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Diese
Überschrift trifft allerdings nur eine bestimmte Realität: Die, die
sich auf Fachliteratur bezieht. Natürlich lesen Pädagogen auch. Viele
von ihnen haben sogar viele Bücher daheim in den Regalen. Doch
Schriften aus den Wissensgebiten der Erziehungswissenschaft, der
Schulpädagogogik, der Psychologie oder der Soziologie, um nur einige
grob verallgemeinernde Richtungen anzudeuten, fehlen zumeist.
Die Zurückhaltung
in Bezug auf die Lektüre von Fachliteratur bei unseren Berufspädagogen ist
bemerkenswert. Allein schon darum, weil diese Abstinenz ohne Folgen blieb.
Jedenfalls ist mir kein Fall bekannt, dass es Reklamationen von Seiten der
Eltern oder der Aufsichtsführenden Instanzen gab, weil Mängel in der
Berufsausübung mit fehlendem Interesse am Studium von Fachliteratur in
Verbindung gebracht wurden. Nun wäre es allerdings auch nicht möglich, einen
derartigen Zusammenhang nachzuweisen. Es ist darüber hinaus auch
ausgeschlossen, die mehr oder weniger ausgeprägte Distanz im Beruf stehender
Pädagogen zu pädagogischer Fachliteratur, seien dies Aufsätze in
Fachzeitschriften oder Neuerscheinungen auf dem Büchermarkt zu zählen oder zu
messen. Ich behaupte:
die Mehrzahl von
Berufspädagogen in allen Schularten und Einrichtungen der Jugendhilfe vom
Kindergarten bis zum Kinderheim interessieren sich nach erfolgreich
abgeschlossener Ausbildung kaum noch oder überhaupt nicht mehr für die für sie
bestimmte Literatur.
Diese Behauptung
stütze ich auf eigene Erfahrungen im Umgang mit meinen Berufskolleginnen und
-Kollegen. Selbstverständlich trage ich sie vor, ohne den Anspruch auf
Repräsentativität zu erheben.
Bisher sind,
falls es sie gegeben haben sollte, entsprechenden empirischen Untersuchungen
nicht veröffentlicht. In Gesprächen mit Mitarbeiterinnen in den Redaktionen
zweier pädagogischer Verlage wurde meiner oben erwähnten Behauptung nicht
widersprochen. Eigene Erkenntnisse der Verlage aber zu diesem Verhalten von
Berufspädagogen wurden mir nicht mitgeteilt. Derartige Daten, ob und wie viel
sozialpädagogische Einrichtungen und Schulen oder leitende Fachkräfte aus
diesen Arbeitsfeldern zu den Abonnenten ihrer Fachzeitschriften zählen, konnten
bzw. durften sie mir nicht verraten.
Ich werde nun
meine Erfahrungen zu diesem Problem mitteilen und gehe davon aus, dass die zu
schilderten Einzelfälle, verallgemeinert werden können.
Anita leistet
eine gute Arbeit in ihrer Tagesstätte. Sie leitet sie mit großem Engagement und
sehr souverän. Ich kenne Anita jetzt seit zwanzig Jahren. Zwischendurch bekam
sie ihre beiden Kinder. Ihr Mann hat einen Teilzeitarbeitsplatz und kümmert
sich nachmittags um die Kinder, wenn sie aus dem Kindergarten und der
Grundschule nach Hause kommen. Mit ihrem Team hat Anita eine überzeugende
Konzeption erarbeitet. Immer dann, wenn sie oder eine ihrer Mitarbeiterinnen
auf Fortbildung waren, sie besuchen gerne Veranstaltungen mit recht konkreten
Inhalten wie zum Beispiel neue Spiele oder über den Umgang mit elektronischem
Spielzeug, wird ausgewertet und in die Arbeit integriert, was an Neuem aus
diesen Fortbildungen mitgebracht wurde. Doch jetzt kommt das Erstaunliche: Seit
dem Abschluss ihres Studiums hat Anita kein Fachbuch mehr in die Hand genommen
und gelesen.
„Warum nicht?“
hatte ich sie mal gefragt. Sie reagierte keineswegs verlegen, zögerte ein
wenig, zuckte mit den Schultern und fragte dann zurück: „Warum sollte ich?“
Ein privater
Anlass führte mich in die Runde mehrerer Lehrerinnen und Lehrer. Unter diesen
insgesamt neun Kolleginnen und Kollegen hatten drei von ihnen ihre letzten
Prüfungen für das jeweilige Lehramt bereits vor vierzig und mehr Jahren
abgeschlossen. Sie befanden sich also im Ruhestand. Alle neun Damen und Herren
jedoch bestätigten gern und mit voller Überzeugung, dass sie eine von niemandem
beanstandende Arbeit geleistet hätten. Und hierfür hatten sie keine
Fachliteratur aus den Bereichen Schulpädagogik und –Didaktik, oder
psychologische oder soziologische Titel gebraucht. Selbstverständlich aber
verwenden sie Bücher: Es waren die für das jeweilige Fach in den Schulen
zugelassenen Unterrichtswerke und die hierzu gehörenden didaktisch-methodischen
Schriften. Und wenn der Verlag, für dessen Bücher sie sich an ihrer Schule
irgendwann einmal entschieden hatten, seine Angebote aktualisiert – und die
nötigen Mittel für die Anschaffungen vom Schulträger bereit gestellt werden –
dann werden natürlich die neuen Unterrichtswerke und –Materialien verwendet.
Diese unterliegen nach mal mehr mal weniger kurzen Zeiträumen recht deutlichen
Veränderungen. Als Beispiel wurde in diesem Zusammenhang auf die Schriften von
Arthur Kern (1902 – 1988) verwiesen, der in den fünfziger und sechziger Jahren
mit der Idee der „Ganzheitsschule“ oder mit seinen „Schulreifetests“ in aller
Munde war. Diese Konzepte des ganzheitlichen Rechnens oder des
„Gestaltrechnens“ wie überhaupt die „Didaktischen Grundprinzipien im
ganzheitlichen Unterricht“, die mehrere Studentengenerationen prägten, sind
heute völlig unbekannt. Für Pädagogen nach meiner Meinung recht wertvolle
Autoren wurden jedoch nicht gelesen. Einige waren wenigstens dem Namen nach
bekannt.
Ein wenig anders
sieht es an einer mir vertrauten Fachschule aus, an der künftige Erzieherinnen
und Erzieher ausgebildet werden. Die Lehrerinnen und Lehrer, die dort Fächer
aus den Bereichen sozialpädagogischer Praxis, Psychologie und Pädagogik
unterrichten, verwenden als Literatur für die eigene Vorbereitung sowie als
Lehrmittel für die Schülerinnen und Schüler gern jene Neuerscheinungen, die
ihnen zusagen. Es gibt in den Lehrplänen und anderen Vorgaben der jeweils
oberen Schulbehörden (Kultusministerien) zugelassene bzw. empfohlene Schriften,
unter denen die das betreffende Fach unterrichtenden Damen und Herren, jenes
auswählen, das ihnen als geeignet erscheint. An der Fachschule, die ich vor
Augen habe, sind das die Unterrichtswerke, an denen einer ihrer Kollegen
mitwirkte.
An den
allgemeinbildenden Gymnasien ist die Situation, was die Nutzung von Literatur
mit pädagogischen, psychologischen oder sozialpsychologischen Inhalten betrifft
noch dramatischer. Hier liegen die Ursachen für die entsprechende Zurückhaltung
der dort wirkenden Fachkräfte tiefer und reichen in das berufliche
Selbstverständnis.
Gymnasiallehrer
lehnen es ab, pädagogisch zu wirken.
Diese Aussage
mutet paradox an, angesichts der Erfahrung, dass sie, wie erwähnt, in den
Tageszeitungen, spätestens in einem Nachruf, ja als Pädagogen gelobt werden.
Ihr berufliches Selbstverständnis führen sie selbst aber auf ihr Fachstudium
zurück. "Ich bin doch kein Erzieher, sondern Germanist", das erklärte
mir erst kürzlich einer von ihnen und brachte damit recht eindeutig zum
Ausdruck, worüber er bereit ist nachzudenken und worüber nicht. Dieses Selbstverständnis
unterstrich der Vertreter des "Deutschen Lehrerverbandes", der die
Ansprüche einer aus humanistischer Psychologie und Ergebnissen der
Gehirnforschung gespeisten didaktischen Konzeption beiläufig als
"pädagogische Romantik" abtat. (Sendung "Nachtcafe" am 29.
06. 2007 im SWF 3).
Möglicherweise,
das wäre wert gründlich untersucht zu werden, verfügen Gymnasiallehrer über ein
geringeres (schul-) pädagogisches Wissen und Können und über weniger Kenntnisse
über die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen, als es vergleichsweise die
Handwerkskammer von angehenden Meistern erwartet. Es widerspricht aber ein
derartig eingeschränktes Berufsverständnis oder gar eine dieses
Selbstverständnis fördernde Ausbildung oder berufsständische Politik, völlig der
Erwartung von Seiten vieler einsichtiger Eltern und Schüler (und dem gesetzlich
vorgeschriebenen Erziehungsauftrag), nach der in der Schule Pädagogen tätig
sind. Und zwar Pädagogen, die diese anspruchsvolle Berufsbezeichnung auch
verdienen. Noch einmal sei betont, dass Schüler und Eltern einen Anspruch
darauf haben, dass gut ausgebildete Fachdidaktiker an unsere Schulen kommen und
nicht Germanisten, Anglisten, Romanisten, Historiker oder wie auch immer die
akademischen Studiengänge heißen. Es werden also Lehrpersonen gebraucht, die
nicht nur wissen, was zu vermitteln ist, sondern die auch das "Wie"
beherrschen und die bereit und in der Lage sind, in kompetenter Weise
erzieherisch zu wirken. Längst hat die Unterrichtsforschung nachgewiesen, dass
Schülerinnen und Schüler in der Schule umso motivierter lernen, je besser die
Beziehungen zwischen ihnen und den Unterrichtenden sind Und das sollten auch
die Lehrer unserer weiterführenden Schulen wissen und beachten! Ganz offenbar
genügt es nicht, didaktische, pädagogische, psychologische und soziologische
Informationen auf die zweite Ausbildungsphase (Referendariat) zu beschränken.
Würde dieser Ausbildungsabschnitt die für die Berufsausübung notwendigen
Kenntnisse und Fähigkeiten vermitteln, dann gäbe es diesen Erfahrungsbericht
nicht. Die Gymnasien, die ich besuchte, um mich dort in den
„Lehrerbibliotheken“ umzusehen, verfügten über keine Schriften aus den
Bereichen von Pädagogik oder Psychologie. Nachschlagwerke waren reichlich
vertreten. Inzwischen werden auch die kaum noch benutzt werden, da ja über das
Internet für alle Fächer eine Fülle an Informationen abgerufen werden können.
Es können aber auch, ich denke hier an meine eigene Homepage, im Internet heute
auch Texte aus jenen Wissensbereichen, die ich in den Lehrerbibliotheken der
Schulen vermisste, gefunden werden. Ob
die von Berufspädagogen aufgerufen werden ist freilich nicht überprüfbar.
Gymnasiallehrer werden kaum davon Gebrauch machen, da sie sich nicht als Pädagogen
verstehen.
Im
Jugendfhilfebereich sieht es nicht besser aus. Ich bewegte mich zwischen 1973
und 2003 viel unter den Leitern unterschiedlich großer, verschiedener
Spitzenverbänden der freien Wohlfahrtspflege angehörenden Heimen für Kinder und
Jugendliche. Ich lernte unter ihnen keinen kennen, der nach dem Abschluss
seiner Studien Fachbücher las oder sogar darüber Auskunft geben konnte. Ich
denke zum Beispiel an Herrn X, der sich seiner Leseabstinenz sogar öffentlich
rühmte. Obwohl er nach seiner Ausbildung, die er 1968 abgeschlossen hatte, kein
Fachbuch mehr in der Hand hatte, wetterte er gern im Kollegenkreis gegen die
Schreiberlinge oder gar den wissenschaftlichen Anspruch, der von einigen
erhoben wurde. An ihm ließe sich beispielhaft nachweisen, dass alle die in
verantwortlichen Positionen in der Jugendhilfe, ob das nun pädagogische Leiter
von Heimen oder leitende Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Jugendämtern sind,
am abfälligsten über die Verfasser von Fachliteratur räsonieren, die am
wenigsten gelesen haben. Zwei für eine große Caritaseinrichtung tätigen
Leitungspersonen schrieben sich in unseren
Diplomaufbaustudiengang/Studienrichtung Sozialpädagogik ein. Noch vor Ende
ihres ersten Semesters brachen sie das Studium ab, weil sie den Eindruck
gewonnen hatten, nichts für ihre Tätigkeit Brauchbares erfahren zu können. Und
für die Position, die sie in ihrem Berufsfeld erreicht hatten, bräuchten sie
ein Universitätsdiplom nun doch nicht, versicherten sie mir.
Alle diese
Kolleginnen und Kollegen argumentierten mir gegenüber außerdem mit dem Hinweis,
dass kein Kind in ihren Einrichtungen zu Schaden gekommen sei beziehungsweise
mit der Aufforderung: „schauen Sie doch nach, ob bei uns was „schief läuft“!.
Derartige Nachweise lassen sich natürlich nicht erbringen und schon gar nicht
ließe sich ein Zusammenhang zwischen Mängeln in der Berufsausübung einer
Fachkraft und ihrer ablehnenden Haltung Fachtexten gegenüber belegen. Berichte
über Kinder oder Arbeitsabläufe werden gleichsam „aus dem Bauch“ heraus
verfasst, angereichert mit einigen Beispielen und günstigenfalls mit Verweisen
auf vergleichbare Erfahrungen. Bezüge auf Aussagen in der Literatur fehlen
völlig. Auch in Dienstbesprechungen, Teamsitzungen und anderen Formen
betriebsinterner Arbeitssitzungen wird von den Moderatoren auf Literaturhinweise
verzichtet. Allein schon darum, weil ja keine Literatur zur Kenntnis genommen
wurde.
Verallgemeinere
ich – wie eingangs bemerkt – diese Zurückhaltung von verantwortlichen
Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in unseren pädagogischen Einrichtungen vom
Kindergarten bis in die gymnasialen Oberstufen, dann lässt sich bilanzieren:
Eine überwiegende
Mehrzahl der in diesen Einrichtungen beschäftigten Fachkräfte lesen, sobald sie
ihre Ausbildungen abgeschlossen haben, keine Beiträge in Fachzeitschriften oder
keine Fachbücher mehr.
Jedoch
verarbeiten diejenigen, die Fortbildungsveranstaltungen besuchen, die Texte,
die ihnen von den Referenten ausgehändigt werden und erwerben sogar, wenn ihnen
die Referenten und die von diesen vermittelten Inhalte wichtig genug
erschienen, deren Schriften.
Die Bereitschaft,
an Fortbildungen teilzunehmen, ist bei allen Berufspädagogen groß. Es haben zum
Beispiel die Fortbildungsakademien für Lehrerinnen und Lehrer keine Mühe,
Interessenten für ihre Angebote zu finden. Auch in sozialpädagogischen Berufen
werden die in den alljährlich „Fortbildungskalendern“ angebotenen
Veranstaltungen, die einen zeitlichen Umfang von einem bis zu drei Tagen haben,
gern angenommen. Das heißt also, dass zwar eine Lernbereitschaft vorhanden ist,
diese aber nicht mit einer „Lese-Bereitschaft“
korrespondiert.
Ein Zusammenhang
zwischen einer mehr oder weniger großen Lesefreundlichkeit und den beruflichen
Leistungen im jeweiligen Berufsvollzug lässt sich nicht nachweisen. Das ist
allein schon darum nicht möglich, weil nicht bekannt ist, wer welche Texte
liest und wie verarbeitet. Darum ist auch zum Beispiel in Arbeitszeugnissen und
anderen Beurteilungen das vorhandene
oder fehlende Interesse an Fachliteratur kein Wertmaßstab. Außerdem setzte ein derartiger Maßstab voraus, dass die
Beurteiler – in der Regel also die leitenden Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter –
die Literatur für ihre Arbeitsfelder kennen würden. Und das ist eben nicht der
Fall.
Dr. Joachim Rumpf
10. Oktober 2011
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