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Schriften zur Erziehung und Bildung im WWW
von Dr. Joachim Rumpf

 

Das Bedürfnis nach Förderung

 

Mit Förderung ist das gemeint, was im alten Jugendwohlfahrtsgesetz Anspruch auf Erziehung zu seelischer, geistiger und körperlicher Tüchtigkeit hieß. Eltern bemühen sich nicht selten um die geistige Förderung ihres Kindes, wenn sie versuchen, es mit Hilfe von "Nachhilfestunden" zu fördern, um ihm etwas vermitteln zu lassen, was es einfach nicht begreift. Diese Form der Förderung ist nicht gemeint. Hier geht es um mehr. Das, was Förderung umfasst, beginnt bereits im Säuglingsalter, wie wir auf der Seite über das Lernen http://www.rumpfs-paed.de/Werte/Lernbereitschaft.htm

bereits erfahren haben. Es lässt sich auch als einen Weg hin zu „Bildung“ beschreiben, wie unter noch näher ausgeführt wird.
Denn wenn unser Säugling und Kleinkind Verlässlichkeit, Zärtlichkeit und Zuwendung, Akzeptanz und Vertrauen erlebt, dann wird es gut gerüstet sein für alle Anforderungen, die das Leben an es stellt. Es soll sich dereinst im sozialen Feld unauffällig bewegen können und dennoch durchsetzungsfähig sein, es soll interessiert und aufgeschlossen sein und gern lernen wollen, also „gebildet“ werden und Aufgaben bewältigen, auch wenn es mal schwer fällt. „Bildung“ das ist nicht zuletzt als Prozess und Ergebnis das Zusammenwirken von „Sein“ – hier verstanden als das natürliche Streben nach Angenommen sein, Anerkennung, Geltung - und „Sollen“ – hier verstanden als die von einer Gesellschaft  geschaffenen Wege hin zur „Bildung“ zu denen Rahmenbedingungen wie Schulpflicht oder Ausbildungen gehören wie Lehrzeiten im Handwerk oder Hochschulstudien mit ihren Abschlüssen.

Genau hier liegt das Geheimnis der Freude und des Interesses an der Leistung. Gerade bei allen Angeboten, die die Kreativität eines Kindes oder jungen Menschen herausfordern, spielt das eine große Rolle.

 

Wir bieten unserem Kind als einem von Natur aus aktiven Erkunder die Gelegenheit an, die Welt selbst zu erkunden und sich im Entdecken, Ausprobieren und dann weiter beim Spiel zu üben. Dazu braucht es sicher Möglichkeiten, sich zu bewegen, auszutoben, sich im Freien zu tummeln, aber auch einen Platz in unserer Wohnung, eine Ecke, in der es ungestört spielen kann. Spielzeug werden wir ihm kaufen oder schenken lassen, das das Bedürfnis nach aktiver Auseinandersetzung fördert.

 

Dem achtjährigen Jungen der Familie K. schenkten Verwandte einen Roboter aus Blech. Doch das einzige, was das Kind mit diesem Roboter zunächst tun konnte war, ihn aufzuziehen. Dann drehte sich der Roboter um seine eigene Achse. Höflich bedankte sich der Junge, denn er wusste, was sich gehört. Dann zog er mit dem neuen Spielzeug ab in sein Zimmer. Als die Eltern und die Verwandtschaft einige Zeit später nach ihm schauten, konnten sie sich davon überzeugen, dass es noch eine weitere Variante (außer dem Aufziehen) gab, um sich aktiv mit dem neuen Spielzeug zu beschäftigen. Mit Hilfe seines Werkzeugkastens hatte der Junge den Roboter zerlegt und versuchte, das Uhrwerk mit Elementen eines Technik-Baukastens zu verbinden. Die Eltern freuten sich über die Kreativität ihres Jungen. Die Verwandten aber zogen enttäuscht von dannen. In ihren Augen hatte der Junge das Geschenk "kaputt" gemacht.

 

Am besten ist es, wenn wir unsere Kinder mit Dingen spielen lassen, die sie in vielfältiger Weise herausfordern. Es gibt zum Beispiel heute bereits Kindergärten, die tageweise oder ganz auf fertiges Spielzeug und andere, industriell gefertigte Spielmaterialien verzichten. Die Kinder langweilen sich keineswegs. Aus "wertlosem Material", wie Papprollen, Holzstücken oder Stoffresten können phantastische Gebilde entstehen. Und draußen können Kinder mit Sand, Erde, Steinen und Ästen lange spielen ohne sich zu langweilen. Kinder sind von Natur aus kreativ und wissbegierig; man kann auch sagen: sie lernen gern! Wir Erwachsenen müssen ihnen nur die Gelegenheit dazu geben! Die Fähigkeit, ständig Neues zu lernen bleibt uns Menschen während unseres ganzen Lebens erhalten
Hüther, Gerald: Was wir sind uns was wir sein könnten. Frankfurt a. M. 2011, S. 36
Vgl. dazu auch Roeper, Malte: Kinder raus! Zurück zur Natur: Artgerechtes Leben für den kleinen Homa sapiens. München 2011.
Vergleichbares gilt auch für den Spracherwerb, die unmittelbar nach der Geburt beginnt. Die Autorin weist sogar darauf hin, dass dieser Prozess bereits im Mutterleib beginnt, in dem ein Fötus die Mutter sprechen hört.
https://www.swr.de/swr2/wissen/wie-kinder-sprechen-lernen-swr2-wissen-2020-11-14-100.html (
Vgl. dazu auch
Remo H. Largo: Babyjahre. München 2010, S. 361 – 414 und Kinderjahre. München 19/2010, S.25 ff)

 

Dass es aber auch anders sein kann und Kinder geradezu daran gehindert werden, ihre natürlichen Kräfte zu entfalten, zeigt das Schicksal von Heinz. In der Familie, in der er heranwuchs, bestimmte der Fernseher, gekoppelt mit einem Video-Gerät, die Freizeiten. Das Gerät wurde morgens angestellt, und weil die Mutter jede freie Minute vor dem Fernseher hockte, taten die drei Kinder ihr das nach. Am Nachmittag und an den Wochenenden setzte sich noch der Vater hinzu, holte die ausgeliehenen Videofilme aus der Tasche und ließ sie ablaufen. Dabei war es den Erwachsenen gleich, ob die Filme für die noch nicht schulpflichtigen Kinder geeignet waren oder nicht. Als Heinz eingeschult werden sollte, wurde gleichsam aktenkundig, was Erzieherinnen bei seinen sporadischen Kindergartenbesuchen bereits festgestellt hatten: Heinz war (unter anderem) in seiner Sprachentwicklung erheblich zurückgeblieben.

 

In der Familie von Heinz waren ganz einfache Muster des Lernens unbeachtet geblieben:

 

Sprechen lernt ein Kind, wenn es viel spricht und alles benennt oder wenn die Eltern auf seine Fragen antworten; soziale Verhaltensweisen lernt es, wenn es mit anderen Kindern spielt; seinen Körper lernt es zu beherrschen, wenn es läuft, springt und sich vielfältig bewegt. Sehen lernt es, wenn es beobachtet, Fahrrad fahren, wenn es Fahrrad fährt und nicht vom Zuschauen.

 

Kinder lernen also am ehesten, wenn sie etwas tun. An allem Tun sollten möglichst viele seiner Sinne beteiligt sein. Zwingen wir aber ein Kind dazu, passiv zu sein, nimmt es Schaden an Geist und Seele. Es sind gerade die Forschungsergebnisse von Manfred Spitzer (2002) oder Joachim Bauer (2005), die uns heute aus neurologischer Sicht nachweisen, auf welche Weise Kinder gefördert oder auf welche Weise der kindlichen Entwicklung erheblicher Schaden zugefügt werden kann. Eines Tages wird es gar nicht mehr aktiv sein wollen. Das angeborene Interesse am eigenen Erkunden wird dem ebenfalls angeborenen Hang zur Bequemlichkeit Platz machen. Erst wurden die natürlichen Bedürfnisse eines Kindes übersehen oder missachtet. Bald kommt der Zeitpunkt, wo es nicht mehr will. Später wird es zum Verweigerer, der jede Anstrengung scheut und zu nichts "Lust" hat.

 

 Es fallen aber noch andere Faktoren in des Menschen Entwicklung ins Gewicht: Zum Beispiel, die Gelegenheit, den schier unerschöpflichen Bewegungsdrang der Kinder ausleben zu können – auch und nicht zuletzt in Freien -, die Art und Weise der Vermittlung von Wissen, die entsprechenden didaktischen Kenntnisse und Strategien der Pädagoginnen und Pädagogen oder die Arbeitsatmosphäre. Für die pädagogische Arbeit, in der die allseitige Förderung der kindlichen Entwicklung in einem Kindergarten  zentrale Aufgabe ist, zum Beispiel gilt:

 

Je mehr wir ein Kind bei seinen Leistungsbemühungen ermutigen, umso größer das Interesse. Je weniger wir seine Bemühungen anerkennen und nur das Ergebnis im Auge haben, umso größer die Gefahr, dass ein Kind resigniert. "Versuche es noch einmal! Du schaffst das schon!" sollte ein Kind häufiger hören als: "Lass die Finger davon, dazu bist Du noch zu klein (zu dumm, zu ungeschickt)".

 

Bildung“ das ist nicht zuletzt als Prozess und Ergebnis das“ – hier verstanden als das natürliche Streben nach Angenommen sein, Anerkennung, Geltung - und „Sollen“ – hier verstanden als die von einer Gesellschaft  geschaffenen Rahmenbedingungen wie Schulpflicht oder Ausbildungen, sei es in einer wie Lehre Handwerk oder Hochschulstudien mit ihren Abschlüssen.

Genau hier liegt das Geheimnis der Freude und des Interesses an der Leistung. Gerade beim schulischen Lernen spielt das eine große Rolle. Dort fallen aber noch andere Faktoren ins Gewicht: Zum Beispiel die Art und Weise der Vermittlung von Wissen, die entsprechenden didaktischen Kenntnisse und Strategien der Lehrpersonen oder die Lernatmosphäre. Je frühzeitiger ein Kind in Bezug auf schulisches Arbeiten in die eigene Verantwortung gestellt wird, und je konsequenter und überzeugter die Eltern der Fähigkeit ihres Kindes vertrauen für seine Angelegenheiten selbst die Verantwortung zu übernehmen, umso geringer ist die Wahrscheinlichkeit, dass es das Schulziel nicht erreicht.

Eltern und Erziehern fällt es nicht leicht, sich aus den Angelegenheiten von Kindern herauszuhalten. Dies gilt ganz besonders dann, wenn es um die Schule geht, in der, wie wir am eigenen Leibe erfahren haben, so manche Weichen gestellt werden. Das Gebot der Zurückhaltung meint keineswegs, dass wir uns überhaupt nicht um die schulischen Belange kümmern sollten. Denn wenn unsere Kinder den Eindruck erhielten, uns wäre die Schule gleichgültig, dann wäre sie ihnen auch bald gleichgültig: denken wir nur an die Bedeutung vorbildlichen Verhaltens. Nein, wir sind sehr interessiert an dem, was die Kinder tun.

In der Küche einer Familie waren über der Küchentheke mehrere DIN A 4 Blätter hintereinander auf die Kacheln geklebt. Darauf war der lange Zug zu sehen, den der Sohn im Kindergarten gemalt hatte. Frühzeitig erkennen wir also die Leistungen unserer Kinder an; und zwar vorbehaltlos! Die anderen Kinder und die Geschwister werden schon genug daran herummäkeln. Selbstvertrauen gewinnt ein Mensch nur über die Anerkennung durch die Personen, an deren Anerkennung ihm etwas liegt. Also freuen wir uns über die Leitungsbemühungen unseres Kindes so, wie wir uns einst über sein erstes gesprochenes Wort freuten. Kinder sind von Natur aus kreativ und wissbegierig; man kann auch sagen: sie lernen gern!


Für die schulischen Arbeiten gilt dasselbe. Kinder freuen sich im Allgemeinen auf die Schule und sind sehr daran interessiert, Lesen, Schreiben und Rechnen zu lernen. Wenn uns Eltern die ersten Schreib- und Rechenbemühungen unserer Kinder unzureichend erscheinen, dann meckern wir nicht daran herum. Alles braucht seine Zeit und wenn wir Geduld, Vertrauen und stets aufmunternde Worte und Gesten haben, dann wird das Kind früher oder später alles lernen, was es in der Schule braucht, um versetzt zu werden. Ebenso selbstverständlich stehen wir bereit, wenn das Kind Hilfe braucht. Rechnen, Schreiben und Lesen können wir ja auch, also sind wir in der Lage das eine oder andere zu erklären. Erst in späteren Schuljahren wenn der Schulstoff über unseren Wissensstand hinausgeht, erklären wir unseren Kindern freimütig, dass wir das nicht können und sie sich anderweitig informieren müssen. Da gibt es Nachschlagewerke und - vor allem - Klassenkameraden. Kinder, die frühzeitig gelernt haben, für ihre Arbeit selbst die Verantwortung zu übernehmen, haben zwar nicht bessere Noten als andere, denn Noten hängen nicht allein von Fleiß oder Begabung ab, wohl aber sind sie unabhängiger und selbstbewusster. In den betreffenden Familien ist die Schule nur selten ein Konfliktstoff.
In diesen Zusammenhang gehört auch das Thema "Nachhilfeunterricht". Diese Unterstützungsleistungen, die in der Regel von älteren Schülerinnen und Schülern, gelegentlich auch von Lehrerinnen und Lehrern selbst, aber inzwischen auch von Gewinnorientierten Unternehmen angebotenen werden sind sowohl sinnvoll als auch unsinnig.

Sinnvoll sind Nachhilfeunterricht und andere Fördermaßnahmen für unsere Kinder in folgenden Situationen:

1 wenn durch längere oder kürzere Schulausfälle, zum Beispiel durch Krankheit oder wegen Schulschließungen wie wir es zum Beispiel wegen der Corona-Pandomie erleben, Stoff nachzuholen ist,

2 wenn sich nach einem Schulwechsel, zum Beispiel aus Anlass des Umzuges an einen neuen Wohnort, herausstellt, dass man im Unterrichtsstoff allgemein oder in bestimmten Fächern an der neuen Schule weiter vorangekommen ist, als an der alten Schule. So etwas kann vor allem beim Wechsel von einem Bundesland in ein anderes leicht vorkommen.

3 Bei vorübergehenden Problemen in Bezug auf das Verstehen bestimmter Lerninhalte. Zu denken ist da zum Beispiel daran, dass einem Kind der Zugang zu typischen Strukturen eines Wissensbereichs schwer fällt. Es kann vorkommen, dass ein in sprachlichen Bereichen begabtes Kind - es liest gern und gut - in mathematischen Verständnisschwierigkeiten hat oder umgekehrt. Ist in derartigen Fällen durch eine hierfür kompetente schulpädagogische Instanz wie Beratungslehrer/innen oder eine Bildungsberatungsstelle, festgestellt worden, dass eine Förderung über einen begrenzten Zeitraum hinweg hilfreich sein wird, dann hat eine für dieses Kind und auf sein spezielles Verständnisproblem hin abgestimmte Fördermaßnahme ihren Sinn.

Unsinnig bis unverantwortlich sind alle Bemühungen von Seiten der Eltern, ihrem Kind mit Hilfe von Nachhilfeunterricht zu schulischen Leistungen zu führen oder ihr Kind in bestimmten Schulen zu halten, die das Kind von seiner geistigen Entwicklung und/oder seinen Interessen und/oder seiner Begabung her nicht oder nur sehr mühsam erbringt. Auch so genannte Hausaufgabenkreise dienen eigentlich nur jenen Eltern, die sich selbst um die schulischen Angelegenheiten ihrer Kinder nicht in dem oben vorgetragenen Verständnis kümmern können oder wollen. Gelegentlich bieten aber außerschulische Förder- oder Nachhilfeeinrichtungen, meist von privaten Unternehmen betrieben, mehr als die staatliche Schule. Das gilt besonders in all jenen Institutionen, wo sowohl die technische Ausstattung als auch die fachliche und persönliche Kompetenz der Lehrpersonen denen an öffentlichen Schulen überlegen ist. Dann könnte ein Besuch derartiger Bildungseinrichtungen zu einer ernstzunehmenden Konkurrenz für das staatliche Schulwesen heranwachsen. Auf das einzelne Kind gesehen, muss das kein Schaden sein, wenn es dadurch Erfolge erlebt, die es sonst in der Schule nicht hatte. Es muss aber auf Grund der vorliegenden Erkenntnisse aus der Leistungsmotivationsforschung davon ausgegangen werden, dass keine Hilfe sinnvoll und nützlich ist, die nicht zu einem intrinsischen, also von innen heraus kommenden, Interesse des Kindes am Lernen führt. Eltern und älteren Kindern geht es möglicher Weise nur darum, das Klassen- oder Schulziel zu erreichen, ganz egal, ob ein Kind dabei etwas begriffen hat von dem was es gepaukt hat oder nicht. Eltern und Lehrer bedauern dann gelegentlich, dass Kinder um der Zensuren willen lernen und eigentlich wenig an den Unterrichtsinhalten interessiert sind. Sie lernen zwar ein Gedicht - doch die Botschaft der Verse erreicht sie nicht. Was diese Kinder zum Auswendiglernen motiviert, ist die Zeugnisnote bis hin zum Notendurchschnitt im Abschlusszeugnis. Das heißt also: nicht für das Leben, sondern für die Noten wird gelernt. Günstigenfalls werden nur die Unterrichtsinhalte behalten, die in Neigungsfächern vermittelt werden. Dass das so ist, können wir unseren Kindern nicht anlasten. Sowohl unser Schulsystem als auch unser Berechtigungswesen wie die Zugänge zu Ausbildung und Studium nötigen uns und unsere Kinder zu einem derartigen Verhalten.

Ein nicht zu vernachlässigendes Element unserer Förderungsbemühungen sind die sozialen Fähigkeiten unserer Kinder. Auch hier bleibt die alltägliche Praxis die optimalste Methode:  

 „Kinder brauchen andere Kinder“ lässt sie sich überschreiben. Doch ist es nicht leicht, diese Einsicht, die ich sogar als eine der Grundbedingungen einer positiven sozialen Entwicklung betrachte, zu erklären. Hierbei kommen uns Eltern und Berufserziehern zwei Tendenzen in den Blick, wenn wir an entsprechende soziale Kontakte denken: eine negative, wenn wir meinen, dass unser Kind in seiner Entwicklung  gefährdet wird
oder eine positive, wenn wir meinen, dass der jeweilige soziale Kontakt unser Kind in seiner Entwicklung gut tut
.
Vgl. dazu:
https://www.familienhandbuch.de/babys-kinder/bildungsbereiche/soziale/KinderbrauchenKinder.php
https://emil-zitlau.com/blog/kinder-brauchen-kinder

Soziale Kontakte als ein herausragendes Element ihrer Entwicklung  pflegen Kinder bis in das Jugend- und Erwachsenenalter umso unbefangener und lieber, wenn sie sich auch in diesem Lebensbereich an Vorbildern orientieren können. Da ist zunächst und vor allem anderen an die eigenen Eltern und allen anderen Familienangehörigen zu denken. Halten sich auch diese erwachsenen Bezugspersonen hier zurück, „isolieren“ sich gleichsam aus Neigung und/oder Gewohnheit, dann fällt es auch unseren Heranwachsenden schwerer, soziale Kontakte bis hin zu Freundschaften zu realisieren und nicht später einmal, als Erwachsene, in eine ebenso ungewollte wie u. U. leidvolle Isolation zu geraten.
Dass hierbei durchaus auch gesellschaftliche Rahmenbedingungen mit einer Vielzahl, gleichsam von außen wirkender Faktoren, zu Prozessen führen können, die eine Vereinzelung einer Person fördern, das erleben wir zur Zeit (2020/2021), wenn wir gehalten sind, während der Zeit der „Corona-Pandemie“, soziale Kontakte nur unter bestimmten Einschränkungen wahrzunehmen.
Allerdings ist zwischen der Gefahr einer Entwicklung hin zu einer gleichsam erzwungenen Vereinsamung / sozialer Isolierung und dem selbstgewählten „Alleinsein“ zu unterscheiden, wie Diana Kinnert ausführlich begründete („Die neue Einsamkeit. Und wie wir sie als Gesellschaft überwinden können“. Hamburg 2021)

Ich selbst wuchs in einer Familie heran, in der es selbstverständlich war, sich gegen andere Familien/Personen/Personengruppen abzugrenzen und u. a. uns Kindern zu vermitteln, mit wem wir Kontakte pflegen dürfen bzw. sollen und mit wem nicht. Nicht selten, ohne uns diese Ge- und Verbote zu begründen.
Die entsprechenden Erfahrungen – ab und zu sogar mit der Folge, sich als Herangewachsene aus möglichst allen sozialen Engagements herauszuhalten – birgt die Gefahr späterer Vereinsamung. Einer derartigen Entwicklung unserer Kinder beugen wir vor, wenn wir alle uns möglichen und gern gewollten Formen sozialer Kontakte „vor“-leben.

Dr. Joachim Rumpf
Im Mai 2021

 

 

 

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