange Frist; wusste aber, dass die Personalsituation im Jugendamt katastrophal aussieht[3].

Lange Rede - kurzer Sinn: Die Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter in den Jugendhilfebehörden können ihre Aufgaben kaum oder gar nicht erfüllen. Schon gar nicht, wenn es sich um nicht genau definierte "Pflichtaufgaben" handelt. Ein Einsatz im Zusammenhang mit Früherkennung und Frühbehandlung von Verhaltensauffälligkeiten ist nicht vorgesehen.

Also musste ein neues, ein anderes Konzept ausgedacht werden, dass wenigstens zunächst im Bereich der Kindergärten Hilfen für Kinder in Not und deren Familien anzubieten vermag, um den Sozialen Dienst des Jugendamtes und die Fachberatung für Kindertagesstätten zu unterstützen. Die Idee eines "Regionalen Fachdienstes" wurde geboren und die Finanzierung eines entsprechenden Projekts beantragt.

 

Beispiel 2

Aus dem Abschlussbericht über das mit großem Erfolg durchgeführte und vom Landeswohlfahrtsverband geförderten dreijährigen Projekts eines "Regionalen Fachdienstes" für die Fachkräfte in Kindertagesstätten kommunaler Träger im Landkreis[4]:

"Wenden wir uns den Befragungsergebnissen über den von den Erzieherinnen selbst geschätzten Bedarf an fachlichen Hilfen zu, dann wird deutlich, dass die schon 1989 vorgetragene Klage von Erzieherinnen, dass sie sich in fachlichen Fragen im Alltag allein gelassen fühlen, ihre Berechtigung hat: Nahezu 3/4 der Erzieherinnen im Landkreis wünschen eine fachliche Unterstützung von Außen. Die werden sie mit Hilfe einer wesentlich verbesserten Fachberatung, die von Konzept und Organisation her völlig neue Wege geht, künftig auch erhalten…"

Dieser Fachdienst sollte in enger Kooperation mit allen im Jugendhilfeausschuss vertretenden Institutionen, die pädagogischen Fachkräfte in den Tagesstätten unterstützen unter anderem in den Bereichen,

Frühförderung und Früherfassung von Kindern mit einem besonderen erzieherischen Bedarf,

Kooperation mit den Grundschulen,

Kooperation mit den Fachdiensten - und hier besonders mit dem Arbeitskreis Elternbildung nach § 16 KJHG (Familien eGmbH beim Landkreis/Landratsamt Waldshut),

Förderung des Zusammenwirkens mit Eltern.

 

Den Fachdienst für die rd. fünfzig Tagesstätten hätten auf Anforderung zwei berufserfahrene Sozialpädagoginnen (honoriert nach Zeitaufwand) geleistet.

Zwar befürwortete der Kreisjugendhilfeausschuss die Einrichtung eines derartigen Fachdienstes, die Kindergartenträger, die die Leistungen des Fachdienstes hätten bezahlen müssen, lehnten die Übernahme derartiger Kosten ab. Da auch eine Finanzierung durch den Landkreis (Kreisjugendamt) nur nach entsprechender Erhöhung der Kreisumlage möglich gewesen wäre, bezogen die Bürgermeister auch gegen diese Lösung Stellung.


Damit war die Fortführung des Modellprojekts hin zu einem Regelangebot unmöglich geworden. Da seit 2003, als eine der Folgen der Verwaltungsreformen, auch das Landesjugendamt und die freien Träger (Caritas-Verband und Diakonisches Werk) ihre früher übliche und immer schon unzureichende Fachberatung von Fachkräften in den Tagestätten eingeschränkt und statt dessen den Fokus auf die Beratung der Trägervertreter von Tagesstätten richteten, bleiben die Erzieherinnen und Erzieher sich selbst überlassen. Diese nehmen ihre Aufgaben zwar in der Regel mit hohem Einsatz und hinreichender Kompetenz wahr. Doch die Unterstützungsleistungen derer sie nachweisbar bedürfen, sind gegen Null heruntergefahren worden.

Bilanzierend muss gesagt werden: eine Tagesstättenleitung oder Grundschule, die sich nicht selbst um einen Zugang zu den für den Wohnbezirk zuständigen Sozialen Dienst bemüht, und das können die wenigsten von ihnen allein wegen des hohen Arbeits- und Zeitaufwandes leisten, bleibt ohne Hilfe.

 

Den Bürgermeistern mit ihren Gemeinderäten oder den Pfarrern mit ihren Kirchenräten (es gibt unter ihnen sicher welche, die für sozialpädagogische Anliegen Verständnis haben) darf man keinen Vorwurf machen: sie sind zur Sparsamkeit verpflichtet und haben in erster Linie Rücksicht auf ihre Wählerinnen und Wähler und Interessengruppen in ihren Gemeinden zu nehmen. Außerdem haben sie sich im Regelfalle die Einrichtung von Kindertagesstätten ja nicht selbst gewünscht, sondern sie bei Amtsantritt vorgefunden.


Es gibt weder in diesem Landkreis noch anderswo eine permanente aktive Vernetzung zwischen den Erziehungs- und Bildungseinrichtungen und der öffentlichen Jugendhilfe innerhalb des Einzugsbereiches (Wohnbezirks) von Kindergärten und Schulen. Die meisten Fachkräfte in den Kindertagesstätten oder in den Schulen kennen nicht einmal die Namen „ihrer“ Sozialarbeiterin/Sozialarbeiter.

 

© Dr. Joachim Rumpf

79733 Görwihl

12.12.2007



[1] Handbuch für Erzieherinnen in Krippe, Kindergarten, Vorschule und Hort. Hrsg.: Armin Krenz, 26. Lieferung Landsberg 7/2003

[2] Rumpf, Joachim: Schule ohne Pädagogik? In: Die Deutsche Schule Nr. 1/93, S. 23-31

[3] Das Gespräch mit der Kindergartenleiterin führte ich am 10.12.2007

[4] Rumpf, Joachim: Regionaler Fachdienst – eine Hilfe für Kindertagesstätten.  In: Unsere Jugend 7+8/2000, S. 291 – 295

 

zurück zur Einführung Bedürfnisse

zurück zu den Inhaltsangaben