Schriften zur Erziehung und Bildung im WWW
von Dr. Joachim Rumpf

 

Das Bedürfnis nach Förderung

 

Mit Förderung ist das gemeint, was im alten Jugendwohlfahrtsgesetz Anspruch auf Erziehung zu "seelischer, geistiger und körperlicher Tüchtigkeit" hieß. Eltern bemühen sich nicht selten um die geistige Förderung ihres Kindes, wenn sie versuchen, es mit Hilfe von "Nachhilfestunden" zu fördern, um ihm etwas vermitteln zu lassen, was es einfach nicht begreift. Diese Form der Förderung ist nicht gemeint. Hier geht es um mehr. Das, was Förderung umfasst, beginnt bereits im Säuglingsalter, wie wir oben erfahren haben. Denn wenn unser Säugling und Kleinkind Verlässlichkeit, Zärtlichkeit und Zuwendung, Akzeptanz und Vertrauen erlebt, dann wird es gut gerüstet sein für alle Anforderungen, die das Leben an es stellt. Es soll sich dereinst im sozialen Feld unauffällig bewegen können und dennoch durchsetzungsfähig sein, es soll interessiert und aufgeschlossen sein und gern lernen wollen und Aufgaben bewältigen, auch wenn es mal schwer fällt. Es soll in Krisenzeiten nicht gleich den Kopf verlieren und durchhängen, sondern sich im vollen Vertrauen auf seine eigenen Kräfte auch schwierigen Situationen stellen. Eine Menge guter Eigenschaften wünschen wir uns für unser Kind und fragen uns, was wir denn dafür tun können.

Das Beispiel von dem Erkundungsdrang des acht Monate alten Kindes deutete bereits darauf hin, dass wir unserem Kind als einem von Natur aus aktiven Erkunder die Gelegenheit anbieten müssen, die Welt selbst zu erkunden und sich im Entdecken, Ausprobieren und dann weiter beim Spiel zu üben. Dazu braucht es sicher auch einmal einen Platz in unserer Wohnung, eine Ecke, in der es ungestört spielen kann. Spielzeug werden wir ihm kaufen oder schenken lassen, das das Bedürfnis nach aktiver Auseinandersetzung fördert.

Dem zehnjährigen Jungen der Familie K. schenkten Verwandte einen Roboter aus Blech. Doch das einzige, was das Kind mit diesem Roboter zunächst tun konnte war, ihn aufzuziehen. Dann drehte sich der Roboter um seine eigene Achse. Höflich bedankte sich der Junge, denn er wusste, was sich gehört. Dann zog er mit dem neuen Spielzeug ab in sein Zimmer. Als die Eltern und die Verwandtschaft einige Zeit später nach ihm schauten, konnten sie sich davon überzeugen, dass es noch eine weitere Variante (außer dem Aufziehen) gab, um sich aktiv mit dem neuen Spielzeug zu beschäftigen. Mit Hilfe seines Werkzeugkastens hatte der Junge den Roboter zerlegt und versuchte, das Uhrwerk mit Elementen eines Technik-Baukastens zu verbinden. Die Eltern freuten sich über die Kreativität ihres Jungen. Die Verwandten aber zogen enttäuscht von dannen. In ihren Augen hatte der Junge das Geschenk "kaputt" gemacht.

Am besten ist es, wenn wir unsere Kinder mit Dingen spielen lassen, die sie in vielfältiger Weise herausfordern. Es gibt zum Beispiel heute bereits Kindergärten, die tageweise oder ganz auf fertiges Spielzeug und andere, industriell gefertigte Spielmaterialien verzichten. Die Kinder langweilen sich keineswegs. Aus "wertlosem Material", wie Papprollen, Holzstücken oder Stoffresten können phantastische Gebilde entstehen. Und draußen können Kinder mit Sand, Erde, Steinen und Ästen lange spielen ohne sich zu langweilen.  Nicht zu unterschätzen sind in diesen Zusammenhängen die positiven Auswirkungen von Bewegung in und aktiver Begegnung mit unseren natürlichen Umwelten. Schauen wir zurück in unsere eigene Kindheit und Jugend: "Feuerles-machen", auf Bäume klettern, Baumhütten bauen, sich in Laubhaufen verstecken, Spiele im Gelände ("Lebensbändel-Jagd"), im Freien zelten, am und mit Wasser spielen: schier unendlich sind die Möglichkeiten, die den Kindern von der Natur angeboten werden und ebenso unendlich vielfältig sind die Möglichkeiten, die Kinder gerne nutzen. Da kommen keine Fernsehfilme mit und keine Videos! In stationären Jugendhilfeeinrichtungen werden Naturbegegnungen gezielt zur Förderung eingesetzt. Im Haus Alpenblick zum Beispiel (http://www.alpenblick-kids.de/freizeit.php), sind hierfür besonders ausgebildete Fachkräfte tätig, die mit Kindern in den schulfreien Zeiten entsprechende Angebote machen und u. a.  Kinder an den Umgang mit Pflanzen und Tieren  heranführen. (Vgl. dazu auch Roeper, Malte: Kinder raus! Zurück zur Natur: Artgerechtes Leben für den kleinen Homa sapiens. München 2011). Kinder sind von Natur aus kreativ und wissbegierig; man kann auch sagen: sie lernen gern! Wir Erwachsenen müssen ihnen nur die Gelegenheit dazu geben! Die Fähigkeit, ständig Neues zu lernen bleibt uns Menschen während unseres ganzen Lebens erhalten (Hüther, Gerald: Was wir sind uns was wir sein könnten. Frankfurt a. M. 2011, S. 36).


 

Dass es aber auch anders sein kann und Kinder geradezu daran gehindert werden, ihre natürlichen Kräfte zu entfalten, zeigt das Schicksal von Heinz. In der Familie, in der er heranwuchs, bestimmte der Fernseher, gekoppelt mit einem Video-Gerät, die Freizeiten. Das Gerät wurde morgens angestellt, und weil die Mutter jede freie Minute vor dem Fernseher hockte, taten die drei Kinder ihr das nach. Am Nachmittag und an den Wochenenden setzte sich noch der Vater hinzu, holte die ausgeliehenen Videofilme aus der Tasche und ließ sie ablaufen. Dabei war es den Erwachsenen gleich, ob die Filme für die noch nicht schulpflichtigen Kinder geeignet waren oder nicht. Als Heinz eingeschult werden sollte, wurde gleichsam aktenkundig, was Erzieherinnen bei seinen sporadischen Kindergartenbesuchen bereits festgestellt hatten: Heinz war (unter anderem) in seiner Sprachentwicklung erheblich zurückgeblieben.

In der Familie von Heinz waren ganz einfache Muster des Lernens unbeachtet geblieben:
Sprechen lernt ein Kind, wenn es viel spricht und alles benennt oder wenn die Eltern auf seine Fragen antworten; soziale Verhaltensweisen lernt es, wenn es mit anderen Kindern spielt; seinen Körper lernt es zu beherrschen, wenn es läuft, springt und sich vielfältig bewegt. Sehen lernt es, wenn es beobachtet, Fahrrad fahren, wenn es Fahrrad fährt und nicht vom Zuschauen.
Kinder lernen also am ehesten, wenn sie etwas tun. An allem Tun sollten möglichst viele seiner Sinne beteiligt sein. Zwingen wir aber ein Kind dazu, passiv zu sein, nimmt es Schaden an Geist und Seele. Es sind gerade die Forschungsergebnisse von Manfred Spitzer von der Universität Ulm oder Joachim Bauer von der Universität in Freiburg, die uns heute aus neurologischer Sicht nachweisen, auf welche Weise Kinder gefördert oder auf welche Weise der kindlichen Entwicklung erheblicher Schaden zugefügt werden kann (Zu Spitzer vgl. dessen Buch "Lernen", Heidelberg 2002. Zu Bauer vgl. seine Arbeit "Warum ich fühle, was du fühlst - Intuitive Kommunikation und das Geheimnis der Spiegelneurose." Hamburg 2005). Eines Tages wird es gar nicht mehr aktiv sein wollen. Das angeborene Interesse am eigenen Erkunden wird dem ebenfalls angeborenen Hang zur Bequemlichkeit Platz machen. Erst wurden die natürlichen Bedürfnisse eines Kindes übersehen oder missachtet. Bald kommt der Zeitpunkt, wo es nicht mehr will. Später wird es zum Verweigerer, der jede Anstrengung scheut und zu nichts "Lust" hat.

Genau hier liegt das Geheimnis der Freude und des Interesses an der Leistung. Gerade beim schulischen Lernen spielt das eine große Rolle. Dort fallen aber noch andere Faktoren ins Gewicht: Zum Beispiel die Art und Weise der Vermittlung von Wissen, die entsprechenden didaktischen Kenntnisse und Strategien der Lehrpersonen oder die Lernatmosphäre. Je frühzeitiger ein Kind in Bezug auf schulisches Arbeiten in die eigene Verantwortung gestellt wird, und je konsequenter und überzeugter die Eltern der Fähigkeit ihres Kindes vertrauen für seine Angelegenheiten selbst die Verantwortung zu übernehmen, um so geringer ist die Wahrscheinlichkeit, dass es das Schulziel nicht erreicht.

Eltern und Erziehern fällt es nicht leicht, sich aus den Angelegenheiten von Kindern herauszuhalten. Dies gilt ganz besonders dann, wenn es um die Schule geht, in der, wie wir am eigenen Leibe erfahren haben, so manche Weichen gestellt werden. Das Gebot der Zurückhaltung meint keineswegs, dass wir uns überhaupt nicht um die schulischen Belange kümmern sollten. Denn wenn unsere Kinder den Eindruck erhielten, uns wäre die Schule gleichgültig, dann wäre sie ihnen auch bald gleichgültig: denken wir nur an die Bedeutung vorbildlichen Verhaltens. Nein, wir sind sehr interessiert an dem, was die Kinder tun.


 

In der Küche einer Familie waren über der Küchentheke mehrere DIN A 4 Blätter hintereinander auf die Kacheln geklebt. Darauf war der lange Zug zu sehen, den der Sohn im Kindergarten gemalt hatte. Frühzeitig erkennen wir also die Leistungen unserer Kinder an; und zwar vorbehaltlos! Die anderen Kinder und die Geschwister werden schon genug daran herummäkeln. Selbstvertrauen gewinnt ein Mensch nur über die Anerkennung durch die Personen, an deren Anerkennung ihm etwas liegt. Also freuen wir uns über die Leitungsbemühungen unseres Kindes so, wie wir uns einst über sein erstes gesprochenes Wort freuten.
Für die schulischen Arbeiten gilt dasselbe. Kinder freuen sich im Allgemeinen auf die Schule und sind sehr daran interessiert, Lesen, Schreiben und Rechnen zu lernen. Wenn uns Eltern die ersten Schreib- und Rechenbemühungen unserer Kinder unzureichend erscheinen, dann meckern wir nicht daran herum. Alles braucht seine Zeit und wenn wir Geduld, Vertrauen und stets aufmunternde Worte und Gesten haben, dann wird das Kind früher oder später alles lernen, was es in der Schule braucht, um versetzt zu werden. Ebenso selbstverständlich stehen wir bereit, wenn das Kind Hilfe braucht. Rechnen, Schreiben und Lesen können wir ja auch, also sind wir in der Lage das eine oder andere zu erklären. Erst in späteren Schuljahren wenn der Schulstoff über unseren Wissensstand hinausgeht, erklären wir unseren Kindern freimütig, dass wir das nicht können und sie sich anderweitig informieren müssen. Da gibt es Nachschlagewerke und - vor allem - Klassenkameraden. Kinder, die frühzeitig gelernt haben, für ihre Arbeit selbst die Verantwortung zu übernehmen, haben zwar nicht bessere Noten als andere, denn Noten hängen nicht allein von Fleiß oder Begabung ab, wohl aber sind sie unabhängiger und selbstbewusster. In den betreffenden Familien ist die Schule nur selten ein Konfliktstoff.
In diesen Zusammenhang gehört auch das Thema "Nachhilfeunterricht". Diese Unterstützungsleistungen, die in der Regel von älteren Schülerinnen und Schülern, gelegentlich auch von Lehrerinnen und Lehrern selbst, aber inzwischen auch von Gewinnorientierten Unternehmen angebotenen werden sind sowohl sinnvoll als auch unsinnig.

Sinnvoll ist Nachhilfeunterricht für unsere Kinder in folgenden Situationen:

1 wenn durch längere oder kürzere Schulausfälle, zum Beispiel durch Krankheit, Stoff nachzuholen ist,

2 wenn sich nach einem Schulwechsel, zum Beispiel aus Anlass des Umzuges an einen neuen Wohnort, herausstellt, dass man im Unterrichtsstoff allgemein oder in bestimmten Fächern an der neuen Schule weiter vorangekommen ist, als an der alten Schule. So etwas kann vor allem beim Wechsel von einem Bundesland in ein anderes leicht vorkommen.

3 Bei vorübergehenden Problemen in Bezug auf das Verstehen bestimmter Lerninhalte. Zu denken ist da zum Beispiel daran, dass einem Kind der Zugang zu typischen Strukturen eines Wissensbereichs schwer fällt. Es kann vorkommen, dass ein in sprachlichen Bereichen begabtes Kind - es liest gern und gut - in mathematischen Verständnisschwierigkeiten hat oder umgekehrt. Ist in derartigen Fällen durch eine hierfür kompetente schulpädagogische Instanz wie Beratungslehrer/innen oder eine Bildungsberatungsstelle, festgestellt worden, dass eine Förderung über einen begrenzten Zeitraum hinweg hilfreich sein wird, dann hat eine für dieses Kind und auf sein spezielles Verständnisproblem hin abgestimmte Fördermaßnahme ihren Sinn.

Unsinnig bis unverantwortlich sind alle Bemühungen von Seiten der Eltern, ihrem Kind mit Hilfe von Nachhilfeunterricht zu schulischen Leistungen zu führen oder ihr Kind in bestimmten Schulen zu halten, die das Kind von seiner geistigen Entwicklung und/oder seinen Interessen und/oder seiner Begabung her nicht oder nur sehr mühsam erbringt. Auch so genannte Hausaufgabenkreise dienen eigentlich nur jenen Eltern, die sich selbst um die schulischen Angelegenheiten ihrer Kinder nicht in dem oben vorgetragenen Verständnis kümmern können oder wollen. Gelegentlich bieten aber außerschulische Förder- oder Nachhilfeeinrichtungen, meist von privaten Unternehmen betrieben, mehr als die staatliche Schule. Das gilt besonders in all jenen Institutionen, wo sowohl die technische Ausstattung als auch die fachliche und persönliche Kompetenz der Lehrpersonen denen an öffentlichen Schulen überlegen ist. Dann könnte ein Besuch derartiger Bildungseinrichtungen zu einer ernstzunehmenden Konkurrenz für das staatliche Schulwesen heranwachsen. Auf das einzelne Kind gesehen, muss das kein Schaden sein, wenn es dadurch Erfolge erlebt, die es sonst in der Schule nicht hatte. Es muss aber auf Grund der vorliegenden Erkenntnisse aus der Leistungsmotivationsforschung davon ausgegangen werden, dass keine Hilfe sinnvoll und nützlich ist, die nicht zu einem intrinsischen, also von Innen heraus kommenden, Interesse des Kindes am Lernen führt. Eltern und älteren Kindern geht es möglicher Weise nur darum, das Klassen- oder Schulziel zu erreichen, ganz egal, ob ein Kind dabei etwas begriffen hat von dem was es gepaukt hat oder nicht. Eltern und Lehrer bedauern dann gelegentlich, dass Kinder um der Zensuren willen lernen und eigentlich wenig an den Unterrichtsinhalten interessiert sind. Sie lernen zwar ein Gedicht - doch die Botschaft der Verse erreicht sie nicht. Was diese Kinder zum Auswendiglernen motiviert, ist die Zeugnisnote bis hin zum Notendurchschnitt im Abschlusszeugnis. Das heißt also: nicht für das Leben, sondern für die Noten wird gelernt. Günstigenfalls werden nur die Unterrichtsinhalte behalten, die in Neigungsfächern vermittelt werden. Dass das so ist, können wir unseren Kindern nicht anlasten. Sowohl unser Schulsystem als auch unser Berechtigungswesen wie die Zugänge zu Ausbildung und Studium nötigen uns und unsere Kinder zu einem derartigen Verhalten.

 

 

Lesen Sie bitte dazu die folgende Regel, deren Richtigkeit wir alle leicht mit Hilfe unserer eigenen Erfahrung überprüfen können, soll vorab genannt werden:
Je mehr wir ein Kind bei seinen Leistungsbemühungen ermutigen, umso größer das Interesse. Je weniger wir seine Bemühungen anerkennen und nur das Ergebnis im Auge haben, umso größer die Gefahr, dass ein Kind resigniert. "Versuche es noch einmal! Du schaffst das schon!" sollte ein Kind häufiger hören als: "Lass die Finger davon, dazu bist Du noch zu klein (zu dumm, zu ungeschickt)".

 

 

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