Schriften zur Erziehung und Bildung im WWW
von Dr. Joachim Rumpf

 

Das Bedürfnis nach Führung

 

Dieser Begriff soll provozieren und Mut machen zugleich. Anders ausgedrückt lässt sich sagen, dass ein Kind "Erziehung" braucht. Alles, was wir miteinander bedenken, hat mit Erziehung zu tun. In der pädagogischen Literatur wird unterschieden zwischen bewusstem, beabsichtigtem und Zielorientiertem erzieherischen Handeln und den unbeabsichtigten, nicht durch uns gesteuerten Handlungen oder Situationen, die gleichwohl auf ein Kind von nachhaltiger Wirkung sind. Die letzteren meinen wir, wenn wir sagen, dass wir auf das, was ein Kind von der Straße, von anderen Kindern oder aus der Schule mitbringt, keinen Einfluss haben.
Auf diese "funktionalen" erzieherischen Prozesse, zu denen auch die Nutzung elektronischer Medien gehört, wird an dieser Stelle nicht eingegangen.
Führung, Grenzen setzen, Orientierungshilfen geben ... alles das sind Elemente von "Erziehung" und elementare Notwendigkeiten, um unseren Heranwachsenden zu einem Gewissen zu verhelfen, das ihnen sagen kann, was gut und richtig ist (vgl. dazu auch das Buch von Hans Janssen: Kinder wollen Klarheit. Regeln finden - Grenzen setzen. Zürich 1994). Vielleicht prüfen wir einmal die folgende Annahme:
Je klarer und wirksamer die beabsichtigten (intentionalen) erzieherischen Einwirkungen durch uns sind, umso weniger wirken sich gegenläufige funktionale Einwirkungen aus.

Auch die so genannte "antiautoritäre" Erziehungsrichtung, wie sie in den siebziger Jahren in unserem Erziehungs- und Bildungswesen bis in die Familien hinein heftig umstritten wurde, verzichtete nicht auf jene intentionalen Erziehungsprozesse. Damals ging es vielmehr um die Art und Weise, wie Eltern und Erzieher mit ihren Kindern umgehen sollten, damit sie optimal gefördert werden. Und weil ausgesprochen wurde, was jeder von uns am eigenen Leibe längst erfahren hatte, dass nämlich Erziehung mit Schlägen oder Missachtung kindlicher Würde (autoritäre Erziehung) keineswegs zu einem selbständigen, verantwortlich handelnden und mündigen, sich seiner Selbst bewussten Staatsbürger führt, war zunächst die Begeisterung groß. Es mag einige gegeben haben, die dachten, nun brauche man gar nichts mehr zu tun: ein Kind wird von alleine wissen, was ihm gut tut. Diese bequeme Haltung gab es auch schon vorher. Sie wurde Laizzes-faire-Stil genannt und lässt sich mit Gleichgültigkeit übersetzen. Doch war diese erzieherische - oder besser nicht-erzieherische Haltung unter Eltern, Erziehern und Lehrern genauso verpönt, wie die diktatorische. Hier ein Beispiel:

Das Ehepaar Herzig gehört zu jenen, die "es geschafft" haben. Noch relativ jung an Jahren besitzen sie ein schönes geräumiges eigenes Haus in dem ihre drei Buben (5, 7 und 8 ½ Jahre alt) jeder ein eigenes Zimmer bewohnt. Die Kinderzimmer sind nach allen Regeln der Kinderzimmer-Werbe-Kunst eingerichtet. Sie verfügen zum Beispiel über zwei Ebenen mit Rutsche und Leiter, eine bunte schier unendliche Fülle wertvollen Spielzeugs, sind ausgestattet mit Fernseher und Video und die Mama ist daheim und kümmert sich um ihre Sprösslinge rund um die Uhr. Papa hat im Untergeschoss ein komfortables Büro, in dem er nach Feierabend seine Ingenieurstätigkeit fortsetzt. "Man muss laufend am Ball bleiben, sonst kann man das alles hier (er deutet mit einer weit ausholenden Handbewegung auf seine Einrichtung) vergessen.
Der älteste Sohn Hans aber wurde vom Besuch einer öffentlichen Grundschule ausgeschlossen und in eine Schule für Erziehungshilfe eingeschult. Eine Erklärung bietet der Junge selbst an. Aus gegebenem Anlass sagt der sehr intelligente und sprachgewandte Hans: "Ich mache was ich will. Meine Mutter sagt immer, du bist für das, was du tust selbst verantwortlich."
Diese Haltung lebt die Mutter tatsächlich. Ganz gleich, wie sie das für sich begründet: Hans war mit diesem Verständnis von Eigenverantwortung deutlich überfordert. Keine Pflöcke, keine Grenzen an seinem Weg führten ihn in das Chaos einer theoretischen Eigenverantwortung, die er praktisch auf seine Weise füllt. Und das bedeutet, dass er sich von niemanden - auch von Mutter und Vater nicht - etwas sagen lassen will.

An diesem Beispiel wird deutlich, dass alle Bedürfniselemente, wie hier zum Beispiel "Anerkennung", "Vertrauen", "Förderung" und "Führung" nicht allein eng miteinander verflochten sind, sondern auch in einem Spannungsverhältnis zueinander stehen. Diese Spannungen sind in einer, auf die jeweilige Persönlichkeit eines Kindes hin orientierten elterlichen Haltung auszuhalten und auszugleichen. Sie müssen zum Beispiel gebieten, verbieten, fordern oder verzichten, beharrlich bleiben oder nachgeben. Eltern ermöglichen ihrem Kind weiter, aus den Folgen seines Verhaltens zu lernen. Jede Mutter, jeder Vater oder jede/r Berufserzieher/in wird aber streng darauf achten, dass dem Kind in diesem Prozess kein Leid angetan wird. Das heißt, dass wir auf körperliche Züchtigung ebenso verzichten, wie auf die Würde des Kindes verletzende Äußerungen. Gerade in kritischen Situationen wird es sich zeigen, ob wir ruhig und souverän handeln können, ob wir mit Geduld und Verständnis das durchsetzen, von dem wir überzeugt sind, dass es gut ist für unser Kind hier und heute und in seiner Zukunft.


 

Erziehung, das ist im Grunde ein Entwicklungsfördernder Dialog zwischen dem eigenen Willen unseres Kindes und unseren Einsichten und Erkenntnissen. Kein Erzieher darf in diesem "Dialog" den Anspruch von Kindern auf Orientierung ignorieren und meinen, dass die Anderen oder "das Leben" die Kleinen schon formen werden. Zum Leben eines Kindes gehören zunächst und vor allen andere Menschen: die Eltern; und je jünger die Kinder sind, umso wichtiger sind sie. An uns richten die Kinder mit ihrem Verhalten die Fragen:
Wie weit darf ich gehen? - Was darf ich? - Was darf ich nicht?
Sie fordern den erzieherischen Dialog mit uns heraus! Das tun sie, noch einmal sei darauf hingewiesen, nicht bewusst. Je jünger sie sind, umso stärker ist ihr Bedürfnis nach einer verlässlichen Orientierung. Wir können uns vorstellen, dass sie sich immer wieder vergewissern, ob sie auf dem richtigen Wege sind - und "richtig" ist für unsere Kinder, was wir vorleben und was wir positiv bekräftigen. Ständig schauen sie mir all ihren Sinnen auf ihre Eltern, sie fühlen sich in sie hinein und erspüren unsere Sicherheiten und Unsicherheiten.
Und sie haben einen Anspruch darauf durch ihre Eltern sichere und klärende Antworten auf ihre Fragen zu erhalten. Ihre Fragen richten sie häufig nicht mit Worten sondern durch ihr Verhalten an die Eltern, Erzieher oder Lehrer!
Jede Mutter und jeder Vater wird sich daran erinnern, wie ein Kleinkind etwas tat und dabei genau wusste, dass das nicht in Ordnung ist. Denken wir an einen zweijährigen Jungen, der im Bad spielt, indem er am Waschbecken Wasser in den Zahnbecher laufen lässt und den Becher in die Badewanne leert. Als er merkt, dass er beobachtet wird, entleert er den Becher auf den Fußboden. Dabei schaut er zum Vater und in seinem Gesicht lesen wir die Frage: "Was machst du nun?"
Können wir Eltern und Erzieher nun angemessen darauf reagieren? "Angemessen" das heißt, zu erkennen, dass uns das Kind weder ärgern will, noch tut es das, weil es bestraft werden möchte. Mit seinem Verhalten fordert es eine Reaktion heraus (es "provoziert"), die wir so übersetzen müssen: "Zeige mir meine Grenzen!" Grenzen, die einem Kind zeigen, wohin es gehen soll, haben Verhaltenssicherheit zur Folge. "Das tut man" oder "das tut man nicht" sagen wir gern. Die Maßstäbe für das, was gut und richtig ist, nehmen wir einmal aus unserer eigenen Lebenserfahrung; vor allem aber aus der uns umgebenden Kultur, die diese unsere Lebenserfahrung mit beeinflusste. Denken wir an das Beispiel "Zeit" von dem oben bereits im Zusammenhang mit "Geduld" die Rede war. Dass ein Mensch den Faktor Zeit zu beachten hat und zum Beispiel lernen muss pünktlich zu sein, in bestimmten Situationen schnell zu reagieren, seine Zeit einteilen können muss u. v. a. m., das ist ja keine subjektive, willkürlich gesetzte, sondern eine für alle gleichermaßen geltende gesellschaftliche Norm.
Wir prüfen also, wenn wir etwas von unseren Kindern verlangen beziehungsweise sie Grenzen erfahren lassen, ob wir unseren Maßstab gleichsam aus einer Laune heraus nehmen oder ob es sich um eine allgemein anerkannte gesellschaftliche Norm handelt. Um diese Normen zu vermitteln wende ich Erziehungsmittel an. Dann werde ich wieder dem Kind die Möglichkeit geben, aus den Folgen seines Verhaltens zu lernen und mir Schimpfen und Strafen sparen.

Gerade in kritischen Situationen wird es sich zeigen, ob wir über erzieherische "Autorität" verfügen, und das heißt unter anderem, dass wir in unserem Innern ruhig, souverän und geduldig sind und mit Verständnis und nicht ohne Humor mit unseren Kindern umgehen.
Was wir unbeirrt und mit Festigkeit und bestimmender von innen herauskommender Überzeugung vertreten, das wird auch von unserem Kind akzeptiert. Mag es zunächst maulen und Widerworte geben; es wird sich am Ende fügen, wenn es im Grunde weiß, weil es das von Anfang so erlebte, dass es den Eltern allein um sein Wohl und nicht um deren Bequemlichkeit, deren Eigensinn oder deren Macht geht.

Noch ein Gesichtspunkt ist für alle Lebensbereiche, in denen unsere Kinder heranwachsen, von großer Bedeutung für ihre Entwicklung: Das ist die Übereinstimmung derer, die mit dem Kind umgehen. Wenn Mutter und Vater, aus welchen Gründen auch immer, in ihren Zielen und Methoden nicht einig sind und diese Uneinigkeit das Kind spürt, wird es zutiefst verunsichert. Und was innerhalb einer Familie gilt, das gilt auch für die Beziehungen zwischen verschiedenen Lebensbereichen. Wenn zum Beispiel Eltern und Lehrer in ihrem Bestrebungen nicht mit beiderseitigem Respekt und Verständnis zusammenarbeiten, ist die Gefahr groß, dass ein Kind in der Schule scheitert (Bronfenbrenner, Urie: Die Ökologie der menschlichen Entwicklung. Stuttgart 1983). Auch die Schulverweigerungsforschung sieht hier eine weit verbreitete Ursache für zunehmende Unlust am Schulbesuch.
Aus diesem Forschungsbereich nehme ich die Aussage, dass Erziehung sich im Grunde als die Fähigkeit definiert, liebevoll "Nein" sagen zu können. Und wenn ich jetzt nach Beispielen dafür suche, wie Eltern dieses "Nein" im Alltag verwirklichen und Grenzen setzen können sollten, dann fallen mir auf Anhieb etliche Beispiele ein.
Ich möchte mit folgenden Fragen Beispiele aus dem Alltag benennen, bei deren Beantwortung wir unser Verhalten als Eltern kritisch prüfen können:


Schaffen wir Eltern und Erzieher es, "Nein" zu sagen,
Wenn unser Kind auf dem Beifahrersitz unseres Autos mitfahren will, obwohl es weder das zulässige Alter noch die in Verkehrsrecht vorgesehene Körpergröße erreicht hat?
Wenn unser Kind den vereinbarten täglichen Beginn der Hausaufgaben verschieben will, um zuerst zu spielen und dann zu arbeiten?
Wenn unser Kind über die festgesetzte Zeit hinaus fernsehen oder am Computer spielen will?
Wenn unser Kind uns veranlassen will, etwas zu kaufen, was wir nicht kaufen wollen?

Wenn wir schaffen in diesen und vielen anderen alltäglichen Situationen "Nein" zu sagen, dann verringern wir die Gefahr, dass unser Kind uns auf der Nase herum tanzt und vor allem, dass es Schaden nimmt an seiner Entwicklung.


 

An das Ende dieses Kapitels soll noch auf die Bedeutung des erzieherischen Vorbildes gewiesen werden.

Auf einen Elternabend über Medienerziehung kam die Mutter eines Kindergartenkindes, um sich Rat und Hilfe zu holen, weil sie ihre Tochter (fünf Jahre alt) nicht vom Fernseher weg bekommt.
Immer wieder forderte sie sie vergebens auf "Nun geht doch mal spielen. Draußen ist schönes Wetter. Hock doch nicht immer vor der Glotze…!"
"Schalten Sie doch einfach den Fernseher aus!" riet ihr eine der Anwesenden.
"Nein" erwiderte die Mutter, schaute ganz erstaunt und nahm Abwehrhaltung ein, als sie erklärte:
" Ich habe drei Fernseher zu Hause: einen in der Küche, einen im Wohnzimmer und einen im Schlafzimmer. In allen läuft das gleiche Programm, denn wenn ich putze, will ich doch trotzdem sehen, wies weitergeht."

Wie kann diese Mutter etwas erreichen, was sie für sich selbst nicht akzeptieren will? Wer Kinder Grenzen setzen und sie führen will, muss mit gutem Beispiel vorangehen. Mütter und Väter, die außer Stande sind, sich selbst "in die Hand zu nehmen", dürfen sich nicht wundern, wenn ihre Kinder ihnen nicht folgen.

Am Beispiel der Medienerziehung wird der Verlust der führenden, vorbildhaft wirkenden Kraft von Eltern in Kindergarten und Schule dramatisch spürbar. Das Mädchen, von dem berichtet wurde, musste vom Schulbesuch zurückgestellt und einer Sprachförderung zugeführt werden.Eltern müssen die Kraft und den Mut aufbringen, ihren Kindern ein "Nein" entgegenzusetzen und selbst mit gutem Beispiel vorangehen, wenn es darum geht, an die Stelle von Fernsehbildern das aktive Erkunden der Welt im Spiel zu ermöglichen. Hier besteht ein enger Zusammenhang mit den Anmerkungen über die Förderung von Kindern.

Dieses Beispiel zeigt aber auch mit erschreckender Deutlichkeit, dass es Erwachsene gibt, die ihre eigenen Bedürfnisse, ihre Steckenpferde und Neigungen, ihre mehr oder weniger verborgenen Wünsche und Träume auf ihre Kinder projizieren. Michael Winterhoff (2008, S. 97) demonstriert am Beispiel einer Kindergartenkonzeption, wie mit den „Bedürfnissen von Kindern“ argumentiert wird, um (Prestige- und Harmonie-) Bedürfnisse von Eltern zu rechtfertigen. Das geschieht von Seiten der Erzieherinnen sicher in bester Absicht. Die Auswirkungen einer derartigen – an den Bedürfnissen von Eltern orientierten – Praxis setzt Winterhoff mit der „Abschaffung der Kindheit“ gleich. Ein Kind ist kein Erwachsener und kann und will nicht Partner seiner Eltern und Lehrer sein – aber es kann Partner werden, wenn es alt genug geworden ist.

Und anknüpfend an das soeben geschilderte Argument einer fernsehenden Mutter ist festzuhalten:

 Eltern müssen die Kraft und den Mut haben, ihren Kindern ein „Nein“ entgegenzusetzen und selbst mit gutem Beispiel vorangehen, wenn es darum geht, an die Stelle von Fernsehbildern das aktive Erkunden der Welt im Spiel zu ermöglichen.

Unsere Beispiele deuteten es aber bereits an, dass Kinder nicht ohne Widerstände auf unsere Forderungen, auf unser „Nein“ reagieren. Je älter sie werden, umso stärker wächst das Beharren auf eigene Wünsche und Vorstellungen. Ob es sich um einen eher emotional begründeten Trotz oder aber um – aus der Sicht des Heranwachsenden – rational begründete Argumente handelt: ein heftiger Streit kann die Folge sein. Gerade in derartigen Konfliktsituationen, wie sie in jeder Eltern-Kind Beziehung zum Alltag gehören, spielt die Macht eine bedeutsame Rolle. Unter der Kapitelüberschrift: „Führung muss sein“ weist Michaela Glöckler (2010, S. 254) darauf, wie wichtig es ist, dass Eltern und alle anderen Erziehenden bereit sein sollten, sich dieser „Führungs“-Rolle zu stellen.

 

 

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