Schriften zur Erziehung und Bildung im WWW
von Dr. Joachim Rumpf

Übereinstimmung in Erziehung und Bildung

 

Einführung

Eigentlich versteht es sich von selbst, dass Eltern in der Erziehung und Bildung ihrer Kinder wenigstens soweit übereinstimmend handeln, dass Kindern entwicklungsschädigende Diskrepanzerfahrungen erspart bleiben. Nicht immer aber besteht eine derartige Übereinstimmung. Dieser Mangel kann zu erheblichen Konflikten führen, die den Familienfrieden empfindlich stören. Hier ein Beispiel:
In einer Familie gibt es erheblichen Ärger wegen des Fernsehens. Die Eltern sind der Überzeugung, dass zu viel und unkontrollierter Fernsehkonsum ihrer fünfjährigen Tochter schadet. Mutter und Vater sind sich einig und haben den Fernseher aus dem Wohnzimmer verbannt. Aber Opa, der mit der Oma in der unteren Wohnung des Zweifamilienhauses lebt, Rentner ist und viel Zeit vor dem Fernseher verbringt, findet nichts dabei, wenn sein Enkelkind ihm beim Fernsehen Gesellschaft leistet. Also geht die Tochter einfach die Treppe hinunter und schaut beim Opa mit.

Wenn immer ein Kind zwischen derartige unterschiedliche Auffassungen gerät, sucht es sich, wie das Fernsehbeispiel andeutet, die für sich bequemste oder günstigste/ angenehmste Alternative aus. Es gibt aber noch andere Reaktionsmöglichkeiten von Kindern. Denken wir nur an unsere Erfahrung, dass Kinder Vater und Mutter, Eltern und Großeltern, Elternhaus und Schule in derartigen Situationen gegeneinander ausspielen können.
Auf dieser Seite suchen wir Antworten auf folgende Fragen:

Was heißt "entwicklungsschädigende" Unstimmigkeiten?
Welche Erfahrungen haben wir in Situationen, in denen wir nicht an einem Strang zogen, mit unseren Kindern und mit uns gemacht?
Welche Vorteile hat es, wenn wir -Eltern/Erzieher- übereinstimmen im Handeln oder sogar im Denken und Fühlen?
Was können wir tun, um diese Übereinstimmung herzustellen und zu sichern?

Am Anfang sollen zunächst einige Informationen gegeben werden, die uns darauf aufmerksam machen, dass unsere Erziehungsbemühungen Teil eines recht komplizierten Beziehungsgefüges sind. Dies hier dargestellte Bild, beziehungsweise "System" einer Familie halten wir uns immer vor Augen, wenn wir über Erziehungsfragen nachdenken. Es gilt also auch für alle anderen Ka

Die Familie als interaktives Geflecht

Halten wir uns die Heranbildung einer Familie kurz vor Augen:
Eine Frau und ein Mann lernen sich kennen und lieben; sie beschließen, zusammenzuziehen und beieinander zu bleiben. Häufig heiraten sie auch.
Bereits in dieser Zweierkonstellation - einer Dyade - gibt es eine Fülle wechselseitiger Beziehungen, mit einer eigenen Dynamik. Ohne an dieser Stelle eine ausführlichere Analyse vorzunehmen, sollen fünf Elemente dieser Beziehung erwähnt und erläutert werden:

Die Erwartungen:
Jeder der beiden Partner trägt an sich selbst und an den Anderen Erwartungen heran. Hierzu ein Beispiel: Untersuchungen ergaben, dass junge Frauen und Männer an ihre künftigen Partner sehr unterschiedliche Erwartungen herantragen, was die Mithilfe im Haushalt betrifft. Während der befragten weiblichen Jugendlichen es als selbstverständlich betrachteten, dass ihr Mann später seinen Anteil an der Hausarbeit übernimmt, sehen das 2/3 der befragten männlichen Jugendlichen ganz anders. Sie erwarten, dass sie keine Arbeitsleistungen im Bereich des Haushalts zu erbringen haben, weil das eine Sache der Frau sein soll.
Leider wird über die gegenseitigen Erwartungen zu wenig miteinander gesprochen oder während der Phase des Honey-Moon als nicht so wichtig angesehen. Es lässt sich voraussagen, dass jeweils unterschiedliche Erwartungen zu erheblichen Konflikten führen werden -"wenn ich das vorher gewusst hätte ..."-. Hier sind zu einem hohen Anteil Ursachen zu suchen, die später zu Trennung und Scheidung führen.

Die Wahrnehmungen:
Auch die Wahrnehmungen sind subjektiv. Sowohl das Selbstbild - so sehe ich mich - als auch das Fremdbild - so werde ich gesehen - können differieren. Der Volksmund verwendet das geflügelte Wort von der "Liebe, die blind macht".
Zu dem Bereich der Wahrnehmungen gehört nicht nur das Sehen. Auch das richtige Deuten von Aussagen der Partnerin/des Partners und die die Sprache begleitende Gestik, Mimik, der Ton sind sehr schwierig und bergen die Gefahr vieler Missverständnisse.

Die Gefühle:
Sie sind es, die über die "Einfärbung" von Erwartungen und Wahrnehmungen entscheiden. Sie stehen in einem ständigen Austausch untereinander und fragen sich gleichsam in jedem Menschen ständig:
Stimmen meine Gefühle wie Liebe oder Zuneigung noch mit dem überein, was ich am Anderen wahrnehme, wie sie/er meine Erwartungen erfüllt? Können sie das ausgleichen, was ich lieber anders hätte? Gefühle können sich allmählich verändern. Günstigstenfalls wird aus Liebe verständnisvolle Zuneigung, in ungünstig verlaufenden Beziehungen sprechen wir von Gewöhnung und/oder Gleichgültigkeit. Gelegentlich kommen Eheleute so weit, dass sie der Partnerin/dem Partner absichtlich "zu Leid" leben und sich "nicht mehr riechen" können..

Die Kommunikation:
In der Begegnung mit anderen Menschen kommunizieren wir mit ihnen. Wir sprechen miteinander, drücken unsere Erwartungen, Wahrnehmungen und Gefühle in Sprache, Mimik und Gestik aus. Vor allem aber hören wir dem Anderen zu, wir fragen und wir antworten. Das verständnisvolle, verstehende und aktiv nachfragende, den Anderen zum Sprechen ermunternde Zuhören ist bon großer Bedeutung. Die Kommunikationsforschung hat uns hier ebenso verständliche wie überzeugende Informationen anzubieten

Die gemeinsamen Tätigkeiten:
Vielleicht wird gerade dieses Beziehungselement von Frauen und Männern, die lange allein lebten, als besonders gravierend erfahren. Partnerschaft ist dadurch charakterisiert, dass man nicht mehr alles allein tun muss. Gemeinsam wird gegessen, spazieren gegangen, ein Kino oder eine Gaststätte aufgesucht, Sport miteinander getrieben, in die Ferien gefahren und vieles andere mehr unternommen. Sogar vor dem Fernseher sitzen die Eheleute nun zu zweit.
Voraussetzung von Harmonie in einer derartig gemeinsam gelebten Partnerschaft ist freilich, dass nicht eine Person der anderen etwas aufzwingt.

Noch einmal sei darauf hingewiesen: Das sind nicht alle Beziehungselemente! Zwischen den Partnern kommen noch die Sexualität hinzu, solidarische Verhaltensweisen - einer unterstützt/hilft/verteidigt den anderen, gemeinsame Vorlieben und Steckenpferde, wie Reisen, Musizieren, Tanzen, bestimmte musikalische Richtungen... u.a.m.
Eine Partnerschaft ist also ein ebenso kompliziertes wie vielseitiges und empfindliches Beziehungsgefüge dessen Charakteristika die Gegenseitigkeit und die Veränderbarkeit sind. Urie Bronfenbrenner fasst diese Dynamik von Dyaden in den Satz: "Wenn sich bei einem Beteiligten an der Dyade etwas verändert / eine Entwicklungsveränderung eintritt, verändert sich auch beim anderen etwas" (Ökologie der menschlichen Entwicklung. Stuttgart 1983, S. 74). In der soziologischen Literatur wird die Familie als soziales System definiert. Die Wechselseitigkeit - Fachbegriff: Reziprozität - und gegenseitige Abhängigkeit - Interdependenz - des zwischenmenschlichen aufeinander bezogenen Handelns sind Eigenschaften eines sozialen Systems.

Und nun kommt der Tag, da tritt in dieses Beziehungsgefüge eine weitere Person ein: das erste Kind. Dieses Kind verwandelt die Zweierbeziehung in eine Dreierbeziehung, die es von Anfang an sehr aktiv beeinflusst.

Für das Kind ist - nicht nur in unserem Kulturkreis - zunächst die Mutter die wichtigste Person. In den vorgeburtlichen Phasen und nach der Geburt immer stärker werdend, beeinflussen die physischen und psychischen Kontakte zur Mutter die Entwicklung des Kindes. Aber auch in der Mutter-Kind-Beziehung wirkt das Prinzip der Wechselseitigkeit und es ist nicht ungewöhnlich, dass ein Kind auf seine Mutter einen größeren Einfluss ausübt, als das umgekehrt der Fall ist. Von Anfang an braucht ein Kind Verlässlichkeit, Verständnis und Zuneigung, um gedeihen zu können. Ängstlichkeit, Besorgtheit und Verzärtelung sind ungeeignete Formen der Zuwendung.

Der Vater steht trotz dieser Beziehungspriorität zwischen Mutter und Kind keineswegs draußen. Seine Rolle in dem "System" dieser Familie verändert sich aber ebenso, wie die der Mutter. Für das Kind wird er allmählich die gleiche Bedeutung erhalten wie die Mutter und muss seinen Platz finden und ausfüllen.
Kommen ein oder mehrere Kinder hinzu, verändert sich jedes mal das Beziehungsgefüge erneut. Die Eltern stehen wegen ihres Entwicklungsvorsprungs -gemessen an ihren Kindern- in besonderer Verantwortung, weil sie maßgeblich die Beziehungen in allen ihren Elementen beeinflussen. Erwartungen, Wahrnehmungen und Gefühle werden von Kindern übernommen, verarbeitet und beantwortet. Veränderungen - vor allem mit negativem Charakter - werden empfindsam registriert, ganz gleich, von welcher Person in diesem Gefüge -in diesem "System"- die Veränderungen ausgehen.

Über das, was Eltern tun und lassen sollten, um die Entwicklung ihrer Kinder optimal zu unterstützen, gibt es auf diesen Seiten eine Fülle an Aussagen. Die Eltern selbst fragen in jeder Generation aufs neue danach, wie sie denn "richtig" erziehen sollten. In unseren Elterngesprächen tauchte immer wieder die zweifelnde und meist unnötige Frage auf: "Was hätte ich anders machen sollen?" .
Eines der Themen ist stets das über das elterliche Erziehungsverhalten, und zwar unter dem Gesichtspunkt der Übereinstimmung, so, wie es in dem Eingangsbeispiel geschildert wurde.


In der Erziehung an einem Strang ziehen

Knüpfen wir an das Beispiel vom Fernsehen an und schauen auf die beteiligten erwachsenen Personen: Mutter und Vater, Oma und Opa gehören in die Familie.
Zeichnen wir ein Bild der Familie und skizzieren dabei die Formen der Zusammengehörigkeit, dann werden wir für Oma und Opa einen Platz außerhalb der Kernfamilie -so nennen wir die drei Personen Mutter, Vater und Tochter - zeichnen müssen.
Oma und Opa aber sind nicht nur "draußen" - außerhalb der Kernfamilie -, sie sind auch älter, sind anders eingerichtet, haben einen anderen Tagesablauf, sie sprechen anders, bevorzugen andere Speisen und vieles andere mehr. Die fünfjährige Tochter ist sehr gut in der Lage und alt und klug genug, um diese Unterschiede zu den eigenen Eltern beziehungsweise zur Kernfamilie zu erkennen. Wenn ein Kind aber Unterschiede zwischen "signifikanten" anderen Personen - damit sind alle die gemeint, die für ein Kind eine wichtige Bedeutung haben und das sind nicht allein Mutter und Vater - wahrnimmt, dann könnte es auch mit den unterschiedlichen Wert- und Normvorstellungen umgehen.

Voraussetzung dafür, dass es ohne Schaden die gemeinten Unterschiede verkraftet, ist die Toleranz.
Sofern Mutter und Vater die Verschiedenheiten von Oma und Opa akzeptieren und die anderen Ansichten, Lebensgewohnheiten oder Umgangsweisen mit dem eigenen Kind tolerieren und umgekehrt die Großeltern die anderen Ansichten, Lebensgewohnheiten oder Umgangsweisen der Eltern mit dem Kind tolerieren, wird es weniger Probleme geben. Probleme wird es dann geben, wenn die Bezugsgruppen Elternpaar und Großelternpaar mit allem, was die jeweils anderen tun, nicht einverstanden sind. Und noch schlimmer wird es, wenn sie ihre Meinungen in Gegenwart des Kindes laut und deutlich, in Sprache, Mimik und Gestik, zum Ausdruck bringen.
Die eigenen Erinnerungen von jedem von uns bestätigten diese Erfahrung: Wenn sich unsere Eltern negativ über die von uns geliebten Großeltern ausließen, dann kamen wir in einen "Loyalitätskonflikt". Wem sollten wir Recht geben, wem durften wir glauben? Noch schlimmer wird die Situation eines Kindes, wenn auch die Großeltern ihrerseits über die Eltern oder über einen Elternteil "herziehen". Der Gipfel eines derartigen Loyalitätskonfliktes wird für ein Kind dann erreicht und es in eine schier ausweglose Lage gebracht, wenn uns eine der beteiligten Eltern wegschickt mit der Bemerkung: "Geh doch zum Opa! Hast ihn ja eh' lieber als mich...".
Konflikte dieser Art aber, die das seelische Gleichgewicht eines Kindes empfindlich durcheinander bringen und die Beziehungen zu signifikanten Anderen negativ einfärben, führen unweigerlich zu, zum Teil erheblichen, Erziehungsschwierigkeiten.
Die Lösung beziehungsweise entsprechende Vorbeugung ist eigentlich denkbar einfach:

In dem Ausmaß, in dem die beteiligten Erwachsenen ihre Verschiedenheiten akzeptieren - zumindest aber tolerieren - , können Kinder mit den aus diesen Verschiedenheiten herrührenden unterschiedlichen Erziehungsverhalten wie z. B. Geboten oder Verboten leben. Akzeptanz und Toleranz bedeuten also keineswegs in allen Fällen zugleich Übereinstimmung im Handeln! Je unterschiedlicher die Lebenserfahrungen und -Ansichten der Menschen sind, um so geringer ist die Aussicht, in allen Punkten der Erziehung und Bildung auf einen Nenner zu kommen.
Das ist auch gar nicht notwendig. Wenn nur, so ließe sich allgemein sagen, die gegenseitigen Beziehungen "stimmen". In derartigen Fällen bezieht sich die Übereinstimmung nicht auf ein bestimmtes erzieherisches Handeln und die dahinter stehenden Überzeugungen, sondern darin, dass die Erziehungsbeteiligten sich in Bezug auf die gegenseitige Toleranz einig sind.
Sind die Beziehungen aber gestört und stimmen wir nicht in unserem Toleranzverhalten überein, dann müssen wir damit rechnen, dass die Störungen über das Kind ausgetragen werden und es Schaden nimmt.

Ganz besonders vertraut ist uns diese Erkenntnis aus Trennungssituationen. Und damit sind wir bei der Kernfamilie. Alles was für die Verbindung zwischen Eltern und Großeltern gilt, trifft natürlich auch für die Eltern selbst zu. Je besser ein Kind die Beziehungen zwischen seinen Eltern erlebt, umso eher kann es Unterschiede in den jeweiligen Erziehungsverhalten verkraften.

Verändern sich aber die guten Beziehungen zwischen den Eltern zum Negativen hin, sei es, dass sie sich nicht achten, andere Frauen/Männer attraktiver finden oder sich einfach nicht mehr mögen, dann wächst die Gefahr, dass derartige Beziehungsstörungen auf dem Rücken der Kinder ausgetragen werden.
"Geh zu Deinem Vater ... zu Deiner Mutter" heißt es dann und nicht mehr: "Geh zu Papa ... Mama". Ist dann eines Tages tatsächlich die Trennung/Scheidung eine beschlossene Sache, ist in Bezug auf eine positive Entwicklung von Kindern schon viel Porzellan zerschlagen worden.

Wir Eltern sind in derartigen Phasen so mit uns selbst und unserem Leid beschäftigt, dass wir übersehen, dass sich das Selbstwertgefühl eines Kindes oder Jugendlichen aus der Liebe, der Akzeptanz und der Zuverlässigkeit der Beziehungen, im Grunde sogar aus dem ganzen Beziehungsgeflecht speist. Gehen die Beziehungen zu Bruch, leidet das Selbstbild eines jungen Menschen. Wir können es drehen und wenden wie wir wollen: Ein Kind fühlt sich schuldig und ist beschädigt, wenn Eltern sich trennen oder wenn es in einer Familie zu Brüchen z. B. zwischen nahen Verwandten kommt..

Nun liegen zwischen der zeitweiligen völligen Übereinstimmung in Fragen der Erziehung und Bildung und von Gegensätzen, die unauflösbar sind, weil die Beziehungen nicht mehr stimmen, eine ganze Palette von "Hü- und Hott- Situationen", die unseren Familienalltag bestimmen. Wo die Grenze des Erträglichen für ein Kind liegt, kann nur vom Kind selbst beantwortet werden.

Es erscheint als unmöglich, eine für alle Kinder gleichermaßen gültige Toleranzgrenze zu bestimmen, ab der sich unterschiedliche Erziehungsverhalten von Eltern schädlich auf die Entwicklung auswirken. Bereits kleine alltägliche Anlässe können immer dann nachteilige Auswirkungen haben, wenn unterschiedliche Erziehungsverhalten Ausdruck von Beziehungsstörungen sind. Außer den Störungen zwischen einem Elternpaar kann es auch Beziehungsstörungen zwischen Eltern und Erzieherinnen im Kindergarten oder Lehrerinnen/Lehrern geben, die dann ähnliche Folgen haben werden.

Wir wissen nun, dass gute Beziehungen zwischen Eltern die gute Chance bergen, dass unterschiedliche Auffassungen von allen Beteiligten gut verkraftet werden. Wenn immer wir bereit sind, den anderen Elternteil, eine Erzieherin oder Lehrerin in ihren Eigenartigkeiten und Einzigartigkeiten anzunehmen und zu akzeptieren, fällt es auch einem Kind nicht schwer mit unterschiedlichen Reaktionen zurechtzukommen.
Kinder bauen ihre Erfahrungen gern in ihr Verhaltensrepertoire ein. Sie gehen vielleicht zuerst zu der/dem, wo sie damit rechnen können, ihren Wunsch erfüllt zu bekommen. Das ist kein Beinbruch, vorausgesetzt, dass sich niemand deswegen gegen den anderen ausgespielt fühlt. Wenn es uns aber zuviel wird oder wir verunsichert sind, weil derartige Diskrepanzen zu häufig auftreten und wir den Eindruck haben, dass unser Kind Schaden nimmt und wir sagen müssen: "Du verwöhnst das Kind. Wenn Du so weitermachst, lässt es sich von mir nichts mehr sagen ...", dann ist es Zeit, sich zusammenzusetzen und miteinander darüber zu sprechen.
Wir müssen deswegen keine allwöchentlichen Familienkonferenzen einrichten. Dennoch sind die entsprechenden Empfehlungen von Thomas Gordon - ("Familienkonferenz". Hamburg 1972) - noch immer gültig. Es ist immer besser, miteinander zu reden, als es darauf ankommen zu lassen, dass wir uns wegen unterschiedlicher Auffassungen und Entscheidungen in die Wolle kriegen.
Die Bereitschaft zum Gespräch, zur Offenheit und zum Einanderzuhören ist Ausdruck unserer Beziehungen. In einem solchen gemeinsamen Gespräch können wir unser Kind/unsere Kinder selbst fragen, was sie an unserem Erziehungsverhalten stört. Wir sollten keine Angst haben, dass Familienkonferenzen zu diesem Thema unsere Autorität beeinträchtigt. Autorität begründet sich unter anderem mit Offenheit und mit unserer Fähigkeit und Bereitschaft, Grenzen zu setzen und Grenzen vorzuleben. Hierzu mehr im Kapitel über Drohungen und Strafen.



Eltern erziehen nicht allein

Wenn ein Kind drei Jahre alt wird, kann es in den Kindergarten gehen, nach seinem sechsten Geburtstag muss es in die Schule. Drei Träger von Erziehung und Bildung, die sich, ein jeder auf seine Weise und in eigener Verantwortung, um das gleiche Kind bemühen. Nehmen wir noch hinzu, dass in der Familie, in der ein Kind heranwächst, mehrere Erwachsene - zum Beispiel Mutter und Vater, vielleicht noch die Großeltern, wie oben beschrieben - auf das Kind einwirken, dann können wir uns vorstellen, wie wichtig es ist, dass alle an einem Strick ziehen. Der guten Kooperation aller an der Erziehung und Bildung eines Kindes Beteiligten, kommt also ein hoher Stellenwert zu. Hier ist vor allem an die Kindergärten und Schulen zu denken, die durch unsere Kinder mit der Familie verbunden sind. Nicht selten kann es zu Unstimmigkeiten zwischen Berufserzieherinnen und Erziehern aus Kindergarten und Schule und den Eltern kommen. Zur Erziehung gehören nicht nur bestimmte Ziele, die wir vor Augen haben, oder Erziehungsmittel, wie zum Beispiel Ermutigung/Lob oder Drohung/Strafe, sondern auch bestimmte Normen und Wertvorstellungen. Da kann es Eltern geben, denen Ordnung und Genauigkeit -zum Beispiel bei der Heftführung oder den Hausaufgaben- nicht so wichtig sind wie der Lehrerin oder umgekehrt. Dann wird es unverzichtbar sein, sich zu verständigen. Auf die Bedeutung dieser Verflechtung der Lebensbereiche Familie einerseits und Schule beziehungsweise Kindergarten andererseits ist auf den Seiten über die Kooperation bereits ausführlich hingewiesen worden.

Hier sei lediglich noch einmal unterstrichen, dass wir Eltern alles dazu tun sollten, damit zwischen uns und allen anderen an der erziehung und Bildung unserer Kinder beteiligten Personen jene guten Beziehungen bestehen, um die wir uns innerhalb der Familie stets bemühen. Wie das praktisch aussehen kann, ist auf den Seiten über die Kooperation oder das Lernen für die Schule beschrieben.

 

 

 

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