Schriften zur Erziehung und Bildung im WWW
von Dr. Joachim Rumpf

 

 

KINDER IN NOT

Hürden in der Jugendhilfe

Was der Sicherung der Grundbedürfnisse von Kindern im Wege steht

 

 

Wie Gesetzestexte (Theorie) und Praxis auseinanderklaffen können wird auf dieser Seite illustriert

 

 

1
Einführung

1.
Mein Anliegen:

Um Kindern, die in Not sind und diese ihre Not in Kindergarten oder Grundschule erkennbar wird, zu helfen, brauchen wir pädagogische Fachkräfte, die

die Verhaltensauffälligkeiten eines Kindes als Hilferufe wahrnehmen,
diese Hilferufe systematisch beobachten und erfassen
Hilfen für das Kind auf den Weg bringen.


2.
Der Schutzauftrag bei Kindeswohlgefährdung

Die Wege, um Hilfen für ein Kind auf den Weg zu bringen, sind im § 8a KJHG / Sozialgesetzbuch VIII beschrieben. Mehr noch: im §8a (2) ist sogar die Vorschrift enthalten, die von einer Fachkraft bzw. einer pädagogischen Einrichtung fordert, den "Schutzauftrag nach Abs. 1 in entsprechender Weise" wahrzunehmen.
Nun gibt es aber bei der praktischen Umsetzung derartiger durchaus gut gemeinter und sinnvoller Gesetze Hürden. Auf einige dieser Grenzen struktureller und personaler Art, die in der Praxis vorhanden sind, möchte ich aufmerksam machen und hierfür zunächst auf zwei Fragen eingehen, die zu dieser Thematik an mich gerichtet wurden:

1. Wie sieht es mit dem Sozialen Dienst bei Ihnen im Landkreis aus und könnten Sie einige Zahlen nennen (Bezirksgröße eines Sozialarbeiters u. dgl.)?

2. Ist denn der § 8a KJHG / SGB VIII hinreichend bekannt und wie wird er vermittelt und beachtet?


Zunächst aus meinem Begleitbrief an die Fragestellerin:

"… Ich werde versuchen, die Daten zu erhalten, die Sie vorschlagen. Ob aber unser Jugendamtsleiter … sein Amt in diesem Zusammenhang genannt werden wissen will, das bezweifle ich sehr. Er würde allein schon Schwierigkeiten mit seinem Dezernenten bekommen. Ich durfte nicht einmal darüber berichten, dass in unserem Landkreis eine intensive Elternbildung nach § 16 KJHG eingerichtet worden ist. "Können Sie sich nicht auf Ihre Pflichtaufgaben beschränken?", würden Kreisräte reklamieren (fürchtet der Dezernent).
Ja, liebe Frau B., die Realität der Jugendhilfe (und ich denke hier vor allem an die leitenden Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und die institutionellen Zwänge, in denen sie gefangen sind) sieht in einigen Landkreisen erschütternd dürftig aus. Und dabei strampeln sich unsere Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter redlich ab. Da wir … aber gute Kontakte zu Kolleginnen und Kollegen auch in anderen Landkreisen haben, werde ich versuchen, auch von dort Auskünfte über deren Bezirksgrößen zu erhalten. Ich habe zunächst mit einem Kollegen gesprochen….
Seine Aufgaben als Leiter eines Sozialdienstes waren u. a. die Jugendhilfestatistik, die fachliche Ausbildung junger Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter (BA- Absolventen) und, natürlich, die Betreuung seines Bezirks. Ich rief ihn an. Das Ergebnis des gut einstündigen Gesprächs habe ich hier festgehalten. Eine Tabelle lässt sich daraus nicht erarbeiten.
Die Vorgehensweise, also welche Kriterien einer Bezirksgröße zu Grunde gelegt werden, halte ich für korrekt".


2.
Über den Sozialen Dienst in einem Jugendamt

1.
In den siebziger Jahren wurden im Dienstbereich des Landeswohlfahrtsverbandes Baden / Landesjugendamt (LWV) Empfehlungen für die Arbeit der Allgemeinen Sozialen Dienste (ASD) erarbeitet und in den Landkreisen und kreisfreien Städten umgesetzt. Zu diesen Empfehlungen gehörte es, für 12 bis 13000 Einwohner je eine volle Sozialarbeiter-Planstelle einzurichten. Da diese Stellen vom LWV bezuschusst wurden, richteten auch wir die entsprechende Anzahl Stellen ein. Wir kamen damals auf sechzehn Stellen. Später wurden Zuschüsse vom Land eingestellt. Die Planstellen aber waren geschaffen. Die Kosten musste fortan der Landkreis selber tragen. So ist es bis heute bei 16 geblieben.

2.
Generell aber gilt: Über die Anzahl von Sozialarbeiterstellen und die jeweilige "Bezirksgröße", gemeint ist dabei die Anzahl der Einwohner (nicht Hauhalte) in einer bestimmten Siedlungs-Region, entscheiden die politischen Gremien - also der Kreistag auf Vorschlag des Kreisjugendhilfeausschusses - (bzw. der Stadt oder eines Stadtbezirks) selbst. Und da kann es von Kreis zu Kreis oder Stadt zu Stadt aus den verschiedensten Gründen Abweichungen geben. In jedem Falle aber müssen die Mindeststandards, das sind die vom Gesetz her vorgesehenen Pflichtaufgaben des Jugendamtes, überall gewährleistet sein. Eine überregional geltende Vorschrift darüber, wie viele Fachkräfte des ASD für wie viele Hauhalte (oder Einwohner) jeweils zuständig sein sollten, gibt es nicht.

3.
Die Unterschiede zwischen zum Beispiel zwei Landkreisen (oder in Großstädten zwischen zwei Stadtbezirken) in Bezug auf die Bezirksgröße (Einwohnerzahl), für die ein Sozialarbeiter zuständig ist, haben mehrere Ursachen:

3.1 die Finanzkraft des Landkreises,

3.2 das Vorhandensein von gesonderten Fachdiensten, die zur Unterstützung der Aufgaben des ASD eingerichtet wurden (familienunterstützende Hilfen, Schulsozialarbeit u. ä.)

3.3 die Sozialstruktur des Bezirks.
Beispiel: In unserem Landkreis gibt es "soziale Brennpunkte" vor allem in dichter besiedelten Randzonen unserer Städte und andererseits ländliche Regionen mit relativ wenig hilfsbedürftigen Familien. Alle Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter klären von Zeit zu Zeit gemeinsam, wie hoch der Arbeitsaufwand in den jeweiligen Bezirken ist (zum Beispiel an Hand der "Fallzahlen" von hilfsbedürftigen Familien) und verändern die Bezirke entsprechend. Faustregel: Wohngebiete mit vielen Fallzahlen verkleinern den Zuständigkeitsbereich (Einwohnerzahl vielleicht um 10.000) und Wohngebiete mit wenigen Fallzahlen vergrößern den Zuständigkeitsbereich (Einwohnerzahl vielleicht um 15.000). Da gibt es keine feste Regel und keine festen Bezugsgrößen. Ausschlaggebend für die Größe eines Bezirks ist der auf Grund vorliegender Erfahrungen zu erwartende Arbeitsanfall. Und außerdem werden in einigen Landkreisen (und kreisfreien Städten) zusätzlich Soziale Dienste (Sozialstationen u. U. mit Beratungsdiensten) eingerichtet. Das kann dazu führen, der der Sozialarbeiter im ASD des Jugendamtes auch in sozialen Brennpunkten genau so viele Menschen in seinem Bezirk wohnen hat, wie der für einen ländlichen Bezirk zuständige ohne zusätzliche Fachdienste.

4.
Auf die Erscheinung hin angesprochen, dass viel zu wenige Kindergärtnerinnen oder Lehrerinnen und Lehrer "ihren" Sozialarbeiter auch nur dem Namen nach kennen, kam der "personale Faktor" ins Spiel.

4.1 Bei einer Stellenzahl von sechzehn Fachkräften kann man davon ausgehen, dass wenigstens ein Drittel davon nur relativ kurzzeitig im Dienst ist. Nach ein bis zwei Jahren scheiden Sozialarbeiterinnen - aber auch ihre männlichen Kollegen aus. Sei es, weil sie ein Kind bekommen oder ihren Arbeitsplatz wechseln. Da es einen Beschluss des Kreistags gibt, freiwerdende Stellen (in allen Abteilungen) für ein halbes Jahr nicht (auch nicht vertretungsweise) auszuschreiben, vergehen viele Monate, bis der Arbeitsplatz wieder besetzt ist. So gibt es in einem Jugendamt häufig die Situation, dass ein Sozialarbeiter zwei Bezirke zu betreuen hat oder andere Behelfslösungen gesucht werden müssen.

4.2 Um aber in einem Bezirk so bekannt zu werden, dass eine Sozialarbeiterin / ein Sozialarbeiter als Bezugsperson von Erzieherinnen oder Lehrkräften an Schulen, von Bürgermeistern oder Medizinern wahr- und ernst genommen wird, brauchte es wenigstens drei Jahre. Es ist verständlich, dass diejenigen, die zehn Jahre oder länger einen bestimmten Bezirk betreuten, dort mit den Verhältnissen besser vertraut waren, schneller angesprochen wurden und auf deren Rat und Hilfe jedermann rascher reagierte, als auf diejenigen, die erst kurz in einem Bezirk tätig sind. Und wenn dann noch unsere "Neuen" innerlich auf dem Absprung waren, weil sie diese ihre erste Stelle nur als vorübergehend betrachteten (vielleicht, weil sie in der nächsten Großstadt lieber arbeiten und leben wollten), dann war auch deren Engagement nur begrenzt.

4.3 Es gibt aber auch Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter, die lieber drinnen am Schreibtisch arbeiten, als draußen in den Wohnquartieren und Familien. Und es gibt Kolleginnen und Kollegen, die ihre Arbeit mit nach Hause nehmen und praktisch nie Feierabend haben und jene, die ihre Arbeitszeit nur absitzen.

Über diese unterschiedlichen Mitarbeiter, ihre Berufsmotivationen, die Förder-Möglichkeiten, die Einarbeitungskonzepte u. a. tauschten wir uns lange aus, weil auch bei uns im Heim ähnliche Erfahrungen gemacht wurden. Es ist aber in der Wirtschaft wie im öffentlichen Dienst nicht einfach, die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu bekommen und zu behalten, die sich eine Leitung oder ein Team wünschen.
Auf den "menschlichen Faktor", wenn er sich denn als Defizit niederschlägt, werden wir im Zusammenhang mit dem Verhalten der Leitungsmitglieder von "Unicef" in Deutschland sehr eindrücklich aufmerksam gemacht.

3.
Über den Schutzauftrag nach § 8a KJHG / SGB VIII und die Praxis

1. Es sind bei uns von allen Jugendhilfeträgern Informationsveranstaltungen über den § 8a durchgeführt worden. Vor allem die Vertreter der Heime wurden von den vier Verbänden (Caritas, Diakonie, DPWV und VPK) mehrfach auf diese Vorgaben hingewiesen und in verschiedenen Arbeitsgruppen Vereinbarungen (gem. § 8 a (2) erarbeitet. Auch in den LeiterInnenkonferenzen unserer Kindergärten und in Schulleitertagungen wurden Inhalt und Bedeutung bekannt gemacht, Verträge vereinbart und auf die entsprechenden Verantwortungen der pädagogischen Fachkräfte hingewiesen. Da ist nichts versäumt worden.

2. Den Intentionen des Gesetzgebers und seiner Beraterinnen und Berater aber steht eine differenzierte Praxis gegenüber, deren strukturellen und personalen Rahmenbedingungen sich nicht einem Gesetz so ohne weiteres anpassen lassen.
Zur Illustration greife ich auf die seit Jahren in Jugendhilfe und Schule angestrebte der Früherkennung von Auffälligkeiten bei Kindern, die einen Hilfebedarf signalisieren könnten.


Selbst wenn Fachkräfte in Krippen, Kindergärten oder Schulen ein Kind als "auffällig" definieren und bei genauem Hinschauen einen Hilfebedarf annehmen müssen - und das zu können muss zwingend zur Kompetenz jeder dieser Fachkräfte gehören - braucht es eine vertrauensvolle und enge Zusammenarbeit mit den für dieses Quartier, in dem das Kind lebt, zuständigen Sozialarbeitern. Es ist das Jugendamt als Jugendhilfebehörde, die in unserem Gemeinwesen für Hilfen für Kinder und ihre Familien in erster Linie verantwortlich ist beziehungsweise sein sollte. Diese Aufgabe unterstreicht ja auch der Gesetzestext in den Absätzen (1) bis (4) des § 8a SGB VIII in eindrücklicher Weise. Um diese Verantwortung wahrzunehmen aber müsste eine Sozialarbeiterin / ein Sozialarbeiter in allen Kindertagesstätten und Schulen ihres/seines Bezirks bekannt, gleichsam "zu Hause" sein und bei allen Fachkräften und den Eltern der Kinder Vertrauen und Anerkennung genießen. Diese Rahmenbedingung ist darum uneinlösbar, weil eine Sozialarbeiterin/ein Sozialarbeiter für eine viel zu große Zahl von Familien und Einrichtungen "zuständig" wäre. Für eine Stadt mit 14.000 Einwohnern, mehreren Kindertagesstätten und Schulen amtiert ein (!) Sozialarbeiter im Jugendamt. Darüber hinaus gibt aber weder in unserem Landkreis noch anderswo eine permanente aktive Vernetzung zwischen den Erziehungs- und Bildungseinrichtungen und der öffentlichen Jugendhilfe innerhalb des Einzugsbereiches (Wohnbezirks) von Kindergärten und Schulen. Die meisten Fachkräfte in den Kindertagesstätten oder in den Schulen kennen nicht einmal die Namen "ihrer" Sozialarbeiterinnen / Sozialarbeiter.

3. Die hier angedeuteten Rahmenbedingungen für frühzeitige Hilfen unter Beteiligung des Jugendamtes sind zwar unverzichtbar, erscheinen aber angesichts der Realitäten als utopisch. Allein wegen der fehlenden oder unzureichenden Verbindungen zwischen pädagogischen Institutionen einerseits und der öffentlichen Jugendhilfe andererseits, ist ein frühzeitiger Zugang zu Hilfen für Familien erschwert. Um diesem Dilemma etwas auszuweichen, diskutiert man zurzeit in der Öffentlichkeit medizinische Vorsorgeuntersuchungen und möchte - bewusst oder ungewollt - das ganze Problem den Medizinern (Gesundheitsbehörden) zuschieben. Aber auch hier bleibt die Frage offen, wann und wie erhält eine Gesundheitsbehörde Kenntnis vom Hilfebedarf eines Kindes und was kann sie tun bzw. wie kann diese Behörde reagieren, wenn tatsächlich die Not eines Kindes festgestellt wird. Spätestens dann muss die Jugendhilfe am Hilfeprozess beteiligt werden. Doch wird auch in diesem Falle das Jugendamt zu einer Art "Eingreifbehörde" disqualifiziert.

4. Auf den Personalwechsel in einem Jugendamt habe ich ja schon hingewiesen. Nun wird auch noch ab 1.1.2009 unser Kreisschulamt geschlossen mit der Folge, dass irgendein Schulamt in einem der benachbarten Landkreise künftig für die Schulen/Lehrer von drei oder mehr Landlkreisen wird zuständig werden. Das muss nicht die Verringerung von Schulratsstellen bedeuten. Wohl aber werden Wege weiter und kollegiale Beziehungen gelockert. Welche Auswirkungen diese Veränderungen haben werden, wenn nicht gleichzeitig die formalen Kompetenzen von Schulleitern und/oder den einzelnen Kollegien deutlich verstärkt werden, lässt sich heute noch nicht sagen. Zurzeit sind die Kolleginnen und Kollegen in den Schulämtern mit der Vorbereitung dieser Veränderungen befasst (zum Beispiel Umzugsvorbereitungen). Nur dringendste aktuelle Aufgaben können wahrgenommen werden. Schulleiter und Lehrer zu beraten oder ihnen zu helfen, wenn sie Kindern in Not helfen wollen: hierfür bleibt noch weniger Zeit als schon bisher.

5. Vergleichbares gilt für unsere Kindergärten. Gewiss bleiben Leiterinnen länger auf ihrer Stelle, als eine Erzieherin im Gruppendienst. Dennoch ist auch unter unseren 105 Leiterinnen im Landkreis die Fluktuation nicht gering und es vergeht nach jedem Leitungswechsel viel Zeit, bis der § 8a und seine Bedeutung in die individuelle, handlungsleitende Konzeption einer Leiterin übernommen worden ist.

6. Eine besondere Schwierigkeit bzw. ein riesiges Hindernis sehe ich für die Umsetzung von Gesetzen oder theoretischen Modellen in die Praxis darin, dass jede dieser 105 Tagesstätten völlig autonom ist. Es gibt für sie keine Institution, die übergeordnete Aufgaben/ Informationen oder dgl. anregt, vermittelt, koordiniert oder gar kontrolliert. Für die Kindergärten in kommunaler Trägerschaft zeichnen die Bürgermeister, für die in kirchlichen Organisationen die Pfarrer verantwortlich. Und die Kommunen sind nicht sehr kooperativ.
Als wir vor einigen Jahren in unserem Landkreis eine schriftliche Befragung aller Erzieherinnen über ihre Erfahrungen mit der Zusammenarbeit mit Grundschulen durchführten, erreichte nur ein Teil der Erhebungsinstrumente die Adressaten. Empirische Forschung wird von privaten und kommunalen Trägern gleichermaßen be- und verhindert.
Denn jeder Brief an einen Kindergarten darf nur über den Träger geleitet werden. Und die halten zurück, was ihnen nicht genehm ist oder nicht wichtig erscheint.

Hierzu zitiere ich aus einem Brief, der von einem  leitenden Mitarbeiter eines Jugendamtes in Baden-Württemberg an mich gerichtet wurde:

"Leider hat sich der Zugang zu den Kindertageseinrichtungen im Zuge der Verwaltungsreform erschwert und die Geschicke liegen mehr oder weniger bei den Kommunen …Da unsere Angebote, die wir in Deinem Sinne auch immer als für die alltägliche Arbeit unterstützend ansehen (es ging um "Früherkennung" und entsprechende Beratung der Fachkräfte. J. R.), teilweise als Eingriff in die inneren Angelegenheit der Kommunen bewertet werden, hat sich das Jugendamt fast vollständig aus diesem Bereich zurückgezogen.
Es gibt auf Kreisebene z. B. nur noch eine Leiterinnenkonferenz, also eine Veranstaltung mit über 70 Frauen, so dass Du Dir vorstellen kannst, dass inhaltliche Diskussionen nicht zu führen sind…
Die viel gepriese
ne Investition in unsere Kinder und Jugend findet nur in Räumen statt, in denen keine Kinder sind…"


7. Bei kirchlichen Trägern haben Fachberaterinnen/Fachberater jetzt ebenfalls keine Mitwirkungsrechte mehr vor Ort (sie dürfen z. B. in den Gremien "Kooperation Kindergarten - Grundschule" ihre Einrichtungen nicht mehr nach Außen vertreten), sondern sollen sich auf die Organisation und Durchführung von Fortbildungen u. ä. beschränken. Der Träger eines Kindergartens hat allein das Sagen in allen Fragen, die die Arbeit seiner Einrichtung betreffen. Es kann nicht ausgeschlossen werden, dass in den Bürgermeister- und Pfarrämtern auch Informationen hängen blieben, die den §8a KJHG betrafen.
Ich halte eine ungenügende Fachberatung für einen gravierenden Einbruch in Bezug auf die Qualität der pädagogischen Arbeit, dass ich darauf unten gesondert eingehen möchte.

8. Und noch eine bedauerliche Tatsache: Das Fach "Jugendhilfe" (bzw. "Jugendhilferecht") ist aus den Lehrplänen der Fachschulen für Sozialpädagogik in Baden-Württemberg verschwunden. Ich habe die Kolleginnen und Kollegen unserer Fachschule in Waldshut gefragt. Dort vermittelt niemand Kenntnisse über das Jugendhilfegesetz an die künftigen Erzieherinnen und Erzieher. Unsere Praktikantinnen und Praktikanten erfahren - wenn überhaupt - in den Praxisstellen, dass sie in Einrichtungen der Jugendhilfe arbeiten. Ein Kinderheim wird, im Unterschied zum Kindergarten, noch als Jugendhilfeeinrichtung wahrgenommen, wenn auch kaum eine Erzieherin/ein Erzieher weiß, was das konkret bedeutet.


Ich denke, dass es vernünftig wäre, alle Erziehungs- und Bildungseinrichtungen in der Bundesrepublik und in den Bundesländern unter ein administratives Dach zusammenzuführen und das bestehende Durcheinander von Zuständigkeiten mit derart absurden Auswirkungen, wie ich sie hier bei uns erlebe, zu beenden.

 

4.
Die Distanz zwischen Theorie und Praxis vergrößert sich.


Die Theorie - hier am Beispiel der Arbeiten zum und über den § 8a KJHG (vgl. z. B.: Münder, Johannes : ) - und die Praxis sind als gleichsam eigenständige Diskurse zu betrachten. Ich gehe von drei in unterschiedlicher Weise bestimmbaren theoretischen Bereichen in der Pädagogik aus:

- von den praktischen Diskursen oder dem alltagsweltlichen Handlungswissen,

- von den theoretischen Diskursen oder Abstraktion von alltagsweltlichem zu wissenschaftlichem Wissen und den daraus folgenden Konzeptionen,

- von den zwischen ihnen vermittelnden Diskursen mit dem Akzent auf der Applikation wissenschaftlichen Wissens. (vgl. dazu: Rumpf, 1989, S. 10 ff).

Zu den "vermittelnden Diskursen" gehören, neben Aus- und Fortbildung, Literatur, Informationsveranstaltungen auch die Beratung. Alle vermittelnden Diskurse haben das Ziel, die pädagogische Praxis zu optimieren. Mit diesem Anspruch wird einer der Aufgaben Rechnung getragen, die bereits im Beschluss der Kultusministerkonferenz vom 14.09.1973 über die "Beratung in Schule und Hochschule" von den Ausbildungs- und Forschungsstätten erwartet werden: die Beratung von Mitarbeitern in pädagogischen Institutionen (vgl. dazu: Hornstein 1975, S.79).

Zur Rolle der Literatur noch ein Anmerkung: Fachzeitschriften, vor allem dann, wenn sie viel gelesen werden,erfüllen eine wichtige Vermittlungsfunktion. Wenn eine in vielen Kindergärten ausliegende Zeitschrift wie "kindergarten heute" darauf verzichtet, Beiträge über den §8a KJHG und seine Auswirkungen auf die Arbeit in Kindertagesstätten zu veröffentlichen (bis zu Heft 2/2008 ist kein Aufsatz darüber zu finden; nur in der Sonderausgabe "basiswissen kita" über die rechtlichen Grundlagen für die pädagogische Arbeit findet man auf Seite 10 einige Bemerkungen), dann erschwert dies die Vermittlung von theoretischem Wissen (hier also Gesetzestexte und ihre Intentionen) in das Handlungswissen.

Die von Fachleuten für Fachleute angebotene Beratung ist in der Literatur unter dem Fachterminus "Praxisberatung" eingeführt und beschrieben (Caemmerer 1970, S.13) aber auch als "Supervision" bekannt. Dieses Beratungsarrangement soll eine systematische Reflektion beruflichen Handelns von Pädagogen und Sozialarbeitern ermöglichen. Da dieses Konzept zu verstehen ist als eine Gesprächssituation, in der die zu beratenden Lehrer oder Erzieher ihre beruflichen Probleme thematisieren, um mit Hilfe des beratenden Fachkollegen (Supervisor) nach optimalen Lösungen Ausschau zu halten, lassen sich in einem etwas erweiterten Verständnis die Fachberatungen hier zuordnen. Sowohl Schulräte die in Baden-Württemberg eine vom Gesetz her vorgeschriebene Beratungsfunktion und zwar ausdrücklich im hier beschriebenem Sinne haben (Holfelder/Bosse 1983, S.112ff), gehören dazu, als auch die Fachberaterinnen und Fachberater für Kindergärten und Heime bei den öffentlichen und freien Wohlfahrtsverbänden (vgl. dazu: Hebenstreit 1984). Als Legitimation dieser Zuordnung lässt sich ergänzend darauf hinweisen, dass immer mehr Fachberater eine zusätzliche Supervisorenausbildung haben. Zu den Aufgaben dieser Fachkräfte in Schulen und sozialpädagogischen Einrichtungen gehört es, mit Hilfe der Beratung die Wirksamkeit interner Abläufe zu verbessern und die Effektivität der nach außen gerichteten institutionellen Aktivitäten zu steigern. Zu diesen nach außen gerichteten Aktivitäten gehören, folgen wir dem Gebot des Gesetzgebers, die vertrauensvolle Zusammenarbeit zwischen den Fachkräften in Kindertagesstätten und Schulen mit den Fachkräften in den Jugendämtern. Im Gesetz ist freilich nicht von vertrauensvoller Zusammenarbeit die Rede. Da heißt es dann "anbieten", "hinwirken" oder "informieren". Damit aber dieser nüchterne, in der Fachsprache der Juristen verfasste Text, in das alltägliche Handlungswissen einer Erzieherin, Lehrerin oder Sozialarbeiterin übernommen wird, bedarf es eines Vermittlungsprozesses, der über die reine Information hinausgeht. Und den kann die Fachberatung leisten.
Verzichten aber nun die Träger auf diese Form der Vermittlung, verzichten sie nicht nur auf eine wirkungsvolle und nachweislich bewährte Form der Hilfen für Fachkräfte in den Kindertagesstätten (Rumpf, 1999), sondern behindern - wenn auch in einem kaum nachweisbaren Ausmaß - die Umsetzung des "Schutzauftrages bei Kindeswohlgefährdung". Unter diesem Titel hat Mathias Bänfer eine "Arbeitshilfe für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Einrichtungen und Diensten der Jugendhilfe" verfasst (2007, S. 9) aus der zu entnehmen ist, dass mit Blockaden - auch von Trägerseite und Leitungsverantwortlichen - gerechnet werden muss. Formal mag ein Jugendamt mit den Trägern zum Beispiel kommunaler Kindertagesstätten Vereinbarungen über die Umsetzung des § 8a SFB VIII getroffen haben. Real aber bleibt deren Umsetzung in das Handlungskonzept einer pädagogischen Fachkraft ohne die flankierenden Hilfen einer Fachberatung ein nur schwer zu erreichendes Ziel.

Zum Schluss möchte ich noch einmal darauf hinweisen, dass eine Lösung der hier skizzierten Probleme dann eher möglich erscheint, wenn die unterschiedlichen Zuständigkeiten und die starke Zersplitterung in den Arbeitsfeldern von Jugendhilfe und Schule beendet werden. Dieses Anliegen zu verwirklichen kann Generationen dauern und braucht eine ganz andere Politik.
Was aber heute bereits geleistet werden könnte, wäre die optimale Ausstattung der Jugendämter und der völlige Verzicht auf das für den Jugendhilfebereich unsinnige Gerede von Rationalisierung, Einsparung und Effektivität. Hätten alle Jugendhilfeträger den ständigen Zugang von Fachberaterinnen und Beratern in ihre Einrichtungen einschließlich ihrer Funktionen von Anleitung und Evaluation eingerichtet, statt unter Anleitung teurer fachfremder Beratungsgesellschaften ihre Strukturen an die Wand zu fahren und die Motivation ihrer Fachkräfte zu beschädigen, brauchte es diese Ausführungen nicht.

 


Literaturangaben:

Literaturangaben:

Bänfer, Matthias: Schutzauftrages bei Kindeswohlgefährdung. Arbeitshilfe für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Einrichtungen und Diensten der Jugendhilfe. Hannover , AFET - Arbeitshilfe 1/2007

Caemmerer, Doa v.: Praxisberatung (Supervision) Ein Quellenband. Freiburg 1970

Hebenstreit, Sigurd: Fallberatung für Tageseinrichtungen für Kinder. Konzeption, Arbeitsfeld und berufliches Selbstbild. Freiburg 1984

Holfelder, Wilhelm und Bosse, Wolfgang: Schulgesetz für Baden-Württemberg. Handommentar mit Nebenbestimmungen. Stuttgart 7/1993

Hornstein, Walter: Beratung in der Erziehung. In: Funkkolleg Beratung in der Erziehung. Studienbegleitbrief 1. Weinheim und Basel 1975, S. 33 - 68

kindergarten heute: Jahrgänge 35/2005 bis 37/2007. Das Heft "basiswissen kita" (2007) hat die Überschrift: Von Elternrecht bis Aufsichtspflicht. Rechtliche Grundlagen für die pädagogische Arbeit.

Münder Johannes: Kinder- und Jugendhilferecht. Eine sozialwissenschaftlich orientierte Darstellung. 6. überarbeitete Auflage. Neuwied 2007

Rumpf, Joachim: Theoretische und empirische Beiträge zur Kooperation zwischen Heim und Schule. Wolpadingen-Dachsberg 1989


© Dr. Joachim Rumpf
79733 Görwihl
09.02.2008

 

  

 

 

Es schrieb mir am 11. Februar 2008 der Leiter der Abteilung "Pädagogische Einrichtungen für Kinder" im Jugendamt der Stadt Essen, Matthias Bänfer (er gehört dem Vorstand der AFET an) , dem ich meinen Text mit der Bitte um Widerspruch übermittelt hatte:

 

"Lieber Herr Kollege Rumpf,
schade - ich hätte Ihnen gerne widersprochen. Doch höre ich ähnliches auch aus anderen - insbesondere ländlichen - Gemeinden. Die großen Städte wie auch z.B. Essen haben einfach andere Rahmenbedingungen: So habe ich in der Abteilung mit 47 städt. Kitas drei "Fachgruppenleitungen", die jeweils Dienst- und Fachaufsicht inkl. Beratung über ca 16 Kitas haben. Der Soziale Dienst mit über 100 Sozialarbeitern und auch noch sozialräumlich dezentral organisiert hat gerade auch zu § 8a eine hohes know how. Darum geben wir die Order an die Kitas, sich beim Sozialen Dienst - notfalls anonymisiert - beraten zu lassen. Hier findet das statt, was Sie in anderen "Räumen" vermissen: Die Leute kennen sich im Sozialraum und kommunizieren schnell. Damit will ich nicht sagen, dass in den Großstädten alles im "grünen Bereich" ist. Auch hier steigt die Fallbelastung auch gerade durch § 8a.
Wir entwickeln aber auch andere Unterstützungssysteme. Z. B. erproben wir einen Elternbesuchsdienst nach der Geburt des Kindes in einem Stadtteil durch die Kita und in einem anderen durch den ASD. Wir wollen sehen, wer leichteren Zugang findet und wie kompetent mögliche Gefährdungen aber auch Hilfestellungen aufgegriffen bezw. vermittelt werden können. Kleine Organisationseinheiten - und das finden wir ja in Landkreisen und Kleinstädten - tun sich schwerer in kollegialer Beratung, Vernetzung und fachlicher Supervision. Insofern haben Sie sicher nicht ganz unrecht bei mancher Beschreibung..."

 

Es geht also auch anders. Vorausgesetzt, die politisch Verantwortlichen in einer Gemeinde oder einem Landkreis haben Verständnis für die Rahmenbedingungen einer qualitativ guten Erziehung und Bildung in den Kindertagesstätten und Schulen oder für die Hilfen für Kinder, die in Not sind und deren Familien und ziehen daraus praktische Konsequenzen: zum Beispiel, in dem sie die Prioritäten ihrer Politik verändern.

 

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