Schriften zur Erziehung und Bildung im WWW
von Dr. Joachim Rumpf

 

Das Bedürfnis nach Freude

 

Fangen wir bei uns selber an: Wir wünschen uns bei allen Gelegenheiten "frohe Festtage, Gesundheit und Freude". Sich auf etwas freuen dürfen und freuen können gilt seit langem als ein Gefühl, das dazu beiträgt, das Leben lebenswert zu machen. Friedrich Schiller widmete dieser - nur dem Menschen eigentümlichen Grundstimmung - ein Gedicht, das Ludwig van Beethoven vertonte und an den Schluss seiner Neunten Symphonie setzte. Die "Ode an die Freude" ist zu einer Welthymne geworden. Auch die christliche Botschaft, und hier besonders das Weihnachtsevangelium stellt die Freude in das Zentrum. Während wir Erwachsenen uns aus gutem Grund "Freude" wünschen, weil wir oft verlernt haben, uns zu freuen, freuen sich Kinder gleichsam von Natur aus. Hier ist uns Menschen die Bereitschaft zu einer Stimmung angeboren, die wir nicht erst lernen müssen. Alle Kinder, denen kein Leid angetan wird und deren Bedürfnisse eine hinreichende Befriedigung erfahren, freuen sich bei vielen Gelegenheiten. Frohsinn und Lebensfreude bringen sie ebenso unmittelbar mit ihrem ganzen Körper zum Ausdruck, wie sie ihrem Kummer in elementarer Weise so zum Ausdruck bringen, als stürze die ganze Welt zusammen. Freude und Leid liegen noch ganz dicht beieinander. Und wir Eltern und Erzieher möchten unseren Kindern recht viel Freude bereiten.
"Mein Kind macht mir viel Freude" sagen wir dann gern und bringen damit zugleich zum Ausdruck, dass auch unser Kind viel Freude hat. Denn wer Freude schenkt, dem wird Freude gegeben. Oder, wie es im Volksmund heißt: "Wie es in den Wald hinein schallt, so ruft es wieder raus."

Freude schenken ist bei Kindern nicht schwer. Gerade weil sie sich noch über alles freuen können, brauchen wir nicht, wie bei Erwachsenen, lange zu überlegen. "womit könnte ich ihr/ihm nur eine Freude machen?" Zugleich aber könnte diese Frage Maßstab dessen sein, was wir "Verwöhnen" nennen. Kinder die alles bekommen, eigentlich noch bevor sie ein begehrliches Auge darauf geworfen haben, werden rasch verlernen, sich zu freuen. Ihnen wird das Leben öde und langweilig. Bereits unsere alten Volksmärchen wussten davon zu erzählen: Nur wer noch Wünsche hat, kann sich auch auf etwas freuen.

Doch brauchen wir gar nicht an Geburtstage oder andere Gelegenheiten zum Schenken zu denken. Und voller Vorfreude fragen Kinder gern, wenn Eltern nach Hause oder Großeltern zu Besuch kommen: "Habt ihr mir auch was mitgebracht?" Nicht selten beginnt dann ein für das Kind spannendes Spiel, wenn es selbst suchen darf, in welcher Tasche denn ein für es bestimmtes Päckchen drin ist. Und erst die Freude beim Auspacken! Jede Kleinigkeit ist hoch willkommen. Es geht einem Kind gar nicht einmal in erster Linie darum, seinen Schätzen an Spielzeugen oder an Süßigkeiten noch etwas hinzuzufügen. Von zentraler Bedeutung sind die mit einer Zuwendung verbundenen Botschaften:
Wir haben an dich gedacht. Du bist uns wichtig. Wir haben dich lieb!
Die Freude eines Kindes wächst auch aus bestaunenswerten Begegnungen und Entdeckungen im Alltag. "Schau mal!" ruft der zweijährige Karl beim Spaziergang und strahlt vor Aufregung und Vergnügen und zeigt uns einen Käfer, der gerade über den Weg eilt. Und so entdecken unsere Kinder die Welt, sind freudig erregt und können sich vor Freude gar nicht lassen, wenn sie etwas sehen, was ihnen neu ist und/oder gefällt. Nehmen in derartigen Situationen die Eltern keinen Anteil an dieser spontanen Freude (weil sie schlechte Laune haben, weil sie nichts dabei finden, weil sie vermeintlich Wichtigeres zu tun u .a. m. haben), dann wird das Kind verstummen. Es braucht das Echo unserer Teilnahme an allem was es tut und besonders an seiner Freude!
Mehr als alles, was Geld kostet, schätzt unser Kind die Kontakte mit den Eltern und anderen Verwandten, die ihm lieb sind. Also schenken wir ihm unsere Zeit und unternehmen gemeinsam soviel wie möglich. Wir denken zum Beispiel an einen Besuch im Zoologischen Garten, einen Ausflug an einen See, an den Spaziergang an einem Bach oder wir denken bei der Planung von Ferien und der Fahrt zum Urlaubsort an unsere Kinder: so können wir Freude bereiten.


 


Freude, Frohsinn, Wohlbehagen, gehören zusammen. Bereits bei unseren Säuglingen können wir dieses Grundbedürfnis erkennen, wenn sie uns zum ersten Mal anlächeln oder sich durch lebhafte Bewegungen und fröhliches Glucksen signalisieren, dass sie froh darüber sind, uns zu sehen und zu hören. Freude, wenn ich mit diesem Begriff alle diese positiven Gefühle im Menschen zusammenfasse, kommt, wie beim Säugling bereits beobachtbar, in sozialen Beziehungen auf. Ein chinesisches Sprichwort sagt "Das Lächeln, das du aussendest, kehrt zu dir zurück". Unser Kleinkind beweist, dass das so ist. Und wenn sich sogar ein Kindergesicht unserem fünf Monate alten Säugling liebevoll zuwendet, können wir sehen, wie sich nach großäugigem Erstaunen rasch lebhafte Freude zeigt. Immer wieder müssen Eltern sich vor Augen halten, dass Kinder andere Kinder brauchen. Daraus lässt sich ableiten: wenn wir unserem Kind Freude bereiten wollen, ermöglichen wir ihm, mit anderen Kindern zusammen zu sein. Sowohl Gleichaltrige als auch Kinder unterschiedlichen Alters brauchen diesen Umgang miteinander. Gewiss treten später, bei Geschwistern können wir das genau so gut beobachten, wie in Krippe, Kindergarten oder auf dem Spielplatz, Konflikte auf. Doch gehören die Reibereien unter Kindern zu den ganz natürlichen Verhaltensweisen, vermitteln wertvolle soziale Erfahrungen und behindern nur selten die stets vorhandene neugierig-freudige Spannung eines Kindes in der Begegnung mit anderen Kindern. Hier eine oft anzutreffende Beobachtung:

Wenn die Eltern mit ihrem fünf Jahre alten Roman in die Stadt fuhren, dann wusste er genau, wo die Spielplätze waren. Dort zog es ihn (und er seine Eltern) hin. Keine größere Freude konnten sie ihm bei diesen Stadtbesuchen bereiten, als mit ihm auf den Spielplatz zu gehen. Dort saßen die Eltern dann irgendwo in Sichtkontakt mit Roman, der mal mehr, mal weniger zielstrebig, zu den im Sandkasten spielenden oder auf den Gerüsten herumturnenden Kindern zuging.
Wenn spielbereite und kontaktfreudige Kinder da waren, brauchten die Eltern viel Zeit und Geduld, bis Roman, zufrieden zurück kam und bereit war, weiter mitzugehen. Gelegentlich aber kam es zu Differenzen mit anderen Kindern. Seinen Frust beendete Roman, in dem er zu den Eltern lief und offensichtlich froh war, weggehen zu können. Beim nächsten Besuch in der Stadt aber war der Spielplatz erneut sein Ziel.

Freude und Frustration, Lachen und Weinen können also dicht beieinander liegen. Wichtig aber ist es, dass unsere Kinder beides erfahren und frühzeitig ihre sozialen Erfahrungen machen. Ob das mit einer Sandschaufel auf einem Spielplatz ist oder, noch mit Windeln am Po, im Kinderzimmer.

 

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