Das
Bedürfnis
nach Frieden |
Eigentlich
versteht es sich von selbst, dass jedermann in einer friedlichen Welt leben möchte.
Es sieht auch so aus, als gelänge es der Staatengemeinschaft - zumindest
für die Region Westeuropa - den Frieden für die jetzt lebenden Generationen
zu sichern. Dieser Frieden ist für die Entwicklung von Kindern der Rahmen,
der zu den Lebensbedingungen aller Menschen gehört, so, wie auch der Schutz
und die Erhaltung unserer natürlichen Umwelt. Sind diese gefährdet,
wie in Kriegen oder durch den unverantwortlichen Umgang mit unseren natürlichen
Lebensgrundlagen, werden die elementaren Menschenrechte von Menschen, besonders
aber der Kinder missachtet. Für
jedes einzelne Kind von unmittelbarer Bedeutung ist der Frieden in seiner sozialen
Umwelt, also der friedvolle Umgang der Familienmitglieder untereinander, der Umgang
mit Nachbarn oder mit der Erzieherin im Kindergarten und dem Lehrer/der Lehrerin.
Das Schrecklichste was einem Kind angetan werden kann, sind sich streitende
Eltern. Einwände wie: "Kinder müssen frühzeitig lernen, Konflikte
auszuhalten und auszutragen" oder: "Streitigkeiten kommen in den besten
Familien vor" sind unakzeptable Ausreden, die in dem hier gemeinten Zusammenhang
nicht gelten - auch wenn sie für sich genommen stimmen. Es gibt unter Erwachsenen
beziehungsweise Mutter und Vater verschiedene Meinungen, Auffassungen oder Absichten,
die zu Differenzen führen. Das ist ebenso natürlich, wie es Stunden
oder Tage gibt, wo man mal nicht so gut beieinander und darum schlecht gelaunt
oder besonders reizbar ist. Dies aber sind alles keine stichhaltigen Gründe
dafür, eine Familienatmosphäre durch entsprechende Verhaltensweisen
zu vergiften. Kinder wissen im Allgemeinen recht gut zu unterscheiden, zwischen
einem vorübergehenden Donnerwetter und einer über Stunden und Tage andauernden
unfriedlichen Atmosphäre. Wenn Eltern einen an und für sich geringfügigen
Anlass dazu benutzen, sich zu zanken und es im Verlaufe dieser Auseinandersetzungen
immer lauter und im Ton aggressiver wird, ja sogar beleidigende, Persönlichkeitsverletzende
Äußerungen fallen oder es, was noch schlimmer ist, zu Tätlichkeiten
kommt, dann haben wir es hier nicht mit einer empfehlenswerten Strategie zu tun,
Konflikte zu bewältigen. Auch Formen des "ich rede nicht mehr mit Dir",
des über längere Zeiten andauernden "eisigen Schweigens" oder
des sich "Aus-dem-Wege-gehens" (möglicherweise in die nächste
Kneipe oder zur guten Freundin) reinigen die Atmosphäre in der Regel nicht,
sondern vergiften sie.
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Wie
bereits in früheren Jahren Kinder unter den sich streitenden Eltern litten,
zeigen uns die Lebenserinnerungen eines deutschen Erzählers. Ernst Wiechert
erinnert sich in seiner Autobiographie "Wälder und Menschen" (München
1936, S. 49) an die Ehekrisen im Elternhaus um 1890 und er schreibt: "…
aber die tiefste Verdüsterung meines kindlichen Lebens habe ich in jenen
zahllosen und endlosen Stunden erfahren, in denen ich vor der geschlossenen Tür
oder am Fenster des Schlafzimmers gelauscht habe, ob meine Mutter weine. Und
noch schrecklicher als diese sichtbaren Schmerzen waren die Tage kalten Schweigens,
die sich an solche Stunden schlossen. Dann war es, als sei alles Leben in unserem
Hause gelähmt, als werde die Sonne nie wieder scheinen, als wäre es
am besten zu sterben und von der Not der Menschen nie mehr etwas zu wissen…"
Jeder
von uns, der Zank und Streit der eigenen Eltern miterlebte, kann das gut nachvollziehen.
Eine Mutter erzählte aus ihrer Kindheit: "Wenn
sich meine Eltern vor uns Kindern stritten und laut anschrieen, dann haben mein
Bruder und ich mitgeschrieen - doch nicht aus Zorn, sondern in heller Panik. Und
wissen Sie, wie meine Eltern dann reagierten? Sie schlugen beide auf uns ein…
ich werde das nie vergessen". Wie
aber auch immer die Konfliktstrategien in den Familie aussehen: die Kinder stehen
zwischen ihren Eltern und leiden. Der Streit zwischen Menschen, zu denen Kinder
einen guten Bezug haben oder haben möchten, macht Kinder kaputt. Eine interdisziplinäre
Fachtagung, die im November 2006 in Freiburg stattfand und sich dem Thema häuslicher
Gewalt und ihrer Folgen in Deutschland befasste, wies an Hand dramatischer Zahlen
und Schicksalen nach, dass Kinder Gewalt in der Familie als existentielle Bedrohung
empfinden. Oft ist nicht die Scheidung von Eltern der Grund von erheblichen seelischen
Erkrankungen von Kindern, sondern die Zeiten, die der Trennung vorausgingen. Ein
ganz besonders dramatisches Kapitel in der Geschichte von unfriedlichen Familien
ist die Gewalt, die gegeneinander ausgeübt wird. Das kann die Gewalt gegen
Kinder sein oder die der Erwachsenen untereinander. Kinder gedeihen nur in einer
im Prinzip friedfertigen Umgebung. Und
die kann, entsprechende Persönlichkeiten und Einsichten vorausgesetzt, in
jeder Familie - und, auf eine Kindergruppe oder Schulklasse bezogen, auch dort
geschaffen werden.
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Nun
wird mich jede/jeder, die/der die Realitäten in unserer Gesellschaft kennt,
ich denke da zum Beispiel an die Mitarbeiterinnen in Frauenhäusern, einen
weltfernen Träumer nennen. Doch wie für alle genannten Bedürfnisse
gilt gerade in Beziehung auf den Umgang von Eltern miteinander und mit ihren Kindern,
dass Friedfertigkeit Kindern hilft und Unfriede und Aggressivität Kinder
massiv verstört. Um die Auswirkungen auf "Kinder in Gewaltbeziehungen"
machte Beate Hinrichs im September 2004 in einer gleichnamigen Radiosendung eindrucksvoll
aufmerksam. In
einer Familie, in der Gewalt gelebt wird, verstärken gewalttätige Computerspiele
die Bereitschaft, selbst gewalttätig zu sein. Vorbilder in der Familie und
/ oder die Überzeugung, dort nicht geliebt (nicht wichtig) zu sein sind nicht
selten die Ursache für eine ungünstige Persönlichkeitsentwicklung
zu der - als ein Beispiel - die Flucht in die Gewalt (z.B. Gewaltverherrlichenden
Filme und Spiele) gehört. Dass
sich bei Erwachsenen derartige Einsichten nicht in ihrem Alltag durchsetzen, hat
einmal sicher mit unbefriedigenden Rahmenbedingungen zu tun wie Stress am Arbeitsplatz
oder gar Arbeitslosigkeit und Armut. Menschliche Einstellungen und Verhaltensweisen
aber sind damit nicht entschuldbar. Leider sind Elternrechte auch für uneinsichtige,
unwillige und unfähige Väter und Mütter so gestärkt worden,
dass Familienrichter nur noch bei extremen Schädigungen der kindlichen Entwicklung
das Sorgerecht der Eltern beschränken. Bei "drohender Verwahrlosung",
wie es früher hieß, wird nicht mehr interveniert. Den Sozialarbeiterinnen
und Sozialarbeitern in den Jugendbehörden sind einmal durch die Praxis der
Rechtsprechung die Hände gebunden. Außerdem werden in den Ausbildungen
bzw. Studiengängen Positionen vermittelt, die nicht zum unnachsichtigen Durchgreifen
bei Verletzung des Kindeswohls durch die Eltern ermuntern. Über
das friedliche Miteinander in den Familien hinausgehend, muss hier auch auf die
hohe Bedeutung eines friedfertigen Umgangs zwischen den Erwachsenen aus der Herkunftsfamilie
und allen anderen an der Erziehung und Bildung eines Kindes Beteiligten hingewiesen
werden. Unter anderem hat die Kooperationsforschung zu Tage gefördert, welch
ein Förderungspotential in einem guten Zusammenwirken zum Beispiel zwischen
Elternhaus und Kindertagesstätte oder Schule enthalten ist und welche Schädigungen
für ein Kind folgen können, wenn Eltern und Erzieher nicht gut miteinander
auskommen. Doch
selbst in der friedfertigsten Familie bleiben Eltern und Kinder nicht von Zank
und Streitereien verschont. Unfrieden aber löst Ängste aus, vor allem
bei unseren Kindern. Wenn Geschwister sich in die Haare kriegen, werden Mutter
oder Vater als Vermittler gerufen. Geschwister
streiten besonders häufig. Der Grund liegt auf der Hand und ist für
alle, die selbst Geschwister haben, leicht nachvollziehbar: Die Geschwistereifersucht,
auf deren Normalität Alfred Adler als erster hingewiesen hat (Praxis und
Theorie der Individualpsychologie. München 1930), sind allgemein verbreitet.
Allerdings finden wir die darauf zurückzuführenden Symptome nicht nur
bei Geschwistern. Auch Kinder in Kindergruppen in Kindergarten, Schule oder Heim
neigen dazu, eifersüchtig darüber zu wachen, dass alle das "gleiche"
bekommen, niemand sich bei gemeinsamen Mahlzeiten ein größeres Stück
nimmt, als man selbst es hat. Denken wir zum Beispiel an den Nachtisch am Familientisch
oder an Kindergruppentischen. In der Küche wurden die Portionen abgefüllt.
Kommt dann das Tablett mit den Schüsselchen auf den Tisch, misst jedes Kind
- zumindest mit den Augen - ob auch überall gleich viel drin ist. Und Geschwister
daheim halten sogar Schokoladenriegel nebeneinander und prüfen, ob auch wirklich
jeder ein gleich langes Stück bekommen hat. Sogar bei Erwachsenen kann man
derartige, im Grunde Ichbezogene - Verhaltensweisen beobachten. Bei Familie Ypsilon
war es der Vater, der für sich das größte (das beste) Stück
(Fleisch, Kuchen u. a. m.) beanspruchte. Er hatte es so von seinem Vater gelernt.
Und außerdem war er der jüngste von drei Geschwistern. Der Platz
in der Geschwisterreihe wirkt sich aus. Jedes Kind fühlt sich durch ein nachfolgendes
Geschwisterchen aus seinen Rechten verdrängt und reagiert darauf mit Eifersucht,
die sich jedoch nicht immer in Aggressionen gegen den Eindringling äußern
muss. Es gibt Kinder, die fallen in bereits überwundene frühkindliche
Verhaltensweisen zurück, wenn sie wieder am Daumen lutschen, einnässen
oder unruhiger und widersetzlicher werden. Wenn dann noch die Eltern die Situation
missverstehen und das Kind bestrafen, dann fühlt es sich bestätigt in
seiner Vermutung, dass das neue Kind ihm die Liebe von den Eltern weggenommen
hat. Wenn ein Kind befürchtet, die Liebe und die Beachtung seiner Eltern
zu verlieren, dann wird es mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln
um elterliche Zuwendung kämpfen. Und wenn das nicht durch Wohlverhalten geht,
dann eben im Bösen. Aggressivität und Zerstörungswut haben nicht
selten darin ihre Ursachen. Bei
der Frage nach dem Umgang mit dieser Problematik im Familienalltag ist also zunächst
noch einmal darauf hinzuweisen, dass Eifersucht unter Geschwistern, genauso wie
Rivalität unter Kindern überhaupt, normal ist. Für das Einzelkind
tritt unter Umständen ein Elternteil an die Stelle eines fehlenden Geschwisterchens.
"Kinder brauchen andere Kinder" ist eine wichtige Regel. Nicht zuletzt
darum, um zu lernen, mit diesen Widerständen und Frustrationen, die Konkurrenzsituationen
mit sich bringen (und die unser ganzes Leben begleiten) umzugehen. Eltern,
die wissen, dass Eifersucht mit all ihren Folgen normal ist, stellen sich darauf
ein und betrachten eventuell auftretende Verhaltensenderungen ihres älteren
Kindes nicht als gegen sich gerichtet. Außerdem gilt auch hier alles,
was für den Umgang mit Aggressivität und Gewalt gültig ist: Ruhe,
Gelassenheit und weitestgehende Neutralität sind immer noch besser, als sich
bei jeder Gelegenheit einzumischen. Es ist zwar leichter gesagt als getan: "Behalte
immer die Nerven!" Nur, wenn wir sie verlieren und dazwischenfahren, schimpfen,
drohen oder gar schlagen, dann ist das unser Problem. Verwechseln wir also nicht
Ursache und Wirkung. Wenn Kinder sich streiten, so lautet unsere Erkenntnis, dann
ist das normal. Wenn wir uns darüber aufregen, dann ist das eine Angelegenheit
unserer eigenen nervlichen Belastbarkeit in dieser Situation
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Aber
auch wenn es Ärger mit anderen Kindern aus der Nachbarschaft, in Kindergarten
oder Schule gibt, sind Eltern gefordert, wieder für Frieden zu sorgen. Der
achtjährige Klaus kommt weinend aus der Schule nach Hause. "Mama,
der Karl hat mich gehauen..." Mama beugt sich zu ihm: "Zeig mal,
wo hat er dich denn gehauen" und sie tröstet ihren Jungen, indem sie
ihn in den Arm nimmt.
Eigentlich
reicht das in den meisten Fällen. Vor allem dann, wenn wir Eltern wissen,
dass der Klassenkamerad und Nachbar ein von Klaus gern gesehener Spielgefährte
ist. Wir nehmen zur Kenntnis, dass Klaus wieder einmal ruft: "Nie mehr spiele
ich mit ihm! Nie, nie mehr!" Seitdem wir Nachbarn sind, geht das nun schon
so. Meistens spielen sie schön zusammen und vertragen sich auch gut. Manchmal
gibt es Streit. Und weil sich beide Eltern aus dem Streit ihrer Kinder heraushalten
und wissen, dass sie die Ursachen eines Konflikts nachträglich ohnehin nicht
mehr herausfinden können und sowieso beide ihren Teil dazu beigetragen haben,
ist es müßig, sich aufzuregen, möglicherweise der Sache auf den
Grund gehen zu wollen und sogar selbst noch zu schimpfen und zu klagen. Zunächst
also gilt in derartigen Situationen: trösten, ruhig bleiben und abwarten.
Kinder können ihre Zwistigkeiten ganz gut selbst beheben. Etwas
anders sieht es aus, wenn Karl kein Freund von Klaus ist. Vielleicht ist der Junge
noch gar nicht lange in unsere Straße gezogen oder in das Haus, in dem wir
wohnen. Wir Eltern wissen also noch wenig von dem Jungen. In derartigen Fällen
verhalten wir uns zunächst ähnlich, wie im ersten Beispiel beschrieben.
Zugleich versuchen wir bei unserem Kind etwas mehr von Klaus zu erfahren: in welche
Klasse geht er denn; ist er größer und stärker; vor allem aber
wird es uns darum gehen, herauszufinden, ob unser Klaus Angst hat vor dem anderen
Jungen. Selbst wenn unser Junge es nicht zugeben möchte: manchmal erfahren
wir von seinen Ängsten, weil er von nun an zu vermeiden sucht, mit dem gefürchteten
Buben zusammenzutreffen. Wenn unser Kind aber tatsächlich Angst hat, dann
müssen wir etwas tun. Aber was? Da ist guter Rat teuer. Und ob die Erfahrungen,
die ich Ihnen mitteile in Ihrem Falle angewendet werden können, hängt
von den beteiligten Menschen und den jeweiligen Situationen zusammen. Grundsätzlich
gilt: alles, was geeignet ist, Frieden zu stiften und meinem Kind hilft, aus seiner
Angst herauszukommen und auch dem anderen Kind keine Angst macht, ist nützlich.
Wie ging die Geschichte nun weiter? Die
Mutter von Klaus hielt es für das beste, die Familie von Karl zu besuchen.
Mit ihrem Klaus klingelte an der Wohnungstür, nachdem sie sich vorher vergewissert
hatte, dass auch die Mutter von Karl daheim war. "Guten Tag, sagte sie, "ich
bin die Mutter von Klaus. Bitte entschuldigen sie die Störung! Ich möchte
gern sie und Karl kennen lernen, weil unser Klaus Angst hat vor Karl und das finde
ich schade." Freundlich-sachlich und ohne vorwurfsvollem Ton wurden mit diesen
wenigen Worten Anliegen und eigene Position vorgetragen. Die Mutter von Karl spürte
zuerst etwas wie Abwehr (hier will jemand mein Kind angreifen / ihm etwas am Zeuge
flicken). Aber sie bat die beiden herein und rief nach Karl, der gerade an seinen
Hausaufgaben saß. Etwas erstaunt, verwirrt und ein bisschen verlegen wurde
er, als er die beiden Besucher sah. Auch Klaus hat die Situation zunächst
nicht behagt. Bevor Karls Mutter ihren Sohn befragen konnte, hatte die Mutter
von Klaus die Situation insofern entspannt, als sie Karl freundlich begrüßte
und ihm das gleiche sagte: "Ich finde es schade, dass ihr euch auf dem Schulweg
gestritten habt. Ich wollte dich gern kennen lernen." Beide Buben wussten
nicht, was sie nun sagen, wie sie sich verhalten sollten. Karls Mutter bat Ihre
Gäste, sich zu setzen und hielt sich mit Bemerkungen zurück. Weder suchte
sie, ihren Sohn zu verteidigen noch forderte sie von ihm Rechenschaft. Da die
Besucherin das ganze Thema offensichtlich fallen ließ und das Gespräch
mit der Frage eröffnete, woher sie denn zugezogen seien, konnten die beiden
Frauen zunächst einmal über ein neutrales Thema miteinander reden. Nach
wenigen Sätzen, die Buben hatten verlegen aneinander vorbeigesehen und sich
nur verstohlen den einen oder anderen Blick zugeworfen, forderte die Mutter von
Karl ihren Jungen auf, Klaus sein neues Spielzeug zu zeigen. Tatsächlich
gingen beide Jungen aus dem Zimmer. Keiner brauchte Angst zu haben, dass die Mütter
über sie zu Gericht sitzen würden. Was die Buben taten und sprachen,
wissen wir nicht. Die Mütter aber redeten noch ein bisschen miteinander über
Wohnung und Teuerung. Natürlich sprachen sie auch über ihre Kinder -
aber eher allgemein: "es ist nicht einfach mit den Buben... es hat gar keinen
Zweck, nach Gründen für Streitigkeiten zu fragen oder sich einzumischen
... ja, meine beiden (es gab also Geschwister) streiten sich immer wieder, weil
sie Angst haben, sie kämen zu kurz ...". Nach einer halben Stunde verabschiedete
sich die Mutter von Klaus wieder, bedankte sich dafür, dass sie angehört
worden ist und bat abschließend darum, Karl nun keine Vorwürfe zu machen.
Ihr Anliegen war es, ihre und ihres Kindes Sorgen mitzuteilen in der Hoffnung,
dass, wenn sich alle Beteiligten erst kennen gelernt haben, derartige Konflikte
nachlassen. Die Buben wurden gerufen. Klaus und seine Mutter verabschiedeten sich,
ohne den Anlass ihres Besuches noch einmal zu erwähnen und gingen.
Klaus
hatte seitdem keine Angst mehr vor Karl und Karl gab ihm auch gar keinen Grund
mehr dazu. Ein interessantes Beispiel, das uns Mut macht - wenn wir den Mut
haben und so handeln, wie die Mutter von Klaus. Erfolg versprechend sind derartige
Verhaltensweisen dann, wenn es den Müttern und Vätern der verängstigten
Kinder gelingt, ohne Zorn und in freundlicher Gelassenheit auf die Eltern jenes
Kindes zuzugehen, das durch sein Verhalten, die Angst verursachte. Da wir nicht
wissen können, ob das Kind überhaupt gemerkt hat, was es mit seinen
Attacken angerichtet hat, ist es auch sinnlos, mit Vorwürfen zu kommen. Es
ist eine alte Erfahrung, dass es Menschen schwerer fällt aufeinander loszugehen,
die sich näher kennen gelernt haben und davon überzeugt sind, dass die
anderen einem nichts tun wollen. Darum war die Entscheidung von der Mutter von
Klaus richtig, bevor sie sich beschwert, erst einmal das Kind und die Familie
kennen zu lernen. Bekanntheit schafft Nähe und Nähe kann hilfreich sein. Auch
die Mutter von Karl blieb gelassen und wusste sehr gut, dass Vorwürfe oder
gar Schimpfen oder Strafen gar nichts verändern. Im Gegenteil: hätte
sie Karl für sein Fehlverhalten bestraft, hätte dieser einen Grund gehabt,
sich an Klaus für diese Demütigung zu "rächen". So erhielten
sie die Chance, ohne Gesichtsverlust, den Frieden wieder herzustellen und einander
näher zu kommen.
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