Das
Bedürfnis
nach Förderung |
Mit
Förderung ist das gemeint, was im alten Jugendwohlfahrtsgesetz Anspruch auf
Erziehung zu "seelischer, geistiger und körperlicher Tüchtigkeit"
hieß. Eltern bemühen sich nicht selten um die geistige Förderung
ihres Kindes, wenn sie versuchen, es mit Hilfe von "Nachhilfestunden"
zu fördern, um ihm etwas vermitteln zu lassen, was es einfach nicht begreift.
Diese Form der Förderung ist nicht gemeint. Hier geht es um mehr. Das, was
Förderung umfasst, beginnt bereits im Säuglingsalter, wie wir oben erfahren
haben. Denn wenn unser Säugling und Kleinkind Verlässlichkeit, Zärtlichkeit
und Zuwendung, Akzeptanz und Vertrauen erlebt, dann wird es gut gerüstet
sein für alle Anforderungen, die das Leben an es stellt. Es soll sich dereinst
im sozialen Feld unauffällig bewegen können und dennoch durchsetzungsfähig
sein, es soll interessiert und aufgeschlossen sein und gern lernen wollen und
Aufgaben bewältigen, auch wenn es mal schwer fällt. Es soll in Krisenzeiten
nicht gleich den Kopf verlieren und durchhängen, sondern sich im vollen Vertrauen
auf seine eigenen Kräfte auch schwierigen Situationen stellen. Eine Menge
guter Eigenschaften wünschen wir uns für unser Kind und fragen uns,
was wir denn dafür tun können. Das
Beispiel von dem Erkundungsdrang des acht Monate alten Kindes deutete bereits
darauf hin, dass wir unserem Kind als einem von Natur aus aktiven Erkunder die
Gelegenheit anbieten müssen, die Welt selbst zu erkunden und sich im Entdecken,
Ausprobieren und dann weiter beim Spiel zu üben. Dazu braucht es sicher auch
einmal einen Platz in unserer Wohnung, eine Ecke, in der es ungestört spielen
kann. Spielzeug werden wir ihm kaufen oder schenken lassen, das das Bedürfnis
nach aktiver Auseinandersetzung fördert. Dem
zehnjährigen Jungen der Familie K. schenkten Verwandte einen Roboter aus
Blech. Doch das einzige, was das Kind mit diesem Roboter zunächst tun konnte
war, ihn aufzuziehen. Dann drehte sich der Roboter um seine eigene Achse. Höflich
bedankte sich der Junge, denn er wusste, was sich gehört. Dann zog er mit
dem neuen Spielzeug ab in sein Zimmer. Als die Eltern und die Verwandtschaft einige
Zeit später nach ihm schauten, konnten sie sich davon überzeugen, dass
es noch eine weitere Variante (außer dem Aufziehen) gab, um sich aktiv mit
dem neuen Spielzeug zu beschäftigen. Mit Hilfe seines Werkzeugkastens hatte
der Junge den Roboter zerlegt und versuchte, das Uhrwerk mit Elementen eines Technik-Baukastens
zu verbinden. Die Eltern freuten sich über die Kreativität ihres Jungen.
Die Verwandten aber zogen enttäuscht von dannen. In ihren Augen hatte der
Junge das Geschenk "kaputt" gemacht.
Am
besten ist es, wenn wir unsere Kinder mit Dingen spielen lassen, die
sie in vielfältiger Weise herausfordern. Es gibt zum Beispiel heute
bereits Kindergärten, die tageweise oder ganz auf fertiges Spielzeug
und andere, industriell gefertigte Spielmaterialien verzichten. Die
Kinder langweilen sich keineswegs. Aus "wertlosem Material", wie
Papprollen, Holzstücken oder Stoffresten können phantastische Gebilde
entstehen. Und draußen können Kinder mit Sand, Erde, Steinen und Ästen
lange spielen ohne sich zu langweilen. Nicht zu unterschätzen
sind in diesen Zusammenhängen die positiven Auswirkungen von Bewegung
in und aktiver Begegnung mit unseren natürlichen Umwelten. Schauen wir
zurück in unsere eigene Kindheit und Jugend: "Feuerles-machen", auf
Bäume klettern, Baumhütten bauen, sich in Laubhaufen verstecken, Spiele
im Gelände ("Lebensbändel-Jagd"), im Freien zelten, am und mit Wasser
spielen: schier unendlich sind die Möglichkeiten, die den Kindern von
der Natur angeboten werden und ebenso unendlich vielfältig sind die
Möglichkeiten, die Kinder gerne nutzen. Da kommen keine Fernsehfilme
mit und keine Videos! In stationären Jugendhilfeeinrichtungen werden
Naturbegegnungen gezielt zur Förderung eingesetzt. Im Haus Alpenblick
zum Beispiel (http://www.alpenblick-kids.de/freizeit.php),
sind hierfür besonders ausgebildete Fachkräfte tätig, die mit Kindern
in den schulfreien Zeiten entsprechende Angebote machen und u. a.
Kinder an den Umgang mit Pflanzen und Tieren heranführen. (Vgl. dazu auch Roeper, Malte: Kinder raus! Zurück zur Natur: Artgerechtes Leben für den kleinen Homa sapiens. München 2011). Kinder
sind von Natur aus kreativ und wissbegierig; man kann auch sagen: sie
lernen gern! Wir Erwachsenen müssen ihnen nur die Gelegenheit dazu
geben!
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Dass
es aber auch anders sein kann und Kinder geradezu daran gehindert werden, ihre
natürlichen Kräfte zu entfalten, zeigt das Schicksal von Heinz. In der
Familie, in der er heranwuchs, bestimmte der Fernseher, gekoppelt mit einem Video-Gerät,
die Freizeiten. Das Gerät wurde morgens angestellt, und weil die Mutter jede
freie Minute vor dem Fernseher hockte, taten die drei Kinder ihr das nach. Am
Nachmittag und an den Wochenenden setzte sich noch der Vater hinzu, holte die
ausgeliehenen Videofilme aus der Tasche und ließ sie ablaufen. Dabei war
es den Erwachsenen gleich, ob die Filme für die noch nicht schulpflichtigen
Kinder geeignet waren oder nicht. Als Heinz eingeschult werden sollte, wurde gleichsam
aktenkundig, was Erzieherinnen bei seinen sporadischen Kindergartenbesuchen bereits
festgestellt hatten: Heinz war (unter anderem) in seiner Sprachentwicklung erheblich
zurückgeblieben.
In
der Familie von Heinz waren ganz einfache Muster des Lernens unbeachtet geblieben:
Sprechen lernt ein Kind, wenn es viel spricht und alles benennt oder wenn
die Eltern auf seine Fragen antworten; soziale Verhaltensweisen lernt es, wenn
es mit anderen Kindern spielt; seinen Körper lernt es zu beherrschen, wenn
es läuft, springt und sich vielfältig bewegt. Sehen lernt es, wenn es
beobachtet, Fahrrad fahren, wenn es Fahrrad fährt und nicht vom Zuschauen.
Kinder lernen also am ehesten, wenn sie etwas tun. An allem Tun sollten möglichst
viele seiner Sinne beteiligt sein. Zwingen wir aber ein Kind dazu, passiv zu sein,
nimmt es Schaden an Geist und Seele. Es sind gerade die Forschungsergebnisse von
Manfred Spitzer von der Universität Ulm oder Joachim Bauer von der Universität
in Freiburg, die uns heute aus neurologischer Sicht nachweisen, auf welche Weise
Kinder gefördert oder auf welche Weise der kindlichen Entwicklung erheblicher
Schaden zugefügt werden kann (Zu Spitzer vgl. dessen Buch "Lernen",
Heidelberg 2002. Zu Bauer vgl. seine Arbeit "Warum ich fühle, was du
fühlst - Intuitive Kommunikation und das Geheimnis der Spiegelneurose."
Hamburg 2005). Eines Tages wird es gar nicht mehr aktiv sein wollen. Das angeborene
Interesse am eigenen Erkunden wird dem ebenfalls angeborenen Hang zur Bequemlichkeit
Platz machen. Erst wurden die natürlichen Bedürfnisse eines Kindes übersehen
oder missachtet. Bald kommt der Zeitpunkt, wo es nicht mehr will. Später
wird es zum Verweigerer, der jede Anstrengung scheut und zu nichts "Lust"
hat. Genau hier
liegt das Geheimnis der Freude und des Interesses an der Leistung. Gerade beim
schulischen Lernen spielt das eine große Rolle. Dort fallen aber noch andere
Faktoren ins Gewicht: Zum Beispiel die Art und Weise der Vermittlung von Wissen,
die entsprechenden didaktischen Kenntnisse und Strategien der Lehrpersonen oder
die Lernatmosphäre. Je frühzeitiger ein Kind in Bezug auf schulisches
Arbeiten in die eigene Verantwortung gestellt wird, und je konsequenter und überzeugter
die Eltern der Fähigkeit ihres Kindes vertrauen für seine Angelegenheiten
selbst die Verantwortung zu übernehmen, um so geringer ist die Wahrscheinlichkeit,
dass es das Schulziel nicht erreicht. Eltern
und Erziehern fällt es nicht leicht, sich aus den Angelegenheiten von Kindern
herauszuhalten. Dies gilt ganz besonders dann, wenn es um die Schule geht, in
der, wie wir am eigenen Leibe erfahren haben, so manche Weichen gestellt werden.
Das Gebot der Zurückhaltung meint keineswegs, dass wir uns überhaupt
nicht um die schulischen Belange kümmern sollten. Denn wenn unsere Kinder
den Eindruck erhielten, uns wäre die Schule gleichgültig, dann wäre
sie ihnen auch bald gleichgültig: denken wir nur an die Bedeutung vorbildlichen
Verhaltens. Nein, wir sind sehr interessiert an dem, was die Kinder tun.
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In
der Küche einer Familie waren über der Küchentheke mehrere DIN
A 4 Blätter hintereinander auf die Kacheln geklebt. Darauf war der lange
Zug zu sehen, den der Sohn im Kindergarten gemalt hatte. Frühzeitig erkennen
wir also die Leistungen unserer Kinder an; und zwar vorbehaltlos! Die anderen
Kinder und die Geschwister werden schon genug daran herummäkeln. Selbstvertrauen
gewinnt ein Mensch nur über die Anerkennung durch die Personen, an deren
Anerkennung ihm etwas liegt. Also freuen wir uns über die Leitungsbemühungen
unseres Kindes so, wie wir uns einst über sein erstes gesprochenes Wort freuten.
Für die schulischen Arbeiten gilt dasselbe. Kinder freuen sich im Allgemeinen
auf die Schule und sind sehr daran interessiert, Lesen, Schreiben und Rechnen
zu lernen. Wenn uns Eltern die ersten Schreib- und Rechenbemühungen unserer
Kinder unzureichend erscheinen, dann meckern wir nicht daran herum. Alles braucht
seine Zeit und wenn wir Geduld, Vertrauen und stets aufmunternde Worte und Gesten
haben, dann wird das Kind früher oder später alles lernen, was es in
der Schule braucht, um versetzt zu werden. Ebenso selbstverständlich stehen
wir bereit, wenn das Kind Hilfe braucht. Rechnen, Schreiben und Lesen können
wir ja auch, also sind wir in der Lage das eine oder andere zu erklären.
Erst in späteren Schuljahren wenn der Schulstoff über unseren Wissensstand
hinausgeht, erklären wir unseren Kindern freimütig, dass wir das nicht
können und sie sich anderweitig informieren müssen. Da gibt es Nachschlagewerke
und - vor allem - Klassenkameraden. Kinder, die frühzeitig gelernt haben,
für ihre Arbeit selbst die Verantwortung zu übernehmen, haben zwar nicht
bessere Noten als andere, denn Noten hängen nicht allein von Fleiß
oder Begabung ab, wohl aber sind sie unabhängiger und selbstbewusster. In
den betreffenden Familien ist die Schule nur selten ein Konfliktstoff. In diesen
Zusammenhang gehört auch das Thema "Nachhilfeunterricht". Diese
Unterstützungsleistungen, die in der Regel von älteren Schülerinnen
und Schülern, gelegentlich auch von Lehrerinnen und Lehrern selbst, aber
inzwischen auch von Gewinnorientierten Unternehmen angebotenen werden sind sowohl
sinnvoll als auch unsinnig. Sinnvoll
ist Nachhilfeunterricht für unsere Kinder in folgenden Situationen: 1
wenn durch längere oder kürzere Schulausfälle, zum Beispiel durch
Krankheit, Stoff nachzuholen ist, 2
wenn sich nach einem Schulwechsel, zum Beispiel aus Anlass des Umzuges an einen
neuen Wohnort, herausstellt, dass man im Unterrichtsstoff allgemein oder in bestimmten
Fächern an der neuen Schule weiter vorangekommen ist, als an der alten Schule.
So etwas kann vor allem beim Wechsel von einem Bundesland in ein anderes leicht
vorkommen. 3 Bei
vorübergehenden Problemen in Bezug auf das Verstehen bestimmter Lerninhalte.
Zu denken ist da zum Beispiel daran, dass einem Kind der Zugang zu typischen Strukturen
eines Wissensbereichs schwer fällt. Es kann vorkommen, dass ein in sprachlichen
Bereichen begabtes Kind - es liest gern und gut - in mathematischen Verständnisschwierigkeiten
hat oder umgekehrt. Ist in derartigen Fällen durch eine hierfür kompetente
schulpädagogische Instanz wie Beratungslehrer/innen oder eine Bildungsberatungsstelle,
festgestellt worden, dass eine Förderung über einen begrenzten Zeitraum
hinweg hilfreich sein wird, dann hat eine für dieses Kind und auf sein spezielles
Verständnisproblem hin abgestimmte Fördermaßnahme ihren Sinn. Unsinnig
bis unverantwortlich sind alle Bemühungen von Seiten der Eltern, ihrem Kind
mit Hilfe von Nachhilfeunterricht zu schulischen Leistungen zu führen oder
ihr Kind in bestimmten Schulen zu halten, die das Kind von seiner geistigen Entwicklung
und/oder seinen Interessen und/oder seiner Begabung her nicht oder nur sehr mühsam
erbringt. Auch so genannte Hausaufgabenkreise dienen eigentlich nur jenen Eltern,
die sich selbst um die schulischen Angelegenheiten ihrer Kinder nicht in dem oben
vorgetragenen Verständnis kümmern können oder wollen. Gelegentlich
bieten aber außerschulische Förder- oder Nachhilfeeinrichtungen, meist
von privaten Unternehmen betrieben, mehr als die staatliche Schule. Das gilt besonders
in all jenen Institutionen, wo sowohl die technische Ausstattung als auch die
fachliche und persönliche Kompetenz der Lehrpersonen denen an öffentlichen
Schulen überlegen ist. Dann könnte ein Besuch derartiger Bildungseinrichtungen
zu einer ernstzunehmenden Konkurrenz für das staatliche Schulwesen heranwachsen.
Auf das einzelne Kind gesehen, muss das kein Schaden sein, wenn es dadurch Erfolge
erlebt, die es sonst in der Schule nicht hatte. Es muss aber auf Grund der vorliegenden
Erkenntnisse aus der Leistungsmotivationsforschung davon ausgegangen werden, dass
keine Hilfe sinnvoll und nützlich ist, die nicht zu einem intrinsischen,
also von Innen heraus kommenden, Interesse des Kindes am Lernen führt. Eltern
und älteren Kindern geht es möglicher Weise nur darum, das Klassen-
oder Schulziel zu erreichen, ganz egal, ob ein Kind dabei etwas begriffen hat
von dem was es gepaukt hat oder nicht. Eltern und Lehrer bedauern dann gelegentlich,
dass Kinder um der Zensuren willen lernen und eigentlich wenig an den Unterrichtsinhalten
interessiert sind. Sie lernen zwar ein Gedicht - doch die Botschaft der Verse
erreicht sie nicht. Was diese Kinder zum Auswendiglernen motiviert, ist die Zeugnisnote
bis hin zum Notendurchschnitt im Abschlusszeugnis. Das heißt also: nicht
für das Leben, sondern für die Noten wird gelernt. Günstigenfalls
werden nur die Unterrichtsinhalte behalten, die in Neigungsfächern vermittelt
werden. Dass das so ist, können wir unseren Kindern nicht anlasten. Sowohl
unser Schulsystem als auch unser Berechtigungswesen wie die Zugänge zu Ausbildung
und Studium nötigen uns und unsere Kinder zu einem derartigen Verhalten.
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Lesen
Sie bitte dazu die folgende Regel, deren Richtigkeit wir alle leicht mit Hilfe
unserer eigenen Erfahrung überprüfen können, soll vorab genannt
werden: Je mehr wir ein Kind bei seinen Leistungsbemühungen ermutigen,
umso größer das Interesse. Je weniger wir seine Bemühungen anerkennen
und nur das Ergebnis im Auge haben, umso größer die Gefahr, dass ein
Kind resigniert. "Versuche es noch einmal! Du schaffst das schon!" sollte
ein Kind häufiger hören als: "Lass die Finger davon, dazu bist
Du noch zu klein (zu dumm, zu ungeschickt)".
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