Schriften zur Erziehung und Bildung im WWW
von Dr. Joachim Rumpf

 

Das Bedürfniss nach Anerkennung

 


Unser vierjähriges Kind bringt ein Bild aus dem Kindergarten mit, das es dort gemalt hat. "Guck, das hab ich gemalt" verkündet es stolz, überreicht uns das Kunstwerk und schaut uns erwartungsvoll an. "Danke" sagen wir, schneiden ein Stückchen Tessaband ab und hängen es neben die anderen Bilder an die Küchentür. Weil dort fast kein Platz mehr ist, schlagen wir vor, ein altes wieder zu entfernen und in die Mappe mit den Bildern unseres Kindes zu legen.

Denn alles, was unser Kind uns schenkt, ist uns wertvoll. Das zeigen wir ihm durch diese Gesten und damit zugleich, dass wir seine Bemühungen anerkennen. Wir kommen darauf noch einmal zurück. Seine Bemühungen wohlgemerkt! Nicht etwa das Produkt. Denn würden wir unsere Maßstäbe anlegen und meinen, dass dieser Vogel auf dem Bild eher aussieht wie eine Giraffe und die wüste Kritzelei alles andere ist als ein Brief oder ein Haus, dann würden wir unser Kind kränken. Ihm ginge es dann genau so wie der Hausfrau am Wochenende, die sich mit dem Mittagessen so viel Mühe gegeben hat und der Ehemann und die Kinder dann über das Essen meckern. "Ich habe mich wirklich angestrengt", denkt oder sagt sie dann, "aber Euch kann man gar nichts recht machen." Das vierjährige Kind wird so etwas vielleicht noch nicht sagen, aber genau so empfinden. Und wenn sich abfällige Bemerkungen oder sonstige Missfallensäußerungen häufen, wird es uns zunächst nichts mehr zeigen und am Ende die Lust verlieren, etwas zu malen oder sonst etwas hervorzubringen. "Ich kann es ja eh nicht" so etwa sieht es dann in dem Kind aus, "es hat gar keinen Zweck, dass ich es erst versuche". Das Kind ist entmutigt, sagen wir dann. Kinder (und Erwachsene), die allzu rasch aufgeben, wenn sich ihnen eine schwierige Aufgabe stellt, sind entmutigte Menschen. Ihnen fehlte (unter anderem) jemand, der ihnen wichtig war, wie es zum Beispiel Mutter und Vater sind, die sie in und bei allem, was sie versuchten, ermutigten. Vor allem in der Schule wird die Bedeutung des ermutigenden Zuspruchs deutlich. Nicht immer und in allen Fächern haben die Kinder Erfolg. Dann brauchen sie unsere Tröstungen und Ermutigungen. Strafarbeiten, Sonderaufgaben oder gar Bestrafungen wie Zimmerarrest o. ä. sind falsche Wege, um ein Kind an Aufgaben heranzuführen. Das wissen auch alle Berufserzieherinnen und Berufserzieher.

Kinder, die nicht erleben, dass Ihre "Leistungen" - und dazu gehört zuerst und vor allem das Bemühen und nicht das Ergebnis! - auf Interesse stießen oder gar anerkannt werden, strengen sich nicht mehr an. Mit der Zeit verlieren sie die Lust, sich zu bemühen. Und wenn dann etwas nicht gleich klappt, heißt es rasch: "das kann ich nicht". Die Anerkennung und das Interesse an kindlichem Leistungsstreben durch jene Personen, die für ein Kind wichtig sind, sind eine bedeutsame Quelle der Leistungsmotivation, die in Schule und Beruf gebraucht werden.
Mäkeln wir aber ständig an dem herum, was unser Kind als Ergebnis seiner Anstrengungen vorweist oder schimpfen und strafen sogar, wird es am Ende resignieren und in seinem Verhalten zeigen, dass ja "alles keinen Zweck" hat. Angst und Resignation sind Geschwister und wer sich über Leistungen die Anerkennung und Geltung nicht (mehr) verschaffen können, die doch zum Leben gehören, sucht nach Ausgleich. Verweigerungen, Aggressionen gegen andere Menschen oder Sachen und am Ende Aggressionen gegen sich selbst vom Einstieg in die Sucht bis zum Selbstmord können dann die Folgen sein.

 

Hier ist an vorbehaltlose Annahmen oder an das Verfassungsgebot von der Beachtung der Würde des Menschen zu denken. Formal rechtlich gilt also der Grundsatz der gegenseitigen Anerkennung von Gleichberechtigung, Gleichwertigkeit. Es ist das Prinzip „demokratischer Sittlichkeit“[i], das, in dem Ausmaß in dem es in konkreten sozialen Beziehungen verletzt wird, die Betroffenen verstört. Jesper Juul hat die Bedeutung  von Anerkennung in einem am 07.02.2010 im 2. Programm des SWR ausgestrahlten Interview eindrucksvoll bestätigt. Hier ein Ausschnitt aus dem Beginn der Sendung (Manuskript, S. 1):

 
Jesper Juul: „Anerkennung ist die Fähigkeit, einen anderen Menschen nicht nur zu sehen, wie er ist, und dazu mit Empathie zu sehen, das ist Anerkennung, Und jetzt entdecken wir es langsam wieder, dass dieses Wort für das Zwischenmenschliche sehr, sehr zentral ist…. In jeder Liebesbeziehung ist diese Gleichwürdigkeit ganz, ganz zentral.“

Doris Weber: „Anerkennung – der berühmte dänische Familientherapeut Jesper Juul gibt diesem Wort auch den schönen Namen „Gleichwürdigkeit“. Anerkennung: Sich in Würde begegnen. Aufgehoben sein im liebenden Blick eines Gegenübers. Wirkliche Anerkennung berührt uns auf einer tiefen, existenziellen Ebene. Sie ist das Echo eines herzlichen Ja zu unserem Sein, sagt Jesper Juul. Und sie stellt keine Bedingungen, sie fordert nichts.“

Jesper Juul: „Das hat nicht mit einer Leistung zu tun, das hat mit meinem Sein zu tun und es ist sehr, sehr weit von Lob und Kritik. Es ist nur Anerkennung. Wir brauchen diese Anerkennung. Es ist die überhaupt

Hier ist an vorbehaltlose Annahmen oder an das Verfassungsgebot von der Beachtung der Würde des Menschen zu denken. Formal rechtlich gilt also der Grundsatz der gegenseitigen Anerkennung von Gleichberechtigung, Gleichwertigkeit. Es ist das Prinzip „demokratischer Sittlichkeit“[i], das, in dem Ausmaß in dem es in konkreten sozialen Beziehungen verletzt wird, die Betroffenen verstört. Jesper Juul hat die Bedeutung  von Anerkennung in einem am 07.02.2010 im 2. Programm des SWR ausgestrahlten Interview eindrucksvoll bestätigt. Hier ein Ausschnitt aus dem Beginn der Sendung (Manuskript, S. 1):

 

Jesper Juul: „Anerkennung ist die Fähigkeit, einen anderen Menschen nicht nur zu sehen, wie er ist, und dazu mit Empathie zu sehen, das ist Anerkennung, Und jetzt entdecken wir es langsam wieder, dass dieses Wort für das Zwischenmenschliche sehr, sehr zentral ist…. In jeder Liebesbeziehung ist diese Gleichwürdigkeit ganz, ganz zentral.“

Doris Weber: „Anerkennung – der berühmte dänische Familientherapeut Jesper Juul gibt diesem Wort auch den schönen Namen „Gleichwürdigkeit“. Anerkennung: Sich in Würde begegnen. Aufgehoben sein im liebenden Blick eines Gegenübers. Wirkliche Anerkennung berührt uns auf einer tiefen, existenziellen Ebene. Sie ist das Echo eines herzlichen Ja zu unserem Sein, sagt Jesper Juul. Und sie stellt keine Bedingungen, sie fordert nichts.“

Jesper Juul: „Das hat nicht mit einer Leistung zu tun, das hat mit meinem Sein zu tun und es ist sehr, sehr weit von Lob und Kritik. Es ist nur Anerkennung. Wir brauchen diese Anerkennung. Es ist die überhaupt wichtigste Voraussetzung für Wachstum, für Entfaltung…“

 

Besonders bei Kindern ist auf diese Voraussetzung zu achten. Nicht alle mögen gleich empfindsam (oder empfindlich) sein. Wenn aber ein Vater zu seinem Sohn "Dummkopf", ein Lehrer zu einem Schüler "Hornochse" oder die Mutter zur Tochter "blöde Kuh" sagt, dann fühlen sich die Kinder abgelehnt und tief verletzt. Natürlich zeigen sie das nicht so deutlich; sie sind ja vom guten Willen ihrer Eltern und Lehrer abhängig. In ihrem Inneren aber tun derartige Herabsetzungen weh. „Dass schon ein ganz kleines Kind einen tiefen Sinn für persönliche Würde hat – und dass, wenn dieser Sinn missachtet wird, sein Gemüt in einem Maße verletzt werden kann, wie ein Erwachsener sich dies nie vorzustellen vermöchte“, das erfuhr Maria Montessori in ihrem Umgang mit Kindern (2010, S. 178). Und so kann eine kleine seelische Narbe zu der anderen kommen und das Selbstwertgefühl der betreffenden Kinder ganz erheblich beschädigen. Was völlig fehlende Anerkennung anrichten kann, soll eine Erfahrung zeigen, über die der Leiter eines Kinderheims berichtete:

 

„Vor vielen Jahren brachten mir Eltern ihre achtjährige Tochter zu Aufnahme und schoben sie mir mit den Worten zu: "Das ist unser Dubele" (übersetzt: Dummköpfchen).

Dieses Mädchen besuchte zu diesem Zeitpunkt eine private Sonderschule für geistig Behinderte und war dort "verhaltensauffällig" geworden. Nach wenigen Tagen, das Kind hatte etwas Zutrauen gefasst, musste ich feststellen, dass offenbar keine geistige Behinderung vorlag und meldete sie, nach Rücksprache mit den zuständigen Lehrern, zum Besuch einer zweiten Grundschulklasse an.

Etwas überaltert zwar aber voller Elan besuchte sie diese Klasse, arbeitete  gut und sehr selbständig mit. Das Mädchen war tatsächlich normal begabt, ging später zu Realschule, erlernte in der öffentlichen Verwaltung einen Beruf und ist heute, mit rd. vierzig Jahren, mit einem eigenen Unternehmen in der Schweiz erfolgreich.

Die Ursachen der Fehlentwicklung in ihren ersten Schuljahren ließen sich eindeutig ermitteln. Sie lagen nicht zuletzt in dem Unvermögen ihrer Eltern, älteren Geschwister und Großeltern (die ich mit der Zeit alle gut kennen lernte), ihr etwas zuzutrauen und die von ihr erbrachten eigenen Leistungen anzuerkennen. Die Familie - auch so lässt sich das deuten - "brauchte" ein Dubele und schaffte sich eins.“



[i] Mit diesem Begriff wird auf die sozialwissenschaftlichen Erkenntnisse des Philosophen Axel Honneth Bezug genommen.  Er sieht in seinen Arbeiten die gegenseitige Anerkennung von Personen in allen sozialen Gruppen einer Gesellschaft als Ausdruck sozialer Gerechtigkeit und Freiheit. Vgl. dazu: Honneth, Axel: Das Recht der Freiheit. Grundriss einer demokratischen Sittlichkeit. München 2012

 

wichtigste Voraussetzung für Wachstum, für Entfaltung…“

 

Besonders bei Kindern ist auf diese Voraussetzung zu achten. Nicht alle mögen gleich empfindsam (oder empfindlich) sein. Wenn aber ein Vater zu seinem Sohn "Dummkopf", ein Lehrer zu einem Schüler "Hornochse" oder die Mutter zur Tochter "blöde Kuh" sagt, dann fühlen sich die Kinder abgelehnt und tief verletzt. Natürlich zeigen sie das nicht so deutlich; sie sind ja vom guten Willen ihrer Eltern und Lehrer abhängig. In ihrem Inneren aber tun derartige Herabsetzungen weh. „Dass schon ein ganz kleines Kind einen tiefen Sinn für persönliche Würde hat – und dass, wenn dieser Sinn missachtet wird, sein Gemüt in einem Maße verletzt werden kann, wie ein Erwachsener sich dies nie vorzustellen vermöchte“, das erfuhr Maria Montessori in ihrem Umgang mit Kindern (2010, S. 178). Und so kann eine kleine seelische Narbe zu der anderen kommen und das Selbstwertgefühl der betreffenden Kinder ganz erheblich beschädigen.

[i] Mit diesem Begriff wird auf die sozialwissenschaftlichen Erkenntnisse des Philosophen Axel Honneth Bezug genommen.  Er sieht in seinen Arbeiten die gegenseitige Anerkennung von Personen in allen sozialen Gruppen einer Gesellschaft als Ausdruck sozialer Gerechtigkeit und Freiheit. Vgl. dazu: Honneth, Axel: Das Recht der Freiheit. Grundriss einer demokratischen Sittlichkeit. München 2012

 

Anerkennung der Persönlichkeit unseres Kindes meint aber noch mehr, als Ermutigung. Hier ist an das Verfassungsgebot von der Beachtung der Würde des Menschen zu denken. Auch unsere Kinder sind Menschen. Nicht alle mögen gleich empfindsam (oder empfindlich) sein. Wenn aber ein Vater zu seinem Sohn "Dummkopf", der Lehrer zu einem Schüler "Hornochse" oder eine Mutter zur Tochter "blöde Kuh" sagt, dann werden Kinder tief verletzt, wenn der Ton, in dem solche Ausdrücke gebraucht werden, aggressiv ist. Natürlich zeigen Kinder das nicht immer deutlich; sie sind ja vom guten Willen ihrer Eltern und Lehrer abhängig. In ihrem Inneren aber tun derartige Herabsetzungen weh. Und so kann eine kleine seelische Narbe zu der anderen kommen und das Selbstwertgefühl von Kindern ganz erheblich beschädigen.

Wer in seinem Leben erfahren hat, dass er von seinen Eltern und Erziehern als dumm, ungeschickt oder minderwertig erlebt wird, dem fällt es später schwer, selbständig zu werden. Er gibt rasch auf und traut sich wenig zu. Statt zu demütigen sollten wir unsere Kinder viel mehr ermutigen. Es waren unter anderen Rudolf Dreikurs und Vicki Soltz, die diese Haltung in ihrem viel beachteten Buch "Kinder fordern und heraus" (Stuttgart 1983) empfahlen.

Gelegentlich können Straferfahrungen im Zusammenhang mit schulischem Lernen den guten Willen eines Kindes empfindlich beeinträchtigen.

Heinz war im zweiten Schuljahr, als er im Rechenunterricht aufgerufen wurde. Weil er nicht aufgepasst hatte, ging der Lehrer zu ihm und tat, was er üblicherweise zu tun pflegte: Er gab Heinz eine schallende Ohrfeige.
Daheim, wo Schläge nicht üblich waren, verschwieg Heinz den Vorfall. Er wusste aus Erfahrung, denn die ältere Schwester ging bereits ins vierte Schuljahr, dass die Eltern nichts unternommen hätten. "Pass halt das nächste Mal auf" wäre das Einzige gewesen, was die Mutter gesagt hätte. Am nächsten Morgen klagte der Junge über Bauchschmerzen. Einige Tage behielt ihn die besorgte Mutter daheim. Der Arzt konnte aber keine Erkrankung feststellen.
Heinz ging in der folgenden Woche, wenn auch angstvoll, wieder in die Schule. Im Rechen-unterricht verhielt er sich muckmäuschenstill und zeigte sich als "braver" Junge. Nur mit dem Rechnen wollte es nicht mehr klappen. Es war, als hätte der bis dahin schulisch unauffällige Junge eine Blockade im Kopf.
Einige Monate nach diesem Ereignis wurde der Mathematiklehrer versetzt. Heinz hat ihn nie wieder gesehen.
Der Junge war zwar froh darüber, dass er diesen "strengen" Lehrer los war. Doch mit dem Rechnen wollte es nie mehr recht klappen und das Kind hinkte während seiner ganzen Schulzeit in diesem Fach den anderen hinterher. Die Eltern erklärten die "Rechen-schwäche" mit Vererbung: "Ich war im Rechnen auch keine gute Schülerin", sagte die Mutter.

Eine einzige Strafe kann ein Kind schocken und für eine lange Zeit verängstigen und verunsichern. Angst und Unsicherheit aber sind genau das Gegenteil von anerkennenden Verhaltensweisen und damit keine guten Begleiter auf dem Weg in eine selbstbewusste Existenz. Es gibt sehr viele Frauen und Männer, die - noch bis ins hohe Alter hinein - voller Ängste und Unsicherheiten sind, die sie gelegentlich völlig lähmen. Sie trauen sich nichts zu, weil ihnen in ihrer Kindheit die Anerkennung für ihre Bemühungen fehlte.
Das Gegenteil von ermutigen ist also entmutigen. An Beispielen von Entmutigung wird unmissverständlicher klar, dass ermutigende Signale von Seiten der Eltern und anderer Erwachsener für die Entwicklung eines Kindes besser sind.

Als Andreas eingeschult wurde, freute er sich wie alle anderen Kinder auf den neuen Lebensabschnitt. Und ebenso wie die meisten Kleinen hatte er Mühe, den Stift richtig zu halten und bei den ersten Versuchen auf dem Papier seine "Wellen" und die "Berge und Täler" von links nach rechts einigermaßen gerade oder gar zwischen Vorgedruckte Linien zu malen. Andreas hatte, wie die meisten seiner Altersgefährten also Schwierigkeiten mit dem "Schreiben". Was Andreas von den anderen Kindern unterschied, das waren Eltern, die damit nicht umgehen konnten. Vielleicht hatten sie keine Zeit gehabt zum Elternabend zu gehen, als Funktionen und Bedeutung der ersten Übungen erklärt wurden, vielleicht hatten sie einfach nicht richtig zugehört oder verstanden: sie mäkelten an den Versuchen ihres Jungen herum. "So macht man das doch nicht ... Nun gib dir endlich mal Mühe... stell dich bloß nicht so an... das ist doch kinderleicht... wenn das so weitergeht, wirst du nie schreiben lernen...jetzt machst du das alles noch einmal, aber ordentlich..." so tönte es unentwegt aus dem Mund der Mutter und wenn der Vater kam, dann gab auch der noch seine Kommentare dazu ab.

Die Eltern meinten es nicht böse mit ihrem Kind. Aber so geht es nicht! Hier fehlt jeder Ansatz von Ermutigung. Andreas hörte nur die eine Botschaft: wir sind mit dir nicht zufrieden - du bist ein Versager! Die Eltern haben versäumt, ihm Mut zu machen: "Mach nur weiter, das schaffst du schon" oder, falls die Lehrerin/der Lehrer nicht zufrieden waren: Beim nächsten Mal wird es sicher besser!"


 

Kann man es mit dem Anerkennen und Ermutigen auch übertreiben? Gewiss, man kann in allen Lebenssituationen des "Guten zuviel" tun. Kinder aber haben ein gutes Gefühl dafür, wenn Eltern sie ständig loben oder gar belohnen, auch wenn sie sich nicht angestrengt haben. Denken wir noch einmal an die Szene mit dem Bild, das uns unser Kind vom Kindergarten mitbringt. Wer hindert uns daran, dosiert zu reagieren? Niemand zwingt uns, ein Bild schön zu finden, das wir für "Geschmier" halten. Wohl aber können wir ganz genau hinschauen. Wir kennen unser Kind und seine Möglichkeiten und darum erkennen wir auch, wie viel Mühe es sich gegeben hat. Und wenn wir mehrere Bilder zur Auswahl haben, dann sagen wir, was uns warum besser gefällt. Kritische Hinweise verträgt ein Kind besser als Missachtung. Und wenn wir wissen, dass ein Kind etwas besser machen kann, dann sagen wir ihm das auch - aber eben so, dass wir es nicht entmutigen! Ein Kind braucht nicht nur Anerkennung und Ermutigung, sondern auch Anforderungen und Gütemaßstäbe.

Die Entwicklung eines gesunden Selbstwertgefühls lässt sich auch beeinträchtigen, wenn wir an unsere "Intimsphäre" denken. Genau wie wir Erwachsenen haben Kinder ein Recht auf den Schutz ihrer persönlichen Sphäre. Eltern sollten sie achten und zum Beispiel nicht ohne anzuklopfen in das Zimmer ihrer zwölfjährigen Tochter gehen oder ungebeten Tagebücher oder Photos ihres Sohnes anschauen. Erst recht wäre es nicht zu verantworten, wenn wir heimlich die von unserem Kind verschlossenen oder versteckten Tagebücher oder andere "Geheimnisse" aufspürten. Wir achten unser Kind, in dem wir die von ihm selbst gezogenen Grenzen beachten.

"Der entscheidende Stimulus für die Vitalitätssysteme des Gehirns - sie werden auch Motivationssysteme genannt - ist die Zuwendung und Wertschätzung anderer Menschen..."

sagt der Neurowissenschaftler und Arzt Joachim Bauer (in einem Vortrag in der Sendung "Wissen" des SWR 2 am 21. Januar 2007).

Die Forschungen dieses Wissenschaftlers bestätigten die Erkenntnis, die bereits Charles Darwin vertrat, dass u. a. Anerkennung und Akzeptanz durch das soziale Umfeld für einen Menschen zu dessen Grundbedürfnissen gehören. Sie sind es die gerade in den hierfür sensiblen Phasen ab dem dritten Lebensjahr, die Motivationssysteme eines Menschen prägen. Der „Ursprung alltäglicher und globaler Gewalt“, so der Untertitel eines Buches von Joachim Bauer (München 2011), ist im Mangel an Vertrauen und sozialer Akzeptanz zu suchen (S. 35)[i].

Jesper Juul ergänzt diese Sicht in dem oben erwähnten Interview, und sagt, dass es für das Wohlergehen von Kindern nicht wichtig ist, welche Regeln, Verbote und Gebote man vor ihnen aufstellt. Kinder brauchen Respekt, sie haben Würde. Ob sie fleißig sind oder faul, ob sie brav sind oder frech, ob sie vor den Eltern versagen oder diese mit Erfolgen beschenken, ob sie die ersten oder die letzten in der Schule sind – darauf kommt es nicht an:

„Kinder sind vollwertige Menschen. Ihnen gebührt Anerkennung vom ersten Augenblick ihres Lebens an.“

Du bist ein Wunder!
Jede Sekunde unsers Lebens ist ein neuer und
einzigartiger Augenblick im Universum -
ein Augenblick, der sich nie wiederholen wird.
Und was bringen wir unseren Kindern bei?
Wir bringen ihnen bei, dass zwei und zwei vier ist
Und Paris die Hauptstadt von Frankreich.

Wann werden wir ihnen beibringen, was sie sind?

Wir sollten jedem Kind sagen: Weißt du, was du bist?
Du bist ein Wunder.
Du bist einzigartig.
In all den Jahren, die vergangen sind,
hat es niemals ein Kind wie dich gegeben.
Deine Beine, Deine Arme, deine geschickten Finger,
die Art wie du dich bewegst.

Aus dir kann ein Shakespeare, ein Michelangelo, ein Beethoven werden. Du kannst alles erreichen.
Ja, du bist ein Wunder.
Und wenn du groß bist, kannst du dann zu anderen böse sein,
die ebenso wie du ein Wunder sind?
Du musst daran arbeiten – wir alle müssen daran arbeiten -,
die Welt für ihre Kinder lebenswert zu machen.

 
Ein Gedicht von Pablo Casals
(aus der Internetseite „petra.rundums.net/texte/wunder“). Du bist einmalig. Gut, dass es dich gibt. Diese Botschaft brauchen unsere Kinder ständig, um zu gedeihen. Für mich ist „Anerkennung“ ein ganz entscheidendes Bedürfniselement und ganz eng verwoben mit den anderen, die hier beschrieben werden.

Durch Lesen allein aber ändert bzw. bewegt sich nichts. Vielleicht darum, weil jeder von uns das Folgende wusste und es auch so immer wieder hörte oder las:

 jede/jeder muss bei sich selbst anfangen, jene Eigenschaften und Verhaltensweisen umzusetzen, die sie/er von anderen erwartet. Und das ist die schwerste Aufgabe für die Zukunft, der schwierigste Auftrag. Geschähe dies nämlich, würden sich die Atmosphäre und Qualität von Erziehung und Bildung schlagartig verändern. Doch von allein geschieht das nicht. Jede / jeder von uns hat es zum Beispiel selbst in der Hand, seinem Partner / seiner Partnerin und seinen Kindern und höflich zu begegnen. Es dürfte einfach nicht (mehr) vorkommen, dass auf kindliche Äußerungen nach Hilfe eine unfreundliche, unwirsche, abweisende in Ton und Mimik verletzende Reaktion erfolgt. Meine zentrale Botschaft ist die Forderung nach dem Verzicht auf jede Form von Diskriminierung!

 Und an den Schluss der hierzu passende Text aus der Bergpredigt (Evangelium des Matthäus Kap. 7, Vers 12):

„Alles nun, das ihr wollet, das euch die Leute tun sollen, das tut
ihr ihnen auch; ...“

 



[i] Wie im Titel des Buches bereits angedeutet ist, geht es Joachim Bauer um die Wurzeln der menschlichen Aggression. Er weist nach, dass Quantität und Qualität aggressiven Verhaltens davon abhängen, ob und in welchem Ausmaß einer sich entwickelten Persönlichkeit die Bedürfnisse nach Vertrauen und Anerkennung durch die sozialen Umwelten vorenthalten werden.

 

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