Schriften zur Erziehung und Bildung im WWW
von Dr. Joachim Rumpf

Trotz und Streit bei kleinen Kindern

Zur Einführung: ein erstes Beispiel

Der achtjährige Klaus kommt weinend aus der Schule nach Hause.
"Mama, der Karl hat mich gehauen..."
Mama beugt sich zu ihm: "Zeig mal, wo hat er dich denn gehauen" und sie tröstet ihren Jungen, indem sie ihn in den Arm nimmt.
Eigentlich reicht das in den meisten Fällen. Vor allem dann, wenn wir Eltern wissen, dass der Klassenkamerad und Nachbar ein von Klaus gern gesehener Spielgefährte ist. Wir nehmen zur Kenntnis, dass Klaus wieder einmal ruft: "Nie mehr spiele ich mit ihm! Nie, nie mehr!" Seitdem wir Nachbarn sind, geht das nun schon so. Meistens spielen sie schön zusammen und vertragen sich auch gut. Manchmal gibt es Streit. Und weil sich beide Eltern aus dem Streit ihrer Kinder heraushalten und wissen, dass wir die Ursachen eines Konflikts nachträglich ohnehin nicht mehr herausfinden können und sowieso beide ihren Teil dazu beigetragen haben, ist es müßig, sich aufzuregen, möglicherweise der Sache auf den Grund gehen zu wollen und sogar selbst noch zu schimpfen und zu klagen.
Zunächst also gilt in derartigen Situationen: trösten, ruhig bleiben und abwarten. Kinder können ihre Zwistigkeiten ganz gut selbst beheben.

 

Etwas anders sieht es aus, wenn Karl kein Freund von Klaus ist. Vielleicht ist der Junge noch gar nicht lange in unsere Straße gezogen oder in das Haus, in dem wir wohnen. Wir Eltern wissen also noch wenig von dem Jungen.
In derartigen Fällen verhalten wir uns zunächst ähnlich, wie im ersten Beispiel beschrieben. Zugleich versuchen wir bei unserem Kind etwas mehr von Klaus zu erfahren: in welche Klasse geht er denn; ist er größer und stärker; vor allem aber wird es uns darum gehen, herauszufinden, ob unser Klaus Angst hat vor dem anderen Jungen. Selbst wenn unser Junge es nicht zugeben möchte: manchmal erfahren wir von seinen Ängsten, weil er von nun an zu vermeiden sucht, mit dem gefürchteten Buben zusammenzutreffen.

Wenn unser Kind aber tatsächlich Angst hat, dann müssen wir etwas tun. Aber was? Da ist guter Rat teuer. Und ob die Erfahrungen, die ich Ihnen mitteile in Ihrem Falle angewendet werden können, hängt von den beteiligten Menschen und den jeweiligen Situationen zusammen.

Grundsätzlich gilt: alles, was meinem Kind hilft, aus seiner Angst herauszukommen und auch dem anderen Kind keine Angst macht, ist nützlich. Wie ging die Geschichte nun weiter?

Die Mutter von Klaus hielt es für das beste, die Familie von Karl zu besuchen. Mit ihrem Klaus klingelte an der Wohnungstür, nachdem sie sich vorher vergewissert hatte, dass auch die Mutter von Karl daheim war. "Guten Tag, sagte sie, "ich bin die Mutter von Klaus. Bitte entschuldigen sie die Störung! Ich möchte gern sie und Karl kennenlernen, weil unser Klaus Angst hat vor Karl und das finde ich schade." Freundlich-sachlich und ohne vorwurfsvollem Ton wurden mit diesen wenigen Worten Anliegen und eigene Position vorgetragen. Die Mutter von Karl spürte zuerst etwas wie Abwehr (hier will jemand mein Kind angreifen / ihm etwas am Zeuge flicken). Aber sie bat die beiden herein und rief nach Karl, der gerade an seinen Hausaufgaben saß. Etwas erstaunt, verwirrt und ein bisschen verlegen wurde er, als er die beiden Besucher sah. Auch Klaus hat die Situation zunächst nicht behagt. Bevor Karls Mutter ihren Sohn befragen konnte, hatte die Mutter von Klaus die Situation insofern entspannt, als sie Karl freundlich begrüßte und ihm das gleiche sagte: "Ich finde es schade, dass ihr euch auf dem Schulweg gestritten habt. Ich wollte dich gern kennenlernen." Beide Buben wußten nicht, was sie nun sagen, wie sie sich verhalten sollten. Karls Mutter bat Ihre Gäste, sich zu setzen und hielt sich mit Bemerkungen zurück. Weder suchte sie, ihren Sohn zu verteidigen noch forderte sie von ihm Rechenschaft. dassdie Besucherin das ganze Thema offensichtlich fallen ließ und das Gespräch mit der Frage eröffnete, woher sie denn zugezogen seien, konnten die beiden Frauen zunächst einmal über ein neutrales Thema miteinander reden.

Nach wenigen Sätzen, die Buben hatten verlegen aneinander vorbeigesehen und sich nur verstohlen den einen oder anderen Blick zugeworfen, forderte die Mutter von Karl ihren Jungen auf, Klaus sein neues Spielzeug zu zeigen. Tatsächlich gingen beide Jungen aus dem Zimmer. Keiner brauchte Angst zu haben, dass die Mütter über sie zu Gericht sitzen würden. Was die Buben taten und sprachen, wissen wir nicht. Die Mütter aber redeten noch ein bisschen miteinander über Wohnung und Teuerung.
Natürlich sprachen sie auch über ihre Kinder - aber eher allgemein: "es ist nicht einfach mit den Buben... es hat gar keinen Zweck, nach Gründen für Streitigkeiten zu fragen oder sich einzumischen ... ja, meine beiden (es gab also Geschwister) streiten sich immer wieder, weil sie Angst haben, sie kämen zu kurz ...".
Nach einer halben Stunde verabschiedete sich die Mutter von Klaus wieder, bedankte sich dafür, dass sie angehört worden ist und bat abschließend darum, Karl nun keine Vorwürfe zu machen. Ihr Anliegen war es, ihre und ihres Kindes Sorgen mitzuteilen in der Hoffnung, dass, wenn sich alle Beteiligten erst kennengelernt haben, derartige Konflikte nachlassen. Die Buben wurden gerufen. Klaus und seine Mutter verabschiedeten sich, ohne den Anlass ihres Besuches noch einmal zu erwähnen und gingen.

Klaus hatte seitdem keine Angst mehr vor Karl und Karl gab ihm auch gar keinen Grund mehr dazu.

 

 

Ein interessantes Beispiel, das uns Mut macht - wenn wir den Mut haben und so handeln, wie die Mutter von Klaus.
Erfolgversprechend sind derartige Verhaltensweisen dann, wenn es den Müttern und Vätern der verängstigten Kinder gelingt, ohne Zorn und in freundlicher Gelassenheit auf die Eltern jenes Kindes zuzugehen, das durch sein Verhalten, die Angst verursachte. da wir nicht wissen können, ob das Kind überhaupt gemerkt hat, was es mit seinen Attacken angerichtet hat, ist es auch sinnlos, mit Vorwürfen zu kommen. Es ist eine alte Erfahrung, dass es Menschen schwerer fällt aufeinander loszugehen, die sich näher kennengelernt haben und davon überzeugt sind, dass die anderen einem nichts tun wollen. Darum war die Entscheidung von der Mutter von Klaus richtig, bevor sie sich beschwert, erst einmal das Kind und die Familie kennenzulernen. Bekanntheit schafft Nähe und Nähe kann hilfreich sein.
Auch die Mutter von Karl blieb gelassen und wußte sehr gut, dass Vorwürfe oder gar Schimpfen oder Strafen gar nichts verändern. Im Gegenteil: hätte sie Karl für sein Fehlverhalten bestraft, hätte dieser einen Grund gehabt, sich an Klaus für diese Demütigung zu "rächen". So erhielten sie die Chance, ohne Gesichtsverlust, einander näher zu komme

 

Geschwister streiten gern

Geschwister streiten besonders häufig. Der Grund liegt auf der Hand und ist für alle, die selbst Geschwister haben, leicht nachvollziehbar: Die Geschwistereifersucht, auf deren Normalität Alfred Adler als erster hingewiesen hat, ist allgemein verbreitet. Allerdings finden wir die darauf zurückzuführenden Symptome nicht nur bei Geschwistern. Auch Kinder in Kindergruppen in Kindergarten, Schule oder Heim neigen dazu, eifersüchtig darüber zu wachen, dass alle das "gleiche" bekommen, niemand sich bei gemeinsamen Mahlzeiten ein größeres Stück nimmt, als man selbst es hat.
Ich denke da zum Beispiel an den Nachtisch. In der Küche wurden die Portionen abgefüllt. Kommt dann das Tablett mit den Schüsselchen auf den Tisch, misst jedes Kind - zumindest mit den Augen - ob auch überall gleich viel drin ist. Geschwister daheim halten sogar Schokoladenriegel nebeneinander und prüfen, ob auch wirklich jeder ein gleich langes Stück bekommen hat.
Sogar bei Erwachsenen kann man derartige, im Grunde Ichbezogene - Verhaltensweisen beobachten. Bei Familie Ypsilon war es der Vater, der für sich das größte (das beste) Stück (Fleisch, Kuchen u.a.m.) beanspruchte. Er hatte es so von seinem Vater gelernt. Und außerdem war er der jüngste von drei Geschwistern. Da hatte er so seine Erfahrungen und noch als Erwachsener Angst, zu kurz zu kommen.

Der Platz in der Geschwisterreihe wirkt sich also aus. Jedes Kind fühlt sich durch ein nachfolgendes Geschwisterchen aus seinen Rechten verdrängt und reagiert darauf mit Eifersucht, die sich jedoch nicht immer in Aggressionen gegen den Eindringling äußern muss. Es gibt Kinder, die fallen in bereits überwundene frühkindliche Verhaltensweisen zurück, wenn sie wieder am Daumen lutschen, einnässen oder unruhiger und widersetzlicher werden. Wenn dann noch die Eltern die Situation missverstehen und das Kind bestrafen, dann fühlt es sich bestätigt in seiner Vermutung, dass das neue Kind ihm die Liebe von den Eltern weggenommen hat.
Wenn ein Kind befürchtet, die Liebe und die Beachtung seiner Eltern zu verlieren, dann wird es mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln um elterliche Zuwendung kämpfen. Und wenn das nicht durch Wohlverhalten geht, dann eben im Bösen. Aggressivität und Zerstörungswut haben nicht selten darin ihre Ursachen. Und wenn die Mutter hundertmal sagt: "Ich habe dich genau so lieb, wie deine Schwester, deinen Bruder...", reden nützt nicht viel. Beweise braucht das Kind.
Erstgeborene sind im allgemeinen eifersüchtiger als Zweitgeborene und in einer Familie mit zwei Kindern kann die Situation in dieser Beziehung zeitweise ungünstiger sein, als in einer mit drei oder mehr Kindern. Das mittlere von drei Kindern freilich kann durchaus Mühe haben, ebensoviel Beachtung zu finden, wie das älteste oder das jüngste Kind.

Bei der Frage nach dem Umgang mit dieser Problematik im Familienalltag ist also zunächst noch einmal darauf hinzuweisen, dass Eifersucht unter Geschwistern, genauso wie Rivalität unter Kindern überhaupt, normal ist. Für das Einzelkind tritt unter Umständen ein Elternteil an die Stelle eines fehlenden Geschwisterchens.
"Kinder brauchen andere Kinder" ist eine wichtige Regel. Nicht zuletzt darum, um zu lernen, mit diesen Widerständen und Frustrationen, die Konkurrenzsituationen mit sich bringen (und die unser ganzes Leben begleiten) umzugehen. Da gibt es zum Beispiel das Ehepaar Zet, von denen beide Einzelkinder waren. Sie erweckten durch ihr eifersüchtiges Verhalten, das ihre Beziehung kennzeichnete, den Eindruck, dass sie Geschwister wären. Sie stritten sich "wie Kinder", sagten ihre Freunde.

Eltern, die wissen, dass Eifersucht mit all ihren Folgen normal ist, stellen sich darauf ein und betrachten eventuell auftretende Verhaltensänderungen ihres älteren Kindes nicht als gegen sich gerichtet.
Außerdem gilt auch hier alles, was für den Umgang mit Aggressivität und Gewalt überhaupt gültig ist: Ruhe, Gelassenheit und weitestgehende Neutralität sind immer noch besser, als sich bei jeder Gelegenheit einzumischen. Es ist zwar leichter gesagt als getan: "Behalte immer die Nerven!" Nur, wenn wir sie verlieren und dazwischenfahren, schimpfen, drohen oder gar schlagen, dann ist das unser Problem. Verwechseln wir also nicht Ursache und Wirkung. Wenn Kinder sich streiten, so lautet unsere Erkenntnis, dann ist das normal. Wenn wir uns darüber aufregen, dann ist das eine Angelegenheit unserer eigenen nervlichen Belastbarkeit in dieser Situation.

 

Im Vorschulalter macht uns der kindliche Trotz zu schaffen



Auch dieser Abschnitt soll mit einem Erlebnis begonnen werden, das ein Elternpaar berichtete.

An einem verkaufsoffenen Samstagnachmittag im August überquerte Familie Ypsilon, so berichteten sie, mit ihrer zweieinhalbjährigen Anni die Kaiser-Josephstraße am Bertholdsbrunnen, als sie sich plötzlich weigerte, weiterzugehen. "Den Grund haben wir vergessen, nicht aber das laute Geschrei des Kindes, die teils empörten, teils belustigten Blicke der Passanten, die zu dieser Zeit in großer Zahl auf der Straße waren. Natürlich bemühten wir uns zunächst, unser Kind zu bewegen, mit uns mitzukommen.

Je mehr wir uns aber um sie bemühten, um so lauter schrie sie. Ihr Kopf und unsere Köpfe wurden immer röter. Annis Gesicht aber färbte der Trotz - unsere Gesichter ein Gefühlsgemisch von Peinlichkeit, Scham, Hilflosigkeit und aufkommender Wut. Was tun?
Ohne darüber erst groß zu diskutieren, einigten wir beiden Eltern uns kurz, einfach weiterzugehen und das schreiende Kind stehen zu lassen. Wir erklärten ihr in das brüllende Gesicht hinein, wenn sie gern schreien und stehen bleiben wolle, dann möge sie hier am Brunnen auf uns warten. Wir gehen dann erst einmal allein weiter. Nicht ganz freiwillig ließ sie die Hand los, an der sie mich festzuhalten suchte und wir strebten eilig hinüber unter die Arkaden. Dort, wo Herr Keller von seinem Rollstuhl aus jahraus jahrein Heftle verkauft, blieben wir hinter einer Säule stehen, schauten zurück und beobachteten sie. Das Kind war nicht stehen geblieben, sondern uns langsam nachgekommen. Sehen konnte sie uns nicht mehr, wegen der Säule und der vielen Menschen, die vorbeiströmten. Das Schreien war in Weinen übergegangen und Tränen liefen ihr die Backen herunter. Was hat uns in diesem Moment unser Kind leid getan! Wir aber hielten uns noch zurück und gingen ihr nicht entgegen. Statt dessen traten wir hinter der Säule hervor, so dass sie uns sehen konnte und warteten. Als sie uns erblickte - seit unseren Entschluss einfach weiterzugehen waren inzwischen keine drei Minuten vergangen - lief sie rasch die paar Schritte zu uns hin und verbarg ihr Gesicht im Kleid der Mutter und schluchzte erbärmlich. Wir gingen gemeinsam weiter und verloren über den Zwischenfall kein Wort mehr; weder an diesem Tag noch an einem anderen. Eine solche Szene hat sich dann auch nicht wiederholt. Jedenfalls nicht auf offener Straße."


Bevor wir uns der Überlegung zuwenden, ob denn das immer so klappt, wie bei diesem Beispiel und wir es verantworten können, ein Kind einfach stehen zu lassen, mitten im Großstadtgewühl, schauen wir erst einmal auf die Lebenssituation eines Kindes in diesem Alter. Die Kenntnis von Lebenssituationen - also die Antwort auf die Frage, was für ein Kind in diesem Alter entwicklungstypisch ist - ist eine wichtige Voraussetzung für unser erzieherisches Verhalten.


Anni reagierte, das konnte jeder Ohren- und Augenzeuge unschwer feststellen, trotzig. Mit Trotz bezeichneten bereits unsere Großeltern und deren Großeltern jenes Verhalten ihrer Kinder, bei dem die Kinder nicht das tun wollten, was die Eltern erwarteten und ihre Weigerung durch schreien, schimpfen, mit den Füßen auf den Boden stampfen, das Spielzeug an die Wand werfen oder gar an den eigenen und den Kleidern der Eltern herumreißen, unterstrichen. Heinz Remplein, ein Psychologe, beschrieb den Trotz als die Sperre eines Kindes gegen fremden Willen . "Es sperrt sich", sagen auch wir, wenn unser Kind nicht so will, wie wir wollen oder etwas unbedingt haben oder erreichen will (ertrotzen), was wir ihm verwehren.
Woher kommt aber nun plötzlich dieser Trotz? Unser Kind war doch in den beiden ersten Lebensjahren relativ pflegeleicht und machte uns mehr Freude als Kummer?

Nun, einiges hat sich schon verändert. Unser Kind wird größer, entwickelt sich weiter und ist längst kein Baby mehr. Mit zwei Jahren ist die Sprache soweit herausgebildet, dass sich unser Kind gut verständlich machen kann. Doch noch sagte zum Beispiel Anni "Anni", wenn sie von sich sprach. Eines Tages aber - und das lag vor dem Auftritt in der Stadt gar nicht solange zurück - sagte sie nicht mehr: "Mama, Anni möchte auch trinken". Statt dessen sagte sie: "Ich möchte trinken!" Anni hat zum ersten Mal "ich" gesagt. Eigentlich gehört dieser Moment festgehalten. Wir müssten ihn rot im Kalender eintragen. Es ist das für uns erkennbare Zeichen, dass sich unser Kind als eine eigenständige Persönlichkeit entdeckt hat!

Doch meistens merken wir Eltern das gar nicht. Unauffällig gleitet für uns das Kind von der dritten Person in die erste; von "Anni will, hat, kann..." zu "ich will, habe, kann...". Auffällig und nicht mehr zu übersehen aber wird dieser Prozeß dann, wenn wir spüren, dass mit der Entdeckung des "Ich" zugleich der eigene Wille entsteht. Die Entwicklung des Ichbewusstseins bedeutet eine Trennung des Kindes von der Mutter. Es erlebte sich bis zu dieser Zeit sozusagen als Teil der anderen Menschen um sich herum - insbesondere der Mutter. Unschwer ist das an der Tatsache nachzuweisen, dass es sich selbst ja genauso ansprach, wie die anderen es taten: mit dem Namen. Obwohl unser Kind das Wort "ich" längst kannte, weil wir Erwachsenen ja auch nicht ständig zu dem Kind sagen: "Gib Mama das..." sondern "Gib mir das...", war es erst in der Lage, dieses Wort auf sich selbst anzuwenden, als es begriff, dass es "selbst-ich" war. Nun erst kann sich unser Kind als Zentrum eigenen Erlebens begreifen: mir tut etwas weh, ich freue mich, ich bin traurig aber auch: ich will etwas oder ich will etwas nicht ...

 

Der Psychoanalytiker Siegmund Freud ging von der Annahme aus, dass diese Erkenntnis, die ein Kind gleichsam von der Mutter löst, recht schmerzlich für ein Kind sei und es darum besonders empfindlich reagiert. Diese Empfindlichkeit wäre aber um so geringer, je mehr das Kind in seinem Leben bisher erfahren hat, dass die Mutter es liebe und berge und immer da war, wenn es sie brauchte, so dass das Kind keine Verlassenheitsängste entwickelte.

Und noch eine Einsicht gehört hierher. Der Schüler des Individualpsychologen Alfred Adler, Rudolf Dreikurs, hat in seinen Forschungen nachgewiesen, dass jeder Mensch danach strebt, in einer sozialen Gruppe (also zum Beispiel in der Familie) geborgen zu sein, angenommen zu sein, etwas zu gelten, Macht und Einfluss zu haben. Mit diesem Streben nach Geltung, Einfluss und Macht, lassen sich recht gut die uns provozierenden, gleichsam einen "Machtkampf" herausfordernden Verhaltensweisen unseres Kindes deuten.

Ulrich Diekmeyer hat eine weitere Erklärung gefunden. Er schreibt, dass unser Kind eigentlich schon immer trotzig war und zum Beispiel bereits als Säugling krebsrot wurde und aus Leibeskräften schrie, wenn es sich unbehaglich fühlte. Nur war in den früheren Entwicklungsphasen das Bewusstsein noch nicht beteiligt und wir Eltern haben dieses Verhalten noch nicht als Trotz empfunden. Erst in dem Maße, in dem wir selbst auf die Wünsche des Kindes achteten, ihm zuhörten, wenn es uns sagte, was es will oder was es nicht will, lernte unser Kind zu versuchen, uns gegenüber seinen Willen durchzusetzen.

Diese Phase, der ersten, die in die Selbständigkeit führt, erleben wir Erwachsenen vielfach als "Trotzphase". In dieser Zeit, in der sich in unseren Kindern dieser Wandel vollzieht, beginnt die Herausbildung des Gewissens:
Nun erst wird unser Kind begreifen lernen, was Gut und Böse ist, wenn es über die Begegnung mit den Eltern und anderen Menschen erfährt, wann es mit seinem Tun und Lassen auf Anerkennung oder Ablehnung stößt. Es ist dem Kind so nicht bewusst: aber es erkundet seine Grenzen und fragt uns gleichsam durch sein Verhalten: "Wieweit kann ich gehen? Was darf ich? Was darf ich nicht?"
Und unser Kind will und braucht auf alle seine Fragen, die es über sein Verhalten an uns richtet, die klärende Antwort!

 

 

Unser Kind braucht "klärende Antworten".


Eine andere Erfahrung illustriert, wie "klärende Antworten" aussehen und was sich hinter unserem Elternverhalten für Motive verbergen können

Hans, ein stolzer Vater einer fast dreijährigen Tochter, bekam kürzlich fast Streit mit seiner Frau. Er hatte mit der Tochter auf der Terrasse gespielt. 17,30 Uhr aber - so ist es in dieser Familie an arbeitsfreien Tagen üblich - bereiten sich alle aufs Abendessen vor. Bisher hat das auch stets geklappt und Karla ist brav mit ins Bad gegangen, um sich die Hände zu waschen und ist dann auf ihr Stühlchen am Esstisch geklettert. Doch an diesem Abend wollte Karla nicht mit hinein. Sie weigerte sich, wollte weiterspielen und auf alles gute Zureden antwortete sie mit zornigem und immer lauter werdendem Gebrüll. Hans, der an Karla herumzerrte und sie reinziehen wollte, hätte seiner Tochter eine kräftige Ohrfeige gegeben, wenn seine Frau nicht hinzugekommen wäre: "So geht das nicht", sagte sie. "Lass das Kind dort stehen und komme rein! Wir essen." Und so geschah es auch.
Nachdem die Mutter dem Kind in aller Ruhe und Gelassenheit und ohne jede Ironie in der Stimme erklärt hatte, dass es nur draußen bleiben und weiterschreien solle, hörte das Gebrüll rasch auf, als Karla tatsächlich draußen alleine stand und durchs Fenster sah, wie die Eltern ohne sie anfingen, zu essen. Bald darauf kam das Kind, ging sich die Hände waschen und kletterte auf sein Stühlchen und alles war vorbei. Auf dem Gesicht des Kindes schien wieder die Sonne.

Eine klärende Antwort haben sowohl Anni als auch Karla erhalten, als sie erfuhren, dass der von ihnen lauthals demonstrierte Durchsetzungswille nicht die erwünschten Folgen hatte. Beide Kinder vermochten es nicht, den Eltern ihren Willen aufzuzwingen. Hans erklärte in einem anschließenden Gespräch, dass er dem Kind einen "Klaps" gegeben hätte, weil es doch nicht sein dürfe, dass ein Kind seinem Vater vorschreibe, was er tun oder lassen solle oder gar, dass es selbst machen könne, was es wolle. "Das wird ja total verzogen, wenn man ihm nicht frühzeitig spüren lässt, dass es so nicht geht. Und außerdem, setzte er hinzu, wäre es ja noch schöner, wenn das Kind dem Vater seinen Willen aufzwänge.
Und genau mit dieser Bemerkung zeigt der Vater sein wahres Gesicht: Es ging unserem Vater Hans nicht allein um die Sorge, dass sein Kind verzogen werden könnte. Ihm ging es auch um die "Machtfrage". Ohne dass er es in dem Moment so gedacht hatte, wollte er seinem Kind draußen auf der Terrasse seinen Willen aufzwingen. Es ging ihm dabei gar nicht allein (vielleicht nicht einmal in erster Linie) um sein Kind, sondern um seine Rolle als Vater und Hausherr. Der hat zu bestimmen, wo es lang geht - allein darum, weil er zu bestimmen hat und allein weiß, was gut und richtig ist.

Das Kind wollte eine klärende Antwort. Wenn die Antwort aber heißt, "Du darfst keinen eigenen Willen haben! Was Du darfst und was nicht, bestimme ich, weil ich Dein Vater (Deine Mutter) bin! Und wenn Du Dich nicht fügst, dann werde ich Dich zwingen!" - dann wird die kleine Karla sich am Ende fügen, weil und solange sie tatsächlich kleiner und schwächer ist. Sie wird aber nicht verstehen und schon gar nicht einsehen können, dass es um sie selbst und darum geht, ihr zu helfen, frühzeitig zu lernen, dass man nicht mit dem Kopf durch die Wand kann. Bei Karla würde der Eindruck bleiben: ich muss mich fügen, weil ich kleiner/schwächer bin. Und ein Gefühl der Niederlage, der Ohnmacht wird sich in das Kind einschleichen. Wenn die Eltern sich stets in dieser Art und Weise durchsetzen, wird es sich anpassen - weil es Angst hat vor Strafe, Gewalt und Liebesentzug - und sich (als Persönlichkeit) abgelehnt fühlen. Und immer wieder aufs Neue wird das Kind eine derartige Situation, in der es um Sieg oder Niederlage geht, heraufbeschwören und die Liebe seiner Eltern auf die Probe stellen. Im schlimmsten Falle kommt am Ende ein Duckmäuser oder ein Gewalttäter dabei heraus.

So, wie dem Vater in unserem Beispiel, ging es, folgen wir Dreikurs, auch der kleinen Karla um ihren Einfluss, ihre Macht. Wenn sich aber Mütter und Väter auf diesen Machtkampf einlassen, müssen sie nicht immer - um den Preis der Gefahr einer Fehlentwicklung des Kindes - einen Sieg erringen. Wenn ein Kind erlebt hat, dass es mit Hilfe seines Trotzes oder anderer, die elterliche Aufmerksamkeit herausfordernder Verhaltensweisen, Beachtung und Zuwendung erfährt, wird es diese seine "Macht" über die Eltern, immer wieder einsetzen. Darum war die "Antwort" der Mutter klüger, als sie ihre Tochter sich selbst überließ und in Ruhe abwartete.

 

 

Unser Kind will seine Grenzen ausloten.

Es geht einem Kind keineswegs darum, sich durch sein trotzig-allressives Verhalten seine Eltern zum Feinde zu machen. "Eltern und Kinder - Freunde oder Feinde?" fragen Rudolf Dreikurs und Erik Blumenthal im Titel eines Buches; denn es ist keineswegs selbstverständlich, dass Kinder ihre Eltern lieb behalten. Wenn Eltern den eigenen Willen ihres Kindes brechen wollen, dann dürfen sie sich nicht wundern, wenn sich Aggressivität und Gewalt ihrer Kinder am Ende gegen sie selber richtet. Das aber will das Kind gerade nicht! Es will - und hat einen Anspruch darauf - so hieß es bereits oben, von seinen Eltern eine klärende Antwort zu erhalten auf die Fragen:
- Wieweit darf/kann ich gehen?
- Was darf/kann ich den anderen zumuten?
- Wo sind meine Grenzen?

Es kommt also darauf an, unserem Kind in einer derartig kritischen Situation in der richtigen Art und Weise zu antworten. Was aber ist richtig?

 

 

Schieben wir vor die Antwort auf diese Frage, noch einige Informationen: Wenn wir das von uns als trotzig empfundene Verhalten unseres Kindes gleichsam als "Auskunftsverhalten" auffassen müssen, dann ist damit bereits geklärt, dass uns unser Kind nicht ärgern will. Es verweigert sich also nicht oder versucht seinen Willen durchzusetzen, damit wir dann zornig werden. Auf diesen Gedanken kommt unser Kind zunächst gar nicht!

Natürlich - und dieser Impuls ist unserem Kind ebensowenig bewusst, wie jener, den wir als "Wunsch nach einer klärenden Antwort" kennengelernt haben, - ist dem Kind in dieser Phase zeitweilig sehr unbequem, sich den Wünschen und Vorstellungen der Erwachsenen oder der älteren Geschwister fügen zu müssen. Es hat ja begonnen, sich von der Mutter zu lösen. Also möchte es sich auch gern aus jeder "Fremdbestimmung" lösen. Wenn wir das, was in dem Kind vorgeht, in unsere Erwachsenensprache übersetzen, dann müssten wir sagen: das Kind lehnt sich auf gegen jeden fremden Willen; es möchte selbst über sich bestimmen. Insofern lebt es also in einem Widerspruch: Einerseits braucht es die klärende Antwort darauf, was es (in unserer Kultur) tun und lassen soll. Andererseits strebt es nach völliger Unabhängigkeit aus fremder Bevormundung.
Und schließlich möchte sich das Kind, wie uns ebenfalls Dreikurs sagt, Einfluss sichern und beachtet werden. Wie jeder von uns, möchte es "jemand" sein und in seiner Gruppe etwas gelten.

Dies aber kann es noch nicht denken. Wir Erwachsenen können das und tun das auch. Leiden wir zum Beispiel nicht darunter, dass uns bestimmte Vorgesetzte herumkommandieren? Möchten nicht auch wir lieber selbst an unserem Arbeitsplatz entscheiden, was gut und richtig ist und reagieren wir nicht mit Abwehr und Trotz, wenn andauernd jemand kommt, der über uns bestimmen will?
Leiden nicht auch wir darunter, wenn wir das Gefühl haben, dass unser Wort, unsere Meinungen und Erfahrungen in unserer Gruppe (Familie, Verein, Arbeitsplatz) nichts gelten und wir den Eindruck haben, nicht so beachtet zu werden, wie wir meinen, dass wir es wert sind?
Während wir in derartigen Situationen genau wissen, woher unsere "schlechte Laune" kommt, kann sich unser Kind noch keine Rechenschaft darüber ablegen, warum es jetzt trotzig wird.

Und damit zugleich die zweite wichtige Information, die eigentlich überflüssig ist, aber dennoch erwähnt werden soll: unser Kind denkt noch nicht rückblickend oder vorausschauend in den Ursache-Wirkungs-Zusammenhängen wie wir. Es plant also sein Verhalten nicht und überlegt sich zum Beispiel: heute fahren wir in die Stadt; dort werde ich meine Eltern tüchtig plagen und ihnen meinen Willen aufzwingen. Mal sehen, wer hier der Stärkere ist ...
So etwas können wir Erwachsenen uns vorstellen und vornehmen. Keineswegs aber ein dreijähriges Kind. "So ein Unsinn", werden Sie sagen, liebe Besucherin, lieber Besucher, "das versteht sich doch von selbst. Ein Kind handelt vielfach spontan aus einer plötzlichen Eingebung, einer Laune, einem Gefühl heraus". Richtig!
Wir Eltern aber tun in derartigen Situationen so, als richte sich das Verhalten des Kindes gegen uns und nicht (als Frage) an uns.

Und an noch etwas, eigentlich Selbstverständliches, sollten wir uns erinnern: Unser dreijähriges Kind hat noch keine Ausdauer. So rasch, wie ein Gedanke, ein Wunsch, aufleuchtet, so rasch erlischt er wieder. Wir gehen mit dem Kind zum Einkaufen, weil wir daheim gesehen haben, dass das Brot zur Neige geht. Unser Kind wird im Regelfalle aber erst dann etwas haben wollen, wenn es das sieht. Werbepsychologen haben darum auch das Süßigkeitenangebot an die Kasse und auf Augen- und Greifhöhe von Kindern stellen lassen. Vor einhundert Jahren schon stand genau aus diesem Grund das Glas mit den Bonbons auf der Theke des Lebensmittelladens. Und es lässt sich hinzufügen "aus den Augen, aus dem Sinn". Denn wenn es uns gelingt, unser Kind an dieser Verführung vorbeizulotsen und es abzulenken, wird es bald aufhören zu quengeln und uns zu drängen, das zu kaufen, was wir nicht kaufen wollten.
Oder denken wir an eine andere Erfahrung mit unserem kleinen Kind: Soeben noch weint es zum Gotterbarmen, weil es hingefallen ist. Doch rasch lässt es sich trösten und kann bald wieder lächeln, auch wenn der Schmerz noch nicht vorüber ist.
An uns Eltern und Erzieher richtet sich in die Lebensphasen eines Kindes ab drei Jahren geradezu die Aufforderung, unser Kind allmählich zu Ausdauer und Konzentration zu führen, weil es beide Eigenschaften erst erwerben muss. Folglich wird es sich auch schnell aus seiner Verstrickung lösen, in die es durch den plötzlichen Trotz hineingetrieben worden ist, wenn wir Eltern es nicht noch tiefer hineintreiben.

 

 

 

Auch hierzu ein Beispiel:

Frau Richter erzählt von ihrem David, der sie in dieser Entwicklungsphase in einer Bäckerei in Verlegenheit gebracht hatte. Weil er nicht bekam, was er wollte: "Mama, ich will diesen Kuchen!", verließ er den Laden nicht, sondern setzte sich unmittelbar hinter die Eingangstür mitten auf den Fußboden. dassdie Tür mit einer automatischen Öfnnung versehen war, ging sie nicht mehr zu. In dieser offenen Tür hockte das Kind und schrie aus Leibeskräften. Je nach der persönlichen Einstellung zu Kindern und Kindererziehung lachten oder murrten die Kunden, die ein- und ausgingen. "Ganz gleich, was ich gemacht hätte, die anderen hätten was auszusetzen gehabt", meinte Frau Richter. "Hätte ich David mit Gewalt von der Türe weggeholt oder gar geschlagen, hätten sich die einen empört. Wenn ich ihm seinen Wunsch erfüllt hätte, hätte ich mir auch kritische Bemerkungen anhören müssen. Also machte ich gar nichts. Ich stand draußen vor dem Schaufenster und wartete. Es dauerte keine fünf Minuten und mein David hörte auf zu schreien, stand auf und kam zu mir. Wir gingen weiter und David zeigte mir einen Traktor, der dahinten um die Ecke fuhr."

Unser Kind will also weder trotzig noch "böse" sein. Jedes Kind muss einfach seine Einflussmöglichkeiten ausloten, erproben, was es wie erreichen kann. Denn es gehört zur natürlichen Entwicklung von Menschenkindern nun einmal immer und überall dazu, dass sie in dieser Phase ihr Ich durchzusetzen suchen, dass sie etwas gelten wollen, dass sie etwas haben und besitzen wollen (als mein Eigentum, das nur mir gehört), dass ihr Bedürfnis nach Macht und Einfluss geboren wird. Das sind wichtige innerseelische Antriebe in dieser Zeit und keine bewusst eingesetzte Strategien, um etwas zu erreichen oder gar, um uns zu tyrannisieren.

 

Die Schlussfolgerungen aus diesen Erkenntnissen sind eigentlich recht einfach:

Wenn wir Trotz und Eigenwillen erleben, dann freuen wir uns ganz im Stillen über das um seine Selbstbehauptung ringende Kind. Je stärker der "Eigensinn" in dieser Zeit, so sehen es Heinz Remplein und andere Kinderpsychologen, um so ausgeprägter können wünschenswerte Tugenden im Jugend- und Erwachsenenalter sein, wie Selbstbehauptungswillen, Überzeugung von den eigenen Fähigkeiten und Möglichkeiten u.a.m.
Wir stehen ihm bei und führen es in unsere Kultur ein, in der jedermann lernen musste, dass nicht alles nach seinem Kopf geht. Wenn wir einerseits ruhig und gelassen bleiben, aber andererseits dem Kind die Erfahrung vermitteln, die es braucht, um zu lernen, dass es nicht alles haben oder nicht alles durchsetzen kann. Oder anders gesagt: wir geben die klärenden Antworten, wenn wir dem Kind die entsprechenden Erfahrungen ermöglichen.
An zwei Beispielen ist das bereits veranschaulicht worden: Wir sagen dem Kind laut und deutlich und ohne Aggression in der Stimme: "Nein".
Bei diesem, gelegentlich etwas erläutertem "Nein" ("Nein, das darfst du nicht tun, weil du dir weh tun wirst ..."), bleibt es. Dann folgt unsere handelnde Reaktion. Das ist wichtig!

Es gibt Eltern, die meinen, in dieser Konfliktsituation mit ihrem Kinde diskutieren zu müssen. Vielleicht denken die Eltern dann an Demokratie und Mitbestimmung oder etwas ähnliches. Mit dem Kind zu reden und gemeinsam zu Verabredungen zu kommen oder auf diesem Wege Einsichten vermitteln zu wollen, ist sicher sehr notwendig und hat ehrenwerte pädagogische Motive. In einer durch trotzigen Eigenwillen bestimmten gefühlsbetonten Situation aber führt langes Hin- und Herreden nicht weiter. Hier hilft nur kurz entschlossenes und aggressionsloses Handeln des Erwachsenen.

Wohlgemerkt: des Erwachsenen, denn unser Kind ist in seiner Erregung handlungsunfähig. Weil es in seinen Gefühlen (nicht im Denken!) von einem trotzig-aggressiven "Ich-Impuls" überschwemmt wird, reagieren wir mit aller uns möglichen Gelassenheit und Festigkeit situationsentsprechend. Situationen kann es viele verschiedene geben. Sie lassen sich nicht voraussehen und planen. Wir können aber nichts verderben, wenn es uns gelingt,

ruhig und konsequent zu bleiben und
aus der Erkenntnis heraus handeln, dass unser Kind klärende Antworten braucht
und keine erbosten Eltern.

Eva Madelung schildert in ihrem Buch über den Trotz etliche Situationen, die uns sehr anschaulich die Folgen unseres Verhaltens den Kindern gegenüber vor Augen führen. Wir sollten im Grunde immer das Kind seine selbst verursachte Misere spüren lassen aus der es dann ganz schnell wieder herauskommen will. Und zwar allein:
"Wenn Du nicht weitergehen willst, weil Du Dir das Schaufenster noch anschauen möchtest, erklären in diesem Büchlein Eltern ihrem trotzigen Kind, dann bleibe hier. Wir müssen weitergehen und holen Dich später wieder ab..."
Natürlich bleibt das Kind nicht stehen. Wenn es den Eltern wirklich ernst ist und sie tatsächlich weitergehen, wie die Eltern von Anni in unserem ersten Beispiel, dann erkennt das Kind von alleine, dass es zu weit gegangen ist. Und weil Eltern, die konsequent genug sind, wissen, dass sich ihr Kind aus dieser Erfahrung einen "Witz gekauft" hat, brauchen sie hinterher gar nicht mehr darüber zu reden. Das Kind wird sich, wenn der Trotz abgeklungen ist, wieder an uns schmiegen - und alles ist wieder gut. Bis zum nächsten Mal.

Bei einigen Kindern aber gibt es gar kein nächstes Mal. Bei ihnen reicht eine Erfahrung aus und sie trotzen nicht mehr. Bei anderen dauert es noch lange und gelegentlich haben wir dann den Eindruck, dass der Eigensinn unseres Kindes unendlich groß ist. Tatsächlich erleben wir das gleiche in verschärfter Form in der zweiten Lösungsphase wieder. Sie beginnt bei Mädchen um das zehnte, bei Jungen um das zwölfte Lebensjahr und wir nennen diese Zeit die "Pubertät". Nur in dieser Phase können unsere Mädchen und Jungen denken; da ist ihnen - zumindest nach einem trotzigen Willensimpuls - sehr klar, um was es geht.

Nun geht es nicht mehr allein um klärende Antworten über das Verhalten der Eltern allein. Nun geht es auch um überzeugende Begründungen. Jetzt sind nicht überwiegend die Gefühle im Spiel. Nun kommt auch der Kopf hinzu: Wissen und Denken, Planen und vorausschauendes Handeln. Hier sind wir Eltern in besonderer Weise gefordert. Uns fallen aber die erzieherischen Aufgaben in dieser Entwicklungsphase leichter und die zu erwartenden Konflikte werden keine so tiefen Wunden in die Beziehungen zwischen uns und unsere Kinder schlagen, wenn sie in der ersten Lösungsphase erfahren haben, dass es uns nicht um Macht und Herrschaft über unser Kind geht und dass wir die Persönlichkeit unseres Kindes stets respektiert und geachtet haben auch dann - und gerade dann - wenn es uns am meisten nervte.

 

zurück zur Einführung Familienerziehung
zurück zur Begrüßungsseite